Paṭala 4: Pañcama-praśna, Prathamānuvāka (Fortsetzung): Anrufung der 108 Gottheiten und Geister
5. Praśna, 1. Anuvāka (Fortsetzung): Anrufung der 108 Gottheiten und Geister
Eine sehr lange Litanei von āvāhayāmi-Formeln ("ich rufe herbei"), die eine Fülle größerer und kleinerer Gottheiten, Naturgeister und dämonischer Wesen anruft – offenbar Teil der Ortsweihe für den Tempelbau (vgl. die vorangehenden Kapitel zu Pflügen, Aussaat und Kuh-Ritual). Laut einer Fußnote der Quelle werden diese insgesamt 108 Wesen (5.1.20-5.1.29) von einer Autorität namens Kaśyapa als "die als 108 bezeichneten Götter" (aṣṭa-śatākhyā devāḥ) benannt – ob dies mit den klassischen 45- oder 81-feldrigen vāstu-maṇḍala-Gottheitslisten der späteren Architekturtraditionen übereinstimmt, ist unklar [?] und wird hier nicht behauptet. Viele der Namen sind schlichte Sanskrit-Wörter (Wind, Wasser, Hindernis, Sieg usw.), die hier personifiziert als eigene Gottheiten angerufen werden; etliche andere sind singuläre oder dunkle Namen, die in keiner mir zugänglichen unabhängigen Quelle sicher zu identifizieren sind und daher mit [?] markiert bleiben. Die Zeilen 5.1.0.7 (und die davor/danach befindlichen analogen Zeilen) sind Gedächtnisstützen (Mnemotechnik), die jeweils das letzte Element jeder Zehnergruppe wiederholen, um dem Rezitator die Anzahl der bereits vollzogenen Anrufungen anzuzeigen.
Ich rufe herbei: Brahmā; Aryaman; den Stab-Träger [Daṇḍa-dhara, Beiname Yamas]; den Schlingen-Träger [Pāśa-bhṛt, Beiname Varuṇas]; den Reichtum-Geber [Dhana-da, Beiname Kuberas]; Savitṛ; den Sāvitrischen [Sāvitra, den zu Savitṛ Gehörigen]; Indra; Indrāja [?, wörtl. etwa "Indra-Sproß"; die Quelle merkt an, dass eine Textänderung zu indrānuja, einem Viṣṇu-Namen, erwogen, aber wegen der Parallelform rudrāja im nächsten Vers verworfen wurde]; Rudra.
[Anm.: savitṛm ist laut Fußnote der Quelle eine unregelmäßige Akkusativform.]
Ich rufe herbei: Rudrāja [?, Parallelbildung zu Indrāja]; das Wasser [ap, hier im vedischen Singular]; das Wasser-Kind [?] [Āpa-vatsa]; Īśa; Parjanya, den Regengott; Jayanta, den "Siegreichen" [Sohn Indras]; Āditya; den zu Mahendra/Indra Gehörigen [Māhendra]; den Wahrhaftigen [?] [Satyaka]; den Heftigen [?] [Bhṛśa].
[Anm.: Für māhendram āvāhayāmi verweist die Quelle auf Parallelen in der Taittirīya-Brāhmaṇa (3.5.3.2) und im Śāṅkhāyana-Śrautasūtra (1.5.3).]
Ich rufe herbei: den Luftraum [Antarikṣa]; Agni; Pūṣan; den Falschen [?] [Vitatha]; den Haus-Schädiger [?] [Gṛha-kṣata]; Yama; den Gandharva; den Bienen-König [?] [Bhṛṃga-rāja]; den Ṛṣi [personifiziert]; Nirṛti, die Göttin des Verderbens.
[Anm.: Für agnim āvāhayāmi verweist die Quelle auf zahlreiche Parallelen (Kāṭhaka-Brāhmaṇa 8.8; Śatapatha-Brāhmaṇa 1.4.2.16 und 2.6.1.22; Taittirīya-Brāhmaṇa 3.5.3.2; Śāṅkhāyana-Śrautasūtra 1.5.3 und 5.11.4).]
Ich rufe herbei: den Türhüter [Dauvārika]; den Schönhalsigen [Sugrīva – im Epos Name des Affenkönigs, hier offenbar als eigenständiger Wächtergeist verwendet]; den Blüten-Zahn [?] [Puṣpa-danta]; den Herrn der Flüsse [Sarit-pati]; den Asura; den Austrocknenden [?] [Śoṣaṇa]; die Leidenschaft [?] [Rāga, personifiziert]; den Schnellen [?] [Javana]; den Nāga(-Schlangengeist); den Vorzüglichsten [?] [Mukhya].
Ich rufe herbei: Bhallāṭa [?, unklarer Name]; Soma; den Türriegel [Argala – die Quelle merkt an, der Text habe ursprünglich argaḷam gehabt und deutet argala als "hölzernen Riegel oder Stift zum Verschließen einer Tür oder eines Gefäßdeckels", Gegenstände, die im vaikhānasischen Ritual häufig erwähnt werden; im Padma-Purāṇa ist Argala zudem Name einer Hölle]; Aditi; den Gott der Weisen [?] [Sūri-deva]; Carakī [?, unklar, fem.]; den Götterfeind [?] [Devatāri]; Pūtanā, die Kindsdämonin; die böse Rākṣasī [Pāpa-rākṣasī]; den Nāga.
Ich rufe herbei: den Bhūta(-Geist); den Yakṣa; Durgā; die Pferdegesichtige [?] [Ghoṭa-mukhī]; die Amme/Erhalterin [?] [Dhātrī]; die Gestaltvolle [?] [Vapuṣā]; den Rākṣasa; den Sieg [Jaya, personifiziert]; Kṛṣṇa; Muruṇḍa [?, unklarer, evtl. ethnischer Name].
Ich rufe herbei: Śiva; den Lebensatem [Prāṇa, personifiziert]; den Seher/Dichter [Kavi, personifiziert]; Śakra (Indra); den Vielgerufenen [Puru-hūta, Indra-Beiname]; das Wissen [Vidyā, personifiziert]; den Ruhm [Yaśas, personifiziert]; die Glückbringende [Bhadrā]; den Veda-Träger [Veda-bhṛt]; den Asketen [Tāpasa, personifiziert].
[Anm.: Für śivam āvāhayāmy aham verweist die Quelle auf eine Parallele in der Maitrāyaṇī-Saṃhitā (2.9.1: 119.6).]
Ich rufe herbei: Sindhuṣā [?, unklar, evtl. zu sindhu "Strom, Fluss"]; das Wissen [Vidyā]; den Unermesslichen [Amita]; den aus den fünf Elementen Bestehenden [Pāñca-bhautika]; Śiva; das All [Viśva, personifiziert]; Mitra; Atri, den vedischen Weisen; Kusturuṇḍa [?, unklarer Name]; den Keim/Embryo [Garbha, personifiziert].
Ich rufe herbei: Varuṇa; den Reichtum-Geber [Dhana-da]; Kāleya [?, unklar, evtl. "Sohn der Zeit"]; den Brennenden [Dahana, Agni-Beiname]; Vighaṇḍa [?, unklar]; Pavana, den Windgott; Nimudaka [?, unklar]; die Kugel [?] [Golaka]; den Büffeldämon-Töter [Mahiṣa-ghna – möglicherweise ein Bezug auf den Sieg der Göttin über den Büffeldämon Mahiṣāsura]; das Rohr [?] [Vetra, personifiziert].
Ich rufe herbei: das Rohr-Mark [?] [Vetra-sāra]; die kleine Taube [Kapotaka]; den Gleichredenden [?] [Tulya-vādin]; die Aufgeblühte [Phullā]; den von blühender Gestalt [Phulla-rūpa]; das Hindernis [Vighna, personifiziert]; den Hindernis-Bereiter [Vighna-kāriṇa]; den Träger von allem [?] [Sarva-vāhana]; Kiṣkindha [im Epos Name des Affenreichs]; die heilige Furt/Badestelle [Tīrtha, personifiziert]; den Verwirrenden/Bezaubernden [Mohana]; den Stab-Träger [Daṇḍin]; Yūdhaka [?, unklar, evtl. zu yudh "kämpfen"]; den Beender [Antaka, Todes-Beiname]; den Wetteifer-Töter [?] [Spardha-ghna]; Nighna [?, unklar]; den Glück-Geber [Sukha-da]; den Nutzen-Geber [Hita-da].
[Anm.: Eine Fußnote der Quelle zitiert hierzu eine Autorität namens Kaśyapa: "ete aṣṭa-śatākhyā devā iti kaśyapaḥ" – "Dies sind die als 108 (aṣṭa-śata, wörtl. 'acht-und-hundert') bezeichneten Götter, [sagt] Kaśyapa." Die Gesamtzahl der in 5.1.20-5.1.29 genannten Namen (10×9 + 18 = 108) stimmt mit dieser Angabe überein.]
[Gedächtnisvers, der jeweils den letzten Namen jeder vorangehenden Zehnergruppe (5.1.20 bis 5.1.29) wiederholt, um dem Rezitator die Zahl der vollzogenen Zehnergruppen anzuzeigen:] Ich rufe herbei Rudra, Bhṛśa, Nirṛti, Mukhya, Nāga, Muruṇḍa, Tāpasa, Garbha, Vetra, Tīrtha – und acht [aṣṭāu, d.h. eine weitere Zählangabe, deren genauer Bezug unklar bleibt] [?].
[Anm.: Diese und die folgenden "5.1.0.X"-Zeilen sind keine eigenständigen Ritualhandlungen, sondern mnemotechnische Kontroll-/Zählverse, wie bereits in früheren Kapiteln dieses Werks (vgl. 5.1.0.1-5.1.0.6) beobachtet.]