Nārada sprach: Alle Glieder des Yoga sind [von dir] vollständig dargelegt worden, o großer Muni. Nun auch, o Allwissender, verkünde mir, was ich frage.
alle Glieder des Yoga sind vollständig dargelegt worden, o großer Muni
idānīm api sarvajña
auch jetzt, o Allwissender,
yat pṛcchāmi tat ucyatām
verkünde, was ich frage
[Anm.: Der Vers beginnt mit dem Schlusskolophon des vorangehenden Kapitels der Quelle (yoganirūpaṇam, Quellzählung: 33. Kapitel = Kap. 32 dieses Projekts); erst danach beginnt der eigentliche Vers 1.]
Sanaka sprach: Verehre Nārāyaṇa, den höchsten Gott, dessen Gestalt Sein-Bewusstsein-Wonne (saccidānanda) ist, mit ganzer Seele, o Brahmane, wenn du die Erlösung erlangen willst.
Wort für Wort
sanaka uvāca
Sanaka sprach:
nārāyaṇaṃ paraṃ devaṃ saccidānandavigraham
Nārāyaṇa, den höchsten Gott, dessen Gestalt Sein-Bewusstsein-Wonne ist,
Wessen Hingabe zu Janārdana, dem Gott der Götter, fest ist, dessen [Wohl in] allen Segnungen gelingt; darum sind die Hingebungsvollen [allen anderen] überlegen.
pādau tau saphalau puṃsāṃ yau viṣṇugṛhagāminau /
tau karau laphalau jñeyau viṣṇupūjāparau tu yau //
Jene beiden Füße eines Mannes sind fruchtbringend, die zum Hause Viṣṇus gehen; jene beiden Hände sind als fruchtbringend[?] zu erkennen, die der Verehrung Viṣṇus ergeben sind.
Wort für Wort
pādau tau saphalau puṃsāṃ
jene beiden Füße eines Mannes sind fruchtbringend
yau viṣṇugṛhagāminau
die zum Hause Viṣṇus gehen
tau karau laphalau [?] jñeyau
jene beiden Hände sind als fruchtbringend[?] zu erkennen
viṣṇupūjāparau tu yau
die der Verehrung Viṣṇus ergeben sind
[?] „laphalau“ ist vermutlich eine Verschreibung für „saphalau“ (fruchtbringend), in Analogie zur ersten Vershälfte.
te netre suphale puṃsāṃ paśyato ye danārdanam /
sā jihvā procyate sadbhirharināmaparā tu yā //
Jene beiden Augen eines Mannes sind gut[gesegnet], die Janārdana[?] erblicken; jene Zunge wird von den Guten gepriesen, die dem Namen Haris ergeben ist.
Wort für Wort
te netre suphale puṃsāṃ
jene beiden Augen eines Mannes sind gut[gesegnet]
paśyataḥ ye janārdanam [?]
die Janārdana erblicken
sā jihvā procyate sadbhiḥ
jene Zunge wird von den Guten gepriesen
harināmaparā tu yā
die dem Namen Haris ergeben ist
[?] „danārdanam“ ist offenkundig eine Verschreibung für „janārdanam“.
Wahrheit, Wahrheit, wiederum Wahrheit wird mit erhobenem Arm verkündet[?]: Es gibt keine dem Guru gleiche Wahrheit[?]; für die Menschen gibt es keinen Gott, der höher wäre als Keśava[?].
Wort für Wort
satyaṃ satyaṃ punaḥ satyam
Wahrheit, Wahrheit, wiederum Wahrheit
uddhṛtya bhujam ucyate [?]
wird mit erhobenem Arm verkündet
tattvaṃ gurusamaṃ na [asti?] [?]
es gibt keine dem Guru gleiche Wahrheit[?]
nṛṇāṃ [?] devaḥ keśavāt paraḥ [na asti?]
für die Menschen gibt es keinen Gott höher als Keśava[?]
[Anm.: Der zweite Halbvers ist stark korrupt überliefert („tattvaṃ gurusamaṃ nārita nata devaḥ keśavātparaḥ“); die Übersetzung beruht auf einer sinngemäßen Rekonstruktion (etwa: „nāsti tattvaṃ gurusamaṃ, nāsti nṛṇāṃ devaḥ keśavāt paraḥ“). [?]
Ich spreche Wahrheit, ich spreche Heilsames, ich spreche das Wesentliche, immer wieder: In diesem nichtigen Daseinskreislauf (saṃsāra) ist die [einzige] Wahrheit die Verehrung Haris.
Wort für Wort
satyaṃ vacmi hitaṃ vacmi
ich spreche Wahrheit, ich spreche Heilsames
sāraṃ vacmi punaḥ punaḥ
ich spreche das Wesentliche, immer wieder
asāre asmin [?] saṃsāre
in diesem nichtigen Daseinskreislauf
satyaṃ harisamarcanam
ist die Wahrheit die Verehrung Haris
[?] „'smiṃsta“ für „asmin“ (leichte Sandhi-/Schreibunregelmäßigkeit).
Nachdem du die sehr feste Fessel des Daseinskreislaufs, die große Verblendung hervorbringt, mit der Axt der Hari-Hingabe durchschlagen hast, werde überaus glücklich.
Jener Geist [ist der beste], der mit Viṣṇu vereint ist; jene Rede [ist die beste], die ihm zugewandt ist; jene beiden, von der Welt verehrten Ohren [sind die besten], die von der Essenz seiner Erzählungen erfüllt sind.
Wort für Wort
tat manaḥ saṃyutaṃ viṣṇau
jener Geist ist [der beste], der mit Viṣṇu vereint ist
sā vāṇī yatparāyaṇā
jene Rede ist [die beste], die ihm zugewandt ist
te śrotre tatkathāsārapūrite lokavandite
jene beiden, von der Welt verehrten Ohren sind [die besten], die von der Essenz seiner Erzählungen erfüllt sind
Verehre beständig, o Nārada, den Gott, der Wonne ist, unvergänglich, leer[frei] auch von den drei Zuständen [Wachen, Traum, Tiefschlaf], im Innersten des Raumes (ākāśa) weilend.
Dessen Ort oder Wesensgestalt (svarūpa) niemals von denen, deren Seele nicht vervollkommnet ist, aufgezeigt oder auch nur geschaut werden kann, o Tiger unter den Munis.
Wort für Wort
sthānaṃ na śakyate yasya
dessen Ort nicht [aufgezeigt werden] kann
svarūpaṃ vā kadācana
oder [dessen] Wesensgestalt niemals
nirdeṣṭuṃ muniśārdūla
aufgezeigt werden, o Tiger unter den Munis
draṣṭuṃ vā api akṛtātmabhiḥ
oder geschaut werden von denen, deren Seele nicht vervollkommnet ist
Wenn er, nur mit dem inneren Organ verbunden, nach eigenem Belieben umherwandert, dann wird das Selbst, obwohl frei vom [tatsächlichen] Schlaf, ‚träumend' (svapna) genannt.
Wort für Wort
yadā antaḥkaraṇaiḥ yuktaḥ
wenn [er], mit dem inneren Organ verbunden,
svecchayā vicarati asau
nach eigenem Belieben umherwandert
svapan iti ucyate hi ātmā
wird das Selbst ‚träumend' genannt
yadā svāpavivarjitaḥ
obwohl frei vom [tatsächlichen] Schlaf
[?] „karaṇairṃyuktaḥ“ steht für „karaṇair yuktaḥ“ (Sandhi-Unregelmäßigkeit).
...vollständig frei von allen [beschränkenden] Zuschreibungen, Wonne, eigenschaftslos, alldurchdringend, aus dem höchsten Brahman bestehend, göttlich – das wird als ‚Tiefschlaf' (suṣupti) besungen.
Wort für Wort
sarvopādhivinirmuktaḥ
vollständig frei von allen Zuschreibungen
hi ānandaḥ nirguṇaḥ vibhuḥ
Wonne, eigenschaftslos, alldurchdringend
parabrahmamayo devaḥ
aus dem höchsten Brahman bestehend, göttlich
suṣupti [?] iti gīyate
das wird als ‚Tiefschlaf' besungen
[?] „suṣutpa“ steht vermutlich für „suṣupti“/„suṣuptam“.
Diese Welt, beweglich und unbeweglich, besteht ganz aus [bloßer] Vorstellung, flackernd wie ein Blitz, o Bester der Brahmanen – darum verehre[?] Janārdana.
Wort für Wort
bhāvanāmayam etat vai
diese [Welt] besteht ganz aus [bloßer] Vorstellung
jagat sthāvarajaṅgamam
die Welt, beweglich und unbeweglich
vidyudvilolaṃ viprendra
flackernd wie ein Blitz, o Bester der Brahmanen
bhaja [?] tasmāt janārdanam
darum verehre Janārdana
[?] „bhaghaja“ ist eine Verschreibung für „bhaja“ (verehre!).
Bei wem Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit (brahmacarya) und Besitzlosigkeit (aparigraha) bestehen, mit dem allein ist der Herr der Welten zufrieden.
Wer mit Mitleid für alle Wesen ausgestattet und der Verehrung der Brahmanen ergeben ist – mit ihm ist der Herr der Welt, der Zermalmer von Madhu und Kaiṭabha, zufrieden.
satkathāyāṃ ca ramate satkathāṃ ca karoti yaḥ /
satsaṅgo nirahaṃ kārastasya prīto ramāpatiḥ //
Wer sich an frommer Rede erfreut und fromme Rede führt, [wer] in guter Gemeinschaft (satsaṅga) und frei von Ich-Sucht ist – mit ihm ist der Gemahl Ramās zufrieden.
Doch welche Frau ihr Leben in ihrem Gatten hat und der Verehrung des Gatten ergeben ist – mit ihr zufrieden, verleiht der Herr der Welt ihr seinen eigenen [göttlichen] Rang, o Muni.
Der Körper ist mit dem Tod verbunden, und das Leben ist überaus flüchtig; der Reichtum kann von Königen und anderen entzogen werden, [alle] Güter sind im Augenblick vergänglich.
Wort für Wort
śarīraṃ mṛtyusaṃyuktaṃ
der Körper ist mit dem Tod verbunden
jīvitaṃ ca ati cañcalam
und das Leben ist überaus flüchtig
rājādibhiḥ dhanaṃ bādhyaṃ
der Reichtum kann von Königen und anderen entzogen werden
kiṃ na paśyasi devarṣe hyāyuṣārddhaṃ tu nidrayā /
hataṃ ca bhojanādyaiśca kiyadāyuḥ samāhṛtam //
Siehst du nicht, o göttlicher Seher, dass die Hälfte der Lebenszeit durch den Schlaf zerstört wird, und wie viel Lebenszeit durch Essen und dergleichen [schon] hinweggenommen wurde?
Wie viel Lebenszeit [vergeht] in der Kindheit, wie viel vergeblich[?], wie viel durch den Genuss der Sinnesobjekte – wann wird er [dann noch] die religiösen Pflichten (dharma) erfüllen?
Wort für Wort
kiyat āyuḥ bālabhāvāt
wie viel Lebenszeit [vergeht] in der Kindheit
kiyat vṛthā [?]
wie viel vergeblich
kiyat viṣayabhogaiḥ ca
wie viel durch den Genuss der Sinnesobjekte
kadā dharmān kariṣyati
wann wird er die religiösen Pflichten erfüllen
[Anm.: Der erste Halbvers wirkt metrisch verkürzt/lückenhaft überliefert („kiyadāyurbālabhāvātkiyadvṛthā“ statt der zu erwartenden vollen Pāda-Länge); die Übersetzung folgt dem erkennbaren Sinn. [?]
bālabhāve ca vārddhakyena ghaṭetācyutārcanam /
vayasyeva tato dharmānkuru tvamanahaṅkṛtaḥ //
Da in der Kindheit wie auch im Alter die Verehrung Acyutas nicht [recht] zustande kommt, erfülle du daher gerade in der [reifen] Lebenszeit die religiösen Pflichten, frei von Ich-Sucht.
Wort für Wort
bālabhāve ca vārddhakye
in der Kindheit wie auch im Alter
na ghaṭeta acyutārcanam
kommt die Verehrung Acyutas nicht zustande
vayasi eva tato
darum gerade in der [reifen] Lebenszeit
dharmān kuru tvam anahaṅkṛtaḥ
erfülle du die religiösen Pflichten, frei von Ich-Sucht
Geh nicht, o Muni, versunken in die Höhle des Daseinskreislaufs, dem Verderben entgegen[?] – [es ist] wahrlich die Stätte des Verderbens, der höchste Sitz der Unheile.
Wort für Wort
mā vināśaṃ vraja mune
geh nicht dem Verderben entgegen, o Muni
magnaḥ saṃsāragahvare
versunken in die Höhle des Daseinskreislaufs
[?] vināśanilayam
[das ist] die Stätte des Verderbens
āpadāṃ paramaṃ padam
der höchste Sitz der Unheile
[?] „varur“ ist unklar/verderbt überliefert; sinngemäß vermutlich „varaṃ“ oder „yad“ (‚[das ist] wahrlich').
Der Körper ist die Stätte des [sinnlichen] Genusses, verunreinigt durch Unrat und dergleichen; wozu sollte ein Mensch, in der Meinung, er sei ewig, vergeblich Sünde begehen?
koṭijanmasahasreṣu sthāvarādiṣu sattama /
saṃbhrāntasya tu mānuṣyaṃ kathañcitparilabhyate //
Unter tausend Millionen von Geburten unter unbeweglichen [Wesen] und dergleichen, o Bester, wird das Menschsein für den, der [durch sie] umhergeirrt ist, nur mit Mühe irgendwie erlangt.
Wort für Wort
koṭijanmasahasreṣu
unter tausend Millionen von Geburten
sthāvarādiṣu sattama
unter unbeweglichen [Wesen] und dergleichen, o Bester
Und selbst dort [im Menschsein] sind die Zuwendung zu den Göttern, die Zuwendung zum Geben und ebenso die [rechte] Zuwendung zum Genuss, o Bester, für die Menschen die Frucht der Askese eines früheren Lebens.
mānuṣyaṃ durlabhaṃ prāpya yo hariṃ nārcayetsakṛt /
mūrkhaḥ ko 'sti parastasmājjaḍabuddhiracetanaḥ //
Wer, nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat, Hari nicht auch nur einmal verehrt – welcher größere Narr gibt es als er, stumpfsinnig und unbewusst?
Wort für Wort
mānuṣyaṃ durlabhaṃ prāpya
nachdem er das schwer erlangbare Menschsein erlangt hat
durlabhaṃ prāpya mānuṣyaṃ nārcayanti ca ye harim /
teṣāmatīva mūrkhāṇāṃ vivekaḥ kutra tiṣṭhati //
Diejenigen, die, das schwer erlangbare Menschsein erlangt habend, Hari nicht verehren – wo, bei jenen überaus Törichten, hält sich [noch] Unterscheidungskraft (viveka) auf?
Selbst ein Caṇḍāla, o Bester der Munis, ist, wenn er ein Viṣṇu-Hingebungsvoller ist, einem Zweifachgeborenen überlegen; ein Zweifachgeborener aber, dem die Hingabe an Viṣṇu fehlt, ist niedriger als ein Hundekocher.
Wort für Wort
caṇḍālo 'pi muniśreṣṭa
selbst ein Caṇḍāla, o Bester der Munis
viṣṇubhakto dvijādhikaḥ
ist, als Viṣṇu-Hingebungsvoller, einem Zweifachgeborenen überlegen
viṣṇubhaktivihīnaḥ ca
dem aber die Hingabe an Viṣṇu fehlt
dvijo 'pi śvapacādhamaḥ
ist selbst ein Zweifachgeborener niedriger als ein Hundekocher
Darum soll man, nach Aufgabe von Begierde und dergleichen, den unvergänglichen Hari verehren; ist er zufrieden, so ist alles zufrieden, denn Hari durchdringt alles.
Wie die Welt, beweglich und unbeweglich, vom Raum (ākāśa) durchdrungen ist, ebenso ist dieses gesamte bewegliche und unbewegliche All von Hari durchdrungen.
janmano maraṇaṃ nṝṇāṃ janma vai mṛtyusādhanam /
ubhe te nikaṭe viddhi tannāśo harisevayā //
Aus der Geburt [folgt] der Tod der Menschen, die Geburt ist wahrlich das Mittel zum Tod; wisse, dass diese beiden nahe beieinander sind – ihre Zerstörung [erfolgt] durch den Dienst an Hari.
Wort für Wort
janmano maraṇaṃ nṝṇāṃ
aus der Geburt [folgt] der Tod der Menschen
janma vai mṛtyusādhanam
die Geburt ist wahrlich das Mittel zum Tod
ubhe te nikaṭe viddhi
wisse, dass diese beiden nahe beieinander sind
tannāśo harisevayā
ihre Zerstörung [erfolgt] durch den Dienst an Hari
Durch dessen bloße Namensaussprache große Sünden vernichtet werden, und indem man ihn gebührend verehrt, o Brahmanenseher, wird ein Mensch der Erlösung teilhaftig.
Wort für Wort
yannāmoccāraṇāt eva
durch dessen bloße Namensaussprache
mahāpātakanāśanam
[erfolgt] die Vernichtung großer Sünden
yaṃ samabhyarcya viprarṣe
und indem man ihn gebührend verehrt, o Brahmanenseher
O wie wunderbar, o wie wunderbar, o wie wunderbar ist dies, o Zweifachgeborener: Obwohl der Name Haris [gegenwärtig] besteht, dreht sich die Welt [dennoch weiter] im Daseinskreislauf!
Immer wieder will ich diese Wahrheit sprechen, o Asketenreicher: Wer von den Boten Yamas fortgeführt wird, ist [dann] machtlos gegenüber den Mitteln des Dharma.
Wort für Wort
bhūyo bhūyo 'pi vakṣyāmi
immer wieder will ich sprechen
satyam etat tapodhana
diese Wahrheit, o Asketenreicher
nīyamāno yamabhaṭaiḥ
von den Boten Yamas fortgeführt
aśakto dharmasādhanaiḥ
[ist er dann] machtlos gegenüber den Mitteln des Dharma
Solange keine Beeinträchtigung der Sinnesorgane [eintritt], solange keine Krankheit bedrängt, solange verehre man Viṣṇu, wenn man die Erlösung erlangen will.
Wort für Wort
yāvat na indriyavaikalyaṃ
solange keine Beeinträchtigung der Sinnesorgane [eintritt]
Sobald ein Lebewesen aus dem Mutterleib hervorgetreten ist, gerade dann schon ist der Tod nahe – darum sei man dem Dharma zugewandt.
Wort für Wort
[māturgarbhādviniḥ – Fragment, s. Anm.]
(abgebrochene Dittographie)
mātuḥ garbhāt viniṣkrāntaḥ
aus dem Mutterleib hervorgetreten
yadā jantuḥ tadā eva hi
sobald ein Lebewesen, gerade dann schon
mṛtyuḥ saṃnihito bhūyāt
ist der Tod nahe
tasmāt dharmaparo bhavet
darum sei man dem Dharma zugewandt
[Anm.: Dittographie – der Vers beginnt mit dem abgebrochenen Fragment „māturgarbhādviniḥ“, worauf unmittelbar die vollständige Pāda-Wiederholung „māturgarbhādviniṣkrānto...“ folgt; das Fragment wurde im sa-Feld belassen, aber nicht eigens übersetzt.]
O wie schmerzlich, o wie schmerzlich, o wie schmerzlich ist dies, dass er, obwohl er den Körper als vergänglich erkannt hat, den Dharma [dennoch] gar nicht übt.
Wort für Wort
aho kaṣṭam aho kaṣṭam
o wie schmerzlich, o wie schmerzlich
aho kaṣṭam idaṃ vapuḥ
o wie schmerzlich ist dies, [betreffs des] Körpers
Wahrheit, Wahrheit, wiederum Wahrheit wird mit erhobenem Arm verkündet: Man soll heuchlerisches Verhalten (dambhācāra) aufgeben und Vāsudeva gebührend verehren.
Immer wieder spreche ich, mit erhobenem Arm, das Heilsame, o Nārada: Viṣṇu ist mit ganzer Seele zu verehren, Missgunst und ebenso Lüge sind aufzugeben.
Zorn ist die Wurzel der Gemütsqual, Zorn ist die Fessel des Daseinskreislaufs, Zorn bewirkt den Untergang des Dharma – darum soll man ihn völlig meiden.
Diese Geburt hat die Begierde zur Wurzel, Begierde ist die Ursache der Sünde, Begierde bewirkt den Untergang des Ruhmes – darum soll man sie völlig meiden.
Missgunst (mātsarya) gilt als die Ursache des gesamten Netzes von Leiden und als Mittel [zum Fall] in die Höllen – darum soll man auch sie ganz aufgeben.
mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ /
tasmāttadabhisaṃyojya parātmani sukhī bhavet //
Allein der Geist ist für die Menschen die Ursache von Bindung und Erlösung; darum soll man ihn, [fest] verbunden mit dem höchsten Selbst (parātman), glücklich werden.
O welche Verwegenheit, o welche Verwegenheit, o welche Verwegenheit der Menschen, die, obwohl Viṣṇu, der Herr der Welt, gegenwärtig ist, ihn, aufgeblasen vor Stolz, nicht verehren!
Ohne den Herrn der Welt, den Erhalter von allem, den Unvergänglichen, zu verehren – wie sollen die im Ozean des Daseinskreislaufs Versunkenen [dann] ans andere Ufer gelangen?
Höre, o Tiger unter den Munis, immer wieder spreche ich: Hari wird durch die Gläubigen zufriedengestellt, nicht durch Reichtum und nicht durch Verwandte.
Schande über die Geburt derer, die der Hingabe an Janārdana, den Gott der Götter, entbehren; jener Reichtum, der frei ist von Gaben an würdige Empfänger, [dem sei] Schande, immer wieder!
Welches Gut auch immer, das der Gabe an würdige Empfänger entbehrt, von jemandem gehütet wird – wisse, dass es unter den Leuten gewiss so gehütet wird, als sei es durch Diebstahl [erworben].
Trunken von blitzflackernder Pracht, ausgestattet mit augenblickvergänglicher[?] Herrlichkeit, verehren sie nicht den Herrn des Alls, den Befreier von der Fessel des [gebundenen] Geschöpfs (paśupāśa).
Wort für Wort
taḍillolaśriyā mattāḥ
trunken von blitzflackernder Pracht
kṣaṇabhaṅguraśālinaḥ [?]
ausgestattet mit augenblickvergänglicher Herrlichkeit
na ārādhayanti viśveśaṃ
verehren sie den Herrn des Alls nicht
paśupāśavimocakam
den Befreier von der Fessel des [gebundenen] Geschöpfs
[?] „kṣaṇaṃbhayuraśālinaḥ“ ist vermutlich eine Verschreibung für „kṣaṇabhaṅguraśālinaḥ“ (‚von augenblickvergänglicher Herrlichkeit').
Die Schöpfung [d.h. die Geschöpfe] wird als zweifach bezeichnet, nach der Unterscheidung von Göttlichem und Dämonischem: Die mit Hingabe an Hari begabte ist göttlich, die ihrer entbehrende ist wahrlich dämonisch[?].
Wort für Wort
sṛṣṭiḥ tu dvividhā proktā
die Schöpfung [die Geschöpfe] wird als zweifach bezeichnet
daivāsuravibhedataḥ
nach der Unterscheidung von Göttlichem und Dämonischem
haribhaktiyutā daivī
die mit Hingabe an Hari begabte ist göttlich
tadhīnā hi āsurī mahā [?]
die ihrer entbehrende ist wahrlich dämonisch[?]
[?] Das Versende „hyāsurī mahā“ wirkt verkürzt/unklar überliefert; „mahā“ könnte Rest eines abgebrochenen Vokativs oder einer weiteren Aussage sein.
Darum höre, o Bester der Brahmanen: Die der Hari-Hingabe Zugetanen sind überall als die Besten bekannt, denn Hingabe (bhakti) ist überaus schwer zu erlangen.
saṃmārjanādinā ye tu viṣṇuśuśrūṣaṇe ratāḥ /
satpātradānaniratāḥ prayānti paramaṃ padam //
Die aber, durch Kehren [des Tempels] und dergleichen, dem Dienst an Viṣṇu zugetan sind, [und] die der Gabe an würdige Empfänger beständig ergeben sind, gelangen zum höchsten Ort.
Wort für Wort
saṃmārjanādinā ye tu
die aber durch Kehren [des Tempels] und dergleichen
viṣṇuśuśrūṣaṇe ratāḥ
dem Dienst an Viṣṇu zugetan sind
satpātradānaniratāḥ
die der Gabe an würdige Empfänger beständig ergeben sind