Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 8: kalmāṣapādasya rākṣasatvaṃ brahmarākṣasavṛttāntaśca gaṅgājalena mokṣaśca Die Rākṣasa-Verwandlung des Kalmāṣapāda, die Geschichte des Brahmarākṣasa und die Befreiung durch Gaṅgā-Wasser

nārada uvāca / śatpaḥ kathaṃ vasiṣṭena saundāso nṛpasattamaḥ / gaṅgābindūbhiṣekeṇa punaḥ śuddho 'bayatkatham

Nārada sprach: Wie wurde der beste der Könige, der Sohn des Sudāsa, von Vasiṣṭha verflucht, und wie wurde er durch die Besprengung mit einem Tropfen Gaṅgāwasser wieder rein?

Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
śatpaḥ kathaṃ vasiṣṭena
wie wurde er von Vasiṣṭha verflucht
saundāso nṛpasattamaḥ
der Sohn des Sudāsa, der beste der Könige
gaṅgābindūbhiṣekeṇa
durch die Besprengung mit einem Tropfen Gaṅgāwasser
punaḥ śuddho 'bhavatkatham
wie wurde er wieder rein

sarvametadaśeṣeṇa bhrātarme vaktumahrasi / śṛṇvatāṃ vadatāṃ caiva gaṅgākhyānaṃ śubhāvaham

Dies alles mögest du vollständig erzählen, mein Bruder; die Erzählung von der Gaṅgā bringt Segen, sowohl für die Hörenden als auch für die Sprechenden.

Wort für Wort
sarvametadaśeṣeṇa
dies alles vollständig
bhrātarme vaktumarhasi
mögest du erzählen, mein Bruder
śṛṇvatāṃ vadatāṃ caiva
sowohl für die Hörenden als auch für die Sprechenden
gaṅgākhyānaṃ śubhāvaham
die Erzählung von der Gaṅgā bringt Segen

sanaka uvāca / saudāsaḥ sarvadharmajñaḥ sarvajño guṇavāñchuciḥ / bubhuje pṛthivīṃ sarvāṃ pitṛvadrañjayanprajāḥ

Sanaka sprach: Saudāsa, kundig in allem Dharma, allwissend, tugendhaft, rein, beherrschte die ganze Erde und erfreute seine Untertanen wie ein Vater.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
saudāsaḥ sarvadharmajñaḥ
Saudāsa, kundig in allem Dharma
sarvajño guṇavāñchuciḥ
allwissend, tugendhaft, rein
bubhuje pṛthivīṃ sarvāṃ
beherrschte die ganze Erde
pitṛvadrañjayanprajāḥ
erfreute seine Untertanen wie ein Vater

sageraṇa yathā pūrvaṃ mahīyaṃ satpasāgarā / rakṣitā tadvadamunā sarvadharmāvirodhinā

So wie diese Erde mit ihren sieben Meeren zuvor von Sagara beschützt wurde, so wurde sie ebenso von diesem Saudāsa beschützt, der keinem Aspekt des Dharma widersprach.

Wort für Wort
sagareṇa yathā pūrvaṃ
so wie zuvor von Sagara
mahīyaṃ saptasāgarā [?]
diese Erde mit ihren sieben Meeren [?]
rakṣitā tadvadamunā
wurde beschützt, ebenso von diesem
sarvadharmāvirodhinā
der keinem Aspekt des Dharma widersprach

putrapautrasamāyuktaḥ sarvaiśvaryasamanvitaḥ / triṃśadaṣṭasahasrāṇi bubhuje pṛthivīṃ yuvā

Begleitet von Söhnen und Enkeln, mit aller Herrschermacht ausgestattet, beherrschte er, jugendlich, die Erde achtunddreißigtausend Jahre.

Wort für Wort
putrapautrasamāyuktaḥ
begleitet von Söhnen und Enkeln
sarvaiśvaryasamanvitaḥ
mit aller Herrschermacht ausgestattet
triṃśadaṣṭasahasrāṇi
achtunddreißigtausend (Jahre)
bubhuje pṛthivīṃ yuvā
beherrschte er, jugendlich, die Erde

saudāsastvekadā rājā mṛgayābhiratirvanam / viveśva sabalaḥ samyak śodhitaṃ hyāsamantribhiḥ

König Saudāsa aber betrat einst, der Jagd zugetan, mit seinem Heer ordnungsgemäß den Wald, der zuvor von den Ministern gründlich durchsucht worden war.

Wort für Wort
saudāsastvekadā rājā
König Saudāsa aber einst
mṛgayābhiratirvanam
der Jagd zugetan, den Wald
viveśa sabalaḥ samyak
betrat er, mit seinem Heer, ordnungsgemäß
śodhitaṃ hyāsamantribhiḥ
der von den Ministern gründlich durchsucht worden war

niṣādaiḥ saditastatra vinighranmūgalañcayam / āsasāda nadīṃ revāṃ dharmajñaḥ sa pipāsitaḥ

Dort, begleitet von den Niṣādas, eine Menge Wild erlegend, gelangte er, dharma-kundig und durstig, zum Fluss Revā.

Wort für Wort
niṣādaiḥ sahitastatra
dort, begleitet von den Niṣādas
vinighranmṛgacayam [?]
eine Menge Wild erlegend [?]
āsasāda nadīṃ revāṃ
gelangte er zum Fluss Revā
dharmajñaḥ sa pipāsitaḥ
er, dharma-kundig, durstig

sudāsatanayastatra snātvā kṛtvāhnikaṃ mune / bhuktvā ca mantribhiḥ sārdhdaṃ tāṃ niśāṃ tatra cāvasat

Der Sohn des Sudāsa badete dort, vollzog die täglichen Riten, o Weiser, und verbrachte, nachdem er zusammen mit den Ministern gegessen hatte, jene Nacht dort.

Wort für Wort
sudāsatanayastatra
der Sohn des Sudāsa dort
snātvā kṛtvāhnikaṃ mune
nachdem er gebadet und die täglichen Riten vollzogen hatte, o Weiser
bhuktvā ca mantribhiḥ sārdhaṃ
und nachdem er mit den Ministern gegessen hatte
tāṃ niśāṃ tatra cāvasat
verbrachte er dort jene Nacht

tataḥ prātaḥ samuthāya kṛtvā paurvāhnikīṃ kriyām / babhrāma mantrisahito narmadātīraje vane

Darauf, am Morgen aufstehend, vollzog er die Vormittagsriten und durchstreifte, von den Ministern begleitet, den am Ufer der Narmadā gelegenen Wald.

Wort für Wort
tataḥ prātaḥ samuthāya
darauf, am Morgen aufstehend
kṛtvā paurvāhnikīṃ kriyām
vollzog er die Vormittagsriten
babhrāma mantrisahito
durchstreifte er, von den Ministern begleitet
narmadātīraje vane
den am Ufer der Narmadā gelegenen Wald

vanādvanāntaraṃ gacchanneka eva mahīpattiḥ / ākarṇakṛṣṭabāṇaḥ sat kṛṣṇasāraṃ samanvagāt

Von einem Waldstück zum anderen gehend, verfolgte der König, ganz allein, mit bis ans Ohr gespanntem Pfeil, eine Kṛṣṇasāra-Antilope.

Wort für Wort
vanādvanāntaraṃ gacchan
von einem Waldstück zum anderen gehend
eka eva mahīpattiḥ
ganz allein der König
ākarṇakṛṣṭabāṇaḥ san
mit bis ans Ohr gespanntem Pfeil
kṛṣṇasāraṃ samanvagāt
verfolgte er eine Kṛṣṇasāra-Antilope

dūrasainyo 'śvamārūḍhaḥ sa rājānuvrajanmṛgam / vyāghradvayaṃ guhāsaṃsthamapaśthamapaśyatsurate ratam

Fern von seinem Heer, ein Pferd besteigend, erblickte jener König, dem Wild folgend, ein Tigerpaar, das sich in einer Höhle der Liebesvereinigung hingab.

Wort für Wort
dūrasainyo 'śvamārūḍhaḥ
fern von seinem Heer, ein Pferd besteigend
sa rājānuvrajanmṛgam
jener König, dem Wild folgend
vyāghradvayaṃ guhāsaṃstham
ein Tigerpaar, in einer Höhle befindlich
apaśyatsurate ratam
erblickte er, der Liebesvereinigung hingegeben

mṛgapṛṣṭaṃ parityajya vyāghrayoḥ saṃmukhaṃ yayau / dhanuḥsaṃhitabāṇena tenāsau śaraśāstravit

Die Verfolgung des Wildes aufgebend, ging er, kundig in der Pfeilkunst, mit dem am Bogen angelegten Pfeil auf die beiden Tiger zu.

Wort für Wort
mṛgapṛṣṭaṃ parityajya
die Verfolgung des Wildes aufgebend
vyāghrayoḥ saṃmukhaṃ yayau
ging er auf die beiden Tiger zu
dhanuḥsaṃhitabāṇena
mit dem am Bogen angelegten Pfeil
tenāsau śaraśāstravit
jener, kundig in der Pfeilkunst

tāṃ vyāghrīṃ pātayāmāsa tīkṣṇāgranataparvaṇā / patamānā tu sāvyāghrī ṣaṭratriṃśadyojanāyatā

Mit einem Pfeil von scharfer Spitze brachte er die Tigerin zu Fall; die fallende Tigerin aber erstreckte sich dabei über eine Strecke von sechsunddreißig Yojanas.

Wort für Wort
tāṃ vyāghrīṃ pātayāmāsa
die Tigerin brachte er zu Fall
tīkṣṇāgranataparvaṇā
mit einem Pfeil von scharfer Spitze
patamānā tu sāvyāghrī
die fallende Tigerin aber
ṣaṭtriṃśadyojanāyatā
über eine Strecke von sechsunddreißig Yojanas ausgedehnt

taḍitvaddhoranirghoṣā rākṣasī vikṛtābhavat / patitāṃ svapriyāṃ vīkṣya dviṣansa vyāghrarākṣasaḥ

Wie ein Blitz, mit schrecklichem Getöse, wurde sie zu einer entstellten Rākṣasī; seine gefallene Geliebte erblickend, wurde jener Tiger-Rākṣasa von Hass erfüllt.

Wort für Wort
taḍitvadghoranirghoṣā
wie ein Blitz, von schrecklichem Getöse
rākṣasī vikṛtābhavat
wurde sie zu einer entstellten Rākṣasī
patitāṃ svapriyāṃ vīkṣya
seine gefallene Geliebte erblickend
dviṣansa vyāghrarākṣasaḥ
hasserfüllt, jener Tiger-Rākṣasa

pratikriyāṃ kariṣyāmītyuktavā cāntardadhe tadā / rājā tu bhayasaṃvigno vanesainyaṃ sametya ca

'Ich werde Vergeltung üben' - so sprechend, verschwand er da. Der König aber, von Furcht erschüttert, traf im Wald wieder sein Heer.

Wort für Wort
pratikriyāṃ kariṣyāmi
ich werde Vergeltung üben
ityuktvā cāntardadhe tadā
so sprechend, verschwand er da
rājā tu bhayasaṃvignaḥ
der König aber, von Furcht erschüttert
vane sainyaṃ sametya ca
traf im Wald sein Heer wieder

tadrṛttaṃ kathayansarvānsvāṃ purīṃ sa nyavarttata / śaṅkamānastu tadrakṣaḥkṛtyā drājā sudāsajaḥ

Allen das Geschehene erzählend, kehrte der König, der Sohn des Sudāsa, besorgt wegen der angedrohten Tat jenes Rākṣasa, in seine Stadt zurück.

Wort für Wort
tadvṛttaṃ kathayansarvān
allen das Geschehene erzählend
svāṃ purīṃ sa nyavarttata
kehrte er in seine Stadt zurück
śaṅkamānastu tadrakṣaḥkṛtyāt
besorgt aber wegen der Tat jenes Rākṣasa
rājā sudāsajaḥ
der König, der Sohn des Sudāsa

paritatyāja mṛgayāṃ tataḥ prabhṛti nārada / gate bahutithe kāle hayamedhamakhaṃ nṛpaḥ

Von da an, o Nārada, gab er die Jagd gänzlich auf. Als geraume Zeit vergangen war, begann der König das Aśvamedha-Opfer.

Wort für Wort
paritatyāja mṛgayāṃ
er gab die Jagd gänzlich auf
tataḥ prabhṛti nārada
von da an, o Nārada
gate bahutithe kāle
als geraume Zeit vergangen war
hayamedhamakhaṃ nṛpaḥ
der König das Aśvamedha-Opfer

samārebhe prasannātmā vaśiṣṭādyamunīśvaraiḥ / tatra brahmādidevebhyo havirdattvā yathāvidhi

Er begann es, frohen Sinnes, zusammen mit Vasiṣṭha und anderen Herren der Weisen, und brachte dort Brahmā und den anderen Göttern vorschriftsmäßig die Opfergaben dar.

Wort für Wort
samārebhe prasannātmā
er begann es, frohen Sinnes
vaśiṣṭādyamunīśvaraiḥ
zusammen mit Vasiṣṭha und anderen Herren der Weisen
tatra brahmādidevebhyo
dort Brahmā und den anderen Göttern
havirdattvā yathāvidhi
die Opfergaben vorschriftsmäßig darbringend

samāpya yajñaniṣkrānto vaśiṣṭaḥ strātako 'pi ca / atrāntare rākṣaso 'sau nṛpahisitabhāryakaḥ / kartuṃ pratikriyāṃ rājñe samāyātoruṣānvitaḥ

Nachdem er das Opfer beendet hatte, aus dem Opfer heraustretend, badete Vasiṣṭha; unterdessen kam jener Rākṣasa, dessen Gattin vom König getötet worden war, von großem Zorn erfüllt, um Vergeltung am König zu üben.

Wort für Wort
samāpya yajñaniṣkrānto
nachdem er das Opfer beendet hatte, heraustretend
vaśiṣṭaḥ snātako 'pi ca
Vasiṣṭha, auch gebadet
atrāntare rākṣaso 'sau
unterdessen jener Rākṣasa
nṛpahiṃsitabhāryakaḥ
dessen Gattin vom König getötet worden war
kartuṃ pratikriyāṃ rājñe
um Vergeltung am König zu üben
samāyāta uruṣānvitaḥ
kam er, von großem Zorn erfüllt

[Anm.: Vers hat drei statt zwei Pādas in der Quelle, unverändert wiedergegeben.]

sa rākṣasastasya gurau prayāte vaśiṣṭaveṣaṃ tu tadaiva dhṛtvā / rājānamabhyetya jagāda bhokṣye māṃsaṃ samicchāmyahamityuvāca

Jener Rākṣasa nahm, als dessen Lehrer Vasiṣṭha sich entfernt hatte, eben da die Gestalt Vasiṣṭhas an, trat zum König und sprach: 'Ich möchte Fleisch essen.'

Wort für Wort
sa rākṣasastasya gurau prayāte
jener Rākṣasa, als dessen Lehrer sich entfernt hatte
vaśiṣṭaveṣaṃ tu tadaiva dhṛtvā
eben da die Gestalt Vasiṣṭhas annehmend
rājānamabhyetya jagāda
zum König tretend, sprach er
bhokṣye māṃsaṃ samicchāmyaham ityuvāca
'ich möchte Fleisch essen' - so sprach er

bhūyaḥ samāsthāya sa sūdavaṣaṃ paktvāmiṣaṃ mānupamasya vādāt / sthitaśca rājāpi hari yapātre dhṛtvā gurorāgamanaṃ pratīkṣan

Darauf nahm er, der Rākṣasa, wiederum die Gestalt eines Kochs an und kochte auf sein Geheiß Menschenfleisch [?]; der König aber verweilte, es in einer goldenen Schale haltend [?], die Rückkehr seines Lehrers erwartend.

Wort für Wort
bhūyaḥ samāsthāya sa sūdaveṣaṃ
darauf wiederum die Gestalt eines Kochs annehmend, er
paktvāmiṣaṃ [?]
kochte Fleisch [?]
sthitaśca rājāpi hemapātre [?] dhṛtvā
und der König verweilte, es in einer goldenen Schale haltend [?]
gurorāgamanaṃ pratīkṣan
die Rückkehr seines Lehrers erwartend

[?] "mānupamasya vādāt" und "hari yapātre" unklar/verderbt, sinngemäß als Menschenfleisch bzw. goldene Schale gedeutet.

tanmāṃsaṃ hemapātrasthaṃ saudāso vinayānvitaḥ / samāgatāya guruve dadau tasmau sasādaram

Jenes Fleisch, in einer goldenen Schale befindlich, überreichte Saudāsa, von Bescheidenheit erfüllt, dem herangekommenen Lehrer ehrerbietig.

Wort für Wort
tanmāṃsaṃ hemapātrasthaṃ
jenes Fleisch, in einer goldenen Schale befindlich
saudāso vinayānvitaḥ
Saudāsa, von Bescheidenheit erfüllt
samāgatāya guruve dadau
überreichte er dem herangekommenen Lehrer
tasmau sasādaram
ihm, ehrerbietig

taṃ dṛṣṭvā cintayāmāsa guruḥ kimiti vismitaḥ

Als er es erblickte, dachte der Lehrer erstaunt: 'Was ist dies?'

Wort für Wort
taṃ dṛṣṭvā cintayāmāsa
als er es erblickte, dachte er
guruḥ kimiti vismitaḥ
der Lehrer erstaunt: 'was ist dies?'

[Anm.: Vers besteht in der Quelle nur aus einem Pāda; die zweite Vershälfte fehlt, unverändert wiedergegeben.]

apaśyanmānuṣaṃ māsaṃ parameṇa samādhinā / aho 'sya rājño dauḥśīlyamabhakṣyaṃ dattavānmama

Durch höchste Versenkung erkannte er, dass es Menschenfleisch war: 'Ach, welch schlechtes Betragen dieses Königs - er hat mir Ungenießbares gegeben!'

Wort für Wort
apaśyanmānuṣaṃ māṃsaṃ
er erkannte Menschenfleisch
parameṇa samādhinā
durch höchste Versenkung
aho 'sya rājño dauḥśīlyam
ach, welch schlechtes Betragen dieses Königs
abhakṣyaṃ dattavānmama
er hat mir Ungenießbares gegeben

iti viramayamāpannaḥ pramanyurabhavanmuniḥ / abho 'jyaṃ madvighātāya datta hi pṛthivīpate

So denkend, geriet der Weise in großen Zorn: 'Ungenießbares wurde mir wahrlich zu meinem Verderben gegeben, o Herr der Erde!'

Wort für Wort
iti [?] āpannaḥ pramanyurabhavanmuniḥ
so [denkend] geriet der Weise in großen Zorn [?]
abhojyaṃ madvighātāya
Ungenießbares, zu meinem Verderben
datta hi pṛthivīpate
wurde mir wahrlich gegeben, o Herr der Erde

[Anm.: Erste Vershälfte unsicher, sinngemäß wiedergegeben.]

tasmāttavāpi bhavatu hyetadeva hi bhojanam / nṛmāṃsaṃ rakṣasāmeva bhojyaṃ dattaṃ mama tvayā

'Deshalb sei auch dir eben dies zur Speise! Menschenfleisch, das nur den Rākṣasas als Speise geziemt, hast du mir gegeben.'

Wort für Wort
tasmāttavāpi bhavatu
deshalb sei auch dir
hyetadeva hi bhojanam
eben dies wahrlich zur Speise
nṛmāṃsaṃ rakṣasāmeva
Menschenfleisch, das nur den Rākṣasas
bhojyaṃ dattaṃ mama tvayā
als Speise geziemt, hast du mir gegeben

tadyāhi rākṣasatvaṃ tvaṃ tadāhārocitaṃ nṛpā / iti śāpaṃ dadatyasminsaudāso bhayavihvūlaḥ

'So geh du, o König, in den Rākṣasa-Zustand ein, der zu dieser Speise passt!' - während er diesen Fluch aussprach, geriet Saudāsa, von Furcht überwältigt, in Bestürzung.

Wort für Wort
tadyāhi rākṣasatvaṃ tvaṃ
so geh du in den Rākṣasa-Zustand ein
tadāhārocitaṃ nṛpa
der zu dieser Speise passt, o König
iti śāpaṃ dadatyasmin
während er diesen Fluch aussprach
saudāso bhayavihvalaḥ
geriet Saudāsa, von Furcht überwältigt

ājñatpo bhavataiveti sakaṃpo 'sma vyajijñapat / bhūrāśṛ cintayāmāsa vaśiṣṭastena noditaḥ

'Es sei, wie du befiehlst' - so erklärte er zitternd; Vasiṣṭha, dadurch veranlasst, dachte weiter nach.

Wort für Wort
ājñaptaṃ bhavataiveti
'es sei, wie du befiehlst'
sakampo 'smi vyajijñapat
zitternd erklärte er
bhūyaḥ [?] cintayāmāsa
er dachte weiter nach [?]
vaśiṣṭastena noditaḥ
Vasiṣṭha, dadurch veranlasst

[?] "bhūrāśṛ" unklar, sinngemäß als "bhūyaḥ" ("weiter, wieder") gedeutet.

rakṣasā vañcitaṃ bhūpaṃ jñātavān divyacakṣuṣā / rājāpi jalamādāya vaśiṣṭaṃ śaptumudyataḥ

Mit seinem göttlichen Auge erkannte er, dass der König vom Rākṣasa getäuscht worden war. Der König aber schickte sich an, mit Wasser in der Hand Vasiṣṭha zu verfluchen.

Wort für Wort
rakṣasā vañcitaṃ bhūpaṃ
dass der König vom Rākṣasa getäuscht worden war
jñātavān divyacakṣuṣā
erkannte er mit seinem göttlichen Auge
rājāpi jalamādāya
der König aber, Wasser nehmend
vaśiṣṭaṃ śaptumudyataḥ
schickte sich an, Vasiṣṭha zu verfluchen

samudyataṃ guruṃ śaptaṃ dṛṣṭvā bhūyo ruṣānvitam / madayantī priyātasya pratyuvācātha suvratā

Als sie sah, dass er sich, abermals von Zorn erfüllt, anschickte, den Lehrer zu verfluchen, entgegnete ihm Madayantī, seine tugendhafte Geliebte:

Wort für Wort
samudyataṃ guruṃ śaptaṃ dṛṣṭvā
als sie sah, dass er sich anschickte, den Lehrer zu verfluchen
bhūyo ruṣānvitam
abermals von Zorn erfüllt
madayantī priyā tasya
Madayantī, seine Geliebte
pratyuvācātha suvratā
die Tugendhafte, entgegnete darauf

madayantyuvāca / bho bho kṣatriyadāyāda kopa saṃhartumarhasi / tvayā yatkarma bhoktavyaṃ tatprātpaṃ nātra saṃśayaḥ

Madayantī sprach: O, o Erbe der Kṣatriyas, du solltest deinen Zorn zurückhalten; was du auch für eine leidvolle Handlung erfahren musstest, das ist dir als Folge früherer Taten zuteilgeworden - daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
madayantyuvāca
Madayantī sprach
bho bho kṣatriyadāyāda
o, o Erbe der Kṣatriyas
kopaṃ saṃhartumarhasi
du solltest deinen Zorn zurückhalten
tvayā yatkarma bhoktavyaṃ
was du auch für eine Tat erleiden musstest
tatprāptaṃ nātra saṃśayaḥ
das ist dir zuteilgeworden - kein Zweifel

guru tukṛtya huṅkṛtya yo vadenmṛḍhadhīrnaraḥ / araṇye nirjale deśa sa bhaveddhahyarākṣasaḥ

Wer, ein Mensch von törichtem Verstand, gegenüber seinem Lehrer einen verächtlichen Laut ausstößt oder grob spricht, der wird zu einem in einer wasserlosen Wildnis brennenden Rākṣasa.

Wort für Wort
gurau kṛtvā huṅkṛtya [?]
gegenüber dem Lehrer einen verächtlichen Laut ausstoßend [?]
yo vadenmūḍhadhīrnaraḥ
wer, ein Mensch von törichtem Verstand, spricht
araṇye nirjale deśe
in einer wasserlosen Wildnis
sa bhaveddahyarākṣasaḥ
der wird zu einem brennenden Rākṣasa

[Anm.: Konstruktion des Verses unsicher, sinngemäß wiedergegeben.]

jitendriyā jitakrodhā guru śuśrūṣaṇe ratāḥ / prayānti brahmasadanamiti śāstreṣu niścayaḥ

Die ihre Sinne bezähmt haben, ihren Zorn bezähmt haben und dem Dienst am Lehrer zugetan sind, gehen in die Wohnstatt Brahmās ein - dies ist die feststehende Lehre der Schriften.

Wort für Wort
jitendriyā jitakrodhā
die ihre Sinne und ihren Zorn bezähmt haben
guruśuśrūṣaṇe ratāḥ
die dem Dienst am Lehrer zugetan sind
prayānti brahmasadanam
gehen in die Wohnstatt Brahmās ein
iti śāstreṣu niścayaḥ
dies ist die feststehende Lehre der Schriften

tayokto bhūpatiḥ kopaṃ tyaktvā bhāryāṃ nananda ca / jalaṃ kutra kṣipāmīti cintayāmāsa cātmanā

Von ihr angesprochen, gab der König seinen Zorn auf und freute sich über seine Gattin; 'Wohin soll ich das Wasser gießen?' - so dachte er bei sich.

Wort für Wort
tayokto bhūpatiḥ
von ihr angesprochen, der König
kopaṃ tyaktvā bhāryāṃ nananda ca
seinen Zorn aufgebend, freute sich über seine Gattin
jalaṃ kutra kṣipāmīti
wohin soll ich das Wasser gießen
cintayāmāsa cātmanā
dachte er bei sich

tajjalaṃ yatra saṃsiktaṃ tadbhavedbhasma niścitam / iti matvā jalaṃ tattu pādayornyakṣipatsvayam

'Wo immer dieses Wasser vergossen wird, das wird gewiss zu Asche werden' - so denkend, goss er jenes Wasser selbst auf seine eigenen Füße.

Wort für Wort
tajjalaṃ yatra saṃsiktaṃ
wo immer dieses Wasser vergossen wird
tadbhavedbhasma niścitam
das wird gewiss zu Asche werden
iti matvā jalaṃ tattu
so denkend, jenes Wasser
pādayornyakṣipatsvayam
goss er selbst auf seine Füße

tajjalaspaśimātreṇa pādau kalmāṣatāṃ gatau / kalmāṣapāda ityevaṃ tataḥ prabhṛti vistṛtaḥ

Allein durch die Berührung dieses Wassers wurden seine beiden Füße gescheckt; von da an wurde er unter dem Namen 'Kalmāṣapāda' ('Scheckfuß') bekannt.

Wort für Wort
tajjalasparśamātreṇa
allein durch die Berührung dieses Wassers
pādau kalmāṣatāṃ gatau
wurden seine beiden Füße gescheckt
kalmāṣapāda ityevaṃ
'Kalmāṣapāda' - so
tataḥ prabhṛti vistṛtaḥ
wurde er von da an bekannt

kalmāṣapādo matimān priyayāścāsitastadā / manasā so 'tibhītastu vavande caraṇaṃ guroḥ

Kalmāṣapāda, der Kluge, und da von seiner Geliebten dazu ermahnt, verehrte er, im Geist überaus erschrocken, die Füße des Lehrers.

Wort für Wort
kalmāṣapādo matimān
Kalmāṣapāda, der Kluge
priyayāścāsitastadā
und von seiner Geliebten da ermahnt
manasā so 'tibhītastu
er aber, im Geist überaus erschrocken
vavande caraṇaṃ guroḥ
verehrte er die Füße des Lehrers

uvāca ca prapannastaṃ prāñjalirnayakovidaḥ / kṣamasva bhagavansarvaṃ nāparādhaḥ kṛto mayā

Und er sprach, sich ihm unterwerfend, mit gefalteten Händen, kundig in rechtem Verhalten: 'Vergib mir alles, o Herr, ich habe kein Vergehen begangen.'

Wort für Wort
uvāca ca prapannastaṃ
und er sprach, sich ihm unterwerfend
prāñjalirnayakovidaḥ
mit gefalteten Händen, kundig in rechtem Verhalten
kṣamasva bhagavansarvaṃ
vergib mir alles, o Herr
nāparādhaḥ kṛto mayā
ich habe kein Vergehen begangen

tacchutvovāca bhūpālaṃ munirniḥśvasya duḥkhitaḥ / ātmānaṃ garhayāmāsa hyavivekaparāyaṇam

Dies hörend, sprach der Weise, seufzend und betrübt, zum König; er tadelte sich selbst als einen, der der Unbesonnenheit ergeben war.

Wort für Wort
tacchutvovāca bhūpālaṃ
dies hörend, sprach er zum König
munirniḥśvasya duḥkhitaḥ
der Weise, seufzend und betrübt
ātmānaṃ garhayāmāsa
er tadelte sich selbst
hyavivekaparāyaṇam
als der Unbesonnenheit ergeben

avivero hi sarveṣāmāpadāṃ paramaṃ padam / vivekarahito loke paśureva na saṃśayaḥ

Die Unbesonnenheit ist wahrlich der höchste Ursprung aller Gefahren; wer ohne Unterscheidungskraft in der Welt ist, ist eben ein Tier - daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
avivekaḥ hi sarveṣāmāpadāṃ
die Unbesonnenheit ist wahrlich aller Gefahren
paramaṃ padam
der höchste Ursprung
vivekarahito loke
wer ohne Unterscheidungskraft in der Welt ist
paśureva na saṃśayaḥ
ist eben ein Tier - kein Zweifel

rājñā tvajānatā nūnametatkarmocitaṃ kṛtam / vivekarahito 'jño 'haṃ yataḥ pāpaṃ samācaret

Vom König, der es freilich nicht wusste, wurde eine seinem Unwissen entsprechende Tat begangen; ich selbst aber bin es, der ohne Unterscheidungskraft und unwissend Sünde begangen hat.

Wort für Wort
rājñā tvajānatā nūnam
vom König, der es freilich nicht wusste
etatkarmocitaṃ kṛtam
wurde diese entsprechende Tat begangen
vivekarahito 'jño 'haṃ
ich, ohne Unterscheidungskraft, unwissend
yataḥ pāpaṃ samācaret
weshalb ich Sünde begangen habe

[Anm.: Zweiter Halbvers als Selbstvorwurf des Weisen gedeutet, der die Schuld auch bei sich selbst sucht.]

vivekaniyato yāti yo vā ko vāpi nirvṛttim / vivekahīnamānpoti ko vā yo vāpyanirvṛtim

Wer, durch Unterscheidungskraft gelenkt, gelangt zur Erlösung; wer, ohne Unterscheidungskraft, erlangt die Nicht-Erlösung.

Wort für Wort
vivekaniyato yāti
wer, durch Unterscheidungskraft gelenkt, gelangt
yo vā ko vāpi nirvṛttim
wer auch immer, zur Erlösung
vivekahīnamāpnoti
wer, ohne Unterscheidungskraft, erlangt
ko vā yo vāpyanirvṛtim
wer auch immer, die Nicht-Erlösung

ityuktavā cātmanātmānaṃ pratyuvāca munirnṛpam / nātyantiṅkaṃ bhavedetaddādaśābdaṃ bhaviṣyati

So sich selbst tadelnd, entgegnete der Weise dem König: 'Dies wird nicht für immer währen, es wird zwölf Jahre dauern.'

Wort für Wort
ityuktvā cātmanātmānaṃ
so sich selbst tadelnd
pratyuvāca munirnṛpam
entgegnete der Weise dem König
nātyantikaṃ bhavedetat
dies wird nicht endgültig sein
dvādaśābdaṃ bhaviṣyati
es wird zwölf Jahre währen

gaṅgābindūbhiṣiktastu tyakttvā vai rākṣasīṃ tanum / pūrvarupaṃ tvamāpanno bhokṣyase medinīmimām

Mit einem Tropfen Gaṅgāwasser besprengt, wirst du deine Rākṣasa-Gestalt ablegen und, deine frühere Gestalt wiedererlangend, diese Erde beherrschen.

Wort für Wort
gaṅgābindūbhiṣiktastu
mit einem Tropfen Gaṅgāwasser besprengt
tyaktvā vai rākṣasīṃ tanum
wirst du wahrlich deine Rākṣasa-Gestalt ablegen
pūrvarupaṃ tvamāpanno
deine frühere Gestalt wiedererlangend
bhokṣyase medinīmimām
wirst du diese Erde beherrschen

tadvindusekasaṃbhūtajñānena gatakalmaṣaḥ // harisevāparo bhūtvā parāṃ śāntiṃ gamiṣyasi

Durch die aus jener Tropfenbesprengung entstandene Erkenntnis wirst du, von deiner Verfehlung befreit, dem Dienst an Hari ergeben, höchsten Frieden erlangen.

Wort für Wort
tadvindusekasaṃbhūtajñānena
durch die aus jener Tropfenbesprengung entstandene Erkenntnis
gatakalmaṣaḥ
von deiner Verfehlung befreit
harisevāparo bhūtvā
dem Dienst an Hari ergeben werdend
parāṃ śāntiṃ gamiṣyasi
wirst du höchsten Frieden erlangen

śubhāvaham / ityuktvātharvavidbhūpaṃ vaśiṣṭaḥ svāśramaṃ yayau / rājāpi duḥkhasaṃpanno rākṣasīṃ tānumāśritaḥ

So zum Atharva-kundigen König sprechend, ging Vasiṣṭha in seine Einsiedelei; auch der König, von Leid erfüllt, nahm die Rākṣasa-Gestalt an.

Wort für Wort
ityuktvātharvavidbhūpaṃ
so zum Atharva-kundigen König sprechend
vaśiṣṭaḥ svāśramaṃ yayau
ging Vasiṣṭha in seine Einsiedelei
rājāpi duḥkhasaṃpanno
auch der König, von Leid erfüllt
rākṣasīṃ tanumāśritaḥ
nahm die Rākṣasa-Gestalt an

[Anm.: Das vorangestellte Wortfragment "śubhāvaham" ("segenbringend") gehört inhaltlich wohl noch zu V.45 (als Attribut zu "śāntim") und wurde in der Quelle offenbar versehentlich als eigene Zeile vor V.46 gesetzt; hier der Vollständigkeit halber am Versanfang mitgeführt.]

kṣutpapāsāviśeṣārto nityaṃ krodhaparāyaṇaḥ / kṛṣṇakṣapādyutirbhīmo babhrāma vijane vane

Von Hunger und Durst insbesondere gequält, beständig dem Zorn ergeben, von der Ausstrahlung einer dunklen Nacht, furchterregend, durchstreifte er den menschenleeren Wald.

Wort für Wort
kṣutpipāsāviśeṣārtaḥ
von Hunger und Durst insbesondere gequält
nityaṃ krodhaparāyaṇaḥ
beständig dem Zorn ergeben
kṛṣṇakṣapādyutirbhīmaḥ [?]
von der Ausstrahlung einer dunklen Nacht, furchterregend [?]
babhrāma vijane vane
durchstreifte er den menschenleeren Wald

[Anm.: "kṛṣṇakṣapādyutirbhīmo" unsicher, sinngemäß als düster-furchterregende Erscheinung gedeutet.]

mṛgāṃśca vividhāṃstatra mānuṣāṃśca sarīsṛpān / vihaṅgamānplavaṅgāṃśca praśastāṃstānabhakṣayat

Und dort verzehrte er verschiedenartiges Wild, Menschen, Kriechtiere, Vögel und Affen, diese vortrefflichen Wesen.

Wort für Wort
mṛgāṃśca vividhāṃstatra
und dort verschiedenartiges Wild
mānuṣāṃśca sarīsṛpān
und Menschen und Kriechtiere
vihaṅgamānplavaṅgāṃśca
Vögel und Affen
praśastāṃstānabhakṣayat
diese vortrefflichen Wesen verzehrte er

asthibhirbahubhirbhūyaḥ pītaraktakalevaraiḥ / raktāntapretakeśaiśaaca citrāsīdbhūrbhayaṅkarī

Mit zahlreichen Knochen, blutgetränkten Leichen und blutbefleckten Totenhaaren übersät, wurde die Erde dort bunt und furchterregend.

Wort für Wort
asthibhirbahubhirbhūyaḥ
mit zahlreichen Knochen weiterhin
pītaraktakalevaraiḥ
mit blutgetränkten Leichen
raktāntapretakeśaiśca
und mit blutbefleckten Totenhaaren
citrāsīdbhūrbhayaṅkarī
wurde die Erde bunt und furchterregend

ṛtutraye sa pṛthivīṃ śatayo janavistṛtām / kṛtvātiduḥkhitāṃ paścādvanāntaramupāgamat

Nachdem er in drei Jahreszeiten die über hundert Yojanas ausgedehnte Erde zu einem überaus leidvollen Ort gemacht hatte, begab er sich darauf zu einem anderen Waldstück.

Wort für Wort
ṛtutraye sa pṛthivīṃ
in drei Jahreszeiten die Erde
śatayojanavistṛtām
über hundert Yojanas ausgedehnt
kṛtvātiduḥkhitāṃ
zu einem überaus leidvollen Ort gemacht habend
paścādvanāntaramupāgamat
begab er sich darauf zu einem anderen Waldstück

tatrāpi kṛtavānnityaṃ naramāṃsāśanaṃ sadā / jagāma narmadātīraṃ munisiddhaniṣevitam

Auch dort verzehrte er beständig, stets, Menschenfleisch; dann gelangte er zum Ufer der Narmadā, das von Weisen und Siddhas aufgesucht wurde.

Wort für Wort
tatrāpi kṛtavānnityaṃ
auch dort verzehrte er beständig
naramāṃsāśanaṃ sadā
stets Menschenfleisch
jagāma narmadātīraṃ
gelangte er zum Ufer der Narmadā
munisiddhaniṣevitam
das von Weisen und Siddhas aufgesucht wurde

vicarannarmadātīre sarvalokabhayaṅkaraḥ / apaśyatkañcana muniṃ ramantaṃ priyayā saha

Am Ufer der Narmadā umherstreifend, für alle Welt furchterregend, erblickte er einen Weisen, der sich mit seiner Geliebten vergnügte.

Wort für Wort
vicarannarmadātīre
am Ufer der Narmadā umherstreifend
sarvalokabhayaṅkaraḥ
für alle Welt furchterregend
apaśyatkañcana muniṃ
erblickte er einen Weisen
ramantaṃ priyayā saha
der sich mit seiner Geliebten vergnügte

kṣudhānalena saṃtatpastaṃ muniṃ samupādravat / jāgrāha cātivegena vyādho mṛgaśiśaṃ yathā

Vom Feuer des Hungers gequält, stürzte er auf jenen Weisen zu und packte ihn mit großer Geschwindigkeit, wie ein Jäger ein Wildjunges.

Wort für Wort
kṣudhānalena saṃtaptaḥ
vom Feuer des Hungers gequält
taṃ muniṃ samupādravat
stürzte er auf jenen Weisen zu
jagrāha cātivegena
und packte ihn mit großer Geschwindigkeit
vyādho mṛgaśiśuṃ yathā
wie ein Jäger ein Wildjunges

brāhmaṇī svapatiṃ vīkṣya niśācarakarasthitam / śirasyañjalimādhāya provāca bhayavihvālā

Als die Brahmanin ihren Gatten in der Hand des Nachtwandlers erblickte, faltete sie die Hände über dem Haupt und sprach, von Furcht überwältigt:

Wort für Wort
brāhmaṇī svapatiṃ vīkṣya
als die Brahmanin ihren Gatten erblickte
niśācarakarasthitam
in der Hand des Nachtwandlers befindlich
śirasyañjalimādhāya
die Hände über dem Haupt faltend
provāca bhayavihvālā
sprach sie, von Furcht überwältigt

brāhmaṇyuvāca / bho bho nṛpatiśārdūla trāhi māṃ bhayavihvalām / prāṇapriya pradānena kuru pūrṇaṃ manoratham

Die Brahmanin sprach: O, o Tiger unter den Königen, rette mich, die von Furcht Überwältigte! Erfülle meinen Herzenswunsch, indem du mir meinen Gatten schenkst.

Wort für Wort
brāhmaṇyuvāca
die Brahmanin sprach
bho bho nṛpatiśārdūla
o, o Tiger unter den Königen
trāhi māṃ bhayavihvalām
rette mich, die von Furcht Überwältigte
prāṇapriyapradānena
durch das Schenken meines geliebten Gatten
kuru pūrṇaṃ manoratham
erfülle meinen Herzenswunsch

nānmā mitrasahastvaṃ hi sūryavaṃśasamudbhavaḥ / na rākṣasastato 'nāthāṃ pāhi māṃ vijane vane

Du bist ja mit Namen Mitrasaha, dem Sonnengeschlecht entstammend, kein Rākṣasa - so beschütze mich, die Herrenlose, im menschenleeren Wald!

Wort für Wort
nāma mitrasahastvaṃ hi
mit Namen bist du wahrlich Mitrasaha
sūryavaṃśasamudbhavaḥ
aus dem Sonnengeschlecht entstammend
na rākṣasastato 'nāthāṃ
kein Rākṣasa - deshalb mich, die Herrenlose
pāhi māṃ vijane vane
beschütze mich im menschenleeren Wald

yā nārī bharttṛrahitā jīvatyapi mṛtopamā / tathāpi bālavaidhavyaṃ kiṃ vakṣyāmyarimardana

Eine Frau ohne Gatten gleicht, auch wenn sie lebt, einer Toten; was soll ich da erst von der Witwenschaft in jungen Jahren sagen, o Feindebezwinger?

Wort für Wort
yā nārī bhartṛrahitā
eine Frau, die ohne Gatten ist
jīvatyapi mṛtopamā
gleicht, auch lebend, einer Toten
tathāpi bālavaidhavyaṃ
dennoch die Witwenschaft in jungen Jahren
kiṃ vakṣyāmyarimardana
was soll ich sagen, o Feindebezwinger

na mātāpitarau jāne nāpi bandhuṃ ca kañcana / patireva paro bandhuḥ paramaṃ jīvanaṃ mama

Ich kenne weder Mutter noch Vater, noch irgendeinen Verwandten; der Gatte allein ist mein höchster Verwandter, mein höchstes Leben.

Wort für Wort
na mātāpitarau jāne
ich kenne weder Mutter noch Vater
nāpi bandhuṃ ca kañcana
noch irgendeinen Verwandten
patireva paro bandhuḥ
der Gatte allein ist der höchste Verwandte
paramaṃ jīvanaṃ mama
mein höchstes Leben

bhavānyettyakhilāndharmānyoṣitāṃ varttanaṃ yathā / trāyasva bandhurahitāṃ bālāpatyāṃ janeśvara

Du kennst alle Pflichten, wie sie das rechte Verhalten der Frauen betreffen - rette mich, die Verwandtenlose, mit einem kleinen Kind, o Herr der Menschen.

Wort für Wort
bhavānvetti akhilāndharmān
du kennst alle Pflichten
yoṣitāṃ varttanaṃ yathā
wie das rechte Verhalten der Frauen
trāyasva bandhurahitāṃ
rette mich, die Verwandtenlose
bālāpatyāṃ janeśvara
mich mit kleinem Kind, o Herr der Menschen

kathaṃ jīvāmi patyāsminhīnā hi vijane vane / duhitāhaṃ bhagavatastrāhi māṃ patidānataḥ

Wie soll ich leben, dieses meines Gatten beraubt, wahrlich im menschenleeren Wald? Ich bin die Tochter eines erhabenen Weisen - rette mich, indem du mir meinen Gatten schenkst.

Wort für Wort
kathaṃ jīvāmi patyāsminhīnā
wie soll ich leben, dieses Gatten beraubt
hi vijane vane
wahrlich im menschenleeren Wald
duhitāhaṃ bhagavataḥ
ich bin die Tochter eines Erhabenen
trāhi māṃ patidānataḥ
rette mich, indem du den Gatten schenkst

praṇadānātparaṃ dānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati / vadantīti mahāprājñāḥ prāṇadānaṃ kuruṣva me

'Eine höhere Gabe als die Gabe des Lebens gab es nicht und wird es nicht geben' - so sagen die Hochweisen; gewähre mir die Gabe des Lebens meines Gatten!

Wort für Wort
prāṇadānātparaṃ dānaṃ
eine höhere Gabe als die Lebensgabe
na bhūtaṃ na bhaviṣyati
gab es nicht und wird es nicht geben
vadantīti mahāprājñāḥ
so sagen die Hochweisen
prāṇadānaṃ kuruṣva me
gewähre mir die Lebensgabe

ityuktāvā sā papātāsya rākṣasasya padāgrataḥ / evaṃ saṃprārthyamāno 'pi brāhmaṇyā rākṣaso dvijam / abhakṣayatkṛṣṇasāraśiśuṃ vyāghro yathā balāt

So sprechend, fiel sie dem Rākṣasa vor die Füße; doch obwohl er so von der Brahmanin angefleht wurde, verzehrte der Rākṣasa den Brahmanen mit Gewalt, wie ein Tiger ein Junges der Kṛṣṇasāra-Antilope.

Wort für Wort
ityuktvā sā papāta
so sprechend, fiel sie
asya rākṣasasya padāgrataḥ
vor die Füße dieses Rākṣasa
evaṃ saṃprārthyamāno 'pi
obwohl so angefleht
brāhmaṇyā rākṣaso dvijam
der Rākṣasa den Brahmanen, von der Brahmanin
abhakṣayatkṛṣṇasāraśiśuṃ
verzehrte er wie ein Junges der Kṛṣṇasāra-Antilope
vyāghro yathā balāt
wie ein Tiger, mit Gewalt

[Anm.: In der Quelle ist der Versmarker "V.62" doppelt vergeben (zwei aufeinanderfolgende Markierungen); der dadurch getrennte Text bildet erkennbar einen einzigen, hier zu einem dreizeiligen Vers zusammengeführten Śloka. Die nachfolgende Zählung folgt wieder der Quelle (V.63 usw.).]

tato vilapya bahudhā tasya patnī pativratā / pūrvaśāpahataṃ bhūpamaśapatkrodhitā punaḥ

Darauf, vielfach klagend, verfluchte die ihrem Gatten treu ergebene Ehefrau den vom früheren Fluch getroffenen König abermals, von Zorn erfüllt:

Wort für Wort
tato vilapya bahudhā
darauf, vielfach klagend
tasya patnī pativratā
seine dem Gatten treu ergebene Frau
pūrvaśāpahataṃ bhūpam
den vom früheren Fluch getroffenen König
aśapatkrodhitā punaḥ
verfluchte sie abermals, von Zorn erfüllt

patiṃ me suratāsaktaṃ yasmāddhiṃsitavānbalāt / tasmātstrīsaṅgamaṃ prātpastvamapi prāpsyase mṛtim

Weil du meinen der Liebesvereinigung hingegebenen Gatten mit Gewalt getötet hast, wirst auch du, sobald du dich einer Frau näherst, den Tod erlangen.

Wort für Wort
patiṃ me suratāsaktaṃ
meinen der Liebesvereinigung hingegebenen Gatten
yasmāddhiṃsitavānbalāt
weil du ihn mit Gewalt getötet hast
tasmātstrīsaṅgamaṃ prāptaḥ
deshalb, sobald du eine Frau erreichst
tvamapi prāpsyase mṛtim
wirst auch du den Tod erlangen

śatvaivaṃ brāhmaṇī kruddhā punaḥ śāpāntaraṃ dadau / rākṣasatvaṃ dhruvaṃ te 'stu matpatirbhakṣito yataḥ

So fluchend, sprach die zornige Brahmanin einen weiteren Fluch aus: 'Gewiss sei dir dauerhaft der Rākṣasa-Zustand, da mein Gatte verzehrt wurde!'

Wort für Wort
śaptvaivaṃ brāhmaṇī kruddhā
so fluchend, die zornige Brahmanin
punaḥ śāpāntaraṃ dadau
sprach sie einen weiteren Fluch aus
rākṣasatvaṃ dhruvaṃ te 'stu
gewiss sei dir dauerhaft der Rākṣasa-Zustand
matpatirbhakṣito yataḥ
da mein Gatte verzehrt wurde

so 'pi śāpadvayaṃ śrutvā tayā dattaṃ niśācaraḥ / pramanyuḥ prāhi visṛjankopādaṅgārasaṃcayam

Auch er, der Nachtwandler, den von ihr ausgesprochenen doppelten Fluch hörend, sprach von Zorn erfüllt, indem er vor Zorn eine Menge glühender Kohlen ausstieß:

Wort für Wort
so 'pi śāpadvayaṃ śrutvā
auch er, den doppelten Fluch hörend
tayā dattaṃ niśācaraḥ
der von ihr ausgesprochen wurde, der Nachtwandler
pramanyuḥ prāha visṛjan
von Zorn erfüllt, sprach er, ausstoßend
kopādaṅgārasaṃcayam
eine Menge glühender Kohlen vor Zorn

duṣṭe kasmātpradattaṃ mevṛthā śāpadvayaṃ tvayā / ekasyaivāparādhasya śāpastveko mamocitaḥ

'O Böse, warum hast du mir vergeblich einen doppelten Fluch auferlegt? Für ein einziges Vergehen wäre mir doch nur ein einziger Fluch angemessen!'

Wort für Wort
duṣṭe kasmātpradattaṃ me vṛthā
o Böse, warum wurde mir vergeblich gegeben
śāpadvayaṃ tvayā
der doppelte Fluch von dir
ekasyaivāparādhasya
für ein einziges Vergehen
śāpastveko mamocitaḥ
wäre mir ein einziger Fluch angemessen

yasmātkṣipasi duṣṭāgyemayi śāpantaraṃ tataḥ / piśācayonimadyaiva yāhi putrasamanvitā

'Weil du, Böse, einen weiteren Fluch auf mich schleuderst, so geh du selbst noch heute in eine Piśāca-Existenz ein, zusammen mit deinem Sohn!'

Wort für Wort
yasmātkṣipasi duṣṭe [?]
weil du, Böse, wirfst [?]
mayi śāpāntaraṃ tataḥ
auf mich einen weiteren Fluch, deshalb
piśācayonimadyaiva
in einen Piśāca-Mutterschoß noch heute
yāhi putrasamanvitā
geh ein, zusammen mit deinem Sohn

tenaivaṃ brahmaṇī śatpā piśācatvaṃ tadā gatā / kṣudhārtā susvaraṃ bhīmārurodāpatyasaṃyutā

So von ihm verflucht, ging die Brahmanin da in den Piśāca-Zustand ein; vom Hunger gequält, weinte sie mit schrecklicher, lauter Stimme, zusammen mit ihrem Kind.

Wort für Wort
tenaivaṃ brāhmaṇī śaptā
so von ihm verflucht, die Brahmanin
piśācatvaṃ tadā gatā
ging da in den Piśāca-Zustand ein
kṣudhārtā susvaraṃ bhīmā
vom Hunger gequält, mit schrecklicher lauter Stimme
arurodāpatyasaṃyutā
weinte sie, mit ihrem Kind

rākṣasaśca piśācī ca krośantau nirjane vane / jagmaturnarmadātīre vanaṃ rākṣasasevitam

Der Rākṣasa und die Piśācī, beide schreiend im menschenleeren Wald, gingen zum Ufer der Narmadā, zu einem von Rākṣasas heimgesuchten Wald.

Wort für Wort
rākṣasaśca piśācī ca
der Rākṣasa und die Piśācī
krośantau nirjane vane
beide schreiend im menschenleeren Wald
jagmaturnarmadātīre
gingen zum Ufer der Narmadā
vanaṃ rākṣasasevitam
zu einem von Rākṣasas heimgesuchten Wald

audāsīnyaṃ gurau kṛtvā rākṣasīṃ tanumā śritaḥ / tatrāste duḥkhasaṃtatpaḥ kaścillokavirodhakṛt

Dort weilte, von Leid gequält, auch irgendein anderer, der sich der Welt entgegenstellte - einer, der, nachdem er einst Gleichgültigkeit gegenüber seinem Lehrer geübt hatte, die Rākṣasa-Gestalt angenommen hatte.

Wort für Wort
audāsīnyaṃ gurau kṛtvā
nachdem er Gleichgültigkeit gegenüber dem Lehrer geübt hatte
rākṣasīṃ tanumāśritaḥ
hatte er die Rākṣasa-Gestalt angenommen
tatrāste duḥkhasaṃtaptaḥ
dort weilte er, von Leid gequält
kaścillokavirodhakṛt
irgendeiner, der sich der Welt entgegenstellte

[Anm.: Hier wird eine dritte Rākṣasa-Figur (der später als "Brahmarākṣasa" auftretende frühere Brahmane) eingeführt, deren Vorgeschichte erst ab V.79 erzählt wird.]

rākṣasaṃ ca piśācīṃ ca dṛṣṭvā ravavaṭamāgatau / uvāca krodhabahulo vaṭastho brahmarākṣasaḥ

Als der am Banyan-Baum weilende Brahmarākṣasa den Rākṣasa und die Piśācī erblickte, die laut schreiend zu seinem Baum gekommen waren, sprach er, überaus zornig:

Wort für Wort
rākṣasaṃ ca piśācīṃ ca dṛṣṭvā
den Rākṣasa und die Piśācī erblickend
ravavatormāgatau [?]
die laut schreiend gekommen waren [?]
uvāca krodhabahulo
sprach er, überaus zornig
vaṭastho brahmarākṣasaḥ
der am Banyan-Baum weilende Brahmarākṣasa

kimarthamāgatau bhīmau yuvāṃ matsthānamīpsitam / īdṛśau kena pāpena jātau me bruvatāṃ dhruvam

'Weshalb seid ihr beiden Furchterregenden zu meinem begehrten Ort gekommen? Durch welche Sünde seid ihr beide so geworden? Sagt es mir gewiss!'

Wort für Wort
kimarthamāgatau bhīmau
weshalb seid ihr beiden Furchterregenden gekommen
yuvāṃ matsthānamīpsitam
ihr zu meinem begehrten Ort
īdṛśau kena pāpena jātau
durch welche Sünde seid ihr so geworden
me bruvatāṃ dhruvam
sagt es mir gewiss

saudāsastadvacaḥ śrutvātayā yaccātmanā kṛtam / sarvaṃ nivedayitvāsmai paścādetaduvāca ha

Saudāsa, diese Worte hörend, teilte ihm alles mit, was von ihr und was von ihm selbst getan worden war, und sprach darauf dies:

Wort für Wort
saudāsastadvacaḥ śrutvā
Saudāsa, diese Worte hörend
tayā yaccātmanā kṛtam
was von ihr und von ihm selbst getan worden war
sarvaṃ nivedayitvāsmai
nachdem er ihm alles mitgeteilt hatte
paścādetaduvāca ha
sprach er darauf dies

saudāsa uvāca / kastvaṃ vada mahābhāga tvayā vai kiṃ kṛtaṃ purā / sakhyurmamāti snehena tatsarvaṃ vaktumarhasi

Saudāsa sprach: Wer bist du, sag mir, o Hochbeglückter? Was hast du einst wahrlich getan? Aus großer Zuneigung zu mir als Freund magst du mir das alles erzählen.

Wort für Wort
saudāsa uvāca
Saudāsa sprach
kastvaṃ vada mahābhāga
wer bist du, sag, o Hochbeglückter
tvayā vai kiṃ kṛtaṃ purā
was hast du einst wahrlich getan
sakhyurmamāti snehena
aus großer Zuneigung zu mir als Freund
tatsarvaṃ vaktumarhasi
magst du mir das alles erzählen

karoti vañcanaṃ mitre yo vā ko vāpi duṣṭadhīḥ / sa hi pāpapālaṃ bhuṅkte yātanāstu yugāyutam

Wer auch immer, von böser Gesinnung, gegenüber einem Freund Betrug begeht, der genießt fürwahr die Frucht der Sünde – Qualen für zehntausend Zeitalter.

Wort für Wort
karoti vañcanaṃ mitre
begeht Betrug gegenüber dem Freund
yo vā ko vāpi duṣṭadhīḥ
wer auch immer, von böser Gesinnung
sa hi pāpapālaṃ bhuṅkte
der genießt fürwahr die [Sünden-]Frucht
yātanāstu yugāyutam
Qualen für zehntausend Zeitalter

[?] pāpapālaṃ: wohl Fehllesung für pāpaphalaṃ ('Sündenfrucht').

jantūnāṃ sarvaduḥkhāni kṣīyante mitradarśanāt / tasmānmitreṣu matimānna kuryādvaṃyanaṃ kadā

Alle Leiden der Lebewesen schwinden durch den Anblick eines Freundes. Deshalb soll der Verständige gegenüber Freunden niemals Betrug verüben.

Wort für Wort
jantūnāṃ sarvaduḥkhāni
alle Leiden der Lebewesen
kṣīyante mitradarśanāt
schwinden durch den Anblick eines Freundes
tasmānmitreṣu matimān
deshalb der Verständige gegenüber Freunden
na kuryādvaṃyanaṃ kadā
soll niemals Betrug verüben

[?] vaṃyanaṃ: wohl vañcanam ('Betrug').

kalmāṣapādenetyukto vaṭastho brahmarākṣasaḥ / uvāca prītimāpanno dharmavākyāni nārada

Von Kalmāṣapāda so angesprochen, sprach der am Banyanbaum weilende Brahmarākṣasa, erfreut, Worte der Rechtschaffenheit, o Nārada.

Wort für Wort
kalmāṣapādenetyukto
von Kalmāṣapāda so angesprochen
vaṭastho brahmarākṣasaḥ
der am Banyanbaum weilende Brahmarākṣasa
uvāca prītimāpanno
sprach, erfreut geworden
dharmavākyāni nārada
Worte der Rechtschaffenheit, o Nārada

brahmarākṣasa uvāca ahamāsaṃ purā vipro māgadho vedapāragaḥ / somadatta iti khyāto nānmā dharmaparāyaṇaḥ

Der Brahmarākṣasa sprach: Ich war einst ein Brahmane aus Magadha, ein Kenner des gesamten Veda, mit Namen Somadatta bekannt, der Rechtschaffenheit hingegeben.

Wort für Wort
ahamāsaṃ purā vipro māgadhaḥ
ich war einst ein Brahmane aus Magadha
vedapāragaḥ
ein Kenner des gesamten Veda
somadatta iti khyāto nāmnā
mit Namen Somadatta bekannt
dharmaparāyaṇaḥ
der Rechtschaffenheit hingegeben

[?] nānmā: wohl nāmnā ('mit Namen').

pramatto 'haṃ mahābhāga vidyayā vayasā dhanaiḥ / audāsīnyaṃ guroḥ kṛtvā prātpavānīdṛśīṃ gatim

Berauscht durch Wissen, Jugend und Reichtum, o Hochbeglückter, übte ich Gleichgültigkeit gegenüber meinem Guru und erlangte einen solchen Zustand.

Wort für Wort
pramatto 'haṃ mahābhāga
berauscht/nachlässig geworden war ich, o Hochbeglückter
vidyayā vayasā dhanaiḥ
durch Wissen, Jugend und Reichtum
audāsīnyaṃ guroḥ kṛtvā
Gleichgültigkeit gegenüber dem Guru übend
prātpavānīdṛśīṃ gatim
erlangte einen solchen Zustand

[?] prātpavān: wohl prāptavān ('erlangte').

nalabhe 'haṃ sukhaṃ kiṃ cijjitāhāro 'tiduḥkhitaḥ / mayā tu bhakṣitā viprāḥ śataśo 'tha sahasraśaḥ

Ich erlange nicht das geringste Glück, vom Hunger überwältigt, überaus leidend; von mir aber wurden Brahmanen zu Hunderten, ja zu Tausenden verzehrt.

Wort für Wort
nalabhe 'haṃ sukhaṃ kiṃcit
ich erlange nicht das geringste Glück
jitāhāro 'tiduḥkhitaḥ
vom Hunger überwältigt, überaus leidend
mayā tu bhakṣitā viprāḥ
von mir aber wurden Brahmanen verzehrt
śataśo 'tha sahasraśaḥ
zu Hunderten, ja zu Tausenden

[?] jitāhāraḥ: Lesung/Sinn unsicher, hier als 'vom Hunger überwältigt' wiedergegeben.

kṣutpipāsāparo nityamantastāpena pīḍitaḥ / jagatrāsakaro nityaṃ māṃsāśanaparāyaṇaḥ

Stets von Hunger und Durst überwältigt, von innerer Qual gequält, versetzte ich stets die Welt in Schrecken, dem Verzehr von Fleisch ergeben.

Wort für Wort
kṣutpipāsāparo nityam
stets von Hunger und Durst überwältigt
antastāpena pīḍitaḥ
von innerer Qual gequält
jagatrāsakaro nityaṃ
stets die Welt in Schrecken versetzend
māṃsāśanaparāyaṇaḥ
dem Verzehr von Fleisch ergeben

gurvavajñā manuṣyāṇāṃ rākṣasatvapradāyinī / mayānubhūtametaddhi tataḥ śrīmānna cācaret

Die Mißachtung des Gurus verleiht den Menschen Rākṣasa-Dämonentum – dies habe ich selbst erfahren. Deshalb soll ein Erhabener sie nicht begehen.

Wort für Wort
gurvavajñā manuṣyāṇāṃ
die Mißachtung des Gurus bei Menschen
rākṣasatvapradāyinī
verleiht Rākṣasa-Dämonentum
mayānubhūtametaddhi
dies habe ich selbst erfahren
tataḥ śrīmānna cācaret
deshalb soll ein Erhabener [dies] nicht begehen

kalmāṣapāda uvāca gurustu kīdṛśaḥ proktaḥ kastvayāślāghitaḥ purā / tadvadasva sarave sarvaṃ paraṃ kautūhalaṃ hi me

Kalmāṣapāda sprach: Wer aber wird als Guru bezeichnet, wer wurde von dir zuvor gepriesen? Sag mir das alles, Freund, denn große Neugier erfüllt mich.

Wort für Wort
gurustu kīdṛśaḥ proktaḥ
wer aber wird als Guru bezeichnet
kastvayāślāghitaḥ purā
wer wurde von dir zuvor gepriesen
tadvadasva sarave sarvaṃ
sag mir das alles, Freund
paraṃ kautūhalaṃ hi me
denn große Neugier erfüllt mich

[?] sarave: unsichere Vokativform, hier probeweise als 'Freund' (etwa sakhe) wiedergegeben; die Form kehrt in den folgenden Versen wiederholt wieder.

brahmarākṣasa uvāca guravaḥ santi bahavaḥ pūjyā vandyāśca sādaram / yātānahaṃ kathayiṣyāmi śṛṇuṣvaikamanāḥ sarave

Der Brahmarākṣasa sprach: Es gibt viele Gurus, verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen; welche das sind, werde ich nennen – höre aufmerksamen Sinnes, Freund.

Wort für Wort
guravaḥ santi bahavaḥ
es gibt viele Gurus
pūjyā vandyāśca sādaram
verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen
yātānahaṃ kathayiṣyāmi
welche das sind, werde ich nennen
śṛṇuṣvaikamanāḥ sarave
höre aufmerksamen Sinnes, Freund

[?] yātān: wohl yān ('welche').

adhyāpakaśca vedānāṃ vedārthayutibaidhakaḥ / śāstravaktā dharmavaktā nītiśāstropadeśakaḥ

Und der Lehrer der Veden, der den durch Schlussfolgerung erschlossenen Sinn der Veden lehrt, der Verkünder der Lehrschriften, der Verkünder des Dharma, der Belehrer in der Nīti-Lehre –

Wort für Wort
adhyāpakaśca vedānāṃ
und der Lehrer der Veden
vedārthayutibaidhakaḥ
der den [durch Schlussfolgerung erschlossenen] Sinn der Veden lehrt
śāstravaktā dharmavaktā
der Verkünder der Lehrschriften, der Verkünder des Dharma
nītiśāstropadeśakaḥ
der Belehrer in der Nīti-Lehre

[?] vedārthayutibaidhakaḥ: wohl vedārthayuktibodhakaḥ ('der den durch Beweisführung erschlossenen Sinn der Veden lehrt').

mantropadeśavyākhyākhyākṛdvedasadaṃhṛttathā / vratopadeśakaścaiva bhayatrātānnado hi ca

– der die Erklärung der Mantra-Unterweisung gibt, [ebenso einer unsicher überlieferten Funktion], ebenso der Belehrer über Gelübde, der vor Furcht Rettende und auch der Nahrung-Geber –

Wort für Wort
mantropadeśavyākhyākhyākṛt
der die Erklärung der Mantra-Unterweisung gibt [Dittographie]
vedasadaṃhṛttathā
[Lesung unsicher]
vratopadeśakaścaiva
und auch der Belehrer über Gelübde
bhayatrātānnado hi ca
der vor Furcht Rettende und der Nahrung-Geber

[Anm.: mantropadeśavyākhyākhyākṛt zeigt Dittographie in 'khyā' (wohl vyākhyākṛt, 'der die Erklärung gibt'); vedasadaṃhṛttathā ist im Quelltext unklar/verderbt überliefert, Sinn nicht sicher rekonstruierbar.]

śvaśuro mātulaścaiva jyeṣṭhabhrātā pitā tathā / upanetā niṣektā ca saṃskarttā mitrasattama

Der Schwiegervater, und auch der Onkel mütterlicherseits, der ältere Bruder, ebenso der Vater, wer die Initiation vollzieht, wer die Zeugung bewirkt, und wer die Reinigungsriten vollzieht, o bester Freund –

Wort für Wort
śvaśuro mātulaścaiva
der Schwiegervater und auch der Onkel mütterlicherseits
jyeṣṭhabhrātā pitā tathā
der ältere Bruder, ebenso der Vater
upanetā niṣektā ca
wer die Initiation vollzieht, wer die Zeugung bewirkt
saṃskarttā mitrasattama
und wer die Reinigungsriten vollzieht, o bester Freund

ete hi guravaḥ proktāḥ pūjyā vandyaśca sādaram

Diese werden fürwahr als Gurus bezeichnet, verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen.

Wort für Wort
ete hi guravaḥ proktāḥ
diese werden fürwahr als Gurus bezeichnet
pūjyā vandyaśca sādaram
verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen

[Anm.: Im Quelltext ist zu V.89 nur eine Halbzeile (ein Pāda) überliefert; die entsprechende zweite Pāda-Hälfte fehlt bzw. ist nicht als eigener Vers markiert.]

kalmāṣapāda uvāca guravo bahavaḥ proktā eteṣāṃ katamo varaḥ / tulyāḥ sarve 'pyuta sarave tadyathāvaddhi brūhi me

Kalmāṣapāda sprach: Viele Gurus wurden genannt – welcher von ihnen ist der Vorzüglichste? Oder sind sie alle gleich, Freund? Sag mir das wahrheitsgemäß.

Wort für Wort
guravo bahavaḥ proktā
viele Gurus wurden genannt
eteṣāṃ katamo varaḥ
welcher von ihnen ist der Vorzüglichste
tulyāḥ sarve 'pyuta sarave
oder sind sie alle gleich, Freund
tadyathāvaddhi brūhi me
sag mir das wahrheitsgemäß

[?] sarave s.o. zu V.84.

brahmarākṣasa uvāca sādhu sādhu mahāprājña yatpṛṣṭaṃ tadvadāmi te / gurumāhātmyakathanaṃ śravaṇaṃ cānumodanam

Der Brahmarākṣasa sprach: Gut, gut, o hoch Weiser! Was du gefragt hast, das will ich dir sagen. Das Erzählen von der Größe der Gurus, ihr Anhören und die Zustimmung dazu –

Wort für Wort
sādhu sādhu mahāprājña
gut, gut, o hoch Weiser
yatpṛṣṭaṃ tadvadāmi te
was du gefragt hast, das will ich dir sagen
gurumāhātmyakathanaṃ
das Erzählen von der Größe der Gurus
śravaṇaṃ cānumodanam
das Anhören und die Zustimmung dazu

sarveṣāṃ śreya ādhatte tasmādvakṣyāmi sāṃpratam / ete samānapūjārhāḥ sarvadā nātra saṃśayaḥ

– bringt allen Heil. Deshalb werde ich es jetzt sagen: Diese sind gleichermaßen der Verehrung würdig, daran besteht niemals ein Zweifel.

Wort für Wort
sarveṣāṃ śreya ādhatte
bringt allen Heil
tasmādvakṣyāmi sāṃpratam
deshalb werde ich es jetzt sagen
ete samānapūjārhāḥ
diese sind gleichermaßen der Verehrung würdig
sarvadā nātra saṃśayaḥ
daran besteht niemals ein Zweifel

tathāpi śruṇu vakṣyāmi śāstrāṇāṃ sāraniścayam / adhyāpakāśca vedānāṃ mantravyākhyākṛtastathā

Dennoch höre, ich werde die feststehende Essenz der Lehrschriften verkünden: die Lehrer der Veden, und ebenso die, welche die Mantras erklären,

Wort für Wort
tathāpi śruṇu vakṣyāmi
dennoch höre, ich werde verkünden
śāstrāṇāṃ sāraniścayam
die feststehende Essenz der Lehrschriften
adhyāpakāśca vedānāṃ
die Lehrer der Veden
mantravyākhyākṛtastathā
und ebenso die, welche die Mantras erklären

pitā ca dharmavaktā ca viśeṣaguravaḥ smṛtāḥ / eteṣāmapi bhūpāla śṛṇuṣva pravaraṃ gurum

und der Vater sowie der Verkünder des Dharma gelten als die besonderen Gurus. Doch auch unter diesen, o König, höre, wer der vorzüglichste Guru ist.

Wort für Wort
pitā ca dharmavaktā ca
der Vater und der Verkünder des Dharma
viśeṣaguravaḥ smṛtāḥ
gelten als die besonderen Gurus
eteṣāmapi bhūpāla
auch unter diesen, o König
śṛṇuṣva pravaraṃ gurum
höre, wer der vorzüglichste Guru ist

sarvaśāstrārthatatvajñairbhāṣitaṃ pravadāmi te / yaḥ purāṇāni vadati dharmayuktāni paṇaḍitaḥ

Was von den Kennern der Wahrheit des Sinnes aller Lehrschriften gesagt wurde, will ich dir verkünden: Wer als Gelehrter die mit Dharma verbundenen Purāṇas vorträgt –

Wort für Wort
sarvaśāstrārthatatvajñair bhāṣitaṃ
das von den Kennern der Wahrheit des Sinnes aller Lehrschriften Gesagte
pravadāmi te
will ich dir verkünden
yaḥ purāṇāni vadati
wer die Purāṇas vorträgt
dharmayuktāni paṇḍitaḥ
als Gelehrter, die mit Dharma verbundenen

[?] paṇaḍitaḥ: Schreibfehler für paṇḍitaḥ.

saṃsārapāśavicchedakaraṇāni sa uttamaḥ / devapūjārhakarmāṇi devatāpūjane phalam

– dessen Werk die Fessel des Weltenkreislaufs zerschneidet, der ist der Vorzüglichste. Die der Götterverehrung würdigen Werke tragen ihre Frucht in der Verehrung der Gottheit,

Wort für Wort
saṃsārapāśavicchedakaraṇāni
dessen Werk die Fessel des Weltenkreislaufs zerschneidet
sa uttamaḥ
der ist der Vorzüglichste
devapūjārhakarmāṇi
die der Götterverehrung würdigen Werke
devatāpūjane phalam
tragen ihre Frucht in der Götterverehrung

jāyate ca purāṇebhyastasmāttānīha devatāḥ / sarvavedārthasārāṇi purāṇānīti bhūpate

– und diese entsteht aus den Purāṇas; deshalb sind diese hier den Gottheiten gleich. Die Purāṇas sind die Essenz des Sinns aller Veden, o König,

Wort für Wort
jāyate ca purāṇebhyaḥ
und entsteht aus den Purāṇas
tasmāttānīha devatāḥ
deshalb sind diese hier den Gottheiten [gleich]
sarvavedārthasārāṇi
die Essenz des Sinns aller Veden
purāṇānīti bhūpate
sind die Purāṇas, o König

vadanti munayaścaiva tadūktā paramo guruḥ / yaḥ saṃsārārṇatvaṃ tarttumudyogaṃ kurute naraḥ

– so sagen auch die Weisen; deshalb wurde er der höchste Guru genannt. Wer als Mensch sich bemüht, den Ozean des Weltenkreislaufs zu durchqueren,

Wort für Wort
vadanti munayaścaiva
so sagen auch die Weisen
tadūktā paramo guruḥ
deshalb wurde er der höchste Guru genannt
yaḥ saṃsārārṇatvaṃ tarttum
wer den Ozean des Weltenkreislaufs zu durchqueren
udyogaṃ kurute naraḥ
sich als Mensch bemüht

[?] saṃsārārṇatvaṃ: wohl saṃsārārṇavaṃ ('Ozean des Weltenkreislaufs').

śruṇuyātsa purāṇāni iti śāstravibhāgakṛt / proktavānsarvadharmāśca purāṇeṣu mahīpate

– der soll die Purāṇas hören, so sagt der Einteiler der Lehrschriften. Und alle Dharma-Regeln wurden in den Purāṇas verkündet, o Herrscher der Erde.

Wort für Wort
śruṇuyātsa purāṇāni
der soll die Purāṇas hören
iti śāstravibhāgakṛt
so [sagt] der Einteiler der Lehrschriften
proktavānsarvadharmāśca
und alle Dharma-Regeln wurden verkündet
purāṇeṣu mahīpate
in den Purāṇas, o Herrscher der Erde

tarkastu vādahetuḥ syānnītistvaihikasādhanam / purāṇāni mahābuddhe ihāmutra sukhāya hi

Die Logik aber dient als Grund für Streitgespräche, die Nīti-Lehre ist Mittel für diese Welt; die Purāṇas aber, o Hochweiser, dienen fürwahr dem Glück hier und im Jenseits.

Wort für Wort
tarkastu vādahetuḥ syāt
die Logik aber diene als Grund für Streitgespräche
nītistvaihikasādhanam
die Nīti-Lehre aber ist Mittel für diese Welt
purāṇāni mahābuddhe
die Purāṇas aber, o Hochweiser
ihāmutra sukhāya hi
dienen fürwahr dem Glück hier und im Jenseits

yaḥ śṛṇoti purāṇāni satataṃ bhaktisaṃyutaḥ / tasya syānnirmalā buddhirbhūyo dharmaparāyaṇaḥ

Wer die Purāṇas stets mit Hingabe verbunden hört, dessen Verstand wird makellos, und er wird noch mehr der Rechtschaffenheit hingegeben sein.

Wort für Wort
yaḥ śṛṇoti purāṇāni
wer die Purāṇas hört
satataṃ bhaktisaṃyutaḥ
stets mit Hingabe verbunden
tasya syānnirmalā buddhiḥ
dessen Verstand wird makellos
bhūyo dharmaparāyaṇaḥ
noch mehr der Rechtschaffenheit hingegeben

purāṇaśravaṇādbhaktirjāyate śrīpatau śubhā / viṣṇubhaktanṛṇāṃ bhūpa dharme buddhiḥ pravarttate

Aus dem Hören der Purāṇas entsteht heilvolle Hingabe zum Gemahl der Śrī [Viṣṇu]; bei den Viṣṇu ergebenen Menschen, o König, richtet sich der Verstand auf den Dharma.

Wort für Wort
purāṇaśravaṇādbhaktirjāyate
aus dem Hören der Purāṇas entsteht Hingabe
śrīpatau śubhā
heilvoll, zum Gemahl der Śrī
viṣṇubhaktanṛṇāṃ bhūpa
bei den Viṣṇu ergebenen Menschen, o König
dharme buddhiḥ pravarttate
richtet sich der Verstand auf den Dharma

dharmātpāpāni naśyanti jñānaṃ śuddhaṃ ca jāyate / dharmārthakāmamokṣāṇāṃ ye phalānyabhilipsavaḥ

Durch den Dharma schwinden die Sünden, und reines Wissen entsteht. Diejenigen, die die Früchte von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa zu erlangen wünschen –

Wort für Wort
dharmātpāpāni naśyanti
durch den Dharma schwinden die Sünden
jñānaṃ śuddhaṃ ca jāyate
und reines Wissen entsteht
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ
von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa
ye phalānyabhilipsavaḥ
diejenigen, die die Früchte zu erlangen wünschen

śruṇuyuste purāṇāni prāhuritthaṃ purāvidaḥ / ahaṃ tu gautamamuneḥ sarvajñādrūhyavādinaḥ

– die sollen die Purāṇas hören, so sagen die Kenner der alten Überlieferung. Ich aber [hatte] vom Weisen Gautama, dem Allwissenden,

Wort für Wort
śruṇuyuste purāṇāni
die sollen die Purāṇas hören
prāhuritthaṃ purāvidaḥ
so sagen die Kenner der alten Überlieferung
ahaṃ tu gautamamuneḥ
ich aber vom Weisen Gautama
sarvajñādrūhyavādinaḥ
dem allwissenden [Lesung unsicher]

[?] sarvajñādrūhyavādinaḥ: Lesung unsicher, etwa 'dem allwissenden, aufrichtig redenden' (rūhyavādinaḥ evtl. für ṛjuvādinaḥ).

śrutavānsarvadharmārtha gaṅgātīre manorame / kadācitparameśasya pūjāṃ karttumahaṃ gataḥ

– alle Bedeutungen des Dharma gehört, am reizvollen Gaṅgā-Ufer. Einst ging ich, um dem höchsten Herrn [Śiva] die Verehrung darzubringen,

Wort für Wort
śrutavānsarvadharmārtha
alle Bedeutungen des Dharma gehört habend
gaṅgātīre manorame
am reizvollen Gaṅgā-Ufer
kadācitparameśasya pūjāṃ
einst die Verehrung des höchsten Herrn
karttumahaṃ gataḥ
um sie darzubringen, ging ich

upasthitāyāpi tasmai praṇāmaṃ na hyakāriṣam / sa tu śānto mahābuddhirgauntamastejasāṃ nidhiḥ

– doch obwohl er zugegen war, erwies ich ihm fürwahr keine Verneigung. Er aber, der ruhige, hochweise Gautama, ein Schatz an [spiritueller] Kraft –

Wort für Wort
upasthitāyāpi tasmai
obwohl er zugegen war
praṇāmaṃ na hyakāriṣam
erwies ich fürwahr keine Verneigung
sa tu śānto mahābuddhiḥ
er aber, der ruhige, hochweise
gautamastejasāṃ nidhiḥ
Gautama, ein Schatz an Kraft

[?] gauntamaḥ: Schreibfehler für gautamaḥ.

mantroditāni karmaṇi karotītimudaṃ ya yau / yastvarcito mayā devaḥ śivaḥ sarvajagadguruḥ

[Pāda a: Lesung/Sinn unsicher] – er [Gautama] vollzog die in den Mantras verkündeten Riten; er, dessen Gott Śiva, der Guru der ganzen Welt, auch von mir verehrt worden war,

Wort für Wort
mantroditāni karmaṇi
die in den Mantras verkündeten Riten
karotītimudaṃ ya yau
[Lesung unsicher]
yastvarcito mayā devaḥ
welcher Gott von mir verehrt wurde
śivaḥ sarvajagadguruḥ
Śiva, der Guru der ganzen Welt

[Anm.: Pāda a (mantroditāni karmaṇi karotītimudaṃ ya yau) ist im Quelltext stark verderbt/unklar überliefert; Wortlaut und syntaktischer Anschluss an Pāda b bleiben unsicher.]

gurvavajñā kṛtāyena rākṣasaṃtve niyuktavān / jñānato 'jñānato vāpi yo 'vajñāṃ kurute guroḥ

– durch wen die Mißachtung des Gurus begangen wurde, den verwies er in den Zustand eines Rākṣasa. Ob wissentlich oder unwissentlich, wer Mißachtung gegen den Guru übt,

Wort für Wort
gurvavajñā kṛtāyena
durch wen die Mißachtung des Gurus begangen wurde
rākṣasaṃtve niyuktavān
den verwies er in den Rākṣasa-Zustand
jñānato 'jñānato vāpi
ob wissentlich oder unwissentlich
yo 'vajñāṃ kurute guroḥ
wer Mißachtung gegen den Guru übt

tasyaivāśu praṇaśyanti dhīvidyārthātmajakriyāḥ / śuśrūṣāṃ kurute yastu guruṇāṃ sādaraṃ naraḥ

– dessen Verstand, Wissen, Besitz, Nachkommenschaft und gute Werke schwinden sogleich dahin. Wer aber den Gurus ehrfürchtig Dienst erweist,

Wort für Wort
tasyaivāśu praṇaśyanti
dessen [Besitz] schwindet sogleich dahin
dhīvidyārthātmajakriyāḥ
Verstand, Wissen, Besitz, Nachkommenschaft und Werke
śuśrūṣāṃ kurute yastu
wer aber Dienst erweist
guruṇāṃ sādaraṃ naraḥ
den Gurus ehrfürchtig, als Mensch

tasya saṃpadbhavedbhūpa iti prāhurvipaścitaḥ / tena śāpena dagdho 'hamantaścaiva kṣadhāgninā

– dessen Wohlstand gedeiht, o König, so sagen die Weisen. Durch jenen Fluch bin ich verbrannt, und innerlich auch durch das Feuer des Hungers,

Wort für Wort
tasya saṃpadbhavedbhūpa
dessen Wohlstand gedeiht, o König
iti prāhurvipaścitaḥ
so sagen die Weisen
tena śāpena dagdho 'ham
durch jenen Fluch bin ich verbrannt
antaścaiva kṣadhāgninā
und innerlich auch durch das Feuer des Hungers

[?] kṣadhāgninā: wohl kṣudhāgninā ('durch das Feuer des Hungers').

mokṣaṃ kadā prayāsyāmi na jāne nṛpasattama / evaṃ vadati viprendra vaṭasthe 'sminniśācare

– wann ich zur Erlösung gelangen werde, weiß ich nicht, o bester König. So sprach, o Bester der Brahmanen, dieser Nachtdämon, der am Banyanbaum weilte.

Wort für Wort
mokṣaṃ kadā prayāsyāmi
wann ich zur Erlösung gelangen werde
na jāne nṛpasattama
weiß ich nicht, o bester König
evaṃ vadati viprendra
so spricht, o Bester der Brahmanen
vaṭasthe 'sminniśācare
dieser am Banyanbaum weilende Nachtdämon

dharmaśāstraprasaṃgena tayoḥ pāpaṃ kṣayaṃ gatam / etasminnantare prātpaḥ kaścidvipro 'tidhārmikaḥ

Durch das Gespräch über die Dharma-Lehre schwand die Sünde der beiden. Währenddessen kam ein gewisser überaus rechtschaffener Brahmane herbei,

Wort für Wort
dharmaśāstraprasaṃgena
durch das Gespräch über die Dharma-Lehre
tayoḥ pāpaṃ kṣayaṃ gatam
schwand die Sünde der beiden
etasminnantare prātpaḥ
währenddessen kam herbei
kaścidvipro 'tidhārmikaḥ
ein gewisser überaus rechtschaffener Brahmane

kaliṅgadeśasaṃbhūto nānmrā garga iti smṛtaḥ / vahangaṅgājalaṃ skandhe stuvan viśveśvaraṃ prabhum

– aus dem Lande Kaliṅga stammend, mit Namen Garga bekannt, der Gaṅgā-Wasser auf der Schulter trug, den Herrn des Alls preisend,

Wort für Wort
kaliṅgadeśasaṃbhūto
aus dem Lande Kaliṅga stammend
nāmnā garga iti smṛtaḥ
mit Namen Garga bekannt
vahangaṅgājalaṃ skandhe
Gaṅgā-Wasser auf der Schulter tragend
stuvan viśveśvaraṃ prabhum
den Herrn des Alls preisend

[?] nānmrā: Schreibfehler für nāmnā.

gāyannāmāni tasyaiva mudā hṛṣṭatanūruhaḥ / tamāgataṃ muniṃ dṛṣṭvā piśācīrākṣasau ca tau

– dessen Namen singend, vor Freude mit gesträubten Körperhärchen. Als sie diesen herannahenden Weisen erblickten, die Piśācī und die beiden Rākṣasas,

Wort für Wort
gāyannāmāni tasyaiva
dessen Namen singend
mudā hṛṣṭatanūruhaḥ
vor Freude mit gesträubten Körperhärchen
tamāgataṃ muniṃ dṛṣṭvā
als sie diesen herannahenden Weisen erblickten
piśācīrākṣasau ca tau
die Piśācī und die beiden Rākṣasas

prātpā naḥ pāraṇetyuktvā prādvavannūrdhvabāhavaḥ / tena kīrtitanāmāni śrutvā dūre vyavasthitāḥ / aśaktāstaṃ dharṣayitumidamūcuśca rākṣasāḥ

'Unser Fastenbrechen ist da!' rufend, liefen sie mit erhobenen Armen [auf ihn zu]; doch als sie die von ihm gesungenen Gottesnamen hörten, blieben sie in der Ferne stehen. Unfähig, ihn anzugreifen, sprachen die Rākṣasas dies:

Wort für Wort
prātpā naḥ pāraṇetyuktvā
'Unser Fastenbrechen ist da!' rufend
prādvavannūrdhvabāhavaḥ
liefen sie mit erhobenen Armen los
tena kīrtitanāmāni śrutvā
als sie die von ihm gesungenen Namen hörten
dūre vyavasthitāḥ
blieben sie in der Ferne stehen
aśaktāstaṃ dharṣayitum
unfähig, ihn anzugreifen
idamūcuśca rākṣasāḥ
sprachen die Rākṣasas dies

[Anm.: Der Vers umfasst im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei.]

aho vipra mahābhāga namastubhya mahātmane / nāmakīrtanamāhātmyādrākṣasā dūragāvayam

'Oh Brahmane, Hochbeglückter, Verehrung dir, dem Hochgesinnten! Durch die Größe des [von dir vollzogenen] Namenspreisens bleiben wir Rākṣasas fern.'

Wort für Wort
aho vipra mahābhāga
oh Brahmane, Hochbeglückter
namastubhya mahātmane
Verehrung dir, dem Hochgesinnten
nāmakīrtanamāhātmyād
durch die Größe des Namenspreisens
rākṣasā dūragāvayam
wir Rākṣasas bleiben fern

asmābhirbhakṣitāḥ pūrvaṃ viprāḥ koṭisahasraḥ / nāmaprāvaraṇaṃ vipra rakṣati tvāṃ mahābhayayāt

'Von uns wurden zuvor Brahmanen zu Tausenden von Koṭis verzehrt; doch das Gewand des Gottesnamens, o Brahmane, schützt dich vor großer Gefahr.'

Wort für Wort
asmābhirbhakṣitāḥ pūrvaṃ
von uns wurden zuvor verzehrt
viprāḥ koṭisahasraḥ
Brahmanen zu Tausenden von Koṭis
nāmaprāvaraṇaṃ vipra
das Gewand des [Gottes-]Namens, o Brahmane
rakṣati tvāṃ mahābhayayāt
schützt dich vor großer Gefahr

nāmaśravaṇamātreṇa rākṣasā api bho vayam / parāṃ śāntiṃ samāpannā mahimnā hyacyutasya vai

'Allein durch das Hören des Gottesnamens haben auch wir, die Rākṣasas, höchsten Frieden erlangt, durch die Macht des Unvergänglichen fürwahr.'

Wort für Wort
nāmaśravaṇamātreṇa
allein durch das Hören des Namens
rākṣasā api bho vayam
auch wir Rākṣasas
parāṃ śāntiṃ samāpannā
haben höchsten Frieden erlangt
mahimnā hyacyutasya vai
durch die Macht des Unvergänglichen fürwahr

sarvathā tvaṃ mahābhāga rāgādiruhitohyasi / gaṅgājalābhiṣekeṇa pāhyasmātpātakoccayāt

'In jeder Hinsicht bist du, o Hochbeglückter, frei von Leidenschaft und dergleichen; errette uns durch die Besprengung mit Gaṅgā-Wasser aus diesem Sündenhaufen.'

Wort für Wort
sarvathā tvaṃ mahābhāga
in jeder Hinsicht bist du, o Hochbeglückter
rāgādiruhitohyasi
frei von Leidenschaft und dergleichen
gaṅgājalābhiṣekeṇa
durch die Besprengung mit Gaṅgā-Wasser
pāhyasmātpātakoccayāt
errette uns aus diesem Sündenhaufen

[?] ruhito: wohl rahitaḥ ('frei von').

harise vāparo bhūtvā yaścātmānaṃ tu tārayet / sa tārayenagatsarvamiti śaṃsanti sūrayaḥ

'Wer, gleichsam selbst zu einem zweiten Hari geworden, sich selbst rettet, der [kann dadurch] alle [anderen] retten' – so verkünden die Weisen.

Wort für Wort
harise vāparo bhūtvā
gleichsam selbst zu einem zweiten Hari geworden [?]
yaścātmānaṃ tu tārayet
wer sich selbst rettet
sa tārayenagatsarvam
der kann [dadurch] alle retten [?]
iti śaṃsanti sūrayaḥ
so verkünden die Weisen

[Anm.: Beide Pādas unsicher überliefert (harise vāparo; tārayenagatsarvam); Übersetzung folgt dem wahrscheinlichsten Sinn (ein Selbstbefreiter vermag auch andere zu befreien).]

avahāya harernāma ghorasaṃsārabheṣajam / kenopāyena labhyeta muktiḥ sarvatra durlabhā

'Abgesehen vom Namen Haris, dem Heilmittel gegen den schrecklichen Weltenkreislauf – durch welches andere Mittel könnte die überall so schwer erreichbare Befreiung erlangt werden?'

Wort für Wort
avahāya harernāma
abgesehen vom Namen Haris
ghorasaṃsārabheṣajam
dem Heilmittel gegen den schrecklichen Weltenkreislauf
kenopāyena labhyeta
durch welches Mittel könnte erlangt werden
muktiḥ sarvatra durlabhā
die überall schwer erreichbare Befreiung

lohoḍupena pratarannimajatyudake yathā / tayaivākṛtapuṇyāstu tārayanti kathaṃ parān

'Wie wer mit einem eisernen Floß überzusetzen versucht, im Wasser versinkt – wie sollten die Verdienstlosen durch eben dieses [andere Mittel] andere hinüberretten?'

Wort für Wort
lohoḍupena pratarat
wer mit einem eisernen Floß überzusetzen versucht
nimajatyudake yathā
versinkt im Wasser, so wie
tayaivākṛtapuṇyāstu
durch eben dieses [Mittel] die Verdienstlosen aber
tārayanti kathaṃ parān
wie sollten sie andere hinüberretten

aho caritraṃ mahatāṃ sarvalokasukhāvaham / yathā hi sarvalokānāmānandāya kalānidhiḥ

'Oh, das Wirken der Großen bringt allen Welten Glück, so wie der Mond zur Freude aller Welten dient!'

Wort für Wort
aho caritraṃ mahatāṃ
oh, das Wirken der Großen
sarvalokasukhāvaham
das allen Welten Glück bringt
yathā hi sarvalokānām
so wie für alle Welten
ānandāya kalānidhiḥ
der Mond zur Freude [dient]

pṛthivyāṃ yāni tīrthāni pavitrāṇi dvijottama / tāni sarvāṇi gaṅgāyāḥ kaṇasyāpi samānina

'Welche reinen Pilgerstätten es auch auf Erden gibt, o Bester der Zweifachgeborenen – sie alle kommen nicht einmal einem Tröpfchen der Gaṅgā gleich.'

Wort für Wort
pṛthivyāṃ yāni tīrthāni
welche Pilgerstätten es auf Erden gibt
pavitrāṇi dvijottama
reine, o Bester der Zweifachgeborenen
tāni sarvāṇi gaṅgāyāḥ
sie alle kommen der Gaṅgā
kaṇasyāpi na samāni
nicht einmal einem Tröpfchen gleich

[?] samānina: wohl na samāni ('sind nicht gleich').

tulasīdalapradalasaṃmiśramapi sarṣapamātrakam / gaṅgājalaṃ punātyeva kulānāmekaviṃśatim

'Selbst nur senfkorngroß, mit einem Tulasī-Blättchen vermischt, reinigt Gaṅgā-Wasser fürwahr einundzwanzig Geschlechter der Ahnenreihe.'

Wort für Wort
tulasīdalapradalasaṃmiśramapi
selbst mit einem Tulasī-Blättchen vermischt
sarṣapamātrakam
nur senfkorngroß
gaṅgājalaṃ punātyeva
reinigt Gaṅgā-Wasser fürwahr
kulānāmekaviṃśatim
einundzwanzig Geschlechter

tasmādvipra mahābhāga sarvaśāstrārthakovida / gaṅgājalapradānena pāhmasmānpāpakarmiṇaḥ

'Deshalb, o Brahmane, Hochbeglückter, Kenner des Sinns aller Lehrschriften, errette uns Sünder durch das Spenden von Gaṅgā-Wasser!'

Wort für Wort
tasmādvipra mahābhāga
deshalb, o Brahmane, Hochbeglückter
sarvaśāstrārthakovida
Kenner des Sinns aller Lehrschriften
gaṅgājalapradānena
durch das Spenden von Gaṅgā-Wasser
pāhmasmānpāpakarmiṇaḥ
errette uns, die Sünder

[?] pāhmasmān: wohl pāhi asmān ('errette uns').

ityākhyātaṃ rākṣasaistairgaṅgāmāhātmyamuttamam / niśamya vismayāviṣṭo babhūva dvijasatamaḥ

Als der beste der Zweifachgeborenen die so von jenen Rākṣasas erzählte, vorzügliche Größe der Gaṅgā vernommen hatte, wurde er von Staunen erfüllt.

Wort für Wort
ityākhyātaṃ rākṣasaistaiḥ
so von jenen Rākṣasas erzählt
gaṅgāmāhātmyamuttamam
die vorzügliche Größe der Gaṅgā
niśamya vismayāviṣṭo
dies vernehmend, von Staunen erfüllt
babhūva dvijasatamaḥ
wurde der beste der Zweifachgeborenen

eṣāmapīddaśī bhaktirgaṅgāyāṃ lokamātari / kimu jñānaprabhāvāṇāṃ mahatāṃ puṇyaśālinām

'Selbst diese haben eine solche Hingabe zur Gaṅgā, der Mutter der Welt – um wieviel mehr gilt dies für die durch Wissen Mächtigen, die Großen, die verdienstreich sind!'

Wort für Wort
eṣāmapīddaśī bhaktir
selbst diese haben eine solche Hingabe
gaṅgāyāṃ lokamātari
zur Gaṅgā, der Mutter der Welt
kimu jñānaprabhāvāṇāṃ
um wieviel mehr für die durch Wissen Mächtigen
mahatāṃ puṇyaśālinām
die Großen, die verdienstreich sind

athāsau manasā dharmaṃ viniścitya drijottamaḥ / sarvapūtahito bhaktaḥ prāprotīti paraṃ padam

Darauf, nachdem er im Geiste über den Dharma entschieden hatte, [dachte] der beste der Zweifachgeborenen: 'Wer ganz geläutert, wohlgesinnt und hingebungsvoll ist, erlangt den höchsten Zustand.'

Wort für Wort
athāsau manasā dharmaṃ
darauf im Geiste über den Dharma
viniścitya drijottamaḥ
entschieden habend, der beste der Zweifachgeborenen
sarvapūtahito bhaktaḥ
wer ganz geläutert, wohlgesinnt, hingebungsvoll
prāprotīti paraṃ padam
erlangt den höchsten Zustand

[?] drijottamaḥ: Schreibfehler für dvijottamaḥ; prāprotīti: wohl prāpnoti iti.

tato vipraḥ kṛpāviṣṭo gaṅgājalapranuttamamam / tulasīdalasaṃmiśraṃ teṣu rakṣaḥsvasecayat

Darauf, von Mitleid erfüllt, besprengte der Brahmane jene Rākṣasas mit dem vorzüglichsten, mit Tulasī-Blättern vermischten Gaṅgā-Wasser.

Wort für Wort
tato vipraḥ kṛpāviṣṭo
darauf der Brahmane, von Mitleid erfüllt
gaṅgājalapranuttamamam
mit dem vorzüglichsten Gaṅgā-Wasser
tulasīdalasaṃmiśraṃ
mit Tulasī-Blättern vermischt
teṣu rakṣaḥsvasecayat
besprengte er jene Rākṣasas

rākṣasāstena siktāstu sarṣapopamabindunā / vimṛjya rākṣasaṃ bhāvamabhavandevatopamāḥ

Die Rākṣasas, von ihm mit einem nur senfkorngroßen Tropfen besprengt, streiften ihre Rākṣasa-Natur ab und wurden gottgleich.

Wort für Wort
rākṣasāstena siktāstu
die Rākṣasas, von ihm besprengt
sarṣapopamabindunā
mit einem senfkorngroßen Tropfen
vimṛjya rākṣasaṃ bhāvam
ihre Rākṣasa-Natur abstreifend
abhavandevatopamāḥ
wurden sie gottgleich

brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca / koṭisūryapratīkāśā babhūvurvivudharṣabhāḥ

[Pāda a: Lesung unsicher, wohl 'nachdem sie den Brahmanen gebührend verehrt hatten'] – wurden sie, den zehn Millionen Sonnen gleich strahlend, zu Erstlingen unter den Göttern.

Wort für Wort
brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca
[Lesung unsicher]
koṭisūryapratīkāśā
den zehn Millionen Sonnen gleich strahlend
babhūvurvivudharṣabhāḥ
wurden sie zu Erstlingen unter den Göttern

[Anm.: Pāda a (brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca) ist verderbt überliefert; Sinn nicht sicher rekonstruierbar.]

śaṅkhacakragadācihnā harisārupyamāgatāḥ / stuvanto brāhmaṇaṃ samyakte jagmurha rimāndiram

Mit den Zeichen von Muschelhorn, Diskus und Keule versehen, gelangten sie zur Gleichgestalt mit Hari; den Brahmanen gebührend preisend, gingen sie zum Wohnsitz Haris.

Wort für Wort
śaṅkhacakragadācihnā
mit den Zeichen von Muschelhorn, Diskus und Keule
harisārupyamāgatāḥ
gelangten sie zur Gleichgestalt mit Hari
stuvanto brāhmaṇaṃ samyak
den Brahmanen gebührend preisend
te jagmurhareḥ mandiram
gingen sie zum Wohnsitz Haris

[?] rimāndiram: wohl hareḥ mandiram ('Wohnsitz Haris').

rājā kalmāṣapādastu nijarupaṃ samāsthitaḥ / jagāma mahatīṃ cintāṃ dṛṣṭvā tānmuktigānadhān

König Kalmāṣapāda aber, noch in seiner Rākṣasa-Gestalt verharrend, geriet in große Sorge, als er jene zur Erlösung Gelangten sah.

Wort für Wort
rājā kalmāṣapādastu
König Kalmāṣapāda aber
nijarupaṃ samāsthitaḥ
in seiner eigenen [Rākṣasa-]Gestalt verharrend
jagāma mahatīṃ cintāṃ
geriet in große Sorge
dṛṣṭvā tānmuktigānadhān
als er jene zur Erlösung Gelangten sah

[?] muktigānadhān: Lesung unsicher, wohl muktigatān ('zur Erlösung Gelangte').

tasmin rājñi suduḥkhārte gūḍharupā sarasvatī / dharmamūlaṃ mahāvākyaṃ babhāṣe 'gādhayā girā

Als jener König sehr von Leid bedrängt war, sprach Sarasvatī, in verborgener Gestalt, mit unergründlicher Stimme ein großes, im Dharma wurzelndes Wort:

Wort für Wort
tasmin rājñi suduḥkhārte
als jener König sehr von Leid bedrängt war
gūḍharupā sarasvatī
Sarasvatī in verborgener Gestalt
dharmamūlaṃ mahāvākyaṃ
ein großes, im Dharma wurzelndes Wort
babhāṣe 'gādhayā girā
sprach sie mit unergründlicher Stimme

bho bho rājanmahābhāga na duḥkhaṃ gantumarhasi / rājastavāpi bhāgānte mahacchreyo bhaviṣyati

'Oh, oh König, Hochbeglückter, du sollst nicht in Kummer verfallen! O König, auch für dich wird am Ende dieses Schicksalsabschnitts großes Heil eintreten.'

Wort für Wort
bho bho rājanmahābhāga
oh, oh König, Hochbeglückter
na duḥkhaṃ gantumarhasi
du sollst nicht in Kummer verfallen
rājastavāpi bhāgānte
o König, auch für dich am Ende des Anteils
mahacchreyo bhaviṣyati
wird großes Heil eintreten

satkarmadhūtapāpā ye haribhaktiparāyaṇāḥ / prayānti nātra saṃdehastadviṣṇoḥ paramaṃ padam

'Diejenigen, deren Sünden durch gute Werke abgewaschen sind, die der Hingabe an Hari ergeben sind, gelangen – daran ist kein Zweifel – zum höchsten Ort Viṣṇus.'

Wort für Wort
satkarmadhūtapāpā
deren Sünden durch gute Werke abgewaschen sind
ye haribhaktiparāyaṇāḥ
die der Hingabe an Hari ergeben sind
prayānti nātra saṃdehas
sie gelangen, daran ist kein Zweifel
tadviṣṇoḥ paramaṃ padam
zum höchsten Ort Viṣṇus

sarvabhūtadayāyuktā dharmamārgapravartinaḥ / prayānti paramaṃ sthānaṃ gurupūjāparāyaṇāḥ

'Diejenigen, die mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet sind, die dem Pfad des Dharma folgen und der Guru-Verehrung ergeben sind, gelangen zum höchsten Ort.'

Wort für Wort
sarvabhūtadayāyuktā
mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet
dharmamārgapravartinaḥ
die dem Pfad des Dharma folgen
prayānti paramaṃ sthānaṃ
gelangen zum höchsten Ort
gurupūjāparāyaṇāḥ
der Guru-Verehrung ergeben

itīritaṃ samākarṇya bhāratyā nṛpasatamaḥ / manasā nirvṛttiṃ prāpyasasmāra ca gurorvacaḥ

Als der beste der Könige dies, von Bhāratī gesprochen, vernommen hatte, erlangte er im Geiste Trost und erinnerte sich an die Worte seines Gurus.

Wort für Wort
itīritaṃ samākarṇya
dies so Gesprochene vernehmend
bhāratyā nṛpasatamaḥ
der beste der Könige, [gesprochen] von Bhāratī
manasā nirvṛttiṃ prāpya
im Geiste Trost erlangend
asasmāra ca gurorvacaḥ
und erinnerte sich an die Worte seines Gurus

stuvanguruṃ ca taṃ vignaṃ hariṃ caivātiharṣitaḥ / pīrvavṛttaṃ ca viprāya sarvaṃ tasmai nyavedayat

Seinen Guru preisend und ebenso Hari, den Beseitiger der Hindernisse, überaus erfreut, teilte er dem Brahmanen alles mit, was zuvor geschehen war.

Wort für Wort
stuvanguruṃ ca taṃ
seinen Guru preisend und ihn
vignaṃ hariṃ caivātiharṣitaḥ
den Hindernis-Beseitiger Hari, überaus erfreut
pīrvavṛttaṃ ca viprāya
und das zuvor Geschehene dem Brahmanen
sarvaṃ tasmai nyavedayat
teilte er ihm alles mit

[?] vignaṃ: wohl vighnaṃ; pīrvavṛttaṃ: wohl pūrvavṛttaṃ.

tato nṛpastu kāliṅgaṃ praṇamya vidhirvamune / nāmāni vyāharanviṣṇoḥ sadyo vārāṇasīṃ yayau

Darauf verneigte sich der König gebührend vor dem Brahmanen aus Kaliṅga, und, die Namen Viṣṇus aussprechend, begab er sich sogleich nach Vārāṇasī.

Wort für Wort
tato nṛpastu kāliṅgaṃ
darauf der König den [Brahmanen] aus Kaliṅga
praṇamya vidhirvamune
gebührend verneigend, o Weiser
nāmāni vyāharanviṣṇoḥ
die Namen Viṣṇus aussprechend
sadyo vārāṇasīṃ yayau
begab er sich sogleich nach Vārāṇasī

[?] vidhirvamune: Lesung unsicher, wohl vidhivan mune ('gebührend, o Weiser').

ṣaṇmāsaṃ tatra gaṅgāyāṃ snātvā dṛṣṭvā sadānivam / brāhmaṇīdattaśa pāttu mukto mitrasaho 'bhavat

Nachdem er dort sechs Monate in der Gaṅgā gebadet und stets Śiva erblickt hatte, wurde Mitrasaha von dem Fluch, den die Brahmanenfrau gegeben hatte, befreit.

Wort für Wort
ṣaṇmāsaṃ tatra gaṅgāyāṃ
sechs Monate dort in der Gaṅgā
snātvā dṛṣṭvā sadānivam
gebadet und stets Śiva erblickt habend
brāhmaṇīdattaśa pāttu
vom Fluch der Brahmanenfrau
mukto mitrasaho 'bhavat
wurde Mitrasaha befreit

[?] sadānivam: wohl sadā śivam; brāhmaṇīdattaśa pāttu: wohl brāhmaṇīdattaśāpāt.

tatastu svapurīṃ prātpo vasiṣṭena mahātmanā / abhiṣikto munuśreṣṭha svakaṃ rājyamapālayat

Darauf gelangte er zu seiner eigenen Stadt, und von dem hochgesinnten Vasiṣṭha [zum König] gesalbt, o Bester der Weisen, beherrschte er sein eigenes Königreich.

Wort für Wort
tatastu svapurīṃ prātpo
darauf gelangte er zu seiner eigenen Stadt
vasiṣṭena mahātmanā
durch den hochgesinnten Vasiṣṭha
abhiṣikto munuśreṣṭha
gesalbt, o Bester der Weisen
svakaṃ rājyamapālayat
beherrschte er sein eigenes Königreich

[?] munuśreṣṭha: Schreibfehler für muniśreṣṭha.

pālayitvā mahīṃ kṛtstrāṃ bhuktvā bhogānstriyaṃ vinā / vaśiṣṭātprāpya santānaṃ gato mokṣaṃ nṛpottamaḥ

Nachdem er die ganze Erde regiert und ihre Genüsse ausgekostet hatte – ohne [selbst Vereinigung mit] seiner Frau –, und nachdem er durch Vasiṣṭha Nachkommenschaft erlangt hatte, ging der beste der Könige zur Erlösung ein.

Wort für Wort
pālayitvā mahīṃ kṛtstrāṃ
nachdem er die ganze Erde regiert hatte
bhuktvā bhogānstriyaṃ vinā
und Genüsse ausgekostet hatte, ohne [Vereinigung mit] der Frau
vaśiṣṭātprāpya santānaṃ
nachdem er von Vasiṣṭha Nachkommenschaft erlangt hatte
gato mokṣaṃ nṛpottamaḥ
ging der beste der Könige zur Erlösung ein

[Anm.: Anspielung auf die aus dem Mahābhārata bekannte Niyoga-Erzählung, wonach Vasiṣṭha dem verfluchten König mit dessen Gattin (dort: Madayantī) einen Sohn zeugte; die vorliegende Purāṇa-Fassung fasst dies stark verkürzt zusammen, ohne die Gattin namentlich zu nennen.]

naitaccitraṃ dvijaśreṣṭha viṣṇorvārāṇasīguṇān / gṛṇañchṛṇvansmarangaṅgāṃ pītvā mukto bhavennaraḥ

'Dies ist nicht verwunderlich, o Bester der Zweifachgeborenen: Wer die Vorzüge von Viṣṇus Stadt Vārāṇasī verkündet, hört, an die Gaṅgā denkt und ihr Wasser trinkt, dieser Mensch wird befreit.'

Wort für Wort
naitaccitraṃ dvijaśreṣṭha
dies ist nicht verwunderlich, o Bester der Zweifachgeborenen
viṣṇorvārāṇasīguṇān
die Vorzüge von Viṣṇus Vārāṇasī
gṛṇañchṛṇvansmarangaṅgāṃ
verkündend, hörend, an die Gaṅgā denkend
pītvā mukto bhavennaraḥ
und trinkend wird der Mensch befreit

tasmānmāhimne viprendra gaṅgāyāḥ śakyate nahi / pāraṃ gantuṃ surādhīśairbrahmaviṣṇuśivarapi

'Deshalb, o Bester der Brahmanen, vermag man der Größe der Gaṅgā nicht an ihr Ende zu gelangen – selbst nicht durch die Herren der Götter, Brahmā, Viṣṇu und Śiva.'

Wort für Wort
tasmānmāhimne viprendra
deshalb, hinsichtlich der Größe, o Bester der Brahmanen
gaṅgāyāḥ śakyate nahi
der Gaṅgā vermag man fürwahr nicht
pāraṃ gantuṃ
an ihr Ende zu gelangen
surādhīśairbrahmaviṣṇuśivarapi
selbst durch die Götterherren Brahmā, Viṣṇu und Śiva

yannāmasmaraṇādeva mahāpātakakoṭibhiḥ / vimukto brahmasadanaṃ naro yāti na saṃśayaḥ

'Allein durch das Gedenken an ihren Namen, von Millionen großer Sünden befreit, geht der Mensch – daran ist kein Zweifel – in die Wohnstatt Brahmās ein.'

Wort für Wort
yannāmasmaraṇādeva
allein durch das Gedenken an ihren Namen
mahāpātakakoṭibhiḥ
von Millionen großer Sünden
vimukto brahmasadanaṃ
befreit, in die Wohnstatt Brahmās
naro yāti na saṃśayaḥ
geht der Mensch ein, daran ist kein Zweifel

gaṅgā gaṅgeti yannāma sakṛdapyucyate yadā / tadaiva pāpanimukto brahmaloke mahīyate

'Wenn der Name „Gaṅgā, Gaṅgā" auch nur ein einziges Mal ausgesprochen wird, dann eben, von Sünde befreit, wird [der Sprecher] in der Brahmā-Welt erhöht.'

Wort für Wort
gaṅgā gaṅgeti yannāma
der Name 'Gaṅgā, Gaṅgā'
sakṛdapyucyate yadā
wenn er auch nur ein einziges Mal ausgesprochen wird
tadaiva pāpanimukto
dann eben, von Sünde befreit
brahmaloke mahīyate
wird er in der Brahmā-Welt erhöht

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