Kapitel 101: Śalyapārthaśvasenāyuddha
Der Ansturm der Reiterei und Śalyas Kampf gegen die Söhne des Pāṇḍu
Saṃjaya schildert, wie Duryodhana Duḥśāsana mit dem Schutz Bhīṣmas betraut, woraufhin Śakuni mit einer gewaltigen Reiterschar gegen Yudhiṣṭhira, Nakula und Sahadeva anstürmt, aber von diesen dreien blutig zurückgeschlagen wird. Anschließend sendet Duryodhana Śalya gegen den vordringenden Yudhiṣṭhira; es entspinnt sich ein wechselseitiges Pfeilduell zwischen Śalya und den drei Söhnen des Pāṇḍu, bis Bhīma, Bhīṣma, Droṇa und Dhṛṣṭadyumna gemeinsam auf den bedrängten König zueilen und eine neue, überaus grausige Schlacht am Nachmittag beginnt.
Saṃjaya sprach: Als er sah, wie Bhīṣma im Kampf, zornentbrannt, von den Pāṇḍavas ringsum umschlossen war, o Großkönig – so wie die Sonne beim Erglühen am Himmel von Wolken [umschlossen wird] –
sprach Duryodhana, o Großkönig, zu Duḥśāsana [folgende Worte]:
Wort für Wort
duryodhano mahārāja duḥśāsanam
Duryodhana, o Großkönig, zu Duḥśāsana (Nom. + Vok. + Akk.)
abhāṣata
sprach er (3.Sg.Impf.Med. bhāṣ-)
[Anm.: V.2ab bildet eine eigene Einheit als Redeeinleitung; die eigentliche Rede Duryodhanas (V.2cd-6) folgt in den nächsten Einheiten, markiert mit Anführungszeichen.]
nihanyāt samare yattān pāñcālān pāṇḍavaiḥ saha tatra kāryam ahaṃ manye bhīṣmasyaivābhirakṣaṇam
wird er zusammen mit den Pāṇḍavas die eifrigen Pāñcālas im Kampf niederschlagen. Darin, meine ich, liegt die [wichtigste] Aufgabe: eben der Schutz Bhīṣmas.
Wort für Wort
nihanyāt samare yattān pāñcālān pāṇḍavaiḥ saha
wird er zusammen mit den Pāṇḍavas die eifrigen Pāñcālas im Kampf niederschlagen (3.Sg.Opt. han- + Lok. + Akk.Pl. + Akk.Pl. + Instr.Pl. + Postp.)
tatra kāryam ahaṃ manye bhīṣmasyaivābhirakṣaṇam
darin, meine ich, liegt die Aufgabe: eben der Schutz Bhīṣmas (Adv. + Nom. + Nom. + 1.Sg.Präs. man- + Gen.+Partikel+Nom.)
Da [rückte] Subalas Sohn [Śakuni] mit hunderttausend Pferden [heran] – [beritten von Kriegern] mit makellos glänzenden Lanzen in der Hand, Speere und Wurfspieße tragend,
Wort für Wort
tataḥ śatasahasreṇa hayānāṃ subalātmajaḥ
da [rückte] Subalas Sohn mit hunderttausend Pferden [heran] (Adv. + Instr. + Gen.Pl. + Nom.)
vimalaprāsahastānām ṛṣṭitomaradhāriṇām
mit makellos glänzenden Lanzen in der Hand, Speere und Wurfspieße tragend (Gen.Pl.Bah. + Gen.Pl.Bah.)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit; der Satz setzt sich über V.9-10 fort.]
[Anm.: V.9ac bildet eine Einheit; der textkritisch unsichere Zusatzvers V.9d*0401_01 ("mit verschiedenerlei Waffen übersät, zum Kampf gerüstet") wird als ausführende Wiederholung ausgelassen.]
taiḥ praviṣṭair mahāvegair garutmadbhir ivāhave khurāhatā dharā rājaṃś cakampe ca nanāda ca
Als jene mit gewaltiger Geschwindigkeit eindrangen, gleich Garuḍa-Vögeln im Kampf, erzitterte, o König, die Erde, von Hufen getroffen, und dröhnte.
Wort für Wort
taiḥ praviṣṭair mahāvegair garutmadbhir ivāhave
als jene mit gewaltiger Geschwindigkeit eindrangen, gleich Garuḍa-Vögeln im Kampf (Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl.+Adv. + Lok.)
khurāhatā dharā rājaṃś cakampe ca nanāda ca
erzitterte, o König, die Erde, von Hufen getroffen, und dröhnte (Nom.Bah. + Nom. + Vok. + 3.Sg.Perf.Med. kamp- + Partikel + 3.Sg.Perf. nad- + Partikel)
utpatadbhiś ca tais tatra samuddhūtaṃ mahad rajaḥ divākarapathaṃ prāpya chādayām āsa bhāskaram
und von jenen aufwirbelnden [Rossen] wurde gewaltiger Staub aufgewühlt, der, den Sonnenpfad erreichend, die Sonne verhüllte.
Wort für Wort
utpatadbhiś ca tais tatra samuddhūtaṃ mahad rajaḥ
und von jenen aufwirbelnden [Rossen] wurde da gewaltiger Staub aufgewühlt (Instr.Pl.Präs.Part. + Partikel + Instr.Pl. + Adv. + Nom.Past.Part. + Nom. + Nom.)
divākarapathaṃ prāpya chādayām āsa bhāskaram
der, den Sonnenpfad erreichend, die Sonne verhüllte (Akk. + Ger. + 3.Sg.Perf.Periphr. chad- + Akk.)
vegavadbhir hayais tais tu kṣobhitaṃ pāṇḍavaṃ balam nipatadbhir mahāvegair haṃsair iva mahat saraḥ
Von jenen schnellen Rossen wurde das Pāṇḍava-Heer erschüttert, wie ein großer See, auf den mit gewaltiger Geschwindigkeit herabstürzende Schwäne niederfallen;
Wort für Wort
vegavadbhir hayais tais tu kṣobhitaṃ pāṇḍavaṃ balam
von jenen schnellen Rossen wurde das Pāṇḍava-Heer erschüttert (Instr.Pl.Bah. + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Partikel + Nom.Past.Part. + Nom. + Nom.)
nipatadbhir mahāvegair haṃsair iva mahat saraḥ
wie ein großer See, auf den mit gewaltiger Geschwindigkeit herabstürzende Schwäne niederfallen (Instr.Pl.Präs.Part. + Instr.Pl. + Instr.Pl.+Adv. + Nom. + Nom.)
und vor lauter Wiehern war überhaupt nichts mehr zu unterscheiden.
Wort für Wort
heṣatāṃ caiva śabdena
und vor lauter Wiehern (Gen.Pl.Präs.Part. + Partikel + Instr.)
na prājñāyata kiṃ cana
war überhaupt nichts mehr zu unterscheiden (Neg. + 3.Sg.Impf.Pass. jñā- + Pron. + Partikel)
[Anm.: V.15e bildet eine Einheit. Der textkritisch unsichere Zusatzvers V.15f*0402_01 ("Ein gewaltiges Getöse verschwand, von diesem Lärm betäubt") wird ausgelassen.]
Sie fielen, o Großkönig, von jenen mit festgespannten Bögen erschlagen, wie große Nāgas, die in einer Bergschlucht von [anderen] Nāgas [bezwungen] daliegen [könnten].
Wort für Wort
te nipetur mahārāja nihatā dṛḍhadhanvibhiḥ
sie fielen, o Großkönig, erschlagen von jenen mit festgespannten Bögen (Nom.Pl. + 3.Pl.Perf. pat- + Vok. + Nom.Pl. + Instr.Pl.Bah.)
nāgair iva mahānāgā yathā syur girigahvare
wie große Nāgas, die in einer Bergschlucht von [anderen] Nāgas [bezwungen] daliegen könnten (Instr.Pl. + Adv. + Nom.Pl. + Adv. + 3.Pl.Opt. as- + Lok.)
[Anm.: V.19 bildet eine Einheit. "nāga" bezeichnet sowohl "Schlange" als auch "Elefant"; das Bild ist bewusst zweideutig – gemeint sein könnten ebenso große Elefanten, die einander in einer Bergschlucht bezwingen.]
Auch jene [Pāṇḍava-Krieger] schnitten mit sehr scharfen Wurfspießen und Pfeilen von gebogenen Gelenken, nach allen zehn Richtungen umherstreifend, die Köpfe [der Feinde] ab.
Wort für Wort
te 'pi prāsaiḥ suniśitaiḥ śaraiḥ saṃnataparvabhiḥ
auch jene [Krieger schnitten] mit sehr scharfen Wurfspießen und Pfeilen von gebogenen Gelenken (Nom.Pl. + Partikel + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Instr.Pl.Bah.)
nyakṛntann uttamāṅgāni vicaranto diśo daśa
schnitten sie die Köpfe ab, nach allen zehn Richtungen umherstreifend (3.Pl.Impf. kṛt- + Akk.Pl. + Nom.Pl.Präs.Part. + Akk.Pl. + Akk.)
Als die Reiter ganz nahe herankamen, o Stier der Bharatas, schnitten sie mit ihren Lanzen die Köpfe [ab], wie man Früchte von einem großen Baum [pflückt].
Wort für Wort
atyāsannā hayārohā ṛṣṭibhir bharatarṣabha
als die Reiter ganz nahe herankamen, mit ihren Lanzen, o Stier der Bharatas (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Instr.Pl. + Vok.)
acchinann uttamāṅgāni phalānīva mahādrumāt
schnitten sie die Köpfe ab, wie man Früchte von einem großen Baum [pflückt] (3.Pl.Impf. chid- + Akk.Pl. + Akk.Pl.+Adv. + Abl.)
vadhyamānā hayās te tu prādravanta bhayārditāḥ yathā siṃhān samāsādya mṛgāḥ prāṇaparāyaṇāḥ
die verwundeten Rosse flohen von Furcht gepeinigt davon, wie Rehe, die, auf Löwen treffend, ihr Leben zu retten suchen.
Wort für Wort
vadhyamānā hayās te tu prādravanta bhayārditāḥ
die verwundeten Rosse flohen von Furcht gepeinigt davon (Nom.Pl.Präs.Pass.Part. + Nom.Pl. + Nom.Pl. + Partikel + 3.Pl.Impf. dru- + Nom.Pl.Bah.)
yathā siṃhān samāsādya mṛgāḥ prāṇaparāyaṇāḥ
wie Rehe, die, auf Löwen treffend, ihr Leben zu retten suchen (Adv. + Akk.Pl. + Ger. + Nom.Pl. + Nom.Pl.Bah.)
[Anm.: V.23ac bildet eine Einheit. Der textkritisch unsichere Zusatzvers V.23d*0403_01 ("So wurde das Heer Saubalas [Śakunis] nach allen Seiten hin zerschlagen") wird als zusammenfassende Wiederholung ausgelassen.]
pāṇḍavās tu mahārāja jitvā śatrūn mahāhave dadhmuḥ śaṅkhāṃś ca bherīś ca tāḍayām āsur āhave
Die Pāṇḍavas aber, o Großkönig, bliesen, nachdem sie die Feinde in der gewaltigen Schlacht besiegt hatten, die Muschelhörner und ließen die Kriegstrommeln im Kampf erdröhnen.
Wort für Wort
pāṇḍavās tu mahārāja jitvā śatrūn mahāhave
die Pāṇḍavas aber, o Großkönig, nachdem sie die Feinde in der gewaltigen Schlacht besiegt hatten (Nom.Pl. + Partikel + Vok. + Ger. + Akk.Pl. + Lok.)
dadhmuḥ śaṅkhāṃś ca bherīś ca tāḍayām āsur āhave
bliesen sie die Muschelhörner und ließen die Kriegstrommeln im Kampf erdröhnen (3.Pl.Perf. dhmā- + Akk.Pl. + Partikel + Akk.Pl. + Partikel + 3.Pl.Perf.Periphr. tāḍ- + Lok.)
Da sah Duryodhana, o Bester der Bharatas, das Heer bedrückt dastehen und sprach zum König der Madras [Śalya] folgende Worte:
Wort für Wort
tato duryodhano dṛṣṭvā dīnaṃ sainyam avasthitam
da sah Duryodhana das Heer bedrückt dastehen (Adv. + Nom. + Ger. + Akk. + Akk. + Akk.Past.Part.)
abravīd bharataśreṣṭha madrarājam idaṃ vacaḥ
und sprach zum König der Madras, o Bester der Bharatas, folgende Worte (3.Sg.Impf. brū- + Vok. + Akk. + Akk. + Akk.)
[Anm.: V.25ac bildet eine Einheit. Der textkritisch unsichere Zusatzvers V.25d*0404_01 ("Da sprach König Duryodhana zum Herrscher der Madras") wiederholt den Hauptvers sinngemäß und wird ausgelassen.]
„Dieser älteste Sohn des Pāṇḍu treibt, nachdem er die Meinen besiegt hat, o Oheim, vor unser aller Augen, der Starke, das Heer in die Flucht, o Starkarmiger.
Wort für Wort
eṣa pāṇḍusuto jyeṣṭho jitvā mātula māmakān
dieser älteste Sohn des Pāṇḍu, nachdem er die Meinen besiegt hat, o Oheim (Nom. + Nom. + Nom. + Ger. + Vok. + Akk.Pl.)
paśyatāṃ no mahābāho senāṃ drāvayate balī
treibt vor unser aller Augen, o Starkarmiger, der Starke, das Heer in die Flucht (Gen.Pl.Präs.Part. + Gen.Pl. + Vok. + Akk. + 3.Sg.Präs.Kaus. dru- + Nom.)
[Anm.: V.26 bildet eine Einheit; Beginn von Duryodhanas Rede an Śalya.]
taṃ vāraya mahābāho veleva makarālayam tvaṃ hi saṃśrūyase 'tyartham asahyabalavikramaḥ
Halte ihn auf, o Starkarmiger, wie der Strand das Wohnhaus der Krokodile [zurückhält]! Denn du giltst als überaus [mächtig], von unerträglicher Kraft und Kühnheit.“
Wort für Wort
taṃ vāraya mahābāho veleva makarālayam
halte ihn auf, o Starkarmiger, wie der Strand das Wohnhaus der Krokodile [zurückhält] (Akk. + 2.Sg.Imp. vṛ- + Vok. + Nom.+Adv. + Akk.)
tvaṃ hi saṃśrūyase 'tyartham asahyabalavikramaḥ
denn du giltst als überaus [mächtig], von unerträglicher Kraft und Kühnheit (Nom. + Partikel + 2.Sg.Präs.Pass. śru- + Adv. + Nom.Bah.)
[Anm.: V.27 bildet eine Einheit; Ende von Duryodhanas Rede an Śalya.]
Da sah der starkarmige Bhīma im Kampf den König [Yudhiṣṭhira] in die Gewalt des Königs der Madras geraten, wie einen, der in den Rachen des Todes gerät,
Wort für Wort
tato bhīmo mahābāhur dṛṣṭvā rājānam āhave
da sah der starkarmige Bhīma im Kampf den König (Adv. + Nom. + Nom.Bah. + Ger. + Akk. + Lok.)
madrarājavaśaṃ prāptaṃ mṛtyor āsyagataṃ yathā
in die Gewalt des Königs der Madras geraten, wie einen, der in den Rachen des Todes gerät (Akk. + Akk. + Gen. + Akk. + Adv.)
und der Feindebezwinger [Bhīma] stürmte in der Schlacht auf Yudhiṣṭhiras [Seite] zu.
Wort für Wort
abhyadravata saṃgrāme
und stürmte in der Schlacht heran (3.Sg.Impf. dru- + Lok.)
yudhiṣṭhiram amitrajit
der Feindebezwinger, auf Yudhiṣṭhira zu (Akk. + Nom.)
[Anm.: V.32e bildet eine Einheit. Die textkritisch unsicheren Zusatzverse V.32f*0405_01 bis *0406_01 (vier Zeilen) werden hier nicht übersetzt; sie besagen sinngemäß, dass Bhīma im Anstürmen den Madra-König mit ganz aus Eisen gefertigten, scharfen, marmerschütternden Pfeilen traf, dass sodann auch Bhīṣma und Droṇa, von einem großen Heer umgeben, sich unverzüglich mit Pfeilregen dem König näherten, und dass Dhṛṣṭadyumna, nachdem er den König mit drei Pfeilen getroffen hatte, sich ihm ebenfalls näherte.]