Kapitel 60: dānayajñaphalapraśnaḥ rājadharmaś ca
Wert von Gabe und Opfer; Gaben an Brahmanen und der Schutzauftrag des Königs
Yudhiṣṭhira fragt nach der Frucht von Geben und Opfern, Bhīṣma antwortet mit der Pflicht des Königs, redlich erworbenen Besitz an würdige Brahmanen zu geben und die Untertanen zu schützen.
Yudhiṣṭhira sprach: „Gabe und Opferhandlung – was von beiden bringt hier und nach dem Tode große Frucht? Von welchem von beiden ist die Frucht als größer verkündet, an welche Art [von Empfängern], wie und wann?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
dānaṃ yajñakriyā ca iha
Gabe und Opferhandlung hier (Nom. Sg.)
kiṃ svit pretya mahāphalam
was wohl nach dem Tode von großer Frucht [ist] (Nom. Sg. n.)
kasya jyāyaḥ phalaṃ proktam
von wem [ist] die Frucht als größer verkündet (Gen. Sg.; Part. Pass.)
„Wenn die Guten, die der beständigen Ausübung [der Pflichten] ergeben sind, [Gaben] annehmen [, dann …]“
Wort für Wort
nityānuṣṭhānayuktāḥ cet
wenn mit beständiger Ausübung verbunden (Nom. Pl., Kompositum)
pratigṛhṇanti sādhavaḥ
nehmen an die Guten (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, im Zusammenhang fragmentarisch; der Nachsatz fehlt.
antarvedyāṃ ca yad dattaṃ śraddhayā cānṛśaṃsyataḥ; kiṃ svin niḥśreyasaṃ tāta tan me brūhi pitāmaha
„Was in der antarvedī [dem Raum innerhalb der Opferstätte] mit Glauben und ohne Grausamkeit gegeben wird – was ist da wohl das höchste Heil, Lieber? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
antarvedyāṃ ca yat dattam
und was in der antarvedī gegeben wurde (Lok. Sg. f.; Part. Pass.) [?]
śraddhayā ca ānṛśaṃsyataḥ
mit Glauben (Instr.) und aus Nichtgrausamkeit (Abl.-Adv.)
kiṃ svit niḥśreyasam tāta
was wohl das höchste Heil (Nom. n.), Lieber (Vok.)
tat me brūhi pitāmaha
das sag mir (Imp.), Großvater (Vok.)
antarvedyām: entweder „im inneren Opferraum“ oder geographisch „im Zwischenstromland“; die Deutung ist unsicher.
Bhīṣma sprach: „Grausam ist das Tun des Kṣatriya, Lieber, das stets [bei ihm] im Gange ist. Für ihn aber ist das Opferwerk [nach vedischer Ordnung] und das Geben hier das Reinigende.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
raudraṃ karma kṣatriyasya
grausam ist das Tun (Nom. n.) des Kṣatriya (Gen.)
satataṃ tāta vartate
stets, Lieber (Vok.), ist im Gange (3.Sg.Präs. Med.)
tasya vaitānikaṃ karma
für ihn das Opferwerk [nach den Opferfeuern] (Nom. n.)
dānaṃ ca iha pāvanam
und das Geben hier (Nom.) [ist] reinigend (Nom. n.)
[…] die Opferpriester, die besten der Zweimalgeborenen; am Besitz derer, die wahrhaft geben […]
Wort für Wort
yājakāḥ dvijasattamāḥ
die Opferpriester, die besten Zweimalgeborenen (Nom. Pl.)
dhane
am Besitz (Lok. Sg.)
satyapradātṝṇām
der wahrhaft Gebenden (Gen. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, offenbar bruchstückhaft und syntaktisch unvollständig.
atha cet pratigṛhṇīyur dadyād aharahar nṛpaḥ; śraddhām āsthāya paramāṃ pāvanaṃ hy etad uttamam
Wenn sie [die Guten] aber doch annehmen sollten, so gebe der König Tag für Tag, indem er höchsten Glauben zugrunde legt; denn dies ist das höchste Reinigende.
Wort für Wort
atha cet pratigṛhṇīyuḥ
wenn sie aber annehmen sollten (3.Pl.Opt.)
dadyāt aharahar nṛpaḥ
so gebe er Tag für Tag, der König (3.Sg.Opt.; Nom.)
brāhmaṇāṃs tarpayed dravyais tato yajñe yatavrataḥ; maitrān sādhūn vedavidaḥ śīlavṛttataponvitān
Die Brahmanen soll er mit Gütern sättigen, dann [auch] beim Opfer, streng in seinen Gelübden: die Freundlichen, Guten, Vedakundigen, die mit gutem Wandel, Lebensweise und Askese Ausgestatteten.
Wort für Wort
brāhmaṇān tarpayet dravyaiḥ
die Brahmanen (Akk. Pl.) soll er sättigen (3.Sg.Opt.) mit Gütern (Instr. Pl.)
tataḥ yajñe yatavrataḥ
dann beim Opfer (Lok.), die Gelübde zügelnd/streng im Gelübde (Nom. Sg.)
maitrān sādhūn vedavidaḥ
Freundliche, Gute, Vedakundige (Akk. Pl.)
śīlavṛttataponvitān
mit Sitte, Lebenswandel und Askese versehen (Akk. Pl., Kompositum)
Durch Gabe an Gelehrte hat er auch dabei einen Anteil durch die Ehrung. Nachdem er den Opfernden und den Gelehrten gegeben hat, möge er [ihnen] eine Welt verschaffen [?]. Er soll denen geben, die Wissen weitergeben; so wird er Anteilhaber an der Weitergabe des Wissens.
Wort für Wort
vidvadbhyaḥ saṃpradānena
durch Gabe an Gelehrte (Dat. Pl.; Instr. Sg.)
tatra api aṃśaḥ asya pūjayā
auch dabei ein Anteil für ihn durch Ehrung
yajvabhyaḥ ca atha vidvadbhyaḥ dattvā
den Opfernden und dann den Gelehrten gegeben habend (Abs.)
lokaṃ pradāpayet
eine Welt möge er verschaffen lassen (Kaus. Opt.) [?]
pradadyāt jñānadātṝṇām
er soll geben den Wissensgebern (Gen./Dat. Pl.)
jñānadānāṃśabhāk bhavet
Anteilhaber am Wissensgeben möge er werden (Nom.; 3.Sg.Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; „lokaṃ pradāpayet“ ist unklar.
ete deyā vyuṣṭimanto laghūpāyāś ca bhārata; ajugupsāṃś ca vijñāya brāhmaṇān vṛttikarśitān
Dies ist zu geben, Bhārata: [Gaben,] die Gedeihen bringen und leicht zu beschaffen sind; und wenn du erkannt hast, dass Brahmanen, die nicht zu tadeln sind, durch den Lebensunterhalt [Mangel daran] abgezehrt sind, …
Wort für Wort
ete deyāḥ
dies ist zu geben (Gerundiv Nom. Pl.)
vyuṣṭimantaḥ
Gedeihen besitzend (Nom. Pl.)
laghūpāyāḥ ca bhārata
und leicht zu beschaffen, Bhārata
ajugupsān ca vijñāya
und nicht Tadelnswerte [?] erkannt habend (Akk. Pl.; Abs.)
brāhmaṇān vṛttikarśitān
Brahmanen, durch [Mangel an] Lebensunterhalt abgezehrt (Akk. Pl.)
„ajugupsān“ ist unsicher; der Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.
tadarthaṃ jīvitaṃ te 'stu mā tebhyo 'pratipālanam; anartho brāhmaṇasyaiṣa yad vittanicayo mahān; śriyā hy abhīkṣṇaṃ saṃvāso darpayet saṃpramohayet; brāhmaṇeṣu pramūḍheṣu dharmo vipraṇaśed dhruvam; dharmapraṇāśe bhūtānām abhāvaḥ syān na saṃśayaḥ; yo rakṣibhyaḥ saṃpradāya rājā rāṣṭraṃ vilumpati; yakṣye rāṣṭrād dhanaṃ tasmād ānayadhvam iti bruvan; yac cādāya tad ājñaptaṃ bhītaṃ dattaṃ sudāruṇam; yajed rājā na taṃ yajñaṃ praśaṃsanty asya sādhavaḥ; apīḍitāḥ susaṃvṛddhā ye dadaty anukūlataḥ; tādṛśenābhyupāyena yaṣṭavyaṃ nodyamāhṛtaiḥ; yadā pariniṣicyeta nihito vai yathāvidhi; tadā rājā mahāyajñair yajeta bahudakṣiṇaiḥ; vṛddhabāladhanaṃ rakṣyam andhasya kṛpaṇasya ca; na khātapūrvaṃ kurvīta na rudantīdhanaṃ haret; hṛtaṃ kṛpaṇavittaṃ hi rāṣṭraṃ hanti nṛpaśriyam; dadyāc ca mahato bhogān kṣudbhayaṃ praṇudet satām; yeṣāṃ svādūni bhojyāni samavekṣyanti bālakāḥ; nāśnanti vidhivat tāni kiṃ nu pāpataraṃ tataḥ; yadi te tādṛśo rāṣṭre vidvān sīdet kṣudhā dvijaḥ; bhrūṇahatyāṃ ca gacchethāḥ kṛtvā pāpam ivottamam; dhik tasya jīvitaṃ rājño rāṣṭre yasyāvasīdati; dvijo 'nyo vā manuṣyo 'pi śibir āha vaco yathā; yasya sma viṣaye rājñaḥ snātakaḥ sīdati kṣudhā; avṛddhim eti tad rāṣṭraṃ vindate saha rājakam; krośantyo yasya vai rāṣṭrād dhriyante tarasā striyaḥ; krośatāṃ patiputrāṇāṃ mṛto 'sau na sa jīvati
Dafür sei dein Leben; nicht sei [dir] das Nichtschützen ihnen gegenüber. Ein Unheil für den Brahmanen ist dies: eine große Anhäufung von Vermögen. Denn das beständige Zusammenleben mit Glanz [und Reichtum] würde [ihn] stolz machen und betören. Sind die Brahmanen verwirrt, geht der Dharma gewiss zugrunde. Beim Untergang des Dharma wäre das Nichtsein der Wesen, daran ist kein Zweifel. Der König, der, nachdem er [das Reich] den Wächtern übergeben hat, das Reich ausplündert und sagt: „Ich werde opfern; bringt deshalb Vermögen aus dem Reich!“, und wenn er mit dem, was er so genommen hat – befohlen, aus Furcht gegeben, sehr grausam –, opfert: dieses Opfer loben die Guten nicht. Was unbedrängt, wohlhabend und willig [von den Untertanen] gegeben wird: auf solche Weise ist zu opfern, nicht mit durch Gewalt Herbeigeholtem. Wenn [der Schatz] vorschriftsgemäß hinterlegt ist und überfließt [?], dann soll der König mit großen Opfern opfern, mit reichen Opfergaben. Das Vermögen der Greise, Kinder, des Blinden und des Elenden ist zu schützen. Er soll nicht [ein zuvor Gegrabenes/…] machen [?], er soll nicht das Gut der Weinenden nehmen. Denn geraubtes Gut der Elenden vernichtet im Reich das Glück des Königs. Er soll den Guten große Genüsse geben und ihre Hungerfurcht vertreiben. Wenn Kinder auf deren wohlschmeckende Speisen blicken und sie nicht ordnungsgemäß essen [dürfen] [?] – was ist schlimmer als das? Wenn in deinem Reich ein solcher gelehrter Brahmane vor Hunger verkommt, würdest du in den Embryomord geraten, als hättest du gleichsam die höchste Sünde begangen. Pfui über das Leben jenes Königs, in dessen Reich [jemand] verkommt – ein Zweimalgeborener oder auch ein anderer Mensch –, wie Śibi das Wort sprach. In wessen Gebiet ein Snātaka vor Hunger verkommt, dessen Reich gerät in Niedergang [und] erleidet [Unheil] samt dem König [?]. Aus wessen Reich Frauen schreiend gewaltsam fortgeschleppt werden, während Gatten und Söhne schreien: der ist tot, der lebt nicht.
Wort für Wort
tadarthaṃ jīvitaṃ te astu mā tebhyaḥ apratipālanam
dafür sei dein Leben, nicht sei das Nichtschützen ihnen gegenüber
anarthaḥ brāhmaṇasya eṣaḥ yat vittanicayaḥ mahān
ein Unheil für den Brahmanen ist dies, dass [er] große Vermögensanhäufung [hat]
śriyā hi abhīkṣṇaṃ saṃvāsaḥ darpayet saṃpramohayet
denn ständiges Zusammenleben mit Glanz würde stolz machen, betören (Opt. Kaus.)
brāhmaṇeṣu pramūḍheṣu dharmaḥ vipraṇaśet dhruvam
wenn die Brahmanen verwirrt sind, geht der Dharma gewiss zugrunde (Lok. abs.; Opt.)
dharmapraṇāśe bhūtānām abhāvaḥ syāt na saṃśayaḥ
beim Untergang des Dharma wäre das Nichtsein der Wesen, kein Zweifel
der König, der Wächtern übergebend das Reich plündert, sagend: ich werde opfern, bringt deshalb Vermögen aus dem Reich
yat ca ādāya tat ājñaptaṃ bhītaṃ dattaṃ sudāruṇam yajet rājā na taṃ yajñaṃ praśaṃsanti asya sādhavaḥ
und was genommen, befohlen, aus Furcht gegeben, sehr grausam: opfert der König damit, loben die Guten sein Opfer nicht
apīḍitāḥ susaṃvṛddhāḥ ye dadati anukūlataḥ tādṛśena abhyupāyena yaṣṭavyaṃ na udyamāhṛtaiḥ
unbedrängt, wohlhabend, die willig geben: auf solche Weise ist zu opfern, nicht mit gewaltsam Herbeigeholtem
yadā pariniṣicyeta nihitaḥ vai yathāvidhi tadā rājā mahāyajñaiḥ yajeta bahudakṣiṇaiḥ vṛddhabāladhanaṃ rakṣyam andhasya kṛpaṇasya ca na khātapūrvaṃ kurvīta na rudantīdhanaṃ haret hṛtaṃ kṛpaṇavittaṃ hi rāṣṭraṃ hanti nṛpaśriyam dadyāt ca mahataḥ bhogān kṣudbhayaṃ praṇudet satām yeṣāṃ svādūni bhojyāni samavekṣyanti bālakāḥ na aśnanti vidhivat tāni kiṃ nu pāpataraṃ tataḥ yadi te tādṛśaḥ rāṣṭre vidvān sīdet kṣudhā dvijaḥ bhrūṇahatyāṃ ca gacchethāḥ kṛtvā pāpam iva uttamam dhik tasya jīvitaṃ rājñaḥ rāṣṭre yasya avasīdati dvijaḥ anyaḥ vā manuṣyaḥ api śibiḥ āha vacaḥ yathā yasya sma viṣaye rājñaḥ snātakaḥ sīdati kṣudhā avṛddhim eti tat rāṣṭraṃ vindate saha rājakam krośantyaḥ yasya vai rāṣṭrāt dhriyante tarasā striyaḥ krośatāṃ patiputrāṇāṃ mṛtaḥ asau na saḥ jīvati
Fortsetzung, wörtlich wie im Sanskrit: dann soll der König mit großen, reich vergüteten Opfern opfern; Vermögen der Greise, Kinder, Blinden und Elenden ist zu schützen; Gut der Weinenden nicht nehmen; geraubtes Elendengut vernichtet des Königs Glanz; Genüsse geben, Hungerfurcht vertreiben; hungernder Gelehrter im Reich bringt Embryomord-Schuld; Pfui auf das Leben eines solchen Königs; wo ein Snātaka hungert, verfällt das Reich; wessen Frauen schreiend geraubt werden, der ist tot
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Umfangreiche Zusatzpassage (Stern-Text); mehrere Stellen sind unsicher oder verderbt (pariniṣicyeta, khātapūrvam, die Kinder-Speisen-Strophe, vindate saha rājakam).
Man sagt auch: alles; ferner: die Hälfte – so lautet die [andere] Entscheidung. Ein Viertel ist unsere Ansicht, nachdem wir die Unterweisung des Manu gehört haben.
Von dir, der du lebst, sollen alle Untertanen leben, Yudhiṣṭhira, wie die Wesen von Parjanya [dem Regen], wie die Zweimalgeborenen von einem großen Baum.
Wort für Wort
jīvantaṃ tvā anujīvantu
von dir Lebendem sollen leben (3.Pl.Imp.)
prajāḥ sarvāḥ yudhiṣṭhira
alle Untertanen (Nom.), Yudhiṣṭhira
parjanyam iva bhūtāni
wie [von] Parjanya die Wesen
mahādrumam iva dvijāḥ
wie [von] einem großen Baum die Vögel/Zweimalgeborenen (Nom. Pl.)