Kapitel 36: Guṇatrayavibhāgayogaḥ
Bhagavad Gītā XIV: Das Yoga der Unterscheidung der drei Guṇas
Dieses Kapitel bildet zugleich das vierzehnte Kapitel der Bhagavadgītā (Guṇatrayavibhāgayoga) innerhalb des Bhīṣmaparvans. Arjunas kurze Zwischenfrage (V021) unterbricht Kṛṣṇas Lehre; dessen anschließende Antwort setzt sich unmittelbar in das folgende Kapitel fort.
Der Erhabene sprach: Weiter will ich noch das höchste Wissen verkünden, das erhabenste der Erkenntnisse, durch dessen Erkenntnis alle Weisen von hier die höchste Vollendung erlangt haben.
Wort für Wort
śrībhagavān uvāca
der Erhabene sprach (Subst.+Verb Perf. 3. Sg.)
paraṃ bhūyaḥ pravakṣyāmi
weiter will ich das höchste verkünden (Adj.+Adv.+Verb Fut. 1. Sg.)
jñānānāṃ jñānam uttamam
das erhabenste Wissen der Erkenntnisse (Subst. Gen. Pl.+Subst.+Adj. Akk. Sg. n.)
yaj jñātvā munayaḥ sarve
durch dessen Erkenntnis alle Weisen (Rel.-Pron.+Gerund.+Subst. Nom. Pl. m.)
parāṃ siddhim ito gatāḥ
von hier die höchste Vollendung erlangt haben (Adj.+Subst. Akk. Sg. f.+Adv.+Part. Nom. Pl. m.)
idaṃ jñānam upāśritya mama sādharmyam āgatāḥ sarge 'pi nopajāyante pralaye na vyathanti ca
Auf dieses Wissen gestützt, sind sie zu meiner Wesensgleichheit gelangt; auch bei der Schöpfung werden sie nicht wiedergeboren, und bei der Auflösung geraten sie nicht in Unruhe.
Wort für Wort
idaṃ jñānam upāśritya
auf dieses Wissen gestützt (Pron.+Subst. Akk.+Gerund.)
mama sādharmyam āgatāḥ
zu meiner Wesensgleichheit gelangt (Pron. Gen.+Subst. Akk. Sg. n.+Part. Nom. Pl. m.)
sarge 'pi na upajāyante
auch bei der Schöpfung werden sie nicht wiedergeboren (Subst. Lok. Sg.+Adv.+Neg.+Verb Präs. 3. Pl.)
pralaye na vyathanti ca
und bei der Auflösung geraten sie nicht in Unruhe (Subst. Lok. Sg.+Neg.+Verb Präs. 3. Pl.)
Sattva, Rajas und Tamas – dies sind die aus der Prakṛti entstandenen Eigenschaften; sie binden, o Starkarmiger, im Körper den unvergänglichen Verkörperten.
Wort für Wort
sattvaṃ rajas tama iti guṇāḥ
Sattva, Rajas und Tamas – dies sind die Eigenschaften (Subst. Nom. Sg., drei Begriffe+Subst. Nom. Pl. m.)
prakṛtisaṃbhavāḥ
aus der Prakṛti entstanden (Kompos. Nom. Pl. m.)
nibadhnanti mahābāho dehe
sie binden, o Starkarmiger, im Körper (Verb Präs. 3. Pl.+Subst. Vok. Sg. m.+Subst. Lok. Sg. m.)
dehinam avyayam
den unvergänglichen Verkörperten (Subst.+Adj. Akk. Sg. m.)
rajo rāgātmakaṃ viddhi tṛṣṇāsaṅgasamudbhavam tan nibadhnāti kaunteya karmasaṅgena dehinam
Wisse, dass Rajas von der Natur der Leidenschaft ist, aus Verlangen und Anhaften entstanden; es bindet, o Sohn der Kuntī, den Verkörperten durch Anhaften an das Handeln.
Wort für Wort
rajo rāgātmakaṃ viddhi
wisse, dass Rajas von der Natur der Leidenschaft ist (Subst.+Kompos. Akk. Sg. n.+Verb Imp. 2. Sg.)
tṛṣṇāsaṅgasamudbhavam
aus Verlangen und Anhaften entstanden (Kompos. Akk. Sg. n.)
tan nibadhnāti kaunteya
es bindet, o Sohn der Kuntī (Pron.+Verb Präs. 3. Sg.+Subst. Vok. Sg. m.)
karmasaṅgena dehinam
den Verkörperten durch Anhaften an das Handeln (Kompos. Instr. Sg. m.+Subst. Akk. Sg. m.)
Stirbt er, während Rajas vorherrscht, wird er unter denen geboren, die am Handeln haften; stirbt er ebenso in Tamas, wird er in verblendeten Mutterschößen geboren.
Wort für Wort
rajasi pralayaṃ gatvā
stirbt er, während Rajas (vorherrscht) (Subst. Lok.+Subst. Akk.+Gerund.)
karmasaṅgiṣu jāyate
wird er unter den am Handeln Haftenden geboren (Kompos. Lok. Pl. m.+Verb Präs. 3. Sg.)
tathā pralīnas tamasi
ebenso, wenn er in Tamas stirbt (Adv.+Part. Nom. Sg. m.+Subst. Lok.)
mūḍhayoniṣu jāyate
wird er in verblendeten Mutterschößen geboren (Kompos. Lok. Pl. f.+Verb Präs. 3. Sg.)
Die in Sattva Verweilenden gehen nach oben, die Rajasigen bleiben in der Mitte; die im Wirken der niedrigsten Eigenschaft Verharrenden, die Tamasigen, gehen nach unten.
Wort für Wort
ūrdhvaṃ gacchanti sattvasthā
die in Sattva Verweilenden gehen nach oben (Adv.+Verb Präs. 3. Pl.+Adj. Nom. Pl. m.)
madhye tiṣṭhanti rājasāḥ
die Rajasigen bleiben in der Mitte (Subst. Lok.+Verb Präs. 3. Pl.+Adj. Nom. Pl. m.)
jaghanyaguṇavṛttasthā
im Wirken der niedrigsten Eigenschaft Verharrende (Kompos. Nom. Pl. m.)
adho gacchanti tāmasāḥ
gehen die Tamasigen nach unten (Adv.+Verb Präs. 3. Pl.+Adj. Nom. Pl. m.)
nānyaṃ guṇebhyaḥ kartāraṃ yadā draṣṭānupaśyati guṇebhyaś ca paraṃ vetti madbhāvaṃ so 'dhigacchati
Wenn der Schauende keinen anderen Handelnden außer den Eigenschaften erblickt und erkennt, was jenseits der Eigenschaften ist, gelangt er zu meinem Wesen.
Wort für Wort
na anyaṃ guṇebhyaḥ kartāraṃ
keinen anderen Handelnden außer den Eigenschaften (Neg.+Adj.+Subst. Abl. Pl.+Subst. Akk. Sg. m.)
yadā draṣṭā anupaśyati
wenn der Schauende erblickt (Adv.+Subst. Nom. Sg. m.+Verb Präs. 3. Sg.)
guṇebhyaś ca paraṃ vetti
und erkennt, was jenseits der Eigenschaften ist (Subst. Abl. Pl.+Adj.+Verb Präs. 3. Sg.)
madbhāvaṃ so 'dhigacchati
gelangt er zu meinem Wesen (Kompos. Akk. Sg. m.+Pron.+Verb Präs. 3. Sg.)
Wenn der Verkörperte diese drei aus dem Körper entstandenen Eigenschaften überwindet, ist er befreit von Geburt, Tod, Alter und Leid und genießt die Unsterblichkeit.
Wort für Wort
guṇān etān atītya trīn
diese drei Eigenschaften überwindend (Subst.+Pron.+Gerund.+Zahlwort Akk. Pl. m.)
dehī dehasamudbhavān
der Verkörperte die aus dem Körper entstandenen (Subst. Nom. Sg. m.+Kompos. Akk. Pl. m.)
janmamṛtyujarāduḥkhair vimukto
befreit von Geburt, Tod, Alter, Leid (Kompos. Instr. Pl. n.+Part. Nom. Sg. m.)
amṛtam aśnute
genießt die Unsterblichkeit (Subst. Akk. Sg. n.+Verb Präs. 3. Sg.)
“ Arjuna sprach: „An welchen Merkmalen, o Herr, erkennt man den, der diese drei Eigenschaften überwunden hat? Wie verhält er sich, und wie überschreitet er diese drei Eigenschaften?“
Wort für Wort
arjuna uvāca
Arjuna sprach (Subst.+Verb Perf. 3. Sg.)
kair liṅgais trīn guṇān etān atīto bhavati
an welchen Merkmalen erkennt man den, der diese drei Eigenschaften überwunden hat (Pron.+Subst. Instr. Pl.+Zahlwort+Subst.+Pron. Akk. Pl.+Part.+Verb Präs. 3. Sg.)
prabho kimācāraḥ
o Herr, wie verhält er sich (Subst. Vok. Sg. m.+Kompos. Nom. Sg. m.)
kathaṃ ca etāṃs trīn guṇān ativartate
und wie überschreitet er diese drei Eigenschaften (Adv.+Pron.+Zahlwort+Subst. Akk. Pl. m.+Verb Präs. 3. Sg.)
śrībhagavān uvāca prakāśaṃ ca pravṛttiṃ ca moham eva ca pāṇḍava na dveṣṭi saṃpravṛttāni na nivṛttāni kāṅkṣati
Der Erhabene sprach: „Erleuchtung, Betriebsamkeit und auch Verblendung, o Sohn des Pāṇḍu, hasst er nicht, wenn sie eintreten, noch verlangt er nach ihnen, wenn sie ausbleiben.
Wort für Wort
śrībhagavān uvāca
der Erhabene sprach (Subst.+Verb Perf. 3. Sg.)
prakāśaṃ ca pravṛttiṃ ca moham eva ca
Erleuchtung, Betriebsamkeit und auch Verblendung (Subst. Akk. Sg., drei Begriffe)
pāṇḍava na dveṣṭi saṃpravṛttāni
o Sohn des Pāṇḍu, er hasst nicht, wenn sie eintreten (Subst. Vok.+Neg.+Verb Präs. 3. Sg.+Part. Akk. Pl. n.)
na nivṛttāni kāṅkṣati
noch verlangt er nach ihnen, wenn sie ausbleiben (Neg.+Part. Akk. Pl. n.+Verb Präs. 3. Sg.)
udāsīnavad āsīno guṇair yo na vicālyate guṇā vartanta ity eva yo 'vatiṣṭhati neṅgate
Wer wie ein Unbeteiligter dasitzt und von den Eigenschaften nicht erschüttert wird, wer denkend 'die Eigenschaften wirken nur' verharrt und sich nicht regt,
Wort für Wort
udāsīnavad āsīno
wie ein Unbeteiligter dasitzend (Adv.+Part. Nom. Sg. m.)
guṇair yo na vicālyate
wer von den Eigenschaften nicht erschüttert wird (Subst. Instr. Pl.+Rel.-Pron.+Neg.+Verb Passiv 3. Sg.)
Wem Leid und Freude gleich sind, der in sich selbst ruht, dem Erdscholle, Stein und Gold gleich gelten, dem Liebes und Unliebes gleich sind, der Standhafte, dem Tadel und Selbstlob gleich gelten,
Wort für Wort
samaduḥkhasukhaḥ svasthaḥ
wem Leid und Freude gleich sind, der in sich selbst ruht (Kompos.+Adj. Nom. Sg. m.)
samaloṣṭāśmakāñcanaḥ
dem Erdscholle, Stein und Gold gleich gelten (Kompos. Nom. Sg. m.)
tulyapriyāpriyo dhīras
dem Liebes und Unliebes gleich sind, der Standhafte (Kompos.+Adj. Nom. Sg. m.)
tulyanindātmasaṃstutiḥ
dem Tadel und Selbstlob gleich gelten (Kompos. Nom. Sg. m.)
mānāvamānayos tulyas tulyo mitrāripakṣayoḥ sarvārambhaparityāgī guṇātītaḥ sa ucyate
Dem Ehre und Schmach gleich sind, dem die Partei der Freunde und der Feinde gleich ist, der alle Unternehmungen aufgegeben hat – er wird als 'die Eigenschaften überwunden habend' bezeichnet.
Wort für Wort
mānāvamānayos tulyas
dem Ehre und Schmach gleich sind (Kompos. Gen. Dual+Adj. Nom. Sg. m.)
tulyo mitrāripakṣayoḥ
dem die Partei der Freunde und der Feinde gleich ist (Adj.+Kompos. Gen. Dual m.)
sarvārambhaparityāgī
der alle Unternehmungen aufgegeben hat (Kompos. Nom. Sg. m.)
guṇātītaḥ sa ucyate
er wird als 'die Eigenschaften überwunden habend' bezeichnet (Kompos. Nom. Sg. m.+Pron.+Verb Passiv 3. Sg.)