Kapitel 26: sadācāreṣu gṛhasthavānaprasthayatidharmanirūpaṇam
Die Darlegung des rechten Verhaltens sowie der Pflichten des Hausvaters, des Waldeinsiedlers und des Asketen
Sanaka sprach: Ich werde dir, bester der Weisen, das rechte Verhalten des Hausvaters verkünden, durch dessen Hören [?] alle Sünden gewiss vergehen – daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
gṛhasthasya sadācāraṃ vakṣyāmi munisattama
ich werde das rechte Verhalten des Hausvaters verkünden, o Bester der Weisen
yad rutvā [?] sarvapāpāni
wodurch gehört [?] alle Sünden
naśyanty eva na saṃśayaḥ
gewiss vergehen, kein Zweifel
[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden (25.) Kapitels vorangestellt, gefolgt von einer Trennlinie; dies ist ein reines Gliederungselement, das im sa-Feld zur Dokumentation mitgeführt, aber nicht in die de-Übersetzung von V.1 einbezogen wurde.] [?] yadrūtāṃ: vermutlich verderbt aus yac chrutvā (nachdem gehört).
In der Brahma-Stunde [Morgendämmerung] aufstehend, soll der Brahmane, nachdem er sein Haar geordnet hat, über eine Lebensweise nachdenken, die den Zielen des Menschen [Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa] nicht widerspricht.
Wort für Wort
brāhme muhūrte ca utthāya
in der Brahma-Stunde aufgestanden
puruṣārthāvirodhinīm vṛttim
eine den Menschenzielen nicht widersprechende Lebensweise
divāsaṃdhyāsu karṇasthabrahmasūtra udaḍmukhaḥ /
kuryānmūtrapurīṣe tu rātrau ceddakṣiṇāmukhaḥ
Bei Tag und in der Dämmerung soll er, die heilige Schnur über das Ohr gelegt, mit dem Gesicht nach Norden gewandt Urin und Kot entleeren, nachts aber mit dem Gesicht nach Süden gewandt.
Wort für Wort
divāsaṃdhyāsu
bei Tag und Dämmerung
karṇastha-brahmasūtraḥ udaḍmukhaḥ
die heilige Schnur am Ohr, mit Gesicht nach Norden
Er soll das Haupt mit einem Tuch bedecken und den Boden mit Gräsern bedecken [?]; und, ein Holzstück in einer Hand tragend, soll der Zweifachgeborene solange schweigen.
Wort für Wort
śiraḥ prāvṛtya vastreṇa
nachdem er das Haupt mit einem Tuch bedeckt hat
hi antarddhāya tṛṇaiḥ mahīm
und die Erde mit Gräsern verborgen hat
vahan kāṣṭham kareṇa ekam
ein Holzstück in einer Hand tragend
tāvat maunī bhavet dvijaḥ
solange soll der Zweifachgeborene schweigen
[?] antarddhāya tṛṇaiḥ mahīm: wörtl. 'nachdem er die Erde mit Gräsern verborgen/bedeckt hat'; Sinn im Ritualkontext nicht ganz gesichert.
Um Reinheit soll er sich stets bemühen; der Zweifachgeborene gilt als in der Reinheit verwurzelt. Wer der Reinheitspraxis entbehrt, dessen gesamtes [rituelles] Tun ist fruchtlos.
śaucaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ brāhmamābhyāntaraṃ tathā /
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhirbhāvaśuddhistathāntaram
Reinheit aber wird als zweifach bezeichnet: die äußere [?] und die innere. Durch Erde und Wasser [entsteht] die äußere Reinigung, die innere aber ist die Reinheit der Gesinnung.
Wort für Wort
śaucaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ
Reinheit aber wird als zweifach bezeichnet
bāhyam [?] ābhyāntaraṃ tathā
äußere [?] und innere
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhiḥ
durch Erde und Wasser [entsteht] die äußere Reinigung
bhāvaśuddhiḥ tathā antaram
die innere aber ist die Reinheit der Gesinnung
[Anm.: brāhmam erwartet man an dieser Stelle wohl als Verschreibung für bāhyam ('äußere'), im Gegensatz zu ābhyāntaram ('innere'); so gedeutet.] [?]
gṛhītaśiśraścotthāya śaucārthaṃ mṛdamāharet /.
na mūṣakādikhanitāṃ phaālotkṛṣṭāṃ tathaiva ca
Nachdem er mit bedecktem Haupt aufgestanden ist [?], soll er zum Zweck der Reinigung Erde holen – nicht jedoch solche, die von Ratten und dergleichen ausgegraben oder vom Pflug aufgewühlt wurde [?].
Wort für Wort
gṛhīta-śiraḥ [?] ca utthāya
nachdem er mit bedecktem Haupt [?] aufgestanden ist
śaucārthaṃ mṛdam āharet
soll er zur Reinigung Erde holen
na mūṣakādi-khanitāṃ
nicht von Ratten u.ä. ausgegrabene
phālotkṛṣṭāṃ [?] tathaiva ca
noch vom Pflug aufgewühlte [?]
[?] gṛhītaśiśraḥ: hier als gṛhītaśiraḥ ('mit bedecktem Haupt') gedeutet (vgl. V.4). [?] phaālotkṛṣṭāṃ: als phālotkṛṣṭāṃ ('vom Pflug aufgewühlt') gedeutet.
Eine [Erdportion] für das Glied, fünf für den After, zehn für die linke [Hand], für beide [Hände] sieben [?]; drei sind gesondert für die beiden Füße zu geben.
Wort für Wort
ekā liṅge gude pañca
eine für das Glied, fünf für den After
daśa vāme tathā ubhayoḥ
zehn für die linke [Hand], für beide [Hände]
sapta [?] tisraḥ pradātavyāḥ
sieben [?]; drei sind zu geben
pādayoḥ mṛttikāḥ pṛthak
gesondert für die Füße [je] Erdportionen
[Anm.: satpa ist auch hier (wie im Kolophon 'satpaviṃśa' für ṣaḍviṃśa, und in V.35) wohl eine feste Verschreibung für sapta ('sieben'); so gedeutet.] [?]
Dies ist die Reinigung beim Stuhlgang, zur Beseitigung von Geruch und [eklem] Belag. Diese Reinigung [gilt] für den Hausvater; die doppelte [gilt] für die Brahmacārins.
triguṇāṃ tu vanasthānāṃ yatīnāṃ taccarguṇam /
svasthāne pūrṇaśaucaṃ syātpathyarddhaṃ munisattama
Die dreifache aber [gilt] für die Waldbewohner, die vierfache [?] für die Asketen. Am eigenen Ort [zuhause] soll die Reinigung vollständig sein, unterwegs die Hälfte, bester der Weisen.
Wort für Wort
triguṇāṃ tu vanasthānām
die dreifache aber [gilt] für die Waldbewohner
yatīnāṃ tat caturguṇam [?]
für die Asketen jene vierfache [?]
svasthāne pūrṇaśaucaṃ syāt
zuhause soll die Reinigung vollständig sein
pathi ardhaṃ munisattama
unterwegs die Hälfte, bester der Weisen
[Anm.: taccarguṇam ist metrisch und lautlich verderbt; als tac caturguṇam ('das Vierfache') gedeutet, in Fortführung der Reihe ein-/zwei-/drei-/vierfach.] [?]
strīṇāmanupanītānāṃ gandhalepakṣayāvadhi /
vratasthānāṃ tu sarveṣāṃ yativacchaucamiṣyate
Für Frauen und die nicht Initiierten [Knaben ohne Upanayana] gilt die Reinigung bis zur Beseitigung von Geruch und Belag als ausreichend; für alle aber, die ein Gelübde halten, wird die Reinigung wie für Asketen vorgeschrieben.
vidhavānāṃ ca virpendra etadeva nigadyate /
evaṃ śaucaṃ tu nirvartya paścādvai susamāhitaḥ
Auch für die Witwen, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], wird eben dies gesagt. Nachdem er so die Reinigung vollzogen hat, soll er danach wohlgesammelten Geistes sein.
Wort für Wort
vidhavānāṃ ca dvijendra [?]
auch für die Witwen, o Fürst der Zweifachgeborenen [?]
etat eva nigadyate
eben dies wird gesagt
evaṃ śaucaṃ tu nirvartya
nachdem er so die Reinigung vollzogen hat
paścāt vai susamāhitaḥ
soll er danach wohlgesammelt sein
[?] virpendra ist unklar, vermutlich verderbt aus dvijendra ('Fürst der Zweifachgeborenen').
Mit dem Gesicht nach Osten oder nach Norden gewandt soll er, mit gebändigten Sinnen, die Ācamana [rituelle Mundspülung] vollziehen. Drei- oder viermal soll er Wasser trinken, das frei von Geruch und Schaum und dergleichen ist.
Wort für Wort
prāgāsyaḥ udagāsyaḥ vā api
mit dem Gesicht nach Osten oder nach Norden gewandt
ācāmet prayatendriyaḥ [?]
soll er, sinnenbezähmt, die Ācamana vollziehen
triḥ caturdhā pibet āpaḥ
drei- oder viermal soll er Wasser trinken
gandhaphenādivarjitāḥ
das frei von Geruch, Schaum u.dgl. ist
[?] prayartendriyaḥ: als prayatendriyaḥ ('mit gebändigten Sinnen') gedeutet.
dvirmārjayetkapolaṃ ca talenoṣṭhau ca sattama /
tarjanyaṅguṣṭhayogena nāsārandhradvayaṃ spṛśet
Zweimal soll er die Wangen abwischen, und mit der Handfläche die Lippen, o Bester; mit Zeigefinger und Daumen zusammen soll er die beiden Nasenlöcher berühren.
aguṃṣṭānāmikābhyāṃ ca cakṣuḥ śrotre yathākramam /
kaniṣṭāṅguṣṭayogena nābhideśe spṛśeddvijaḥ
Mit Daumen und Ringfinger [soll er] der Reihe nach Augen und Ohren [berühren]; mit dem kleinen Finger und Daumen zusammen soll der Zweifachgeborene die Nabelgegend berühren.
Wort für Wort
aṅguṣṭhānāmikābhyāṃ ca
mit Daumen und Ringfinger
cakṣuḥ śrotre yathākramam
der Reihe nach Augen und Ohren
kaniṣṭāṅguṣṭhayogena
mit kleinem Finger und Daumen zusammen
nābhideśe spṛśet dvijaḥ
soll der Zweifachgeborene die Nabelgegend berühren
Mit der Handfläche [soll er] die Brust [berühren], und mit den Fingerspitzen das Haupt berühren; mit der Handfläche oder mit den Fingerspitzen soll der Kluge die Schultern berühren.
Nachdem er so, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], die Ācamana vollzogen hat, erlangt er höchste Reinheit. Danach soll er ein Zahnholz kauen, mit Rinde, von einem als gut geltenden Baum stammend.
Wort für Wort
evam ācamya vipraindra [?]
nachdem er so, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], die Ācamana vollzogen hat
śuddhim āpnoti anuttamām [?]
erlangt er höchste Reinheit
dantakāṣṭhaṃ tataḥ khādet
danach soll er ein Zahnholz kauen
satvacaṃ śastavṛkṣajam
mit Rinde, von einem guten Baum stammend
[?] vipredra: vermutlich verderbt aus vipraindra/dvijendra. [?] śuddhimānpotyanuttamām: als śuddhim āpnoti anuttamām ('erlangt höchste Reinheit') gedeutet.
āyurbalaṃ yaśo varcaḥ prajāḥ paśuvasūni ca /
brahma prajñāṃ ca medhāṃ ca tvanno dhehi vanaspate
'Lebenskraft, Stärke, Ruhm, Glanz, Nachkommenschaft, Vieh und Reichtum, heiliges Wissen (Brahman), Weisheit und Gedächtnis – dies gib uns, o Herr der Bäume (Vanaspati)!'
An Dicke der Spitze des kleinen Fingers gleich, soll der Brahmane [ein Zahnholz von] zehn Fingerbreiten Länge kauen; der Kṣatriya eines von neun Fingerbreiten, und der Vaiśya eines, das acht Fingerbreiten misst.
Wort für Wort
kaniṣṭāgrasamaṃ sthaulye
an Dicke der Spitze des kleinen Fingers gleich
vipraḥ khādet daśāṅgulam
soll der Brahmane [eines von] zehn Fingerbreiten kauen
navāṅgulaṃ kṣatriyaḥ ca
der Kṣatriya [eines von] neun Fingerbreiten
vaiśyaḥ ca aṣṭāṅgulonmitam
und der Vaiśya eines, das acht Fingerbreiten misst
śūdro vedāṅgulamitaṃ vanitā ca munīśvara /
alābhe daitakāṣṭānāṃ gaṇḍūṣairbhānusaṃmitaiḥ
Der Śūdra [kaue ein Zahnholz] von vier [?] Fingerbreiten Maß, ebenso die Frau, o Herr der Weisen. Bei Mangel an Zahnhölzern [reinige man sich] durch zwölf [?] Mundspülungen.
Wort für Wort
śūdraḥ vedāṅgulamitaṃ
der Śūdra [nehme eines] von vier [?] Fingerbreiten Maß
vanitā ca munīśvara
ebenso die Frau, o Herr der Weisen
alābhe daitakāṣṭhānāṃ
bei Mangel an Zahnhölzern
gaṇḍūṣaiḥ bhānusaṃmitaiḥ [?]
durch der Sonnenzahl [zwölf, ?] entsprechende Mundspülungen
[Anm.: vedāṅgulam (nach der Zahl der vier Veden = 4) und bhānusaṃmitaiḥ (nach der Zahl der zwölf Sonnen/Āditya = 12) sind Zahlensymbolik; Deutung der genauen Zahlen unsicher.] [?]
Die Mundreinigung soll mit [Halmen und] Blättern von Gräsern versehen bewirkt werden; mit der linken Hand nehmend, soll er [das Zahnholz] mit dem linken Backenzahn kauen.
Wort für Wort
mukhaśuddhiḥ [?] vidhīyeta
die Mundreinigung [?] soll bewirkt werden
tṛṇapatrasamanvitaiḥ
mit Gräsern und Blättern versehen
kareṇa ādāya vāmena
mit der linken Hand nehmend
saṃcarvet vāmadaṃṣṭrayā
soll er mit dem linken Backenzahn kauen
[Anm.: muthaśuddhiḥ vermutlich verderbt aus mukhaśuddhiḥ ('Mundreinigung').] [?]
Solange man braucht, um eine Kuh zu melken, soll er die Zähne reiben; danach soll er [das Holz] abspülen und spalten. Mit dessen beiden Hälften soll er, mit gebändigten Sinnen, die Zunge abschaben.
Wort für Wort
dvijān saṃgharṣya godoham
er soll die Zähne reiben, solange eine Kuh zu melken ist
tataḥ prakṣālya pāṭayet
danach soll er [das Holz] abspülen und spalten
jihvām ullikhya tābhyāṃ tu
und mit dessen beiden [Hälften] die Zunge abschaben
dalubhyāṃ [?] niyatendriyaḥ
mit den beiden Hälften [?], sinnenbezähmt
[?] dalubhyāṃ: unklar, hier als 'die beiden Hälften [des gespaltenen Holzes]' gedeutet.
Nachdem er [es] abgespült hat, soll er [es] weit fortwerfen; danach soll er erneut, wie zuvor, die Ācamana vollziehen. Danach soll er das Bad vollziehen, im Fluss oder dergleichen, in reinem Wasser.
Wort für Wort
prakṣālya prakṣipet dūre
nachdem er [es] abgespült hat, soll er [es] weit fortwerfen
bhūyaḥ ca ācamya pūrvavat
und danach wie zuvor erneut die Ācamana vollziehen
Nachdem er das Ufer gereinigt und Darbha-Gras ausgelegt hat, soll er ins Wasser eintreten. Dort soll er sich verneigen und die heiligen Stätten (Tīrthas) aus der Sonnenscheibe herbeirufen.
Wort für Wort
taṭaṃ prakṣālya darbhān ca
nachdem er das Ufer gereinigt und Darbha-Gras
vinyasya praviśet jalam
ausgelegt hat, soll er ins Wasser eintreten
praṇamya tatra tīrthāni
dort soll er sich verneigen, vor den Pilgerstätten
gandhādyairmaṇḍalaṃ kṛtvā dhyātvā devaṃ janārdanam /
snāyānmantrānsmaranpuṇyāṃstīrthāni ca viriñcija
Nachdem er mit Duftstoffen und dergleichen einen [Wasser-]Kreis bereitet und den Gott Janārdana [Viṣṇu] betrachtet hat, soll er baden, indem er der heiligen Mantras und der Pilgerstätten gedenkt, o Sohn des Viriñca [Nārada].
Wort für Wort
gandhādyaiḥ maṇḍalaṃ kṛtvā
nachdem er mit Duftstoffen u.a. einen [Wasser-]Kreis bereitet hat
dhyātvā devaṃ janārdanam
und den Gott Janārdana betrachtet hat
snāyāt mantrān smaran puṇyān
soll er baden, indem er der heiligen Mantras gedenkt
puṣkarādyāni tīrthāni gaṅgādyāḥ saritastathā /
āgacchantu mahābhāgāḥ snānakāle sadā mama
'Die Pilgerstätten, angefangen mit Puṣkara, ebenso die Flüsse, angefangen mit der Gaṅgā – mögen die hochgesegneten [Stätten] stets zur Zeit meines Bades herbeikommen.'
tato 'dhamarṣaṇa japtvā yatāsurvārisaṃplutaḥ /
snānāṅgaṃ tarpaṇaṃ kṛtvācamyārdhyaṃ bhānaver'payet
Dann, nachdem er den Aghamarṣaṇa[-Mantra] rezitiert hat, mit gebändigtem Atem im Wasser eingetaucht, soll er das zum Bad gehörige Wassergedenkopfer (Tarpaṇa) vollziehen und danach, nach der Ācamana, der Sonne ein Ehrenwasser (Arghya) darbringen.
Wort für Wort
tataḥ aghamarṣaṇaṃ japtvā
dann, nachdem er den Aghamarṣaṇa[-Mantra] rezitiert hat
yatāsuḥ vārisaṃplutaḥ
mit gebändigtem Atem im Wasser eingetaucht
snānāṅgaṃ tarpaṇaṃ kṛtvā
nachdem er das zum Bad gehörige Tarpaṇa vollzogen hat
ācamya arghyaṃ bhānave 'rpayet
soll er nach der Ācamana der Sonne das Arghya darbringen
tato dhyātvā vivasvantaṃ jalānnirgatya nārada /
paridhāyāhataṃ dhautaṃ dvitīyaṃ parivīya ca
Dann, nachdem er Vivasvant [die Sonne] betrachtet hat, soll er, o Nārada, aus dem Wasser steigen, ein gewaschenes, ungetragenes Gewand anlegen und ein zweites darüberlegen.
kuśāsane samāviśya saṃdhyākarma samārabhet /
īśānābhimukho vipra gāyatryācamya vai dvija
Nachdem er sich auf eine Kuśa-Matte gesetzt hat, soll er das Saṃdhyā-Ritual beginnen; mit dem Gesicht nach Nordosten (Īśāna) gewandt, o Zweifachgeborener, nachdem er mit dem Gāyatrī[-Mantra] die Ācamana vollzogen hat.
Wort für Wort
kuśāsane samāviśya
nachdem er sich auf eine Kuśa-Matte gesetzt hat
saṃdhyākarma samārabhet
soll er das Saṃdhyā-Ritual beginnen
īśānābhimukhaḥ vipra
mit dem Gesicht nach Nordosten gewandt, o Brahmane
gāyatryā ācamya vai dvija
nachdem er mit dem Gāyatrī[-Mantra] die Ācamana vollzogen hat, o Zweifachgeborener
ṛtamityabhimantryārtha punarevāmed budhaḥ /
tatastu vāriṇātmānaṃ veṣṭayitvā samukṣya ca
Nachdem er 'ṛtam' [als Mantra] gesprochen hat, soll der Weise danach erneut die Ācamana vollziehen. Dann soll er, nachdem er sich selbst mit Wasser umgeben hat, [sich] besprengen,
Wort für Wort
ṛtam iti abhimantrya atha
nachdem er 'ṛtam' [als Mantra] gesprochen hat
punaḥ eva ācāmet [?] budhaḥ
soll der Weise danach erneut die Ācamana vollziehen
tataḥ tu vāriṇā ātmānaṃ
dann soll er sich selbst mit Wasser
veṣṭayitvā samukṣya ca
umgeben und besprengen
[?] āmed: als ācāmet ('soll die Ācamana vollziehen') gedeutet.
saṃkalpya praṇavānte tu ṛṣicchandaḥ surānsmaran /
bhūrādibhirvyāhṛtibhiḥ satpabhiḥ prokṣya mastakam
Nachdem er die Absichtserklärung (Saṃkalpa) gesprochen hat, am Ende der Silbe Oṃ, indem er des Ṛṣi, des Versmaßes und der Götter gedenkt, soll er mit den sieben Vyāhṛtis, beginnend mit Bhūḥ, das Haupt besprengen.
Wort für Wort
saṃkalpya praṇavānte tu
nachdem er die Absichtserklärung, am Ende der Silbe Oṃ, gesprochen hat
ṛṣicchandaḥ surān smaran
indem er des Ṛṣi, des Versmaßes und der Götter gedenkt
bhūrādibhiḥ vyāhṛtibhiḥ
mit den Vyāhṛtis, beginnend mit Bhūḥ
saptabhiḥ [?] prokṣya mastakam
mit den sieben [?] soll er das Haupt besprengen
[Anm.: satpabhiḥ wieder als saptabhiḥ ('mit den sieben') gedeutet.] [?]
Der Mantra-Kundige soll die Nyāsa [rituelle Einsetzung der Mantras] gesondert an Händen und Gliedern vollziehen; nachdem er die Silbe Oṃ (tāram) im Herzen platziert hat, soll er die Silbe Bhūḥ am Haupt platzieren,
[die Silbe] Bhuvaḥ am Schopf, und Svaḥ [beim Angesicht, kavaye] [?]; Bhūrbhuvaḥ an den Augen; Bhūrbhuvaḥsvaḥ dann als Waffenmantra (Astra); und in die Himmelsrichtungen soll er ein dreimaliges Händeklatschen setzen.
Wort für Wort
bhuvaḥ śikhāyāṃ svaḥ ca eva
Bhuvaḥ am Schopf, und Svaḥ
kavaye [?] bhūrbhuvaḥ akṣiṣu
beim Angesicht [?]; Bhūrbhuvaḥ an den Augen
bhūrbhuvaḥsvaḥ tathā astram
Bhūrbhuvaḥsvaḥ dann als Waffenmantra
dikṣu tālatrayaṃ nyaset
in die Himmelsrichtungen soll er dreimaliges Händeklatschen setzen
[Anm.: kavaye ist unklar, vermutlich verderbt; hier probeweise als Bezug auf das Angesicht/den Mund gedeutet.] [?]
Dann soll er die Saṃdhyā[-Göttin] anrufen, am Morgen als auf dem roten Lotos [?] weilend: 'Komm, o gütige Göttin, o Verkünderin des Brahman im dreisilbigen [Mantra]!'
Wort für Wort
tataḥ āvāhayet saṃdhyāṃ
dann soll er die Saṃdhyā[-Göttin] anrufen
prātaḥ kokanadasthitām [?]
am Morgen als auf dem roten Lotos weilend [?]
āgaccha varade devi
komm, o gütige Göttin
tryakṣare brahmavādini
o Verkünderin des Brahman im dreisilbigen [Mantra]
[?] kokanasthitām: als kokanadasthitām ('auf dem roten Lotos weilend') gedeutet.
gāyatri cchandasāṃ mātarbrahmayone namo 'stu te /
madhyāhne vṛṣabhāruḍhāṃ śuklāṃbarasamāvṛtām
'O Gāyatrī, Mutter der Versmaße, aus dem Schoß des Brahman [entsprungen], Verehrung sei dir!' Am Mittag [rufe er sie an] als auf einem Stier reitend, mit weißem Gewand umhüllt,
sāvitrīṃ rudrayoniṃ cāvāhayedrudravādinīm /
sāyaṃ tu garuḍāruḍhāṃ pītāṃbarasamāvṛttām
[als] Sāvitrī, aus dem Schoß Rudras [entsprungen], die Verkünderin Rudras, soll er sie anrufen. Am Abend aber [rufe er sie an] als auf Garuḍa reitend, mit gelbem Gewand umhüllt,
sarasvatīṃ viṣṇuyonimāhvayedviṣṇuvādinīm /
tāraṃ ca vyāhṛtīḥ satpa tripadāṃ ca samuccaran
[als] Sarasvatī, aus dem Schoß Viṣṇus [entsprungen], die Verkünderin Viṣṇus, soll er anrufen, wobei er die Silbe Oṃ, die sieben Vyāhṛtis und den dreifüßigen [Gāyatrī-Vers] spricht.
Wort für Wort
sarasvatīṃ viṣṇuyonim
als Sarasvatī, aus dem Schoß Viṣṇus
āhvayet viṣṇuvādinīm
soll er sie anrufen, die Verkünderin Viṣṇus
tāraṃ ca vyāhṛtīḥ saptaḥ [?]
die Silbe Oṃ und die sieben [?] Vyāhṛtis
tripadāṃ ca samuccaran
und den dreifüßigen [Vers] sprechend
[Anm.: satpa wiederum als sapta ('sieben') gedeutet.] [?]
śiraḥ śikhāṃ ca saṃpūrya kubhayitvā virecayet /
vāmamadhyātparairvāyuṃ krameṇa prāṇasaṃyame
Nachdem er [den Atem] am Haupt und Schopf gefüllt und angehalten hat, soll er ihn wieder ausströmen lassen; durch die linke, mittlere und die übrigen [Kanäle] soll er der Reihe nach den Atem im Prāṇāyāma lenken.
Wort für Wort
śiraḥ śikhāṃ ca saṃpūrya
nachdem er [den Atem] am Haupt und Schopf gefüllt hat
kumbhayitvā [?] virecayet
und angehalten hat, soll er [ihn] ausströmen lassen
vāma-madhyāt paraiḥ vāyuṃ
durch die linken, mittleren und übrigen [Kanäle] den Atem
krameṇa prāṇasaṃyame
der Reihe nach im Prāṇāyāma [lenkend]
[?] kubhayitvā: als kumbhayitvā ('nachdem er [den Atem] angehalten hat', Kumbhaka) gedeutet.
dvirācāmettataḥ paścātprātaḥ sūryaścameti ca /
āpaḥ punantu madhyāhne sāyamagniścameti ca
Danach soll er zweimal die Ācamana vollziehen, am Morgen mit [dem Spruch] 'sūryaśca mā' und so weiter, am Mittag mit 'āpaḥ punantu', am Abend mit 'agniśca mā' und so weiter.
āpo hiṣṭheti tisṛbhirmārjanaṃ ca tataścaret /
sumutriyā na ityuktvā nāsāspṛṣṭajalena ca
Mit den drei [Versen], die mit 'āpo hi ṣṭhā' beginnen, soll er danach die Besprengung (Mārjana) vollziehen; nachdem er 'sumitriyā naḥ' gesprochen hat, mit dem die Nase berührenden Wasser,
Wort für Wort
āpaḥ hi ṣṭha iti tisṛbhiḥ
mit den drei Versen 'āpo hi ṣṭhā'
mārjanaṃ ca tataḥ caret
soll er danach die Besprengung vollziehen
sumitriyā naḥ [?] iti uktvā
nachdem er 'sumitriyā naḥ' [?] gesprochen hat
nāsāspṛṣṭajalena ca
mit dem die Nase berührenden Wasser
[?] sumutriyā na: als sumitriyā naḥ (aus dem Āpo-hiṣṭhā-Spruch) gedeutet.
Nachdem er die Schar der Feinde [rituell] vertrieben hat, soll er [Wasser mit dem Vers] 'drupadā' auf das Haupt sprengen; mit '[ṛtaṃ ca satyam]' soll er damit auch das Aghamarṣaṇa[-Ritual] vollziehen.
Wort für Wort
dviṣadvargaṃ samutsārya
nachdem er die Schar der Feinde vertrieben hat
drupadāṃ śirasi kṣipet
soll er [Wasser mit dem Vers] 'drupadā' auf das Haupt sprengen
Mit dem Mantra 'antaścarasi' soll er einmal Wasser trinken. Danach soll er der Sonne nach Vorschrift Duftstoff, Blume und eine Handvoll Wasser [darbringen],
nachdem er [dies] dargebracht hat, soll er, o Götterweiser, sich mit im Svastika-Gruß gefalteten Händen vor Bhāskara [die Sonne] hinstellen, dabei der Reihe nach die Arme erheben und senken, im [jeweils] ersten Drittel [des Zeitabschnitts] beginnend [?].
Wort für Wort
kṣiptvā upatiṣṭhet devarṣe
nachdem er [es] dargebracht hat, soll er, o Götterweiser, sich hinstellen
bhāskaraṃ svastikāñjalim
vor Bhāskara, mit im Svastika-Gruß gefalteten Händen
ūrdhvabāhuḥ adhobāhuḥ
mit erhobenen, mit gesenkten Armen
kramāt kalyādike trike [?]
der Reihe nach, im ersten Drittel beginnend [?]
[Anm.: kalyādike trike ist unklar, hier als 'im ersten Drittel [der jeweiligen Tageszeit] beginnend' gedeutet.] [?]
tejo 'si gāyatryasīti prārthayetsaviturmahaḥ /
tato 'ṅgāni trirāvartya dhyāyecchaktīstadātmikāḥ
Mit '[du bist] Glanz, du bist Gāyatrī' soll er die Macht (Mahaḥ) Savitṛs erbitten. Danach, nachdem er die Gliederberührung (Nyāsa) dreimal wiederholt hat, soll er die [göttlichen] Kräfte (Śaktis), die dessen Wesen sind, betrachten.
Wort für Wort
tejaḥ asi gāyatrī asi iti
'du bist Glanz, du bist Gāyatrī' – so
prārthayet savituḥ mahaḥ
soll er die Macht Savitṛs erbitten
tataḥ aṅgāni triḥ āvartya
danach, nachdem er die Gliederberührung dreimal wiederholt hat
dhyāyet śaktīḥ tadātmikāḥ
soll er die Kräfte, die dessen Wesen sind, betrachten
Brahmāṇī, mit vier Gesichtern, mit der Rosenkranz-Perlenschnur, mit einem Wasserkrug sowie mit Opferlöffel (Sruk) und Opferkelle (Sruva) in den Händen, mit einem Antlitz von der Schönheit von Morgenröte und Mond, in Gestalt der Ṛc-Verse, ein junges Mädchen, auf dem Rücken eines Schwanes reitend spielend, geschmückt mit klirrendem Geschmeide [?], verehrt und geziert – die so betrachtete Gāyatrī möge uns stets zu Wohlstand und Fülle gereichen.
Wort für Wort
brahmaṇī caturānanā akṣavalayā
Brahmāṇī, mit vier Gesichtern, mit der Rosenkranz-Perlenschnur
kumbhaṃ karaiḥ srukstravau bibhrāṇā
mit einem Krug und mit Sruk und Sruva in den Händen
tu aruṇendukāntivadanā ṛgrūpiṇī bālikā
mit einem Antlitz wie Morgenröte und Mond, in Gestalt der Ṛc, ein junges Mädchen
haṃsārohaṇakeli-khaṇkhaṇmaṇeḥ [?] bibhrāṇā
auf dem Schwan spielend reitend, mit klirrendem Geschmeide [?] geschmückt
arcitā bhūṣitā gāyatrī paribhāvitā
verehrt, geziert, die so betrachtete Gāyatrī
bhavatu naḥ saṃpatsamṛddhyai sadā
möge uns stets zu Wohlstand und Fülle gereichen
[Anm.: khaṇkhaṇmaṇerbibhrāṇā ist lautlich unklar, hier als klirrendes Geschmeide tragend gedeutet.] [?]
Rudrāṇī, in ewiger Jugend, dreiäugig, in ein Tigerfell gekleidet, mit Totenkopfstab (Khaṭvāṅga), Dreizack, Rosenkranz und Armreif, [zum Zeichen] der Furchtlosigkeit – sie sei uns zum Glück! Mit blitzgleich glänzenden Flechten des Haarschopfes, an deren Scheitel der junge Mond freudig erglänzt: die Sāvitrī, auf einem Stier reitend, von weißem Leib, in Gestalt der Yajus-Sprüche, sei so zu betrachten.
Wort für Wort
rudrāṇī navayauvanā trinayanā
Rudrāṇī, in ewiger Jugend, dreiäugig
vaiyāghracarmāmbarā
in ein Tigerfell gekleidet
khaṭvāṅga-triśikha[?]-akṣasūtra-valaya-abhītiḥ
mit Totenkopfstab, Dreizack [?], Rosenkranz, Armreif, [Geste der] Furchtlosigkeit
mit blitzgleich glänzenden Haarflechten, freudig, den jungen Mond [?] am Scheitel
sāvitrī vṛṣavāhanā sitatanuḥ dhyeyā yajūrūpiṇī
die Sāvitrī, auf dem Stier reitend, weißleibig, ist so zu betrachten, in Gestalt der Yajus
[Anm.: traghiśikhā ist lautlich unklar, hier als triśikha ('Dreizack') gedeutet; vārledumauliḥ als bālenduḥ mauliḥ ('junger Mond am Scheitel') gedeutet.] [?]
Zu betrachten ist auch Sarasvatī, die Erhabene, mit gelbem Gewand geschmückt, dunkel, von dunklem Leib, deren Glieder von jugendlichem Glanz erstrahlen [?], die Viṣṇu-Zugehörige, auf Garuḍa (Tārkṣya) thronend, strahlend von Halsschmuck, Armreifen und Fußgeschmeide mit Edelsteinen, in den Händen geschmückt mit Muschelhorn, Diskus, schöner Keule und Lotos – sie sei uns zum Glück!
Wort für Wort
dhyeyā sā ca sarasvatī bhagavatī
zu betrachten ist auch sie, Sarasvatī, die Erhabene
pītāmbarālaṅkṛtā śyāmā śyāmatanuḥ
mit gelbem Gewand geschmückt, dunkel, von dunklem Leib
jaroparilasadgātrāñcitā [?] vaiṣṇavī
deren Glieder von jugendlichem Glanz erstrahlen [?], die Viṣṇu-Zugehörige
Nachdem er so meditiert hat, soll er am Morgen und ebenso am Mittag stehend [den Mantra] murmeln (Japa), am Abend aber sitzend, in Hingabe, mit auf jene [Göttin] gerichtetem Sinn.
Wort für Wort
evaṃ dhyātvā japet tiṣṭhan
nachdem er so meditiert hat, soll er stehend murmeln
[Er soll murmeln] die Göttin [Gāyatrī, deren Wiederholung] höchstens tausendmal, mindestens hundertmal, zumindest zehnmal [erfolgt], die dreifüßige, mit der Silbe Oṃ versehene, in der Reihenfolge Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ geordnete,
Wort für Wort
sahasraparamāṃ devīṃ
die Göttin, höchstens tausendmal [zu wiederholende]
Mit sechsfacher Umrahmung durch Oṃ (Ṣaṭtāra) oder eingefasst (Saṃpuṭa) [ist] die Japa-Praxis des Gelübdehabenden und des Asketen; für den Hausvater aber soll die Japa-Praxis, so beschaffen, einfach umrahmt [?] sein, o Weiser.
Wort für Wort
ṣaṭtāraḥ saṃpuṭaḥ vā api
mit sechsfacher Umrahmung oder eingefasst
vratinaḥ ca yateḥ japaḥ
[ist] die Japa-Praxis des Gelübdehabenden und des Asketen
gṛhasthasya ekatāraḥ [?] syāt
für den Hausvater aber soll sie einfach umrahmt sein [?]
japyaḥ evaṃvidhaḥ mune
so beschaffen ist die Japa-Praxis, o Weiser
[Anm.: sattāraḥ ist unklar, vermutlich verderbt aus ekatāraḥ ('einfach umrahmt') im Gegensatz zu ṣaṭtāraḥ.] [?]
tato japtvā yathāśakti savitre vinivedya ca /
gāyatryai ca savitre ca prakṣipedañjalidrūyam
Danach, nachdem er nach Kräften gemurmelt (Japa) hat, soll er [die Frucht] Savitṛ [Sūrya] darbringen und der Gāyatrī und dem Savitṛ die Opfergabe der hohlen Hand [Wasser/Blumen] darbringen.
Wort für Wort
tataḥ japtvā yathāśakti
danach, nachdem er nach Kräften gemurmelt hat
savitre vinivedya ca
und [die Frucht] dem Savitṛ dargebracht hat
gāyatryai ca savitre ca
der Gāyatrī und dem Savitṛ
prakṣipet añjalidravyam [?]
soll er die Opfergabe der hohlen Hand darbringen [?]
[?] drūyam: als dravyam ('Opfergabe, Substanz') gedeutet.
Nachdem er den Himmelsrichtungen und den Gottheiten der Himmelsrichtungen mit gefalteten Händen Verehrung erwiesen hat, soll er danach, im Anschluss an das Morgenritual, weitere Handlungen nach Vorschrift vollziehen.
Wort für Wort
digbhyaḥ digdevatābhyaḥ ca
den Himmelsrichtungen und den Gottheiten der Himmelsrichtungen
namaskṛtya kṛtāñjaliḥ
nachdem er mit gefalteten Händen Verehrung erwiesen hat
āturāṇāṃ tu rogadyaiḥ pānthānāṃ ca sakṛnmatam /
brahmayajñaṃ tataḥ kuryāddarbhapāṇirmunīśvara
Für Kranke aber, wegen Krankheit und dergleichen, sowie für Reisende gilt einmaliges [Baden] als vorgeschrieben. Danach soll er, Darbha-Gras in der Hand haltend, das Brahma-Opfer (Vedastudium) vollziehen, o Herr der Weisen.
Wort für Wort
āturāṇāṃ tu rogādyaiḥ
für Kranke aber, wegen Krankheit und dergleichen
pānthānāṃ ca sakṛt matam
und für Reisende gilt Einmaliges [Baden] als vorgeschrieben
brahmayajñaṃ tataḥ kuryāt
danach soll er das Brahma-Opfer vollziehen
darbhapāṇiḥ munīśvara
Darbha-Gras in der Hand haltend, o Herr der Weisen
nopāste yo dvijaḥ saṃdhyāṃ dhūrtabuddhiranāpadi /
pāṣaṇḍaḥ sa hi vijñeyaḥ sarvadharmabahiṣkṛtaḥ
Wer als Zweifachgeborener die Saṃdhyā [Dämmerungsandacht] nicht verrichtet, aus betrügerischer Gesinnung, ohne dass Not [vorliegt], der ist wahrlich als Ketzer (Pāṣaṇḍa) zu erkennen, von allem Dharma ausgeschlossen.
Wort für Wort
na upāste yaḥ dvijaḥ saṃdhyāṃ
wer als Zweifachgeborener die Saṃdhyā nicht verrichtet
ye dvijā abhibhāṣante tyaktasaṃdhyādikarmaṇaḥ /
te yānti narakānghorānyāvaccandrārkatārakam
Die Zweifachgeborenen, die mit solchen sprechen, die die Saṃdhyā- und übrigen Riten aufgegeben haben, gehen in schreckliche Höllen, solange Mond, Sonne und Sterne bestehen.
Danach soll er die Gottesverehrung (Devārcana) und das Vaiśvadeva-Opfer nach Vorschrift vollziehen. Dabei soll er einen dort angekommenen Gast gebührend mit Speise und Trank ehren.
Wort für Wort
devārcanaṃ tataḥ kuryāt
danach soll er die Gottesverehrung vollziehen
vaiśvadevaṃ yathāvidhi
[und] das Vaiśvadeva-Opfer nach Vorschrift
tatra āgatam [?] atithiṃ samyak
den dort angekommenen [?] Gast gebührend
annādyaiḥ ca prapūjayet
soll er mit Speise und Trank ehren
[?] tatrātyam: als tatrāgatam ('dort angekommen') gedeutet.
vaktavyā madhurā vāṇī teṣvapyabhyāgateṣu tu /
jalānnakandamūlairvā gṛhadānena cārcayet
Süße Worte sind auch gegenüber jenen Ankömmlingen zu sprechen; mit Wasser, Speise, Wurzeln und Knollen oder mit der Gabe von Unterkunft soll er sie ehren.
Ein Gast, dessen Hoffnung enttäuscht wurde, [der] von dem Haus wieder zurückkehrt, gibt jenem [Hausherrn] sein Übeltun und nimmt dessen Verdienst mit sich fort.
Einen, dessen Gotra und Name unbekannt sind, der aus einem anderen Dorf gekommen ist – den nennen die Weisen 'Atithi' [Gast]; man soll ihn wie Viṣṇu ehren.
Einen einzelnen, im eigenen Dorf wohnhaften, schriftgelehrten, Viṣṇu ergebenen Brahmanen aber soll er täglich mit Speise und Trank, unter Widmung an die Vorväter, erquicken (Tarpaṇa).
Wer die fünf [täglichen] Opfer aufgibt, wird von den Weisen 'Brahman-Töter' [Brahmahā] genannt. Daher soll er Tag für Tag mit Sorgfalt die fünf Opfer vollziehen.
devayajño bhūtayajñaḥ titṛyajñastathaiva ca /
nṛpajño brahmayajñaśca pañcayajñānpracakṣate
Das Götteropfer, das Wesenopfer, ebenso das Ahnenopfer, das Menschenopfer und das Brahma-Opfer (Vedastudium) – diese nennt man die fünf [täglichen] Opfer.
Wort für Wort
devayajñaḥ bhūtayajñaḥ
das Götteropfer, das Wesenopfer
pitṛyajñaḥ tathaiva ca
ebenso das Ahnenopfer
nṛyajñaḥ [?] brahmayajñaḥ ca
das Menschenopfer und das Brahma-Opfer
pañcayajñān pracakṣate
diese nennt man die fünf Opfer
[?] nṛpajño: als nṛyajñaḥ ('Menschenopfer', d.h. Gastfreundschaft) gedeutet.
Zusammen mit Dienern, Freunden und dergleichen soll er selbst schweigend essen; die Speise der Brahmanen soll er nicht [vorher für sich] verzehren, den [Speise-]Napf soll er nicht verlassen [bevor sie fertig sind].
Wort für Wort
bhṛtyamitrādisaṃyuktaḥ
zusammen mit Dienern, Freunden u.dgl.
svayaṃ bhuñjīta vāgyataḥ
soll er selbst schweigend essen
dvijānāṃ bhojyam na aśnīyāt [?]
die Speise der Brahmanen soll er nicht [vorher] essen [?]
pātraṃ na eva parityajet
den [Speise-]Napf soll er nicht verlassen
[?] aśrī yāt: als aśnīyāt ('soll essen') gedeutet.
Wer seine Füße ungleich [gekreuzt] hält [?], nur ein halbes Tuch trägt, und mit dem Mund Ausgespucktes [wieder] isst, wird von den Weisen 'Branntweintrinker' [ein schweres Vergehen] genannt.
Wort für Wort
saṃsthāpya svāsame [?] pādau
nachdem er die Füße ungleich [?] gestellt hat
vastrārdhaṃ paridhāya ca
und nur ein halbes Tuch angelegt hat
mukhena vamitaṃ bhuktvā
und mit dem Mund Ausgespucktes gegessen hat
surāpī iti ucyate budhaiḥ
wird 'Branntweintrinker' von den Weisen genannt
[?] svāsame: unklar, hier als 'ungleich, gekreuzt [die Füße haltend]' gedeutet.
Wer halb Gegessenes wieder isst, oder Süßgebäck und Früchte, oder offen [pur] Salz [isst] – das wird 'Kuhfleisch-Esser' [ein schweres Vergehen] genannt.
apośāne vācamane adyadravyeṣu ca dvijaḥ /
śabda na kārayedviprastaṃ kurvannārakī bhavet
Beim Apośana [rituellen Wasserschlürfen] und bei der Ācamana, sowie bei den zu essenden Speisen, soll der Brahmane keinen Laut [Schmatzen] machen; wer dies dennoch tut, wird ein Höllenbewohner.
Er soll bekömmliche Speise essen, schweigend; [mit dem Spruch] 'Speise bist du' [?] [und] 'du bist die Unterlage der Unsterblichkeit' soll er vor dem Essen das Apośana [Wasserschlürfen] vollziehen.
Wort für Wort
pathyam annaṃ prabhuñjīta
er soll bekömmliche Speise essen
vāgyataḥ annam asi [?]
schweigend, [mit dem Spruch] 'Speise bist du' [?]
amṛtopastaraṇam asi
[und] 'du bist die Unterlage der Unsterblichkeit'
apośānaṃ bhujeḥ puraḥ
soll er vor dem Essen das Apośana vollziehen
[Anm.: annamasutsayanam ist textlich korrupt, vermutlich Verschmelzung mit der Mantra-Formel annam asi ('Speise bist du').] [?]
'Du bist der Deckel der Unsterblichkeit' – am Ende der Mahlzeit soll er einmal Wasser trinken. Nachdem er die Opfergaben an Prāṇa und die übrigen [Lebenshauche] dargebracht und die Ācamana vollzogen hat, soll er die Mahlzeit einnehmen.
Wort für Wort
amṛtāpidhānam asi
'du bist der Deckel der Unsterblichkeit'
bhojyānte apaḥ sakṛt pibet
am Ende der Mahlzeit soll er einmal Wasser trinken
prāṇādyāḥ āhutīḥ dattvā
nachdem er die Opfergaben an Prāṇa u.a. dargebracht hat
ācamya bhojanam ācaret
und die Ācamana vollzogen hat, soll er die Mahlzeit einnehmen
Danach, nach der Ācamana, o Fürst der Zweifachgeborenen, soll er sich dem Nachdenken über die heiligen Schriften widmen; auch in der Nacht [soll er dies tun], nach Kräften, bei Liegen, Sitzen und Essen.
Wort für Wort
tataḥ ca ācamya viprendra
danach, nach der Ācamana, o Fürst der Brahmanen
śāstracintāparaḥ bhavet
soll er sich dem Nachdenken über die Schriften widmen
Wenn er sieht, dass sein eigener Leib durch graues Haar und dergleichen gezeichnet ist, o Bester, soll er die Gattin den Söhnen anvertrauen und in den Wald ziehen – oder sie mit sich nehmen.
Wort für Wort
dūṣitāṃ svatanuṃ dṛṣṭvā
wenn er sieht, dass sein eigener Leib gezeichnet ist
Er soll dreimal täglich baden, Nägel, Bart und Haarflechten [ungeschnitten] tragen, auf dem Boden schlafen, keusch leben und den fünf [täglichen] Opfern hingegeben sein.
Er soll stets Nārāyaṇa gedenken, der Muschelhorn, Diskus und Keule in Händen trägt. Der Waldeinsiedler soll Askese üben, wie das Cāndrāyaṇa-Fasten und dergleichen.
Er soll Kälte, Hitze und dergleichen ertragen, stets das [heilige] Feuer pflegen. Wenn in seinem Geist Entsagung (Vairāgya) gegenüber allen Dingen entstanden ist,
dann erst, o Brahmane, soll er den Entsagtenstand (Saṃnyāsa) annehmen; andernfalls wird er ein Gefallener. Er soll dem Studium des Vedānta ergeben, friedvoll, selbstbeherrscht und sinnenbezähmt sein,
Wort für Wort
tadā eva saṃnyaset vipra
dann erst soll er den Entsagtenstand annehmen, o Brahmane
frei von den Gegensatzpaaren (Dvandva), frei von Ich-Dünkel, frei vom Mein-Gefühl soll er stets sein, ausgestattet mit den Tugenden der Gleichmut (Śama) und dergleichen, frei von Begierde und Zorn.
nagno vā jīrṇakaupīnau bhavenmuṇḍo yatirdvijaḥ /
samaḥ śatrau ca mitre ca tathā mānāpamānayoḥ
Der Zweifachgeborene Asket soll nackt oder mit abgetragenem Lendenschurz (Kaupīna) bekleidet, kahlgeschoren sein, gleichmütig gegenüber Feind und Freund, ebenso gegenüber Ehre und Unehre.
Wort für Wort
nagnaḥ vā jīrṇakaupīnaḥ
nackt oder mit abgetragenem Lendenschurz
bhavet muṇḍaḥ yatiḥ dvijaḥ
soll der Zweifachgeborene Asket kahlgeschoren sein
Eine Nacht soll er in einem Dorf verweilen, drei Nächte ebenso in einer Stadt; er soll sich stets von erbetteltem Almosen (Bhaikṣa) erhalten; der Asket soll nicht [beständig] von einer einzigen [Familien-]Speise leben.
Wort für Wort
ekarātraṃ vaset grāme
eine Nacht soll er im Dorf verweilen
trirātraṃ nagare tathā
drei Nächte ebenso in der Stadt
bhaikṣeṇa varttayet nityaṃ
er soll sich stets vom Bettelalmosen erhalten
na ekānnādī bhavet yatiḥ
der Asket soll nicht von einer einzigen Speise leben
In einem untadeligen Brahmanenhaus, wenn die [Herd-]Kohlen erloschen sind [d.h. nach der Essenszeit], wenn die Mahlzeit vorüber ist, und frei von Streit, soll der Asket um Almosen umherziehen.
Wort für Wort
aninditadvijagṛhe
in einem untadeligen Brahmanenhaus
vyaṅgāre bhuktivarjite
wenn die Kohlen erloschen, die Mahlzeit vorüber ist
ekānnādī bhavedyastu kadācillaṃpaṭo yatiḥ /
na tasya niṣkṛtirddaṣṭā prāyaścittāyutairapi
Wer aber als Asket beständig von einer einzigen [Familien-]Speise lebt, gelegentlich zügellos ist, für den ist keine Sühne vorgesehen, selbst nicht durch zehntausend Sühneriten.
lobhādyadi yatirvipra tanupoṣaparo bhavet /
sa caṇḍālasamo jñeyo varṇāśramavigarhitaḥ
Wenn ein Asket, o Brahmane, aus Gier der Pflege seines [eigenen] Leibes ergeben ist, so ist er einem Caṇḍāla [Unberührbaren] gleich zu erkennen, von [der Ordnung der] Varṇas und Āśramas verworfen.
Er soll das [höchste] Selbst betrachten, den Gott Nārāyaṇa, den Makellosen, frei von den Gegensatzpaaren, ohne Mein-Gefühl, friedvoll, die Māyā übersteigend, frei von Neid,
Wort für Wort
ātmānāṃ cintayet devaṃ
er soll das Selbst betrachten, den Gott
nārāyaṇam anāmayam
Nārāyaṇa, den Makellosen
nirdvandvaṃ nirmamaṃ śāntaṃ
frei von den Gegensatzpaaren, ohne Mein-Gefühl, friedvoll
den Unwandelbaren, ohne Anfang und Ende, die Ursache des Bewusstseins der Welt, den Eigenschaftslosen – den höchsten soll er betrachten, das Selbst, höher als das Höchste.
Wort für Wort
avikāram anādyantaṃ
den Unwandelbaren, ohne Anfang und Ende
jagaccaitanyakāraṇam
die Ursache des Bewusstseins der Welt
nirguṇaṃ paramaṃ dhyāyet
den Eigenschaftslosen, Höchsten soll er betrachten
paṭhedupaniṣadvākyaṃ vedāntārthāṃśca cintayet /
sahasraśīrṣaṃ devaṃ ca sadā dhyāyejjitendriyaḥ
Er soll die Worte der Upaniṣaden lesen und über die Bedeutungen des Vedānta nachdenken; den tausendhäuptigen Gott [Puruṣa] soll der Sinnenbezähmte stets betrachten.
ityevamāśramācārānyaḥ karoti dvijaḥ kramāt /
sa yāti paramaṃ sthānaṃ yatra gatvā na śocayati
Wer als Zweifachgeborener so der Reihe nach die Verhaltensweisen der [Lebens-]Stufen (Āśrama) übt, der gelangt zum höchsten Ort, wohin gelangt man nicht [mehr] trauert.