Kapitel 8: kalmāṣapādasya rākṣasatvaṃ brahmarākṣasavṛttāntaśca gaṅgājalena mokṣaśca
Die Rākṣasa-Verwandlung des Kalmāṣapāda, die Geschichte des Brahmarākṣasa und die Befreiung durch Gaṅgā-Wasser
Nārada sprach: Wie wurde der beste der Könige, der Sohn des Sudāsa, von Vasiṣṭha verflucht, und wie wurde er durch die Besprengung mit einem Tropfen Gaṅgāwasser wieder rein?
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach
śatpaḥ kathaṃ vasiṣṭena
wie wurde er von Vasiṣṭha verflucht
saundāso nṛpasattamaḥ
der Sohn des Sudāsa, der beste der Könige
gaṅgābindūbhiṣekeṇa
durch die Besprengung mit einem Tropfen Gaṅgāwasser
Dies alles mögest du vollständig erzählen, mein Bruder; die Erzählung von der Gaṅgā bringt Segen, sowohl für die Hörenden als auch für die Sprechenden.
Wort für Wort
sarvametadaśeṣeṇa
dies alles vollständig
bhrātarme vaktumarhasi
mögest du erzählen, mein Bruder
śṛṇvatāṃ vadatāṃ caiva
sowohl für die Hörenden als auch für die Sprechenden
So wie diese Erde mit ihren sieben Meeren zuvor von Sagara beschützt wurde, so wurde sie ebenso von diesem Saudāsa beschützt, der keinem Aspekt des Dharma widersprach.
König Saudāsa aber betrat einst, der Jagd zugetan, mit seinem Heer ordnungsgemäß den Wald, der zuvor von den Ministern gründlich durchsucht worden war.
Wort für Wort
saudāsastvekadā rājā
König Saudāsa aber einst
mṛgayābhiratirvanam
der Jagd zugetan, den Wald
viveśa sabalaḥ samyak
betrat er, mit seinem Heer, ordnungsgemäß
śodhitaṃ hyāsamantribhiḥ
der von den Ministern gründlich durchsucht worden war
sudāsatanayastatra snātvā kṛtvāhnikaṃ mune /
bhuktvā ca mantribhiḥ sārdhdaṃ tāṃ niśāṃ tatra cāvasat
Der Sohn des Sudāsa badete dort, vollzog die täglichen Riten, o Weiser, und verbrachte, nachdem er zusammen mit den Ministern gegessen hatte, jene Nacht dort.
Wort für Wort
sudāsatanayastatra
der Sohn des Sudāsa dort
snātvā kṛtvāhnikaṃ mune
nachdem er gebadet und die täglichen Riten vollzogen hatte, o Weiser
dūrasainyo 'śvamārūḍhaḥ sa rājānuvrajanmṛgam /
vyāghradvayaṃ guhāsaṃsthamapaśthamapaśyatsurate ratam
Fern von seinem Heer, ein Pferd besteigend, erblickte jener König, dem Wild folgend, ein Tigerpaar, das sich in einer Höhle der Liebesvereinigung hingab.
tāṃ vyāghrīṃ pātayāmāsa tīkṣṇāgranataparvaṇā /
patamānā tu sāvyāghrī ṣaṭratriṃśadyojanāyatā
Mit einem Pfeil von scharfer Spitze brachte er die Tigerin zu Fall; die fallende Tigerin aber erstreckte sich dabei über eine Strecke von sechsunddreißig Yojanas.
Wort für Wort
tāṃ vyāghrīṃ pātayāmāsa
die Tigerin brachte er zu Fall
tīkṣṇāgranataparvaṇā
mit einem Pfeil von scharfer Spitze
patamānā tu sāvyāghrī
die fallende Tigerin aber
ṣaṭtriṃśadyojanāyatā
über eine Strecke von sechsunddreißig Yojanas ausgedehnt
Wie ein Blitz, mit schrecklichem Getöse, wurde sie zu einer entstellten Rākṣasī; seine gefallene Geliebte erblickend, wurde jener Tiger-Rākṣasa von Hass erfüllt.
samārebhe prasannātmā vaśiṣṭādyamunīśvaraiḥ /
tatra brahmādidevebhyo havirdattvā yathāvidhi
Er begann es, frohen Sinnes, zusammen mit Vasiṣṭha und anderen Herren der Weisen, und brachte dort Brahmā und den anderen Göttern vorschriftsmäßig die Opfergaben dar.
Wort für Wort
samārebhe prasannātmā
er begann es, frohen Sinnes
vaśiṣṭādyamunīśvaraiḥ
zusammen mit Vasiṣṭha und anderen Herren der Weisen
Nachdem er das Opfer beendet hatte, aus dem Opfer heraustretend, badete Vasiṣṭha; unterdessen kam jener Rākṣasa, dessen Gattin vom König getötet worden war, von großem Zorn erfüllt, um Vergeltung am König zu üben.
Wort für Wort
samāpya yajñaniṣkrānto
nachdem er das Opfer beendet hatte, heraustretend
vaśiṣṭaḥ snātako 'pi ca
Vasiṣṭha, auch gebadet
atrāntare rākṣaso 'sau
unterdessen jener Rākṣasa
nṛpahiṃsitabhāryakaḥ
dessen Gattin vom König getötet worden war
kartuṃ pratikriyāṃ rājñe
um Vergeltung am König zu üben
samāyāta uruṣānvitaḥ
kam er, von großem Zorn erfüllt
[Anm.: Vers hat drei statt zwei Pādas in der Quelle, unverändert wiedergegeben.]
sa rākṣasastasya gurau prayāte vaśiṣṭaveṣaṃ tu tadaiva dhṛtvā /
rājānamabhyetya jagāda bhokṣye māṃsaṃ samicchāmyahamityuvāca
Jener Rākṣasa nahm, als dessen Lehrer Vasiṣṭha sich entfernt hatte, eben da die Gestalt Vasiṣṭhas an, trat zum König und sprach: 'Ich möchte Fleisch essen.'
Wort für Wort
sa rākṣasastasya gurau prayāte
jener Rākṣasa, als dessen Lehrer sich entfernt hatte
bhūyaḥ samāsthāya sa sūdavaṣaṃ paktvāmiṣaṃ mānupamasya vādāt /
sthitaśca rājāpi hari yapātre dhṛtvā gurorāgamanaṃ pratīkṣan
Darauf nahm er, der Rākṣasa, wiederum die Gestalt eines Kochs an und kochte auf sein Geheiß Menschenfleisch [?]; der König aber verweilte, es in einer goldenen Schale haltend [?], die Rückkehr seines Lehrers erwartend.
Wort für Wort
bhūyaḥ samāsthāya sa sūdaveṣaṃ
darauf wiederum die Gestalt eines Kochs annehmend, er
paktvāmiṣaṃ [?]
kochte Fleisch [?]
sthitaśca rājāpi hemapātre [?] dhṛtvā
und der König verweilte, es in einer goldenen Schale haltend [?]
gurorāgamanaṃ pratīkṣan
die Rückkehr seines Lehrers erwartend
[?] "mānupamasya vādāt" und "hari yapātre" unklar/verderbt, sinngemäß als Menschenfleisch bzw. goldene Schale gedeutet.
'So geh du, o König, in den Rākṣasa-Zustand ein, der zu dieser Speise passt!' - während er diesen Fluch aussprach, geriet Saudāsa, von Furcht überwältigt, in Bestürzung.
Mit seinem göttlichen Auge erkannte er, dass der König vom Rākṣasa getäuscht worden war. Der König aber schickte sich an, mit Wasser in der Hand Vasiṣṭha zu verfluchen.
Madayantī sprach: O, o Erbe der Kṣatriyas, du solltest deinen Zorn zurückhalten; was du auch für eine leidvolle Handlung erfahren musstest, das ist dir als Folge früherer Taten zuteilgeworden - daran besteht kein Zweifel.
guru tukṛtya huṅkṛtya yo vadenmṛḍhadhīrnaraḥ /
araṇye nirjale deśa sa bhaveddhahyarākṣasaḥ
Wer, ein Mensch von törichtem Verstand, gegenüber seinem Lehrer einen verächtlichen Laut ausstößt oder grob spricht, der wird zu einem in einer wasserlosen Wildnis brennenden Rākṣasa.
Wort für Wort
gurau kṛtvā huṅkṛtya [?]
gegenüber dem Lehrer einen verächtlichen Laut ausstoßend [?]
yo vadenmūḍhadhīrnaraḥ
wer, ein Mensch von törichtem Verstand, spricht
araṇye nirjale deśe
in einer wasserlosen Wildnis
sa bhaveddahyarākṣasaḥ
der wird zu einem brennenden Rākṣasa
[Anm.: Konstruktion des Verses unsicher, sinngemäß wiedergegeben.]
jitendriyā jitakrodhā guru śuśrūṣaṇe ratāḥ /
prayānti brahmasadanamiti śāstreṣu niścayaḥ
Die ihre Sinne bezähmt haben, ihren Zorn bezähmt haben und dem Dienst am Lehrer zugetan sind, gehen in die Wohnstatt Brahmās ein - dies ist die feststehende Lehre der Schriften.
avivero hi sarveṣāmāpadāṃ paramaṃ padam /
vivekarahito loke paśureva na saṃśayaḥ
Die Unbesonnenheit ist wahrlich der höchste Ursprung aller Gefahren; wer ohne Unterscheidungskraft in der Welt ist, ist eben ein Tier - daran besteht kein Zweifel.
Vom König, der es freilich nicht wusste, wurde eine seinem Unwissen entsprechende Tat begangen; ich selbst aber bin es, der ohne Unterscheidungskraft und unwissend Sünde begangen hat.
Wort für Wort
rājñā tvajānatā nūnam
vom König, der es freilich nicht wusste
etatkarmocitaṃ kṛtam
wurde diese entsprechende Tat begangen
vivekarahito 'jño 'haṃ
ich, ohne Unterscheidungskraft, unwissend
yataḥ pāpaṃ samācaret
weshalb ich Sünde begangen habe
[Anm.: Zweiter Halbvers als Selbstvorwurf des Weisen gedeutet, der die Schuld auch bei sich selbst sucht.]
Durch die aus jener Tropfenbesprengung entstandene Erkenntnis wirst du, von deiner Verfehlung befreit, dem Dienst an Hari ergeben, höchsten Frieden erlangen.
Wort für Wort
tadvindusekasaṃbhūtajñānena
durch die aus jener Tropfenbesprengung entstandene Erkenntnis
So zum Atharva-kundigen König sprechend, ging Vasiṣṭha in seine Einsiedelei; auch der König, von Leid erfüllt, nahm die Rākṣasa-Gestalt an.
Wort für Wort
ityuktvātharvavidbhūpaṃ
so zum Atharva-kundigen König sprechend
vaśiṣṭaḥ svāśramaṃ yayau
ging Vasiṣṭha in seine Einsiedelei
rājāpi duḥkhasaṃpanno
auch der König, von Leid erfüllt
rākṣasīṃ tanumāśritaḥ
nahm die Rākṣasa-Gestalt an
[Anm.: Das vorangestellte Wortfragment "śubhāvaham" ("segenbringend") gehört inhaltlich wohl noch zu V.45 (als Attribut zu "śāntim") und wurde in der Quelle offenbar versehentlich als eigene Zeile vor V.46 gesetzt; hier der Vollständigkeit halber am Versanfang mitgeführt.]
Von Hunger und Durst insbesondere gequält, beständig dem Zorn ergeben, von der Ausstrahlung einer dunklen Nacht, furchterregend, durchstreifte er den menschenleeren Wald.
Wort für Wort
kṣutpipāsāviśeṣārtaḥ
von Hunger und Durst insbesondere gequält
nityaṃ krodhaparāyaṇaḥ
beständig dem Zorn ergeben
kṛṣṇakṣapādyutirbhīmaḥ [?]
von der Ausstrahlung einer dunklen Nacht, furchterregend [?]
babhrāma vijane vane
durchstreifte er den menschenleeren Wald
[Anm.: "kṛṣṇakṣapādyutirbhīmo" unsicher, sinngemäß als düster-furchterregende Erscheinung gedeutet.]
ṛtutraye sa pṛthivīṃ śatayo janavistṛtām /
kṛtvātiduḥkhitāṃ paścādvanāntaramupāgamat
Nachdem er in drei Jahreszeiten die über hundert Yojanas ausgedehnte Erde zu einem überaus leidvollen Ort gemacht hatte, begab er sich darauf zu einem anderen Waldstück.
Die Brahmanin sprach: O, o Tiger unter den Königen, rette mich, die von Furcht Überwältigte! Erfülle meinen Herzenswunsch, indem du mir meinen Gatten schenkst.
Du kennst alle Pflichten, wie sie das rechte Verhalten der Frauen betreffen - rette mich, die Verwandtenlose, mit einem kleinen Kind, o Herr der Menschen.
Wie soll ich leben, dieses meines Gatten beraubt, wahrlich im menschenleeren Wald? Ich bin die Tochter eines erhabenen Weisen - rette mich, indem du mir meinen Gatten schenkst.
praṇadānātparaṃ dānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati /
vadantīti mahāprājñāḥ prāṇadānaṃ kuruṣva me
'Eine höhere Gabe als die Gabe des Lebens gab es nicht und wird es nicht geben' - so sagen die Hochweisen; gewähre mir die Gabe des Lebens meines Gatten!
So sprechend, fiel sie dem Rākṣasa vor die Füße; doch obwohl er so von der Brahmanin angefleht wurde, verzehrte der Rākṣasa den Brahmanen mit Gewalt, wie ein Tiger ein Junges der Kṛṣṇasāra-Antilope.
Wort für Wort
ityuktvā sā papāta
so sprechend, fiel sie
asya rākṣasasya padāgrataḥ
vor die Füße dieses Rākṣasa
evaṃ saṃprārthyamāno 'pi
obwohl so angefleht
brāhmaṇyā rākṣaso dvijam
der Rākṣasa den Brahmanen, von der Brahmanin
abhakṣayatkṛṣṇasāraśiśuṃ
verzehrte er wie ein Junges der Kṛṣṇasāra-Antilope
vyāghro yathā balāt
wie ein Tiger, mit Gewalt
[Anm.: In der Quelle ist der Versmarker "V.62" doppelt vergeben (zwei aufeinanderfolgende Markierungen); der dadurch getrennte Text bildet erkennbar einen einzigen, hier zu einem dreizeiligen Vers zusammengeführten Śloka. Die nachfolgende Zählung folgt wieder der Quelle (V.63 usw.).]
Auch er, der Nachtwandler, den von ihr ausgesprochenen doppelten Fluch hörend, sprach von Zorn erfüllt, indem er vor Zorn eine Menge glühender Kohlen ausstieß:
So von ihm verflucht, ging die Brahmanin da in den Piśāca-Zustand ein; vom Hunger gequält, weinte sie mit schrecklicher, lauter Stimme, zusammen mit ihrem Kind.
Wort für Wort
tenaivaṃ brāhmaṇī śaptā
so von ihm verflucht, die Brahmanin
piśācatvaṃ tadā gatā
ging da in den Piśāca-Zustand ein
kṣudhārtā susvaraṃ bhīmā
vom Hunger gequält, mit schrecklicher lauter Stimme
Dort weilte, von Leid gequält, auch irgendein anderer, der sich der Welt entgegenstellte - einer, der, nachdem er einst Gleichgültigkeit gegenüber seinem Lehrer geübt hatte, die Rākṣasa-Gestalt angenommen hatte.
Wort für Wort
audāsīnyaṃ gurau kṛtvā
nachdem er Gleichgültigkeit gegenüber dem Lehrer geübt hatte
rākṣasīṃ tanumāśritaḥ
hatte er die Rākṣasa-Gestalt angenommen
tatrāste duḥkhasaṃtaptaḥ
dort weilte er, von Leid gequält
kaścillokavirodhakṛt
irgendeiner, der sich der Welt entgegenstellte
[Anm.: Hier wird eine dritte Rākṣasa-Figur (der später als "Brahmarākṣasa" auftretende frühere Brahmane) eingeführt, deren Vorgeschichte erst ab V.79 erzählt wird.]
rākṣasaṃ ca piśācīṃ ca dṛṣṭvā ravavaṭamāgatau /
uvāca krodhabahulo vaṭastho brahmarākṣasaḥ
Als der am Banyan-Baum weilende Brahmarākṣasa den Rākṣasa und die Piśācī erblickte, die laut schreiend zu seinem Baum gekommen waren, sprach er, überaus zornig:
saudāsa uvāca /
kastvaṃ vada mahābhāga tvayā vai kiṃ kṛtaṃ purā /
sakhyurmamāti snehena tatsarvaṃ vaktumarhasi
Saudāsa sprach: Wer bist du, sag mir, o Hochbeglückter? Was hast du einst wahrlich getan? Aus großer Zuneigung zu mir als Freund magst du mir das alles erzählen.
karoti vañcanaṃ mitre yo vā ko vāpi duṣṭadhīḥ /
sa hi pāpapālaṃ bhuṅkte yātanāstu yugāyutam
Wer auch immer, von böser Gesinnung, gegenüber einem Freund Betrug begeht, der genießt fürwahr die Frucht der Sünde – Qualen für zehntausend Zeitalter.
Wort für Wort
karoti vañcanaṃ mitre
begeht Betrug gegenüber dem Freund
yo vā ko vāpi duṣṭadhīḥ
wer auch immer, von böser Gesinnung
sa hi pāpapālaṃ bhuṅkte
der genießt fürwahr die [Sünden-]Frucht
yātanāstu yugāyutam
Qualen für zehntausend Zeitalter
[?] pāpapālaṃ: wohl Fehllesung für pāpaphalaṃ ('Sündenfrucht').
Der Brahmarākṣasa sprach: Ich war einst ein Brahmane aus Magadha, ein Kenner des gesamten Veda, mit Namen Somadatta bekannt, der Rechtschaffenheit hingegeben.
Der Brahmarākṣasa sprach: Es gibt viele Gurus, verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen; welche das sind, werde ich nennen – höre aufmerksamen Sinnes, Freund.
Und der Lehrer der Veden, der den durch Schlussfolgerung erschlossenen Sinn der Veden lehrt, der Verkünder der Lehrschriften, der Verkünder des Dharma, der Belehrer in der Nīti-Lehre –
Wort für Wort
adhyāpakaśca vedānāṃ
und der Lehrer der Veden
vedārthayutibaidhakaḥ
der den [durch Schlussfolgerung erschlossenen] Sinn der Veden lehrt
śāstravaktā dharmavaktā
der Verkünder der Lehrschriften, der Verkünder des Dharma
nītiśāstropadeśakaḥ
der Belehrer in der Nīti-Lehre
[?] vedārthayutibaidhakaḥ: wohl vedārthayuktibodhakaḥ ('der den durch Beweisführung erschlossenen Sinn der Veden lehrt').
mantropadeśavyākhyākhyākṛdvedasadaṃhṛttathā /
vratopadeśakaścaiva bhayatrātānnado hi ca
– der die Erklärung der Mantra-Unterweisung gibt, [ebenso einer unsicher überlieferten Funktion], ebenso der Belehrer über Gelübde, der vor Furcht Rettende und auch der Nahrung-Geber –
Wort für Wort
mantropadeśavyākhyākhyākṛt
der die Erklärung der Mantra-Unterweisung gibt [Dittographie]
vedasadaṃhṛttathā
[Lesung unsicher]
vratopadeśakaścaiva
und auch der Belehrer über Gelübde
bhayatrātānnado hi ca
der vor Furcht Rettende und der Nahrung-Geber
[Anm.: mantropadeśavyākhyākhyākṛt zeigt Dittographie in 'khyā' (wohl vyākhyākṛt, 'der die Erklärung gibt'); vedasadaṃhṛttathā ist im Quelltext unklar/verderbt überliefert, Sinn nicht sicher rekonstruierbar.]
Der Schwiegervater, und auch der Onkel mütterlicherseits, der ältere Bruder, ebenso der Vater, wer die Initiation vollzieht, wer die Zeugung bewirkt, und wer die Reinigungsriten vollzieht, o bester Freund –
Wort für Wort
śvaśuro mātulaścaiva
der Schwiegervater und auch der Onkel mütterlicherseits
jyeṣṭhabhrātā pitā tathā
der ältere Bruder, ebenso der Vater
upanetā niṣektā ca
wer die Initiation vollzieht, wer die Zeugung bewirkt
saṃskarttā mitrasattama
und wer die Reinigungsriten vollzieht, o bester Freund
Diese werden fürwahr als Gurus bezeichnet, verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen.
Wort für Wort
ete hi guravaḥ proktāḥ
diese werden fürwahr als Gurus bezeichnet
pūjyā vandyaśca sādaram
verehrungswürdig und ehrfürchtig zu grüßen
[Anm.: Im Quelltext ist zu V.89 nur eine Halbzeile (ein Pāda) überliefert; die entsprechende zweite Pāda-Hälfte fehlt bzw. ist nicht als eigener Vers markiert.]
Kalmāṣapāda sprach: Viele Gurus wurden genannt – welcher von ihnen ist der Vorzüglichste? Oder sind sie alle gleich, Freund? Sag mir das wahrheitsgemäß.
Der Brahmarākṣasa sprach: Gut, gut, o hoch Weiser! Was du gefragt hast, das will ich dir sagen. Das Erzählen von der Größe der Gurus, ihr Anhören und die Zustimmung dazu –
sarvaśāstrārthatatvajñairbhāṣitaṃ pravadāmi te /
yaḥ purāṇāni vadati dharmayuktāni paṇaḍitaḥ
Was von den Kennern der Wahrheit des Sinnes aller Lehrschriften gesagt wurde, will ich dir verkünden: Wer als Gelehrter die mit Dharma verbundenen Purāṇas vorträgt –
Wort für Wort
sarvaśāstrārthatatvajñair bhāṣitaṃ
das von den Kennern der Wahrheit des Sinnes aller Lehrschriften Gesagte
saṃsārapāśavicchedakaraṇāni sa uttamaḥ /
devapūjārhakarmāṇi devatāpūjane phalam
– dessen Werk die Fessel des Weltenkreislaufs zerschneidet, der ist der Vorzüglichste. Die der Götterverehrung würdigen Werke tragen ihre Frucht in der Verehrung der Gottheit,
Wort für Wort
saṃsārapāśavicchedakaraṇāni
dessen Werk die Fessel des Weltenkreislaufs zerschneidet
tarkastu vādahetuḥ syānnītistvaihikasādhanam /
purāṇāni mahābuddhe ihāmutra sukhāya hi
Die Logik aber dient als Grund für Streitgespräche, die Nīti-Lehre ist Mittel für diese Welt; die Purāṇas aber, o Hochweiser, dienen fürwahr dem Glück hier und im Jenseits.
Wort für Wort
tarkastu vādahetuḥ syāt
die Logik aber diene als Grund für Streitgespräche
Aus dem Hören der Purāṇas entsteht heilvolle Hingabe zum Gemahl der Śrī [Viṣṇu]; bei den Viṣṇu ergebenen Menschen, o König, richtet sich der Verstand auf den Dharma.
dharmātpāpāni naśyanti jñānaṃ śuddhaṃ ca jāyate /
dharmārthakāmamokṣāṇāṃ ye phalānyabhilipsavaḥ
Durch den Dharma schwinden die Sünden, und reines Wissen entsteht. Diejenigen, die die Früchte von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa zu erlangen wünschen –
[Pāda a: Lesung/Sinn unsicher] – er [Gautama] vollzog die in den Mantras verkündeten Riten; er, dessen Gott Śiva, der Guru der ganzen Welt, auch von mir verehrt worden war,
Wort für Wort
mantroditāni karmaṇi
die in den Mantras verkündeten Riten
karotītimudaṃ ya yau
[Lesung unsicher]
yastvarcito mayā devaḥ
welcher Gott von mir verehrt wurde
śivaḥ sarvajagadguruḥ
Śiva, der Guru der ganzen Welt
[Anm.: Pāda a (mantroditāni karmaṇi karotītimudaṃ ya yau) ist im Quelltext stark verderbt/unklar überliefert; Wortlaut und syntaktischer Anschluss an Pāda b bleiben unsicher.]
– durch wen die Mißachtung des Gurus begangen wurde, den verwies er in den Zustand eines Rākṣasa. Ob wissentlich oder unwissentlich, wer Mißachtung gegen den Guru übt,
– wann ich zur Erlösung gelangen werde, weiß ich nicht, o bester König. So sprach, o Bester der Brahmanen, dieser Nachtdämon, der am Banyanbaum weilte.
'Unser Fastenbrechen ist da!' rufend, liefen sie mit erhobenen Armen [auf ihn zu]; doch als sie die von ihm gesungenen Gottesnamen hörten, blieben sie in der Ferne stehen. Unfähig, ihn anzugreifen, sprachen die Rākṣasas dies:
Wort für Wort
prātpā naḥ pāraṇetyuktvā
'Unser Fastenbrechen ist da!' rufend
prādvavannūrdhvabāhavaḥ
liefen sie mit erhobenen Armen los
tena kīrtitanāmāni śrutvā
als sie die von ihm gesungenen Namen hörten
dūre vyavasthitāḥ
blieben sie in der Ferne stehen
aśaktāstaṃ dharṣayitum
unfähig, ihn anzugreifen
idamūcuśca rākṣasāḥ
sprachen die Rākṣasas dies
[Anm.: Der Vers umfasst im Quelltext drei Pādas statt der üblichen zwei.]
'In jeder Hinsicht bist du, o Hochbeglückter, frei von Leidenschaft und dergleichen; errette uns durch die Besprengung mit Gaṅgā-Wasser aus diesem Sündenhaufen.'
harise vāparo bhūtvā yaścātmānaṃ tu tārayet /
sa tārayenagatsarvamiti śaṃsanti sūrayaḥ
'Wer, gleichsam selbst zu einem zweiten Hari geworden, sich selbst rettet, der [kann dadurch] alle [anderen] retten' – so verkünden die Weisen.
Wort für Wort
harise vāparo bhūtvā
gleichsam selbst zu einem zweiten Hari geworden [?]
yaścātmānaṃ tu tārayet
wer sich selbst rettet
sa tārayenagatsarvam
der kann [dadurch] alle retten [?]
iti śaṃsanti sūrayaḥ
so verkünden die Weisen
[Anm.: Beide Pādas unsicher überliefert (harise vāparo; tārayenagatsarvam); Übersetzung folgt dem wahrscheinlichsten Sinn (ein Selbstbefreiter vermag auch andere zu befreien).]
'Abgesehen vom Namen Haris, dem Heilmittel gegen den schrecklichen Weltenkreislauf – durch welches andere Mittel könnte die überall so schwer erreichbare Befreiung erlangt werden?'
Wort für Wort
avahāya harernāma
abgesehen vom Namen Haris
ghorasaṃsārabheṣajam
dem Heilmittel gegen den schrecklichen Weltenkreislauf
'Wie wer mit einem eisernen Floß überzusetzen versucht, im Wasser versinkt – wie sollten die Verdienstlosen durch eben dieses [andere Mittel] andere hinüberretten?'
Wort für Wort
lohoḍupena pratarat
wer mit einem eisernen Floß überzusetzen versucht
nimajatyudake yathā
versinkt im Wasser, so wie
tayaivākṛtapuṇyāstu
durch eben dieses [Mittel] die Verdienstlosen aber
'Selbst diese haben eine solche Hingabe zur Gaṅgā, der Mutter der Welt – um wieviel mehr gilt dies für die durch Wissen Mächtigen, die Großen, die verdienstreich sind!'
Darauf, nachdem er im Geiste über den Dharma entschieden hatte, [dachte] der beste der Zweifachgeborenen: 'Wer ganz geläutert, wohlgesinnt und hingebungsvoll ist, erlangt den höchsten Zustand.'
Wort für Wort
athāsau manasā dharmaṃ
darauf im Geiste über den Dharma
viniścitya drijottamaḥ
entschieden habend, der beste der Zweifachgeborenen
sarvapūtahito bhaktaḥ
wer ganz geläutert, wohlgesinnt, hingebungsvoll
prāprotīti paraṃ padam
erlangt den höchsten Zustand
[?] drijottamaḥ: Schreibfehler für dvijottamaḥ; prāprotīti: wohl prāpnoti iti.
brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca /
koṭisūryapratīkāśā babhūvurvivudharṣabhāḥ
[Pāda a: Lesung unsicher, wohl 'nachdem sie den Brahmanen gebührend verehrt hatten'] – wurden sie, den zehn Millionen Sonnen gleich strahlend, zu Erstlingen unter den Göttern.
Wort für Wort
brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca
[Lesung unsicher]
koṭisūryapratīkāśā
den zehn Millionen Sonnen gleich strahlend
babhūvurvivudharṣabhāḥ
wurden sie zu Erstlingen unter den Göttern
[Anm.: Pāda a (brāhmaṇaṃ samyakte jagmurhastathaiva ca) ist verderbt überliefert; Sinn nicht sicher rekonstruierbar.]
Mit den Zeichen von Muschelhorn, Diskus und Keule versehen, gelangten sie zur Gleichgestalt mit Hari; den Brahmanen gebührend preisend, gingen sie zum Wohnsitz Haris.
Wort für Wort
śaṅkhacakragadācihnā
mit den Zeichen von Muschelhorn, Diskus und Keule
harisārupyamāgatāḥ
gelangten sie zur Gleichgestalt mit Hari
stuvanto brāhmaṇaṃ samyak
den Brahmanen gebührend preisend
te jagmurhareḥ mandiram
gingen sie zum Wohnsitz Haris
[?] rimāndiram: wohl hareḥ mandiram ('Wohnsitz Haris').
Als jener König sehr von Leid bedrängt war, sprach Sarasvatī, in verborgener Gestalt, mit unergründlicher Stimme ein großes, im Dharma wurzelndes Wort:
'Oh, oh König, Hochbeglückter, du sollst nicht in Kummer verfallen! O König, auch für dich wird am Ende dieses Schicksalsabschnitts großes Heil eintreten.'
satkarmadhūtapāpā ye haribhaktiparāyaṇāḥ /
prayānti nātra saṃdehastadviṣṇoḥ paramaṃ padam
'Diejenigen, deren Sünden durch gute Werke abgewaschen sind, die der Hingabe an Hari ergeben sind, gelangen – daran ist kein Zweifel – zum höchsten Ort Viṣṇus.'
'Diejenigen, die mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet sind, die dem Pfad des Dharma folgen und der Guru-Verehrung ergeben sind, gelangen zum höchsten Ort.'
Nachdem er dort sechs Monate in der Gaṅgā gebadet und stets Śiva erblickt hatte, wurde Mitrasaha von dem Fluch, den die Brahmanenfrau gegeben hatte, befreit.
Wort für Wort
ṣaṇmāsaṃ tatra gaṅgāyāṃ
sechs Monate dort in der Gaṅgā
snātvā dṛṣṭvā sadānivam
gebadet und stets Śiva erblickt habend
brāhmaṇīdattaśa pāttu
vom Fluch der Brahmanenfrau
mukto mitrasaho 'bhavat
wurde Mitrasaha befreit
[?] sadānivam: wohl sadā śivam; brāhmaṇīdattaśa pāttu: wohl brāhmaṇīdattaśāpāt.
Darauf gelangte er zu seiner eigenen Stadt, und von dem hochgesinnten Vasiṣṭha [zum König] gesalbt, o Bester der Weisen, beherrschte er sein eigenes Königreich.
Nachdem er die ganze Erde regiert und ihre Genüsse ausgekostet hatte – ohne [selbst Vereinigung mit] seiner Frau –, und nachdem er durch Vasiṣṭha Nachkommenschaft erlangt hatte, ging der beste der Könige zur Erlösung ein.
Wort für Wort
pālayitvā mahīṃ kṛtstrāṃ
nachdem er die ganze Erde regiert hatte
bhuktvā bhogānstriyaṃ vinā
und Genüsse ausgekostet hatte, ohne [Vereinigung mit] der Frau
vaśiṣṭātprāpya santānaṃ
nachdem er von Vasiṣṭha Nachkommenschaft erlangt hatte
gato mokṣaṃ nṛpottamaḥ
ging der beste der Könige zur Erlösung ein
[Anm.: Anspielung auf die aus dem Mahābhārata bekannte Niyoga-Erzählung, wonach Vasiṣṭha dem verfluchten König mit dessen Gattin (dort: Madayantī) einen Sohn zeugte; die vorliegende Purāṇa-Fassung fasst dies stark verkürzt zusammen, ohne die Gattin namentlich zu nennen.]
'Dies ist nicht verwunderlich, o Bester der Zweifachgeborenen: Wer die Vorzüge von Viṣṇus Stadt Vārāṇasī verkündet, hört, an die Gaṅgā denkt und ihr Wasser trinkt, dieser Mensch wird befreit.'
Wort für Wort
naitaccitraṃ dvijaśreṣṭha
dies ist nicht verwunderlich, o Bester der Zweifachgeborenen
tasmānmāhimne viprendra gaṅgāyāḥ śakyate nahi /
pāraṃ gantuṃ surādhīśairbrahmaviṣṇuśivarapi
'Deshalb, o Bester der Brahmanen, vermag man der Größe der Gaṅgā nicht an ihr Ende zu gelangen – selbst nicht durch die Herren der Götter, Brahmā, Viṣṇu und Śiva.'
Wort für Wort
tasmānmāhimne viprendra
deshalb, hinsichtlich der Größe, o Bester der Brahmanen
gaṅgāyāḥ śakyate nahi
der Gaṅgā vermag man fürwahr nicht
pāraṃ gantuṃ
an ihr Ende zu gelangen
surādhīśairbrahmaviṣṇuśivarapi
selbst durch die Götterherren Brahmā, Viṣṇu und Śiva
yannāmasmaraṇādeva mahāpātakakoṭibhiḥ /
vimukto brahmasadanaṃ naro yāti na saṃśayaḥ
'Allein durch das Gedenken an ihren Namen, von Millionen großer Sünden befreit, geht der Mensch – daran ist kein Zweifel – in die Wohnstatt Brahmās ein.'
'Wenn der Name „Gaṅgā, Gaṅgā" auch nur ein einziges Mal ausgesprochen wird, dann eben, von Sünde befreit, wird [der Sprecher] in der Brahmā-Welt erhöht.'
Wort für Wort
gaṅgā gaṅgeti yannāma
der Name 'Gaṅgā, Gaṅgā'
sakṛdapyucyate yadā
wenn er auch nur ein einziges Mal ausgesprochen wird