Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 27: śrāddhakriyāvarṇanam Die Beschreibung des Totenopfer-Rituals

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde sadācāreṣu gṛhasthaāvānaprasthayatidharmnirupaṇaṃ nāma satpaviṃśo 'dhyāyaḥ _____________________________________________________________ sanaka uvāca śṛṇuṣva muniśārdūla śrāddhasya vidhimuttamam / yacchrutvā sarvapāpebhyo mucyate nātra saṃśayaḥ

Sanaka sprach: Höre, o Tigerhafter unter den Weisen, die vortreffliche Vorschrift für das Totenopfer (Śrāddha), durch dessen Hören man von allen Sünden befreit wird – daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
śṛṇuṣva muniśārdūla
höre, o Tigerhafter unter den Weisen
śrāddhasya vidhim uttamam
die vortreffliche Vorschrift für das Totenopfer
yat śrutvā sarvapāpebhyaḥ
durch dessen Hören von allen Sünden
mucyate na atra saṃśayaḥ
wird man befreit, kein Zweifel daran

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden (26.) Kapitels vorangestellt, gefolgt von einer Trennlinie; dies ist ein reines Gliederungselement, das im sa-Feld zur Dokumentation mitgeführt, aber nicht in die de-Übersetzung von V.1 einbezogen wurde.]

kṣayāhapūrvadivase snātvā caikāśano bhavet / adhaḥ śāyī brahmacārī niśi viprānnimantrayet

Am Tag vor dem Todestag (Kṣayāha) soll er baden und nur eine Mahlzeit einnehmen, auf dem Boden schlafen, keusch leben und in der Nacht die Brahmanen einladen.

Wort für Wort
kṣayāhapūrvadivase snātvā
am Tag vor dem Todestag, nachdem er gebadet hat
ca ekāśanaḥ bhavet
soll er nur eine Mahlzeit einnehmen
adhaḥśāyī brahmacārī
auf dem Boden schlafend, keusch
niśi viprān nimantrayet
soll er in der Nacht die Brahmanen einladen

dantadhāvanatāṃbūle tailābhyaṅgaṃ tathaiva ca / ratyoṣadhiparānnāni śrāddhakarttāvivarjayet

Zähneputzen, Betelgenuss, ebenso Ölmassage, Geschlechtsverkehr, Arznei und fremde Speise soll der Vollzieher des Totenopfers meiden.

Wort für Wort
dantadhāvanatāmbūle
Zähneputzen, Betelgenuss
tailābhyaṅgaṃ tathaiva ca
ebenso Ölmassage
ratyoṣadhiparānnāni
Geschlechtsverkehr, Arznei, fremde Speise
śrāddhakarttā vivarjayet
soll der Vollzieher des Totenopfers meiden

adhvānaṃ kalahaṃ krodhaṃ vyavāyaṃ ca dhuraṃ tathā / śrāddhakarttā ca bhoktā ca divāsvāpaṃ ca varjayet

Reisen, Streit, Zorn, Geschlechtsverkehr, ebenso [schwere] Lastarbeit, sowie den Schlaf am Tage sollen sowohl der Vollzieher als auch der [teilnehmende] Genießer des Totenopfers meiden.

Wort für Wort
adhvānaṃ kalahaṃ krodhaṃ
Reisen, Streit, Zorn
vyavāyaṃ ca dhuraṃ tathā
Geschlechtsverkehr und ebenso Lastarbeit
śrāddhakarttā ca bhoktā ca
sowohl der Vollzieher als auch der Genießer
divāsvāpaṃ ca varjayet
sollen auch den Tagesschlaf meiden

śrāddhe nimantrito yastu vyavāyaṃ kurute yadi / brahmahatyāmavānpoti narakaṃ cāpi gacchati

Wer, zum Totenopfer eingeladen, Geschlechtsverkehr vollzieht, der erlangt die Sünde des Brahmanenmordes und gelangt auch in die Hölle.

Wort für Wort
śrāddhe nimantritaḥ yaḥ tu
wer aber, zum Totenopfer eingeladen
vyavāyaṃ kurute yadi
wenn er Geschlechtsverkehr vollzieht
brahmahatyām avāpnoti
erlangt er die Sünde des Brahmanenmordes
narakaṃ ca api gacchati
und gelangt auch in die Hölle

śrāddhe niyojayedvipraṃ śrotriya viṣṇutatparam / yathāsvācāranirataṃ praśāntaṃ satkulodbagavam

Beim Totenopfer soll er einen schriftgelehrten, Viṣṇu ergebenen Brahmanen bestellen, der seinem [überlieferten] Brauch treu, friedvoll und aus gutem Geschlecht entsprossen ist,

Wort für Wort
śrāddhe niyojayet vipraṃ
beim Totenopfer soll er einen Brahmanen bestellen
śrotriyaṃ viṣṇutatparam
schriftgelehrt, Viṣṇu ergeben
yathāsvācāraniratam praśāntaṃ
seinem Brauch treu, friedvoll
satkulodbhavam [?]
aus gutem Geschlecht entsprossen [?]

[?] satkulodbagavam: als satkulodbhavam ('aus gutem Geschlecht entsprossen') gedeutet.

rāgadveṣavihīnaṃ ca purāṇārthaviśāradam / trimadhutrisuparṇajñaṃ sarvabhūtadayāparam

frei von Leidenschaft und Hass, kundig im Sinn der Purāṇas, kundig der Trimadhu- und Trisuparṇa-Sprüche, voll Mitleid mit allen Wesen,

Wort für Wort
rāgadveṣavihīnaṃ ca
frei von Leidenschaft und Hass
purāṇārthaviśāradam
kundig im Sinn der Purāṇas
trimadhutrisuparṇajñaṃ
kundig der Trimadhu- und Trisuparṇa-Sprüche
sarvabhūtadayāparam
voll Mitleid mit allen Wesen

devapūjārataṃ caiva smṛtitattvaviśāradam / vedāntatattvasaṃpannaṃ sarvalokahite ratam

der Götterverehrung ergeben, kundig in der Wahrheit der Smṛtis, ausgestattet mit der Wahrheit des Vedānta, dem Wohl aller Welten zugewandt,

Wort für Wort
devapūjārataṃ ca eva
der Götterverehrung ergeben
smṛtitattvaviśāradam
kundig in der Wahrheit der Smṛtis
vedāntatattvasaṃpannaṃ
ausgestattet mit der Wahrheit des Vedānta
sarvalokahite ratam
dem Wohl aller Welten zugewandt

kṛtajñaṃ guṇasaṃpannaṃ guruśuśrūṣaṇe ratam / paropadeśanirataṃ sacchāstrakathanaistathā

dankbar, mit guten Eigenschaften ausgestattet, dem Dienst am Lehrer ergeben, der Unterweisung anderer zugewandt sowie dem Vortrag der guten Schriften.

Wort für Wort
kṛtajñaṃ guṇasaṃpannaṃ
dankbar, mit guten Eigenschaften ausgestattet
guruśuśrūṣaṇe ratam
dem Dienst am Lehrer ergeben
paropadeśanirataṃ
der Unterweisung anderer zugewandt
sacchāstrakathanaiḥ tathā
sowie dem Vortrag der guten Schriften

ete niyojitavyā vai śrāddhe viprā munīśvara / śrāddhe varjyānmavakṣyāmi śṛṇu tānmusamāhitaḥ

Solche Brahmanen sind es, die beim Totenopfer zu bestellen sind, o Herr der Weisen. Ich will nun die beim Totenopfer zu Meidenden nennen; höre sie mit gesammeltem Sinn.

Wort für Wort
ete niyojitavyāḥ vai
diese sind zu bestellen
śrāddhe viprāḥ munīśvara
beim Totenopfer die Brahmanen, o Herr der Weisen
śrāddhe varjyān vakṣyāmi
die beim Totenopfer zu Meidenden will ich nennen
śṛṇu tān samāhitaḥ
höre sie mit gesammeltem Sinn

npūnāṅgaścādhikāṅgaśca kadaryo rogitastathā / kuṣṭī ca kunakhī caiva laṃbakarṇaḥ kṣatavrataḥ

Wer an Gliedern zu wenig oder zu viel hat, der Geizige, ebenso der Kranke, der Aussätzige, wer schlechte Nägel hat, wer Hängeohren hat, wer sein Gelübde gebrochen hat,

Wort für Wort
ūnāṅgaḥ [?] ca adhikāṅgaḥ ca
wer an Gliedern zu wenig oder zu viel hat
kadaryaḥ rogitaḥ tathā
der Geizige, ebenso der Kranke
kuṣṭhī ca kunakhī caiva
der Aussätzige und wer schlechte Nägel hat
lambakarṇaḥ kṣatavrataḥ
wer Hängeohren, wer gebrochenes Gelübde hat

[?] npūnāṅgaḥ: als ūnāṅgaḥ ('mit fehlenden Gliedern') gedeutet.

nakṣatrapāṭhajīvī ca tathā ca śavadāhakaḥ / kuvādī parirvattā ca tathā devalakaḥ khalaḥ

wer vom Vortragen der Sternzeichen [Astrologie] lebt, ebenso der Leichenverbrenner, der schlechte Streitredner, der vor dem älteren Bruder Geheiratete (Parivettā), ebenso der Tempelpriester-für-Lohn, der Bösartige,

Wort für Wort
nakṣatrapāṭhajīvī ca
wer vom Vortragen der Sternzeichen lebt
tathā ca śavadāhakaḥ
ebenso der Leichenverbrenner
kuvādī parivettā [?] ca
der schlechte Streitredner, der vor dem Bruder Geheiratete [?]
tathā devalakaḥ khalaḥ
ebenso der Lohnpriester, der Bösartige

[?] parirvattā: als parivettā ('wer vor dem älteren Bruder heiratet') gedeutet.

nindako 'marṣaṇo dhūrtastathaiva grāmayājakaḥ / asacchāstrābhinirataḥ parānnanigatastathā

der Verleumder, der Ungeduldige, der Betrüger, ebenso der Dorf[priester]opferer, wer unheiligen Schriften ergeben ist, wer beständig von fremder Speise lebt,

Wort für Wort
nindakaḥ amarṣaṇaḥ dhūrtaḥ
der Verleumder, der Ungeduldige, der Betrüger
tathaiva grāmayājakaḥ
ebenso der Dorfpriester-Opferer
asacchāstrābhiniratāḥ
wer unheiligen Schriften ergeben ist
parānnanigataḥ tathā
wer beständig von fremder Speise lebt

vṛṣalīsūti poṣṭā ca vṛṣalīpatireva ca / kuṇḍaśca golakaścaiva hyayājyānāṃ ca yājakaḥ

der von einer Śūdrā Geborene und dessen Ernährer, ebenso der Gatte einer Śūdrā, der Kuṇḍa [unehelicher Sohn bei lebendem Gatten] und der Golaka [Sohn einer Witwe], sowie wer für die zum Opfer Unberechtigten opfert,

Wort für Wort
vṛṣalīsūtiḥ poṣṭā ca
der von einer Śūdrā Geborene und dessen Ernährer
vṛṣalīpatiḥ eva ca
und ebenso der Gatte einer Śūdrā
kuṇḍaḥ ca golakaḥ ca eva
der Kuṇḍa und der Golaka
ayājyānāṃ ca yājakaḥ
und wer für die zum Opfer Unberechtigten opfert

daṃbhācāro vṛthāmuṇḍī hyanyastrīdhanatatparaḥ / viṣṇubhaktivihīnaśca śivabhaktiparāḍmukhaḥ

der heuchlerisch Handelnde, wer grundlos kahlgeschoren ist, wer nach dem Besitz fremder Frauen trachtet, wer der Viṣṇu-Hingabe entbehrt und der Śiva-Hingabe abgewandt ist,

Wort für Wort
dambhācāraḥ vṛthāmuṇḍī
der heuchlerisch Handelnde, der grundlos Kahlgeschorene
hi anyastrīdhanatatparaḥ
wer nach dem Besitz fremder Frauen trachtet
viṣṇubhaktivihīnaḥ ca
wer der Viṣṇu-Hingabe entbehrt
śivabhaktiparāṅmukhaḥ
wer der Śiva-Hingabe abgewandt ist

vedavikrayiṇaścaiva vratavikrayiṇastathā / smṛtivikrayiṇaścaiva mantravikrayiṇastathā

wer den Veda verkauft, ebenso wer Gelübde verkauft, wer die Smṛti verkauft, ebenso wer Mantras verkauft,

Wort für Wort
vedavikrayiṇaḥ ca eva
wer den Veda verkauft
vratavikrayiṇaḥ tathā
ebenso wer Gelübde verkauft
smṛtivikrayiṇaḥ ca eva
wer die Smṛti verkauft
mantravikrayiṇaḥ tathā
ebenso wer Mantras verkauft

gāyakāḥ kāvyakarttāro bhiṣakchāstropajīvinaḥ / vedanindāparaścaiva grāmāpaṇyapradāhakaḥ

Sänger, Dichter, Ärzte, die von der [Heil-]Wissenschaft leben, wer den Veda schmäht, sowie wer Dorf und Markt [in Brand] steckt,

Wort für Wort
gāyakāḥ kāvyakarttāraḥ
Sänger, Dichter
bhiṣakśāstropajīvinaḥ
Ärzte, die von der [Heil-]Wissenschaft leben
vedanindāparaḥ ca eva
wer den Veda schmäht
grāmāpaṇyapradāhakaḥ
wer Dorf und Markt in Brand steckt

tathātikāmukaścaiva rasavikrayakārakaḥ / kūṭayuktirataścaiva śrāddhe varjyāḥ prayatnataḥ

ebenso der übermäßig Lüsterne, wer mit [Arznei-]Säften handelt, wer betrügerischen Ausflüchten ergeben ist – diese sind beim Totenopfer mit Sorgfalt zu meiden.

Wort für Wort
tathā atikāmukaḥ ca eva
ebenso der übermäßig Lüsterne
rasavikrayakārakaḥ
wer mit [Arznei-]Säften handelt
kūṭayuktirataḥ ca eva
wer betrügerischen Ausflüchten ergeben ist
śrāddhe varjyāḥ prayatnataḥ
sind beim Totenopfer mit Sorgfalt zu meiden

niṃmatrayīta pūrvedyustasminneva dine 'thavā / nimantrito bhavedvipro brahmacārī jitendriyaḥ

Er soll [die Brahmanen] am Vortag einladen, oder auch an demselben Tag; eingeladen soll der Brahmane keusch und sinnenbezähmt sein.

Wort für Wort
nimantrayīta pūrvedyuḥ
er soll am Vortag einladen
tasmin eva dine athavā
oder auch an demselben Tag
nimantritaḥ bhavet vipraḥ
eingeladen soll der Brahmane sein
brahmacārī jitendriyaḥ
keusch, sinnenbezähmt

śrāddhe kṣaṇastu karttavyaḥ prasādaśceti sattama / nimantrayeddvijaṃ prājñaṃ darbhapāṇirjitendriyaḥ

Beim Totenopfer ist die [förmliche] Ankündigung (Kṣaṇa) sowie [die Bitte] um Wohlwollen [zu vollziehen], o Bester; mit Darbha-Gras in der Hand, sinnenbezähmt, soll er den kundigen Brahmanen einladen.

Wort für Wort
śrāddhe kṣaṇaḥ tu karttavyaḥ
beim Totenopfer ist die Ankündigung zu vollziehen
prasādaḥ ca iti sattama
sowie [die Bitte um] Wohlwollen, o Bester
nimantrayet dvijaṃ prājñaṃ
er soll den kundigen Brahmanen einladen
darbhapāṇiḥ jitendriyaḥ
Darbha-Gras in der Hand, sinnenbezähmt

tataḥ prātaḥ samutthāya prātaḥ kṛtyaṃ samāpya ca / śrāddhaṃ samācaredvidvānkāle kutapasaṃjñite

Danach, am Morgen aufgestanden und die Morgenpflichten vollendet, soll der Kundige das Totenopfer zur Zeit vollziehen, die 'Kutapa' genannt wird.

Wort für Wort
tataḥ prātaḥ samutthāya
danach, am Morgen aufgestanden
prātaḥkṛtyaṃ samāpya ca
und die Morgenpflichten vollendet
śrāddhaṃ samācaret vidvān
soll der Kundige das Totenopfer vollziehen
kāle kutapasaṃjñite
zur Zeit, die 'Kutapa' genannt wird

divasasyāṣṭame kāle yadā mandāyate raviḥ / sa kālaḥ kutapastatra pitṝṇāṃ dattamakṣayam

Zur achten [Zeiteinheit] des Tages, wenn die Sonne [in ihrer Kraft] nachlässt – diese Zeit ist die 'Kutapa'; was dort den Vorvätern gegeben wird, ist unvergänglich.

Wort für Wort
divasasya aṣṭame kāle
zur achten Zeiteinheit des Tages
yadā mandāyate raviḥ
wenn die Sonne nachlässt
saḥ kālaḥ kutapaḥ tatra
diese Zeit ist die 'Kutapa'
pitṝṇāṃ dattam akṣayam
was den Vorvätern gegeben wird, ist unvergänglich

aparāhnaḥ pitṝṇāṃ tu dattaḥ kālaḥ svayaṃbhuvā / tatkāla eva dātavyaṃ kavyaṃ tasmāddvijottamaiḥ

Der Nachmittag (Aparāhṇa) ist die den Vorvätern von dem Selbstentstandenen (Brahmā) bestimmte Zeit; daher soll die Totenspeise (Kavya) eben zu jener Zeit von den besten Brahmanen dargebracht werden.

Wort für Wort
aparāhnaḥ pitṝṇāṃ tu
der Nachmittag aber ist den Vorvätern
dattaḥ kālaḥ svayaṃbhuvā
als Zeit von Brahmā bestimmt
tatkāle eva dātavyaṃ kavyaṃ
eben zu jener Zeit ist die Totenspeise zu geben
tasmāt dvijottamaiḥ
daher von den besten Brahmanen

yatkāvyaṃ dīyate dvavyairakāle munisattama / rākṣasaṃ taddhi vijñeyaṃ pitṝṇāṃ nopatiṣṭati

Die Totenspeise, die mit [entsprechenden] Substanzen zur unrechten Zeit gegeben wird, o Bester der Weisen, ist als dämonisch (Rākṣasa) zu erkennen; sie erreicht die Vorväter nicht.

Wort für Wort
yat kāvyaṃ dīyate dravyaiḥ
die Totenspeise, die mit Substanzen gegeben wird
akāle munisattama
zur unrechten Zeit, o Bester der Weisen
rākṣasaṃ tat hi vijñeyaṃ
die ist wahrlich als dämonisch zu erkennen
pitṝṇāṃ na upatiṣṭhati
sie erreicht die Vorväter nicht

kāvyaṃ prattaṃ tu sāyāhne rākṣasaṃ tadbhavedapi / dātā narakamānpoti bhoktā ca narakaṃ vrajet

Die Totenspeise, die aber am Abend gegeben wird, wird ebenfalls dämonisch; der Geber gelangt in die Hölle, und auch der Genießer geht in die Hölle.

Wort für Wort
kāvyaṃ prattaṃ tu sāyāhne
die Totenspeise aber, die am Abend gegeben wird
rākṣasaṃ tat bhavet api
wird ebenfalls dämonisch
dātā narakam āpnoti
der Geber erlangt die Hölle
bhoktā ca narakaṃ vrajet
und auch der Genießer geht in die Hölle

kṣayāhasya tithairvipra yadi daṇḍamitirbhavet / viddhāparāhni kāyāṃ tu śrāddhaṃ kāryaṃ vijānatā

Wenn, o Brahmane, für die Tithi des Todestages ein Maß von Daṇḍas [Zeiteinheiten] zur Bestimmung [der Überschneidung] besteht, dann soll der Kundige das Totenopfer an dem [davon] berührten Nachmittag vollziehen [?].

Wort für Wort
kṣayāhasya tithaiḥ vipra
für die Tithi des Todestages, o Brahmane
yadi daṇḍamitiḥ bhavet
wenn ein Daṇḍa-Maß [zur Bestimmung] besteht
viddha-aparāhṇi [?] tāṃ tu
an dem davon berührten Nachmittag aber [?]
śrāddhaṃ kāryaṃ vijānatā
ist das Totenopfer von dem Kundigen zu vollziehen

[Anm.: Vers enthält stark korrupte kalendarische Fachterminologie (daṇḍamitirbhavet, viddhāparāhni kāyāṃ); Übersetzung ist ein unsicherer Rekonstruktionsversuch.] [?]

kṣayāhasya tithiryā tu hyaparāhnadvaye yadi / pūrvā kṣaye tu karttavyā vṛdvau kāryā tathottarā

Wenn aber die Tithi des Todestages sich über beide Nachmittage [zweier Tage] erstreckt, dann ist bei Abnahme [der Tithi, Kṣaya] die frühere [Nachmittagszeit] zu wählen, bei Zunahme [Vṛddhi] aber die spätere.

Wort für Wort
kṣayāhasya tithiḥ yā tu
die Tithi des Todestages aber, die
hi aparāhnadvaye yadi
wenn [sie sich] über beide Nachmittage [erstreckt]
pūrvā kṣaye tu karttavyā
bei Abnahme ist die frühere zu wählen
vṛddhau kāryā tathā uttarā
bei Zunahme aber ebenso die spätere

muhūrtta dvitaye pūrvadine syādapare 'hani / tithiḥ sāyāhnagā yatra parā kāvyasya viśrutā

Wenn an zwei Muhūrtas des Vortags [die Tithi noch gilt], am folgenden Tag aber die Tithi bis zum Abend reicht, so gilt die spätere [Tithi] als für die Totenspeise maßgeblich, wie überliefert.

Wort für Wort
muhūrttadvitaye pūrvadine syāt
wenn an zwei Muhūrtas des Vortags [die Tithi ist]
apare ahani
am folgenden Tag
tithiḥ sāyāhnagā yatra
wo die Tithi bis zum Abend reicht
parā kāvyasya viśrutā
gilt die spätere als für die Totenspeise überliefert

kiñcitpūrvadine prāhurmuhūrttadvitaye sati / naitanmataṃ hi sarveṣāṃ kāvyadāne munīśvara

Manche sagen [es solle] ein wenig am Vortag [geschehen], wenn zwei Muhūrtas [der Tithi dort liegen]; doch dies ist nicht die Meinung aller hinsichtlich der Darbringung der Totenspeise, o Herr der Weisen.

Wort für Wort
kiñcit pūrvadine prāhuḥ
manche sagen [es solle] ein wenig am Vortag [sein]
muhūrttadvitaye sati
wenn zwei Muhūrtas [vorliegen]
na etat mataṃ hi sarveṣāṃ
doch dies ist nicht die Meinung aller
kāvyadāne munīśvara
bei der Darbringung der Totenspeise, o Herr der Weisen

nimantriteṣau vipreṣu militeṣu dvijottama / prāyaścittaviśuddhātmā tebhyo 'nujñāṃ samāharet

Wenn die eingeladenen Brahmanen versammelt sind, o Bester der Zweifachgeborenen, soll er, durch Sühnehandlung geläutert an Seele, von ihnen die Erlaubnis einholen.

Wort für Wort
nimantriteṣu vipreṣu militeṣu
wenn die eingeladenen Brahmanen versammelt sind
dvijottama
o Bester der Zweifachgeborenen
prāyaścittaviśuddhātmā
durch Sühnehandlung geläutert an Seele
tebhyaḥ anujñāṃ samāharet
soll er von ihnen die Erlaubnis einholen

śrāddhārthaṃ samanujñāto viprānbhūyo nimantrayet / ubhau ca viśvedevārthaṃ pighatrarthaṃ trīnyathāvidhi

Für das Totenopfer erlaubt, soll er die Brahmanen erneut einladen: zwei für die Viśvedevas, und nach Vorschrift drei für die Vorväter (Pitṛs).

Wort für Wort
śrāddhārthaṃ samanujñātaḥ
für das Totenopfer erlaubt
viprān bhūyaḥ nimantrayet
soll er die Brahmanen erneut einladen
ubhau ca viśvedevārthaṃ
zwei für die Viśvedevas
pitṛarthaṃ [?] trīn yathāvidhi
für die Vorväter [?] drei, nach Vorschrift

[?] pighatrarthaṃ: als pitṛarthaṃ ('für die Vorväter') gedeutet.

devatārthaṃ ca pitrarthamekaikaṃ vā nimantrayet / śrāddhārthaṃ samanujñātaḥ kārayenmaṇḍaladvayam

Oder er lade je einen für die Gottheit und für die Vorväter ein. Für das Totenopfer erlaubt, soll er zwei [rituelle] Kreise (Maṇḍala) anfertigen lassen.

Wort für Wort
devatārthaṃ ca pitrarthaṃ
für die Gottheit und für die Vorväter
ekaikaṃ vā nimantrayet
oder er lade je einen ein
śrāddhārthaṃ samanujñātaḥ
für das Totenopfer erlaubt
kārayet maṇḍaladvayam
soll er zwei Kreise anfertigen lassen

caturastraṃ brāhmaṇasya trikoṇaṃ kṣatriyasya vai / vaiśyasya vartulaṃ jñeyaṃ śūdrasyābhyābhyukṣaṇaṃ bhavet

Viereckig [ist der Kreis] für den Brahmanen, dreieckig für den Kṣatriya, rund ist er für den Vaiśya zu wissen, für den Śūdra aber sei es ein bloßes Besprengen [ohne gezeichnete Form].

Wort für Wort
caturastraṃ brāhmaṇasya
viereckig [ist er] für den Brahmanen
trikoṇaṃ kṣatriyasya vai
dreieckig für den Kṣatriya
vaiśyasya vartulaṃ jñeyaṃ
für den Vaiśya rund, zu wissen
śūdrasya abhyukṣaṇaṃ bhavet
für den Śūdra sei es ein bloßes Besprengen

brāhmaṇānāmabhāve tu bhrātaraṃ putrameva ca / ātmānaṃ vā niyuñjīta na vipraṃ vedavarjitam

Bei Fehlen von Brahmanen aber soll er den Bruder oder den Sohn oder sich selbst bestellen – nicht aber einen Brahmanen, dem der Veda fehlt.

Wort für Wort
brāhmaṇānām abhāve tu
bei Fehlen von Brahmanen aber
bhrātaraṃ putram eva ca
den Bruder oder auch den Sohn
ātmānaṃ vā niyuñjīta
oder er soll sich selbst bestellen
na vipraṃ vedavarjitam
nicht aber einen Brahmanen ohne Veda

prakṣālya viprapādāṃśca hyācāṃnānupaveśya ca / yathāvadarcanaṃ kuryātsmarannārāyaṇaṃ prabhum

Nachdem er die Füße der Brahmanen gewaschen und sie, nach der Ācamana, [zum Sitzen] geleitet hat, soll er die gebührende Verehrung vollziehen, indem er des Herrn Nārāyaṇa gedenkt.

Wort für Wort
prakṣālya viprapādān ca
nachdem er die Füße der Brahmanen gewaschen hat
hi ācamya anupaveśya ca
und, nach der Ācamana, sie zum Sitzen geleitet hat
yathāvat arcanaṃ kuryāt
soll er die gebührende Verehrung vollziehen
smaran nārāyaṇaṃ prabhum
indem er des Herrn Nārāyaṇa gedenkt

brāhmaṇānāṃ tu madhye ca dvāradeśe tathaiva ca / apahatā ityṛcā vai karttā tu vikirettilān

Inmitten der Brahmanen und ebenso an der Türschwelle soll der Vollzieher mit dem Vers 'apahatā' [rākṣasa-vertreibend] Sesamkörner ausstreuen.

Wort für Wort
brāhmaṇānāṃ tu madhye ca
inmitten der Brahmanen
dvāradeśe tathaiva ca
und ebenso an der Türschwelle
apahatāḥ iti ṛcā vai
mit dem Vers 'apahatāḥ'
karttā tu vikiret tilān
soll der Vollzieher Sesamkörner ausstreuen

yavairdarbhaghaiśca viśveṣāṃ devānāmidamāsanam / dattveti bhūyo dadyacca daive kṣaṇapratīkṣaṇam

Mit Gerstenkörnern und Darbha-Gras [spreche er]: 'Dies ist der Sitz für alle Götter (Viśvedeva)' – nachdem er [dies] gegeben hat, soll er [es] erneut geben und bei der Gottheit[-Darbringung] Ankündigung um Ankündigung erwarten.

Wort für Wort
yavaiḥ darbhaiḥ ca viśveṣāṃ
mit Gerstenkörnern und Darbha-Gras, für alle
devānām idam āsanam
Götter [spreche er]: dies ist der Sitz
dattvā iti bhūyaḥ dadyāt ca
nachdem er [dies] gegeben hat, soll er erneut geben
daive kṣaṇapratīkṣaṇam [?]
bei der Gottheit [wiederholte] Ankündigung und Erwartung [?]

[?] kṣaṇapratīkṣaṇam: als wiederholtes Warten auf die rituelle Ankündigung (Kṣaṇa) gedeutet.

akṣayyāsanayoḥ ṣaṣṭī dvitīyāvāhane smṛtā / annadāne caturthī syāccheṣāḥ saṃpuddhayaḥ smṛtāḥ

Bei [den Worten] 'Akṣayya' und 'Āsana' gilt die sechste [Kasusendung, Genitiv]; bei der Anrufung (Āvāhana) die zweite [Kasusendung, Akkusativ]; bei der Speisegabe soll die vierte [Kasusendung, Dativ] stehen; für die übrigen [Handlungen] werden vollständige [Formeln] überliefert.

Wort für Wort
akṣayyāsanayoḥ ṣaṣṭhī
bei 'Akṣayya' und 'Āsana' [gilt] die sechste [Endung]
dvitīyā āvāhane smṛtā
die zweite [Endung] wird bei der Anrufung überliefert
annadāne caturthī syāt
bei der Speisegabe soll die vierte [Endung] stehen
śeṣāḥ sampad-dhayaḥ [?] smṛtāḥ
für die übrigen werden vollständige [Formeln] überliefert [?]

[Anm.: V.38 gibt grammatische Regeln zur Kasuswahl in den Ritualformeln des Śrāddha; Wortlaut z.T. unsicher übersetzt.] [?]

āsādya pātradvitayaṃ darbhaśākhāsamanvitam / tatpātre secayettoyaṃ śannodevītyṛcā tataḥ

Nachdem er zwei Gefäße, mit Darbha-Zweigen versehen, bereitgestellt hat, soll er in jene Gefäße Wasser gießen, mit dem Vers 'śaṃ no devīḥ'.

Wort für Wort
āsādya pātradvitayaṃ
nachdem er zwei Gefäße bereitgestellt hat
darbhaśākhāsamanvitam
mit Darbha-Zweigen versehen
tatpātre secayet toyaṃ
soll er in jene Gefäße Wasser gießen
śaṃ no devīḥ iti ṛcā tataḥ
dann mit dem Vers 'śaṃ no devīḥ'

yavosīti ti yavān kṣitpvā gandhapuṣpe ca vāgyataḥ / āvāhayettato devānviśve devāḥsa ityṛcā

Mit 'yavo 'si' [du bist die Gerste] soll er Gerstenkörner hineinwerfen, sowie Duftstoff und Blume, schweigend; dann soll er mit dem Vers 'viśve devāsaḥ' die Götter anrufen.

Wort für Wort
yavaḥ asi iti yavān kṣiptvā
mit 'du bist die Gerste' Gerstenkörner hineinwerfend
gandhapuṣpe ca vāgyataḥ
und Duftstoff, Blume, schweigend
āvāhayet tataḥ devān
soll er dann die Götter anrufen
viśve devāsaḥ iti ṛcā
mit dem Vers 'viśve devāsaḥ'

yā divyā iti mantreṇa dadyādarghyaṃ samāhitaḥ / gandhaiśca patrapuṣpaiśca dhūpairdīpairyajettataḥ

Mit dem Mantra 'yā divyāḥ' soll er, gesammelten Sinnes, das Ehrenwasser (Arghya) darbringen; danach soll er mit Duftstoffen, Blättern und Blumen, mit Räucherwerk und Lampen [die Götter] verehren.

Wort für Wort
yā divyāḥ iti mantreṇa
mit dem Mantra 'yā divyāḥ'
dadyāt arghyaṃ samāhitaḥ
soll er, gesammelten Sinnes, das Ehrenwasser geben
gandhaiḥ ca patrapuṣpaiḥ ca
mit Duftstoffen, Blättern und Blumen
dhūpaiḥ dīpaiḥ yajet tataḥ
mit Räucherwerk und Lampen soll er danach verehren

devaiśca samanujñāto yajetpitṛgaṇāṃstathā / tilasaṃyuktadarbhaiśca dadyātteṣāṃ sadāsanam

Von den Göttern erlaubt, soll er ebenso die Schar der Vorväter verehren; mit sesamversehenem Darbha-Gras soll er ihnen einen Sitz geben.

Wort für Wort
devaiḥ ca samanujñātaḥ
von den Göttern erlaubt
yajet pitṛgaṇān tathā
soll er ebenso die Schar der Vorväter verehren
tilasaṃyuktadarbhaiḥ ca
mit sesamversehenem Darbha-Gras
dadyāt teṣāṃ sadā āsanam
soll er ihnen einen Sitz geben

pātrāṇyāsādayettrīṇi hyarghātha pūrvavaddvijaḥ / śannodevyā jalaṃ kṣiptvā tilosīti tilānkṣaghipet

Er soll drei Gefäße bereitstellen, und danach wie zuvor, o Zweifachgeborener, für das Ehrenwasser [Wasser eingießen]; mit '[śaṃ no] devīḥ' Wasser eingießend, soll er mit 'tilo 'si' [du bist der Sesam] Sesamkörner hineinwerfen.

Wort für Wort
pātrāṇi āsādayet trīṇi
er soll drei Gefäße bereitstellen
hi arghāya atha pūrvavat dvijaḥ
und danach für das Ehrenwasser wie zuvor, o Zweifachgeborener
śaṃ no devyā jalaṃ kṣiptvā
mit 'śaṃ no devīḥ' Wasser eingießend
tilaḥ asi iti tilān kṣipet
mit 'du bist der Sesam' soll er Sesamkörner hineinwerfen

uśanta ityṛcāvāhya pitṝnvipraḥ samāhitaḥ / yā divyā iti mantreṇa dadyādarghyaṃ ca pūrvavat

Mit dem Vers 'uśantas' soll der Brahmane, gesammelten Sinnes, die Vorväter anrufen; mit dem Mantra 'yā divyāḥ' soll er, wie zuvor, das Ehrenwasser geben.

Wort für Wort
uśantaḥ iti ṛcā āvāhya
mit dem Vers 'uśantas' anrufend
pitṝn vipraḥ samāhitaḥ
die Vorväter, der Brahmane, gesammelten Sinnes
yā divyāḥ iti mantreṇa
mit dem Mantra 'yā divyāḥ'
dadyāt arghyaṃ ca pūrvavat
soll er das Ehrenwasser geben, wie zuvor

gandhaiśca patrapuṣpaiśca dhūpairdīpaiśca sattama / vāsorbhibhūṣaṇaiśvaiva yathāvibhavamarcayet

Mit Duftstoffen, Blättern und Blumen, mit Räucherwerk, Lampen, o Bester, ebenso mit Kleidung und Schmuck soll er [die Vorväter] nach seinem Vermögen verehren.

Wort für Wort
gandhaiḥ ca patrapuṣpaiḥ ca
mit Duftstoffen, Blättern und Blumen
dhūpaiḥ dīpaiḥ ca sattama
mit Räucherwerk und Lampen, o Bester
vāsobhiḥ bhūṣaṇaiḥ ca eva
ebenso mit Kleidung und Schmuck
yathāvibhavam arcayet
soll er nach seinem Vermögen verehren

tato 'nnāgraṃ samādāya ghṛtayuktaṃ vicakṣaṇaḥ / agnau kariṣya ityuktvā tebhyo 'nujñāṃ samāharet

Danach soll der Kluge den besten Teil der Speise, mit Ghee versehen, nehmen und, nachdem er gesagt hat 'ich werde [es] ins Feuer geben', von ihnen die Erlaubnis einholen.

Wort für Wort
tataḥ annāgraṃ samādāya
danach, den besten Teil der Speise nehmend
ghṛtayuktaṃ vicakṣaṇaḥ
mit Ghee versehen, der Kluge
agnau kariṣye iti uktvā
nachdem er gesagt hat 'ich werde [es] ins Feuer geben'
tebhyaḥ anujñāṃ samāharet
soll er von ihnen die Erlaubnis einholen

karavai karavāṇīti cāpṛṣṭā brāhmaṇā mune / kuruṣva kriyatāṃ veti kurviti brūyureva ca

'Soll ich es tun? Ich will es tun' – so gefragt, sollen die Brahmanen, o Weiser, [antworten]: 'Tu es', 'Es werde getan' oder 'Tue!' sprechen.

Wort für Wort
karavai karavāṇi iti
'soll ich es tun? ich will es tun' – so
ca pṛṣṭāḥ brāhmaṇāḥ mune
gefragt, sollen die Brahmanen, o Weiser
kuruṣva kriyatāṃ vā iti
'tu es' oder 'es werde getan'
kuru iti brūyuḥ eva ca
oder 'tue!' sprechen

upāsanāgnimādhāya svagṛhyoktavidhānataḥ / sāmāya ca pitṛmate svadhā nama itīrayet

Nachdem er das häusliche Feuer (Upāsanāgni) nach der in seinem [jeweiligen] Gṛhyasūtra genannten Vorschrift entfacht hat, soll er sprechen: 'Dem Soma, dem mit den Vorvätern Vereinten, Svadhā – Verehrung!'

Wort für Wort
upāsanāgnim ādhāya
nachdem er das häusliche Feuer entfacht hat
svagṛhyoktavidhānataḥ
nach der im eigenen Gṛhyasūtra genannten Vorschrift
somāya [?] ca pitṛmate
dem Soma [?] und dem mit den Vorvätern Vereinten
svadhā namaḥ iti īrayet
soll er sprechen: 'Svadhā, Verehrung!'

[?] sāmāya: als somāya ('dem Soma') gedeutet.

agnaye kavyavāhanāya svadhā nama itīha vā / svāhāntenāpi vā prājño juhuyātpitṛyajñavat

Oder auch: 'Dem Agni, dem Träger der Totenspeise, Svadhā – Verehrung!' – oder der Kluge soll, mit 'Svāhā' endend, wie beim Vorväteropfer, die Opferspende darbringen.

Wort für Wort
agnaye kavyavāhanāya
dem Agni, dem Träger der Totenspeise
svadhā namaḥ iti iha vā
oder hier: 'Svadhā, Verehrung!'
svāhāntena api vā prājñaḥ
oder der Kluge, mit 'Svāhā' endend
juhuyāt pitṛyajñavat
soll er wie beim Vorväteropfer die Opferspende darbringen

ābhyāmevāhutibhyāṃ tu pitṝṇāṃ tṛtpirakṣayā / agnyabhāve tu viprasya pāṇau homo vidhīyate

Eben durch diese beiden Opferspenden wird die unvergängliche Sättigung der Vorväter [bewirkt]. Bei Fehlen des Feuers aber ist für den Brahmanen die Opferung in der [hohlen] Hand vorgeschrieben.

Wort für Wort
ābhyām eva āhutibhyāṃ tu
eben durch diese beiden Opferspenden
pitṝṇāṃ tṛptiḥ akṣayā
[wird] die unvergängliche Sättigung der Vorväter [bewirkt]
agnyabhāve tu viprasya
bei Fehlen des Feuers aber für den Brahmanen
pāṇau homaḥ vidhīyate
ist die Opferung in der Hand vorgeschrieben

yathācāraṃ prakurvīta pāṇāvagnau ca vā dvija / nahyagnirdūragaḥ kāryaḥ pārvaṇe samupasthaite

Er soll [dies], seinem Brauch entsprechend, in der Hand oder im Feuer vollziehen, o Zweifachgeborener; denn das Feuer soll nicht fern gebracht werden, wenn das Pārvaṇa[-Śrāddha] ansteht.

Wort für Wort
yathācāraṃ prakurvīta
er soll [dies] seinem Brauch entsprechend vollziehen
pāṇau agnau ca vā dvija
in der Hand oder im Feuer, o Zweifachgeborener
na hi agniḥ dūragaḥ kāryaḥ
denn das Feuer soll nicht fern gebracht werden
pārvaṇe samupasthite
wenn das Pārvaṇa[-Śrāddha] ansteht

saṃdhāyāgniṃ tataḥ kāryaṃ kṛtvā taṃ visṛjetkṛtī / yadyāgnirdūrago vipra pārvaṇe samupasthite

Nachdem er das Feuer entfacht und die [Opfer-]Handlung vollzogen hat, soll der Vollbringer es [danach] entlassen. Wenn aber, o Brahmane, das Feuer fern ist, wenn das Pārvaṇa[-Śrāddha] ansteht,

Wort für Wort
saṃdhāya agniṃ tataḥ
nachdem er das Feuer entfacht hat, danach
kāryaṃ kṛtvā taṃ visṛjet kṛtī
soll der Vollbringer, die Handlung vollzogen, es entlassen
yadi agniḥ dūragaḥ vipra
wenn aber, o Brahmane, das Feuer fern ist
pārvaṇe samupasthite
wenn das Pārvaṇa[-Śrāddha] ansteht

bhrātṛbhiḥ kārayecchrāddhaṃ sāgnikairvidhivaddvijaiḥ / kṣayāhe caiva saṃprātpe svasyāgnirdūrago yadi

soll er, wenn am Todestag sein eigenes Feuer fern ist, das Totenopfer durch Brüder, die Feuerbesitzer sind, nach Vorschrift von Zweifachgeborenen vollziehen lassen.

Wort für Wort
bhrātṛbhiḥ kārayet śrāddhaṃ
er soll durch Brüder das Totenopfer vollziehen lassen
sāgnikaiḥ vidhivat dvijaiḥ
durch Feuerbesitzer, nach Vorschrift, Zweifachgeborene
kṣayāhe ca eva samprāpte
und wenn der Todestag eingetreten ist
svasya agniḥ dūragaḥ yadi
wenn sein eigenes Feuer fern ist

tathaiva bhrātarastatra laukikāgnāvapi sthitāḥ / upāsanāngau dūrasthe samīpebhrātari sthaite

Ebenso [können] dort die Brüder, auch beim weltlichen [gewöhnlichen] Feuer stehend, [das Ritual vollziehen], wenn das häusliche [Ritual-]Feuer fern ist, ein Bruder aber in der Nähe steht.

Wort für Wort
tathaiva bhrātaraḥ tatra
ebenso [können] dort die Brüder
laukikāgnau api sthitāḥ
auch beim weltlichen Feuer stehend
upāsanāgnau dūrasthe
wenn das häusliche [Ritual-]Feuer fern ist
samīpe bhrātari sthite
ein Bruder aber in der Nähe steht

yadyagnau juhuyādvāpi pāṇau vā sa hi pātakī / upāsanāgnā dūrasthe kecidicchanti vai dvijāḥ

Wenn er dennoch entweder im [fremden] Feuer oder in der Hand opfert, so ist er ein Sünder – doch manche Zweifachgeborene erlauben dies, wenn das häusliche Feuer fern ist.

Wort für Wort
yadi agnau juhuyāt vā api
wenn er entweder im Feuer opfert
pāṇau vā saḥ hi pātakī
oder in der Hand, so ist er ein Sünder
upāsanāgnau dūrasthe
wenn das häusliche Feuer fern ist
kecit icchanti vai dvijāḥ
manche Zweifachgeborene erlauben es doch

tacchaṣa viprapātreṣu vikiretsaṃsmaranharim / bhakṣyairbhojyaiśca lehyaiśca svādyairviprānprapūjayat

Den Rest davon soll er, an Hari gedenkend, in die Gefäße der Brahmanen streuen; mit Ess-, Genuss-, Leck- und Schmackhaft-Speisen soll er die Brahmanen ehren.

Wort für Wort
tat śeṣaṃ viprapātreṣu
den Rest davon in die Gefäße der Brahmanen
vikiret saṃsmaran harim
soll er streuen, an Hari gedenkend
bhakṣyaiḥ bhojyaiḥ ca lehyaiḥ ca
mit Ess-, Genuss- und Leck-Speisen
svādyaiḥ viprān prapūjayet
mit Schmackhaftem soll er die Brahmanen ehren

annatyāgaṃ tataḥ kuryyādubhayatra samāhitaḥ / āgacchantu mahābhāgāviśvedevā mahābalāḥ

Danach soll er, an beiden Orten gesammelten Sinnes, die Speisedarbringung (Annatyāga) vollziehen: 'Kommet, ihr hochgesegneten, mächtigen Viśvedevas!'

Wort für Wort
annatyāgaṃ tataḥ kuryāt
danach soll er die Speisedarbringung vollziehen
ubhayatra samāhitaḥ
an beiden Orten, gesammelten Sinnes
āgacchantu mahābhāgāḥ
kommet, ihr hochgesegneten
viśvedevāḥ mahābalāḥ
ihr mächtigen Viśvedevas

ye yatra vihitāḥ śrāddhe sāvadhānāṃ bhavantu te / iti saṃprārthayeddevānye devāsa ṛcā nu vai

'Die ihr dort beim Totenopfer bestimmt seid, seid aufmerksam!' – so soll er die Götter bitten, mit dem Vers 'ye devāsaḥ'.

Wort für Wort
ye yatra vihitāḥ śrāddhe
die ihr dort beim Totenopfer bestimmt seid
sāvadhānāḥ bhavantu te
seid aufmerksam
iti saṃprārthayet devān
so soll er die Götter bitten
ye devāsaḥ iti ṛcā nu vai
mit dem Vers 'ye devāsaḥ'

tathāsaṃprārthayadviprānye ca heti ṛcā pitṝn / amūrtānāṃ mūrtānāṃ ca pitṝṇāṃ dītpatejasām

Ebenso soll er, durch die Brahmanen [vertreten], mit dem Vers 'ye ca ha' die Vorväter bitten – der gestaltlosen und der gestalthaften Vorväter, deren Glanz [hell] erstrahlt,

Wort für Wort
tathā saṃprārthayat viprān
ebenso soll er die Brahmanen [als Vertreter] bitten
ye ca ha iti ṛcā pitṝn
mit dem Vers 'ye ca ha' die Vorväter
amūrtānāṃ mūrtānāṃ ca
der gestaltlosen und der gestalthaften
pitṝṇāṃ dīptatejasām
Vorväter, deren Glanz erstrahlt

namasyāmi sadā teṣāṃ dhvānināṃ yogacajakṣuṣām / evaṃ pitṝnnamaskṛtya nārāyaṇa parāyaṇaḥ

'Ich verehre stets jene [in Schweigen Versunkenen? ?], deren Auge das Yoga ist.' So soll er, nachdem er die Vorväter verehrt hat, Nārāyaṇa hingegeben,

Wort für Wort
namasyāmi sadā teṣāṃ
ich verehre stets jene
dhvānināṃ [?] yogacakṣuṣām
der [in Meditation] Versunkenen [?], deren Auge das Yoga ist
evaṃ pitṝn namaskṛtya
so, nachdem er die Vorväter verehrt hat
nārāyaṇaparāyaṇaḥ
Nārāyaṇa hingegeben

[?] dhvānināṃ: unklar, evtl. verderbt; probeweise als 'die [in Meditation] Versunkenen' gedeutet.

dattaṃ haviśca tatkarṇa viṣṇave vinivedayet / tataste brāhmaṇāḥ sarve bhuñjīranvāgyatā dvijāḥ

die gegebene Opferspeise und jene Handlung [?] dem Viṣṇu darbringen. Danach sollen alle jene Brahmanen, die Zweifachgeborenen, schweigend essen.

Wort für Wort
dattaṃ haviḥ ca tat karma [?]
die gegebene Opferspeise und jene Handlung [?]
viṣṇave vinivedayet
soll er dem Viṣṇu darbringen
tataḥ te brāhmaṇāḥ sarve
danach sollen alle jene Brahmanen
bhuñjīran vāgyatāḥ dvijāḥ
essen, die schweigenden Zweifachgeborenen

[?] tatkarṇa: unklar, hier als Verschreibung für tat karma ('jene Handlung') gedeutet.

hasato vadate ko 'pi rākṣaghasaṃ tadbhaveddhaviḥ / yathaācāra pradeyaṃ ca madhunāṃsādikaṃ tathā

Wenn irgendjemand [beim Essen] lacht oder spricht, wird jene Opferspeise dämonisch (Rākṣasa); nach dem [jeweiligen] Brauch ist auch Honig, Fleisch und dergleichen darzureichen.

Wort für Wort
hasataḥ vadataḥ kaḥ api
wenn irgendjemand lacht oder spricht
rākṣasaṃ tat bhavet haviḥ
wird jene Opferspeise dämonisch
yathācāraṃ pradeyaṃ ca
und nach dem Brauch ist zu reichen
madhumāṃsādikaṃ tathā
ebenso Honig, Fleisch und dergleichen

pākādiṃ ca praśaṃseran vāgyatā dhṛtabhaghājanāḥ / yadi pātraṃ tyajetko 'pi brāhmaṇaḥ śrāddhayojitaḥ

Schweigend sollen die [ihre] Speise Innehabenden die Zubereitung und dergleichen loben. Wenn irgendein Brahmane, der zum Totenopfer bestellt ist, den [Speise-]Napf verlässt [bevor die Mahlzeit beendet ist],

Wort für Wort
pākādiṃ ca praśaṃseran
und die Zubereitung u.dgl. sollen sie loben
vāgyatāḥ dhṛtabhāgajanāḥ [?]
schweigend, die [ihre] Portion innehabenden [?]
yadi pātraṃ tyajet kaḥ api
wenn irgendeiner den [Speise-]Napf verlässt
brāhmaṇaḥ śrāddhayojitaḥ
ein zum Totenopfer bestellter Brahmane

[?] dhṛtabhaghājanāḥ: als dhṛtabhāgajanāḥ ('die [ihre] Portion innehabenden Personen') gedeutet.

śrāddhahṝntā sa vijñeyo narakāyopapadyate / bhañjāneṣu ca vipreṣu hyanyonyaṃ saṃspuśedyadi

so ist er als 'Zerstörer des Totenopfers' zu erkennen und verfällt der Hölle. Wenn sich unter den speisenden Brahmanen einer den anderen berührt,

Wort für Wort
śrāddhahantā [?] saḥ vijñeyaḥ
als 'Zerstörer des Totenopfers' [?] ist er zu erkennen
narakāya upapadyate
er verfällt der Hölle
bhuñjāneṣu ca vipreṣu
und unter den speisenden Brahmanen
hi anyonyaṃ saṃspṛśet yadi
wenn sie sich gegenseitig berühren

[?] śrāddhahṝntā: als śrāddhahantā ('Zerstörer des Totenopfers') gedeutet.

tadannamatyajanbhuktvā gāyatryaṣṭaśataṃ japet / bhujyamāneṣu vipreṣu karttā śraddhāparāyaṇaḥ

so soll er, ohne jene Speise aufzugeben, nachdem er gegessen hat, hundertacht Mal die Gāyatrī murmeln (Japa). Während die Brahmanen speisen, soll der Vollzieher, dem Glauben hingegeben,

Wort für Wort
tat annam atyajan bhuktvā
jene Speise nicht aufgebend, nachdem er gegessen hat
gāyatryaṣṭaśataṃ japet
soll er hundertacht Mal die Gāyatrī murmeln
bhujyamāneṣu vipreṣu
während die Brahmanen speisen
karttā śraddhāparāyaṇaḥ
soll der Vollzieher, dem Glauben hingegeben

smarennārāyaṇaṃ devamanantamaparājitam / rakṣoghnānvaiṣṇavāṃścaiva paitṛkāṃścaviśeṣataḥ

den Gott Nārāyaṇa gedenken, den Endlosen, Unbesiegten; er soll die Rakṣas-vertreibenden, die Viṣṇu-Sprüche und besonders die Vorväter-Sprüche [murmeln],

Wort für Wort
smaret nārāyaṇaṃ devam
er soll den Gott Nārāyaṇa gedenken
anantam aparājitam
den Endlosen, Unbesiegten
rakṣoghnān vaiṣṇavān ca eva
die Rakṣas-vertreibenden und die Viṣṇu-Sprüche
paitṛkān ca viśeṣataḥ
und besonders die Vorväter-Sprüche

japecca pauruṣaṃ sūktaṃ nāciketatrayaṃ tathā / trimadhu trisuparṇaṃ ca pāvamānaṃ yajūṃṣi ca

er soll das Puruṣa-Sūkta murmeln, ebenso die drei Nāciketa[-Verse], das Trimadhu, das Trisuparṇa, das Pāvamāna und die Yajus-Sprüche,

Wort für Wort
japet ca pauruṣaṃ sūktaṃ
er soll das Puruṣa-Sūkta murmeln
nāciketatrayaṃ tathā
ebenso die drei Nāciketa[-Verse]
trimadhu trisuparṇaṃ ca
das Trimadhu und das Trisuparṇa
pāvamānaṃ yajūṃṣi ca
das Pāvamāna und die Yajus-Sprüche

sāmānyapitathoktāni vadetpuṇyapradāṃstathā / itihāsapurāṇāni dharmaśāstrāṇi caiva hi

ebenso die Sāman-Sprüche, wie [zuvor] genannt; er soll auch verdienstbringende [Texte] vortragen: die Geschichten (Itihāsa), die Purāṇas und die Rechtslehren (Dharmaśāstra).

Wort für Wort
sāmāni api tathā uktāni [?]
auch die Sāman-Sprüche, wie erwähnt [?]
vadet puṇyapradān tathā
er soll auch verdienstbringende [Texte] vortragen
itihāsapurāṇāni
die Geschichten und die Purāṇas
dharmaśāstrāṇi ca eva hi
und wahrlich auch die Rechtslehren

[?] sāmānyapitathoktāni: als sāmāni api tathoktāni ('auch die Sāman-Sprüche, wie erwähnt') gedeutet.

bhuñjīranbrahmaṇā yāvattāvadetāñjapeddvija / brāhmaṇeṣu ca bhukteṣu vikiraṃ vikṣipettathā

Solange die Brahmanen essen, solange soll er, o Zweifachgeborener, diese [Texte] murmeln. Wenn die Brahmanen gegessen haben, soll er ebenso die Speisereste (Vikira) ausstreuen,

Wort für Wort
bhuñjīran brāhmaṇāḥ yāvat
solange die Brahmanen essen
tāvat etān japet dvija
solange soll er diese murmeln, o Zweifachgeborener
brāhmaṇeṣu ca bhukteṣu
und wenn die Brahmanen gegessen haben
vikiraṃ vikṣipet tathā
soll er ebenso die Speisereste ausstreuen

śeṣamannaṃ vadeccaiva madhusūktaṃ ca vai japet / svayaṃ ca pādau prakṣaghālya samyagācamya nārada

und den Speiserest [den Brahmanen anbieten] und dabei das Madhu-Sūkta murmeln. Er selbst soll, nachdem er sich die Füße gewaschen und ordentlich die Ācamana vollzogen hat, o Nārada,

Wort für Wort
śeṣam annaṃ vadet ca eva
und den Speiserest soll er anbieten
madhusūktaṃ ca vai japet
und dabei das Madhu-Sūkta murmeln
svayaṃ ca pādau prakṣālya
er selbst, nachdem er sich die Füße gewaschen hat
samyak ācamya nārada
und ordentlich die Ācamana vollzogen hat, o Nārada

ācānteṣu ca vipreṣu piṇḍaṃ nirvāpayettataḥ / svastivā canakaṃ kuryādakṣayyodakameva ca

wenn die Brahmanen die Ācamana vollzogen haben, danach die Reisklöße (Piṇḍa) darbringen; er soll das Segenssprechen (Svastivācana) vollziehen, ebenso die unvergängliche Wasserspende (Akṣayyodaka).

Wort für Wort
ācānteṣu ca vipreṣu
wenn die Brahmanen die Ācamana vollzogen haben
piṇḍaṃ nirvāpayet tataḥ
soll er danach die Reisklöße darbringen
svastivācanaṃ [?] kuryāt
er soll das Segenssprechen vollziehen [?]
akṣayyodakam eva ca
ebenso die unvergängliche Wasserspende

[?] canakaṃ: als vācanaṃ (in svastivācanam, 'Segenssprechen') gedeutet.

dattvā samāhitaḥ kuryāttathā viprābhivādanam / acālayitvā pātraṃ tu svasti kurvanti ye dvijāḥ

Nachdem er [dies] gegeben hat, soll er, gesammelten Sinnes, ebenso die Ehrerbietung vor den Brahmanen vollziehen. Die Zweifachgeborenen, die, ohne den [Speise-]Napf zu bewegen, den Segensspruch sprechen,

Wort für Wort
dattvā samāhitaḥ kuryāt
nachdem er [dies] gegeben hat, soll er, gesammelt, vollziehen
tathā viprābhivādanam
ebenso die Ehrerbietung vor den Brahmanen
acālayitvā pātraṃ tu
ohne den [Speise-]Napf zu bewegen
svasti kurvanti ye dvijāḥ
die Zweifachgeborenen, die den Segensspruch sprechen

vatsaraṃ pitarasteṣāṃ bhavantyucchiṣṭabhojinaḥ / dātāro no 'bhivarddhantāmityādyaiḥ smṛtibhāṣitaiḥ

deren Vorväter werden für ein Jahr Esser ihrer Speisereste. [Mit den Worten] 'Mögen unsere Geber gedeihen' und dergleichen, wie in der Smṛti überliefert,

Wort für Wort
vatsaraṃ pitaraḥ teṣāṃ
für ein Jahr [werden] deren Vorväter
bhavanti ucchiṣṭabhojinaḥ
zu Essern ihrer Speisereste
dātāraḥ naḥ abhivarddhantām
'mögen unsere Geber gedeihen'
iti ādyaiḥ smṛtibhāṣitaiḥ
und dergleichen, wie in der Smṛti überliefert

āśīrvaco labhettebhyo namaskāraṃ carettataḥ / dadyācca dakṣiṇāṃ śaktyā tāṃbūlaṃ gandhasaṃyutam

soll er von ihnen den Segensspruch empfangen und danach die Ehrerbietung erweisen; er soll nach Kräften die Opfergabe (Dakṣiṇā) geben, sowie Betel mit Duftstoff.

Wort für Wort
āśīrvacaḥ labhet tebhyaḥ
soll er von ihnen den Segensspruch empfangen
namaskāraṃ caret tataḥ
danach die Ehrerbietung erweisen
dadyāt ca dakṣiṇāṃ śaktyā
und er soll nach Kräften die Opfergabe geben
tāmbūlaṃ gandhasaṃyutam
Betel mit Duftstoff

nyubjapātramathānīya svadhākāramudīrayet / vājevāje iti ṛcā pitṝndevānvisarjayet

Danach soll er ein umgestülptes Gefäß herbeibringen und den Svadhā-Ruf aussprechen; mit dem Vers 'vāje-vāje' soll er die Vorväter und Götter verabschieden.

Wort für Wort
nyubjapātram atha ānīya
danach, ein umgestülptes Gefäß herbeibringend
svadhākāram udīrayet
soll er den Svadhā-Ruf aussprechen
vāje-vāje iti ṛcā
mit dem Vers 'vāje-vāje'
pitṝn devān visarjayet
soll er die Vorväter und Götter verabschieden

bhoktā ca śrāddhakṛttasyāṃ rajanyāṃ maithunaṃ tyajet / tathā svādhyāyamadhvānaṃ prayatnena parityajet

Sowohl der Genießer als auch der Vollzieher des Totenopfers sollen in jener Nacht den Geschlechtsverkehr meiden; ebenso sollen sie mit Sorgfalt Vedastudium und Reisen unterlassen.

Wort für Wort
bhoktā ca śrāddhakṛt
sowohl der Genießer als auch der Vollzieher des Totenopfers
tasyāṃ rajanyāṃ maithunaṃ tyajet
sollen in jener Nacht den Geschlechtsverkehr meiden
tathā svādhyāyam adhvānaṃ
ebenso Vedastudium und Reisen
prayatnena parityajet
sollen sie mit Sorgfalt unterlassen

adhvagaścāturaścaiva vihīnaśca dhanaistathā / āmaśrāddhaṃ prakurvīta hemnā vāstṛśyabhāryakaḥ

Der Reisende, der Kranke, sowie der an Reichtum Arme soll ein rohes Totenopfer (Āmaśrāddha, aus rohen statt gekochten Zutaten) vollziehen, oder mit Gold [darbringen] – [ebenso], wessen Gattin [rituell unberührbar ist, ?].

Wort für Wort
adhvagaḥ ca āturaḥ ca eva
der Reisende und ebenso der Kranke
vihīnaḥ ca dhanaiḥ tathā
und ebenso der an Reichtum Arme
āmaśrāddhaṃ prakurvīta
soll ein rohes Totenopfer vollziehen
hemnā vā [aspṛśya-bhāryakaḥ ?]
oder mit Gold – [wessen Gattin unberührbar ist ?]

[Anm.: vāstṛśyabhāryakaḥ ist stark korrupt; hier versuchsweise als Hinweis auf eine Gattin in rituell unreinem Zustand gedeutet.] [?]

dravyābhāve dvijābhāve hyannamātraṃ ca pācayet / paitṛkena tu sūktena homaṃ kuryādvicakṣaṇaḥ

Bei Fehlen von [Opfer-]Substanzen, bei Fehlen von Brahmanen, soll er lediglich Speise kochen; mit dem Vorväter-Sūkta soll der Kluge die Feueropferung vollziehen.

Wort für Wort
dravyābhāve dvijābhāve
bei Fehlen von Substanzen, bei Fehlen von Brahmanen
hi annamātraṃ ca pācayet
soll er lediglich Speise kochen
paitṛkena tu sūktena
mit dem Vorväter-Sūkta aber
homaṃ kuryāt vicakṣaṇaḥ
soll der Kluge die Feueropferung vollziehen

atyanta havyaśūnyaścaitsvaśaktyā tu tṛṇaṃ gavām / snātvā ca vidhivadvipra kuryādvā tilataparṇam

Ist er gänzlich ohne Opfergaben, so soll er nach eigenem Vermögen [wenigstens] Gras für die Kühe [darbringen]; oder er soll, nachdem er nach Vorschrift gebadet hat, o Brahmane, die Sesam-Wasserspende (Tilatarpaṇa) vollziehen.

Wort für Wort
atyantaṃ havyaśūnyaḥ cet
ist er gänzlich ohne Opfergaben
svaśaktyā tu tṛṇaṃ gavām
so [gebe er] nach eigenem Vermögen Gras für die Kühe
snātvā ca vidhivat vipra
oder, nachdem er nach Vorschrift gebadet hat, o Brahmane
kuryāt vā tilatarpaṇam
soll er die Sesam-Wasserspende vollziehen

athavā rodanaṃ kuryādatyuccairvijane vane / daridro 'haṃ mahāpāpī vadanniti vicakṣaṇaḥ

Oder der Kluge soll laut weinen in einsamem Wald, indem er spricht: 'Ich bin arm, ich bin ein großer Sünder.'

Wort für Wort
athavā rodanaṃ kuryāt
oder er soll weinen
atyuccaiḥ vijane vane
sehr laut, in einsamem Wald
daridraḥ aham mahāpāpī
'ich bin arm, ich bin ein großer Sünder'
vadan iti vicakṣaṇaḥ
so sprechend, der Kluge

paredyuḥ śrāddhakṛnmartyo yo na tarpayate pitṝn / tatkulaṃ nāśamāyāti brahmahatyāṃ ca vindati

Der sterbliche Vollzieher des Totenopfers, der am folgenden Tag die Vorväter nicht [durch Tarpaṇa] erquickt, dessen Geschlecht geht zugrunde, und er erlangt [die Sünde] des Brahmanenmordes.

Wort für Wort
paredyuḥ śrāddhakṛt martyaḥ
der sterbliche Vollzieher des Totenopfers, am folgenden Tag
yaḥ na tarpayate pitṝn
der die Vorväter nicht erquickt
tatkulaṃ nāśam āyāti
dessen Geschlecht geht zugrunde
brahmahatyāṃ ca vindati
und er erlangt [die Sünde] des Brahmanenmordes

śrāddhaṃ kurvanti ye martyāḥ śraddhāvanto munīśvara / na teṣāṃ saṃtaticchedaḥ saṃpannāste bhavanti ca

Die Sterblichen, die mit Glauben (Śraddhā) das Totenopfer vollziehen, o Herr der Weisen, deren Nachkommenschaft reißt nicht ab, und sie selbst werden wohlhabend.

Wort für Wort
śrāddhaṃ kurvanti ye martyāḥ
die Sterblichen, die das Totenopfer vollziehen
śraddhāvantaḥ munīśvara
mit Glauben, o Herr der Weisen
na teṣāṃ saṃtaticchedaḥ
deren Nachkommenschaft reißt nicht ab
saṃpannāḥ te bhavanti ca
und sie werden wohlhabend

pitṝnyañjati yeṃ śrāddhe taistu viṣṇuḥ prapūjitaḥ / tasmiṃstuṣṭe jagannāthe sarvāstuṣyanti devatāḥ

Wer beim Totenopfer die Vorväter verehrt, von dem wird Viṣṇu verehrt; wenn jener Herr der Welt (Jagannātha) zufrieden ist, sind alle Gottheiten zufrieden.

Wort für Wort
pitṝn yajanti ye śrāddhe
die die Vorväter beim Totenopfer verehren
taiḥ tu viṣṇuḥ prapūjitaḥ
von denen wird Viṣṇu verehrt
tasmin tuṣṭe jagannāthe
wenn jener Herr der Welt zufrieden ist
sarvāḥ tuṣyanti devatāḥ
sind alle Gottheiten zufrieden

pitaro devatāścaiva gandharvāpsarasastathā / yakṣāśca siddhā manujā harireva sanātanaḥ

Die Vorväter, die Götter, ebenso die Gandharvas und Apsaras, die Yakṣas, die Siddhas und die Menschen – [das ist] eben Hari, der Ewige,

Wort für Wort
pitaraḥ devatāḥ ca eva
die Vorväter und die Götter
gandharvāpsarasaḥ tathā
ebenso die Gandharvas und Apsaras
yakṣāḥ ca siddhāḥ manujāḥ
die Yakṣas, die Siddhas, die Menschen
hariḥ eva sanātanaḥ
[sind] eben Hari, der Ewige

yenedamakhilaṃ jātaṃ jagatsthāvarajaṅgamam / tasmāddātā ca bhoktā ca sarvaṃ viṣṇuḥ sanātanaḥ

durch den diese ganze Welt, beweglich und unbeweglich, entstanden ist. Daher sind Geber und Genießer und alles [nichts als] der ewige Viṣṇu.

Wort für Wort
yena idam akhilaṃ jātaṃ
durch den dies ganze entstanden ist
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, beweglich und unbeweglich
tasmāt dātā ca bhoktā ca
daher [sind] Geber und Genießer
sarvaṃ viṣṇuḥ sanātanaḥ
alles der ewige Viṣṇu

yadasti vipra yannāsti dṛśyaṃ cādṛśyameva ca / sarvaṃ viṣṇumayaṃ jñeyaṃ tasmādanyanna vidyate

Was ist, o Brahmane, und was nicht ist, das Sichtbare und ebenso das Unsichtbare – alles ist als aus Viṣṇu bestehend zu erkennen; außer ihm gibt es nichts.

Wort für Wort
yat asti vipra yat na asti
was ist, o Brahmane, [und] was nicht ist
dṛśyaṃ ca adṛśyam eva ca
das Sichtbare und ebenso das Unsichtbare
sarvaṃ viṣṇumayaṃ jñeyaṃ
alles ist als aus Viṣṇu bestehend zu erkennen
tasmāt anyat na vidyate
außer ihm gibt es nichts

ādhārabhūto viśvasya sarvabhūtātmako 'vyayaḥ / anaupamyasvabhāvaśca bhagavānhavyakavyabhuk

Er ist die Grundlage des Universums, das Selbst aller Wesen, der Unvergängliche, von unvergleichlichem Wesen, der Erhabene, der Genießer der Opfer- und Totenspeise (Havya und Kavya).

Wort für Wort
ādhārabhūtaḥ viśvasya
die Grundlage des Universums
sarvabhūtātmakaḥ avyayaḥ
das Selbst aller Wesen, der Unvergängliche
anaupamyasvabhāvaḥ ca
und von unvergleichlichem Wesen
bhagavān havyakavyabhuk
der Erhabene, der Genießer von Havya und Kavya

parabrahmābhidheyo ya eka eva janārdanaḥ / karttā kārayitā caiva sarvaṃ viṣṇuḥ sanātanaḥ

Er, der als das höchste Brahman bezeichnet wird, der eine einzige Janārdana – Handelnder und Veranlasser zugleich ist alles: der ewige Viṣṇu.

Wort für Wort
parabrahmābhidheyaḥ yaḥ
der als das höchste Brahman bezeichnet wird
ekaḥ eva janārdanaḥ
der eine einzige Janārdana
karttā kārayitā ca eva
Handelnder und Veranlasser zugleich
sarvaṃ viṣṇuḥ sanātanaḥ
alles der ewige Viṣṇu

ityevaṃ te muniśreṣṭha śrāddhāsya vidhiruttamaḥ / kathitaḥ kurvatāmevaṃ pāpaṃ sadyo vilīyate

So ist dir, o bester der Weisen, die vortreffliche Vorschrift für das Totenopfer verkündet worden; bei denen, die es so vollziehen, löst sich die Sünde sogleich auf.

Wort für Wort
iti evaṃ te muniśreṣṭha
so ist dir also, o bester der Weisen
śrāddhasya vidhiḥ uttamaḥ
die vortreffliche Vorschrift für das Totenopfer
kathitaḥ kurvatām evaṃ
verkündet worden; bei denen, die es so vollziehen
pāpaṃ sadyaḥ vilīyate
löst sich die Sünde sogleich auf

ya idaṃ paṭhate bhaktyā śrāddhakāle dvijottamaḥ / pitarastasya tuṣyanti saṃtatiścaiva varddhate

Der beste der Zweifachgeborenen, der dies mit Hingabe zur Zeit des Totenopfers liest, dessen Vorväter werden zufrieden, und seine Nachkommenschaft mehrt sich.

Wort für Wort
yaḥ idaṃ paṭhate bhaktyā
wer dies mit Hingabe liest
śrāddhakāle dvijottamaḥ
der beste der Zweifachgeborenen, zur Zeit des Totenopfers
pitaraḥ tasya tuṣyanti
dessen Vorväter werden zufrieden
saṃtatiḥ ca eva varddhate
und seine Nachkommenschaft mehrt sich

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks