Kapitel 38: Daivāsurasaṃpadvibhāgayogaḥ
Bhagavad Gītā XVI: Das Yoga der Unterscheidung von göttlicher und dämonischer Bestimmung
Dieses Kapitel bildet zugleich das sechzehnte Kapitel der Bhagavadgītā (Daivāsurasaṃpadvibhāgayoga) innerhalb des Bhīṣmaparvans. Kṛṣṇas seit dem elften Kapitel (Viśvarūpadarśanayoga) ununterbrochen fortgeführte Lehre schließt am Ende dieses Kapitels ab; Arjuna stellt im folgenden Kapitel eine neue, eigenständige Frage.
śrībhagavān uvāca abhayaṃ sattvasaṃśuddhir jñānayogavyavasthitiḥ dānaṃ damaś ca yajñaś ca svādhyāyas tapa ārjavam
Der Erhabene sprach: Furchtlosigkeit, Reinheit des Wesens, Standhaftigkeit im Yoga der Erkenntnis, Freigebigkeit, Selbstbeherrschung und Opfer, das Studium der heiligen Schriften, Askese, Aufrichtigkeit,
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Freiheit von Zorn, Entsagung, Gelassenheit, Freiheit von Verleumdung, Mitgefühl mit den Wesen, Freiheit von Begehrlichkeit, Sanftmut, Scham, Unbeständigkeitslosigkeit,
Wort für Wort
ahiṃsā satyam akrodhas
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Freiheit von Zorn (Subst. Nom. Sg., drei Begriffe)
tyāgaḥ śāntir apaiśunam
Entsagung, Gelassenheit, Freiheit von Verleumdung (Subst. Nom. Sg., drei Begriffe)
dayā bhūteṣv aloluptvaṃ
Mitgefühl mit den Wesen, Freiheit von Begehrlichkeit (Subst. Nom.+Subst. Lok. Pl.+Abstr. Nom. Sg. n.)
mārdavaṃ hrīr acāpalam
Sanftmut, Scham, Unbeständigkeitslosigkeit (Subst. Nom. Sg., drei Begriffe)
Tatkraft, Geduld, Standhaftigkeit, Reinheit, Freiheit von Arglist, Freiheit von Überheblichkeit – dies sind, o Bhārata, die Eigenschaften dessen, der zur göttlichen Bestimmung geboren ist.
Wort für Wort
tejaḥ kṣamā dhṛtiḥ śaucam
Tatkraft, Geduld, Standhaftigkeit, Reinheit (Subst. Nom. Sg., vier Begriffe)
adroho na atimānitā
Freiheit von Arglist, Freiheit von Überheblichkeit (Subst. Nom. Sg. m./f., zwei Begriffe)
bhavanti saṃpadaṃ daivīm
dies sind die Eigenschaften der göttlichen Bestimmung (Verb Präs. 3. Pl.+Subst.+Adj. Akk. Sg. f.)
abhijātasya bhārata
dessen, der geboren ist, o Bhārata (Part. Gen. Sg. m.+Subst. Vok. Sg. m.)
dambho darpo 'timānaś ca krodhaḥ pāruṣyam eva ca ajñānaṃ cābhijātasya pārtha saṃpadam āsurīm
Verstelltheit, Hochmut, Überheblichkeit, Zorn, Grobheit und auch Unwissen – dies sind, o Sohn des Pṛthā, die Eigenschaften dessen, der zur dämonischen Bestimmung geboren ist.
Wort für Wort
dambho darpo 'timānaś ca krodhaḥ
Verstelltheit, Hochmut, Überheblichkeit, Zorn (Subst. Nom. Sg., vier Begriffe)
pāruṣyam eva ca ajñānaṃ
Grobheit und auch Unwissen (Subst. Nom. Sg. n., zwei Begriffe)
ca abhijātasya pārtha
dessen, der geboren ist, o Sohn des Pṛthā (Part. Gen. Sg. m.+Subst. Vok. Sg. m.)
saṃpadam āsurīm
der dämonischen Bestimmung (Subst.+Adj. Akk. Sg. f.)
Die göttliche Bestimmung gilt als zur Befreiung führend, die dämonische als zur Knechtschaft; sorge dich nicht, o Sohn des Pāṇḍu, du bist zur göttlichen Bestimmung geboren.
Wort für Wort
daivī saṃpad vimokṣāya
die göttliche Bestimmung führt zur Befreiung (Adj.+Subst. Nom. Sg. f.+Subst. Dat. Sg. m.)
nibandhāya āsurī matā
die dämonische gilt als zur Knechtschaft führend (Subst. Dat.+Adj.+Part. Nom. Sg. f.)
mā śucaḥ saṃpadaṃ daivīm
sorge dich nicht um die göttliche Bestimmung (Neg.+Verb Konj. 2. Sg.+Subst.+Adj. Akk. Sg. f.)
abhijāto 'si pāṇḍava
du bist geboren, o Sohn des Pāṇḍu (Part. Nom. Sg. m.+Verb Präs. 2. Sg.+Subst. Vok. Sg. m.)
dvau bhūtasargau loke 'smin daiva āsura eva ca daivo vistaraśaḥ prokta āsuraṃ pārtha me śṛṇu
Zwei Arten von Wesen gibt es in dieser Welt, die göttliche und die dämonische; die göttliche wurde ausführlich dargelegt, höre von mir, o Sohn des Pṛthā, über die dämonische.
Wort für Wort
dvau bhūtasargau loke 'smin
zwei Arten von Wesen in dieser Welt (Zahlwort+Kompos. Nom. Dual m.+Subst. Lok.+Pron.)
daiva āsura eva ca
die göttliche und die dämonische (Adj. Nom. Sg. m., zwei Formen)
daivo vistaraśaḥ prokta
die göttliche wurde ausführlich dargelegt (Adj.+Adv.+Part. Nom. Sg. m.)
āsuraṃ pārtha me śṛṇu
höre von mir, o Sohn des Pṛthā, über die dämonische (Adj. Akk.+Subst. Vok.+Pron. Abl.+Verb Imp. 2. Sg.)
pravṛttiṃ ca nivṛttiṃ ca janā na vidur āsurāḥ na śaucaṃ nāpi cācāro na satyaṃ teṣu vidyate
Die dämonischen Menschen kennen weder das rechte Handeln noch das rechte Unterlassen; weder Reinheit noch rechtes Verhalten noch Wahrhaftigkeit findet sich in ihnen.
Wort für Wort
pravṛttiṃ ca nivṛttiṃ ca
das rechte Handeln und das rechte Unterlassen (Subst. Akk. Sg. f., zwei Begriffe)
janā na vidur āsurāḥ
die dämonischen Menschen kennen nicht (Subst. Nom. Pl. m.+Neg.+Verb Perf. 3. Pl.+Adj. Nom. Pl. m.)
na śaucaṃ na api ca ācāro
weder Reinheit noch rechtes Verhalten (Neg.+Subst.+Neg.+Neg.+Subst. Nom. Sg. m., zweifach verneint)
na satyaṃ teṣu vidyate
noch Wahrhaftigkeit findet sich in ihnen (Neg.+Subst. Nom.+Pron. Lok.+Verb Präs. 3. Sg.)
asatyam apratiṣṭhaṃ te jagad āhur anīśvaram aparasparasaṃbhūtaṃ kim anyat kāmahaitukam
Sie sagen, die Welt sei ohne Wahrheit, ohne Grundlage, ohne Herrn, nicht durch wechselseitige Verursachung entstanden, wodurch sonst als durch Begierde bewirkt?
Wort für Wort
asatyam apratiṣṭhaṃ te jagad āhur
sie sagen, die Welt sei ohne Wahrheit, ohne Grundlage (Adj.+Adj.+Pron.+Subst. Akk.+Verb Perf. 3. Pl.)
anīśvaram
ohne Herrn (Adj. Akk. Sg. n.)
aparasparasaṃbhūtaṃ
nicht durch wechselseitige Verursachung entstanden (Kompos. Akk. Sg. n.)
kim anyat kāmahaitukam
wodurch sonst als durch Begierde bewirkt (Pron.+Pron.+Kompos. Nom. Sg. n.)
Der unstillbaren Begierde ergeben, von Verstelltheit, Stolz und Rausch erfüllt, an falschen Auffassungen aus Verblendung festhaltend, handeln sie nach unreinen Gelübden.
Wort für Wort
kāmam āśritya duṣpūraṃ
der unstillbaren Begierde ergeben (Subst.+Gerund.+Adj. Akk. Sg. m.)
dambhamānamadānvitāḥ
von Verstelltheit, Stolz und Rausch erfüllt (Kompos. Nom. Pl. m.)
mohād gṛhītvā asadgrāhān
an falschen Auffassungen aus Verblendung festhaltend (Subst. Abl.+Gerund.+Kompos. Akk. Pl. m.)
pravartante 'śucivratāḥ
handeln sie nach unreinen Gelübden (Verb Präs. 3. Pl.+Kompos. Nom. Pl. m.)
Gebunden von hundert Fesseln der Hoffnung, der Begierde und dem Zorn ergeben, streben sie nach der Anhäufung von Reichtum durch Unrecht, um ihre Begierden zu befriedigen.
Wort für Wort
āśāpāśaśatair baddhāḥ
gebunden von hundert Fesseln der Hoffnung (Kompos. Instr. Pl. n.+Part. Nom. Pl. m.)
kāmakrodhaparāyaṇāḥ
der Begierde und dem Zorn ergeben (Kompos. Nom. Pl. m.)
īhante kāmabhogārtham
streben sie, um ihre Begierden zu befriedigen (Verb Präs. 3. Pl.+Kompos. Akk. Sg. m.)
anyāyena arthasaṃcayān
nach der Anhäufung von Reichtum durch Unrecht (Subst. Instr. Sg.+Kompos. Akk. Pl. m.)
Jener Feind wurde von mir erschlagen, und ich werde auch andere erschlagen; ich bin der Herr, ich bin der Genießer, ich bin vollkommen, mächtig und glücklich;
Wort für Wort
asau mayā hataḥ śatrur
jener Feind wurde von mir erschlagen (Pron.+Pron. Instr.+Part.+Subst. Nom. Sg. m.)
haniṣye ca aparān api
und ich werde auch andere erschlagen (Verb Fut. 1. Sg.+Pron. Akk. Pl. m.+Adv.)
īśvaro 'ham ahaṃ bhogī
ich bin der Herr, ich bin der Genießer (Subst.+Pron.+Pron.+Subst. Nom. Sg. m.)
siddho 'haṃ balavān sukhī
ich bin vollkommen, mächtig und glücklich (Adj.+Pron.+Adj.+Adj. Nom. Sg. m.)
Ich bin reich und von edler Herkunft; wer sonst ist mir gleich? Ich werde opfern, ich werde spenden, ich werde mich freuen' – so denken sie, von Unwissen verblendet.
Wort für Wort
āḍhyo 'bhijanavān asmi
ich bin reich und von edler Herkunft (Adj.+Adj.+Verb Präs. 1. Sg.)
ko 'nyo 'sti sadṛśo mayā
wer sonst ist mir gleich (Pron.+Pron.+Verb Präs. 3. Sg.+Adj.+Pron. Instr.)
yakṣye dāsyāmi modiṣya
ich werde opfern, ich werde spenden, ich werde mich freuen (Verb Fut. 1. Sg., drei Formen)
iti ajñānavimohitāḥ
so (denken sie), von Unwissen verblendet (Adv.+Kompos. Nom. Pl. m.)
ātmasaṃbhāvitāḥ stabdhā dhanamānamadānvitāḥ yajante nāmayajñais te dambhenāvidhipūrvakam
Selbstverliebt, starrsinnig, von Reichtum, Ehrgeiz und Rausch erfüllt, opfern sie nur dem Namen nach mit Opfern, aus Verstelltheit, ohne die vorgeschriebene Ordnung.
Wort für Wort
ātmasaṃbhāvitāḥ stabdhā
selbstverliebt, starrsinnig (Kompos.+Adj. Nom. Pl. m.)
dhanamānamadānvitāḥ
von Reichtum, Ehrgeiz und Rausch erfüllt (Kompos. Nom. Pl. m.)
yajante nāmayajñais te
sie opfern nur dem Namen nach mit Opfern (Verb Präs. 3. Pl.+Kompos. Instr. Pl. m.+Pron.)
dambhena avidhipūrvakam
aus Verstelltheit, ohne die vorgeschriebene Ordnung (Subst. Instr.+Kompos. Akk. Sg. n.)
Diese Hasser, die Grausamen, die niedrigsten der Menschen, werfe ich, die Unheilvollen, unaufhörlich in den Kreislauf der Wiedergeburten, in dämonische Mutterschöße.
Wort für Wort
tān ahaṃ dviṣataḥ krūrān
diese Hasser, die Grausamen, werfe ich (Pron.+Pron.+Part.+Adj. Akk. Pl. m.)
saṃsāreṣu narādhamān
in den Kreislauf der Wiedergeburten, die niedrigsten der Menschen (Subst. Lok. Pl. m.+Kompos. Akk. Pl. m.)
kṣipāmy ajasram aśubhān
ich werfe unaufhörlich, die Unheilvollen (Verb Präs. 1. Sg.+Adv.+Adj. Akk. Pl. m.)
āsurīṣv eva yoniṣu
in dämonische Mutterschöße (Adj.+Subst. Lok. Pl. f.)
yaḥ śāstravidhim utsṛjya vartate kāmakārataḥ na sa siddhim avāpnoti na sukhaṃ na parāṃ gatim
Wer aber die Vorschrift der heiligen Schriften missachtet und nach eigenem Begehren handelt, der erlangt weder Vollendung noch Glück noch das höchste Ziel.
Wort für Wort
yaḥ śāstravidhim utsṛjya
wer die Vorschrift der Schriften missachtet (Rel.-Pron.+Kompos. Akk.+Gerund.)
vartate kāmakārataḥ
und nach eigenem Begehren handelt (Verb Präs. 3. Sg.+Kompos. Abl. Sg. m.)
na sa siddhim avāpnoti
der erlangt weder Vollendung (Neg.+Pron.+Subst. Akk.+Verb Präs. 3. Sg.)
na sukhaṃ na parāṃ gatim
noch Glück noch das höchste Ziel (Neg.+Subst.+Neg.+Adj.+Subst. Akk. Sg., zweifach verneint)
tasmāc chāstraṃ pramāṇaṃ te kāryākāryavyavasthitau jñātvā śāstravidhānoktaṃ karma kartum ihārhasi
Deshalb sei dir die heilige Schrift Maßstab bei der Bestimmung dessen, was zu tun und was zu unterlassen ist; nachdem du erkannt hast, was in der Schrift vorgeschrieben ist, sollst du hier entsprechend handeln.“
Wort für Wort
tasmāc chāstraṃ pramāṇaṃ te
deshalb sei dir die heilige Schrift Maßstab (Adv.+Subst.+Subst. Nom. Sg. n.+Pron. Dat.)
kāryākāryavyavasthitau
bei der Bestimmung dessen, was zu tun und zu unterlassen ist (Kompos. Lok. Sg. f.)
jñātvā śāstravidhānoktaṃ karma
nachdem du erkannt hast, was in der Schrift vorgeschrieben ist, die Handlung (Gerund.+Kompos. Akk.+Subst. Akk. Sg. n.)
kartum iha arhasi
sollst du hier entsprechend handeln (Infin.+Adv.+Verb Präs. 2. Sg.)