Kapitel 10: upadeśadoṣa-śūdratāpasa-upākhyāna
Die Schuld der Unterweisung Niedriggeborener: der Śūdra-Asket und sein Lehrer, der Hauspriester
Yudhiṣṭhira fragt, ob Schuld trifft, wer einen von niedrigerer Geburt aus Freundschaft unterweist. Bhīṣma antwortet mit einer Beispielerzählung (upākhyāna) von einem Śūdra-Asketen, dem ein Ṛṣi Anweisungen für das Ahnenopfer gab, und den Folgen in der nächsten Geburt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wer aus Freundschaft und Zuneigung eine Unterweisung erteilt, [und zwar] einem von niedrigerer Geburt, o Königsweiser: Trifft ihn dafür Schuld oder nicht?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
mitrasauhṛdabhāvena
aus Freundschaft und Herzensneigung (Instr.Sg.)
upadeśaṃ karoti yaḥ
wer eine Unterweisung erteilt (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.Rel.)
jātyāvarasya rājarṣe
einem von niedrigerer Geburt, o Königsweiser (Gen.Sg.; Vok.Sg.)
doṣas tasya bhaven na vā
trifft ihn Schuld oder nicht (Nom.Sg.; Gen.Sg.; 3.Sg.Opt.)
Das übel gesprochene Wort, König, [wie es] nach Recht und Überlieferung [gilt] [?]
Wort für Wort
duruktaṃ vacanaṃ
das übel gesprochene Wort (Nom./Akk.Sg.n.; Nom./Akk.Sg.n.)
rājan
König (Vok.Sg.)
yathānyāyaṃ
nach Recht, der Regel gemäß (Adv.)
yathāgatam
wie überliefert / wie es gekommen ist (Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Satz ist syntaktisch unvollständig und inhaltlich unklar (duruktaṃ vacanam ohne Prädikat).
Ein Beispiel hierfür, König, höre von mir, Stier der Bharata, [nämlich] für übel gesprochene Rede, wie es früher geschah, Yudhiṣṭhira: [Es trug sich zu] in der Einsiedelei eines Brahmanen an der schönen Flanke des Himavat.
Wort für Wort
nidarśanam idaṃ rājañ
dieses Beispiel, König (Akk.Sg.n.; Akk.Sg.n.; Vok.Sg.)
śṛṇu me bharatarṣabha
höre von mir, Stier der Bharata (Imp.; Abl./Gen.Sg.; Vok.Sg.)
duruktavacane rājan
bei übel gesprochener Rede, König (Lok.Sg.; Vok.Sg.)
yathā pūrvaṃ yudhiṣṭhira
wie früher, Yudhiṣṭhira (Adv.; Vok.Sg.)
brahmāśramapade vṛttaṃ
in einer Brahmanen-Einsiedelei geschehen (Lok.Sg.; Part.Perf.Pass.n.)
pārśve himavataḥ śubhe
an der schönen Flanke des Himavat (Lok.Sg.; Gen.Sg.; Lok.Sg.n.)
Dort [lag] ein heiliger Einsiedlerhain, erfüllt von Scharen mannigfacher Bäume, dicht bewachsen mit vielen Sträuchern und Schlingpflanzen, von Wild und Vögeln besucht.
Wort für Wort
tatrāśramapadaṃ puṇyaṃ
dort ein Einsiedlerhain, heilig (Adv.; Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
nānāvṛkṣagaṇāyutam
versehen mit Scharen mannigfacher Bäume (Nom.Sg.n., Kompositum)
bahugulmalatākīrṇaṃ
bedeckt mit vielen Sträuchern und Ranken (Nom.Sg.n., Kompositum)
mṛgadvijaniṣevitam
von Wild und Vögeln [Zweimalgeborenen] besucht (Nom.Sg.n., Kompositum)
Auch von hochgesegneten Brahmanen, die der Sonne und dem Feuer gleichen, mit Regeln und Gelübden ausgestattet, Asketen, war er erfüllt, von Geweihten, o Bester der Bharata, von Speisemäßigen, deren Selbst geläutert ist.
Wort für Wort
brāhmaṇaiś ca mahābhāgaiḥ
und von Brahmanen, hochgesegneten (Instr.Pl.; Instr.Pl.m.)
sūryajvalanasaṃnibhaiḥ
Sonne und Feuer gleichend (Instr.Pl.m., Kompositum)
niyamavratasaṃpannaiḥ
mit Regeln und Gelübden ausgestattet (Instr.Pl.m., Kompositum)
samākīrṇaṃ tapasvibhiḥ
erfüllt von Asketen (Part.Nom.Sg.n.; Instr.Pl.)
dīkṣitair bharataśreṣṭha
von Geweihten, Bester der Bharata (Instr.Pl.; Vok.Sg.)
yatāhāraiḥ kṛtātmabhiḥ
von Speisebeherrschten, Selbstgeläuterten (Instr.Pl.; Instr.Pl.)
„Durch deine Gnade wünsche ich, den Dharma zu üben, Stier unter den Zweimalgeborenen; darum, Erhabener, sollst du mich unterweisen und in die Hauslosigkeit aufnehmen.“
Wort für Wort
bhavatprasādād icchāmi
durch deine Gnade wünsche ich (Abl.Sg.; 1.Sg.Präs.)
dharmaṃ cartuṃ dvijarṣabha
den Dharma zu üben, Stier der Zweimalgeborenen (Akk.Sg.; Inf.; Vok.Sg.)
tan māṃ tvaṃ bhagavan
darum du mich, Erhabener (Adv.; Akk.Sg.; Nom.Sg.; Vok.Sg.)
vaktuṃ pravrājayitum arhasi
sollst unterweisen und in die Hauslosigkeit aufnehmen (Inf.; Inf.Kaus.; 2.Sg.Präs.)
kulapatir uvāca; na śakyam iha śūdreṇa liṅgam āśritya vartitum; āsyatāṃ yadi te buddhiḥ śuśrūṣānirato bhava
Das Oberhaupt der Einsiedelei sprach: „Als Śūdra kann man hier nicht unter Annahme des [Asketen-]Zeichens leben. Man bleibe [hier], wenn du willst; sei dem Dienst ergeben.“
Wort für Wort
kulapatir uvāca
das Oberhaupt sprach (Nom.Sg.; Perf.)
na śakyam iha śūdreṇa
nicht möglich hier durch einen Śūdra (Neg.; Gerundiv n.; Adv.; Instr.Sg.)
liṅgam āśritya vartitum
das Zeichen annehmend zu leben (Akk.Sg.; Abs.; Inf.)
āsyatāṃ yadi te buddhiḥ
man bleibe [hier], wenn dein Sinn [danach steht] (Imp.Pass.3.Sg.; Konj.; Gen./Dat.Sg.; Nom.Sg.)
śuśrūṣānirato bhava
dem Dienst ergeben sei (Nom.Sg.m., Kompositum; Imp.)
bhīṣma uvāca; evam uktas tu muninā sa śūdro 'cintayan nṛpa; katham atra mayā kāryaṃ śraddhā dharme parā ca me; vijñātam evaṃ bhavatu kariṣye priyam ātmanaḥ
Bhīṣma sprach: „So vom Weisen angesprochen, überlegte jener Śūdra, König: ‚Wie soll ich hier handeln? Mein Glaube an den Dharma ist höchst. Es sei so entschieden [?]; ich werde tun, was mir selbst lieb ist.‘“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam uktas tu muninā
so angesprochen vom Weisen (Adv.; Part.Nom.Sg.m.; Instr.Sg.)
sa śūdro 'cintayan nṛpa
jener Śūdra überlegte, König (Nom.Sg.; 3.Sg.Impf.; Vok.Sg.)
katham atra mayā kāryaṃ
wie ist hier von mir zu handeln (Adv.; Adv.; Instr.Sg.; Gerundiv)
śraddhā dharme parā ca me
und mein Glaube an den Dharma ist höchst (Nom.Sg.; Lok.Sg.; Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
vijñātam evaṃ bhavatu
erkannt [entschieden] sei es so (Part.Nom.Sg.n.; Adv.; 3.Sg.Imp.)
kariṣye priyam ātmanaḥ
ich werde tun, was dem Selbst lieb ist (1.Sg.Fut.Med.; Akk.Sg.n.; Gen.Sg.)
vijñātam evaṃ bhavatu ist knapp; wörtlich etwa „so sei es erkannt“, gemeint vermutlich „so sei es beschlossen“.
gatvāśramapadād dūram uṭajaṃ kṛtavāṃs tu saḥ; tatra vediṃ ca bhūmiṃ ca devatāyatanāni ca; niveśya bharataśreṣṭha niyamastho 'bhavat sukham
Weit vom Einsiedlerhain entfernt gegangen, baute er sich eine Hütte; dort richtete er einen Altar, einen [Opfer-]Platz und Götterstätten ein, Bester der Bharata, und lebte, in den Regeln gefestigt, glücklich.
Wort für Wort
gatvāśramapadād dūram
nachdem er vom Einsiedlerhain weit weg gegangen war (Abs.; Abl.Sg.; Adv.)
uṭajaṃ kṛtavāṃs tu saḥ
baute er eine Laubhütte (Akk.Sg.; Part.Perf.Akt.Nom.Sg.; Nom.Sg.)
tatra vediṃ ca bhūmiṃ ca
dort einen Altar und einen Platz (Adv.; Akk.Sg.; Akk.Sg.)
devatāyatanāni ca niveśya
und Götterstätten, nachdem er sie errichtet hatte (Akk.Pl.; Abs.)
bharataśreṣṭha niyamastho 'bhavat sukham
Bester der Bharata, in Regeln gefestigt lebte er glücklich (Vok.Sg.; Nom.Sg.m.; 3.Sg.Impf.; Adv.)
Da [brachte] der Śūdra, um den Brahmanen [sie] annehmen zu lassen, Körner von Wildreis [?].
Wort für Wort
atha grāhayituṃ vipraṃ
da, um den Brahmanen annehmen zu lassen (Adv.; Inf.Kaus.; Akk.Sg.)
śūdro
der Śūdra (Nom.Sg.)
nīvārataṇḍulān
Wildreiskörner (Akk.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Satz ist ohne Prädikat überliefert und syntaktisch unvollständig, Ergänzung [brachte] unsicher.
Als der Ṛṣi dann, [sich] nach rechts [bzw. Süden] wendend, die Bṛsī sah, die mit dem Kopfende nach oben [?] unvorschriftsmäßig zurechtgelegt war, sprach er darauf zu ihm:
Wort für Wort
atha dakṣiṇam āvṛtya
dann nach rechts/Süden gewendet (Adv.; Adv./Akk.Sg.n.; Abs.)
bṛsīṃ paramaśīrṣikām
die Sitzmatte mit [?] Kopfende (Akk.Sg.; Akk.Sg.f.)
kṛtām anyāyato dṛṣṭvā
unvorschriftsmäßig hergerichtet, nachdem er sie sah (Part.Akk.Sg.f.; Adv.; Abs.)
tatas tam ṛṣir abravīt
darauf sprach der Ṛṣi zu ihm (Adv.; Akk.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Impf.)
dakṣiṇam āvṛtya und paramaśīrṣikām sind unklar; nach Vers 35 lag das Kopfende offenbar nicht nach Osten.
yathopadiṣṭaṃ medhāvī darbhādīṃs tān yathātatham; havyakavyavidhiṃ kṛtsnam uktaṃ tena tapasvinā
Wie unterwiesen [verfuhr] der Verständige genau so mit den Darbha-Gräsern und dem Übrigen; die ganze Vorschrift für Götter- und Ahnenopfer wurde von jenem Asketen genannt.
Wort für Wort
yathopadiṣṭaṃ medhāvī
wie unterwiesen, der Verständige (Adv./Part.; Nom.Sg.)
darbhādīṃs tān yathātatham
die Darbha-Gräser usw., diese, genau so (Akk.Pl.; Akk.Pl.; Adv.)
havyakavyavidhiṃ kṛtsnam
die Vorschrift für Götter- und Ahnenopfer, vollständig (Akk.Sg.; Akk.Sg.m.)
uktaṃ tena tapasvinā
wurde gesagt von jenem Asketen (Part.Nom./Akk.Sg.; Instr.Sg.; Instr.Sg.)
atha dīrghasya kālasya sa tapyañ śūdratāpasaḥ; vane pañcatvam agamat sukṛtena ca tena vai; ajāyata mahārājarājavaṃśe mahādyutiḥ
Nach langer Zeit aber, als jener Śūdra-Asket sich kasteite, ging er im Wald in den Tod, und durch jenes gute Werk wurde er in der Familie eines Großkönigs geboren, von großem Glanz.
Wort für Wort
atha dīrghasya kālasya
danach nach langer Zeit (Adv.; Gen.Sg.; Gen.Sg.)
sa tapyañ śūdratāpasaḥ
jener sich kasteiende Śūdra-Asket (Nom.Sg.; Part.Nom.Sg.; Nom.Sg.)
vane pañcatvam agamat
im Wald ging er in den Tod (Lok.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Aor./Impf.)
sukṛtena ca tena vai
und durch jenes gute Werk fürwahr (Instr.Sg.; Instr.Sg.)
ajāyata mahārājarājavaṃśe
wurde geboren in der Königsfamilie eines Großkönigs (3.Sg.Impf.Med.; Lok.Sg.)
Ebenso erlangte auch jener Ṛṣi, Lieber, den Lauf der Zeit [den Tod] und wurde in einer Familie von Hauspriestern als Brahmane geboren, Stier der Bharata.
Wort für Wort
tathaiva sa ṛṣis tāta
ebenso jener Ṛṣi, Lieber (Adv.; Nom.Sg.; Nom.Sg.; Vok.Sg.)
kāladharmam avāpya ha
die Zeit-Bestimmung [den Tod] erlangt habend, fürwahr (Akk.Sg.; Abs.; Part.)
purohitakule vipra
in einer Hauspriesterfamilie als Brahmane (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
ājāto bharatarṣabha
geboren, Stier der Bharata (Part.Nom.Sg.m.; Vok.Sg.)
atharvavede vede ca babhūvarṣiḥ suniścitaḥ; kalpaprayoge cotpanne jyotiṣe ca paraṃ gataḥ; sakhye cāpi parā prītis tayoś cāpi vyavardhata
In Atharvaveda und [übrigem] Veda wurde der Seher [Purohita] fest bewandert; im Ritualhandbuch und in der Anwendung [der Riten], die sich ergab, sowie in der Astronomie gelangte er zum Höchsten. Auch die höchste Zuneigung in Freundschaft wuchs zwischen den beiden.
Wort für Wort
atharvavede vede ca
im Atharvaveda und im Veda (Lok.Sg.)
babhūva ṛṣiḥ suniścitaḥ
es wurde der Seher fest überzeugt/sicher (3.Sg.Perf. / Nom.Sg. / Part.)
kalpaprayoge ca utpanne
und in der Ritualanwendung, der aufgekommenen (Lok.Sg., Part.Perf.Pass.)
jyotiṣe ca param gataḥ
und in der Astronomie zum Höchsten gelangt (Lok.Sg. / Akk.Sg. / Part.Perf.Pass.)
sakhye ca api parā prītiḥ
und in der Freundschaft auch höchste Zuneigung (Lok.Sg. / Nom.Sg.f.)
tayoḥ ca api vyavardhata
zwischen den beiden auch wuchs sie (Gen.Du. / 3.Sg.Impf.Med.)
utpanne kalpaprayoge: Sinn unsicher; wörtlich „in der aufgekommenen Ritualanwendung“.
pitary uparate cāpi kṛtaśaucaḥ sa bhārata; abhiṣiktaḥ prakṛtibhī rājaputraḥ sa pārthivaḥ; abhiṣiktena sa ṛṣir abhiṣiktaḥ purohitaḥ
Als der Vater verstorben war, wurde er, der Prinz, nachdem er die Reinigung vollzogen hatte, Bhārata, von den Untertanen zum König geweiht. Mit dem Geweihten wurde auch jener Seher zum Hauspriester geweiht.
Wort für Wort
pitari uparate ca api
und als der Vater verstorben war (Lok.abs., Part.Perf.Pass.)
kṛtaśaucaḥ sa bhārata
er, der die Reinigung vollzogen hatte, o Bhārata (Nom.Sg., Bahuvrīhi / Vok.)
abhiṣiktaḥ prakṛtibhiḥ
geweiht von den Untertanen (Nom.Sg. Part. / Instr.Pl.)
rājaputraḥ sa pārthivaḥ
der Königssohn, er, der Fürst (Nom.Sg.)
abhiṣiktena sa ṛṣiḥ
mit dem Geweihten jener Seher (Instr.Sg. / Nom.Sg.)
Bei der Verkündung des Glückwunsches [„Heil!“], stets und bei den Dharma-Handlungen immer wieder, lächelte der König und lachte auf, wenn er den Hauspriester sah. So, König, verlachte er den Hauspriester oftmals.
Wort für Wort
puṇyāhavācane nityam
bei der Segensformel-Rezitation, stets (Lok.Sg.n. / Adv.)
dharmakāryeṣu ca asakṛt
und bei den Dharma-Verrichtungen wiederholt (Lok.Pl. / Adv.)
utsmayan prāhasat ca api
lächelnd und lachte laut auf, auch (Part.Präs. / 3.Sg.Impf.)
dṛṣṭvā rājā purohitam
nachdem er gesehen, der König, den Hauspriester (Abs. / Nom.Sg. / Akk.Sg.)
evaṃ sa bahuśaḥ rājan
so er oftmals, o König (Adv. / Vok.)
purodhasam upāhasat
den Hauspriester verlachte er (Akk.Sg. / 3.Sg.Impf.)
rājovāca; varāṇāṃ te śataṃ dadyāṃ kim utaikaṃ dvijottama; snehāc ca bahumānāc ca nāsty adeyaṃ hi me tava
Der König sprach: „Hundert Wünsche würde ich dir gewähren, wie erst einen, bester der Zweimalgeborenen. Aus Zuneigung und aus Hochachtung gibt es nichts, was ich dir nicht geben würde.“
Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf.)
varāṇāṃ te śatam dadyām
hundert Wünsche würde ich dir geben (Gen.Pl. / Dat. / Akk.Sg. / 1.Sg.Opt.)
kim uta ekam dvijottama
wie erst einen, bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
snehāt ca bahumānāt ca
aus Zuneigung und aus Hochachtung (Abl.Sg.)
na asti adeyam hi me tava
nicht ist Ungebbares für mich dir gegenüber (3.Sg.Präs. / Nom.Sg.n. / Gen.)
nāsty adeyaṃ hi me tava: wörtlich „für dich ist mir nichts Ungebbares“.
purohita uvāca; ekaṃ vai varam icchāmi yadi tuṣṭo 'si pārthiva; yad dadāsi mahārāja satyaṃ tad vada mānṛtam
Der Hauspriester sprach: „Einen Wunsch nur möchte ich, wenn du zufrieden bist, o Fürst. Was du [mir] gibst, großer König: Sprich dazu die Wahrheit, nicht die Unwahrheit.“
Wort für Wort
purohitaḥ uvāca
der Hauspriester sprach (Nom.Sg.)
ekaṃ vai varam icchāmi
einen Wunsch fürwahr wünsche ich (Akk.Sg. / 1.Sg.Präs.)
yadi tuṣṭaḥ asi pārthiva
wenn du zufrieden bist, o Fürst (Nom.Sg. / 2.Sg.Präs. / Vok.)
yad dadāsi mahārāja
was du gibst, großer König (Rel.Akk. / 2.Sg.Präs. / Vok.)
satyam tad vada
die Wahrheit darüber sprich (Akk. / Imp.)
mā anṛtam
nicht Unwahrheit (Prohib.-Partikel / Akk.Sg.)
Der Sinn der Halbverszeile yad dadāsi … satyaṃ tad vada mānṛtam ist knapp; hier gedeutet als Bitte, dass die Antwort wahr sein soll.
bhīṣma uvāca; bāḍham ity eva taṃ rājā pratyuvāca yudhiṣṭhira; yadi jñāsyāmi vakṣyāmi ajānan na tu saṃvade
Bhīṣma sprach: „Gewiss“, antwortete ihm der König, Yudhiṣṭhira; „wenn ich es weiß, werde ich es sagen; wenn ich es nicht weiß, spreche ich nicht [darüber].“
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg.)
bāḍham iti eva
„gewiss“, so eben (Adv.)
tam rājā pratyuvāca yudhiṣṭhira
ihm antwortete der König, Yudhiṣṭhira (Akk. / Nom. / 3.Sg.Perf. / Vok.)
yadi jñāsyāmi vakṣyāmi
wenn ich wissen werde, werde ich sagen (1.Sg.Fut.)
ajānan na tu saṃvade
nicht wissend aber spreche ich nicht (Part.Präs.Nom.Sg. / 1.Sg.Präs.Med.)
ajānan na tu saṃvade: saṃvade evtl. „ich rede mit / äußere mich“.
Der Hauspriester sprach: „Bei der Segensformel-Rezitation stets und bei den Dharma-Handlungen immer wieder, und bei den Friedensopfern jederzeit: Warum lachst du, wenn du mich ansiehst?“
savrīḍaṃ vai bhavati hi mano me hasatā tvayā; kāmayā śāpito rājan nānyathā vaktum arhasi
„Beschämt wird mein Sinn durch dein Lachen. Aus Wunsch [meines Wunsches wegen] zum Sprechen beschworen, König, darfst du nicht anders reden [als wahr].“
Wort für Wort
savrīḍaṃ vai bhavati hi
beschämt wird fürwahr (Adj.n.Nom. / 3.Sg.Präs.)
manaḥ me hasatā tvayā
mein Sinn durch das Lachen von dir (Nom.Sg. / Gen. / Instr.Sg. Part.)
kāmayā śāpitaḥ rājan
auf meinen Wunsch hin beschworen, König (Instr.Sg. / Part.Perf.Pass. Kaus. / Vok.)
na anyathā vaktum arhasi
nicht anders darfst du sprechen (Adv. / Inf. / 2.Sg.Präs.)
pūrvadehe yathā vṛttaṃ tan nibodha dvijottama; jātiṃ smarāmy ahaṃ brahmann avadhānena me śṛṇu
„Wie es im früheren Körper [Leben] geschah, das vernimm, bester der Zweimalgeborenen. Ich erinnere mich an meine [frühere] Geburt, Brahmane; höre mit Aufmerksamkeit.“
Wort für Wort
pūrvadehe yathā vṛttam
im früheren Körper, wie es geschehen ist (Lok.Sg. / Adv. / Part.Perf.Pass.)
tat nibodha dvijottama
das vernimm, bester der Zweimalgeborenen (Akk. / Imp. / Vok.)
prīyatā hi tadā brahman mamānugrahabuddhinā; pitṛkārye tvayā pūrvam upadeśaḥ kṛto 'nagha; bṛsyāṃ darbheṣu havye ca kavye ca munisattama
„Damals, Brahmane, gabst du mir, der ich mich freute, in wohlwollender Gesinnung zuvor beim Ahnenopfer eine Unterweisung, o Makelloser: über die Bastmatte, die Darbha-Halme, das Götteropfer und das Ahnenopfer, bester der Weisen.“
mit meiner Gunst-Gesinnung / mir gegenüber mit Wohlwollen (Gen. / Instr.Sg.)
pitṛkārye tvayā pūrvam
beim Ahnenwerk von dir zuvor (Lok.Sg. / Instr. / Adv.)
upadeśaḥ kṛtaḥ anagha
eine Unterweisung wurde gegeben, Makelloser (Nom.Sg. / Part.Perf.Pass. / Vok.)
bṛsyām darbheṣu
in Bezug auf Bastmatte, Darbha-Halme (Lok.Sg. / Lok.Pl.)
havye ca kavye ca munisattama
beim Götter- und Ahnenopfer, bester der Weisen (Lok.Sg. / Vok.)
prīyatā … mamānugrahabuddhinā: Konstruktion unsicher [?]; entweder „(du,) mich in Wohlwollen erfreuend“ oder „von mir, dem Erfreuten“; hier als „aus Wohlwollen mir gegenüber“ gedeutet.
etena karmadoṣeṇa purodhās tvam ajāyathāḥ; ahaṃ rājā ca viprendra paśya kālasya paryayam; matkṛte hy upadeśena tvayā prāptam idaṃ phalam
„Durch diese Verfehlung im Ritus wurdest du als Hauspriester geboren; ich [wurde] König, Bester der Brahmanen. Sieh den Umschwung der Zeit: um meinetwillen ist dir durch die Unterweisung diese Frucht zuteilgeworden.“
Wort für Wort
etena karmadoṣeṇa
durch diesen Fehler im Werk (Instr.Sg.)
purodhāḥ tvam ajāyathāḥ
als Hauspriester wurdest du geboren (Nom.Sg. / 2.Sg.Impf.Med.)
aham rājā ca viprendra
ich [wurde] König, o Fürst der Brahmanen (Nom. / Vok.)
paśya kālasya paryayam
sieh der Zeit Umlauf (Imp. / Gen. / Akk.Sg.)
matkṛte hi upadeśena
um meinetwillen durch die Unterweisung (Lok. / Instr.Sg.)
tvayā prāptam idaṃ phalam
von dir erlangt diese Frucht (Instr. / Part.Perf.Pass. / Nom.Sg.n.)
viparyayeṇa me manyus tena saṃtapyate manaḥ; jātiṃ smarāmy ahaṃ tubhyam atas tvāṃ prahasāmi vai
„Wegen des Umschwungs [des Schicksals] ist mein Ärger [da], darum ist mein Sinn betrübt. Ich erinnere mich an die Geburt [in der wir uns kannten] dir gegenüber; darum lache ich dich an.“
Wort für Wort
viparyayeṇa me manyuḥ
durch den Umschwung ist mein Ärger (Instr.Sg. / Gen. / Nom.Sg.)
tena saṃtapyate manaḥ
darum wird betrübt der Sinn (Instr. / 3.Sg.Pass.Präs. / Nom.Sg.n.)
jātiṃ smarāmi aham tubhyam
die Geburt erinnere ich, ich, dir [gegenüber] (Akk. / 1.Sg. / Dat.)
ataḥ tvām prahasāmi vai
daher lache ich dich an fürwahr (Adv. / Akk. / 1.Sg.Präs.)
manyuḥ ist hier kaum „Zorn“ auf den Priester (vgl. 59); eher „Bedauern/Verstimmung“ über die Umkehrung der Rollen [?].
kṛcchrāṇi cīrtvā ca tato yathoktāni dvijottamaḥ; tīrthāni cābhigatvā vai dānāni vividhāni ca
Dann, nachdem er die angegebenen Bußübungen durchgeführt hatte, der beste der Zweimalgeborenen, und zu heiligen Furten gewandert war und mancherlei Gaben [gegeben hatte] ...
Wort für Wort
kṛcchrāṇi cīrtvā ca
Bußübungen durchgeführt habend und (Akk.Pl. / Abs.)
tataḥ yathā uktāni
dann wie angegeben (Adv. / Part.Perf.Pass.)
dvijottamaḥ
der beste der Zweimalgeborenen (Nom.Sg.)
tīrthāni ca abhigatvā vai
und zu Furten hingegangen fürwahr (Akk.Pl. / Abs.)
dattvā gāś caiva viprāṇāṃ pūtātmā so 'bhavad dvijaḥ; tam eva cāśramaṃ gatvā cacāra vipulaṃ tapaḥ
... und den Brahmanen auch Kühe gegeben hatte, wurde der Zweimalgeborene geläutert im Selbst; und er ging zu eben jener Einsiedelei und übte weite [große] Askese.
Wort für Wort
dattvā gāḥ ca eva viprāṇām
gegeben habend und Kühe gerade den Brahmanen (Abs. / Akk.Pl. / Dat.Gen.Pl.)
pūtātmā saḥ abhavat dvijaḥ
geläutert im Selbst wurde er, der Zweimalgeborene (Nom.Sg. / 3.Sg.Impf.)
tam eva ca āśramam gatvā
und zu eben jener Einsiedelei gegangen (Akk.Sg. / Abs.)
cacāra vipulam tapaḥ
übte umfassende Askese (3.Sg.Perf. / Akk.Sg.n.)
viprāṇām: eigentlich Gen. Pl. („der Brahmanen“), hier als Dativ-Ersatz „für die Brahmanen“ wiedergegeben.
eṣitavyaṃ sadā vācā nṛpeṇa dvijasattamāt; na pravaktavyam iha hi kiṃ cid varṇāvare jane
Vom Zweimalgeborenen, dem Besten, soll durch [sein] Wort vom König stets [Rat] erbeten werden; zu keinem Menschen niederer Klasse soll hier irgendetwas gesagt werden.
Wort für Wort
eṣitavyam sadā vācā
es ist zu erstreben stets durch Wort (Gerundiv / Adv. / Instr.Sg.)
nṛpeṇa dvijasattamāt
vom König, von dem besten Zweimalgeborenen (Instr. / Abl.)
na pravaktavyam iha hi
nicht ist zu sagen hier fürwahr (Gerundiv)
kiṃ cid varṇāvare jane
irgendetwas zu einem Menschen niederer Klasse (Akk.Sg.n. / Lok.Sg.)
eṣitavyaṃ sadā vācā nṛpeṇa dvijasattamāt: Satz syntaktisch dunkel, evtl. verderbt [?]; hier wörtlich mit Ergänzung wiedergegeben.
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas: [dies sind] die drei Stände, die Zweimalgeborenen; wenn er zu diesen spricht, König, wird der Brahmane nicht [von Schuld] befleckt.
Wort für Wort
brāhmaṇāḥ kṣatriyāḥ vaiśyāḥ
Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas (Nom.Pl.)
trayaḥ varṇāḥ dvijātayaḥ
drei Stände, die Zweimalgeborenen (Nom.Pl.)
eteṣu kathayan rājan
zu diesen sprechend, König (Lok.Pl. / Part.Präs. / Vok.)
brāhmaṇaḥ na praduṣyati
der Brahmane wird nicht befleckt/verdorben (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
tasmāt sadbhir na vaktavyaṃ kasya cit kiṃ cid agrataḥ; sūkṣmā gatir hi dharmasya durjñeyā hy akṛtātmabhiḥ
Darum sollen Gute niemandem irgendetwas im Voraus [unaufgefordert] sagen; denn fein ist der Weg des Dharma, schwer zu erkennen für die, die ihr Selbst nicht geläutert haben.
Wort für Wort
tasmāt sadbhiḥ na vaktavyam
darum von Guten ist nicht zu sagen (Abl. / Instr.Pl. / Gerundiv)
kasya cit kiṃ cit agrataḥ
zu irgendwem irgendetwas im Voraus (Gen. / Akk.Sg.n. / Adv.)
sūkṣmā gatiḥ hi dharmasya
fein ist der Weg fürwahr des Dharma (Nom.Sg.f. / Gen.)
durjñeyā hi akṛtātmabhiḥ
schwer erkennbar fürwahr für Ungeläuterte (Nom.Sg.f. / Instr.Pl.)
Rechtschaffene, mit guten Eigenschaften Begabte, die auf Wahrheit und Geradheit ausgerichtet sind: Von schlecht gesprochenem Wort getroffen, erlangen sie hier Missetat.
Wort für Wort
dhārmikāḥ guṇasaṃpannāḥ
Rechtschaffene, mit Tugenden Begabte (Nom.Pl.)
satyārjavaparāyaṇāḥ
auf Wahrheit und Geradheit Bedachte (Nom.Pl., Tatpuruṣa)
duruktavācā abhihatāḥ
von schlecht gesprochenem Wort getroffen (Instr.Sg. / Nom.Pl. Part.)
prāpnuvanti iha duṣkṛtam
erlangen hier Missetat (3.Pl.Präs. / Adv. / Akk.Sg.n.)
Wenn befragt, soll man hier sprechen, nachdem man das Gegenteil [die Folgen] festgestellt hat; und die Unterweisung soll man so geben, dass man dadurch Dharma erlangt.
Wort für Wort
vaktavyam iha pṛṣṭena
zu sprechen ist hier, vom Befragten (Gerundiv / Adv. / Instr.Sg.)
viniścitya viparyayam
nachdem man festgestellt hat den Umschwung / das Gegenteil (Abs. / Akk.Sg.)
sa ca upadeśaḥ kartavyaḥ
und jene Unterweisung ist zu geben (Nom.Sg. / Gerundiv)
yena dharmam avāpnuyāt
wodurch man Dharma erlangte (Rel.Instr. / Akk. / 3.Sg.Opt.)
viniścitya viparyayam: „das Gegenteil/Unstimmige“ evtl. auch „die mögliche Fehlwirkung“ [?].