Kapitel 37: Puruṣottamayogaḥ
Bhagavad Gītā XV: Das Yoga vom höchsten Puruṣa
Dieses Kapitel bildet zugleich das fünfzehnte Kapitel der Bhagavadgītā (Puruṣottamayoga) innerhalb des Bhīṣmaparvans. Kṛṣṇas Lehre setzt sich ohne Unterbrechung fort und geht unmittelbar in das folgende Kapitel über.
śrībhagavān uvāca ūrdhvamūlam adhaḥśākham aśvatthaṃ prāhur avyayam chandāṃsi yasya parṇāni yas taṃ veda sa vedavit
Der Erhabene sprach: Man spricht von dem unvergänglichen Aśvattha-Baum mit der Wurzel nach oben und den Zweigen nach unten, dessen Blätter die Veden sind; wer diesen kennt, der ist ein Kenner der Veden.
Wort für Wort
śrībhagavān uvāca
der Erhabene sprach (Subst.+Verb Perf. 3. Sg.)
ūrdhvamūlam adhaḥśākham aśvatthaṃ prāhur avyayam
man spricht von dem unvergänglichen Aśvattha mit Wurzel oben, Zweigen unten (Kompos.+Kompos.+Subst.+Verb Perf. 3. Pl.+Adj. Akk. Sg. m.)
chandāṃsi yasya parṇāni
dessen Blätter die Veden(-Verse) sind (Subst. Nom. Pl. n.+Rel.-Pron. Gen.+Subst. Nom. Pl. n.)
yas taṃ veda sa vedavit
wer diesen kennt, der ist ein Kenner der Veden (Rel.-Pron.+Pron.+Verb Perf. 3. Sg.+Pron.+Kompos. Nom. Sg. m.)
Nach unten und nach oben erstrecken sich seine Zweige, durch die Eigenschaften genährt, mit den Sinnesobjekten als Trieben; nach unten hin erstrecken sich auch seine Wurzeln, die das Handeln in der Menschenwelt an sich binden.
Wort für Wort
adhaś ca ūrdhvaṃ prasṛtās tasya śākhā
nach unten und oben erstrecken sich seine Zweige (Adv.+Adv.+Part. Nom. Pl. f.+Pron. Gen.+Subst. Nom. Pl. f.)
guṇapravṛddhā viṣayapravālāḥ
durch die Eigenschaften genährt, mit den Sinnesobjekten als Trieben (Kompos. Nom. Pl. f.)
adhaś ca mūlāny anusaṃtatāni
nach unten hin erstrecken sich auch die Wurzeln (Adv.+Subst. Nom. Pl. n.+Part. Nom. Pl. n.)
karmānubandhīni manuṣyaloke
die das Handeln in der Menschenwelt binden (Kompos. Nom. Pl. n.+Kompos. Lok. Sg. m.)
na rūpam asyeha tathopalabhyate nānto na cādir na ca saṃpratiṣṭhā aśvattham enaṃ suvirūḍhamūlam asaṅgaśastreṇa dṛḍhena chittvā
Seine Gestalt wird hier so nicht wahrgenommen, weder Ende noch Anfang noch Bestand; nachdem man diesen fest verwurzelten Aśvattha mit der starken Waffe der Loslösung gefällt hat,
Wort für Wort
na rūpam asya iha tathā upalabhyate
seine Gestalt wird hier so nicht wahrgenommen (Neg.+Subst. Nom.+Pron. Gen.+Adv.+Adv.+Verb Passiv 3. Sg.)
na anto na ca ādir na ca saṃpratiṣṭhā
weder Ende noch Anfang noch Bestand (Neg.+Subst. Nom., dreifach verneint)
aśvattham enaṃ suvirūḍhamūlam
diesen fest verwurzelten Aśvattha (Subst.+Pron.+Kompos. Akk. Sg. m.)
asaṅgaśastreṇa dṛḍhena chittvā
mit der starken Waffe der Loslösung gefällt habend (Kompos. Instr. Sg. n.+Adj.+Gerund.)
tataḥ padaṃ tatparimārgitavyaṃ yasmin gatā na nivartanti bhūyaḥ tam eva cādyaṃ puruṣaṃ prapadye yataḥ pravṛttiḥ prasṛtā purāṇī
Dann soll man jenen Ort aufsuchen, von dem aus die Gegangenen nicht wieder zurückkehren, und sich eben jenem uranfänglichen Puruṣa zuwenden, von dem die uralte Betriebsamkeit ausgegangen ist.
Wort für Wort
tataḥ padaṃ tat parimārgitavyaṃ
dann soll man jenen Ort aufsuchen (Adv.+Subst.+Pron.+Gerundiv Nom./Akk. Sg. n.)
yasmin gatā na nivartanti bhūyaḥ
von dem aus die Gegangenen nicht wieder zurückkehren (Rel.-Pron. Lok.+Part. Nom. Pl. m.+Neg.+Verb Präs. 3. Pl.+Adv.)
tam eva ca ādyaṃ puruṣaṃ prapadye
und sich eben jenem uranfänglichen Puruṣa zuwenden (Pron.+Adv.+Adj.+Subst. Akk. Sg. m.+Verb Präs. 1. Sg.)
yataḥ pravṛttiḥ prasṛtā purāṇī
von dem die uralte Betriebsamkeit ausgegangen ist (Adv.+Subst. Nom. Sg. f.+Part.+Adj. Nom. Sg. f.)
Frei von Stolz und Verblendung, die Fehler des Anhaftens überwunden, beständig im Wissen um das Selbst, der Begierden ledig, befreit von den Gegensätzen, die man Freude und Leid nennt – die Unverblendeten gelangen zu jenem unvergänglichen Ort.
Wort für Wort
nirmānamohā jitasaṅgadoṣā
frei von Stolz und Verblendung, die Fehler des Anhaftens überwunden (Kompos. Nom. Pl. m.)
adhyātmanityā vinivṛttakāmāḥ
beständig im Wissen um das Selbst, der Begierden ledig (Kompos. Nom. Pl. m.)
dvaṃdvair vimuktāḥ sukhaduḥkhasaṃjñair
befreit von den Gegensätzen, die man Freude und Leid nennt (Subst. Instr. Pl.+Part. Nom. Pl. m.+Kompos. Instr. Pl. n.)
gacchanty amūḍhāḥ padam avyayaṃ tat
die Unverblendeten gelangen zu jenem unvergänglichen Ort (Verb Präs. 3. Pl.+Adj. Nom. Pl. m.+Subst.+Adj. Akk. Sg. n.+Pron.)
Ein ewiger Teil von mir selbst wird in der Welt der lebenden Wesen zum individuellen Lebewesen und zieht die in der Prakṛti weilenden sechs Sinne, mit dem Denken als sechstem, an sich.
Wort für Wort
mama eva aṃśo jīvaloke
ein Teil von mir selbst in der Welt der Lebewesen (Pron. Gen.+Adv.+Subst. Nom.+Kompos. Lok. Sg. m.)
jīvabhūtaḥ sanātanaḥ
wird zum ewigen individuellen Lebewesen (Kompos.+Adj. Nom. Sg. m.)
manaḥṣaṣṭhānīndriyāṇi
die sechs Sinne mit dem Denken als sechstem (Kompos. Akk. Pl. n.)
prakṛtisthāni karṣati
die in der Prakṛti weilenden zieht er an sich (Kompos. Akk. Pl. n.+Verb Präs. 3. Sg.)
Wenn der Herr einen Körper erlangt und wenn er ihn wieder verlässt, nimmt er diese mit sich, so wie der Wind Düfte von ihrem Ursprungsort mit sich nimmt.
Wort für Wort
śarīraṃ yad avāpnoti
wenn er einen Körper erlangt (Subst. Akk.+Rel.-Pron.+Verb Präs. 3. Sg.)
yac ca api utkrāmati īśvaraḥ
und wenn der Herr ihn verlässt (Rel.-Pron.+Adv.+Verb Präs. 3. Sg.+Subst. Nom. Sg. m.)
gṛhītvā etāni saṃyāti
nimmt er diese mit sich, nachdem er sie ergriffen hat (Gerund.+Pron. Akk. Pl.+Verb Präs. 3. Sg.)
vāyur gandhān iva āśayāt
so wie der Wind Düfte von ihrem Ursprungsort (Subst. Nom. Sg. m.+Subst. Akk. Pl. m.+Adv.+Subst. Abl. Sg. m.)
Ob er nun geht oder bleibt oder genießt, mit den Eigenschaften verbunden – die Verblendeten erblicken ihn nicht, doch die mit dem Auge des Wissens Sehenden erblicken ihn.
Wort für Wort
utkrāmantaṃ sthitaṃ vā api bhuñjānaṃ vā
ob er geht, bleibt oder genießt (Part. Akk. Sg. m., dreifach)
guṇānvitam
mit den Eigenschaften verbunden (Kompos. Akk. Sg. m.)
vimūḍhā na anupaśyanti
die Verblendeten erblicken ihn nicht (Part. Nom. Pl. m.+Neg.+Verb Präs. 3. Pl.)
paśyanti jñānacakṣuṣaḥ
die mit dem Auge des Wissens erblicken ihn (Verb Präs. 3. Pl.+Kompos. Nom. Pl. m.)
Und indem ich in die Erde eindringe, erhalte ich die Wesen durch meine Kraft; und ich nähre alle Pflanzen, indem ich zum Soma werde, dessen Wesen der Saft ist.
Wort für Wort
gām āviśya ca bhūtāni
und indem ich in die Erde eindringe, die Wesen (Subst. Akk.+Gerund.+Subst. Akk. Pl. n.)
dhārayāmy aham ojasā
erhalte ich durch meine Kraft (Verb Präs. 1. Sg.+Pron.+Subst. Instr. Sg. n.)
puṣṇāmi ca auṣadhīḥ sarvāḥ
und ich nähre alle Pflanzen (Verb Präs. 1. Sg.+Subst. Akk. Pl. f.+Adj. Akk. Pl. f.)
somo bhūtvā rasātmakaḥ
indem ich zum Soma werde, dessen Wesen der Saft ist (Subst. Nom.+Gerund.+Kompos. Nom. Sg. m.)
sarvasya cāhaṃ hṛdi saṃniviṣṭo mattaḥ smṛtir jñānam apohanaṃ ca vedaiś ca sarvair aham eva vedyo vedāntakṛd vedavid eva cāham
Und ich weile im Herzen eines jeden; von mir kommen Erinnerung, Wissen und dessen Verlust; und durch alle Veden bin ich allein der zu Erkennende; ich bin der Schöpfer des Vedānta und ebenso der Kenner der Veden.
Wort für Wort
sarvasya ca ahaṃ hṛdi saṃniviṣṭo
und ich weile im Herzen eines jeden (Pron. Gen.+Pron.+Subst. Lok.+Part. Nom. Sg. m.)
mattaḥ smṛtir jñānam apohanaṃ ca
von mir kommen Erinnerung, Wissen und dessen Verlust (Pron. Abl.+Subst. Nom. Sg., drei Begriffe)
vedaiś ca sarvair aham eva vedyo
und durch alle Veden bin ich allein der zu Erkennende (Subst. Instr. Pl.+Adj.+Pron.+Adv.+Adj. Nom. Sg. m.)
vedāntakṛd vedavid eva ca aham
ich bin der Schöpfer des Vedānta und der Kenner der Veden (Kompos. Nom. Sg. m., zwei Begriffe+Pron.)
dvāv imau puruṣau loke kṣaraś cākṣara eva ca kṣaraḥ sarvāṇi bhūtāni kūṭastho 'kṣara ucyate
Diese zwei Puruṣas gibt es in der Welt, der Vergängliche und der Unvergängliche; der Vergängliche sind alle Wesen, der Unvergängliche wird als der unveränderlich Verharrende bezeichnet.
Wort für Wort
dvāv imau puruṣau loke
diese zwei Puruṣas gibt es in der Welt (Zahlwort+Pron.+Subst. Nom. Dual m.+Subst. Lok. Sg. m.)
kṣaraś ca akṣara eva ca
der Vergängliche und der Unvergängliche (Adj. Nom. Sg. m., zwei Formen)
kṣaraḥ sarvāṇi bhūtāni
der Vergängliche sind alle Wesen (Adj. Nom. Sg. m.+Adj.+Subst. Nom. Pl. n.)
kūṭastho 'kṣara ucyate
der Unvergängliche wird als der unveränderlich Verharrende bezeichnet (Adj.+Adj. Nom. Sg. m.+Verb Passiv 3. Sg.)
uttamaḥ puruṣas tv anyaḥ paramātmety udāhṛtaḥ yo lokatrayam āviśya bibharty avyaya īśvaraḥ
Der höchste Puruṣa aber ist ein anderer, der als das höchste Selbst bezeichnet wird, der, in die drei Welten eindringend, sie erhält, der unvergängliche Herr.
Wort für Wort
uttamaḥ puruṣas tu anyaḥ
der höchste Puruṣa aber ist ein anderer (Adj.+Subst.+Adv.+Adj. Nom. Sg. m.)
paramātmā iti udāhṛtaḥ
der als das höchste Selbst bezeichnet wird (Kompos.+Adv.+Part. Nom. Sg. m.)
yo lokatrayam āviśya bibharty
der, in die drei Welten eindringend, sie erhält (Rel.-Pron.+Kompos. Akk.+Gerund.+Verb Präs. 3. Sg.)
yasmāt kṣaram atīto 'ham akṣarād api cottamaḥ ato 'smi loke vede ca prathitaḥ puruṣottamaḥ
Weil ich jenseits des Vergänglichen bin und auch höher als der Unvergängliche, deshalb bin ich in der Welt und in den Veden als der höchste Puruṣa gepriesen.
Wort für Wort
yasmāt kṣaram atīto 'ham
weil ich jenseits des Vergänglichen bin (Adv.+Adj. Akk.+Part. Nom. Sg. m.+Pron.)
akṣarād api ca uttamaḥ
und auch höher als der Unvergängliche (Adj. Abl.+Adv.+Adj. Nom. Sg. m.)
ato 'smi loke vede ca
deshalb bin ich in der Welt und in den Veden (Adv.+Verb Präs. 1. Sg.+Subst. Lok.+Subst. Lok. Sg. m.)
prathitaḥ puruṣottamaḥ
als der höchste Puruṣa gepriesen (Part.+Kompos. Nom. Sg. m.)