Kapitel 30: mataṅgopākhyānasamāpti
Mataṅgas Askese, Indras Gewährung und das schwer erreichbare Brahmanentum
Schluss der Mataṅga-Erzählung: Mataṅga büßt weiter, Indra bestätigt die Schwierigkeit, Brahmane zu werden, und gewährt stattdessen einen anderen Wunsch; Bhīṣma schließt mit der Lehre von der Unerreichbarkeit des Brahmanentums.
bhīṣma uvāca; evam ukto mataṅgas tu saṃśitātmā yatavrataḥ; sahasram ekapādena tato 'bdānām atiṣṭhata; taṃ sahasrāvare kāle śakro draṣṭum upāgamat; mataṅga uvāca; tad eva ca punar vākyam uvāca balavṛtrahā; idaṃ varṣasahasraṃ vai brahmacārī samāhitaḥ; śakra uvāca; atiṣṭham ekapādena brāhmaṇyaṃ nāpnuyāṃ katham; caṇḍālayonau jātena nāvāpyaṃ vai kathaṃ cana; anyaṃ kāmaṃ vṛṇīṣva tvaṃ mā vṛthā te 'stv ayaṃ śramaḥ
Bhīṣma sprach: So angesprochen, stand Mataṅga, der gesammelte und im Gelübde Gefestigte, tausend Jahre lang auf einem Fuß. Nach Ablauf von tausend [Jahren] kam Śakra, um ihn zu sehen. Mataṅga sprach: Dieselben Worte sprach der Vṛtra-Töter [Indra] abermals: „In diesen tausend Jahren [hast du] als Keuscher, gesammelt, [gebüßt].“ Śakra sprach: „Ich stand auf einem Fuß [und] dennoch erlange ich das Brahmanentum nicht, wie [kann das sein]? Wer in einem Caṇḍāla-Schoß geboren ist, kann es auf keine Weise erlangen. Wähle einen anderen Wunsch; diese Mühe soll dir nicht umsonst sein.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
evam ukto mataṅgas tu saṃśitātmā yatavrataḥ
so angesprochen, Mataṅga aber, gefestigten Selbstes, im Gelübde gezügelt (Nom.Sg.)
sahasram ekapādena tato 'bdānām atiṣṭhata
tausend auf einem Fuß, dann der Jahre, stand (Instr.Sg./Gen.Pl./Impf. Med. 3.Sg.)
taṃ sahasrāvare kāle śakro draṣṭum upāgamat
ihn, nach [fast] tausend, zur Zeit, Śakra, zu sehen, kam herbei (Akk./Lok./Inf./Aor. 3.Sg.)
mataṅga uvāca; tad eva ca punar vākyam uvāca balavṛtrahā
Mataṅga sprach; eben dieses Wort wieder sprach der Bala- und Vṛtra-Töter (Perf. 3.Sg./Nom.Sg.)
idaṃ varṣasahasraṃ vai brahmacārī samāhitaḥ
dieses Jahrtausend fürwahr, Keuscher, gesammelt (Akk.Sg./Nom.Sg.)
Śakra sprach; ich stand auf einem Fuß, Brahmanentum nicht erlangen sollte ich, wie (Impf. 1.Sg./Opt. 1.Sg.)
caṇḍālayonau jātena nāvāpyaṃ vai kathaṃ cana
vom im Caṇḍāla-Schoß Geborenen nicht zu erlangen fürwahr auf irgendeine Weise (Lok./Instr.Sg./Gerundiv)
anyaṃ kāmaṃ vṛṇīṣva tvaṃ mā vṛthā te 'stv ayaṃ śramaḥ
einen anderen Wunsch wähle du, nicht umsonst soll dir sein diese Mühe (Imp. Med. 2.Sg./Imp. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Sprecherzuweisung ist verwirrt (die Rede „atiṣṭham ekapādena …“ steht unter Śakra, ist aber inhaltlich Mataṅgas Feststellung; Text vermutlich verderbt). [Anm.: Deutung unsicher.]
Eine überaus schwere Yoga-Übung ausübend, abgemagert, von [hervortretenden] Adern überzogen, nur noch Haut und Knochen, [so] fiel der Rechtschaffene nieder, wie wir gehört haben.
Wort für Wort
suduṣkaraṃ vahan yogaṃ
überaus schwer zu vollbringen, übend, Yoga (Akk.Sg./Part.Präs./Akk.Sg.)
kṛśo dhamanisaṃtataḥ
abgemagert, von Adern überzogen (Nom.Sg.)
tvagasthibhūto dharmātmā
zu Haut und Knochen geworden, dharmagesinnt (Nom.Sg.)
sa papāteti naḥ śrutam
er fiel nieder, so von uns gehört (Perf. 3.Sg./Part. Pass.)
Hier zeigt sich [ein] Widerspruch; das Brahmanentum ist [noch] schwerer zu erlangen.
Wort für Wort
viruddham iha dṛśyate
widersprüchlich, hier, wird gesehen (Part. Pass./Pass. 3.Sg.)
brāhmaṇyaṃ durlabhataraṃ
Brahmanentum, schwerer erreichbar (Nom.Sg. Komp.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Fragmentarische Zusatzpassage; Satzbau unklar. [Anm.: unsicher.]
tad utsṛjyeha duṣprāpaṃ brāhmaṇyam akṛtātmabhiḥ; anyaṃ varaṃ vṛṇīṣva tvaṃ durlabho 'yaṃ hi te varaḥ
Deshalb gib das hier schwer erreichbare Brahmanentum auf, [das] von Ungeläuterten [kaum zu erlangen ist]; wähle einen anderen Wunsch, denn dieser Wunsch von dir ist schwer zu erlangen.
Wort für Wort
tad utsṛjyeha duṣprāpaṃ
daher aufgegeben, hier, schwer erreichbar (Abs./Adv./Akk.Sg.)
brāhmaṇyam akṛtātmabhiḥ
Brahmanentum, von den Ungeläuterten (Akk.Sg./Instr.Pl.)
anyaṃ varaṃ vṛṇīṣva tvaṃ
einen anderen Wunsch wähle du (Akk.Sg./Imp. Med. 2.Sg.)
durlabho 'yaṃ hi te varaḥ
schwer erlangbar dieser ja dein Wunsch (Nom.Sg./Gen.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
mataṅga uvāca; kiṃ māṃ tudasi duḥkhārtaṃ mṛtaṃ mārayase ca mām; taṃ tu śocāmi yo labdhvā brāhmaṇyaṃ na bubhūṣate
Mataṅga sprach: „Was quälst du mich, den vom Leid Geplagten, und tötest mich, der [ohnehin] wie tot ist? Ich bedaure vielmehr den, der das Brahmanentum erlangt hat und [doch] nicht Brahmane sein will.
Wort für Wort
mataṅga uvāca
Mataṅga sprach (Perf. 3.Sg.)
kiṃ māṃ tudasi duḥkhārtaṃ
was mich stichst du, leidgeplagt (Akk.Sg./2.Sg./Akk.Sg.)
mṛtaṃ mārayase ca mām
gestorben, tötest du und mich (Part. Pass./Kaus. 2.Sg.)
taṃ tu śocāmi yo labdhvā
ihn aber beklage ich, der erlangt habend (Akk.Sg./1.Sg./Abs.)
brāhmaṇyaṃ na bubhūṣate
Brahmanentum, nicht sein will (Akk.Sg./Des. 3.Sg.)
Wenn das Brahmanentum für die drei Stände schwer zu erlangen ist, Śatakratu, so üben es die Menschen, obwohl sie es, das äußerst Schwerzuerreichende, erlangt haben, dennoch nicht aus.
Wort für Wort
brāhmaṇyaṃ yadi duṣprāpaṃ
Brahmanentum, wenn schwer erreichbar (Nom.Sg.)
tribhir varṇaiḥ śatakrato
von den drei Ständen, Śatakratu (Instr.Pl./Vok.)
sudurlabhaṃ tadāvāpya
äußerst schwer erlangbar, dann erlangt habend (Akk.Sg./Abs.)
yaḥ pāpebhyaḥ pāpatamas teṣām adhama eva saḥ; brāhmaṇyaṃ yo 'vajānīte dhanaṃ labdhveva durlabham
Wer unter den Sündern der Sündhafteste ist, der ist [wirklich] der Niedrigste von ihnen: wer das Brahmanentum geringschätzt, als hätte er [nur] ein schwer erreichbares Vermögen erlangt.
Wort für Wort
yaḥ pāpebhyaḥ pāpatamas
wer unter den Sündern der sündhafteste (Rel./Abl.Pl./Superl.)
teṣām adhama eva saḥ
von ihnen der Niedrigste eben er (Gen.Pl./Nom.Sg.)
brāhmaṇyaṃ yo 'vajānīte
Brahmanentum, wer geringschätzt (Akk.Sg./Präs. Med. 3.Sg.)
dhanaṃ labdhveva durlabham
Reichtum, wie erlangt habend, schwer erreichbaren (Akk.Sg./Abs.+iva/Akk.Sg.)
Vergleich (labdhveva): wie einer, der Reichtum erlangt hat und ihn missachtet. [Anm.: Sinn knapp.]
Schwer zu erlangen ist fürwahr das Brahmanentum; [ist es] erlangt, ist es schwer zu bewahren; [obwohl] man dieses schwer Erreichbare erlangt hat, üben es die Menschen nicht aus.
Wort für Wort
duṣprāpaṃ khalu vipratvaṃ
schwer erreichbar fürwahr das Brahmanentum (Nom.Sg.)
prāptaṃ duranupālanam
erlangt, schwer zu behüten (Part. Pass./Nom.Sg.)
duravāpam avāpyaitan
schwer erlangbar, erlangt habend dies (Akk.Sg./Abs./Akk.Sg.)
ekārāmo hy ahaṃ śakra nirdvaṃdvo niṣparigrahaḥ; ahiṃsādamadānasthaḥ kathaṃ nārhāmi vipratām
Ich, Śakra, lebe ja allein im Hain, frei von Gegensatzpaaren, ohne Besitz, gegründet in Gewaltlosigkeit, Selbstbeherrschung und Mildtätigkeit; wie sollte ich das Brahmanentum nicht verdienen?
Wort für Wort
ekārāmo hy ahaṃ śakra
einsam im Hain, ich ja, Śakra (Nom.Sg./Vok.)
nirdvaṃdvo niṣparigrahaḥ
frei von Gegensätzen, besitzlos (Nom.Sg.)
ahiṃsādamadānasthaḥ
in Gewaltlosigkeit, Selbstzügelung und Gabe verharrend (Nom.Sg. Komp.)
kathaṃ nārhāmi vipratām
wie nicht verdiene ich Brahmanentum (Präs. 1.Sg./Akk.Sg.)
daivaṃ tu nūnam etad vai yad ahaṃ mātṛdoṣataḥ; etām avasthāṃ saṃprāpto dharmajñaḥ san puraṃdara; nūnaṃ daivaṃ na śakyaṃ hi pauruṣeṇātivartitum; yad ahaṃ yatnavān evaṃ na labhe vipratāṃ vibho; evaṃ gate tu dharmajña dātum arhasi me varam; yadi te 'ham anugrāhyaḥ kiṃ cid vā sukṛtaṃ mama; bhīṣma uvāca; vṛṇīṣveti tadā prāha tatas taṃ balavṛtrahā; coditas tu mahendreṇa mataṅgaḥ prābravīd idam
„Es ist wohl das Schicksal, dass ich durch den Makel [meiner] Mutter in diesen Zustand gelangt bin, obwohl ich das Recht kenne, Puraṃdara. Gewiss lässt sich das Schicksal nicht durch Mannestat überwinden, da ich, obwohl [so] bemüht, das Brahmanentum nicht erlange, Herr. Da es so steht, Kenner des Rechts, solltest du mir einen Wunsch gewähren, wenn ich Gnade verdiene oder [mir] irgendein gutes Werk [zukommt].“ Bhīṣma sprach: Da sagte der Bala- und Vṛtra-Töter zu ihm: „Wähle!“ Von Mahendra so angetrieben, sprach Mataṅga dies.
Wort für Wort
daivaṃ tu nūnam etad vai yad ahaṃ mātṛdoṣataḥ
Schicksal aber gewiss dieses fürwahr, dass ich durch Fehler der Mutter (Nom.Sg./Abl.)
etām avasthāṃ saṃprāpto dharmajñaḥ san puraṃdara
diesen Zustand erreicht, Rechtskundiger seiend, Puraṃdara (Akk.Sg./Part. Pass./Nom.Sg./Vok.)
nūnaṃ daivaṃ na śakyaṃ hi pauruṣeṇātivartitum
gewiss Schicksal nicht möglich ja durch Mannestat zu überwinden (Gerundiv/Instr.Sg./Inf.)
yad ahaṃ yatnavān evaṃ na labhe vipratāṃ vibho
da ich bemüht so nicht erlange Brahmanentum, Herr (Präs. Med. 1.Sg./Vok.)
evaṃ gate tu dharmajña dātum arhasi me varam
so gekommen aber, Rechtskundiger, zu geben verdienst du mir einen Wunsch (Lok.Abs./Vok./Inf./2.Sg.)
yadi te 'ham anugrāhyaḥ kiṃ cid vā sukṛtaṃ mama
wenn dir ich gnadenwürdig, oder irgendein gutes Werk mein (Gerundiv/Nom.Sg./Gen.Sg.)
Ich möchte nach Belieben umherziehen, gestaltwandelnd, als Himmelsfahrer; und ohne Widerstreit mit Brahmanen und Kṣatriyas Verehrung erlangen; und mein Ruhm soll unvergänglich sein, Puraṃdara.
Wort für Wort
yathākāmavihārī syāṃ
nach Belieben umherziehend möge ich sein (Nom.Sg./Opt. 1.Sg.)
kāmarūpī vihaṃgamaḥ
gestaltwandelnd, Himmelsgänger (Nom.Sg.)
brahmakṣatrāvirodhena pūjāṃ ca prāpnuyām aham
ohne Widerstreit von Brahmanen und Kṣatriyas, Verehrung und erlangen möge ich (Instr.Sg./Akk.Sg./Opt. 1.Sg.)
Indra sprach: „Mataṅga, geh schnell; so wird es geschehen. Auch alle Frauen werden dich in der Welt bei Segensriten verehren; so wird dein Ruhm unvergänglich sein, du Asket.
Wort für Wort
indra uvāca
Indra sprach (Perf. 3.Sg.)
mataṅga gamyatāṃ śīghram evam etad bhaviṣyati
Mataṅga, es werde gegangen schnell, so dies wird sein (Imp. Pass./Fut. 3.Sg.)
striyaś ca sarvās tvā loke yakṣyante bhūtikarmaṇi
und Frauen alle dich in der Welt werden verehren bei Segensritus (Nom.Pl./Fut. Med. 3.Pl./Lok.Sg.)
evaṃ tavākṣayā kīrtir bhaviṣyati tapodhana
so dein unvergänglicher Ruhm wird sein, Asket (Nom.Sg./Fut. 3.Sg./Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Lesart „tvā“ statt „tvām“ metrisch bedingt. [Anm.: bhūtikarmaṇi als Segens-/Wohlstandsritus gedeutet.]
von Indra gesagt, dem Hochgesinnten (Instr.Sg./Part. Pass./Instr.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, syntaktisch Fortsetzung von Vers 16. [Anm.: „martyānām“ ist auf „duṣprāpam“ bezogen.]