Kapitel 117: Karṇabhīṣmasamāgama
Der zehnte Tag: Karṇas Versöhnung mit Bhīṣma
Nachdem sich die Könige beider Heere zurückgezogen haben, eilt Karṇa, sobald er vom Sturz Bhīṣmas hört, ergriffen zu dessen Pfeillager. In einer bewegenden Versöhnungsszene erkennt Bhīṣma offen Karṇas wahre Herkunft als Sohn der Kuntī an, versichert ihm, dass er ihn nie gehasst habe, sondern ihn aus Sorge um seine Feindschaft zu den Pāṇḍavas nur hart zurechtgewiesen habe, rühmt seine Tugenden und Waffenkunst und bittet ihn eindringlich, sich mit seinen leiblichen Brüdern, den Pāṇḍavas, zu versöhnen. Karṇa gesteht, um seine Herkunft zu wissen, doch angesichts seiner Verpflichtung gegenüber Duryodhana könne er nicht anders handeln, und bittet um Bhīṣmas Erlaubnis zu kämpfen sowie um Verzeihung für frühere harte Worte. Da Versöhnung sich als unmöglich erwiesen hat, gewährt Bhīṣma ihm seinen Segen zum Kampf im Namen kṣatriyischer Pflicht. Karṇa verabschiedet sich ehrfürchtig und fährt zu Duryodhana zurück. Mit diesem Kapitel endet das Bhīṣmaparva; der überlieferte kritische Apparat schließt mit der traditionellen Phala-Śruti (der Verheißung des Verdienstes, der dem Hören dieses Parva zukommt) und der Angabe seines Gesamtumfangs von 5.884 Ślokas, verfasst von Vyāsa.
śrutvā tu nihataṃ bhīṣmaṃ rādheyaḥ puruṣarṣabhaḥ īṣad āgatasaṃtrāsaḥ tvarayopajagāma ha
Als aber der Sohn der Rādhā [Karṇa], der Stier unter den Männern, hörte, dass Bhīṣma gefallen war, näherte er sich eilends, von leichtem Schrecken ergriffen.
Wort für Wort
śrutvā tu nihataṃ bhīṣmaṃ rādheyaḥ puruṣarṣabhaḥ
als aber der Sohn der Rādhā, der Stier unter den Männern, hörte, dass Bhīṣma gefallen war (Ger. śru- + Konj. + Akk.Past.Part. + Akk. + Nom. + Nom.)
īṣad āgatasaṃtrāsaḥ tvarayopajagāma ha
näherte er sich eilends, von leichtem Schrecken ergriffen (Adv. + Nom.Bah. + Instr.+3.Sg.Perf. gam- + Partikel)
Da rief jener Stier [Karṇa], die Kehle von Tränen erstickt, beim Anblick des Helden mit geschlossenen Augen: 'Bhīṣma, Bhīṣma, du Starkarmiger!' — und der Glanzvolle näherte sich und fiel zu dessen Füßen nieder.
Wort für Wort
nimīlitākṣaṃ taṃ vīraṃ sāśrukaṇṭhas tadā vṛṣaḥ
jener Stier, die Kehle von Tränen erstickt, beim Anblick des Helden mit geschlossenen Augen (Akk.Bah. + Akk. + Akk. + Nom.Bah. + Adv. + Nom.)
abhyetya pādayos tasya nipapāta mahādyutiḥ
näherte sich und fiel zu dessen Füßen nieder, der Glanzvolle (Ger. i- + Lok.Dual. + Gen. + 3.Sg.Perf. pat- + Nom.Bah.)
[Anm.: V.4 bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat findet sich nach V.4a die Zusatzzeile *0504_01 (bhīṣma bhīṣma mahābāho ity uvāca mahādyutiḥ, 'Bhīṣma, Bhīṣma, o Starkarmiger! so sprach der Glanzvolle'), ein kurzer, formelhafter Ausruf, der hier – anders als die üblichen redundanten Apparatuszeilen – mit einfachen ASCII-Anführungszeichen (nicht CQ) in die Übersetzung aufgenommen wird, da er den emotionalen Höhepunkt der Szene treffend wiedergibt.]
„Ich bin der Sohn der Rādhā, o Bester der Kurus, dir stets vor Augen, dir überaus verhasst, obgleich schuldlos“ — so sprach er zu ihm.
Wort für Wort
rādheyo 'haṃ kuruśreṣṭha nityaṃ cāṣkigatas tava
ich bin der Sohn der Rādhā, o Bester der Kurus, dir stets vor Augen (Nom. + Nom. + Vok. + Adv. + Konj.+Nom.Bah. + Gen.)
dveṣyo 'tyantam anāgāḥ sann iti cainam uvāca ha
dir überaus verhasst, obgleich schuldlos — so sprach er zu ihm (Nom. + Adv. + Nom.Bah. + Nom.Präs.Part. + Partikel + Konj.+Akk. + 3.Sg.Perf. brū- + Partikel)
[Anm.: V.5 bildet eine Einheit; Karṇas kurze, in sich geschlossene Selbstvorstellung (CQ_OPEN...CQ_CLOSE).]
ehy ehi me vipratīpa spardhase tvaṃ mayā saha yadi māṃ nābhigacchethā na te śreyo bhaved dhruvam
„Komm, komm her, mein Widersacher! Du wetteiferst mit mir. Wärest du nicht zu mir gekommen, das wäre für dich gewiss nicht gut gewesen.
Wort für Wort
ehy ehi me vipratīpa spardhase tvaṃ mayā saha
komm, komm her, mein Widersacher! Du wetteiferst mit mir (2.Sg.Imp. i- + 2.Sg.Imp. i- + Gen. + Vok. + 2.Sg.Präs.Med. spardh- + Nom. + Instr. + Präp.)
yadi māṃ nābhigacchethā na te śreyo bhaved dhruvam
wärest du nicht zu mir gekommen, das wäre für dich gewiss nicht gut gewesen (Konj. + Akk. + Neg.+2.Sg.Opt. gam- + Neg. + Gen. + Nom. + 3.Sg.Opt. bhū- + Adv.)
[Anm.: V.8 bildet eine Einheit; Beginn von Bhīṣmas Rede an Karṇa (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.20).]
kaunteyas tvaṃ na rādheyo vidito nāradān mama kṛṣṇadvaipāyanāc caiva keśavāc ca na saṃśayaḥ
Du bist der Sohn der Kuntī, nicht der Sohn der Rādhā — mir bekannt durch Nārada, und auch durch Kṛṣṇa Dvaipāyana und durch Keśava; daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
kaunteyas tvaṃ na rādheyo vidito nāradān mama
du bist der Sohn der Kuntī, nicht der Sohn der Rādhā — mir bekannt durch Nārada (Nom. + Nom. + Neg. + Nom. + Nom.Past.Part.Pass. + Abl. + Gen.)
kṛṣṇadvaipāyanāc caiva keśavāc ca na saṃśayaḥ
und auch durch Kṛṣṇa Dvaipāyana und durch Keśava; daran besteht kein Zweifel (Abl. + Konj. + Abl. + Konj. + Neg. + Nom.)
[Anm.: V.9 bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat findet sich nach V.9a die Zusatzzeile *0505_01/02, die bereits im überlieferten Wortlaut eine Textlücke aufweist (**** ****, 'nicht Adhirathaḥ ist dein Vater, o Starkarmiger, du bist ein Sohn der Sonne'); wegen dieser im Apparat selbst markierten Lücke und da sie inhaltlich redundant zum Hauptvers ist, wird sie nicht in den Haupttext übernommen [?].]
na ca dveṣo 'sti me tāta tvayi satyaṃ bravīmi te tejovadhanimittaṃ tu paruṣāṇy aham uktavān
Und keinerlei Hass hege ich gegen dich, mein Sohn; die Wahrheit sage ich dir. Doch um deinen [übermäßigen] Glanz zu mindern, habe ich harte Worte gesprochen.
Wort für Wort
na ca dveṣo 'sti me tāta tvayi satyaṃ bravīmi te
und keinerlei Hass hege ich gegen dich, mein Sohn; die Wahrheit sage ich dir (Neg. + Konj. + Nom. + 3.Sg.Präs. as- + Gen. + Vok. + Lok. + Akk. + 1.Sg.Präs. brū- + Gen.)
tejovadhanimittaṃ tu paruṣāṇy aham uktavān
doch um deinen Glanz zu mindern, habe ich harte Worte gesprochen (Akk. + Konj. + Akk.Pl. + Nom. + Nom.Past.Part.)
akasmāt pāṇḍavān hi tvaṃ dviṣasīti matir mama yenāsi bahuśo rūkṣaṃ coditaḥ sūryanandana
Denn es ist meine Meinung, dass du die Pāṇḍavas ohne Grund hasst, o Sohn der Sūrya, weshalb du von mir oft mit Härte zurechtgewiesen wurdest.
Wort für Wort
akasmāt pāṇḍavān hi tvaṃ dviṣasīti matir mama
denn es ist meine Meinung, dass du die Pāṇḍavas ohne Grund hasst (Adv. + Akk.Pl. + Partikel + Nom. + 2.Sg.Präs.+Partikel + Nom. + Gen.)
yenāsi bahuśo rūkṣaṃ coditaḥ sūryanandana
o Sohn der Sūrya, weshalb du von mir oft mit Härte zurechtgewiesen wurdest (Instr.Relativ+2.Sg.Präs. as- + Adv. + Akk. + Nom.Past.Part.Pass. + Vok.)
[Anm.: V.11 bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat findet sich nach V.11c die dreizeilige Zusatzpassage *0506_01-03 (jāto 'si dharmalopena tatas te buddhir īdṛśī nīcāśrayān matsareṇa dveṣiṇī guṇinām api tenāsi bahuśo rūkṣaṃ śrāvitaḥ kurusaṃsadi, 'du bist durch eine Verletzung des Dharma geboren, daher ist dein Verstand so beschaffen, aus Neid selbst gegenüber den Tugendhaften feindselig, wegen niedriger Zuflucht; deshalb wurde dir oft Hartes in der Versammlung der Kurus zu hören gegeben'), eine inhaltlich ausmalende, redundante Erweiterung, die nicht in den Haupttext übernommen wird.]
jānāmi samare vīryaṃ śatrubhir duḥsahaṃ tava brahmaṇyatāṃ ca śauryaṃ ca dāne ca paramāṃ gatim
Ich kenne deine im Kampf für Feinde unerträgliche Tapferkeit, deine Ehrerbietung gegenüber den Brahmanen, deine Heldenhaftigkeit und deine höchste Stellung im Schenken.
Wort für Wort
jānāmi samare vīryaṃ śatrubhir duḥsahaṃ tava
ich kenne deine im Kampf für Feinde unerträgliche Tapferkeit (1.Sg.Präs. jñā- + Lok. + Akk. + Instr.Pl. + Akk. + Gen.)
brahmaṇyatāṃ ca śauryaṃ ca dāne ca paramāṃ gatim
deine Ehrerbietung gegenüber den Brahmanen, deine Heldenhaftigkeit und deine höchste Stellung im Schenken (Akk. + Konj. + Akk. + Konj. + Lok. + Konj. + Akk. + Akk.)
na tvayā sadṛśaḥ kaś cit puruṣeṣv amaropama kulabhedaṃ ca matvāhaṃ sadā paruṣam uktavān
Niemand ist dir gleich unter den Menschen, du Unsterblichen-Gleicher; doch an die Spaltung deiner Herkunft denkend, habe ich stets harte Worte gesprochen.
Wort für Wort
na tvayā sadṛśaḥ kaś cit puruṣeṣv amaropama
niemand ist dir gleich unter den Menschen, du Unsterblichen-Gleicher (Neg. + Instr. + Nom. + Nom. + Partikel + Lok.Pl. + Vok.Bah.)
kulabhedaṃ ca matvāhaṃ sadā paruṣam uktavān
doch an die Spaltung deiner Herkunft denkend, habe ich stets harte Worte gesprochen (Akk. + Konj. + Ger.+Nom. + Adv. + Akk. + Nom.Past.Part.)
iṣvastre bhārasaṃdhāne lāghave 'strabale tathā sadṛśaḥ phalgunenāsi kṛṣṇena ca mahātmanā
In der Bogenkunst, im Anlegen der Pfeile, in der Behändigkeit sowie in der Kraft der Waffen bist du dem Phalguna und dem hochgesinnten Kṛṣṇa ebenbürtig.
Wort für Wort
iṣvastre bhārasaṃdhāne lāghave 'strabale tathā
in der Bogenkunst, im Anlegen der Pfeile, in der Behändigkeit sowie in der Kraft der Waffen (Lok. + Lok. + Lok. + Lok. + Adv.)
sadṛśaḥ phalgunenāsi kṛṣṇena ca mahātmanā
bist du dem Phalguna und dem hochgesinnten Kṛṣṇa ebenbürtig (Nom. + Instr.+2.Sg.Präs. as- + Instr. + Konj. + Instr.)
O Karṇa, du bist allein, den Bogen in der Hand, zu den Königsstädten gezogen, und um des Kuru-Königs willen wurden von dir Könige im Kampf niedergeworfen.
Wort für Wort
karṇa rājapuraṃ gatvā tvayaikena dhanuṣmatā
o Karṇa, du bist allein, den Bogen in der Hand, zu den Königsstädten gezogen (Vok. + Akk. + Ger. gam- + Instr.+Instr. + Instr.Bah.)
tasyārthe kururājasya rājāno mṛditā yudhi
und um des Kuru-Königs willen wurden von dir Könige im Kampf niedergeworfen (Gen.+Lok. + Gen. + Nom.Pl. + Nom.Past.Part.Pass.Pl. + Lok.)
[Anm.: V.15 bildet eine Einheit; Anspielung auf Karṇas Eroberungsfeldzug (Digvijaya) im Auftrag Duryodhanas.]
vyapanīto 'dya manyur me yas tvāṃ prati purā kṛtaḥ daivaṃ puruṣakāreṇa na śakyam ativartitum
Heute ist der Zorn, den ich einst gegen dich hegte, gewichen. Das Schicksal lässt sich durch menschliches Bemühen nicht überwinden.
Wort für Wort
vyapanīto 'dya manyur me yas tvāṃ prati purā kṛtaḥ
heute ist der Zorn, den ich einst gegen dich hegte, gewichen (Nom.Past.Part.Pass. + Adv. + Nom. + Gen. + Nom.Relativ + Akk. + Präp. + Adv. + Nom.Past.Part.Pass.)
daivaṃ puruṣakāreṇa na śakyam ativartitum
das Schicksal lässt sich durch menschliches Bemühen nicht überwinden (Nom. + Instr. + Neg. + Nom.Ger.Verb. + Inf. vṛt-)
sodaryāḥ pāṇḍavā vīrā bhrātaras te 'risūdana saṃgaccha tair mahābāho mama ced icchasi priyam
Die heldenhaften Pāṇḍavas sind deine leiblichen Brüder, o Feindevernichter; vereine dich mit ihnen, Starkarmiger, wenn du mir eine Freude bereiten willst.
Wort für Wort
sodaryāḥ pāṇḍavā vīrā bhrātaras te 'risūdana
die heldenhaften Pāṇḍavas sind deine leiblichen Brüder, o Feindevernichter (Nom.Pl. + Nom.Pl. + Nom.Pl. + Nom.Pl. + Gen. + Vok.)
saṃgaccha tair mahābāho mama ced icchasi priyam
vereine dich mit ihnen, Starkarmiger, wenn du mir eine Freude bereiten willst (2.Sg.Imp. gam- + Instr.Pl. + Vok. + Gen. + Konj. + 2.Sg.Präs. iṣ- + Akk.)
karṇa uvāca jānāmy ahaṃ mahāprājña sarvam etan na saṃśayaḥ yathā vadasi durdharṣa kaunteyo 'haṃ na sūtajaḥ
Karṇa sprach: „Ich weiß, o Hochweiser, dies alles — kein Zweifel besteht; wie du sagst, o Unbezwingbarer, bin ich der Sohn der Kuntī, nicht der Sohn eines Sūta.
Wort für Wort
karṇa uvāca
Karṇa sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
jānāmy ahaṃ mahāprājña sarvam etan na saṃśayaḥ
ich weiß, o Hochweiser, dies alles — kein Zweifel besteht (1.Sg.Präs. jñā- + Nom. + Vok. + Akk. + Akk. + Neg. + Nom.)
yathā vadasi durdharṣa kaunteyo 'haṃ na sūtajaḥ
wie du sagst, o Unbezwingbarer, bin ich der Sohn der Kuntī, nicht der Sohn eines Sūta (Adv. + 2.Sg.Präs. vad- + Vok. + Nom. + Nom. + Neg. + Nom.)
[Anm.: V.21 bildet eine Einheit; Beginn von Karṇas Antwort (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.28).]
avakīrṇas tv ahaṃ kuntyā sūtena ca vivardhitaḥ bhuktvā duryodhanaiśvaryaṃ na mithyā kartum utsahe
Doch ich wurde von Kuntī ausgesetzt und von einem Sūta aufgezogen; nachdem ich Duryodhanas Herrschaft genossen habe, bringe ich es nicht über mich, sie zu verraten.
Wort für Wort
avakīrṇas tv ahaṃ kuntyā sūtena ca vivardhitaḥ
doch ich wurde von Kuntī ausgesetzt und von einem Sūta aufgezogen (Nom.Past.Part.Pass. + Konj. + Nom. + Instr. + Instr. + Konj. + Nom.Past.Part.Pass.)
bhuktvā duryodhanaiśvaryaṃ na mithyā kartum utsahe
nachdem ich Duryodhanas Herrschaft genossen habe, bringe ich es nicht über mich, sie zu verraten (Ger. bhuj- + Akk. + Neg. + Adv. + Inf. kṛ- + 1.Sg.Präs.Med. utsah-)
[Anm.: V.22 bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat findet sich nach V.22c die Zusatzzeile *0507_01 (vasudevasuto yadvat pāṇḍavāya dṛḍhavrataḥ, 'so wie der Sohn des Vasudeva [Kṛṣṇa] dem Pāṇḍava fest ergeben ist'), ein vergleichendes, inhaltlich redundantes Bild, das nicht in den Haupttext übernommen wird.]
vasu caiva śarīraṃ ca yad udāraṃ tathā yaśaḥ sarvaṃ duryodhanasyārthe tyaktaṃ me bhūridakṣiṇa kopitāḥ pāṇḍavā nityaṃ mayāśritya suyodhanam
Sowohl Reichtum als auch diesen Leib, und desgleichen meinen edlen Ruhm — alles habe ich um Duryodhanas willen aufgegeben, o Freigebiger. Die Pāṇḍavas wurden von mir stets erzürnt, da ich mich auf Suyodhana gestützt habe.
Wort für Wort
vasu caiva śarīraṃ ca yad udāraṃ tathā yaśaḥ
sowohl Reichtum als auch diesen Leib, und desgleichen meinen edlen Ruhm (Akk. + Konj. + Akk. + Konj. + Nom.Relativ + Akk. + Adv. + Akk.)
sarvaṃ duryodhanasyārthe tyaktaṃ me bhūridakṣiṇa
alles habe ich um Duryodhanas willen aufgegeben, o Freigebiger (Akk. + Gen.+Lok. + Nom.Past.Part.Pass. + Gen. + Vok.Bah.)
kopitāḥ pāṇḍavā nityaṃ mayāśritya suyodhanam
die Pāṇḍavas wurden von mir stets erzürnt, da ich mich auf Suyodhana gestützt habe (Nom.Past.Part.Pass.Pl. + Nom.Pl. + Adv. + Instr.+Ger. śri- + Akk.)
[Anm.: V.23 (dreigliedriger Vers a/c/e) bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat finden sich nach V.23e zwei Zusatzzeilen (*0508_01 tathā duryodhanasyārthe vīramārganiṣeviṇā, 'ebenso um Duryodhanas willen, dem Pfad der Helden folgend'; *0509_01 mā caitad vyādhimaraṇaṃ kṣatraṃ syād iti kaurava, 'möge dies nicht der Tod eines Kṣatriya durch Krankheit sein, o Kaurava'), lose angefügte, inhaltlich redundante bzw. fragmentarisch anmutende Ergänzungen, die nicht in den Haupttext übernommen werden [?].]
pāṇḍavā vāsudevaś ca viditā mama sarvaśaḥ ajeyāḥ puruṣair anyair iti tāṃś cotsahāmahe
Die Pāṇḍavas und Vāsudeva sind mir in jeder Hinsicht bekannt als unbesiegbar durch andere Männer — dennoch setze ich mich gegen sie zur Wehr.
Wort für Wort
pāṇḍavā vāsudevaś ca viditā mama sarvaśaḥ
die Pāṇḍavas und Vāsudeva sind mir in jeder Hinsicht bekannt (Nom.Pl. + Nom. + Konj. + Nom.Past.Part.Pass. + Gen. + Adv.)
ajeyāḥ puruṣair anyair iti tāṃś cotsahāmahe
als unbesiegbar durch andere Männer — dennoch setze ich mich gegen sie zur Wehr (Nom.Pl.Ger.Verb. + Instr.Pl. + Instr.Pl. + Partikel + Akk.Pl.+Konj. + 1.Pl.Präs.Med. utsah-)
[Anm.: V.26 bildet eine Einheit. Im kritischen Apparat finden sich nach V.26c vier Zusatzzeilen (*0510_01-03, *0511_01: vijayiṣye raṇe pāṇḍūn iti me niścitaṃ matam na cec chakyam avasraṣṭuṃ vairam etat sudāruṇam dhanaṃjayena yotsye 'haṃ svadharmaprītamānasaḥ adharmaṃ vyādhimaraṇaṃ kṣatriyasya pitāmaha, 'ich werde die Pāṇḍus im Kampf besiegen — das ist mein fester Entschluss; wenn diese überaus schreckliche Feindschaft nicht abgelegt werden kann, werde ich mit Dhanaṃjaya kämpfen, meinem eigenen Dharma zugetanen Sinnes; der Tod durch Krankheit wäre für einen Kṣatriya unrecht, o Großvater'), inhaltlich vorwegnehmende, redundante Erweiterungen (die entsprechenden Gedanken folgen im Haupttext in V.28-29), die nicht in den Haupttext übernommen werden.]
Gib mir deine Erlaubnis, Vater, stets wohlgesinnten Herzens, für die Schlacht; von dir erlaubt, o Held, möchte ich kämpfen — das ist mein Entschluss.
Wort für Wort
anujānīṣva māṃ tāta yuddhe prītamanāḥ sadā
gib mir deine Erlaubnis, Vater, stets wohlgesinnten Herzens, für die Schlacht (2.Sg.Imp.Med. jñā- + Akk. + Vok. + Lok. + Nom.Bah. + Adv.)
anujñātas tvayā vīra yudhyeyam iti me matiḥ
von dir erlaubt, o Held, möchte ich kämpfen — das ist mein Entschluss (Nom.Past.Part.Pass. + Instr. + Vok. + 1.Sg.Opt.Med. yudh- + Partikel + Gen. + Nom.)
duruktaṃ vipratīpaṃ vā saṃrambhāc cāpalāt tathā yan mayāpakṛtaṃ kiṃ cit tad anukṣantum arhasi
Welch hartes oder widerspenstiges Wort, aus Erregung oder Unbesonnenheit, welches Unrecht auch immer von mir begangen wurde — das mögest du verzeihen.“
Wort für Wort
duruktaṃ vipratīpaṃ vā saṃrambhāc cāpalāt tathā
welch hartes oder widerspenstiges Wort, aus Erregung oder Unbesonnenheit (Akk. + Akk. + Konj. + Abl. + Konj.+Abl. + Adv.)
yan mayāpakṛtaṃ kiṃ cit tad anukṣantum arhasi
welches Unrecht auch immer von mir begangen wurde — das mögest du verzeihen (Nom.Relativ + Instr.+Nom.Past.Part.Pass. + Akk. + Partikel + Akk. + Inf. kṣam- + 2.Sg.Präs. arh-)
[Anm.: V.28 bildet eine Einheit; Abschluss von Karṇas Antwort (CQ_CLOSE).]
Bhīṣma sprach: „Wenn diese überaus schreckliche Feindschaft in der Tat nicht abgelegt werden kann, so erlaube ich dir, Karṇa: kämpfe, im Verlangen nach dem Himmel.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
na cec chakyam athotsraṣṭuṃ vairam etat sudāruṇam
wenn diese überaus schreckliche Feindschaft in der Tat nicht abgelegt werden kann (Neg. + Konj. + Nom.Ger.Verb. + Adv.+Inf. sṛj- + Akk. + Akk. + Akk.)
anujānāmi karṇa tvāṃ yudhyasva svargakāmyayā
so erlaube ich dir, Karṇa: kämpfe, im Verlangen nach dem Himmel (1.Sg.Präs. jñā- + Vok. + Akk. + 2.Sg.Imp.Med. yudh- + Instr.)
[Anm.: V.29 bildet eine Einheit; Beginn von Bhīṣmas Erlaubnis an Karṇa (CQ_OPEN, fortgesetzt bis V.33).]
ahaṃ tvām anujānāmi yad icchasi tad āpnuhi kṣatradharmajitāṃl lokān saṃprāpsyasi na saṃśayaḥ
Ich gebe dir die Erlaubnis; erlange, was du begehrst. Du wirst die durch die Kṣatriya-Pflicht gewonnenen Welten erreichen — daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
ahaṃ tvām anujānāmi yad icchasi tad āpnuhi
ich gebe dir die Erlaubnis; erlange, was du begehrst (Nom. + Akk. + 1.Sg.Präs. jñā- + Akk.Relativ + 2.Sg.Präs. iṣ- + Akk. + 2.Sg.Imp. āp-)
kṣatradharmajitāṃl lokān saṃprāpsyasi na saṃśayaḥ
du wirst die durch die Kṣatriya-Pflicht gewonnenen Welten erreichen — daran besteht kein Zweifel (Akk.Pl.Bah. + Akk.Pl. + 2.Sg.Fut. āp- + Neg. + Nom.)
yudhyasva nirahaṃkāro balavīryavyapāśrayaḥ dharmo hi yuddhāc chreyo 'nyat kṣatriyasya na vidyate
Kämpfe, frei von Ichsucht, gestützt auf deine Kraft und Tapferkeit; denn für einen Kṣatriya gibt es keine andere Pflicht, die höher wäre als der Kampf.
Wort für Wort
yudhyasva nirahaṃkāro balavīryavyapāśrayaḥ
kämpfe, frei von Ichsucht, gestützt auf deine Kraft und Tapferkeit (2.Sg.Imp.Med. yudh- + Nom.Bah. + Nom.Bah.)
dharmo hi yuddhāc chreyo 'nyat kṣatriyasya na vidyate
denn für einen Kṣatriya gibt es keine andere Pflicht, die höher wäre als der Kampf (Nom. + Partikel + Abl. + Nom. + Nom. + Gen. + Neg. + 3.Sg.Präs.Pass. vid-)
praśame hi kṛto yatnaḥ sucirāt suciraṃ mayā na caiva śakitaḥ kartuṃ yato dharmas tato jayaḥ
Um Frieden nämlich habe ich mich schon sehr, sehr lange bemüht, und vermochte es doch nicht zu bewirken. Wo das Recht ist, dort ist der Sieg.“
Wort für Wort
praśame hi kṛto yatnaḥ sucirāt suciraṃ mayā
um Frieden nämlich habe ich mich schon sehr, sehr lange bemüht (Lok. + Partikel + Nom.Past.Part.Pass. + Nom. + Abl. + Akk. + Instr.)
na caiva śakitaḥ kartuṃ yato dharmas tato jayaḥ
und vermochte es doch nicht zu bewirken. Wo das Recht ist, dort ist der Sieg (Neg. + Konj.+Partikel + Nom.Past.Part. + Inf. kṛ- + Adv. + Nom. + Adv. + Nom.)
[Anm.: V.33 bildet eine Einheit; Abschluss von Bhīṣmas Rede an Karṇa (CQ_CLOSE).]
saṃjaya uvāca evaṃ bruvantaṃ gāṅgeyam abhivādya prasādya ca rādheyo ratham āruhya prāyāt tava sutaṃ prati
Saṃjaya sprach: Nachdem er so den also sprechenden Sohn der Gaṅgā ehrfürchtig gegrüßt und besänftigt hatte, bestieg der Sohn der Rādhā seinen Wagen und fuhr zu deinem Sohn.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Nom. + 3.Sg.Perf. vac-)
evaṃ bruvantaṃ gāṅgeyam abhivādya prasādya ca
nachdem er so den also sprechenden Sohn der Gaṅgā ehrfürchtig gegrüßt und besänftigt hatte (Adv. + Akk.Präs.Part. + Akk. + Ger. vad- + Ger. sad- + Konj.)
rādheyo ratham āruhya prāyāt tava sutaṃ prati
bestieg der Sohn der Rādhā seinen Wagen und fuhr zu deinem Sohn (Nom. + Akk. + Ger. ruh- + 3.Sg.Impf. i- + Gen. + Akk. + Präp.)
[Anm.: V.34 bildet eine Einheit; letzter Vers des Bhīṣmaparva. Der kritische Apparat fügt nach V.34d eine sehr umfangreiche, aus ca. 34 Zeilen (*0512_01-15, *0513_01-04) bestehende Passage an – die traditionelle Phala-Śruti (Verheißung des Verdienstes, den das Hören dieses Parva mit Hingabe verschafft, u.a. Befreiung von seit der Geburt angehäufter Sünde, Gleichsetzung mit dem Verdienst tausend Aśvamedha- und hundert Rājasūya-Opfer) sowie die Angabe des Gesamtumfangs des Bhīṣmaparva: 5.884 Ślokas (pañca sahasrāṇi, aṣṭau śatāni, caturāśītiḥ ślokāḥ), verfasst von dem weisen Vyāsa. Als formelhafter Kolophon-Text am Buchende wird diese Passage hier nicht Vers für Vers übersetzt, ihr Inhalt jedoch dokumentiert. Mit V.34 endet das Bhīṣmaparva (Buch 6) nach 117 Kapiteln; die Erzählung wird im folgenden Droṇaparva (Buch 7) fortgesetzt.]