yajāni svāḥā bibharti svāhāṣtau ca
[Mnemonische Merkzeile:] "…ich möge opfern, svāhā" – "…trägt, svāhā" – und acht [weitere].
[Anm.: Liturgische Stichwort- und Zählformel.]
Vaikhānasamantrapraśna
Dieser Abschnitt (6.36.1-6.37.9) ist eine dichte Litanei an eine furchtbare Erscheinungsform der Göttin, deren Ikonographie eindeutig der Caṇḍī-/Cāmuṇḍā-Tradition entspricht: Dreiäugigkeit (6.36.3), Aschebestreuung (6.36.4), Flammengirlande und Höhlengeburt (6.36.5), Verbindung mit dem Varāha-(Eber-)Avatāra (6.37.5), und schließlich in 6.37.8 unmittelbar der Name "Caṇḍī" selbst, zusammen mit Dreizack, verfilztem Asketenhaar und aufgelöstem Haar – klassischen Attributen der fürchterlichen Kriegs- und Kremationsgöttin. Der Abschnitt schließt mit der personifizierten Schlaf-Göttin Nidrā (6.37.9), die in der Devī-Māhātmya-Tradition als Yoganidrā, die kosmische Schlaf-Manifestation der Göttin, bekannt ist.
yajāni svāḥā bibharti svāhāṣtau ca
[Mnemonische Merkzeile:] "…ich möge opfern, svāhā" – "…trägt, svāhā" – und acht [weitere].
[Anm.: Liturgische Stichwort- und Zählformel.]
catur-mukhī loka-ramī ca kuṇḍinī | devī vivartinī virajo vidhātus svāhā
Die Vier-Gesichtige, die Welt-Erfreuende und die Gefäß-Trägerin; die Göttin, die sich Wandelnde, die staublose des Schöpfers.
[Anm.: "catur-mukhī" ("vier-gesichtig") ist hier ungewöhnlich weiblich, während dieses Epitheton traditionell meist Brahmā ("Caturmukha") zugeordnet wird.]
yo loka-bhartrī ramatā prajānām | jātābhis sarvaṃ manasā priyābhis svāhā
Die die Welt Tragende, sich an den Geschöpfen Erfreuende; mit allen ihr durch den Denksinn lieb Gewordenen.
[Anm.: Vers unsicher [?]; grammatisches Geschlecht wechselt zwischen männlichem "yo" und weiblichen Prädikaten, evtl. Textstörung.]
tri-netra-dhārī tapaso-dhi-devī | viśveṣu deveṣu gaṇeṣu mukhyā svāhā
Die Dreiäugige, die über die Askese herrschende Göttin; unter allen Göttern und ihren Scharen die Vorzüglichste.
[Anm.: Dreiäugigkeit (tri-netra) ist ein Standard-Erkennungsmerkmal Śivas/Durgās in weiblicher Form.]
cihnaṃ ca raudraṃ dadhatī gaṇa-mukhyā | bhasmāṅga-dhautī gaṇa-kāla-hāriṇī svāhā
Das furchtbare Zeichen tragend, die Anführerin der Scharen; die mit Asche am Leibe Gewaschene, die Zeit-Entrafferin der Scharen.
[Anm.: Aschebestreuung (bhasma) ist ein klassisches Attribut kremationsgroundnaher Śiva-/Śākta-Askese.]
jvālā mālā[*442] gumbhinī guha-jātā | raudraṃ gaṇaṃ yā bibhṛyāt surūpī svāhā
Die Flammen-Bekränzte, die Gebündelte, die aus der Höhle Geborene; die die furchtbare Schar tragen möge, die Schöngestaltige.
[Anm.: "Jvālāmālā" ("Flammengirlande") und "guha-jātā" ("aus der Höhle Geborene") erinnern stark an die Ikonographie Cāmuṇḍā-artiger Śākta-Göttinnen. Fußnote *442 vergleicht mit TA 10.11.2.]
bālān harī rakṣiṇī śṛṅgi-patrī | akṣeṣu śaktiṣu marīci-ramī ca devī svāhā
Die Kinder Schützende, die Grüne/Entraffende, die Beschützerin, die Horn-Beblätterte; in den Sinnesorganen, in den Kräften, die an den Lichtstrahlen Erfreute Göttin.
[Anm.: Vers unsicher [?].]
yuge-yuge samparirakṣitā ca | strī rūpa-dhārī puruṣasya cāriṇī svāhā
In jedem Zeitalter beschützt; die weibliche Gestalt Tragende, die Wandelnde des Puruṣa.
[Anm.: Motiv der wiederkehrenden Manifestation der Göttin in jedem Weltzeitalter.]
sarvaṃ ramā rakṣiṇī loka-dhātrī | viśvaṅ gaṇai rakṣitā yās tu bhūtyai svāhā
Die alles Erfreuende, Beschützende, Welt-Trägerin; die, welche mit ihren Scharen alles beschützt, zum Wohlergehen.
kalpeṣu kalpeṣu susaṃplaveṣu | alpī bhavitrī saha goṣu bhūṣu svāhā
In jedem Weltzeitalter, bei den großen Fluten, die Geringe Werdende, zusammen mit ihren Kühen und auf der Erde.
[Anm.: Anspielung auf die periodischen kosmischen Fluten (Pralaya) am Ende jedes Kalpa.]
anteṣu ghoreṣu vārāha-lolā | mandhī[*443] karṣī kṛṣṭa-mukhī ca devī svāhā
An den furchtbaren Enden, die Eber-Bewegte; die [?], die Pflügende, die mit dem gezogenen Antlitz, die Göttin.
[Anm.: "vārāha-lolā" ("die sich mit dem Eber bewegt") spielt auf den Varāha-(Eber-)Avatāra Viṣṇus an, hier mit der Göttin in Verbindung gebracht.]
sā sarva-deveṣu marud-gaṇeṣu | sambhāvitā yā tri-daśādhipā ca svāhā
Sie, unter allen Göttern, unter den Marut-Scharen, verehrt, die auch die Herrscherin der Dreißig Götter ist.
mālā-dharī yā tri-daśādhipā ca | sandhyā daśī sa(g)ṃhita-sapta-dhātus svāhā
Die Girlanden-Tragende, die auch Herrscherin der Dreißig ist; die Dämmerungs-Zehnte, die mit den sieben Grundstoffen Vereinte.
[Anm.: "sapta-dhātu" ("sieben Grundstoffe/Gewebe") ist ein Begriff aus der āyurvedischen Körperlehre, hier auf die Göttin übertragen.]
caṇḍī harī bhīṣaṇī rudra-rūpī dhātrī dharitrī rasa-hārī ca loke | śūlī jaṭī mukta-keśī vikeśī svāhā
Caṇḍī, die Grüne/Entraffende, die Furchterregende, die Rudra-Gestaltige, die Ordnerin, die Erdenträgerin, die Saft-Entraffende in der Welt; die Dreizack-Tragende, die Verfilzt-Haarige, die mit gelöstem Haar, die Aufgelöste.
[Anm.: Eindeutige Caṇḍī-/Cāmuṇḍā-Ikonographie: Dreizack, verfilztes Asketenhaar, aufgelöstes Haar – klassische Attribute der fürchterlichen Kriegs- und Kremationsgöttin.]
mohī vimohī vimuhī guha-dhāriṇī ca | nidrā ca devī virajās tu bhūtyai svāhā
Die Betörerin, die völlig Betörende, die Verwirrende, die Höhlen-Trägerin; und der Schlaf, die Göttin, die Staublose, zum Wohlergehen.
[Anm.: "Nidrā" ("Schlaf", personifiziert als Göttin) erinnert an die aus der Devī-Māhātmya-Tradition bekannte Yoganidrā, die kosmische Schlaf-Manifestation der Göttin.]
surūpī svāhā devī svāhāṣṭau ca
[Mnemonische Merkzeile:] "…die Schöngestaltige, svāhā" – "…die Göttin, svāhā" – und acht [weitere].
[Anm.: Liturgische Stichwort- und Zählformel.]