Kapitel 48: aṣṭacatvāriṃśo 'dhyāyaḥ
Der Zweikampf zwischen Bhīṣma und Arjuna (zweiter Kampftag)
Dhṛtarāṣṭra fragt Saṃjaya, wie der Kampf nach der Aufstellung der Heere begann (V.1, SQ_OPEN+SQ_CLOSE). Saṃjaya berichtet (V.2, SQ_OPEN): Duryodhana befiehlt seinen Truppen den Angriff (V.3, kurzer CQ 'Kämpft!'); ein tosender Kampf entbrennt. Bhīṣma stürmt gegen Abhimanyu (Sohn der Subhadrā), Bhīmasena, Sātyaki, den Kekaya, Virāṭa und Dhṛṣṭadyumna vor (V.7-11). Arjuna sieht Bhīṣma und bittet Kṛṣṇa, ihn zum Großvater zu fahren (V.12-15, CQ); Kṛṣṇa stimmt zu (V.16, CQ) und lenkt den Wagen zu Bhīṣma (V.17-18). Der eigentliche Zweikampf zwischen Bhīṣma und Arjuna beginnt (V.19-31 u.f.) mit gegenseitigem Pfeilbeschuss, wobei auch Droṇa, Kṛpa, Duryodhana, Śalya u.a. beteiligt sind. Duryodhana bittet Bhīṣma eindringlich, Arjuna zu töten, da ohne Bhīṣmas und Droṇas Schutz das Heer zusammenbricht und Karṇa (Bhīṣma zuliebe) nicht kämpft (V.34-37, CQ); Bhīṣma ruft resigniert-zornig 'Schande über die Kṣatriya-Pflicht!' (V.37, eigener CQ) und fährt zu Arjuna. Es folgt der zentrale, kunstvoll geschilderte Zweikampf (V.38-61): gegenseitige Pfeiltreffer auf Kṛṣṇa (V.49) und Arjunas Wagenlenker (V.51), Kreisbewegungen und Feuerpausen, gegenseitige Unsichtbarkeit durch Pfeilnetze. Götter, Gandharvas, Cāraṇas und Ṛṣis bestaunen den unentscheidbaren Kampf und rühmen beide als unbesiegbar (V.62-67, CQ - kollektive/anonyme Rede, mit 'anyonyaṃ pratyabhāṣanta' als reiner Ankündigung und dem eigentlichen Zitat ab V.63). Die übrigen Krieger beider Heere kämpfen ringsum (V.68-69). Kapitel endet mit Übergang zum Zusammentreffen zwischen Droṇa und Dhṛṣṭadyumna (Pāñcālya, V.70) - SQ bleibt offen (Saṃjayas Bericht läuft weiter in Kap.49, das wieder mit einer echten neuen Frage 'dhṛtarāṣṭra uvāca' beginnt). Ausgeschlossene Apparat-Einschübe (alle mit *-Marker, kein @-Marker in diesem Kapitel): 2b*0158_01, 18d*0159_01/02, 24d*0160_01, 27d*0161_01, 33d*0162_01/02, 66d*0163_01. Marker-Bilanz: SQ_OPEN=2 (V.1, V.2), SQ_CLOSE=1 (V.1), CQ_OPEN=6 (V.3, V.12, V.16, V.35, V.37-b, V.63), CQ_CLOSE=6 (V.3, V.15, V.16, V.37-a, V.37-b, V.66).
Saṃjaya sprach: ‚ Als die Heere gleichmäßig aufgestellt waren, gerüstet und mit leuchtenden Bannern versehen, erschien die Streitmacht wie ein grenzenloses, meergleiches Meer.
Wort für Wort
samaṃ vyūḍheṣu anīkeṣu
in den gleichmäßig aufgestellten Formationen (Lok. Pl.)
saṃnaddhā ruciradhvajāḥ
gerüstet, mit leuchtenden Bannern (Nom. Pl.)
apāram iva saṃdṛśya
wie grenzenlos anzusehen (Gerundiv/Ptz.)
sāgarapratimaṃ balam
die meergleiche Streitmacht (Akk. Sg.)
[Anm.: SQ_OPEN vor Beginn von Saṃjayas Bericht; diese Ebene bleibt über das Kapitel hinaus offen. 2b*0158_01 (Apparat) ausgeschlossen.]
muktās tu rathibhir bāṇā rukmapuṅkhāḥ sutejanāḥ saṃnipetur akuṇṭhāgrā nāgeṣu ca hayeṣu ca
Die von den Wagenkämpfern abgeschossenen Pfeile, mit goldenen Federn und scharf geschliffenen Schäften, mit unstumpfen Spitzen, fielen auf Elefanten und Pferde nieder.
Wort für Wort
muktāḥ rathibhiḥ bāṇāḥ
die von den Wagenkämpfern abgeschossenen Pfeile (Nom. Pl.)
rukmapuṅkhāḥ sutejanāḥ
mit goldenen Federn, scharf geschliffenen Schäften (Nom. Pl.)
akuṇṭhāgrāḥ
mit unstumpfen Spitzen (Nom. Pl.)
saṃnipetur nāgeṣu hayeṣu ca
fielen auf Elefanten und Pferde (Perf. 3. Pl. + Lok. Pl.)
saubhadre bhīmasene ca śaineye ca mahārathe kekaye ca virāṭe ca dhṛṣṭadyumne ca pārṣate
gegen den Sohn der Subhadrā, gegen Bhīmasena, gegen den großen Wagenkämpfer, den Śaineya, gegen den Kekaya, gegen Virāṭa und gegen Dhṛṣṭadyumna, den Sohn des Pṛṣata.
Wort für Wort
saubhadre bhīmasene ca
gegen den Sohn der Subhadrā und Bhīmasena (Lok./Dat.)
śaineye mahārathe
gegen den großen Wagenkämpfer Śaineya (Sātyaki)
kekaye virāṭe ca
gegen den Kekaya und Virāṭa (Lok. Sg.)
dhṛṣṭadyumne pārṣate
gegen Dhṛṣṭadyumna, den Sohn des Pṛṣata (Lok. Sg.)
Arjuna aber, der Tiger unter den Männern, sprach zornig, als er den großen Wagenkämpfer Bhīṣma erblickte, zum Vṛṣṇi-Enkel: „ Fahre dorthin, wo der Großvater ist!
Wort für Wort
naravyāghraḥ dṛṣṭvā
der Tiger unter den Männern, erblickend (Nom. Sg. + Gerundium)
vārṣṇeyam abravīt kruddhaḥ
sprach zornig zum Vṛṣṇi-Enkel (Impf. 3. Sg.)
yāhi yatra pitāmahaḥ
fahre dorthin, wo der Großvater ist (Imp. 2. Sg.)
[Anm.: CQ_OPEN vor Arjunas Rede an Kṛṣṇa (Vārṣṇeya); Rede läuft bis V.15 Ende.]
mit dem Wagen, der viele flatternde Fahnen trug, mit Rossen von der Farbe des Kranichgefieders, mit dem hoch aufragenden, gewaltigen, laut aufbrüllenden Affenbanner, mit gewaltigem, wolkengleichem Donnern - dem sonnengleichen Wagen.
Wort für Wort
cañcadbahupatākena
mit vielen flatternden Fahnen (Instr. Sg.)
balākāvarṇavājinā
mit Rossen von Kranichfarbe (Instr. Sg.)
samucchritamahābhīmanadadvānaraketunā
mit dem hoch aufragenden, laut brüllenden Affenbanner (Instr. Sg.)
rathena ādityavarcasā
mit dem sonnengleichen Wagen (Instr. Sg.)
[Anm.: 18d*0159_01 und 18d*0159_02 (Apparat) ausgeschlossen.]
Den Sohn des Ṛtāyana mit drei Pfeilen und den König (Duryodhana) mit fünf durchbohrte der von unermesslicher Seele, der Diademträger, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
ārtāyaniṃ tribhir bāṇaiḥ
den Sohn des Ṛtāyana mit drei Pfeilen (Akk. + Instr.)
rājānaṃ pañcabhiḥ
den König mit fünf (Pfeilen)
pratyavidhyad ameyātmā kirīṭī
durchbohrte, der von unermesslicher Seele, der Diademträger (Impf. 3. Sg.)
tato droṇaṃ maheṣvāsaṃ gāṅgeyasya priye ratam abhyavarṣata pāñcālyaḥ saṃyuktaḥ saha somakaiḥ
Da überschüttete der Pāñcālya (Dhṛṣṭadyumna), vereint mit den Somakas, den großen Bogenschützen Droṇa, der Bhīṣmas Wohlwollen ergeben war, mit Pfeilen.
In die Mitte jener Löwen unter den Wagenkämpfern gelangt, spielte Dhanaṃjaya, o König, mit seinem Bogen, indem er die großen Wagenkämpfer zu seinem Ziel machte.
Wort für Wort
rathasiṃhānāṃ madhyaṃ prāpya
in die Mitte der Wagenlöwen gelangt (Gerundium)
dhanaṃjayaḥ cikrīḍa dhanuṣā
Dhanaṃjaya spielte mit seinem Bogen (Impf. 3. Sg. + Instr.)
lakṣyaṃ kṛtvā mahārathān
die großen Wagenkämpfer zum Ziel machend (Gerundium)
[Anm.: 33d*0162_01 und 33d*0162_02 (Apparat) ausgeschlossen.]
„ Dieser hier, der Sohn des Pāṇḍu, o Vater, der Starke, mit Kṛṣṇa vereint, schneidet, während doch die Wurzel all unserer Heere sich müht, uns ab - solange du, der Gāṅgeya, lebst, und Droṇa, der Beste der Wagenkämpfer.
Wort für Wort
eṣa pāṇḍusutas tāta
dieser Sohn des Pāṇḍu, o Vater (Nom. Sg. + Vok.)
kṛṣṇena sahito balī
mit Kṛṣṇa vereint, der Starke (Nom. Sg. + Instr.)
yatatāṃ sarvasainyānāṃ mūlaṃ
die Wurzel all unserer sich mühenden Heere (Gen. Pl.)
tvayi jīvati gāṅgeye
solange du, der Gāṅgeya, lebst (Lok. abs.)
[Anm.: CQ_OPEN - Beginn von Duryodhanas eigentlicher Rede an Bhīṣma.]
tvatkṛte hy eṣa karṇo 'pi nyastaśastro mahārathaḥ na yudhyati raṇe pārthaṃ hitakāmaḥ sadā mama
Deinetwegen nämlich kämpft dieser Karṇa, der große Wagenkämpfer, mit niedergelegter Waffe, nicht im Kampf gegen den Pārtha, immer auf mein Wohl bedacht.
Wort für Wort
tvatkṛte hy eṣa karṇaḥ
deinetwegen nämlich dieser Karṇa (Postp. + Nom. Sg.)
nyastaśastro mahārathaḥ
der große Wagenkämpfer mit niedergelegter Waffe (Nom. Sg.)
na yudhyati raṇe pārthaṃ
kämpft nicht im Kampf gegen den Pārtha (Präs. 3. Sg.)
sa tathā kuru gāṅgeya yathā hanyeta phalgunaḥ evam uktas tato rājan pitā devavratas tava dhik kṣatradharmam ity uktvā yayau pārtharathaṃ prati
So handle denn, o Gāṅgeya, dass Phalguna erschlagen werde! “ Also angesprochen, o König, sprach dein Vater Devavrata: „ Schande über die Kṣatriya-Pflicht! “ - und zog, nachdem er dies gesagt hatte, hin zum Wagen des Pārtha.
Wort für Wort
sa tathā kuru gāṅgeya
so handle denn, o Gāṅgeya (Imp. 2. Sg. + Vok.)
yathā hanyeta phalgunaḥ
auf dass Phalguna erschlagen werde (Opt. Pass. 3. Sg.)
evam uktas tato pitā devavratas
also angesprochen, da sprach dein Vater Devavrata (Ptz. + Nom. Sg.)
dhik kṣatradharmam ity uktvā
'Schande über die Kṣatriya-Pflicht!' sagend (Interj. + Gerundium)
yayau pārtharathaṃ prati
zog hin zum Wagen des Pārtha (Perf. 3. Sg.)
[Anm.: CQ_CLOSE nach 'phalgunaḥ' (Ende von Duryodhanas Rede), dann Erzählbrücke, dann CQ_OPEN/CQ_CLOSE um Bhīṣmas kurzen Ausruf 'dhik kṣatradharmam' - eigener Sprecherwechsel, daher eigenes Markerpaar.]
anyonyasya hayān viddhvā dhvajau ca sumahābalau ratheṣāṃ rathacakre ca cikrīḍatur ariṃdamau
Die Pferde und Banner des jeweils anderen durchbohrend, spielten die beiden gewaltig starken Bezwinger der Feinde mit der Deichsel und dem Wagenrad des anderen.
Wort für Wort
anyonyasya hayān viddhvā
die Pferde des jeweils anderen durchbohrend (Gerundium)
dhvajau sumahābalau
die beiden gewaltig starken Banner (Akk./Nom. Dual)
ratheṣāṃ rathacakre ca
mit Deichsel und Wagenrad (Lok./Akk. Dual)
cikrīḍatur ariṃdamau
spielten die beiden Bezwinger der Feinde (Perf. 3. Dual)
ubhau siṃharavonmiśraṃ śaṅkhaśabdaṃ pracakratuḥ tathaiva cāpanirghoṣaṃ cakratus tau mahārathau
Beide ließen einen mit Löwengebrüll vermischten Muschelhornklang ertönen, und ebenso ließen die beiden großen Wagenkämpfer das Dröhnen ihrer Bogen erschallen.
Wort für Wort
ubhau siṃharavonmiśraṃ
beide, mit Löwengebrüll vermischt (Nom. Dual + Akk.)
śaṅkhaśabdaṃ pracakratuḥ
ließen den Muschelhornklang ertönen (Perf. 3. Dual)
cāpanirghoṣaṃ cakratus
ließen das Bogendröhnen erschallen (Perf. 3. Dual)
Keiner erkannte einen Unterschied zwischen den beiden, o Stier der Bharatas - beide waren im Kampf gleich stark, gleich heldenhaft, einander gleichend.
Wort für Wort
na tayor antaraṃ kaś cid dadṛśe
keiner erkannte einen Unterschied zwischen den beiden (Perf. 3. Sg. Pass.)
na śakyau yudhi saṃrabdhau jetum etau mahārathau sadevāsuragandharvair lokair api kathaṃ cana
„ Diese beiden großen, im Kampf erregten Wagenkämpfer können auf keine Weise besiegt werden - selbst nicht von den Welten mit ihren Göttern, Asuras und Gandharvas.
Wort für Wort
na śakyau jetum
können nicht besiegt werden (Nom. Dual + Inf.)
yudhi saṃrabdhau etau mahārathau
diese beiden im Kampf erregten Wagenkämpfer (Nom. Dual)
sadevāsuragandharvair lokair api
selbst nicht von den Welten mit Göttern, Asuras, Gandharvas (Instr. Pl.)
[Anm.: CQ_OPEN - Beginn der kollektiven Lobrede der Götter/Gandharvas/Cāraṇas/Ṛṣis.]
nāpi śakyo raṇe jetuṃ bhīṣmaḥ pārthena dhīmatā sadhanuś ca rathasthaś ca pravapan sāyakān raṇe
Auch Bhīṣma kann im Kampf nicht besiegt werden von dem weisen Pārtha, solange er, den Bogen führend und auf dem Wagen stehend, im Kampf Pfeile ausstreut,
Wort für Wort
na api śakyo jetuṃ
kann auch nicht besiegt werden (Nom. Sg. + Inf.)
bhīṣmaḥ pārthena dhīmatā
Bhīṣma von dem weisen Pārtha (Nom. + Instr.)
sadhanuś ca rathasthaś ca
den Bogen führend und auf dem Wagen stehend (Nom. Sg.)
śitadhārais tathā khaḍgair vimalaiś ca paraśvadhaiḥ śarair anyaiś ca bahubhiḥ śastrair nānāvidhair yudhi ubhayoḥ senayor vīrā nyakṛntanta parasparam
mit scharfschneidigen Schwertern und blank geputzten Streitäxten, mit anderen zahlreichen Pfeilen und mancherlei Waffen zerhieben sich die Helden beider Heere im Kampf gegenseitig.
Wort für Wort
śitadhārais khaḍgaiḥ
mit scharfschneidigen Schwertern (Instr. Pl.)
vimalaiś paraśvadhaiḥ
mit blank geputzten Streitäxten (Instr. Pl.)
śastrair nānāvidhair yudhi
mit mancherlei Waffen im Kampf (Instr. Pl. + Lok.)