Kapitel 43: devaśarmavipulasaṃvāda
Devaśarmans Belehrung an Vipula und Bhīṣmas Schlusswort über die Hut der Frauen
Devaśarman erklärt dem zurückgekehrten Vipula, dass Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten die Zeugen verborgener Taten sind, und lobt ihn, weil er Ruci makellos behütet hat. Bhīṣma schließt mit allgemeinen Sätzen über gute und schlechte Frauen und die Schwierigkeit, sie zu hüten.
na māṃ kaś cid vijānīta iti kṛtvā na viśvaset; naro rahasi pāpātmā pāpakaṃ karma vai dvija
„‚Mich kennt niemand‘ – in dieser Erwägung soll ein Mensch, der im Verborgenen von schlechter Gesinnung ist, nicht [sicher] vertrauen, Zweigeborener, [wenn er] eine böse Tat [tut].“
Wort für Wort
na māṃ kaś cid vijānīta
mich soll niemand kennen [= kennt] (Opt.)
iti kṛtvā na viśvaset
so denkend soll er nicht vertrauen (Abs./Opt.)
naro rahasi pāpātmā
der Mensch, im Verborgenen, böser Gesinnung (Nom./Lok./Bahuvrīhi)
pāpakaṃ karma vai dvija
böse Tat gewiss, Zweigeborener (Akk.n./Vok.)
Die Syntax des zweiten Halbverses ist knapp; die Ergänzung „wenn er … tut“ ist sinngemäß.
tathaiva hi bhaveyus te lokāḥ pāpakṛto yathā; kṛtvā nācakṣataḥ karma mama tac ca tvayā kṛtam
„Ebenso würden [ihm] jene Welten sein wie die des Übeltäters: [für den], der eine Tat getan hat und sie nicht kundtut – ‚das ist mein, und das ist von dir getan‘.“
Wort für Wort
tathā eva hi bhaveyus te lokāḥ
ebenso würden jene Welten sein (Opt./Nom.Pl.)
pāpakṛto yathā
wie [die] des Übeltäters (Gen.)
kṛtvā na ācakṣataḥ karma
für den, der die Tat getan hat und nicht verkündet (Abs./Gen.Part.)
mama tat ca tvayā kṛtam
mein [ist] das, und von dir getan (Gen./Nom.n./Instr./Part.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text ist knapp und vermutlich verderbt, die Wiedergabe unsicher (vgl. 43.011).
te caiva hi bhaveyus te lokāḥ pāpakṛto yathā; kṛtvā nācakṣataḥ karma mama yac ca tvayā kṛtam
„Auch für sie würden jene Welten sein wie die des Übeltäters, [für den,] der eine Tat getan hat und sie nicht kundtut – [nämlich] meine, die von dir getan wurde.“
Wort für Wort
te ca eva hi bhaveyus
und sie ebenso würden sein (Opt.)
te lokāḥ pāpakṛto yathā
jene Welten, wie die des Übeltäters (Nom.Pl./Gen.)
kṛtvā na ācakṣataḥ karma
wer die Tat getan hat und nicht kundtut (Abs./Gen.Part.)
mama yat ca tvayā kṛtam
meine, welche von dir getan wurde (Gen./Instr./Part.) [?]
Vgl. Einheit 8; der Text ist knapp, Sinn unsicher.
tathā śakyā ca durvṛttā rakṣituṃ pramadā dvija; na ca tvaṃ kṛtavān kiṃ cid āgaḥ prīto 'smi tena te
„Und so ist auch eine Frau von schlechtem Wandel zu hüten möglich, Zweigeborener. Du hast aber keinerlei Vergehen begangen; darüber bin ich dir wohlgesinnt.“
Wort für Wort
tathā śakyā ca durvṛttā
so ist möglich auch die Übelwandelnde (Adj.f.)
rakṣituṃ pramadā dvija
zu hüten, die Frau, Zweigeborener (Inf./Nom./Vok.)
na ca tvaṃ kṛtavān kiṃ cid āgaḥ
und du hast nichts an Vergehen getan (Part.Perf.Akt./Akk.)
prīto 'smi tena te
zufrieden bin ich deswegen mit dir (Part./1.Sg./Instr./Lok.-Dat.)
manodoṣavihīnānāṃ na doṣaḥ syāt tathā tava; anyathāliṅgyate kāntā snehena duhitānyathā; yateś ca kāmukānāṃ ca yoṣidrūpe 'nyathā matiḥ; aśikṣayaiva manasaḥ prāyo lokas tu vañcyate; lolety udvijate loko vaktrāsava iti spṛhā; abandhāyogyamanasām iti mantrātmadaivatam; na rāgasnehalobhāndhaṃ karmiṇāṃ tan mahāphalam; niṣkaṣāyo viśuddhas tvaṃ rucyāveśān na dūṣitaḥ
„Bei denen, die frei von Fehlern des Geistes sind, gäbe es ebenso bei dir keinen Fehler. Anders wird die Geliebte umarmt, aus Zuneigung anders die Tochter; beim Asketen und bei den Liebhabern ist der Sinn gegenüber der Frauengestalt verschieden. Nur durch Nichtschulung des Geistes wird die Welt meist getäuscht: ‚launisch‘ – so schreckt die Welt zurück; ‚Mundnektar‘ – so [entsteht] Begehren. Bei denen, deren Geist zu Bindung nicht taugt – so [gilt] das Mantra-Selbst-Göttliche [?]; nicht ist das von Leidenschaft, Zuneigung und Gier Verblendete für Tatmenschen von großer Frucht. Du bist frei von Trübung, rein, durch das Erfülltsein von Ruci [Verlangen?] nicht befleckt.“
Wort für Wort
manodoṣavihīnānāṃ na doṣaḥ syāt tathā tava
bei den von Geistesfehlern Freien gäbe es ebenso bei dir keinen Fehler (Gen.Pl./Opt.)
anyathā āliṅgyate kāntā
anders wird die Geliebte umarmt (3.Sg.Pass.)
snehena duhitā anyathā
aus Zuneigung anders die Tochter (Instr.)
yateḥ ca kāmukānāṃ ca
beim Asketen und bei den Liebhabern (Gen.)
yoṣidrūpe 'nyathā matiḥ
gegenüber der Frauengestalt ist die Gesinnung verschieden (Lok./Nom.)
aśikṣayā eva manasaḥ prāyo lokas tu vañcyate
nur durch Nichtschulung des Geistes wird die Welt meist getäuscht (Instr./Gen./Pass.)
lolā iti udvijate lokaḥ vaktrāsavaḥ iti spṛhā
„launisch“ – so schreckt die Welt zurück; „Mundnektar“ – so Begehren (Nom.)
abandhāyogyamanasām iti mantrātmadaivatam
bei denen mit zu Bindung untauglichem Geist – so [gilt] das Mantra-Selbst-Göttliche (Gen.Pl./Nom.n.) [?]
na rāgasnehalobhāndhaṃ karmiṇāṃ tat mahāphalam
nicht [ist] das von Leidenschaft, Zuneigung, Gier Verblendete für Tatmenschen von großer Frucht (Adj./Gen.Pl.) [?]
niṣkaṣāyaḥ viśuddhaḥ tvam
du [bist] frei von Trübung, rein (Nom.)
rucyāveśāt na dūṣitaḥ
durch das Erfülltsein von Ruci/Verlangen nicht befleckt (Abl./Part.Pass.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; stark elliptisch und wohl verderbt. Die Halbverse 5 und 6 sind besonders unsicher.
yadi tv ahaṃ tvā durvṛttam adrākṣaṃ dvijasattama; śapeyaṃ tvām ahaṃ krodhān na me 'trāsti vicāraṇā
„Hätte ich dich aber als Schlechthandelnden gesehen, Bester der Zweigeborenen, dann würde ich dich im Zorn verfluchen; darüber gibt es bei mir kein Überlegen.“
Wort für Wort
yadi tu aham tvā durvṛttam adrākṣam
wenn ich dich aber als Übelwandelnden gesehen hätte (Aor.)
sajjanti puruṣe nāryaḥ puṃsāṃ so 'rthaś ca puṣkalaḥ; anyathā rakṣataḥ śāpo 'bhaviṣyat te gatiś ca sā
„Frauen hängen sich an einen Mann, und reichlich ist dieser Nutzen für die Männer; hättest du [sie] anders behütet, so wäre dir Fluch geworden und jenes [schlimme] Los.“
Wort für Wort
sajjanti puruṣe nāryaḥ
sie haften am Mann, die Frauen (3.Pl.Präs./Lok./Nom.Pl.)
puṃsāṃ so 'rthaś ca puṣkalaḥ
und dieser Nutzen der Männer [ist] reichlich (Gen.Pl./Nom.) [?]
anyathā rakṣataḥ śāpaḥ
bei einem, der anders behütet, [wäre] Fluch (Part.Gen./Nom.)
„Und die Untugendhaften, von schlechtem Wandel, Vernichterinnen der Familie, von bösem Entschluss, sind an bösen, mit dem eigenen Körper angeborenen Merkmalen zu erkennen, König.“
Wort für Wort
asādhvyaḥ ca api durvṛttāḥ
und die Untugendhaften, von schlechtem Wandel (Nom.Pl.)
kulaghnyaḥ pāpaniścayāḥ
Familienvernichterinnen, von bösem Entschluss (Nom.Pl.)
vijñeyā lakṣaṇaiḥ duṣṭaiḥ
zu erkennen an bösen Merkmalen (Gerundiv/Instr.Pl.)
svagātrasahajaiḥ nṛpa
mit dem eigenen Körper angeborenen, König (Instr.Pl./Vok.)
etā hi manujavyāghra tīkṣṇās tīkṣṇaparākramāḥ; nāsām asti priyo nāma maithune saṃgame nṛbhiḥ
„Denn diese, Tiger unter den Menschen, sind scharf, von scharfer Tatkraft; bei ihnen gibt es beim Beischlaf, bei der Vereinigung mit Männern, kein sogenanntes ‚Lieb‘.“
Wort für Wort
etāḥ hi manujavyāghra
denn diese, Tiger unter den Menschen (Nom.Pl./Vok.)
tīkṣṇāḥ tīkṣṇaparākramāḥ
scharf, von scharfer Tatkraft (Nom.Pl.)
na āsām asti priyaḥ nāma
nicht gibt es bei ihnen einen sogenannten Lieben (Gen.Pl./3.Sg./Nom.)
maithune saṃgame nṛbhiḥ
beim Beischlaf, bei der Vereinigung mit Männern (Lok./Instr.Pl.)
etāḥ kṛtyāś ca kāryāś ca kṛtāś ca bharatarṣabha; na caikasmin ramanty etāḥ puruṣe pāṇḍunandana
„Diese sind Kṛtyās [Zauberwesen], sind zu Bewirkende und sind Bewirkte [?], Stier der Bharata; und an einem einzigen Mann finden diese kein Genügen, Sohn des Pāṇḍu.“
Wort für Wort
etāḥ kṛtyāḥ ca kāryāḥ ca
diese [sind] Kṛtyās und zu Bewirkende (Nom.Pl./Gerundiv) [?]
kṛtāḥ ca bharatarṣabha
und Bewirkte, Stier der Bharata (Part.Pass./Vok.) [?]
na ca ekasmin ramanti etāḥ
und nicht an einem finden diese Gefallen (3.Pl.Präs./Lok.)
puruṣe pāṇḍunandana
am Mann, Freude der Pāṇḍavas bzw. Sohn des Pāṇḍu (Lok./Vok.)
Wortspiel mit kṛtyā, kārya und kṛta; Sinn der zweiten und dritten Glieder unsicher.
„Zu ihnen soll von Männern nicht Zuneigung gehegt werden, ebenso nicht Eifersucht, Herr der Menschen; unter Ertragen von Mühe [?] soll man genießen und im Dharma verharrend.“
Wort für Wort
na āsu snehaḥ nṛbhiḥ kāryaḥ
nicht bei diesen ist Zuneigung von Männern zu hegen (Lok.Pl./Nom./Instr.Pl./Gerundiv)
tathā eva īrṣyā janeśvara
ebenso Eifersucht, Herr der Menschen (Nom./Vok.)
khedam āsthāya bhuñjīta
Mühe [ertragend] soll man genießen (Abs./Opt.Med.) [?]