Kapitel 19: aṣṭāvakradiśāsaṃvādārambhaḥ
Yudhiṣṭhiras Zweifel zur gemeinsamen Pflichterfüllung; Aṣṭāvakra wirbt um Suprabhā und wird nach Norden gesandt
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Sinn des sahadharma der Ehe; Bhīṣma antwortet mit der alten Erzählung von Aṣṭāvakra, der um die Tochter des Vadānya wirbt und zur Prüfung in den Norden geschickt wird. Das Kapitel endet vor dem eigentlichen Gespräch.
yudhiṣṭhira uvāca; yad idaṃ sahadharmeti procyate bharatarṣabha; pāṇigrahaṇakāle tu strīṇām etat kathaṃ smṛtam
Yudhiṣṭhira sprach: „Dieses, was ‚gemeinsame Pflichterfüllung‘ (sahadharma) genannt wird, o Stier der Bharata – wie ist es zur Zeit der Handergreifung [der Hochzeit] für die Frauen überliefert?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yad idaṃ sahadharmeti procyate
dieses, was ‚sahadharma‘ genannt wird (Präs.Pass.)
bharatarṣabha
o Stier der Bharata (Vok.)
pāṇigrahaṇakāle tu
zur Zeit der Handergreifung aber (Lok.)
strīṇām etat kathaṃ smṛtam
für die Frauen dieses, wie überliefert (Gen.Pl./Part.Pass.)
Dieses Recht mag das der Ṛṣis (ārṣa), das des Prajāpati oder das der Asuras sein; [ich frage,] was hier ‚gemeinsame Pflichterfüllung‘ heißt, das früher von den großen Sehern gesagt wurde.
Wort für Wort
ārṣa eṣa bhaved dharmaḥ
dieses Recht mag das ārṣa-Recht sein (Nom.Sg., Opt.)
prājāpatyo 'tha vāsuraḥ
das prājāpatya oder das āsura (Nom.)
yad etat sahadharmeti
was dieses ‚sahadharma‘ [heißt] (Nom.)
pūrvam uktaṃ maharṣibhiḥ
früher gesagt von den großen Sehern (Part.Pass./Instr.Pl.)
Der Vers ist syntaktisch knapp; die Ergänzung „ich frage“ ist sinngemäß. Zu den Eheformen ārṣa, prājāpatya, āsura vgl. das Recht der Eheschließung.
saṃdehaḥ sumahān eṣa viruddha iti me matiḥ; iha yaḥ sahadharmo vai pretyāyaṃ vihitaḥ kva nu
Dies ist ein sehr großer Zweifel, [und] es ist meine Ansicht, dass es [einander] widerspricht: Die gemeinsame Pflichterfüllung hier – wo genau ist sie für das Jenseits festgesetzt?
Wort für Wort
saṃdehaḥ sumahān eṣa
dieser sehr große Zweifel (Nom.Sg.)
viruddha iti me matiḥ
‚es widerspricht‘, so meine Ansicht (Part.Pass./Nom.)
iha yaḥ sahadharmo vai
der sahadharma hier fürwahr (Nom.)
pretyāyaṃ vihitaḥ kva nu
nach dem Tod dieser festgesetzt wo denn (Abs./Part.Pass.)
Wenn die vielen Menschen mit den Früchten mannigfacher Taten ausgestattet sind, in mannigfachen Werken ihren Aufenthalt haben und in mannigfachen Höllen ihr Ende finden [?] –
Wort für Wort
nānākarmaphalopetā
mit den Früchten mannigfacher Taten versehen (Nom.Pl., Kompositum)
nānākarmanivāsinaḥ
in mannigfachen Werken wohnend (Nom.Pl.)
nānānirayaniṣṭhāntā
mit mannigfachen Höllen als Endziel (Nom.Pl., Kompositum) [?]
mānuṣā bahavo yadā
die Menschen, viele, wenn (Nom.Pl.)
„nānānirayaniṣṭhāntāḥ“ ist wörtlich etwa ‚mit mannigfachen Höllen als endgültigem Ziel‘; Deutung unsicher. Der Satz wird in V. 6 fortgeführt.
„Die Frauen sind unwahrhaftig“ – so bestimmt der Sūtra-Verfasser. Wenn die Frauen unwahrhaftig sind, Vater, woher gilt dann die gemeinsame Pflichterfüllung als überliefert?
anṛtāḥ striya ity evaṃ vedeṣv api hi paṭhyate; dharmo 'yaṃ paurvikī saṃjñā upacāraḥ kriyāvidhiḥ
„Die Frauen sind unwahrhaftig“ – so wird auch in den Veden gelesen. Dieses Recht ist [dann] eine altüberlieferte Bezeichnung, eine bloße Höflichkeit, eine rituelle Vorschrift [?].
Wort für Wort
anṛtāḥ striya ity evaṃ
‚unwahr die Frauen‘, so (Nom.Pl.)
vedeṣv api hi paṭhyate
auch in den Veden nämlich wird gelesen (Lok.Pl., Präs.Pass.)
dharmo 'yaṃ paurvikī saṃjñā
dieses Recht [ist] eine alte Bezeichnung (Nom.Sg.)
upacāraḥ kriyāvidhiḥ
Höflichkeit, Ritualvorschrift (Nom.Sg.)
Die Reihe „paurvikī saṃjñā upacāraḥ kriyāvidhiḥ“ ist knapp; Deutung als Aufzählung dreier möglicher Erklärungen.
ananyastrījanaḥ prājño hy apravāsī priyaṃvadaḥ; surūpaḥ saṃmato vīraḥ śīlavān bhogabhuk śuciḥ; dārānumatayajñaś ca sunakṣatrām athodvahet; sabhṛtyaḥ svajanopeta iha pretya ca modate
„Ein Weiser, der keine anderen Frauen hat, nicht auf Reisen [in der Fremde] weilt, freundlich redet, schön gestaltet, angesehen, tapfer, tugendhaft, genussfähig und rein ist und dessen Opfer mit Zustimmung der Gattin [geschehen], der möge Sunakṣatrā heimführen [?]; mit Dienern und Verwandten versehen freut er sich hier und nach dem Tod.“
Wort für Wort
ananyastrījanaḥ prājño
wer keine anderen Frauen hat, weise (Nom.)
hy apravāsī priyaṃvadaḥ
nicht in der Fremde lebend, freundlich redend (Nom.)
surūpaḥ saṃmato vīraḥ
schön, geachtet, tapfer (Nom.)
śīlavān bhogabhuk śuciḥ
tugendhaft, genießend, rein (Nom.)
dārānumatayajñaś ca
und dessen Opfer von der Gattin gebilligt sind (Nom., Kompositum)
sunakṣatrām athodvahet
Sunakṣatrā dann möge er heimführen (Akk./Opt.)
sabhṛtyaḥ svajanopeta
mit Dienern, mit Verwandten versehen (Nom.)
iha pretya ca modate
hier und nach dem Tod freut er sich (Abs./3.Sg.Präs.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternvers). Der Name „Sunakṣatrā“ passt nicht zu Suprabhā; möglicherweise abweichende Überlieferung.
aṣṭāvakra uvāca; kiṃ draṣṭavyaṃ mayā tatra vaktum arhati me bhavān; tathedānīṃ mayā kāryaṃ yathā vakṣyati māṃ bhavān
Aṣṭāvakra sprach: „Was ist dort zu sehen von mir? Das möge Eure Hoheit mir sagen. Und ich werde es jetzt so ausführen, wie Eure Hoheit es mir sagen wird.“
Vadānya sprach: „Hast du Kubera [den Gabenspender, Gebiet] und ebenso den Himavat durchschritten, so wirst du Rudras Heiligtum sehen, von Siddhas und Cāraṇas besucht,
Wort für Wort
vadānya uvāca
Vadānya sprach (Perf.)
dhanadaṃ samatikramya
den Gabenspender (Kubera) überschritten habend (Abs.)
iṣṭaṃ kila girau sthānaṃ tad divyam anuśuśruma; nityaṃ saṃnihito devas tathā pāriṣadāḥ śubhāḥ
„Ein erwünschter Ort auf dem Berg, jener göttliche, so haben wir gehört: Immer ist der Gott dort gegenwärtig, ebenso die glückverheißenden Gefolgsleute.
Wort für Wort
iṣṭaṃ kila girau sthānaṃ
geliebt, wie es heißt, auf dem Berg der Ort (Part.Pass./Lok.)
tatra devyā tapas taptaṃ śaṃkarārthaṃ suduścaram; atas tad iṣṭaṃ devasya tathomāyā iti śrutiḥ
Dort wurde von der Göttin überaus schwer zu vollbringende Askese um Śaṃkaras willen geübt; deshalb ist er dem Gott lieb, und ebenso [ist er] der Umā [lieb] – so die Überlieferung.
Wort für Wort
tatra devyā tapas taptaṃ
dort von der Göttin Askese geübt (Instr./Part.Pass.)
eine asketische, hochbeglückte, greise, die ein Weiheversprechen [dīkṣā] auf sich genommen hat. Sie ist von dir dort zu sehen und mit Sorgfalt zu ehren.
Wort für Wort
tapasvinīṃ mahābhāgāṃ
eine Asketin, hochbeglückte (Akk.Sg.f.)
vṛddhāṃ dīkṣām anuṣṭhitām
greise, die Weihe ausgeübt habende (Akk./Part.Pass.)
Hast du sie gesehen, kehrst du um; dann wirst du [meine Tochter] bei der Hand nehmen. Wenn diese Abmachung wahr [gilt], so möge sie erfüllt werden; dorthin soll gegangen werden.“
Wort für Wort
tāṃ dṛṣṭvā vinivṛttas tvaṃ
sie gesehen habend, umgekehrt, du (Abs./Part.Pass.)
tataḥ pāṇiṃ grahīṣyasi
dann die Hand wirst du ergreifen (Fut.Med.)
yady eṣa samayaḥ satyaḥ
wenn diese Abmachung wahr (Nom.)
sādhyatāṃ tatra gamyatām
möge erfüllt werden, dorthin gegangen werden (Imp.Pass.)