Paṭala 5: Pañcama-praśna, Prathamānuvāka (Fortsetzung): Prozession der Begleit-Gottheiten, Wasserkrug- und Grundstein-Ritual
5. Praśna, 1. Anuvāka (Fortsetzung): Prozession der Begleitgottheiten, Wasserkrug- und Grundstein-Ritual
Nach der 108-Gottheiten-Litanei (Kap. 4) folgt hier zunächst eine Einladung an Hari/Viṣṇus himmlisches Gefolge (Yama, Varuṇa, Kubera, Kārtikeya u.a.), an den Ort einzutreten und Hindernisse zu vernichten (5.1.30), dann ein Wasserkrug-Ritual (kumbha, 5.1.31) und ein Grundstein-/Erdgrabungs-Ritual mit Anrufung von Pṛthivī, Brahmā und Viśvakarman (5.1.32). Ab 5.1.33 wechselt der Text in eine andere, in der vaikhānasischen Ritualliteratur übliche Form: Es werden nur die Anfangsworte (pratīka) bekannter vedischer Verse aneinandergereiht, deren vollständigen Wortlaut der Rezitator aus eigenem vedischem Studium kennen soll. Da die Projekt-Methodik den Rückgriff auf Sekundärquellen/Kommentare ausschließt, werden hier nur die im Text stehenden Anfangsworte selbst übersetzt; nur wo diese sehr bekannten Hymnen zweifelsfrei entsprechen (z. B. dem Puruṣa-Sūkta) oder von der Quelle selbst per Fußnote identifiziert werden, wird dies vermerkt – alles andere bleibt mit [?] als unidentifizierte oder unsichere Zuordnung gekennzeichnet.
Er, der Ungeborene [Aja], vordem der beste, erlesenste Held, der Herr der Wesen, der Träger aller Wesen, der den Vṛtra erschlug, der den Helden voranschreitet, zusammen mit dem Rauchbanner-Träger [sa-dhūma-ketuḥ, unklar ob Agni oder ein Komet gemeint ist [?]] — mit [seinem] Gefolge: Yama, Dharma, zusammen mit der Schar der Götterfeinde, Nirṛti, zusammen mit dem Ozean, Varuṇa zusammen mit Vāyu, König Kubera, ausgestattet mit dem Blitz in der Hand — die Scharen der Göttermenge, zusammen mit Kārtikeya, ausgestattet mit den Anführern der [Śiva-]Scharen: sie mögen an diesen Ort eintreten, diese, die im Gefolge Haris [Viṣṇus] eingesetzt sind; sie, die Kräfte der Hindernis-Vernichtung, mögen dies bewirken. Alle Unreinheit möge weichen. Ich besprenge. Die früher [hier] Ansässigen mögen nach Belieben fortgehen; wir vollziehen das Abschließende.
[Anm.: Eine dichte Häufung von Gefolgschafts-Epitheta für eine Prozession himmlischer und halbgöttlicher Wesen, die zur Ortsweihe eingeladen werden.]
Hier sei Heil: Savitṛ [bringe] Heil, alle Götter [bringen] das Göttliche. Heil sei, und [sei] dem Herrn von allem, dem Rechtschaffenen, Varuṇa, dem Besten der Scharen-Träger. Sie mögen in diesen Wasserkrug eintreten: der Krug-Träger, der Wasser-Hüter. Alle mögen in Varuṇa eintreten, in Varuṇa, den Schlingen-Träger, den Helden, den Wasser-Hüter [?]. Diese opferwürdige Grenze besprenge ich; diese Grenze durchschreite ich in Wahrheit. Dies werde die Wohnstatt Viṣṇus. Hier wandle der Wasser-Herr Varuṇa; die anderen [Wesen] mögen nach Belieben fortgehen. Dies sei der Keim, dies die Wohnung, dies [gehöre] den anderen; dies [gehöre] Garuḍa, dem Feuerartigen [?] und den übrigen; dies [gehöre] dem Unermesslichen; dies [gehöre] dem Diskus; dies [gehöre] der Flagge; dies [gehöre] dem Höchsten; dies sei [Eigentum] des Herrn der Schar [Yūthādhinātha]. Diese mögen anmutig sein.
Dich grabe ich, o Erde; sei nach dem Gebot deines Gemahls [Viṣṇus] freudig gestimmt. Dies sei die zum Gott der Götter [gehörige] vaiṣṇavische Wohnstatt, die Götter-Trägerin. Ich sende die Erdkrumen aus; sie mögen zum Gedeihen dienen. Er, der Freund Viṣṇus, der Wunsch-Gewährer unter den Gewährern, der Schöpfer der Heerscharen, der Reine unter den Reinen, der Held unter den Helden, möge kommen. Bewirke du alles, o Wunsch-Gewährer der Gewährer; durch deine Gnade bin ich vollendet, ich gelange zur Vollendung. Zu dir allein nehme ich Zuflucht, auf dass es hindernisfrei sei; hindernisfrei möge es sich vollenden. Gute Schritte und gutes Geleit seien den Wassern [zuteil]. Varuṇa zeige an, was günstig und ungünstig ist. Es schütze mich Varuṇa, der Ewige, der Rotgewandete, der Herr der Gewässer. O Unermesslicher, durch deine Gnade mögen alle Götter gnädig gestimmt sein. Es komme der erhabene Brahmā, der diesem Ort Nutzen bringt; er, der Ewige, möge sich auf diesem makellosen Lotus zusammen mit den Ṛṣis erfreuen. Dies sei von Brahmā erfüllt; ihn besteigend mögen die Götter anzeigen, was günstig und ungünstig ist. Die herbeigekommenen Götter mögen es anzeigen. Es komme der erhabene Viśvakarman, er trete ein. Er trete in meinen Verstand ein; er selbst möge entscheiden; das Werk möge zuerst der Virāj [die kosmische Ur-Gestalt] binden [?, syntaktisch unklar]. Zum zweiten [Mal mögen eintreten] die sieben Ṛṣis; durch ihre Gnade sei es hindernisfrei. Die Glieder-Gottheiten dieses [Werkes] mögen eintreten; sie mögen zum Gedeihen dienen; so vollziehe ich [dieses Werk]; die Götter mögen das göttliche Werk bewirken lassen.
[Anm.: Grundsteinlegungs-/Erdaushebungsritual mit Anrufung der Erdgöttin Pṛthivī als Gemahlin Viṣṇus sowie der beiden Baumeister-Gottheiten Brahmā und Viśvakarman.]
medinī devī | vāstoṣ-pate | dhārāsu saptasu | svasti no mimītāṃ | eto nv indram | adite inumanyasva | ato devā viṣṇor nu ka(g)ṃ sahasra-śīrṣā puruṣaḥ | hiraṇya-varṇāṃ bhūmir bhūmnā | brahma jajñāna(g)ṃ hiraṇya-garbhaḥ | yam arpayanti śaṃ no nidhattāṃ bhūmān anto 'gre nāga-rājāya svāhā
[Kette von Anfangsworten (pratīka) vedischer Verse, gefolgt von einer Svāhā-Widmung:] "die Erdgöttin [Medinī]" – "o Herr der Wohnstatt [Vāstoṣpati]" – "in den sieben Strömen" – "Heil möge uns [der/die ...] bereiten" – "kommt, wohlan, zu Indra" – "Aditi, gewähre [?]" – "von da an, o Götter" / "wohlan, [singt] von Viṣṇus [Taten]" / "tausendköpfig ist der Puruṣa" [vermutlich der Beginn des bekannten Puruṣa-Sūkta] – "goldfarben" / "die Erde durch [ihre] Fülle" – "das Brahman ist entstanden" / "der Goldene Keim [Hiraṇyagarbha]" [vermutlich Beginn des Hiraṇyagarbha-Sūkta] – "den sie darbringen" / "Heil lege uns nieder" / "die Erde [war] am Anfang das Ende" [?] – dem Schlangenkönig, svāhā!
[Anm.: Ab hier reiht der Text überwiegend nur die Anfangsworte bekannter vedischer Verse aneinander, ohne sie vollständig zu zitieren – eine im vaikhānasischen Ritual übliche Kurzform (pratīka), die vollständige Kenntnis der betreffenden Hymnen beim Rezitator voraussetzt. Da die Projekt-Methodik keine Sekundärliteratur zur Identifikation heranzieht, werden nur sehr bekannte Fälle (wie das Puruṣa-Sūkta) benannt; alles andere bleibt mit [?] als unidentifiziert markiert.]
Svāhā dem Indra! Svāhā dem Agni! Svāhā dem Yama! Svāhā der Nirṛti! Svāhā dem Varuṇa! Svāhā dem Vāyu! Svāhā dem Kubera! Svāhā dem Īśāna! Svāhā dem Nārāyaṇa [und] allen Edelsteinen! Svāhā dem Nārāyaṇa [und] allen Erzen/Mineralien! Svāhā dem Nārāyaṇa [und] allen Samen! Svāhā dem Nārāyaṇa [und] allen Metallen! Svāhā den Flüssen! Svāhā den Unterwelten [Pātāla]! Svāhā den Bäumen! Svāhā den Bergen! Svāhā den Richtungselefanten [dig-gaja]! Svāhā dem Viṣṇu! Svāhā der Erde! "Aditi, [du hast] eingelassen [?]" – "Selbst-Selbst, der höchste innere Selbst" – "dies ist Viṣṇus Kraft" – "die Erdgöttin" – Viṣṇu bereite den Mutterschoß – "die feste Erde" [?] – "was von diesem Werk übriggeblieben ist" [?].
[Anm.: Eine lange Reihe von Svāhā-Opferformeln an eine Vielzahl von Gottheiten und Natursubstanzen (Edelsteine, Erze, Samen, Metalle, Flüsse, Bäume, Berge), gefolgt erneut von einer Kette vedischer Anfangsworte.]
Viṣṇu beschütze mich. "O Herr der Wohnstatt, in den sieben Strömen" – "goldfarben, geläutert, im Lichte geboren" [vermutlich Hymnenanfang]. Verehrung dem Wald-König! Verehrung dem Herrn des Landes! Verehrung allen Göttern! Verehrung den Yakṣas! Verehrung den Vidyādharas! Verehrung den Rākṣasas! Verehrung den Piśācas! Verehrung den Nāgas! Verehrung den Gandharvas! Verehrung den achtzehn Scharen! Die dort Ansässigen mögen rasch fortgehen. "Selbst-Selbst, der höchste innere Selbst" – "dies ist Viṣṇu" – "dem Nārāyaṇa" – "empor jenen glänzenden Jātavedas [Agni] der Götter" [?] – "du bist das Rathantara[-Sāman], du bist das Vāmadevya[-Sāman], dein [bin ich], Indras" [?]. In diesem Land, o [hier] Wohnender [?], ziehe [du, fremder Geist] fort. Verehrung der Rede, die angetrieben wurde. "O Herr der Wohnstatt, feiner als das Feinste" – "goldfarben, geläutert, im Lichte geboren" – "in den sieben Strömen, Verehrung dem Wald-König" – Verehrung den Waldherren! Verehrung den Wald-Gottheiten! Verehrung den Bhūtas! Verehrung den Yakṣas!
[Anm.: Übergang von Svāhā- zu Namaḥ-Formeln (Verehrungs- statt Opfer-Widmungen), gerichtet an eine Fülle von Natur- und Ortsgeistern (Wald, Land, Yakṣas, Vidyādharas, Rākṣasas, Piśācas, Nāgas, Gandharvas) – offenbar eine Bitte an ortsansässige, nicht-göttliche Wesen, den zu weihenden Platz zu räumen, ähnlich der bereits in Kapitel 3 übersetzten Bitte an Naturgeister beim Pflügen.]