Kapitel 35: Kṣetrakṣetrajñavibhāgayogaḥ
Bhagavad Gītā XIII: Das Yoga der Unterscheidung von Feld und Feldkenner
Dieses Kapitel bildet zugleich das dreizehnte Kapitel der Bhagavadgītā (Kṣetrakṣetrajñavibhāgayoga) innerhalb des Bhīṣmaparvans. Kṛṣṇas Rede setzt sich unmittelbar aus dem vorigen Kapitel fort und geht ohne Zäsur in das folgende über.
tat kṣetraṃ yac ca yādṛk ca yadvikāri yataś ca yat sa ca yo yatprabhāvaś ca tat samāsena me śṛṇu
Höre von mir kurz zusammengefasst, was jenes Feld ist und wie beschaffen, welche Veränderungen es hat und woher es stammt, und wer jener Kenner ist und welche Macht er hat.
Wort für Wort
tat kṣetraṃ yat ca yādṛk ca
was jenes Feld ist und wie beschaffen (Pron.+Subst.+Rel.-Pron.+Adv.)
yadvikāri yataś ca yat
welche Veränderungen es hat und woher (Kompos.+Adv.+Rel.-Pron.)
sa ca yo yatprabhāvaś ca
und wer jener ist und welche Macht er hat (Pron.+Rel.-Pron.+Kompos. Nom. Sg. m.)
tat samāsena me śṛṇu
das höre von mir kurz zusammengefasst (Pron.+Adv.+Pron. Abl.+Verb Imp. 2. Sg.)
Von den Weisen wurde es auf vielfältige Weise besungen, gesondert in verschiedenen Versmaßen, und auch in den Sprüchen der Brahma-Sūtras mit überzeugenden Gründen festgestellt.
Wort für Wort
ṛṣibhir bahudhā gītam
von den Weisen vielfältig besungen (Subst. Instr. Pl.+Adv.+Part. Nom. Sg. n.)
chandobhir vividhaiḥ pṛthak
gesondert in verschiedenen Versmaßen (Subst.+Adj. Instr. Pl.+Adv.)
brahmasūtrapadaiś ca eva
und auch in den Sprüchen der Brahma-Sūtras (Kompos. Instr. Pl. n.)
hetumadbhir viniścitaiḥ
mit überzeugenden Gründen festgestellt (Adj.+Part. Instr. Pl. n.)
Verlangen, Abneigung, Freude, Leid, der Zusammenhalt des Körpers, das Bewusstsein, die Standhaftigkeit – dies wird, kurz gesagt, als das Feld samt seinen Veränderungen bezeichnet.
Wort für Wort
icchā dveṣaḥ sukhaṃ duḥkham
Verlangen, Abneigung, Freude, Leid (Subst. Nom. Sg., vier Begriffe)
indriyārtheṣu vairāgyam anahaṃkāra eva ca janmamṛtyujarāvyādhiduḥkhadoṣānudarśanam
Leidenschaftslosigkeit gegenüber den Sinnesobjekten, und ebenso Freiheit von Ich-Bezogenheit, das stete Erkennen des Übels in Geburt, Tod, Alter, Krankheit und Leid,
Wort für Wort
indriyārtheṣu vairāgyam
Leidenschaftslosigkeit gegenüber den Sinnesobjekten (Subst. Lok. Pl.+Subst. Nom. Sg. n.)
anahaṃkāra eva ca
und ebenso Freiheit von Ich-Bezogenheit (Subst. Nom. Sg. m.)
janmamṛtyujarāvyādhiduḥkhadoṣānudarśanam
das stete Erkennen des Übels in Geburt, Tod, Alter, Krankheit, Leid (langes Kompos. Nom. Sg. n.)
asaktir anabhiṣvaṅgaḥ putradāragṛhādiṣu nityaṃ ca samacittatvam iṣṭāniṣṭopapattiṣu
Nicht-Anhaften, Nicht-Verstricktsein an Söhne, Gattin, Haus und dergleichen, und stete Gleichmütigkeit beim Eintreten von Erwünschtem und Unerwünschtem,
adhyātmajñānanityatvaṃ tattvajñānārthadarśanam etaj jñānam iti proktam ajñānaṃ yad ato 'nyathā
Beständigkeit im Wissen um das Selbst, das Schauen des Zieles der Erkenntnis der Wahrheit – dies wird als Wissen bezeichnet; was davon abweicht, ist Unwissen.
Wort für Wort
adhyātmajñānanityatvaṃ
Beständigkeit im Wissen um das Selbst (langes Kompos. Nom. Sg. n.)
tattvajñānārthadarśanam
das Schauen des Zieles der Erkenntnis der Wahrheit (Kompos. Nom. Sg. n.)
etaj jñānam iti proktam
dies wird als Wissen bezeichnet (Pron.+Subst.+Part. Nom. Sg. n.)
ajñānaṃ yad ataḥ anyathā
Unwissen (ist), was davon abweicht (Subst. Nom. Sg. n.+Rel.-Pron.+Adv.+Adv.)
jñeyaṃ yat tat pravakṣyāmi yaj jñātvāmṛtam aśnute anādimat paraṃ brahma na sat tan nāsad ucyate
Ich will nun das Erkennbare verkünden, durch dessen Erkenntnis man die Unsterblichkeit erlangt: das anfanglose höchste Brahman, das man weder als Seiendes noch als Nicht-Seiendes bezeichnet.
Wort für Wort
jñeyaṃ yat tat pravakṣyāmi
das Erkennbare will ich nun verkünden (Adj.+Pron.+Verb Fut. 1. Sg.)
yaj jñātvā amṛtam aśnute
durch dessen Erkenntnis man die Unsterblichkeit erlangt (Rel.-Pron.+Gerund.+Subst.+Verb Präs. 3. Sg.)
anādimat paraṃ brahma
das anfanglose höchste Brahman (Adj.+Adj.+Subst. Nom. Sg. n.)
na sat tan na asad ucyate
das weder als Seiendes noch als Nicht-Seiendes bezeichnet wird (Neg.+Part.+Pron.+Neg.+Part.+Verb Passiv 3. Sg.)
sarvendriyaguṇābhāsaṃ sarvendriyavivarjitam asaktaṃ sarvabhṛc caiva nirguṇaṃ guṇabhoktṛ ca
Es scheint mit den Eigenschaften aller Sinne, doch ist es aller Sinne entbehrend; unangehaftet, und dennoch alles tragend, ohne Eigenschaften und doch der Genießer der Eigenschaften.
Wort für Wort
sarvendriyaguṇābhāsaṃ
mit den Eigenschaften aller Sinne scheinend (Kompos. Nom. Sg. n.)
sarvendriyavivarjitam
aller Sinne entbehrend (Kompos.+Part. Nom. Sg. n.)
asaktaṃ sarvabhṛc ca eva
unangehaftet und dennoch alles tragend (Part.+Kompos. Nom. Sg. n.)
nirguṇaṃ guṇabhoktṛ ca
ohne Eigenschaften und doch der Genießer der Eigenschaften (Adj.+Kompos. Nom. Sg. n.)
Prakṛti wird als Ursache dafür bezeichnet, dass Wirkung und Werkzeug hervorgebracht werden; Puruṣa wird als Ursache dafür bezeichnet, dass Freude und Leid erfahren werden.
Wort für Wort
kāryakāraṇakartṛtve
beim Hervorbringen von Wirkung und Werkzeug (Kompos. Lok. Sg. n.)
hetuḥ prakṛtir ucyate
als Ursache wird Prakṛti bezeichnet (Subst.+Subst. Nom. Sg. f.+Verb Passiv 3. Sg.)
puruṣaḥ sukhaduḥkhānāṃ bhoktṛtve
Puruṣa beim Erfahren von Freude und Leid (Subst. Nom. Sg. m.+Kompos. Gen. Pl. n.+Abstr. Lok. Sg. n.)
hetur ucyate
wird als Ursache bezeichnet (Subst.+Verb Passiv 3. Sg.)
puruṣaḥ prakṛtistho hi bhuṅkte prakṛtijān guṇān kāraṇaṃ guṇasaṅgo 'sya sadasadyonijanmasu
Denn der Puruṣa, in der Prakṛti weilend, genießt die aus der Prakṛti entstandenen Eigenschaften; die Anhaftung an die Eigenschaften ist die Ursache für seine Geburt in guten und schlechten Mutterschößen.
Wort für Wort
puruṣaḥ prakṛtistho hi bhuṅkte
denn der Puruṣa, in der Prakṛti weilend, genießt (Subst.+Adj. Nom. Sg. m.+Verb Präs. 3. Sg.)
prakṛtijān guṇān
die aus der Prakṛti entstandenen Eigenschaften (Adj.+Subst. Akk. Pl. m.)
kāraṇaṃ guṇasaṅgo 'sya
die Ursache dafür ist seine Anhaftung an die Eigenschaften (Subst.+Kompos. Nom. Sg. n./m.+Pron. Gen.)
sadasadyonijanmasu
in der Geburt in guten und schlechten Mutterschößen (Kompos. Lok. Pl. n.)
prakṛtyaiva ca karmāṇi kriyamāṇāni sarvaśaḥ yaḥ paśyati tathātmānam akartāraṃ sa paśyati
Und wer sieht, dass die Handlungen in jeder Hinsicht allein von der Prakṛti vollzogen werden, und dass das Selbst dabei nicht handelt, der sieht wahrhaft.
Wort für Wort
prakṛtyā eva ca karmāṇi
und dass die Handlungen allein durch die Prakṛti (Subst. Instr.+Adv.+Subst. Akk. Pl. n.)
kriyamāṇāni sarvaśaḥ
in jeder Hinsicht vollzogen werden (Part. Nom./Akk. Pl. n.+Adv.)
yaḥ paśyati tathā ātmānam
wer sieht, dass ebenso das Selbst (Rel.-Pron.+Verb Präs. 3. Sg.+Adv.+Subst. Akk. Sg. m.)
akartāraṃ sa paśyati
nicht handelt, der sieht wahrhaft (Adj. Akk. Sg. m.+Pron.+Verb Präs. 3. Sg.)
yadā bhūtapṛthagbhāvam ekastham anupaśyati tata eva ca vistāraṃ brahma saṃpadyate tadā
Wenn er die gesonderte Existenz der Wesen als in einem Grund beruhend erblickt, und von eben diesem aus ihre Ausbreitung erkennt, dann gelangt er zum Brahman.
Wort für Wort
yadā bhūtapṛthagbhāvam
wenn die gesonderte Existenz der Wesen (Adv.+Kompos. Akk. Sg. m.)
ekastham anupaśyati
als in einem Grund beruhend erblickt (Adj. Akk. Sg. m.+Verb Präs. 3. Sg.)
tata eva ca vistāraṃ
und von eben diesem aus ihre Ausbreitung (Adv.+Adv.+Subst. Akk. Sg. m.)
brahma saṃpadyate tadā
dann gelangt er zum Brahman (Subst. Akk. Sg. n.+Verb Präs. 3. Sg.+Adv.)
anāditvān nirguṇatvāt paramātmāyam avyayaḥ śarīrastho 'pi kaunteya na karoti na lipyate
Wegen seiner Anfangslosigkeit und Eigenschaftslosigkeit handelt dieses unvergängliche höchste Selbst nicht und wird nicht befleckt, o Sohn der Kuntī, obwohl es im Körper weilt.
Wort für Wort
anāditvān nirguṇatvāt
wegen der Anfangslosigkeit und Eigenschaftslosigkeit (Abstr. Abl. Sg. n., zwei Begriffe)
paramātmā ayam avyayaḥ
dieses unvergängliche höchste Selbst (Kompos.+Pron.+Adj. Nom. Sg. m.)
śarīrastho 'pi kaunteya
obwohl im Körper weilend, o Sohn der Kuntī (Adj. Nom. Sg. m.+Subst. Vok. Sg. m.)
na karoti na lipyate
handelt nicht und wird nicht befleckt (Neg.+Verb Präs. 3. Sg.+Neg.+Verb Passiv 3. Sg.)
kṣetrakṣetrajñayor evam antaraṃ jñānacakṣuṣā bhūtaprakṛtimokṣaṃ ca ye vidur yānti te param
Diejenigen, die so mit dem Auge der Erkenntnis den Unterschied zwischen Feld und Feldkenner erkennen, und die Befreiung der Wesen aus der Prakṛti, sie gelangen zum Höchsten.
Wort für Wort
kṣetrakṣetrajñayor evam antaraṃ
so den Unterschied zwischen Feld und Feldkenner (Kompos. Gen. Dual+Adv.+Subst. Akk. Sg. n.)
jñānacakṣuṣā
mit dem Auge der Erkenntnis (Kompos. Instr. Sg. n.)
bhūtaprakṛtimokṣaṃ ca ye vidur
und diejenigen, die die Befreiung der Wesen aus der Prakṛti erkennen (Kompos. Akk. Sg. m.+Rel.-Pron. Nom. Pl.+Verb Perf. 3. Pl.)
yānti te param
sie gelangen zum Höchsten (Verb Präs. 3. Pl.+Pron.+Adj. Akk. Sg. n.)