Quellen der Menschheit

Nārada-Purāṇa (Nāradīya)

Kapitel 26: sadācāreṣu gṛhasthavānaprasthayatidharmanirūpaṇam Die Darlegung des rechten Verhaltens sowie der Pflichten des Hausvaters, des Waldeinsiedlers und des Asketen

iti śrībṛhannāradīyapurāṇe pūrvabhāge prathamapāde smārttadhermaṣu vedādhyayanādikasya gṛhasthadharmasya ca nirupaṇaṃ nāma ṣaḍviṃśo 'dhyāyaḥ _____________________________________________________________ sanaka uvāca gṛhasthasya sadācāraṃ vakṣyāmi munisattama / yadrūtāṃ sarvapāpāni naśyantyeva na saṃśayaḥ

Sanaka sprach: Ich werde dir, bester der Weisen, das rechte Verhalten des Hausvaters verkünden, durch dessen Hören [?] alle Sünden gewiss vergehen – daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach
gṛhasthasya sadācāraṃ vakṣyāmi munisattama
ich werde das rechte Verhalten des Hausvaters verkünden, o Bester der Weisen
yad rutvā [?] sarvapāpāni
wodurch gehört [?] alle Sünden
naśyanty eva na saṃśayaḥ
gewiss vergehen, kein Zweifel

[Anm.: Dem eigentlichen Vers 1 ist im Quelltext das Kolophon des vorangehenden (25.) Kapitels vorangestellt, gefolgt von einer Trennlinie; dies ist ein reines Gliederungselement, das im sa-Feld zur Dokumentation mitgeführt, aber nicht in die de-Übersetzung von V.1 einbezogen wurde.] [?] yadrūtāṃ: vermutlich verderbt aus yac chrutvā (nachdem gehört).

brāhne muhūrte cotthāya puruṣārthāvirodhinīm / vṛttiṃ saṃcintayedvipra kṛtakeśaprasādhanaḥ

In der Brahma-Stunde [Morgendämmerung] aufstehend, soll der Brahmane, nachdem er sein Haar geordnet hat, über eine Lebensweise nachdenken, die den Zielen des Menschen [Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa] nicht widerspricht.

Wort für Wort
brāhme muhūrte ca utthāya
in der Brahma-Stunde aufgestanden
puruṣārthāvirodhinīm vṛttim
eine den Menschenzielen nicht widersprechende Lebensweise
saṃcintayet vipra
soll er bedenken, o Brahmane
kṛtakeśaprasādhanaḥ
nachdem er sein Haar geordnet hat

divāsaṃdhyāsu karṇasthabrahmasūtra udaḍmukhaḥ / kuryānmūtrapurīṣe tu rātrau ceddakṣiṇāmukhaḥ

Bei Tag und in der Dämmerung soll er, die heilige Schnur über das Ohr gelegt, mit dem Gesicht nach Norden gewandt Urin und Kot entleeren, nachts aber mit dem Gesicht nach Süden gewandt.

Wort für Wort
divāsaṃdhyāsu
bei Tag und Dämmerung
karṇastha-brahmasūtraḥ udaḍmukhaḥ
die heilige Schnur am Ohr, mit Gesicht nach Norden
kuryāt mūtrapurīṣe
soll er Urin und Kot verrichten
tu rātrau cet dakṣiṇāmukhaḥ
nachts aber mit Gesicht nach Süden

śiraḥ prāvṛtya vastreṇa hyantarddhāya tṛṇairmahīm / vahankāṣṭaṃ kareṇaikaṃ tāvanmaunī bhaveddvijaḥ

Er soll das Haupt mit einem Tuch bedecken und den Boden mit Gräsern bedecken [?]; und, ein Holzstück in einer Hand tragend, soll der Zweifachgeborene solange schweigen.

Wort für Wort
śiraḥ prāvṛtya vastreṇa
nachdem er das Haupt mit einem Tuch bedeckt hat
hi antarddhāya tṛṇaiḥ mahīm
und die Erde mit Gräsern verborgen hat
vahan kāṣṭham kareṇa ekam
ein Holzstück in einer Hand tragend
tāvat maunī bhavet dvijaḥ
solange soll der Zweifachgeborene schweigen

[?] antarddhāya tṛṇaiḥ mahīm: wörtl. 'nachdem er die Erde mit Gräsern verborgen/bedeckt hat'; Sinn im Ritualkontext nicht ganz gesichert.

pathi goṣṭe nadītīre taḍāgagṛhasannidhau / tathā vṛkṣasya cchāyāyāṃ kāntāre vahnisannidhau

Auf dem Weg, im Kuhpferch, am Flussufer, in der Nähe von Teich oder Haus, ebenso im Schatten eines Baumes, in der Wildnis, in der Nähe von Feuer,

Wort für Wort
pathi goṣṭe nadītīre
auf dem Weg, im Kuhpferch, am Flussufer
taḍāga-gṛha-sannidhau
in der Nähe von Teich oder Haus
tathā vṛkṣasya cchāyāyām
ebenso im Schatten eines Baumes
kāntāre vahnisannidhau
in der Wildnis, in der Nähe von Feuer

devālaye tathodyāne kṛṣṭabhūmau catuṣpathe / brāhmaṇānāṃ samīpe ca tathā goguruyoṣitām

im Tempel, ebenso im Garten, auf gepflügtem Land, an der Kreuzung von vier Wegen, in der Nähe von Brahmanen, ebenso von Kühen, Lehrern und Frauen,

Wort für Wort
devālaye tatha udyāne
im Tempel, ebenso im Garten
kṛṣṭabhūmau catuṣpathe
auf gepflügtem Land, an der Kreuzung von vier Wegen
brāhmaṇānām samīpe ca
und in der Nähe von Brahmanen
tathā go-guru-yoṣitām
ebenso von Kühen, Lehrern und Frauen

tuṣāṅgārakapāleṣu jalamadhye tathaiva ca / evamādiṣu deśeṣu malamūtraṃ na kārayet

auf Spreu, Kohle oder Scherben, ebenso mitten im Wasser – an solchen und ähnlichen Orten soll er Kot und Urin nicht verrichten.

Wort für Wort
tuṣa-aṅgāra-kapāleṣu
auf Spreu, Kohle oder Scherben
jalamadhye tathaiva ca
ebenso mitten im Wasser
evamādiṣu deśeṣu
an solchen und ähnlichen Orten
malamūtraṃ na kārayet
soll er Kot und Urin nicht verrichten

śauce yatnaḥ sadā kāryaḥ śaucamūlo dvijaḥ smṛtaḥ / śaucācāravihīnasya samastaṃ karma niṣphalam

Um Reinheit soll er sich stets bemühen; der Zweifachgeborene gilt als in der Reinheit verwurzelt. Wer der Reinheitspraxis entbehrt, dessen gesamtes [rituelles] Tun ist fruchtlos.

Wort für Wort
śauce yatnaḥ sadā kāryaḥ
um Reinheit soll er sich stets bemühen
śaucamūlaḥ dvijaḥ smṛtaḥ
der Zweifachgeborene gilt als reinheitsverwurzelt
śaucācāravihīnasya
für den, der der Reinheitspraxis entbehrt
samastaṃ karma niṣphalam
ist alles Tun fruchtlos

śaucaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ brāhmamābhyāntaraṃ tathā / mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhirbhāvaśuddhistathāntaram

Reinheit aber wird als zweifach bezeichnet: die äußere [?] und die innere. Durch Erde und Wasser [entsteht] die äußere Reinigung, die innere aber ist die Reinheit der Gesinnung.

Wort für Wort
śaucaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ
Reinheit aber wird als zweifach bezeichnet
bāhyam [?] ābhyāntaraṃ tathā
äußere [?] und innere
mṛjjalābhyāṃ bahiḥ śuddhiḥ
durch Erde und Wasser [entsteht] die äußere Reinigung
bhāvaśuddhiḥ tathā antaram
die innere aber ist die Reinheit der Gesinnung

[Anm.: brāhmam erwartet man an dieser Stelle wohl als Verschreibung für bāhyam ('äußere'), im Gegensatz zu ābhyāntaram ('innere'); so gedeutet.] [?]

gṛhītaśiśraścotthāya śaucārthaṃ mṛdamāharet /. na mūṣakādikhanitāṃ phaālotkṛṣṭāṃ tathaiva ca

Nachdem er mit bedecktem Haupt aufgestanden ist [?], soll er zum Zweck der Reinigung Erde holen – nicht jedoch solche, die von Ratten und dergleichen ausgegraben oder vom Pflug aufgewühlt wurde [?].

Wort für Wort
gṛhīta-śiraḥ [?] ca utthāya
nachdem er mit bedecktem Haupt [?] aufgestanden ist
śaucārthaṃ mṛdam āharet
soll er zur Reinigung Erde holen
na mūṣakādi-khanitāṃ
nicht von Ratten u.ä. ausgegrabene
phālotkṛṣṭāṃ [?] tathaiva ca
noch vom Pflug aufgewühlte [?]

[?] gṛhītaśiśraḥ: hier als gṛhītaśiraḥ ('mit bedecktem Haupt') gedeutet (vgl. V.4). [?] phaālotkṛṣṭāṃ: als phālotkṛṣṭāṃ ('vom Pflug aufgewühlt') gedeutet.

vāpīkūpataḍāgebhyo nāharedapi mṛttikām / śaucaṃ kuryātprayatnena samādāya śubhāṃ mṛdam

Auch aus Stufenbrunnen, Brunnen oder Teichen soll er keine Erde holen. Mit Sorgfalt soll er reine Erde nehmen und die Reinigung vollziehen.

Wort für Wort
vāpī-kūpa-taḍāgebhyaḥ
aus Stufenbrunnen, Brunnen oder Teichen
na āharet api mṛttikām
soll er auch keine Erde holen
śaucaṃ kuryāt prayatnena
mit Sorgfalt soll er die Reinigung vollziehen
samādāya śubhāṃ mṛdam
nachdem er reine Erde genommen hat

liṅge mṛdekā dātavyā tisro vā meḍhrayordvayoḥ / etanmūtramutsarge śaucamāhūrmanīṣiṇaḥ

Am Glied ist eine Erdportion aufzutragen, oder drei an den beiden Händen [?] – dies nennen die Weisen die Reinigung beim Harnlassen.

Wort für Wort
liṅge mṛt eka dātavyā
am Glied ist eine [Erdportion] zu geben
tisraḥ vā [pāṇyoḥ? meḍhrayoḥ] dvayoḥ
oder drei an den beiden Händen [?]
etat mūtrautsarge śaucam
dies ist die Reinigung beim Harnlassen
āhuḥ manīṣiṇaḥ
so sagen die Weisen

[?] meḍhrayordvayoḥ ist unklar (Dual von meḍhra, 'Glied'); hier probeweise als Verschreibung für pāṇyoḥ ('an den beiden Händen') gedeutet.

ekā liṅge gude pañca daśa vāme tathobhayoḥ / satpa tisraḥ pradātavyāḥ pādayormṛttikāḥ pṛthak

Eine [Erdportion] für das Glied, fünf für den After, zehn für die linke [Hand], für beide [Hände] sieben [?]; drei sind gesondert für die beiden Füße zu geben.

Wort für Wort
ekā liṅge gude pañca
eine für das Glied, fünf für den After
daśa vāme tathā ubhayoḥ
zehn für die linke [Hand], für beide [Hände]
sapta [?] tisraḥ pradātavyāḥ
sieben [?]; drei sind zu geben
pādayoḥ mṛttikāḥ pṛthak
gesondert für die Füße [je] Erdportionen

[Anm.: satpa ist auch hier (wie im Kolophon 'satpaviṃśa' für ṣaḍviṃśa, und in V.35) wohl eine feste Verschreibung für sapta ('sieben'); so gedeutet.] [?]

etacchaucaṃ viḍutsarge gandhalepāpanuttaye / etacchaucaṃ gṛhasthasya dviguṇaṃ brahmacāriṇām

Dies ist die Reinigung beim Stuhlgang, zur Beseitigung von Geruch und [eklem] Belag. Diese Reinigung [gilt] für den Hausvater; die doppelte [gilt] für die Brahmacārins.

Wort für Wort
etat śaucaṃ viḍutsarge
dies ist die Reinigung beim Stuhlgang
gandhalepāpanuttaye
zur Beseitigung von Geruch und Belag
etat śaucaṃ gṛhasthasya
diese Reinigung [gilt] für den Hausvater
dviguṇaṃ brahmacāriṇām
die doppelte für die Brahmacārins

triguṇāṃ tu vanasthānāṃ yatīnāṃ taccarguṇam / svasthāne pūrṇaśaucaṃ syātpathyarddhaṃ munisattama

Die dreifache aber [gilt] für die Waldbewohner, die vierfache [?] für die Asketen. Am eigenen Ort [zuhause] soll die Reinigung vollständig sein, unterwegs die Hälfte, bester der Weisen.

Wort für Wort
triguṇāṃ tu vanasthānām
die dreifache aber [gilt] für die Waldbewohner
yatīnāṃ tat caturguṇam [?]
für die Asketen jene vierfache [?]
svasthāne pūrṇaśaucaṃ syāt
zuhause soll die Reinigung vollständig sein
pathi ardhaṃ munisattama
unterwegs die Hälfte, bester der Weisen

[Anm.: taccarguṇam ist metrisch und lautlich verderbt; als tac caturguṇam ('das Vierfache') gedeutet, in Fortführung der Reihe ein-/zwei-/drei-/vierfach.] [?]

āture niyamo nāsti mahāpadi tathaiva ca / gandhalepakṣayakaraṃ śaurcaṃ kuryādvicakṣaṇaḥ

Für den Kranken gibt es keine feste Regel, ebenso in großer Not. Der Kluge soll die Reinigung so vollziehen, dass sie Geruch und Belag beseitigt.

Wort für Wort
āture niyamaḥ nāsti
für den Kranken gibt es keine [feste] Regel
mahāpadi tathaiva ca
ebenso in großer Not
gandhalepakṣayakaraṃ śaucaṃ
eine Geruch und Belag beseitigende Reinigung
kuryāt vicakṣaṇaḥ
soll der Kluge vollziehen

strīṇāmanupanītānāṃ gandhalepakṣayāvadhi / vratasthānāṃ tu sarveṣāṃ yativacchaucamiṣyate

Für Frauen und die nicht Initiierten [Knaben ohne Upanayana] gilt die Reinigung bis zur Beseitigung von Geruch und Belag als ausreichend; für alle aber, die ein Gelübde halten, wird die Reinigung wie für Asketen vorgeschrieben.

Wort für Wort
strīṇām anupanītānām
für Frauen [und] die nicht Initiierten
gandhalepakṣayāvadhi
bis zur Beseitigung von Geruch und Belag
vratasthānāṃ tu sarveṣām
für alle Gelübdehaltenden aber
yativat śaucam iṣyate
wird die Reinigung wie für Asketen vorgeschrieben

vidhavānāṃ ca virpendra etadeva nigadyate / evaṃ śaucaṃ tu nirvartya paścādvai susamāhitaḥ

Auch für die Witwen, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], wird eben dies gesagt. Nachdem er so die Reinigung vollzogen hat, soll er danach wohlgesammelten Geistes sein.

Wort für Wort
vidhavānāṃ ca dvijendra [?]
auch für die Witwen, o Fürst der Zweifachgeborenen [?]
etat eva nigadyate
eben dies wird gesagt
evaṃ śaucaṃ tu nirvartya
nachdem er so die Reinigung vollzogen hat
paścāt vai susamāhitaḥ
soll er danach wohlgesammelt sein

[?] virpendra ist unklar, vermutlich verderbt aus dvijendra ('Fürst der Zweifachgeborenen').

prāgāsya udagāsyo vāpyācāmetprayartendriyaḥ / triścaturdhā pibedāpo gandhaphenādivarjitāḥ

Mit dem Gesicht nach Osten oder nach Norden gewandt soll er, mit gebändigten Sinnen, die Ācamana [rituelle Mundspülung] vollziehen. Drei- oder viermal soll er Wasser trinken, das frei von Geruch und Schaum und dergleichen ist.

Wort für Wort
prāgāsyaḥ udagāsyaḥ vā api
mit dem Gesicht nach Osten oder nach Norden gewandt
ācāmet prayatendriyaḥ [?]
soll er, sinnenbezähmt, die Ācamana vollziehen
triḥ caturdhā pibet āpaḥ
drei- oder viermal soll er Wasser trinken
gandhaphenādivarjitāḥ
das frei von Geruch, Schaum u.dgl. ist

[?] prayartendriyaḥ: als prayatendriyaḥ ('mit gebändigten Sinnen') gedeutet.

dvirmārjayetkapolaṃ ca talenoṣṭhau ca sattama / tarjanyaṅguṣṭhayogena nāsārandhradvayaṃ spṛśet

Zweimal soll er die Wangen abwischen, und mit der Handfläche die Lippen, o Bester; mit Zeigefinger und Daumen zusammen soll er die beiden Nasenlöcher berühren.

Wort für Wort
dviḥ mārjayet kapolaṃ ca
zweimal soll er die Wangen abwischen
talena oṣṭhau ca sattama
und mit der Handfläche die Lippen, o Bester
tarjanyaṅguṣṭhayogena
mit Zeigefinger und Daumen zusammen
nāsārandhradvayaṃ spṛśet
soll er die beiden Nasenlöcher berühren

aguṃṣṭānāmikābhyāṃ ca cakṣuḥ śrotre yathākramam / kaniṣṭāṅguṣṭayogena nābhideśe spṛśeddvijaḥ

Mit Daumen und Ringfinger [soll er] der Reihe nach Augen und Ohren [berühren]; mit dem kleinen Finger und Daumen zusammen soll der Zweifachgeborene die Nabelgegend berühren.

Wort für Wort
aṅguṣṭhānāmikābhyāṃ ca
mit Daumen und Ringfinger
cakṣuḥ śrotre yathākramam
der Reihe nach Augen und Ohren
kaniṣṭāṅguṣṭhayogena
mit kleinem Finger und Daumen zusammen
nābhideśe spṛśet dvijaḥ
soll der Zweifachgeborene die Nabelgegend berühren

talenoraḥsthalaṃ caiva aṅgulyagraiḥ śiraḥ spṛśet / talena cāṅgulāgrairvā spṛśedaṃsau vicakṣaṇaḥ

Mit der Handfläche [soll er] die Brust [berühren], und mit den Fingerspitzen das Haupt berühren; mit der Handfläche oder mit den Fingerspitzen soll der Kluge die Schultern berühren.

Wort für Wort
talena uraḥsthalaṃ caiva
mit der Handfläche die Brust
aṅgulyagraiḥ śiraḥ spṛśet
mit den Fingerspitzen soll er das Haupt berühren
talena ca aṅgulāgraiḥ vā
mit der Handfläche oder mit den Fingerspitzen
spṛśet aṃsau vicakṣaṇaḥ
soll der Kluge die Schultern berühren

evamācamya vipredra śuddhimānpotyanuttamām / dantakāṣṭaṃ tataḥ khādetsatvacaṃ śastavṛkṣajam

Nachdem er so, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], die Ācamana vollzogen hat, erlangt er höchste Reinheit. Danach soll er ein Zahnholz kauen, mit Rinde, von einem als gut geltenden Baum stammend.

Wort für Wort
evam ācamya vipraindra [?]
nachdem er so, o Fürst der Zweifachgeborenen [?], die Ācamana vollzogen hat
śuddhim āpnoti anuttamām [?]
erlangt er höchste Reinheit
dantakāṣṭhaṃ tataḥ khādet
danach soll er ein Zahnholz kauen
satvacaṃ śastavṛkṣajam
mit Rinde, von einem guten Baum stammend

[?] vipredra: vermutlich verderbt aus vipraindra/dvijendra. [?] śuddhimānpotyanuttamām: als śuddhim āpnoti anuttamām ('erlangt höchste Reinheit') gedeutet.

bilvāsanāpāmārgaṇāṃ nimbānmārkādiśākhinām / prakṣālya vāriṇā caiva mantreṇāpyabhimantritam

[Ein Zweig] von Bilva-, Arka- [?], Apāmārga-, Nimba-, Mārka- [?] und ähnlichen Bäumen, gewaschen mit Wasser und mit einem Mantra geweiht,

Wort für Wort
bilva-arka[?]-apāmārgāṇām
von Bilva-, Arka- [?] und Apāmārga-[Bäumen]
nimbāt mārka[?]ādiśākhinām
von Nimba-, Mārka- [?] und ähnlichen Zweigträgern
prakṣālya vāriṇā caiva
nachdem [der Zweig] mit Wasser gewaschen wurde
mantreṇa api abhimantritam
und mit einem Mantra geweiht wurde

[Anm.: Die Baumnamen āsanā und mārka sind textlich unsicher; āsanā hier probeweise als arka (Calotropis) gedeutet, mārka bleibt unklar.] [?]

āyurbalaṃ yaśo varcaḥ prajāḥ paśuvasūni ca / brahma prajñāṃ ca medhāṃ ca tvanno dhehi vanaspate

'Lebenskraft, Stärke, Ruhm, Glanz, Nachkommenschaft, Vieh und Reichtum, heiliges Wissen (Brahman), Weisheit und Gedächtnis – dies gib uns, o Herr der Bäume (Vanaspati)!'

Wort für Wort
āyuḥ balaṃ yaśaḥ varcaḥ
Lebenskraft, Stärke, Ruhm, Glanz
prajāḥ paśuvasūni ca
Nachkommenschaft, Vieh und Reichtum
brahma prajñāṃ ca medhāṃ ca
heiliges Wissen, Weisheit und Gedächtnis
tu tvam naḥ dhehi vanaspate
dies gib uns, o Herr der Bäume

kaniṣṭāgrasamaṃ sthaulye vipraḥ khādeddaśāṅgulam / navāṅgulaṃ kṣatriyaśca vaiśyaścāṣṭāṅgulonmitam

An Dicke der Spitze des kleinen Fingers gleich, soll der Brahmane [ein Zahnholz von] zehn Fingerbreiten Länge kauen; der Kṣatriya eines von neun Fingerbreiten, und der Vaiśya eines, das acht Fingerbreiten misst.

Wort für Wort
kaniṣṭāgrasamaṃ sthaulye
an Dicke der Spitze des kleinen Fingers gleich
vipraḥ khādet daśāṅgulam
soll der Brahmane [eines von] zehn Fingerbreiten kauen
navāṅgulaṃ kṣatriyaḥ ca
der Kṣatriya [eines von] neun Fingerbreiten
vaiśyaḥ ca aṣṭāṅgulonmitam
und der Vaiśya eines, das acht Fingerbreiten misst

śūdro vedāṅgulamitaṃ vanitā ca munīśvara / alābhe daitakāṣṭānāṃ gaṇḍūṣairbhānusaṃmitaiḥ

Der Śūdra [kaue ein Zahnholz] von vier [?] Fingerbreiten Maß, ebenso die Frau, o Herr der Weisen. Bei Mangel an Zahnhölzern [reinige man sich] durch zwölf [?] Mundspülungen.

Wort für Wort
śūdraḥ vedāṅgulamitaṃ
der Śūdra [nehme eines] von vier [?] Fingerbreiten Maß
vanitā ca munīśvara
ebenso die Frau, o Herr der Weisen
alābhe daitakāṣṭhānāṃ
bei Mangel an Zahnhölzern
gaṇḍūṣaiḥ bhānusaṃmitaiḥ [?]
durch der Sonnenzahl [zwölf, ?] entsprechende Mundspülungen

[Anm.: vedāṅgulam (nach der Zahl der vier Veden = 4) und bhānusaṃmitaiḥ (nach der Zahl der zwölf Sonnen/Āditya = 12) sind Zahlensymbolik; Deutung der genauen Zahlen unsicher.] [?]

muthaśuddhirvidhīyeta tṛṇapatrasamanvitaiḥ / kareṇādāya vāmena saṃcarvedvāmadaṃṣṭrayā

Die Mundreinigung soll mit [Halmen und] Blättern von Gräsern versehen bewirkt werden; mit der linken Hand nehmend, soll er [das Zahnholz] mit dem linken Backenzahn kauen.

Wort für Wort
mukhaśuddhiḥ [?] vidhīyeta
die Mundreinigung [?] soll bewirkt werden
tṛṇapatrasamanvitaiḥ
mit Gräsern und Blättern versehen
kareṇa ādāya vāmena
mit der linken Hand nehmend
saṃcarvet vāmadaṃṣṭrayā
soll er mit dem linken Backenzahn kauen

[Anm.: muthaśuddhiḥ vermutlich verderbt aus mukhaśuddhiḥ ('Mundreinigung').] [?]

dvijānsaṃgharṣya godohaṃ tataḥ prakṣālya pāṭayet / jihvāmullikhya tābhyāṃ tu dalubhyāṃ niyatendriyaḥ

Solange man braucht, um eine Kuh zu melken, soll er die Zähne reiben; danach soll er [das Holz] abspülen und spalten. Mit dessen beiden Hälften soll er, mit gebändigten Sinnen, die Zunge abschaben.

Wort für Wort
dvijān saṃgharṣya godoham
er soll die Zähne reiben, solange eine Kuh zu melken ist
tataḥ prakṣālya pāṭayet
danach soll er [das Holz] abspülen und spalten
jihvām ullikhya tābhyāṃ tu
und mit dessen beiden [Hälften] die Zunge abschaben
dalubhyāṃ [?] niyatendriyaḥ
mit den beiden Hälften [?], sinnenbezähmt

[?] dalubhyāṃ: unklar, hier als 'die beiden Hälften [des gespaltenen Holzes]' gedeutet.

prakṣālya prakṣipedū dūre bhūyaścācamya pūrvavat / tataḥ snānaṃ prakurvīta nadyādau vimale jale

Nachdem er [es] abgespült hat, soll er [es] weit fortwerfen; danach soll er erneut, wie zuvor, die Ācamana vollziehen. Danach soll er das Bad vollziehen, im Fluss oder dergleichen, in reinem Wasser.

Wort für Wort
prakṣālya prakṣipet dūre
nachdem er [es] abgespült hat, soll er [es] weit fortwerfen
bhūyaḥ ca ācamya pūrvavat
und danach wie zuvor erneut die Ācamana vollziehen
tataḥ snānaṃ prakurvīta
danach soll er das Bad vollziehen
nadyādau vimale jale
im Fluss u.dgl., in reinem Wasser

taṭaṃ prakṣālya darbhāśca vinyasya praviśejjalam / praṇamya tatra tīrthāni āvāhya ravimaṇḍalāt

Nachdem er das Ufer gereinigt und Darbha-Gras ausgelegt hat, soll er ins Wasser eintreten. Dort soll er sich verneigen und die heiligen Stätten (Tīrthas) aus der Sonnenscheibe herbeirufen.

Wort für Wort
taṭaṃ prakṣālya darbhān ca
nachdem er das Ufer gereinigt und Darbha-Gras
vinyasya praviśet jalam
ausgelegt hat, soll er ins Wasser eintreten
praṇamya tatra tīrthāni
dort soll er sich verneigen, vor den Pilgerstätten
āvāhya ravimaṇḍalāt
und sie aus der Sonnenscheibe herbeirufen

gandhādyairmaṇḍalaṃ kṛtvā dhyātvā devaṃ janārdanam / snāyānmantrānsmaranpuṇyāṃstīrthāni ca viriñcija

Nachdem er mit Duftstoffen und dergleichen einen [Wasser-]Kreis bereitet und den Gott Janārdana [Viṣṇu] betrachtet hat, soll er baden, indem er der heiligen Mantras und der Pilgerstätten gedenkt, o Sohn des Viriñca [Nārada].

Wort für Wort
gandhādyaiḥ maṇḍalaṃ kṛtvā
nachdem er mit Duftstoffen u.a. einen [Wasser-]Kreis bereitet hat
dhyātvā devaṃ janārdanam
und den Gott Janārdana betrachtet hat
snāyāt mantrān smaran puṇyān
soll er baden, indem er der heiligen Mantras gedenkt
tīrthāni ca viriñcija
und der Pilgerstätten, o Sohn des Viriñca

gaṅge ca yamune caiva godāvari sarasvati / narmade siṃdhukāveri jale 'sminsannidhiṃ kuru

'O Gaṅgā, o Yamunā, o Godāvarī, o Sarasvatī, o Narmadā, o Sindhu, o Kāverī – nehmt Wohnung in diesem Wasser.'

Wort für Wort
gaṅge ca yamune caiva
o Gaṅgā und o Yamunā
godāvari sarasvati
o Godāvarī, o Sarasvatī
narmade sindhu-kāveri
o Narmadā, o Sindhu, o Kāverī
jale asmin sannidhiṃ kuru
sei gegenwärtig in diesem Wasser

puṣkarādyāni tīrthāni gaṅgādyāḥ saritastathā / āgacchantu mahābhāgāḥ snānakāle sadā mama

'Die Pilgerstätten, angefangen mit Puṣkara, ebenso die Flüsse, angefangen mit der Gaṅgā – mögen die hochgesegneten [Stätten] stets zur Zeit meines Bades herbeikommen.'

Wort für Wort
puṣkarādyāni tīrthāni
die Pilgerstätten, angefangen mit Puṣkara
gaṅgādyāḥ saritaḥ tathā
ebenso die Flüsse, angefangen mit der Gaṅgā
āgacchantu mahābhāgāḥ
mögen die hochgesegneten [Stätten] herbeikommen
snānakāle sadā mama
stets zur Zeit meines Bades

ayodhyā mathurā māyā kāśīṃ kāñcī hyavantikā / purī dvārāvatī jñeyā satpaitā mokṣadāyikāḥ

Ayodhyā, Mathurā, Māyā [Haridwar], Kāśī, Kāñcī und Avantikā, sowie die Stadt Dvāravatī sind zu wissen – diese sieben gewähren die Erlösung.

Wort für Wort
ayodhyā mathurā māyā
Ayodhyā, Mathurā, Māyā
kāśī kāñcī hi avantikā
Kāśī, Kāñcī und Avantikā
purī dvārāvatī jñeyā
sowie die Stadt Dvāravatī, zu wissen
sapta [?] etā mokṣadāyikāḥ
diese sieben gewähren die Erlösung

[Anm.: satpa wiederum als sapta ('sieben') gedeutet, vgl. V.13.] [?]

tato 'dhamarṣaṇa japtvā yatāsurvārisaṃplutaḥ / snānāṅgaṃ tarpaṇaṃ kṛtvācamyārdhyaṃ bhānaver'payet

Dann, nachdem er den Aghamarṣaṇa[-Mantra] rezitiert hat, mit gebändigtem Atem im Wasser eingetaucht, soll er das zum Bad gehörige Wassergedenkopfer (Tarpaṇa) vollziehen und danach, nach der Ācamana, der Sonne ein Ehrenwasser (Arghya) darbringen.

Wort für Wort
tataḥ aghamarṣaṇaṃ japtvā
dann, nachdem er den Aghamarṣaṇa[-Mantra] rezitiert hat
yatāsuḥ vārisaṃplutaḥ
mit gebändigtem Atem im Wasser eingetaucht
snānāṅgaṃ tarpaṇaṃ kṛtvā
nachdem er das zum Bad gehörige Tarpaṇa vollzogen hat
ācamya arghyaṃ bhānave 'rpayet
soll er nach der Ācamana der Sonne das Arghya darbringen

tato dhyātvā vivasvantaṃ jalānnirgatya nārada / paridhāyāhataṃ dhautaṃ dvitīyaṃ parivīya ca

Dann, nachdem er Vivasvant [die Sonne] betrachtet hat, soll er, o Nārada, aus dem Wasser steigen, ein gewaschenes, ungetragenes Gewand anlegen und ein zweites darüberlegen.

Wort für Wort
tataḥ dhyātvā vivasvantaṃ
dann, nachdem er Vivasvant betrachtet hat
jalāt nirgatya nārada
soll er, o Nārada, aus dem Wasser steigen
paridhāya āhataṃ dhautaṃ
ein gewaschenes, ungetragenes [Gewand] anlegend
dvitīyaṃ parivīya ca
und ein zweites darüberlegend

kuśāsane samāviśya saṃdhyākarma samārabhet / īśānābhimukho vipra gāyatryācamya vai dvija

Nachdem er sich auf eine Kuśa-Matte gesetzt hat, soll er das Saṃdhyā-Ritual beginnen; mit dem Gesicht nach Nordosten (Īśāna) gewandt, o Zweifachgeborener, nachdem er mit dem Gāyatrī[-Mantra] die Ācamana vollzogen hat.

Wort für Wort
kuśāsane samāviśya
nachdem er sich auf eine Kuśa-Matte gesetzt hat
saṃdhyākarma samārabhet
soll er das Saṃdhyā-Ritual beginnen
īśānābhimukhaḥ vipra
mit dem Gesicht nach Nordosten gewandt, o Brahmane
gāyatryā ācamya vai dvija
nachdem er mit dem Gāyatrī[-Mantra] die Ācamana vollzogen hat, o Zweifachgeborener

ṛtamityabhimantryārtha punarevāmed budhaḥ / tatastu vāriṇātmānaṃ veṣṭayitvā samukṣya ca

Nachdem er 'ṛtam' [als Mantra] gesprochen hat, soll der Weise danach erneut die Ācamana vollziehen. Dann soll er, nachdem er sich selbst mit Wasser umgeben hat, [sich] besprengen,

Wort für Wort
ṛtam iti abhimantrya atha
nachdem er 'ṛtam' [als Mantra] gesprochen hat
punaḥ eva ācāmet [?] budhaḥ
soll der Weise danach erneut die Ācamana vollziehen
tataḥ tu vāriṇā ātmānaṃ
dann soll er sich selbst mit Wasser
veṣṭayitvā samukṣya ca
umgeben und besprengen

[?] āmed: als ācāmet ('soll die Ācamana vollziehen') gedeutet.

saṃkalpya praṇavānte tu ṛṣicchandaḥ surānsmaran / bhūrādibhirvyāhṛtibhiḥ satpabhiḥ prokṣya mastakam

Nachdem er die Absichtserklärung (Saṃkalpa) gesprochen hat, am Ende der Silbe Oṃ, indem er des Ṛṣi, des Versmaßes und der Götter gedenkt, soll er mit den sieben Vyāhṛtis, beginnend mit Bhūḥ, das Haupt besprengen.

Wort für Wort
saṃkalpya praṇavānte tu
nachdem er die Absichtserklärung, am Ende der Silbe Oṃ, gesprochen hat
ṛṣicchandaḥ surān smaran
indem er des Ṛṣi, des Versmaßes und der Götter gedenkt
bhūrādibhiḥ vyāhṛtibhiḥ
mit den Vyāhṛtis, beginnend mit Bhūḥ
saptabhiḥ [?] prokṣya mastakam
mit den sieben [?] soll er das Haupt besprengen

[Anm.: satpabhiḥ wieder als saptabhiḥ ('mit den sieben') gedeutet.] [?]

nyāsaṃ samācarenmantrī pṛthageva karāṅgayoḥ / vinyasya hṛdaye tāraṃ bhūḥ śirasyatha vinyaset

Der Mantra-Kundige soll die Nyāsa [rituelle Einsetzung der Mantras] gesondert an Händen und Gliedern vollziehen; nachdem er die Silbe Oṃ (tāram) im Herzen platziert hat, soll er die Silbe Bhūḥ am Haupt platzieren,

Wort für Wort
nyāsaṃ samācaret mantrī
der Mantra-Kundige soll die Nyāsa vollziehen
pṛthak eva karāṅgayoḥ
gesondert an Händen und Gliedern
vinyasya hṛdaye tāraṃ
nachdem er die Silbe Oṃ im Herzen platziert hat
bhūḥ śirasi atha vinyaset
soll er [die Silbe] Bhūḥ am Haupt platzieren

bhuvaḥ śikhāyāṃ svaścaiva kavaye bhūrbhuvo 'kṣiṣu / bhūrbhuvaḥ svastathātrāstraṃ dikṣu tālatrayaṃ nyaset

[die Silbe] Bhuvaḥ am Schopf, und Svaḥ [beim Angesicht, kavaye] [?]; Bhūrbhuvaḥ an den Augen; Bhūrbhuvaḥsvaḥ dann als Waffenmantra (Astra); und in die Himmelsrichtungen soll er ein dreimaliges Händeklatschen setzen.

Wort für Wort
bhuvaḥ śikhāyāṃ svaḥ ca eva
Bhuvaḥ am Schopf, und Svaḥ
kavaye [?] bhūrbhuvaḥ akṣiṣu
beim Angesicht [?]; Bhūrbhuvaḥ an den Augen
bhūrbhuvaḥsvaḥ tathā astram
Bhūrbhuvaḥsvaḥ dann als Waffenmantra
dikṣu tālatrayaṃ nyaset
in die Himmelsrichtungen soll er dreimaliges Händeklatschen setzen

[Anm.: kavaye ist unklar, vermutlich verderbt; hier probeweise als Bezug auf das Angesicht/den Mund gedeutet.] [?]

tata āvāhayetsaṃdhyāṃ prātaḥ kokanasthitām / āgaccha varade devi tryakṣare brahmavādini

Dann soll er die Saṃdhyā[-Göttin] anrufen, am Morgen als auf dem roten Lotos [?] weilend: 'Komm, o gütige Göttin, o Verkünderin des Brahman im dreisilbigen [Mantra]!'

Wort für Wort
tataḥ āvāhayet saṃdhyāṃ
dann soll er die Saṃdhyā[-Göttin] anrufen
prātaḥ kokanadasthitām [?]
am Morgen als auf dem roten Lotos weilend [?]
āgaccha varade devi
komm, o gütige Göttin
tryakṣare brahmavādini
o Verkünderin des Brahman im dreisilbigen [Mantra]

[?] kokanasthitām: als kokanadasthitām ('auf dem roten Lotos weilend') gedeutet.

gāyatri cchandasāṃ mātarbrahmayone namo 'stu te / madhyāhne vṛṣabhāruḍhāṃ śuklāṃbarasamāvṛtām

'O Gāyatrī, Mutter der Versmaße, aus dem Schoß des Brahman [entsprungen], Verehrung sei dir!' Am Mittag [rufe er sie an] als auf einem Stier reitend, mit weißem Gewand umhüllt,

Wort für Wort
gāyatri chandasāṃ mātaḥ
o Gāyatrī, Mutter der Versmaße
brahmayone namaḥ astu te
aus dem Schoß des Brahman, Verehrung sei dir
madhyāhne vṛṣabhāruḍhāṃ
am Mittag als auf einem Stier reitend
śuklāmbarasamāvṛtām
mit weißem Gewand umhüllt

sāvitrīṃ rudrayoniṃ cāvāhayedrudravādinīm / sāyaṃ tu garuḍāruḍhāṃ pītāṃbarasamāvṛttām

[als] Sāvitrī, aus dem Schoß Rudras [entsprungen], die Verkünderin Rudras, soll er sie anrufen. Am Abend aber [rufe er sie an] als auf Garuḍa reitend, mit gelbem Gewand umhüllt,

Wort für Wort
sāvitrīṃ rudrayoniṃ ca
als Sāvitrī, aus dem Schoß Rudras
āvāhayet rudravādinīm
soll er sie anrufen, die Verkünderin Rudras
sāyaṃ tu garuḍāruḍhāṃ
am Abend aber als auf Garuḍa reitend
pītāmbarasamāvṛttām
mit gelbem Gewand umhüllt

sarasvatīṃ viṣṇuyonimāhvayedviṣṇuvādinīm / tāraṃ ca vyāhṛtīḥ satpa tripadāṃ ca samuccaran

[als] Sarasvatī, aus dem Schoß Viṣṇus [entsprungen], die Verkünderin Viṣṇus, soll er anrufen, wobei er die Silbe Oṃ, die sieben Vyāhṛtis und den dreifüßigen [Gāyatrī-Vers] spricht.

Wort für Wort
sarasvatīṃ viṣṇuyonim
als Sarasvatī, aus dem Schoß Viṣṇus
āhvayet viṣṇuvādinīm
soll er sie anrufen, die Verkünderin Viṣṇus
tāraṃ ca vyāhṛtīḥ saptaḥ [?]
die Silbe Oṃ und die sieben [?] Vyāhṛtis
tripadāṃ ca samuccaran
und den dreifüßigen [Vers] sprechend

[Anm.: satpa wiederum als sapta ('sieben') gedeutet.] [?]

śiraḥ śikhāṃ ca saṃpūrya kubhayitvā virecayet / vāmamadhyātparairvāyuṃ krameṇa prāṇasaṃyame

Nachdem er [den Atem] am Haupt und Schopf gefüllt und angehalten hat, soll er ihn wieder ausströmen lassen; durch die linke, mittlere und die übrigen [Kanäle] soll er der Reihe nach den Atem im Prāṇāyāma lenken.

Wort für Wort
śiraḥ śikhāṃ ca saṃpūrya
nachdem er [den Atem] am Haupt und Schopf gefüllt hat
kumbhayitvā [?] virecayet
und angehalten hat, soll er [ihn] ausströmen lassen
vāma-madhyāt paraiḥ vāyuṃ
durch die linken, mittleren und übrigen [Kanäle] den Atem
krameṇa prāṇasaṃyame
der Reihe nach im Prāṇāyāma [lenkend]

[?] kubhayitvā: als kumbhayitvā ('nachdem er [den Atem] angehalten hat', Kumbhaka) gedeutet.

dvirācāmettataḥ paścātprātaḥ sūryaścameti ca / āpaḥ punantu madhyāhne sāyamagniścameti ca

Danach soll er zweimal die Ācamana vollziehen, am Morgen mit [dem Spruch] 'sūryaśca mā' und so weiter, am Mittag mit 'āpaḥ punantu', am Abend mit 'agniśca mā' und so weiter.

Wort für Wort
dviḥ ācāmet tataḥ paścāt
danach soll er zweimal die Ācamana vollziehen
prātaḥ sūryaḥ ca mā iti ca
am Morgen mit 'sūryaśca mā' usw.
āpaḥ punantu madhyāhne
am Mittag mit 'āpaḥ punantu'
sāyam agniḥ ca mā iti ca
am Abend mit 'agniśca mā' usw.

āpo hiṣṭheti tisṛbhirmārjanaṃ ca tataścaret / sumutriyā na ityuktvā nāsāspṛṣṭajalena ca

Mit den drei [Versen], die mit 'āpo hi ṣṭhā' beginnen, soll er danach die Besprengung (Mārjana) vollziehen; nachdem er 'sumitriyā naḥ' gesprochen hat, mit dem die Nase berührenden Wasser,

Wort für Wort
āpaḥ hi ṣṭha iti tisṛbhiḥ
mit den drei Versen 'āpo hi ṣṭhā'
mārjanaṃ ca tataḥ caret
soll er danach die Besprengung vollziehen
sumitriyā naḥ [?] iti uktvā
nachdem er 'sumitriyā naḥ' [?] gesprochen hat
nāsāspṛṣṭajalena ca
mit dem die Nase berührenden Wasser

[?] sumutriyā na: als sumitriyā naḥ (aus dem Āpo-hiṣṭhā-Spruch) gedeutet.

dviṣadvargaṃ samutsārya drupadāṃ śirasi kṣipet / ṛtaṃ ca satyametena kṛtvā caivādhamarṣaṇam

Nachdem er die Schar der Feinde [rituell] vertrieben hat, soll er [Wasser mit dem Vers] 'drupadā' auf das Haupt sprengen; mit '[ṛtaṃ ca satyam]' soll er damit auch das Aghamarṣaṇa[-Ritual] vollziehen.

Wort für Wort
dviṣadvargaṃ samutsārya
nachdem er die Schar der Feinde vertrieben hat
drupadāṃ śirasi kṣipet
soll er [Wasser mit dem Vers] 'drupadā' auf das Haupt sprengen
ṛtaṃ ca satyam etena
'ṛtam' und 'satyam' – damit
kṛtvā ca eva adhamarṣaṇam
soll er auch das Aghamarṣaṇa vollziehen

antaścarasi mantreṇa sakṛdeva pibedapaḥ / tataḥ sūryāya vidhivadgandhaṃ puṣpaṃ jalāñjalim

Mit dem Mantra 'antaścarasi' soll er einmal Wasser trinken. Danach soll er der Sonne nach Vorschrift Duftstoff, Blume und eine Handvoll Wasser [darbringen],

Wort für Wort
antaścarasi mantreṇa
mit dem Mantra 'antaścarasi'
sakṛt eva pibet apaḥ
soll er einmal Wasser trinken
tataḥ sūryāya vidhivat
danach der Sonne nach Vorschrift
gandhaṃ puṣpaṃ jalāñjalim
Duftstoff, Blume und eine Handvoll Wasser

kṣiptvopatiṣṭheddevarṣe bhāskaraṃ svastikāñjalim / ūrddhūbāhuradhobāhuḥ kramātkalyādike trike

nachdem er [dies] dargebracht hat, soll er, o Götterweiser, sich mit im Svastika-Gruß gefalteten Händen vor Bhāskara [die Sonne] hinstellen, dabei der Reihe nach die Arme erheben und senken, im [jeweils] ersten Drittel [des Zeitabschnitts] beginnend [?].

Wort für Wort
kṣiptvā upatiṣṭhet devarṣe
nachdem er [es] dargebracht hat, soll er, o Götterweiser, sich hinstellen
bhāskaraṃ svastikāñjalim
vor Bhāskara, mit im Svastika-Gruß gefalteten Händen
ūrdhvabāhuḥ adhobāhuḥ
mit erhobenen, mit gesenkten Armen
kramāt kalyādike trike [?]
der Reihe nach, im ersten Drittel beginnend [?]

[Anm.: kalyādike trike ist unklar, hier als 'im ersten Drittel [der jeweiligen Tageszeit] beginnend' gedeutet.] [?]

uhutyaṃ citraṃ taccakṣurityetattritayaṃ japet / saurāñchaivānvaiṣṇavāṃśca mantrānanyāṃśca nārada

Er soll diese drei [Sprüche] rezitieren: '[?]', 'citram' und 'tac cakṣuḥ', sowie die Sonnen- und Viṣṇu-Mantras und andere, o Nārada.

Wort für Wort
uhutyaṃ [?] citraṃ tat cakṣuḥ
'[?]', 'citram' [und] 'tac cakṣuḥ'
iti etat tritayaṃ japet
diese drei [Sprüche] soll er rezitieren
saurān ca eva vaiṣṇavān ca
sowie die Sonnen- und die Viṣṇu-Mantras
mantrān anyān ca nārada
und andere Mantras, o Nārada

[Anm.: uhutyaṃ ist unklar, vermutlich Titel/Anfang eines weiteren Sonnenmantras (evtl. verderbt aus einem Ṛgveda-Versanfang).] [?]

tejo 'si gāyatryasīti prārthayetsaviturmahaḥ / tato 'ṅgāni trirāvartya dhyāyecchaktīstadātmikāḥ

Mit '[du bist] Glanz, du bist Gāyatrī' soll er die Macht (Mahaḥ) Savitṛs erbitten. Danach, nachdem er die Gliederberührung (Nyāsa) dreimal wiederholt hat, soll er die [göttlichen] Kräfte (Śaktis), die dessen Wesen sind, betrachten.

Wort für Wort
tejaḥ asi gāyatrī asi iti
'du bist Glanz, du bist Gāyatrī' – so
prārthayet savituḥ mahaḥ
soll er die Macht Savitṛs erbitten
tataḥ aṅgāni triḥ āvartya
danach, nachdem er die Gliederberührung dreimal wiederholt hat
dhyāyet śaktīḥ tadātmikāḥ
soll er die Kräfte, die dessen Wesen sind, betrachten

brahmaṇī caturānanākṣavalayā kumbhaṃ karaiḥ srukstravau bibhrāṇā tvaruṇendukāntivadanā ṛgrūpiṇī bālikā / haṃsārohaṇakelikhaṇkhaṇmaṇerbibārcitā bhūṣitā gāyatrī paribhāvitā bhavatu naḥ saṃpatsamṛddhyai sadā

Brahmāṇī, mit vier Gesichtern, mit der Rosenkranz-Perlenschnur, mit einem Wasserkrug sowie mit Opferlöffel (Sruk) und Opferkelle (Sruva) in den Händen, mit einem Antlitz von der Schönheit von Morgenröte und Mond, in Gestalt der Ṛc-Verse, ein junges Mädchen, auf dem Rücken eines Schwanes reitend spielend, geschmückt mit klirrendem Geschmeide [?], verehrt und geziert – die so betrachtete Gāyatrī möge uns stets zu Wohlstand und Fülle gereichen.

Wort für Wort
brahmaṇī caturānanā akṣavalayā
Brahmāṇī, mit vier Gesichtern, mit der Rosenkranz-Perlenschnur
kumbhaṃ karaiḥ srukstravau bibhrāṇā
mit einem Krug und mit Sruk und Sruva in den Händen
tu aruṇendukāntivadanā ṛgrūpiṇī bālikā
mit einem Antlitz wie Morgenröte und Mond, in Gestalt der Ṛc, ein junges Mädchen
haṃsārohaṇakeli-khaṇkhaṇmaṇeḥ [?] bibhrāṇā
auf dem Schwan spielend reitend, mit klirrendem Geschmeide [?] geschmückt
arcitā bhūṣitā gāyatrī paribhāvitā
verehrt, geziert, die so betrachtete Gāyatrī
bhavatu naḥ saṃpatsamṛddhyai sadā
möge uns stets zu Wohlstand und Fülle gereichen

[Anm.: khaṇkhaṇmaṇerbibhrāṇā ist lautlich unklar, hier als klirrendes Geschmeide tragend gedeutet.] [?]

rudrāṇī navayauvanā trinayanā vaiyāghnacarmāṃbarā khaṭvāṅgatraghiśikhākṣasūtravalayābhītiśriyai cāstu naḥ / vidyuddāmajaṭākalāpavilasadvārledumaulirmudā sāvitrī vṛṣavāhanā sitatanurdhyeyā yajūrūpiṇī

Rudrāṇī, in ewiger Jugend, dreiäugig, in ein Tigerfell gekleidet, mit Totenkopfstab (Khaṭvāṅga), Dreizack, Rosenkranz und Armreif, [zum Zeichen] der Furchtlosigkeit – sie sei uns zum Glück! Mit blitzgleich glänzenden Flechten des Haarschopfes, an deren Scheitel der junge Mond freudig erglänzt: die Sāvitrī, auf einem Stier reitend, von weißem Leib, in Gestalt der Yajus-Sprüche, sei so zu betrachten.

Wort für Wort
rudrāṇī navayauvanā trinayanā
Rudrāṇī, in ewiger Jugend, dreiäugig
vaiyāghracarmāmbarā
in ein Tigerfell gekleidet
khaṭvāṅga-triśikha[?]-akṣasūtra-valaya-abhītiḥ
mit Totenkopfstab, Dreizack [?], Rosenkranz, Armreif, [Geste der] Furchtlosigkeit
śriyai ca astu naḥ
sie sei uns zum Glück
vidyuddāmajaṭākalāpavilasad-bālendu[?]-mauliḥ mudā
mit blitzgleich glänzenden Haarflechten, freudig, den jungen Mond [?] am Scheitel
sāvitrī vṛṣavāhanā sitatanuḥ dhyeyā yajūrūpiṇī
die Sāvitrī, auf dem Stier reitend, weißleibig, ist so zu betrachten, in Gestalt der Yajus

[Anm.: traghiśikhā ist lautlich unklar, hier als triśikha ('Dreizack') gedeutet; vārledumauliḥ als bālenduḥ mauliḥ ('junger Mond am Scheitel') gedeutet.] [?]

dhyeyā sā ca sarasvatī bhagavatī pītāṃbarālaṅkṛtā śyāmā śyāmatanurjaroparilasadgātrāñcitā vaiṣṇavī / tārkṣyasthā maṇinūpurāṅgadalasadgraiveyabhūṣojjvalā hastālaṅkṛtaśaṅkhacakrasugadāpahmāśriyai cāstu naḥ

Zu betrachten ist auch Sarasvatī, die Erhabene, mit gelbem Gewand geschmückt, dunkel, von dunklem Leib, deren Glieder von jugendlichem Glanz erstrahlen [?], die Viṣṇu-Zugehörige, auf Garuḍa (Tārkṣya) thronend, strahlend von Halsschmuck, Armreifen und Fußgeschmeide mit Edelsteinen, in den Händen geschmückt mit Muschelhorn, Diskus, schöner Keule und Lotos – sie sei uns zum Glück!

Wort für Wort
dhyeyā sā ca sarasvatī bhagavatī
zu betrachten ist auch sie, Sarasvatī, die Erhabene
pītāmbarālaṅkṛtā śyāmā śyāmatanuḥ
mit gelbem Gewand geschmückt, dunkel, von dunklem Leib
jaroparilasadgātrāñcitā [?] vaiṣṇavī
deren Glieder von jugendlichem Glanz erstrahlen [?], die Viṣṇu-Zugehörige
tārkṣyasthā maṇinūpurāṅgadalasadgraiveyabhūṣojjvalā
auf Garuḍa thronend, strahlend von Edelstein-Fußring, Armreif und Halsschmuck
hastālaṅkṛtaśaṅkhacakrasugadāpadma[?]
in den Händen geschmückt mit Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotos [?]
śriyai ca astu naḥ
sie sei uns zum Glück

[Anm.: jaroparilasadgātrāñcitā ist textlich unsicher, hier als 'von jugendlichem Glanz erstrahlend' gedeutet; pahmā als padma ('Lotos') gedeutet.] [?]

evaṃ dhyātvā japettiṣṭhanprātarmadhyāhnake tathā / sāyaṅkāle samāsīno bhaktyā tadgatamānasaḥ

Nachdem er so meditiert hat, soll er am Morgen und ebenso am Mittag stehend [den Mantra] murmeln (Japa), am Abend aber sitzend, in Hingabe, mit auf jene [Göttin] gerichtetem Sinn.

Wort für Wort
evaṃ dhyātvā japet tiṣṭhan
nachdem er so meditiert hat, soll er stehend murmeln
prātaḥ madhyāhnake tathā
am Morgen und ebenso am Mittag
sāyaṅkāle samāsīnaḥ
am Abend aber sitzend
bhaktyā tadgatamānasaḥ
in Hingabe, mit auf jene gerichtetem Sinn

sahasraparamāṃ devīṃ śatamadhyāṃ daśāvarām / tripadāṃ praṇavopetāṃ bhūrbhuvaḥ svarupakramām

[Er soll murmeln] die Göttin [Gāyatrī, deren Wiederholung] höchstens tausendmal, mindestens hundertmal, zumindest zehnmal [erfolgt], die dreifüßige, mit der Silbe Oṃ versehene, in der Reihenfolge Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ geordnete,

Wort für Wort
sahasraparamāṃ devīṃ
die Göttin, höchstens tausendmal [zu wiederholende]
śatamadhyāṃ daśāvarām
hundertmal im Mittel, mindestens zehnmal
tripadāṃ praṇavopetāṃ
die dreifüßige, mit Oṃ versehene
bhūrbhuvaḥsvaḥ-rupakramām
in der Ordnung Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ

ṣaṭtāraḥ saṃpuṭo vāpi vratinaśca yaterjapaḥ / gṛhasthasya sattāraḥ syājjapya evaṃvidho mune

Mit sechsfacher Umrahmung durch Oṃ (Ṣaṭtāra) oder eingefasst (Saṃpuṭa) [ist] die Japa-Praxis des Gelübdehabenden und des Asketen; für den Hausvater aber soll die Japa-Praxis, so beschaffen, einfach umrahmt [?] sein, o Weiser.

Wort für Wort
ṣaṭtāraḥ saṃpuṭaḥ vā api
mit sechsfacher Umrahmung oder eingefasst
vratinaḥ ca yateḥ japaḥ
[ist] die Japa-Praxis des Gelübdehabenden und des Asketen
gṛhasthasya ekatāraḥ [?] syāt
für den Hausvater aber soll sie einfach umrahmt sein [?]
japyaḥ evaṃvidhaḥ mune
so beschaffen ist die Japa-Praxis, o Weiser

[Anm.: sattāraḥ ist unklar, vermutlich verderbt aus ekatāraḥ ('einfach umrahmt') im Gegensatz zu ṣaṭtāraḥ.] [?]

tato japtvā yathāśakti savitre vinivedya ca / gāyatryai ca savitre ca prakṣipedañjalidrūyam

Danach, nachdem er nach Kräften gemurmelt (Japa) hat, soll er [die Frucht] Savitṛ [Sūrya] darbringen und der Gāyatrī und dem Savitṛ die Opfergabe der hohlen Hand [Wasser/Blumen] darbringen.

Wort für Wort
tataḥ japtvā yathāśakti
danach, nachdem er nach Kräften gemurmelt hat
savitre vinivedya ca
und [die Frucht] dem Savitṛ dargebracht hat
gāyatryai ca savitre ca
der Gāyatrī und dem Savitṛ
prakṣipet añjalidravyam [?]
soll er die Opfergabe der hohlen Hand darbringen [?]

[?] drūyam: als dravyam ('Opfergabe, Substanz') gedeutet.

tato visṛjya tāṃ vipra uttare iti mantrataḥ / brahmaṇeśena hariṇānujñātā gaccha sādaram

Dann soll er sie [die Göttin], o Brahmane, mit dem Mantra 'uttare' verabschieden: 'Von Brahman-Herrn und von Hari entlassen, gehe ehrenvoll [dahin].'

Wort für Wort
tataḥ visṛjya tāṃ vipra
dann soll er sie, o Brahmane, verabschieden
uttare iti mantrataḥ
mit dem Mantra 'uttare'
brahmaṇeśena hariṇā anujñātā
von Brahman-Herrn und von Hari entlassen
gaccha sādaram
gehe ehrenvoll dahin

dirabhyo digdevatābhyaśca namaskṛtya kṛtāñjaliḥ / prātarādeḥ paraṃ karma kuryādapi vidhānataḥ

Nachdem er den Himmelsrichtungen und den Gottheiten der Himmelsrichtungen mit gefalteten Händen Verehrung erwiesen hat, soll er danach, im Anschluss an das Morgenritual, weitere Handlungen nach Vorschrift vollziehen.

Wort für Wort
digbhyaḥ digdevatābhyaḥ ca
den Himmelsrichtungen und den Gottheiten der Himmelsrichtungen
namaskṛtya kṛtāñjaliḥ
nachdem er mit gefalteten Händen Verehrung erwiesen hat
prātarādeḥ paraṃ karma
die dem Morgenritual nachfolgende Handlung
kuryāt api vidhānataḥ
soll er auch nach Vorschrift vollziehen

prātarmadhyandine caiva gṛhasthaḥ snānamācaret / vānaprasthaśca devarṣe snāyātrniṣavaṇaṃ yatiḥ

Am Morgen und am Mittag soll der Hausvater das Bad vollziehen; der Waldbewohner aber, o Götterweiser, und der Asket sollen dreimal täglich baden.

Wort für Wort
prātaḥ madhyandine ca eva
am Morgen und ebenso am Mittag
gṛhasthaḥ snānam ācaret
soll der Hausvater das Bad vollziehen
vānaprasthaḥ ca devarṣe
der Waldbewohner aber, o Götterweiser
snāyāt triṣavaṇaṃ yatiḥ
und der Asket sollen dreimal täglich baden

āturāṇāṃ tu rogadyaiḥ pānthānāṃ ca sakṛnmatam / brahmayajñaṃ tataḥ kuryāddarbhapāṇirmunīśvara

Für Kranke aber, wegen Krankheit und dergleichen, sowie für Reisende gilt einmaliges [Baden] als vorgeschrieben. Danach soll er, Darbha-Gras in der Hand haltend, das Brahma-Opfer (Vedastudium) vollziehen, o Herr der Weisen.

Wort für Wort
āturāṇāṃ tu rogādyaiḥ
für Kranke aber, wegen Krankheit und dergleichen
pānthānāṃ ca sakṛt matam
und für Reisende gilt Einmaliges [Baden] als vorgeschrieben
brahmayajñaṃ tataḥ kuryāt
danach soll er das Brahma-Opfer vollziehen
darbhapāṇiḥ munīśvara
Darbha-Gras in der Hand haltend, o Herr der Weisen

divoditāni karmāṇi pramādādakṛtāni cet / śarvaryāḥ prathame yāme tāni kuryādyathākramam

Wenn die tagsüber [zu verrichtenden] Handlungen aus Unachtsamkeit unterblieben sind, soll er sie in der ersten Nachtwache der Reihe nach nachholen.

Wort für Wort
divā uditāni karmāṇi
die tagsüber vorgeschriebenen Handlungen
pramādāt akṛtāni cet
wenn sie aus Unachtsamkeit unterblieben sind
śarvaryāḥ prathame yāme
in der ersten Nachtwache
tāni kuryāt yathākramam
soll er sie der Reihe nach [nachträglich] vollziehen

nopāste yo dvijaḥ saṃdhyāṃ dhūrtabuddhiranāpadi / pāṣaṇḍaḥ sa hi vijñeyaḥ sarvadharmabahiṣkṛtaḥ

Wer als Zweifachgeborener die Saṃdhyā [Dämmerungsandacht] nicht verrichtet, aus betrügerischer Gesinnung, ohne dass Not [vorliegt], der ist wahrlich als Ketzer (Pāṣaṇḍa) zu erkennen, von allem Dharma ausgeschlossen.

Wort für Wort
na upāste yaḥ dvijaḥ saṃdhyāṃ
wer als Zweifachgeborener die Saṃdhyā nicht verrichtet
dhūrtabuddhiḥ anāpadi
aus betrügerischer Gesinnung, ohne Not
pāṣaṇḍaḥ saḥ hi vijñeyaḥ
der ist wahrlich als Ketzer zu erkennen
sarvadharmabahiṣkṛtaḥ
von allem Dharma ausgeschlossen

yastu saṃdhyādikarmāṇi kūṭayuktiviśāradaḥ / parityajati taṃ vidyānmahāpātakināṃ varam

Wer aber, kundig in trügerischen Ausflüchten, die Saṃdhyā- und sonstigen Riten aufgibt, den soll man als den ersten unter den großen Sündern erkennen.

Wort für Wort
yaḥ tu saṃdhyādikarmāṇi
wer aber die Saṃdhyā und sonstigen Riten
kūṭayuktiviśāradaḥ
kundig in trügerischen Ausflüchten
parityajati taṃ vidyāt
aufgibt, den soll man erkennen
mahāpātakināṃ varam
als den ersten unter den großen Sündern

ye dvijā abhibhāṣante tyaktasaṃdhyādikarmaṇaḥ / te yānti narakānghorānyāvaccandrārkatārakam

Die Zweifachgeborenen, die mit solchen sprechen, die die Saṃdhyā- und übrigen Riten aufgegeben haben, gehen in schreckliche Höllen, solange Mond, Sonne und Sterne bestehen.

Wort für Wort
ye dvijāḥ abhibhāṣante
die Zweifachgeborenen, die sprechen
tyaktasaṃdhyādikarmaṇaḥ
mit denen, die Saṃdhyā u.a. aufgegeben haben
te yānti narakān ghorān
die gehen in schreckliche Höllen
yāvat candrārkatārakam
solange Mond, Sonne und Sterne [bestehen]

devārcanaṃ tataḥ kuryādvaiśvadevaṃ yathāvidhi / tatrātyamatithiṃ samyagannādyaiśca prapūjayet

Danach soll er die Gottesverehrung (Devārcana) und das Vaiśvadeva-Opfer nach Vorschrift vollziehen. Dabei soll er einen dort angekommenen Gast gebührend mit Speise und Trank ehren.

Wort für Wort
devārcanaṃ tataḥ kuryāt
danach soll er die Gottesverehrung vollziehen
vaiśvadevaṃ yathāvidhi
[und] das Vaiśvadeva-Opfer nach Vorschrift
tatra āgatam [?] atithiṃ samyak
den dort angekommenen [?] Gast gebührend
annādyaiḥ ca prapūjayet
soll er mit Speise und Trank ehren

[?] tatrātyam: als tatrāgatam ('dort angekommen') gedeutet.

vaktavyā madhurā vāṇī teṣvapyabhyāgateṣu tu / jalānnakandamūlairvā gṛhadānena cārcayet

Süße Worte sind auch gegenüber jenen Ankömmlingen zu sprechen; mit Wasser, Speise, Wurzeln und Knollen oder mit der Gabe von Unterkunft soll er sie ehren.

Wort für Wort
vaktavyā madhurā vāṇī
süße Worte sind zu sprechen
teṣu api abhyāgateṣu tu
auch gegenüber jenen Ankömmlingen
jalānnakandamūlaiḥ vā
mit Wasser, Speise, Wurzeln und Knollen oder
gṛhadānena ca arcayet
mit der Gabe von Unterkunft soll er sie ehren

atithiryasya bhagnāśo gṛhatpratinivartite / satasmaiduṣkṛtaṃ dattvā puṇyamādāya gacchati

Ein Gast, dessen Hoffnung enttäuscht wurde, [der] von dem Haus wieder zurückkehrt, gibt jenem [Hausherrn] sein Übeltun und nimmt dessen Verdienst mit sich fort.

Wort für Wort
atithiḥ yasya bhagnāśaḥ
ein Gast, dessen Hoffnung gebrochen ist
gṛhāt pratinivartite
wenn er von dem Haus zurückkehrt
saḥ tasmai duṣkṛtaṃ dattvā
der gibt jenem sein Übeltun
puṇyam ādāya gacchati
und geht, dessen Verdienst mit sich nehmend

ajñātagotranāmānamanyagrāmādupāgatam / vipaścito 'tithiṃ prāhurviṣṇuvattaṃ prapūjayet

Einen, dessen Gotra und Name unbekannt sind, der aus einem anderen Dorf gekommen ist – den nennen die Weisen 'Atithi' [Gast]; man soll ihn wie Viṣṇu ehren.

Wort für Wort
ajñātagotranāmānam
dessen Gotra und Name unbekannt sind
anyagrāmāt upāgatam
der aus einem anderen Dorf gekommen ist
vipaścitaḥ atithiṃ prāhuḥ
den nennen die Weisen 'Gast'
viṣṇuvat taṃ prapūjayet
man soll ihn wie Viṣṇu ehren

svagrāmavāsinaṃ tvekaṃ śrotriyaṃ viṣṇutatparam / annādyaiḥ pratyahaṃ viprapitṝnuddiśya tarpayet

Einen einzelnen, im eigenen Dorf wohnhaften, schriftgelehrten, Viṣṇu ergebenen Brahmanen aber soll er täglich mit Speise und Trank, unter Widmung an die Vorväter, erquicken (Tarpaṇa).

Wort für Wort
svagrāmavāsinaṃ tu ekaṃ
einen im eigenen Dorf wohnhaften aber
śrotriyaṃ viṣṇutatparam
schriftgelehrten, Viṣṇu ergebenen [Brahmanen]
annādyaiḥ pratyahaṃ vipra
mit Speise und Trank, täglich, o Brahmane
pitṝn uddiśya tarpayet
soll er, den Vorvätern gewidmet, erquicken

pañcayajñaparityāgī brahmāhetyucyate budhaiḥ / kuryādaharahastasmātpañcayajñānprayantataḥ

Wer die fünf [täglichen] Opfer aufgibt, wird von den Weisen 'Brahman-Töter' [Brahmahā] genannt. Daher soll er Tag für Tag mit Sorgfalt die fünf Opfer vollziehen.

Wort für Wort
pañcayajñaparityāgī
wer die fünf Opfer aufgibt
brahmahā iti ucyate budhaiḥ
wird 'Brahman-Töter' genannt von den Weisen
kuryāt ahaḥ-ahaḥ tasmāt
daher soll er Tag für Tag
pañcayajñān prayatnataḥ
die fünf Opfer mit Sorgfalt [vollziehen]

devayajño bhūtayajñaḥ titṛyajñastathaiva ca / nṛpajño brahmayajñaśca pañcayajñānpracakṣate

Das Götteropfer, das Wesenopfer, ebenso das Ahnenopfer, das Menschenopfer und das Brahma-Opfer (Vedastudium) – diese nennt man die fünf [täglichen] Opfer.

Wort für Wort
devayajñaḥ bhūtayajñaḥ
das Götteropfer, das Wesenopfer
pitṛyajñaḥ tathaiva ca
ebenso das Ahnenopfer
nṛyajñaḥ [?] brahmayajñaḥ ca
das Menschenopfer und das Brahma-Opfer
pañcayajñān pracakṣate
diese nennt man die fünf Opfer

[?] nṛpajño: als nṛyajñaḥ ('Menschenopfer', d.h. Gastfreundschaft) gedeutet.

bhṛtyamitrādisaṃyuktaḥ svayaṃ bhuñjīta vāgyataḥ / dvijānāṃ bhojyamaśrī yātpātraṃ naiva parityajet

Zusammen mit Dienern, Freunden und dergleichen soll er selbst schweigend essen; die Speise der Brahmanen soll er nicht [vorher für sich] verzehren, den [Speise-]Napf soll er nicht verlassen [bevor sie fertig sind].

Wort für Wort
bhṛtyamitrādisaṃyuktaḥ
zusammen mit Dienern, Freunden u.dgl.
svayaṃ bhuñjīta vāgyataḥ
soll er selbst schweigend essen
dvijānāṃ bhojyam na aśnīyāt [?]
die Speise der Brahmanen soll er nicht [vorher] essen [?]
pātraṃ na eva parityajet
den [Speise-]Napf soll er nicht verlassen

[?] aśrī yāt: als aśnīyāt ('soll essen') gedeutet.

saṃsthāpya svāsame pādau vastrārddhaṃ paridhāya ca / mukhena vamitaṃ bhuktvā surāpītyucyate budhaiḥ

Wer seine Füße ungleich [gekreuzt] hält [?], nur ein halbes Tuch trägt, und mit dem Mund Ausgespucktes [wieder] isst, wird von den Weisen 'Branntweintrinker' [ein schweres Vergehen] genannt.

Wort für Wort
saṃsthāpya svāsame [?] pādau
nachdem er die Füße ungleich [?] gestellt hat
vastrārdhaṃ paridhāya ca
und nur ein halbes Tuch angelegt hat
mukhena vamitaṃ bhuktvā
und mit dem Mund Ausgespucktes gegessen hat
surāpī iti ucyate budhaiḥ
wird 'Branntweintrinker' von den Weisen genannt

[?] svāsame: unklar, hier als 'ungleich, gekreuzt [die Füße haltend]' gedeutet.

khāditārddhaṃ punaḥ khādenmodakāṃśca phalāni ca / pratyakṣaṃ lavaṇaṃ caiva gomāṃsaśīti gadyate

Wer halb Gegessenes wieder isst, oder Süßgebäck und Früchte, oder offen [pur] Salz [isst] – das wird 'Kuhfleisch-Esser' [ein schweres Vergehen] genannt.

Wort für Wort
khāditārdhaṃ punaḥ khādet
wer halb Gegessenes wieder isst
modakān ca phalāni ca
oder Süßgebäck und Früchte
pratyakṣaṃ lavaṇaṃ ca eva
oder offen Salz
gomāṃsāśī iti gadyate
wird 'Kuhfleisch-Esser' genannt

apośāne vācamane adyadravyeṣu ca dvijaḥ / śabda na kārayedviprastaṃ kurvannārakī bhavet

Beim Apośana [rituellen Wasserschlürfen] und bei der Ācamana, sowie bei den zu essenden Speisen, soll der Brahmane keinen Laut [Schmatzen] machen; wer dies dennoch tut, wird ein Höllenbewohner.

Wort für Wort
apośāne vā ācamane
beim Apośana oder bei der Ācamana
adyadravyeṣu ca dvijaḥ
und bei den zu essenden Speisen soll der Brahmane
śabdaṃ na kārayet viprastam
keinen Laut machen
kurvan nārakī bhavet
wer es dennoch tut, wird ein Höllenbewohner

pathyamannaṃ prabhuñjīta vāgyato 'nnamasutsayanam / amṛtopastaraṇamasi apośānaṃ bhujeḥ puraḥ

Er soll bekömmliche Speise essen, schweigend; [mit dem Spruch] 'Speise bist du' [?] [und] 'du bist die Unterlage der Unsterblichkeit' soll er vor dem Essen das Apośana [Wasserschlürfen] vollziehen.

Wort für Wort
pathyam annaṃ prabhuñjīta
er soll bekömmliche Speise essen
vāgyataḥ annam asi [?]
schweigend, [mit dem Spruch] 'Speise bist du' [?]
amṛtopastaraṇam asi
[und] 'du bist die Unterlage der Unsterblichkeit'
apośānaṃ bhujeḥ puraḥ
soll er vor dem Essen das Apośana vollziehen

[Anm.: annamasutsayanam ist textlich korrupt, vermutlich Verschmelzung mit der Mantra-Formel annam asi ('Speise bist du').] [?]

amṛtāpidhānamasi bhojyānte 'paḥ sakṛtpibet / prāṇādyā āhutīrdattvācamya bhojanamācaret

'Du bist der Deckel der Unsterblichkeit' – am Ende der Mahlzeit soll er einmal Wasser trinken. Nachdem er die Opfergaben an Prāṇa und die übrigen [Lebenshauche] dargebracht und die Ācamana vollzogen hat, soll er die Mahlzeit einnehmen.

Wort für Wort
amṛtāpidhānam asi
'du bist der Deckel der Unsterblichkeit'
bhojyānte apaḥ sakṛt pibet
am Ende der Mahlzeit soll er einmal Wasser trinken
prāṇādyāḥ āhutīḥ dattvā
nachdem er die Opfergaben an Prāṇa u.a. dargebracht hat
ācamya bhojanam ācaret
und die Ācamana vollzogen hat, soll er die Mahlzeit einnehmen

tataścācamya viprendra śāstracintāparo bhavet / rātrāvapi yathāśakti śayanāsanabhojanaiḥ

Danach, nach der Ācamana, o Fürst der Zweifachgeborenen, soll er sich dem Nachdenken über die heiligen Schriften widmen; auch in der Nacht [soll er dies tun], nach Kräften, bei Liegen, Sitzen und Essen.

Wort für Wort
tataḥ ca ācamya viprendra
danach, nach der Ācamana, o Fürst der Brahmanen
śāstracintāparaḥ bhavet
soll er sich dem Nachdenken über die Schriften widmen
rātrau api yathāśakti
auch in der Nacht, nach Kräften
śayanāsanabhojanaiḥ
bei Liegen, Sitzen und Essen

evaṃ gṛhī sadācāraṃ kuryātpratidinaṃ mune / yadā'cāraparityāgī prāyaścittī tadā bhavet

So soll der Hausvater Tag für Tag das rechte Verhalten üben, o Weiser. Wenn er dieses Verhalten aufgibt, unterliegt er der Sühnepflicht (Prāyaścitta).

Wort für Wort
evaṃ gṛhī sadācāraṃ
so soll der Hausvater das rechte Verhalten
kuryāt pratidinaṃ mune
Tag für Tag üben, o Weiser
yadā ācāraparityāgī
wenn er das [rechte] Verhalten aufgibt
prāyaścittī tadā bhavet
unterliegt er dann der Sühnepflicht

dūṣitāṃ svatanuṃ dṛṣṭvā pālitādyaiśca sattama / putreṣu bhāryāṃ niḥkṣipya vanaṃ gacchetsahaiva vā

Wenn er sieht, dass sein eigener Leib durch graues Haar und dergleichen gezeichnet ist, o Bester, soll er die Gattin den Söhnen anvertrauen und in den Wald ziehen – oder sie mit sich nehmen.

Wort für Wort
dūṣitāṃ svatanuṃ dṛṣṭvā
wenn er sieht, dass sein eigener Leib gezeichnet ist
pālitādyaiḥ ca sattama
durch graues Haar u.dgl., o Bester
putreṣu bhāryāṃ niḥkṣipya
nachdem er die Gattin den Söhnen anvertraut hat
vanaṃ gacchet saha eva vā
soll er in den Wald ziehen, oder mit ihr zusammen

bhavetriṣavaṇasnāyī nakhaśmaśrujaṭādharaḥ / adhaḥ śāyī brahmacārī pañcayajñaparāyaṇaḥ

Er soll dreimal täglich baden, Nägel, Bart und Haarflechten [ungeschnitten] tragen, auf dem Boden schlafen, keusch leben und den fünf [täglichen] Opfern hingegeben sein.

Wort für Wort
bhavet triṣavaṇasnāyī
er soll dreimal täglich baden
nakhaśmaśrujaṭādharaḥ
Nägel, Bart und Haarflechten tragen
adhaḥśāyī brahmacārī
auf dem Boden schlafend, keusch
pañcayajñaparāyaṇaḥ
den fünf Opfern hingegeben

phalamūlāśano nityaṃ svādhyāyaniratāstathā / dayāvānsarvabhūteṣu nārāyaṇaparāyaṇaḥ

Er soll sich stets von Früchten und Wurzeln ernähren, dem Vedastudium ergeben sein, mitleidsvoll gegenüber allen Wesen, und Nārāyaṇa hingegeben.

Wort für Wort
phalamūlāśanaḥ nityaṃ
sich stets von Früchten und Wurzeln ernährend
svādhyāyaniratāḥ tathā
und dem Vedastudium ergeben
dayāvān sarvabhūteṣu
mitleidsvoll gegenüber allen Wesen
nārāyaṇaparāyaṇaḥ
Nārāyaṇa hingegeben

varjaye dgrāmajātāni puṣpāṇi ca phalāni ca / aṣṭau grāsāṃśca bhuñjīta na kuryādrātribhojanam

Er soll im Dorf gewachsene Blumen und Früchte meiden; acht Bissen soll er essen und keine Nachtmahlzeit einnehmen.

Wort für Wort
varjayet grāmajātāni
er soll die im Dorf gewachsenen [meiden]
puṣpāṇi ca phalāni ca
Blumen und Früchte
aṣṭau grāsān ca bhuñjīta
acht Bissen soll er essen
na kuryāt rātribhojanam
und keine Nachtmahlzeit einnehmen

atyantaṃ varjayettailaṃ vānaprasthasamāśramī / vyavāyaṃ varjayeccaiva nidrālasye tathaiva ca

Der im Waldeinsiedler-Stand Lebende soll gänzlich auf Öl verzichten; er soll ebenso den Geschlechtsverkehr meiden, sowie Schlaf[sucht] und Trägheit.

Wort für Wort
atyantaṃ varjayet tailaṃ
gänzlich soll er auf Öl verzichten
vānaprasthasamāśramī
der im Waldeinsiedler-Stand Lebende
vyavāyaṃ varjayet ca eva
er soll auch den Geschlechtsverkehr meiden
nidrālasye tathaiva ca
sowie ebenso Schlaf und Trägheit

śaṅkhacakragadāpāṇiṃ nityaṃ nārāyaṇaṃ smaret / vānaprasthaḥ prakurvīta tapaścāndrāyaṇādikam

Er soll stets Nārāyaṇa gedenken, der Muschelhorn, Diskus und Keule in Händen trägt. Der Waldeinsiedler soll Askese üben, wie das Cāndrāyaṇa-Fasten und dergleichen.

Wort für Wort
śaṅkhacakragadāpāṇiṃ
der Muschelhorn, Diskus und Keule in Händen trägt
nityaṃ nārāyaṇaṃ smaret
stets soll er Nārāyaṇa gedenken
vānaprasthaḥ prakurvīta
der Waldeinsiedler soll üben
tapaḥ cāndrāyaṇādikam
Askese, wie das Cāndrāyaṇa-Fasten u.dgl.

saheta śītatāpādivahniṃ paricaretsadā / yadā manasi vairāgyaṃ jātaṃ sarveṣu vastuṣu

Er soll Kälte, Hitze und dergleichen ertragen, stets das [heilige] Feuer pflegen. Wenn in seinem Geist Entsagung (Vairāgya) gegenüber allen Dingen entstanden ist,

Wort für Wort
saheta śītatāpādi
er soll Kälte, Hitze u.dgl. ertragen
vahniṃ paricaret sadā
stets das [heilige] Feuer pflegen
yadā manasi vairāgyaṃ
wenn im Geist Entsagung
jātaṃ sarveṣu vastuṣu
gegenüber allen Dingen entstanden ist

tadaiva saṃnyasedvipra patitastvanyathā bhavet / vedāntābhyāsanirataḥ śānto dānto jitendriyaḥ

dann erst, o Brahmane, soll er den Entsagtenstand (Saṃnyāsa) annehmen; andernfalls wird er ein Gefallener. Er soll dem Studium des Vedānta ergeben, friedvoll, selbstbeherrscht und sinnenbezähmt sein,

Wort für Wort
tadā eva saṃnyaset vipra
dann erst soll er den Entsagtenstand annehmen, o Brahmane
patitaḥ tu anyathā bhavet
andernfalls wird er ein Gefallener
vedāntābhyāsaniratāḥ
dem Studium des Vedānta ergeben
śāntaḥ dāntaḥ jitendriyaḥ
friedvoll, selbstbeherrscht, sinnenbezähmt

nirdvedvo nirahṝṅkāro nirmamaḥ sarvadā bhavet / śamādiguṇasaṃyuktaḥ kāmakrodhavivarjitaḥ

frei von den Gegensatzpaaren (Dvandva), frei von Ich-Dünkel, frei vom Mein-Gefühl soll er stets sein, ausgestattet mit den Tugenden der Gleichmut (Śama) und dergleichen, frei von Begierde und Zorn.

Wort für Wort
nirdvandvaḥ nirahaṅkāraḥ
frei von den Gegensatzpaaren, frei von Ich-Dünkel
nirmamaḥ sarvadā bhavet
soll er stets frei vom Mein-Gefühl sein
śamādiguṇasaṃyuktaḥ
ausgestattet mit den Tugenden der Gleichmut u.a.
kāmakrodhavivarjitaḥ
frei von Begierde und Zorn

nagno vā jīrṇakaupīnau bhavenmuṇḍo yatirdvijaḥ / samaḥ śatrau ca mitre ca tathā mānāpamānayoḥ

Der Zweifachgeborene Asket soll nackt oder mit abgetragenem Lendenschurz (Kaupīna) bekleidet, kahlgeschoren sein, gleichmütig gegenüber Feind und Freund, ebenso gegenüber Ehre und Unehre.

Wort für Wort
nagnaḥ vā jīrṇakaupīnaḥ
nackt oder mit abgetragenem Lendenschurz
bhavet muṇḍaḥ yatiḥ dvijaḥ
soll der Zweifachgeborene Asket kahlgeschoren sein
samaḥ śatrau ca mitre ca
gleichmütig gegenüber Feind und Freund
tathā mānāpamānayoḥ
ebenso gegenüber Ehre und Unehre

ekarātraṃ vasedgrāme trirātraṃ nagare tathā / bhaikṣeṇa varttayennityaṃ naikānnādībhavedyatiḥ

Eine Nacht soll er in einem Dorf verweilen, drei Nächte ebenso in einer Stadt; er soll sich stets von erbetteltem Almosen (Bhaikṣa) erhalten; der Asket soll nicht [beständig] von einer einzigen [Familien-]Speise leben.

Wort für Wort
ekarātraṃ vaset grāme
eine Nacht soll er im Dorf verweilen
trirātraṃ nagare tathā
drei Nächte ebenso in der Stadt
bhaikṣeṇa varttayet nityaṃ
er soll sich stets vom Bettelalmosen erhalten
na ekānnādī bhavet yatiḥ
der Asket soll nicht von einer einzigen Speise leben

aninditadvijagṛhe vyaṅgāre bhuktivarjite / vivādarahite caiva bhikṣārthaṃ paryaṭedyatiḥ

In einem untadeligen Brahmanenhaus, wenn die [Herd-]Kohlen erloschen sind [d.h. nach der Essenszeit], wenn die Mahlzeit vorüber ist, und frei von Streit, soll der Asket um Almosen umherziehen.

Wort für Wort
aninditadvijagṛhe
in einem untadeligen Brahmanenhaus
vyaṅgāre bhuktivarjite
wenn die Kohlen erloschen, die Mahlzeit vorüber ist
vivādarahite ca eva
und frei von Streit
bhikṣārthaṃ paryaṭet yatiḥ
soll der Asket um Almosen umherziehen

bhavetriṣavaṇasnāyī nārāyaṇaparāyaṇaḥ / japecca praṇavaṃ nityaṃ jitātmā vijitendriyaḥ

Er soll dreimal täglich baden, Nārāyaṇa hingegeben sein, stets die Silbe Oṃ murmeln (Japa), selbstbeherrscht und sinnenbezähmt.

Wort für Wort
bhavet triṣavaṇasnāyī
er soll dreimal täglich baden
nārāyaṇaparāyaṇaḥ
Nārāyaṇa hingegeben
japet ca praṇavaṃ nityaṃ
und stets die Silbe Oṃ murmeln
jitātmā vijitendriyaḥ
selbstbeherrscht, sinnenbezähmt

ekānnādī bhavedyastu kadācillaṃpaṭo yatiḥ / na tasya niṣkṛtirddaṣṭā prāyaścittāyutairapi

Wer aber als Asket beständig von einer einzigen [Familien-]Speise lebt, gelegentlich zügellos ist, für den ist keine Sühne vorgesehen, selbst nicht durch zehntausend Sühneriten.

Wort für Wort
ekānnādī bhavet yaḥ tu
wer aber [beständig] von einer Speise lebt
kadācit lampaṭaḥ yatiḥ
und gelegentlich zügellos ist als Asket
na tasya niṣkṛtiḥ dṛṣṭā
für den ist keine Sühne vorgesehen
prāyaścittāyutaiḥ api
selbst nicht durch zehntausend Sühneriten

lobhādyadi yatirvipra tanupoṣaparo bhavet / sa caṇḍālasamo jñeyo varṇāśramavigarhitaḥ

Wenn ein Asket, o Brahmane, aus Gier der Pflege seines [eigenen] Leibes ergeben ist, so ist er einem Caṇḍāla [Unberührbaren] gleich zu erkennen, von [der Ordnung der] Varṇas und Āśramas verworfen.

Wort für Wort
lobhāt yadi yatiḥ vipra
wenn aus Gier ein Asket, o Brahmane
tanupoṣaparaḥ bhavet
der Pflege seines Leibes ergeben ist
saḥ caṇḍālasamaḥ jñeyaḥ
der ist einem Caṇḍāla gleich zu erkennen
varṇāśramavigarhitaḥ
von Varṇa und Āśrama verworfen

ātmānāṃ cintayeddrevaṃ nārāyaṇamanāmayam / nirdvandraṃ nirmamaṃśāntaṃ māyātītamamatsaram

Er soll das [höchste] Selbst betrachten, den Gott Nārāyaṇa, den Makellosen, frei von den Gegensatzpaaren, ohne Mein-Gefühl, friedvoll, die Māyā übersteigend, frei von Neid,

Wort für Wort
ātmānāṃ cintayet devaṃ
er soll das Selbst betrachten, den Gott
nārāyaṇam anāmayam
Nārāyaṇa, den Makellosen
nirdvandvaṃ nirmamaṃ śāntaṃ
frei von den Gegensatzpaaren, ohne Mein-Gefühl, friedvoll
māyātītam amatsaram
die Māyā übersteigend, frei von Neid

avyayaṃ paripūrṇaṃ ca sadānandaikavigraham / jñānasvarupamamalaṃ paraṃ jyotiḥ sanātanam

den Unvergänglichen, den ganz Vollkommenen, dessen Gestalt einzig ewige Wonne ist, das reine Wesen der Erkenntnis, das höchste, ewige Licht,

Wort für Wort
avyayaṃ paripūrṇaṃ ca
den Unvergänglichen und ganz Vollkommenen
sadānandaikavigraham
dessen Gestalt einzig ewige Wonne ist
jñānasvarupam amalaṃ
das reine Wesen der Erkenntnis
paraṃ jyotiḥ sanātanam
das höchste, ewige Licht

avikāramanādyantaṃ jagaccaitanyakāraṇam / nirguṇaṃ paramaṃ dhyāyedātmānaṃ parataḥ param

den Unwandelbaren, ohne Anfang und Ende, die Ursache des Bewusstseins der Welt, den Eigenschaftslosen – den höchsten soll er betrachten, das Selbst, höher als das Höchste.

Wort für Wort
avikāram anādyantaṃ
den Unwandelbaren, ohne Anfang und Ende
jagaccaitanyakāraṇam
die Ursache des Bewusstseins der Welt
nirguṇaṃ paramaṃ dhyāyet
den Eigenschaftslosen, Höchsten soll er betrachten
ātmānaṃ parataḥ param
das Selbst, höher als das Höchste

paṭhedupaniṣadvākyaṃ vedāntārthāṃśca cintayet / sahasraśīrṣaṃ devaṃ ca sadā dhyāyejjitendriyaḥ

Er soll die Worte der Upaniṣaden lesen und über die Bedeutungen des Vedānta nachdenken; den tausendhäuptigen Gott [Puruṣa] soll der Sinnenbezähmte stets betrachten.

Wort für Wort
paṭhet upaniṣadvākyaṃ
er soll die Worte der Upaniṣaden lesen
vedāntārthān ca cintayet
und über die Bedeutungen des Vedānta nachdenken
sahasraśīrṣaṃ devaṃ ca
und den tausendhäuptigen Gott
sadā dhyāyet jitendriyaḥ
soll der Sinnenbezähmte stets betrachten

evaṃ dhyānaparo yastu yatirvigatamatsaraḥ / sa yāti paramānandaṃ paraṃ jyotiḥ sanātanam

Wer als Asket, so der Meditation ergeben, frei von Neid ist, der gelangt zur höchsten Wonne, zum höchsten, ewigen Licht.

Wort für Wort
evaṃ dhyānaparaḥ yaḥ tu
wer aber, so der Meditation ergeben
yatiḥ vigatamatsaraḥ
als Asket frei von Neid ist
saḥ yāti paramānandaṃ
der gelangt zur höchsten Wonne
paraṃ jyotiḥ sanātanam
zum höchsten, ewigen Licht

ityevamāśramācārānyaḥ karoti dvijaḥ kramāt / sa yāti paramaṃ sthānaṃ yatra gatvā na śocayati

Wer als Zweifachgeborener so der Reihe nach die Verhaltensweisen der [Lebens-]Stufen (Āśrama) übt, der gelangt zum höchsten Ort, wohin gelangt man nicht [mehr] trauert.

Wort für Wort
iti evam āśramācārān
so also die Verhaltensweisen der Āśramas
yaḥ karoti dvijaḥ kramāt
wer als Zweifachgeborener der Reihe nach übt
sa yāti paramaṃ sthānaṃ
der gelangt zum höchsten Ort
yatra gatvā na śocayati
wohin gelangt man nicht [mehr] trauert

varṇāśramācāraratāḥ sarvapāpavivarjitāḥ / nārāyaṇaparā yānti tadviṣṇaḥ paramaṃ padam

Die dem Verhalten von Varṇa und Āśrama Ergebenen, von aller Sünde Befreiten, Nārāyaṇa Hingegebenen gelangen zu jenem höchsten Ort Viṣṇus.

Wort für Wort
varṇāśramācāraratāḥ
die dem Verhalten von Varṇa und Āśrama Ergebenen
sarvapāpavivarjitāḥ
von aller Sünde Befreiten
nārāyaṇaparāḥ yānti
die Nārāyaṇa Hingegebenen gelangen
tat viṣṇoḥ paramaṃ padam
zu jenem höchsten Ort Viṣṇus

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