Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Yuddhakāṇḍa

Sarga 115: Rāma-Sītā-Parityāgaḥ Rāmas Zurückweisung Sītās

tāṃ tu pārśve sthitāṃ prahvāṃ rāmaḥ saṃprekṣye maithilīm | hṛdayāntargataṃ bhāvaṃ vyāhartumupacakrame ||

Als Rāma jene an seiner Seite demütig stehende Maithilī betrachtete, begann er, die in seinem Herzen verborgene Gesinnung auszusprechen:

Wort für Wort
tāṃ tu pārśve sthitāṃ prahvāṃ
jene an seiner Seite demütig stehende
rāmaḥ saṃprekṣye maithilīm
Rāma, als er Maithilī betrachtete
hṛdayāntargataṃ bhāvaṃ
die im Herzen verborgene Gesinnung
vyāhartum upacakrame
begann er auszusprechen

eṣāsi nirjitā bhadre śatruṃ jitvā raṇājire | pauruṣādyadanuṣṭheyaṃ mayaitadupapāditam ||

"Nun bist du befreit, Holde, nachdem ich den Feind auf dem Schlachtfeld bezwungen habe; was mit Manneskraft zu vollbringen war, das habe ich vollbracht.

Wort für Wort
eṣā asi nirjitā bhadre
nun bist du befreit, Holde
śatruṃ jitvā raṇājire
nachdem ich den Feind auf dem Schlachtfeld bezwungen habe
pauruṣāt yat anuṣṭheyaṃ
was mit Manneskraft zu vollbringen war
mayā etat upapāditam
das habe ich vollbracht

gato.asmyantamamarṣasya dharṣaṇā saṃpramārjitā | avamānaśca śatraśca yugapannihatau mayā ||

Ich bin ans Ende meines Zorns gelangt, die Kränkung ist getilgt; Schmach und Feind wurden von mir zugleich vernichtet.

Wort für Wort
gato asmi antam amarṣasya
ich bin ans Ende meines Zorns gelangt
dharṣaṇā saṃpramārjitā
die Kränkung ist getilgt
avamānaḥ ca śatruḥ ca
Schmach und Feind
yugapat nihatau mayā
wurden von mir zugleich vernichtet

adya me pauruṣaṃ dṛṣṭamadya me saphalaḥ śramaḥ | adya tīrṇapratijño.ahaṃ prabhavāmyadya cātmanaḥ ||

Heute wurde meine Manneskraft erwiesen, heute ist meine Mühe von Erfolg gekrönt; heute habe ich mein Gelübde eingelöst und bin heute wieder Herr meiner selbst.

Wort für Wort
adya me pauruṣaṃ dṛṣṭam
heute wurde meine Manneskraft erwiesen
adya me saphalaḥ śramaḥ
heute ist meine Mühe von Erfolg gekrönt
adya tīrṇapratijño aham
heute habe ich mein Gelübde eingelöst
prabhavāmi adya ca ātmanaḥ
und bin heute wieder Herr meiner selbst

yā tvaṃ virahitā nītā calacittena rakṣasā | daivasaṃpādito doṣo mānuṣeṇa mayā jitaḥ ||

Du, die von jenem wankelmütigen Rākṣasa geraubt und entrissen wurdest – jener vom Schicksal herbeigeführte Makel ist von mir, einem Menschen, bezwungen worden.

Wort für Wort
yā tvaṃ virahitā nītā
du, die geraubt und entrissen wurdest
calacittena rakṣasā
von jenem wankelmütigen Rākṣasa
daivasaṃpādito doṣo
jener vom Schicksal herbeigeführte Makel
mānuṣeṇa mayā jitaḥ
ist von mir, einem Menschen, bezwungen worden

saṃprāptamavamānaṃ yastejasā na pramārjati | kastasya pauruṣeṇārtho mahatāpyalpacetasaḥ ||

Wer eine erlittene Schmach nicht mit seiner Kraft tilgt, welchen Nutzen hat dessen Manneskraft, mag sie auch groß sein, bei einem Kleinmütigen?

Wort für Wort
saṃprāptam avamānaṃ yaḥ
wer eine erlittene Schmach
tejasā na pramārjati
nicht mit seiner Kraft tilgt
kaḥ tasya pauruṣeṇa arthaḥ
welchen Nutzen hat dessen Manneskraft
mahatā api alpacetasaḥ
mag sie auch groß sein, bei einem Kleinmütigen

laṅghunaṃ samudrasya laṅkāyāścāpi mardanam | saphalaṃ tasya ca ślāghyamadya karma hanūmataḥ ||

Die Überquerung des Ozeans und ebenso die Zerschmetterung Laṅkās – von Erfolg gekrönt und heute preiswürdig ist diese Tat Hanumants.

Wort für Wort
laṅghunaṃ samudrasya
die Überquerung des Ozeans
laṅkāyāḥ ca api mardanam
und auch die Zerschmetterung Laṅkās
saphalaṃ tasya ca ślāghyam
von Erfolg gekrönt und preiswürdig ist
adya karma hanūmataḥ
heute diese Tat Hanumants

yuddhe vikramataścaiva hitaṃ mantrayatastathā | sugrīvasya sasainyasya saphalo.adya pariśramaḥ ||

Von Erfolg gekrönt ist heute die Mühe Sugrīvas samt seinem Heer, der im Kampf Heldenmut zeigte und ebenso heilsamen Rat erteilte.

Wort für Wort
yuddhe vikramataḥ ca eva
der im Kampf Heldenmut zeigte
hitaṃ mantrayataḥ tathā
und ebenso heilsamen Rat erteilte
sugrīvasya sasainyasya
Sugrīvas samt seinem Heer
saphalo adya pariśramaḥ
von Erfolg gekrönt ist heute die Mühe

vibhīṣaṇasya ca tathā saphalo.adya pariśramaḥ | viguṇaṃ bhrātaraṃ tvaktvā yo māṃ svayamupasthitaḥ ||

Und ebenso von Erfolg gekrönt ist heute die Mühe Vibhīṣaṇas, der seinen lasterhaften Bruder verlassend, sich mir von selbst anschloss.

Wort für Wort
vibhīṣaṇasya ca tathā
und ebenso Vibhīṣaṇas
saphalo adya pariśramaḥ
von Erfolg gekrönt ist heute die Mühe
viguṇaṃ bhrātaraṃ tvaktvā
seinen lasterhaften Bruder verlassend
yaḥ māṃ svayam upasthitaḥ
der sich mir von selbst anschloss

ityevaṃ vadataḥ śrutvā sītā rāmasya tadvacaḥ | mṛgīvotphullanayanā babhūvāśrupariplutā ||

Als Sītā dieses so gesprochene Wort Rāmas vernahm, wurde sie, wie ein Reh mit weit aufgerissenen Augen, von Tränen überströmt.

Wort für Wort
iti evaṃ vadataḥ śrutvā
als sie dieses so gesprochene vernahm
sītā rāmasya tat vacaḥ
Sītā, jenes Wort Rāmas
mṛgī iva utphullanayanā
wie ein Reh mit weit aufgerissenen Augen
babhūva aśrupariplutā
wurde sie von Tränen überströmt

paśyatastāṃ tu rāmasya samīpe hṛdayapriyām | janavādabhayādrājño babhūva hṛdayaṃ dvidhā ||

Während Rāma sie, die seinem Herzen Teure, in seiner Nähe betrachtete, ward des Königs Herz aus Furcht vor der Rede der Leute zwiegespalten.

Wort für Wort
paśyataḥ tāṃ tu rāmasya
während Rāma sie betrachtete
samīpe hṛdayapriyām
die in seiner Nähe seinem Herzen Teure
janavādabhayāt rājño
aus Furcht vor der Rede der Leute, des Königs
babhūva hṛdayaṃ dvidhā
ward das Herz zwiegespalten

sītāmutpalapatrākṣīṃ nīlakuñcitamūrdhajām | avadadvai varārohāṃ madhye vānararakṣasām ||

Zu Sītā, deren Augen Lotosblättern glichen, deren Haar dunkel und lockig war, der Schönhüftigen, sprach er inmitten der Vānaras und Rākṣasas:

Wort für Wort
sītām utpalapatrākṣīṃ
zu Sītā, deren Augen Lotosblättern glichen
nīlakuñcitamūrdhajām
deren Haar dunkel und lockig war
avadat vai varārohāṃ
sprach er zu der Schönhüftigen
madhye vānararakṣasām
inmitten der Vānaras und Rākṣasas

yatkartavyaṃ manuṣyeṇa dharṣaṇāṃ pratimārjatā | tatkṛtaṃ rāvaṇaṃ hatvā mayedaṃ mānakāṅkkṣiṇā ||

"Was ein Mann zu tun hat, um eine erlittene Kränkung zu tilgen, das habe ich getan, indem ich Rāvaṇa erschlug, ich, der nach Ehre verlangte.

Wort für Wort
yat kartavyaṃ manuṣyeṇa
was ein Mann zu tun hat
dharṣaṇāṃ pratimārjatā
um eine erlittene Kränkung zu tilgen
tat kṛtaṃ rāvaṇaṃ hatvā
das ist getan, indem ich Rāvaṇa erschlug
mayā idaṃ mānakāṅkṣiṇā
von mir, der ich nach Ehre verlangte

nirjitā jīvalokasya tapasā bhāvitātmanā | agastyena durādharṣā muninā dakṣiṇeva dik ||

Bezwungen wurde, was allen Lebewesen unbezwingbar erschien, gleich wie der Süden vom durch Buße geläuterten Weisen Agastya bezwungen wurde.

Wort für Wort
nirjitā jīvalokasya
bezwungen, was allen Lebewesen
tapasā bhāvitātmanā
durch Buße geläutert an Geist
agastyena durādharṣā
durch Agastya das Unbezwingbare
muninā dakṣiṇā iva dik
wie der Süden durch den Weisen

viditaścāstu bhadraṃ te yo.ayaṃ raṇapariśramaḥ | sutīrṇaḥ suhṛdāṃ vīryānna tvadarthaṃ mayā kṛtaḥ | rakṣatā tu mayā vṛttamapavādam ca sarvataḥ | prakhyātasyātmavaṃśasya nyaṅgaṃ ca parimārjatā ||

Wisse denn, Heil dir: diese Mühsal der Schlacht wurde durch die Tapferkeit meiner Freunde glücklich überstanden, doch nicht um deinetwillen von mir vollbracht, sondern von mir, der ich überall Verleumdung abwehren und den guten Ruf und die Ehre meines berühmten Geschlechts von jedem Makel reinigen wollte.

Wort für Wort
viditaḥ ca astu bhadraṃ te
wisse denn, Heil dir
yo ayaṃ raṇapariśramaḥ
diese Mühsal der Schlacht
sutīrṇaḥ suhṛdāṃ vīryāt
glücklich überstanden durch die Tapferkeit der Freunde
na tvadarthaṃ mayā kṛtaḥ
nicht um deinetwillen von mir vollbracht
rakṣatā tu mayā vṛttam
sondern von mir, der ich das Verhalten wahren wollte
apavādam ca sarvataḥ
und überall Verleumdung (abwehren wollte)
prakhyātasya ātmavaṃśasya
meines berühmten Geschlechts
nyaṅgaṃ ca parimārjatā
und den Makel reinigen wollte

prāptacāritrasaṃdeha mama pratimukhe sthitā | dīpo netrāturasyeva pratikūlāsi me dṛḍham ||

Da an deinem Lebenswandel Zweifel aufgekommen ist, bist du, wie du hier vor mir stehst, mir zuwider, gleich wie eine Lampe einem Augenkranken.

Wort für Wort
prāptacāritrasaṃdeha
da an deinem Lebenswandel Zweifel aufgekommen ist
mama pratimukhe sthitā
du, die vor mir stehst
dīpo netrāturasya iva
wie eine Lampe einem Augenkranken
pratikūlā asi me dṛḍham
bist du mir fest zuwider

tadgaccha tvānujāne.adya yatheṣṭaṃ janakātmaje | etā daśa diśo bhadre kāryamasti na me tvayā ||

So geh denn; ich entlasse dich heute, wohin es dir beliebt, Tochter Janakas; diese zehn Himmelsrichtungen stehen dir offen, Holde – ich habe kein Anliegen mehr mit dir.

Wort für Wort
tat gaccha tvā anujāne adya
so geh denn, ich entlasse dich heute
yatheṣṭaṃ janakātmaje
wohin es dir beliebt, Tochter Janakas
etā daśa diśo bhadre
diese zehn Himmelsrichtungen, Holde
kāryam asti na me tvayā
ich habe kein Anliegen mehr mit dir

kaḥ pumāṃstu kule jātah striyaṃ paragṛhoṣitām | tejasvī punarādadyāt suhṛllekhyena cetasā ||

Welcher in edlem Geschlecht geborene, ehrenwerte Mann würde eine Frau, die im Hause eines anderen gewohnt hat, mit gütigem Herzen wieder aufnehmen?

Wort für Wort
kaḥ pumān tu kule jātaḥ
welcher in edlem Geschlecht geborene Mann
striyaṃ paragṛhoṣitām
eine Frau, die im Hause eines anderen gewohnt hat
tejasvī punaḥ ādadyāt
würde, ehrenwert, wieder aufnehmen
suhṛllekhyena cetasā
mit gütigem Herzen

rāvaṇāṅkaparikliṣṭāṃ dṛṣṭāṃ duṣṭena cakṣuṣā | kathaṃ tvāṃ punarādadyāṃ kulaṃ vyapadiśan mahat ||

Wie könnte ich dich, die auf Rāvaṇas Schoß bedrängt und von seinem lasterhaften Auge betrachtet wurde, wieder aufnehmen, ich, der ich mich eines großen Geschlechts rühme?

Wort für Wort
rāvaṇāṅkaparikliṣṭāṃ
die auf Rāvaṇas Schoß bedrängt wurde
dṛṣṭāṃ duṣṭena cakṣuṣā
die von seinem lasterhaften Auge betrachtet wurde
kathaṃ tvāṃ punaḥ ādadyāṃ
wie könnte ich dich wieder aufnehmen
kulaṃ vyapadiśan mahat
der ich mich eines großen Geschlechts rühme

tadarthaṃ nirjitā me tvaṃ yaśaḥ pratyāhṛtaṃ mayā | nāsth me tvayyabhiṣvaṅgo yatheṣṭaṃ gamyatāmitaḥ ||

Zu diesem Zweck wurdest du von mir befreit, mein Ruhm wurde zurückgewonnen; keine Zuneigung mehr hege ich für dich – geh, wohin es dir beliebt, von hier fort.

Wort für Wort
tadarthaṃ nirjitā me tvaṃ
zu diesem Zweck wurdest du von mir befreit
yaśaḥ pratyāhṛtaṃ mayā
mein Ruhm wurde von mir zurückgewonnen
na asti me tvayi abhiṣvaṅgo
keine Zuneigung hege ich für dich
yatheṣṭaṃ gamyatām itaḥ
geh, wohin es dir beliebt, von hier fort

tadadya vyāhṛtaṃ bhadre mayaitat kṛtabuddhinā | lakṣmaṇe vātha bharate kuru buddhiṃ yathāsukham ||

Dies ist heute von mir, dem fest Entschlossenen, ausgesprochen worden, Holde; richte deinen Sinn, wie es dir beliebt, auf Lakṣmaṇa oder auf Bharata,

Wort für Wort
tat adya vyāhṛtaṃ bhadre
dies ist heute ausgesprochen worden, Holde
mayā etat kṛtabuddhinā
von mir, dem fest Entschlossenen
lakṣmaṇe vā atha bharate
auf Lakṣmaṇa oder auf Bharata
kuru buddhiṃ yathāsukham
richte deinen Sinn, wie es dir beliebt

śatrughne vātha sugrīve rākṣase vā vibhīṣaṇe | niveśaya manaḥ sīte yathā vā sukhamātmanaḥ ||

auf Śatrughna oder auf Sugrīva, oder auf den Rākṣasa Vibhīṣaṇa; richte deinen Sinn, Sītā, wie es deinem eigenen Wohlbefinden entspricht.

Wort für Wort
śatrughne vā atha sugrīve
auf Śatrughna oder auf Sugrīva
rākṣase vā vibhīṣaṇe
oder auf den Rākṣasa Vibhīṣaṇa
niveśaya manaḥ sīte
richte deinen Sinn, Sītā
yathā vā sukham ātmanaḥ
wie es deinem eigenen Wohlbefinden entspricht

na hi tvāṃ rāvaṇo dṛṣṭvo divyarūpāṃ manoramām | marṣayeta ciraṃ sīte svagṛhe paryavasthitām ||

Denn Rāvaṇa hätte dich, die von himmlischer Gestalt und Herzenswonne bist, gewiss nicht lange ertragen können, wie du in seinem Hause verweiltest, ohne dich zu berühren."

Wort für Wort
na hi tvāṃ rāvaṇo dṛṣṭvo
denn Rāvaṇa hätte dich, sehend
divyarūpāṃ manoramām
von himmlischer Gestalt und Herzenswonne
marṣayeta ciraṃ sīte
gewiss nicht lange ertragen können, Sītā
svagṛhe paryavasthitām
wie du in seinem Hause verweiltest

tataḥ priyārhaśravaṇā tadapriyaṃ | priyādupaśrutya cirasya maithilī | mumoca bāṣpaṃ subhṛśaṃ pravepitā | gajendrahastābhihateva vallarī ||

Da, nachdem Maithilī, die Liebes zu hören verdiente, jenes Unliebsame von ihrem Geliebten nach langer Zeit vernommen hatte, vergoss sie heftig Tränen, zitternd wie eine Ranke, die vom Rüssel eines mächtigen Elefanten getroffen ward.

Wort für Wort
tataḥ priyārhaśravaṇā
da, die Liebes zu hören verdiente
tat apriyaṃ priyāt upaśrutya
jenes Unliebsame vom Geliebten vernehmend
cirasya maithilī
nach langer Zeit, Maithilī
mumoca bāṣpaṃ subhṛśaṃ
vergoss heftig Tränen
pravepitā
zitternd
gajendrahastābhihatā iva vallarī
wie eine vom Rüssel eines mächtigen Elefanten getroffene Ranke

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