Mahābhārata · Anuśāsanaparva
Kapitel 5: śukavāsavasaṃvādaḥ
Indra und der Papagei Śuka: Treue zum verdorrten Baum wird belohnt
Yudhiṣṭhira fragt nach Güte (ānṛśaṃsya) und dem Wert Ergebener; Bhīṣma erzählt das Gespräch zwischen Indra und dem Papagei Śuka, der seinem vergifteten, verdorrten Baum die Treue hält, worauf Indra den Baum mit Amṛta neu belebt.
yudhiṣṭhira uvāca; ānṛśaṃsasya dharmasya guṇān bhaktajanasya ca; śrotum icchāmi kārtsnyena tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Vorzüge der Güte [wörtl.: Nicht-Grausamkeit] als Dharma und des ergebenen Menschen möchte ich vollständig hören; das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort yudhiṣṭhira uvāca Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.) ānṛśaṃsasya dharmasya der Güte, des Dharma (Gen.Sg.) guṇān bhaktajanasya ca die Vorzüge und des ergebenen Menschen (Akk.Pl./Gen.Sg.) śrotum icchāmi kārtsnyena hören will ich vollständig (Inf./1.Sg.Präs.) tan me brūhi pitāmaha das sage mir, Großvater (Imp./Vok.) bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; vāsavasya ca saṃvādaṃ śukasya ca mahātmanaḥ
Bhīṣma sprach: „Hierzu führt man diese alte Erzählung an: das Gespräch Vāsavas und des hochgesinnten Śuka [des Papageis].“
Wort für Wort bhīṣma uvāca Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.) atrāpy udāharanti imam auch hierzu führen sie an diese (3.Pl.Präs./Akk.) itihāsaṃ purātanam Erzählung, alte (Akk.Sg.) vāsavasya ca saṃvādaṃ und Vāsavas Gespräch (Gen./Akk.Sg.) śukasya ca mahātmanaḥ und des Śuka, des Hochgesinnten (Gen.Sg.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe.
viṣaye kāśirājasya grāmān niṣkramya lubdhakaḥ; saviṣaṃ kāṇḍam ādāya mṛgayām āsa vai mṛgam
Im Reich des Königs von Kāśi zog ein Jäger aus den Dörfern aus, nahm einen vergifteten Pfeil und jagte ein Wild.
Wort für Wort viṣaye kāśirājasya im Gebiet des Königs von Kāśi (Lok./Gen.Sg.) grāmān niṣkramya lubdhakaḥ aus den Dörfern ausgezogen, Jäger (Abl.Pl./Abs./Nom.) saviṣaṃ kāṇḍam ādāya einen Pfeil mit Gift genommen habend (Akk./Abs.) mṛgayām āsa vai mṛgam jagte fürwahr ein Wild (3.Sg.Perf.periphr./Akk.) tatra cāmiṣalubdhena lubdhakena mahāvane; avidūre mṛgaṃ dṛṣṭvā bāṇaḥ pratisamāhitaḥ
Dort, im großen Wald, wurde vom fleischgierigen Jäger, als er nicht weit entfernt ein Wild sah, ein Pfeil angelegt.
Wort für Wort tatra ca āmiṣalubdhena und dort, von dem nach Fleisch Gierigen (Instr.Sg.) lubdhakena mahāvane vom Jäger, im großen Wald (Instr./Lok.Sg.) avidūre mṛgaṃ dṛṣṭvā nicht weit ein Wild gesehen habend (Lok./Akk./Abs.) bāṇaḥ pratisamāhitaḥ ein Pfeil wurde angelegt (Nom.Sg.Part.Pass.) tena durvāritāstreṇa nimittacapaleṣuṇā; mahān vanatarur viddho mṛgaṃ tatra jighāṃsatā
Von ihm, der das Wild dort töten wollte, wurde mit unabwendbarem Geschoss, dem beim Zielen flinken Pfeil, ein großer Waldbaum getroffen.
Wort für Wort tena durvāritāstreṇa von ihm, dessen Geschoss schwer abzuwehren ist (Instr.Sg.) nimittacapaleṣuṇā dessen Pfeil beim Ziel flink ist (Instr.Sg.) mahān vanataruḥ viddhaḥ ein großer Waldbaum wurde getroffen (Nom.Sg./Part.Pass.) mṛgaṃ tatra jighāṃsatā das Wild dort töten wollend (Akk./Instr.Sg.Desid.Part.) nimittacapaleṣu wörtlich etwa: dessen Pfeil beim Ziel flink ist; die Wiedergabe „beim Zielen flink“ ist sinngemäß.
sa tīkṣṇaviṣadigdhena śareṇātibalātkṛtaḥ; utsṛjya phalapatrāṇi pādapaḥ śoṣam āgataḥ
Von dem mit scharfem Gift bestrichenen Pfeil übermäßig gewaltsam getroffen, ließ der Baum Früchte und Blätter fallen und vertrocknete.
Wort für Wort sa tīkṣṇaviṣadigdhena śareṇa durch den mit scharfem Gift bestrichenen Pfeil (Instr.Sg.) atibalātkṛtaḥ übermäßig gewaltsam mitgenommen (Nom.Sg.Part.Pass.) utsṛjya phalapatrāṇi Früchte und Blätter abgeworfen habend (Abs./Akk.Pl.) pādapaḥ śoṣam āgataḥ der Baum, ins Vertrocknen geraten (Nom.Sg./Part.Perf.) tasmin vṛkṣe tathābhūte koṭareṣu ciroṣitaḥ; na jahāti śuko vāsaṃ tasya bhaktyā vanaspateḥ
Auf diesem so beschaffenen Baum, in dessen Höhlungen er lange gewohnt hatte, verließ ein Papagei aus Ergebenheit gegen den Waldherrn [den Baum] seine Wohnstatt nicht.
Wort für Wort tasmin vṛkṣe tathābhūte auf diesem so gewordenen Baum (Lok.Sg.) koṭareṣu ciroṣitaḥ in den Höhlungen lange wohnend gewesen (Lok.Pl./Nom.Part.Pass.) na jahāti śukaḥ vāsam verlässt nicht, der Papagei, die Wohnstatt (3.Sg.Präs./Nom./Akk.) tasya bhaktyā vanaspateḥ aus Ergebenheit zu ihm, dem Baum (Instr./Gen.Sg.) niṣpracāro nirāhāro glānaḥ śithilavāg api; kṛtajñaḥ saha vṛkṣeṇa dharmātmā sa vyaśuṣyata
Ohne Umherstreifen, ohne Nahrung, matt und auch schwach in der Stimme, verdorrte er, der Dankbare, der im Dharma Gesinnte, zusammen mit dem Baum.
Wort für Wort niṣpracāro nirāhāraḥ ohne Umherstreifen, ohne Nahrung (Nom.Sg.) glānaḥ śithilavāg api matt, auch mit schlaffer Stimme (Nom.Sg.) kṛtajñaḥ saha vṛkṣeṇa dankbar, zusammen mit dem Baum (Nom./Instr.Sg.) dharmātmā sa vyaśuṣyata im Dharma Gesinnter, er verdorrte (Nom./3.Sg.Impf.) tam udāraṃ mahāsattvam atimānuṣaceṣṭitam; samaduḥkhasukhaṃ jñātvā vismitaḥ pākaśāsanaḥ
Als Pākaśāsana [Indra] ihn, den Edlen, Großmütigen, dessen Verhalten über das Menschliche hinausging und der in Leid und Freude gleich blieb, erkannte, staunte er.
Wort für Wort tam udāraṃ mahāsattvam ihn, den Edlen, Großmütigen (Akk.Sg.) atimānuṣaceṣṭitam dessen Verhalten übermenschlich ist (Akk.Sg.) samaduḥkhasukhaṃ jñātvā in Leid und Glück gleich, erkannt habend (Akk./Abs.) vismitaḥ pākaśāsanaḥ erstaunt, Pākaśāsana (Nom.Sg.) tataś cintām upagataḥ śakraḥ katham ayaṃ dvijaḥ; tiryagyonāv asaṃbhāvyam ānṛśaṃsyaṃ samāsthitaḥ
Darauf geriet Śakra in Nachdenken: „Wie kann dieser Zweimalgeborene [Vogel], in tierischem Mutterschoß geboren, eine Güte an den Tag legen, die [dort] unmöglich scheint?“
Wort für Wort tataḥ cintām upagataḥ śakraḥ darauf in Nachdenken geraten, Śakra (Nom.Sg.Part.) katham ayaṃ dvijaḥ wie dieser Zweimalgeborene [Vogel] (Nom.Sg.) tiryagyonau im tierischen Mutterschoß (Lok.Sg.) asaṃbhāvyam ānṛśaṃsyam unmögliche Güte (Akk.Sg.) samāsthitaḥ eingenommen habend (Nom.Sg.Part.Perf.) atha vā nātra citraṃ hīty abhavad vāsavasya tu; prāṇinām iha sarveṣāṃ sarvaṃ sarvatra dṛśyate
Oder: „Hierin ist nichts Wunderbares“, so [dachte] Vāsava; bei allen Lebewesen hier sieht man alles überall.
Wort für Wort atha vā na atra citraṃ hi oder: nicht hierin Wunderbares ja (Nom.Sg.n.) iti abhavat vāsavasya tu so wurde [der Gedanke] Vāsavas (3.Sg.Impf./Gen.Sg.) prāṇinām iha sarveṣām bei den Lebewesen hier, allen (Gen.Pl.) sarvaṃ sarvatra dṛśyate alles überall wird gesehen (3.Sg.Pass.) tato brāhmaṇaveṣeṇa mānuṣaṃ rūpam āsthitaḥ; avatīrya mahīṃ śakras taṃ pakṣiṇam uvāca ha
Darauf nahm Śakra, in Brahmanengestalt eine menschliche Erscheinung angenommen, stieg zur Erde hinab und sprach zu dem Vogel.
Wort für Wort tataḥ brāhmaṇaveṣeṇa darauf in Brahmanengestalt (Instr.Sg.) mānuṣaṃ rūpam āsthitaḥ eine menschliche Gestalt angenommen (Akk./Nom.Part.) avatīrya mahīṃ śakraḥ auf die Erde herabgestiegen, Śakra (Abs./Akk./Nom.) taṃ pakṣiṇam uvāca ha zu dem Vogel sprach er (Akk./3.Sg.Perf.) śuka bhoḥ pakṣiṇāṃ śreṣṭha dākṣeyī suprajās tvayā; pṛcche tvā śuṣkam etaṃ vai kasmān na tyajasi drumam
„Śuka! He, Bester der Vögel! Die Dākṣeyī hat durch dich gute Nachkommen. Ich frage dich: Warum verlässt du diesen verdorrten Baum nicht?“
Wort für Wort śuka bhoḥ pakṣiṇāṃ śreṣṭha Śuka, he, Bester der Vögel (Vok./Gen.Pl.) dākṣeyī suprajāḥ tvayā die Dākṣeyī hat gute Nachkommen durch dich (Nom.Sg.f./Instr.) pṛcche tvā śuṣkam etaṃ vai ich frage dich, diesen verdorrten fürwahr (1.Sg.Präs./Akk.) kasmān na tyajasi drumam warum verlässt du nicht den Baum (Abl./2.Sg.Präs./Akk.) „Dākṣeyī“ hier als Bezeichnung der Mutter (Dakṣa-Tochter) gefasst, Bezug nicht ganz klar.
atha pṛṣṭaḥ śukaḥ prāha mūrdhnā samabhivādya tam; svāgataṃ devarājāya vijñātas tapasā mayā
Da sprach der befragte Śuka, ihn mit dem Haupt grüßend: „Willkommen dem König der Götter! Durch [meine] Askese wurdest du von mir erkannt.“
Wort für Wort atha pṛṣṭaḥ śukaḥ prāha da gefragt, Śuka sprach (Nom.Part.Pass./3.Sg.Perf.) mūrdhnā samabhivādya tam mit dem Haupt ihn begrüßt habend (Instr./Abs./Akk.) svāgataṃ devarājāya Willkommen dem Götterkönig (Nom.n./Dat.Sg.) vijñātaḥ tapasā mayā erkannt durch Askese von mir (Nom.Part.Pass./Instr.) tato daśaśatākṣeṇa sādhu sādhv iti bhāṣitam; aho vijñānam ity evaṃ tapasā pūjitas tataḥ
Da wurde vom Tausendäugigen „Gut, gut!“ gesagt: „Ah, [welche] Einsicht!“ – so wurde er dann wegen seiner Askese geehrt.
Wort für Wort tataḥ daśaśatākṣeṇa darauf vom Tausendäugigen (Instr.Sg.) sādhu sādhu iti bhāṣitam „gut, gut“ so wurde gesagt (Part.Pass.n.) aho vijñānam iti evam „ah, Einsicht“ so (Nom.) tapasā pūjitaḥ tataḥ durch Askese geehrt, dann (Instr./Nom.Part.Pass.) tam evaṃ śubhakarmāṇaṃ śukaṃ paramadhārmikam; vijānann api tāṃ prāptiṃ papraccha balasūdanaḥ
Obwohl er diesen so Rechtschaffenen, den überaus dharmatreuen Papagei, und jenen Sachverhalt kannte, fragte Balasūdana [Indra] ihn.
Wort für Wort tam evaṃ śubhakarmāṇaṃ ihn, so von gutem Tun (Akk.Sg.) śukaṃ paramadhārmikam den Papagei, überaus dharmatreu (Akk.Sg.) vijānann api tāṃ prāptim obwohl wissend, jenen Sachverhalt (Nom.Part.Präs./Akk.) papraccha balasūdanaḥ fragte Balasūdana (3.Sg.Perf./Nom.) jānann api ca tatprāptiṃ pṛcchate pākaśāsanaḥ
Und obwohl er dessen Eintreten kannte, fragt Pākaśāsana.
Wort für Wort jānann api ca und obwohl wissend (Nom.Part.Präs.) tatprāptim dessen Eintreten/Sachverhalt (Akk.Sg.) pṛcchate pākaśāsanaḥ fragt Pākaśāsana (3.Sg.Präs.Med./Nom.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Wiederholung von 5.15cd.
niṣpatram aphalaṃ śuṣkam aśaraṇyaṃ patatriṇām; kimarthaṃ sevase vṛkṣaṃ yadā mahad idaṃ vanam
„Blattlos, fruchtlos, verdorrt, ohne Zuflucht für Vögel – wozu dienst du diesem Baum, wo doch dieser Wald groß ist?“
Wort für Wort niṣpatram aphalaṃ śuṣkam blattlos, fruchtlos, verdorrt (Akk.Sg.) aśaraṇyaṃ patatriṇām keine Zuflucht für Vögel (Akk./Gen.Pl.) kimartham sevase vṛkṣam wozu dienst du dem Baum (Adv./2.Sg.Präs./Akk.) yadā mahad idaṃ vanam wo doch groß dieser Wald ist (Nom.Sg.n.) anye 'pi bahavo vṛkṣāḥ patrasaṃchannakoṭarāḥ; śubhāḥ paryāptasaṃcārā vidyante 'smin mahāvane
„Auch viele andere Bäume, deren Höhlungen von Laub bedeckt sind, schön und mit genügend Raum zum Umherfliegen, gibt es in diesem großen Wald.“
Wort für Wort anye api bahavaḥ vṛkṣāḥ auch andere, viele Bäume (Nom.Pl.) patrasaṃchannakoṭarāḥ deren Höhlungen von Laub bedeckt sind (Nom.Pl.) śubhāḥ paryāptasaṃcārāḥ schön, mit genügend Bewegungsraum (Nom.Pl.) vidyante asmin mahāvane gibt es in diesem großen Wald (3.Pl.Pass./Lok.) gatāyuṣam asāmarthyaṃ kṣīṇasāraṃ hataśriyam; vimṛśya prajñayā dhīra jahīmaṃ hy asthiraṃ drumam
„Erwäge mit Einsicht, o Standhafter: Diesen, dessen Lebenszeit dahin ist, der kraftlos ist, dessen Mark erschöpft und dessen Glanz zerstört ist – verlasse diesen unbeständigen Baum!“
Wort für Wort gatāyuṣam asāmarthyam dessen Lebensdauer dahin, kraftlos (Akk.Sg.) kṣīṇasāraṃ hataśriyam dessen Mark erschöpft, dessen Glanz zerstört (Akk.Sg.) vimṛśya prajñayā dhīra erwogen habend mit Einsicht, Standhafter (Abs./Instr./Vok.) jahīmaṃ hi asthiraṃ drumam verlasse ja diesen unbeständigen Baum (Imp./Akk.) tad upaśrutya dharmātmā śukaḥ śakreṇa bhāṣitam; sudīrgham abhiniḥśvasya dīno vākyam uvāca ha
Als der im Dharma gesinnte Śuka dies, von Śakra Gesagte, vernommen hatte, seufzte er sehr lang auf und sprach niedergeschlagen die Worte.
Wort für Wort tad upaśrutya dharmātmā das gehört habend, im Dharma Gesinnter (Abs./Nom.) śukaḥ śakreṇa bhāṣitam Śuka, von Śakra Gesprochenes (Nom./Instr./Part.Pass.) sudīrgham abhiniḥśvasya sehr lang aufgeseufzt habend (Adv./Abs.) dīnaḥ vākyam uvāca ha niedergeschlagen sprach er das Wort (Nom./Akk./3.Sg.Perf.) anatikramaṇīyāni daivatāni śacīpate; yatrābhavas tatra bhavas tan nibodha surādhipa
„Unübertretbar sind die Mächte [des Schicksals], Gemahl der Śacī; wo Nichtsein ist, dort ist Sein – das begreife, Oberherr der Götter.“
Wort für Wort anatikramaṇīyāni daivatāni unübertretbar die Mächte/Götter (Nom.Pl.n.) śacīpate Gemahl der Śacī (Vok.Sg.) yatra abhavaḥ tatra bhavaḥ [?] wo Nichtsein, dort Sein (Nom.Sg.) tat nibodha surādhipa das begreife, Oberherr der Götter (Imp./Vok.) Zweite Vershälfte schwierig; „yatrābhavas tatra bhavaḥ“ wohl als Bild für Untergang und Bestehen gemeint, Deutung unsicher.
asminn ahaṃ drume jātaḥ sādhubhiś ca guṇair yutaḥ; bālabhāve ca saṃguptaḥ śatrubhiś ca na dharṣitaḥ
„Auf diesem Baum bin ich geboren, mit guten Eigenschaften ausgestattet; in der Kindheit wurde ich behütet und von Feinden nicht bedrängt.“
Wort für Wort asmin aham drume jātaḥ auf diesem Baum ich geboren (Lok./Nom.Part.) sādhubhiḥ ca guṇaiḥ yutaḥ und mit guten Eigenschaften versehen (Instr.Pl./Part.) bālabhāve ca saṃguptaḥ und in der Kindheit behütet (Lok./Nom.Part.Pass.) śatrubhiḥ ca na dharṣitaḥ und von Feinden nicht angegriffen (Instr.Pl./Part.Pass.) kim anukrośavaiphalyam utpādayasi me 'nagha
„Warum erzeugst du mir die Vergeblichkeit [deines] Mitgefühls, Makelloser –
Wort für Wort kim anukrośavaiphalyam warum die Vergeblichkeit des Mitgefühls (Akk.Sg.) utpādayasi me anagha erzeugst du mir, Makelloser (2.Sg.Kaus./Dat./Vok.) Halbvers 22ab; syntaktisch fortgesetzt in Einheit 26.
anuraktasya bhaktasya saṃspṛśen na ca pāvakam
Dem Ergebenen, Verehrenden möge [er] das Feuer nicht berühren [?].
Wort für Wort anuraktasya bhaktasya des Zugeneigten, des Verehrenden (Gen.Sg.) saṃspṛśet na ca pāvakam möge berühren nicht und das Feuer [?] (3.Sg.Opt./Akk.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text kaum verständlich, Bezug und Subjekt unklar (Feuer als Läuterungsprobe?).
ānṛśaṃsye 'nuraktasya bhaktasyānugatasya ca
mir, der ich in Güte zugeneigt, ergeben und folgend bin?“
Wort für Wort ānṛśaṃsye anuraktasya in der Güte Zugeneigten (Lok./Gen.Sg.) bhaktasya anugatasya ca und des Ergebenen, des Folgenden (Gen.Sg.) Halbvers 22cd, schließt an Einheit 24 an.
anukrośo hi sādhūnāṃ sumahad dharmalakṣaṇam; anukrośaś ca sādhūnāṃ sadā prītiṃ prayacchati
„Mitgefühl ist ja bei den Guten das große Kennzeichen des Dharma; und Mitgefühl schenkt den Guten stets Freude.“
Wort für Wort anukrośaḥ hi sādhūnām Mitgefühl ist ja bei den Guten (Nom./Gen.Pl.) sumahat dharmalakṣaṇam großes Kennzeichen des Dharma (Nom.Sg.n.) anukrośaḥ ca sādhūnām und Mitgefühl der Guten (Nom./Gen.Pl.) sadā prītiṃ prayacchati stets Freude gibt (Akk./3.Sg.Präs.) tvam eva daivataiḥ sarvaiḥ pṛcchyase dharmasaṃśayān; atas tvaṃ deva devānām ādhipatye pratiṣṭhitaḥ
„Du allein wirst von allen Göttern bei Zweifeln über den Dharma befragt; deshalb, Gott, bist du in der Oberherrschaft über die Götter eingesetzt.“
Wort für Wort tvam eva daivataiḥ sarvaiḥ du allein von allen Göttern (Nom./Instr.Pl.) pṛcchyase dharmasaṃśayān wirst befragt über Zweifel im Dharma (3.Sg.Pass./Akk.Pl.) ataḥ tvaṃ deva devānām deshalb du, Gott, der Götter (Abl./Nom./Vok./Gen.Pl.) ādhipatye pratiṣṭhitaḥ in der Oberherrschaft eingesetzt (Lok./Nom.Part.Pass.) nārhasi tvaṃ sahasrākṣa tyājayitveha bhaktitaḥ
„Du solltest, Tausendäugiger, [mich] hier nicht aus Ergebenheit zum Verlassen [des Baumes] bringen“
Wort für Wort na arhasi tvam sahasrākṣa nicht solltest du, Tausendäugiger (2.Sg.Präs./Nom./Vok.) tyājayitvā iha bhaktitaḥ zum Verlassen veranlasst habend hier, aus Ergebenheit (Abs.Kaus./Abl.) Halbvers 25ab; Objekt („mich“, „Baum“) ergänzt.
tadbhaktitas tyājayituṃ na mām arhasi sattama
Wegen meiner Ergebenheit zu ihm darfst du mich nicht zum Verlassen bringen, Bester der Guten.
Wort für Wort tadbhaktitaḥ wegen der Ergebenheit zu ihm (Abl.Sg.) tyājayitum na mām arhasi zum Verlassen bringen nicht mich solltest du (Inf.Kaus./Akk./2.Sg.) sattama Bester der Guten (Vok.Sg.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.
samartham upajīvyemaṃ tyajeyaṃ katham adya vai
Wie sollte ich diesen, von dem ich [in guten Tagen] gelebt habe, der [damals] tragfähig war, jetzt verlassen?“
Wort für Wort samartham upajīvya imam diesen tragfähigen genutzt habend (Akk./Abs./Akk.) tyajeyaṃ katham adya vai sollte ich verlassen, wie, jetzt fürwahr (1.Sg.Opt./Adv.) Halbvers 25cd; „samartham“ als „tragfähig, leistungsfähig“ (zur Zeit der Nutzung) gefasst.
samastham upajīvan vai viṣamasthaṃ kathaṃ tyajet
Wer von einem in guter Lage Befindlichen lebt, wie sollte er den in schlechter Lage Befindlichen verlassen?
Wort für Wort samastham upajīvan vai von dem in guter Lage Stehenden lebend fürwahr (Akk./Nom.Part.) viṣamasthaṃ katham tyajet den in schlechter Lage Stehenden, wie sollte er verlassen (Akk./3.Sg.Opt.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.
tasya vākyena saumyena harṣitaḥ pākaśāsanaḥ; śukaṃ provāca dharmajñam ānṛśaṃsyena toṣitaḥ
Über seine milden Worte erfreut, sprach Pākaśāsana, durch die Güte zufriedengestellt, zu Śuka, dem Dharmakundigen:
Wort für Wort tasya vākyena saumyena durch seine milden Worte (Gen./Instr.Sg.) harṣitaḥ pākaśāsanaḥ erfreut, Pākaśāsana (Nom.Part.Pass.) śukaṃ provāca dharmajñam zu Śuka sprach er, dem Dharmakundigen (Akk./3.Sg.Perf.) ānṛśaṃsyena toṣitaḥ durch Güte zufriedengestellt (Instr./Nom.Part.Pass.) varaṃ vṛṇīṣveti tadā sa ca vavre varaṃ śukaḥ
„Wähle eine Gabe“ – [so sprach er] da, und Śuka wählte eine Gabe:
Wort für Wort varaṃ vṛṇīṣva iti tadā eine Gabe wähle, so da (Akk./Imp.Med.) sa ca vavre varaṃ śukaḥ und er wählte eine Gabe, Śuka (3.Sg.Perf.Med.) Halbvers 27ab; die Gabe folgt in 35 und 36.
punar jīvatv ayaṃ vṛkṣo yadi syān mayy anugrahaḥ
„Dieser Baum möge wieder leben, wenn Gnade gegen mich sein soll.“
Wort für Wort punar jīvatu ayaṃ vṛkṣaḥ wieder möge leben dieser Baum (Imp./Nom.) yadi syāt mayi anugrahaḥ wenn sein soll gegen mich Gnade (Opt./Lok./Nom.) Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.
ānṛśaṃsyaparo nityaṃ tasya vṛkṣasya saṃbhavam
Stets auf Güte bedacht, [erbat er] das Wiederentstehen jenes Baumes.
Wort für Wort ānṛśaṃsyaparaḥ nityam stets auf Güte bedacht (Nom.Sg.) tasya vṛkṣasya saṃbhavam jenes Baumes Entstehen [wieder] (Gen./Akk.Sg.) Halbvers 27cd; Verb aus 34 ergänzt, Satz läuft in 37 weiter.
viditvā ca dṛḍhāṃ śakras tāṃ śuke śīlasaṃpadam; prītaḥ kṣipram atho vṛkṣam amṛtenāvasiktavān
Und Śakra, der Śukas festen Reichtum an [gutem] Charakter erkannt hatte, besprengte den Baum alsbald erfreut mit Amṛta.
Wort für Wort viditvā ca dṛḍhām śakraḥ und erkannt habend, die feste, Śakra (Abs./Akk.f./Nom.) tāṃ śuke śīlasaṃpadam jene bei Śuka Fülle an Charakter (Akk./Lok./Akk.) prītaḥ kṣipram atho vṛkṣam erfreut, schnell, dann den Baum (Nom.Part./Adv./Akk.) amṛtena avasiktavān mit Amṛta besprengte er (Instr./Part.Perf.Akt.) „saṃbhavam viditvā“ syntaktisch offen zwischen 36 und 37; „dṛḍhām“ auf śīlasaṃpadam bezogen.
tataḥ phalāni patrāṇi śākhāś cāpi manoramāḥ; śukasya dṛḍhabhaktitvāc chrīmattvaṃ cāpa sa drumaḥ
Darauf erhielt jener Baum Früchte, Blätter und liebliche Zweige und, wegen Śukas fester Ergebenheit, Pracht.
Wort für Wort tataḥ phalāni patrāṇi darauf Früchte, Blätter (Akk.Pl.) śākhāḥ ca api manoramāḥ und auch Zweige, liebliche (Akk.Pl.) śukasya dṛḍhabhaktitvāt wegen Śukas fester Ergebenheit (Gen./Abl.Sg.) śrīmattvaṃ ca āpa sa drumaḥ und Pracht erlangte jener Baum (Akk./3.Sg.Perf./Nom.) śukaś ca karmaṇā tena ānṛśaṃsyakṛtena ha; āyuṣo 'nte mahārāja prāpa śakrasalokatām
Und Śuka gelangte durch jene aus Güte getane Tat am Ende seines Lebens, großer König, zur Gleichweltlichkeit mit Śakra [zur selben Welt wie Śakra].
Wort für Wort śukaḥ ca karmaṇā tena und Śuka durch jene Tat (Nom./Instr.Sg.) ānṛśaṃsyakṛtena ha aus Güte getane (Instr.Sg.) āyuṣaḥ ante mahārāja am Ende des Lebens, großer König (Gen./Lok./Vok.) prāpa śakrasalokatām erlangte Gleichweltlichkeit mit Śakra (3.Sg.Perf./Akk.) evam eva manuṣyendra bhaktimantaṃ samāśritaḥ; sarvārthasiddhiṃ labhate śukaṃ prāpya yathā drumaḥ
So, Herr der Menschen, erlangt, wer sich an einen Ergebenen hält, Erfolg in allen Angelegenheiten, wie der Baum, als er Śuka bekam.
Wort für Wort evam eva manuṣyendra so ebenso, Herr der Menschen (Vok.) bhaktimantaṃ samāśritaḥ einen Ergebenen aufgesucht habend (Akk./Nom.Part.Pass.) sarvārthasiddhiṃ labhate Erfolg in allen Zielen erlangt (Akk./3.Sg.Präs.) śukaṃ prāpya yathā drumaḥ Śuka erlangt habend, wie der Baum (Akk./Abs./Nom.)
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