Kapitel 144: brāhmaṇapūjāvyuṣṭiḥ durvāsasa upākhyānaṃ ca
Kṛṣṇa erzählt von Durvāsas und vom Lohn der Brahmanenverehrung
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Frucht der Brahmanenverehrung berichtet Kṛṣṇa, was er einst Pradyumna in Dvāravatī erzählte: wie er den zornigen Durvāsas bewirtete, dessen Launen ertrug und dafür Segen empfing. Am Ende steht die Mahnung, die Brahmanen stets zu ehren.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er die Rede des Großvaters gehört hatte, o König, verneigte sich dein Urgroßvater vor dem Lotosäugigen und sprach diese Worte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ
Vaiśaṃpāyana [sprach] (Nom.Sg.)
pitāmaha-vacaḥ śrutvā
die Rede des Großvaters gehört habend (Akk.Sg.; Abs.)
rājan te prapitāmahaḥ
o König, dein Urgroßvater (Vok./Gen./Nom.Sg.)
praṇamya puṇḍarīkākṣam
sich verneigt habend vor dem Lotosäugigen (Abs./Akk.Sg.)
idaṃ vacanam abravīt
sprach diese Worte (Akk.Sg.; 3.Sg.Impf.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
[Einst,] als ich in Dvāravatī saß, Freude der Kurus.
Wort für Wort
dvāravatyāṃ samāsīnam
in Dvāravatī sitzend (Lok.Sg.; Akk.Sg.Part.)
purā
einst (Adv.)
māṃ kurunandana
mich, Freude der Kurus (Akk.Sg.; Vok.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, Satzteil; setzt sich in der folgenden Einheit fort.
pradyumnaḥ paripapraccha brāhmaṇaiḥ parikopitaḥ; kiṃ phalaṃ brāhmaṇeṣv asti pūjāyāṃ madhusūdana; īśvarasya satas tasya iha caiva paratra ca
Pradyumna, von den Brahmanen erzürnt, fragte [mich]: „Welche Frucht liegt in der Verehrung der Brahmanen, Madhusūdana, für den, der doch ein Herr ist, hier und im Jenseits?“
Wort für Wort
pradyumnaḥ paripapraccha
Pradyumna fragte (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
brāhmaṇaiḥ parikopitaḥ
von den Brahmanen erzürnt (Instr.Pl.; Nom.Sg.Part.Pass.)
kiṃ phalaṃ brāhmaṇeṣu asti pūjāyāṃ
welche Frucht ist bei den Brahmanen in der Verehrung (Nom.Sg.; Lok.Pl.; 3.Sg.Präs.; Lok.Sg.)
madhusūdana
Madhusūdana (Vok.Sg.)
īśvarasya satas tasya
für den, der ein Herr ist, ihn (Gen.Sg.; Gen.Sg.Part.)
sadā dvijātīn saṃpūjya kiṃ phalaṃ tatra mānada; etad brūhi pitaḥ sarvaṃ sumahān saṃśayo 'tra me
„Welche Frucht [ergibt sich] dort, wenn man stets die Zweimalgeborenen ehrt, o Geber der Ehre? Sage mir dies alles, Vater; ein sehr großer Zweifel besteht mir hierüber.“
Wort für Wort
sadā dvijātīn saṃpūjya
stets die Zweimalgeborenen verehrt habend (Adv.; Akk.Pl.; Abs.)
kiṃ phalaṃ tatra mānada
welche Frucht dort, Ehrengeber (Nom.Sg.; Adv.; Vok.Sg.)
etad brūhi pitaḥ sarvam
dies sage, Vater, alles (Akk.Sg.; Imp.; Vok.Sg.)
sumahān saṃśayaḥ atra me
ein sehr großer Zweifel hierbei mir (Nom.Sg.; Lok.; Gen.Sg.)
trivarge cāpavarge ca yaśaḥśrīrogaśāntiṣu; devatāpitṛpūjāsu saṃtoṣyā eva no dvijāḥ
„In den drei Lebenszielen und in der Erlösung, in Ruhm, Glück, Krankheit [Heilung?] und Frieden, bei den Verehrungen der Götter und Ahnen sind die Zweimalgeborenen von uns unbedingt zufriedenzustellen.“
Wort für Wort
trivarge ca apavarge ca
im Dreiklang [der Lebensziele] und in der Erlösung (Lok.Sg.)
yaśaḥ-śrī-roga-śāntiṣu
in Ruhm, Glück, Krankheit [?] und Frieden (Lok.Pl.; Kompositum)
devatā-pitṛ-pūjāsu
bei den Verehrungen der Götter und Ahnen (Lok.Pl.)
saṃtoṣyāḥ eva naḥ dvijāḥ
zufriedenzustellen sind unbedingt von uns die Zweimalgeborenen (Nom.Pl.Gerundiv; Gen./Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile. yaśaḥśrīrogaśāntiṣu ist mehrdeutig (etwa „bei Ruhm, Glück, Krankheit und Frieden“ bzw. „bei der Linderung von Krankheit“).
asmiṃl loke raukmiṇeya tathāmuṣmiṃś ca putraka; brāhmaṇapramukhaṃ saukhyaṃ na me 'trāsti vicāraṇā
In dieser Welt, Sohn der Rukmiṇī, und ebenso in jener, mein Söhnchen: Das Glück hat die Brahmanen an der Spitze; daran gibt es für mich keinen Zweifel.
Wort für Wort
asmin loke raukmiṇeya
in dieser Welt, Sohn der Rukmiṇī (Lok.Sg.; Vok.Sg.)
tathā amuṣmin ca putraka
ebenso in jener, Söhnchen (Lok.Sg.; Vok.Sg.)
brāhmaṇa-pramukhaṃ saukhyam
das Glück mit den Brahmanen an der Spitze (Nom.Sg.n.)
na me atra asti vicāraṇā
nicht ist mir hierbei ein Zweifel (Gen./Dat.Sg.; Lok.; 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
Kraft, Lebensdauer, Ruhm, Ehre und Stärke haben die Brahmanen an der Spitze; auch die Welten und die Weltenherrscher, alle haben die Brahmanen zuvorderst.
Wort für Wort
brāhmaṇa-pramukhaṃ vīryam āyuḥ
Kraft und Lebensdauer mit den Brahmanen an der Spitze (Nom.Sg.n.)
tat kathaṃ nādriyeyaṃ vai īśvaro 'smīti putraka; mā te manyur mahābāho bhavatv atra dvijān prati
Wie sollte ich sie da nicht achten, [nur] weil ich denke: „Ich bin ein Herr“, Söhnchen? Dein Zorn, Starkarmiger, möge sich nicht gegen die Zweimalgeborenen richten.
Wort für Wort
tat katham na ādriyeyam vai
wie also sollte ich nicht achten (Adv.; Opt.1.Sg.)
īśvaraḥ asmi iti putraka
„Herr bin ich“, so [denkend], Söhnchen (Nom.Sg.; 1.Sg.Präs.; Vok.Sg.)
mā te manyuḥ mahābāho
nicht dein Zorn, Starkarmiger (Gen.Sg.; Nom.Sg.; Vok.Sg.)
bhavatu atra dvijān prati
soll sein hierbei gegen die Zweimalgeborenen (3.Sg.Imp.; Akk.Pl.)
anyān api sṛjeyuś ca lokāṃl lokeśvarāṃs tathā; kathaṃ teṣu na varteya samyag jñānāt sutejasaḥ
Sie könnten auch andere Welten und ebenso andere Weltenherrscher erschaffen. Wie sollte ich mich ihnen gegenüber nicht [recht] verhalten, [die] aus [vollkommener] Erkenntnis so überaus machtvoll [sind]?
Wort für Wort
anyān api sṛjeyuḥ ca
auch andere könnten sie erschaffen (Akk.Pl.; Opt.3.Pl.)
lokān lokeśvarān tathā
Welten und Weltenherrscher ebenso (Akk.Pl.)
katham teṣu na varteya
wie sollte ich mich ihnen gegenüber nicht verhalten (Lok.Pl.; Opt.1.Sg.Med.)
samyag jñānāt sutejasaḥ
aus rechter Erkenntnis, sehr glanzvoll [sie] (Abl.Sg.; Nom.Pl.) [?]
samyag jñānāt sutejasaḥ: Bezug und Sinn nicht ganz sicher.
Es wohnte, mein Lieber, in meinem Haus ein Brahmane von gelbbrauner Farbe, im Baströckchen, einen Bilva-Stab tragend, mit langem Bart, langen Nägeln und so fort; er überragte auf Erden an Größe die [ohnehin] langen Menschen.
Wort für Wort
avasan mat-gṛhe tāta
wohnte in meinem Haus, Lieber (3.Sg.Impf.; Lok.Sg.; Vok.Sg.)
sadaiva tu mayā tasya cittajñena gṛhe janaḥ; sarvāṇy evānnapānāni bhakṣyāś coccāvacās tathā; bhavantu satkṛtānīti pūrvam eva pracoditaḥ
Ich hatte aber, seinen Sinn erkennend, die Leute im Haus schon vorher stets angewiesen: „Alle Speisen und Getränke und Esswaren, mannigfaltige, sollen ehrenvoll [bereitet] sein.“
Wort für Wort
sadā eva tu mayā tasya
immer aber von mir ihm gegenüber (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
citta-jñena gṛhe janaḥ
von mir, der ich [seinen] Sinn kannte, das Volk im Haus (Instr.Sg.; Lok.Sg.; Nom.Sg.)
sarvāṇi eva anna-pānāni
alle Speisen und Getränke (Nom.Pl.n.)
bhakṣyāḥ ca ucca-avacāḥ tathā
und Esswaren, hohe und niedrige [mannigfaltige] ebenso (Nom.Pl.)
bhavantu satkṛtāni iti
sollen geehrt [d. h. mit Ehren bereitet] sein, so (3.Pl.Imp.; Nom.Pl.Part.)
tato 'haṃ jvalamānaṃ vai pāyasaṃ pratyavedayam; tad bhuktvaiva tu sa kṣipraṃ tato vacanam abravīt; kṣipram aṅgāni limpasva pāyaseneti sa sma ha
Da meldete ich ihm glühend heißen Milchreis. Kaum hatte er ihn gegessen, sprach er rasch diese Worte; „Reibe schnell deine Glieder mit Milchreis ein“, sagte er nämlich.
Wort für Wort
tataḥ aham jvalamānaṃ vai
darauf ich, glühend [heiß] (Nom.; Akk.Sg.Part.)
pāyasaṃ pratyavedayam
den Milchreis meldete ich [ihm] (Akk.Sg.; 1.Sg.Impf.Kaus.)
tat bhuktvā eva tu saḥ kṣipram
ihn gegessen habend, er sogleich (Abs.; Adv.)
tataḥ vacanam abravīt
sprach dann das Wort (Akk.Sg.; 3.Sg.Impf.)
kṣipram aṅgāni limpasva
rasch die Glieder reibe ein (Adv.; Akk.Pl.; Imp.Med.)
brāhmaṇā eva jāyeran nānyo varṇaḥ kathaṃ cana; ko hy enaṃ ratham āsthāya jīved anyaḥ pumān iha
„Nur Brahmanen sollten geboren werden, keine andere Kaste auf irgendeine Weise; denn welcher andere Mann könnte, auf diesen Wagen gestiegen, hier am Leben bleiben?“
Wort für Wort
brāhmaṇā eva jāyeran
nur Brahmanen mögen geboren werden (Nom.Pl.; 3.Pl.Opt.Med.)
na anyo varṇaḥ kathaṃ cana
keine andere Kaste auf irgendeine Weise (Nom.Sg.; Adv.)
ko hi enaṃ ratham āsthāya
denn wer, diesen Wagen bestiegen habend (Nom.; Akk.; Gerund.)
jīved anyaḥ pumān iha
könnte am Leben bleiben, ein anderer Mann, hier (3.Sg.Opt.; Nom.)
Sinn des zweiten Halbverses: ein Nicht-Brahmane würde auf diesem Wagen (unter Durvāsas' Zorn) nicht überleben.
„Scharf ist das Gift der Giftschlange, schärfer aber noch als das ist [dieses] Gift; für den, der vom Brahmanen-Schlangengift verbrannt ist, gibt es keinerlei Heiler.“
Wort für Wort
āśīviṣaviṣaṃ tīkṣṇaṃ
das Gift der Giftschlange ist scharf (Nom.n.; Adj.)
tataḥ tīkṣṇataraṃ viṣam
schärfer als das [ist das] Gift (Abl.-Adv.; Komp. Nom.n.)
brahmāśīviṣadagdhasya
für den vom Brahmanen-Giftschlangen-Gift Verbrannten (Gen./Dat.Sg.)
na asti kaś cic cikitsakaḥ
nicht gibt es irgendeinen Heiler (3.Sg.Präs.; Nom.)
Der Text von brahmāśīviṣa- ist knapp; gemeint ist: der Brahmane als Giftschlange.
na te 'parādham iha vai dṛṣṭavān asmi suvrata; prīto 'smi tava govinda vṛṇu kāmān yathepsitān; prasannasya ca me tāta paśya vyuṣṭir yathāvidhā
„Kein Vergehen habe ich hier an dir gesehen, Frommer; ich bin dir zugetan, Govinda; wähle Wünsche nach Belieben! Sieh, mein Lieber, welcherart der Lohn ist, wenn ich gnädig bin.“
Wort für Wort
na te aparādham iha vai
nicht an dir ein Vergehen hier fürwahr (Gen./Lok.; Akk.)
dṛṣṭavān asmi suvrata
gesehen habe ich, du Gelübdetreuer (Part.Perf.Akt. + 1.Sg.; Vok.)
prīto 'smi tava govinda
zufrieden bin ich mit dir, Govinda (Part.Pass.; Gen.; Vok.)
vṛṇu kāmān yathepsitān
wähle Wünsche, wie gewünscht (Imp.; Akk.Pl.; Part.)
prasannasya ca me tāta
und von mir, dem Gnädigen, mein Lieber (Gen.; Vok.)
paśya vyuṣṭir yathāvidhā
sieh, welcher Art der Lohn ist (Imp.; Nom.f.)
vyuṣṭi hier als Segen/Frucht (Lohn) wiedergegeben.
yāvac ca puṇyā lokeṣu tvayi kīrtir bhaviṣyati; triṣu lokeṣu tāvac ca vaiśiṣṭyaṃ pratipatsyase; supriyaḥ sarvalokasya bhaviṣyasi janārdana
„Und solange dein heiliger Ruhm in den Welten bestehen wird, so lange wirst du in den drei Welten Vorrang erlangen; und allen Welten wirst du sehr lieb sein, Janārdana.“
Wort für Wort
yāvat ca puṇyā lokeṣu
und solange heilig in den Welten (Adj.f.; Lok.Pl.)
tvayi kīrtir bhaviṣyati
bei dir Ruhm sein wird (Lok.; Nom.; 3.Sg.Fut.)
triṣu lokeṣu tāvat ca
in den drei Welten, so lange auch (Lok.; Adv.)
vaiśiṣṭyaṃ pratipatsyase
Vorrang wirst du erlangen (Akk.; 2.Sg.Fut.Med.)
supriyaḥ sarvalokasya bhaviṣyasi janārdana
sehr lieb für die ganze Welt wirst du sein, Janārdana (Nom.; Gen.; 2.Sg.Fut.; Vok.)
na tu pādatale lipte kasmāt te putrakādya vai; naitan me priyam ity eva sa māṃ prīto 'bravīt tadā; ity ukto 'haṃ śarīraṃ svam apaśyaṃ śrīsamāyutam
„Doch an der Fußsohle ist es nicht aufgestrichen; warum, mein Sohn, heute [das]? Das ist mir nicht lieb“, sagte er da erfreut zu mir. So angesprochen sah ich meinen Körper von Glanz erfüllt.
Wort für Wort
na tu pādatale lipte
doch an der Fußsohle nicht aufgestrichen (Lok.abs.)
kasmāt te putraka adya vai
warum bei dir, Söhnchen, heute fürwahr (Abl.; Gen.; Vok.)
na etan me priyam iti eva
das ist mir nicht lieb, so eben (Nom.n.; Dat./Gen.; iti)
sa māṃ prīto 'bravīt tadā
er sprach zu mir erfreut damals (3.Sg.Impf.; Nom.Part.)
ity ukto 'haṃ śarīraṃ svam
so angesprochen ich, meinen Körper (Part.Pass.; Akk.)
apaśyaṃ śrīsamāyutam
sah ich, mit Glanz verbunden (1.Sg.Impf.; Akk.n.)
Der erste Halbvers ist knapp; sinngemäß: die Fußsohlen blieben ohne Milchreis, daher nicht geschützt [Anm.: Deutung sinngemäß, Text elliptisch].