Kapitel 100: gārhasthyadharmopadeśaḥ
Die Pflichten des Hausherrn: Belehrung der Erde an Vāsudeva
Bhīṣma gibt die Unterweisung wieder, die die Göttin Erde Vāsudeva über das Hausherrn-Dharma erteilte: die täglichen Opfer für Götter, Ahnen, Wesen und Gäste sowie die Ehrung von Lehrer, Vater und Freund.
Yudhiṣṭhira sprach: „Lege mir das gesamte Hausherren-Dharma dar, du Stier unter den Bharatas! Was muss ein Mensch hier tun, um Gedeihen zu erlangen, o Fürst?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
gārhasthyaṃ dharmam akhilaṃ prabrūhi
das Hausherren-Dharma, das ganze, verkünde (Akk.; Imp.2.Sg.)
Vāsudeva sprach: „Was ist, wenn man am Hausherren-Dharma festhält, sei es ich oder einer, der mir gleicht, unbedingt zu tun, o Trägerin, und was tuend würde man glücklich?“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Perf.)
gārhasthyaṃ dharmam āśritya
das Hausherren-Dharma zugrunde gelegt habend (Akk.; Gerundium)
mayā vā madvidhena vā
von mir oder von einem mir Gleichen (Instr.)
kim avaśyaṃ dhare kāryam
was unbedingt, o Erde, zu tun ist (Vok.; Gerundiv)
kiṃ vā kṛtvā
oder was getan habend (Gerundium)
sukhī bhavet
glücklich würde man sein (Nom.; 3.Sg.Opt.)
„dhare“ als Anrede an die Erde („Trägerin“), Vok. von dharā.
pṛthivy uvāca; ṛṣayaḥ pitaro devā manuṣyāś caiva mādhava; ijyāś caivārcanīyāś ca yathā caivaṃ nibodha me
Die Erde sprach: „Die Seher, die Ahnen, die Götter und die Menschen, o Mādhava, sind zu verehren und zu ehren; wie das geschehen soll, vernimm von mir.“
Wort für Wort
pṛthivy uvāca
die Erde sprach (Perf.)
ṛṣayaḥ pitaro devā manuṣyāś ca
die Seher, Ahnen, Götter und Menschen (Nom.Pl.)
mādhava
o Mādhava (Vok.)
ijyāś cārcanīyāś ca
zu verehren (mit Opfer) und zu ehren (Gerundiv, Nom.Pl.)
yathā caivaṃ nibodha me
wie es so (geschehen soll), vernimm von mir (Imp.2.Sg.; Dat./Gen.)
sadā yajñena devāṃś ca ātithyena ca mānavān; chandataś ca yathānityam arhān yuñjīta nityaśaḥ; tena hy ṛṣigaṇāḥ prītā bhavanti madhusūdana
Stets soll man die Götter durch Opfer, die Menschen durch Gastfreundschaft [ehren], und nach Wunsch, wie es die Gewohnheit ist, die Verehrungswürdigen beständig bedenken; dadurch, o Madhusūdana, werden die Scharen der Seher erfreut.
Wort für Wort
sadā yajñena devāṃś ca
stets durch Opfer die Götter (Instr.; Akk.Pl.)
ātithyena ca mānavān
und durch Gastfreundschaft die Menschen (Instr.; Akk.Pl.)
chandataś ca yathānityam
und nach Wunsch, wie gewohnt (Adv.)
arhān yuñjīta nityaśaḥ
die Verehrungswürdigen soll man versehen/bedenken, beständig (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.Med.)
tena hy ṛṣigaṇāḥ prītā bhavanti
dadurch nämlich sind die Scharen der Seher erfreut (Nom.Pl.)
madhusūdana
o Madhusūdana (Vok.)
„chandataḥ“ und „yathānityam“ sind knapp; Sinn: nach Neigung und gemäß der üblichen Gepflogenheit.
Beständig soll man das Feuer bedienen und, ohne [selbst] gegessen zu haben, das Opfer für die Wesen darbringen; ebenso werden die Götter erfreut, o Madhusūdana.
Wort für Wort
nityam agniṃ paricaret
beständig das Feuer soll man bedienen (Akk.; 3.Sg.Opt.)
abhuktvā
ohne gegessen zu haben (Gerundium neg.)
balikarma ca kuryāt
und die Spendenhandlung soll man vollziehen (Akk.; 3.Sg.Opt.)
tathaiva devā vai prīyante
so werden ja die Götter erfreut (Nom.Pl.; 3.Pl.Pass.)
siddhānnād vaiśvadevaṃ vai kuryād agnau yathāvidhi; agnīṣomaṃ vaiśvadevaṃ dhānvantaryam anantaram
Von der gekochten Speise soll man dem Regel gemäß im Feuer das Vaiśvadeva-Opfer darbringen: [zuerst] für Agni und Soma, dann für die Viśvedevas, unmittelbar danach für Dhanvantari.
Wort für Wort
siddhānnād vaiśvadevaṃ vai
von gekochter Speise das Vaiśvadeva-Opfer (Abl.; Akk.)
kuryād agnau yathāvidhi
soll man darbringen im Feuer der Vorschrift gemäß (3.Sg.Opt.; Lok.)
agnīṣomaṃ vaiśvadevam
(Opfer) für Agni-Soma, für die Viśvedevas (Akk.)
dhānvantaryam anantaram
das für Dhanvantari, unmittelbar danach (Akk.; Adv.)
dhanvantareḥ prāg udīcyāṃ prācyāṃ śakrāya mādhava; manor vai iti ca prāhur baliṃ dvāre gṛhasya vai; marudbhyo devatābhyaś ca balim antargṛhe haret
Für Dhanvantari im Nordosten, im Osten für Śakra, o Mādhava; und für Manu, so sagen sie, [ist] die Opfergabe an der Haustür. Für die Marut und die [übrigen] Gottheiten soll man die Opfergabe im Inneren des Hauses darbringen.
Wort für Wort
dhanvantareḥ prāg udīcyām
für Dhanvantari im Nordosten (Gen.; Adv.)
prācyāṃ śakrāya mādhava
im Osten für Śakra, o Mādhava (Lok.; Dat.; Vok.)
manor vai iti ca prāhur
und für Manu, so sagen sie [?] (Gen.; 3.Pl.Perf.)
baliṃ dvāre gṛhasya vai
die Opfergabe an der Tür des Hauses (Akk.; Lok.; Gen.)
marudbhyo devatābhyaś ca
für die Marut und die Gottheiten (Dat.Pl.)
balim antargṛhe haret
die Opfergabe im Hausinneren soll man darbringen (Akk.; Lok.; 3.Sg.Opt.)
„manor vai iti ca prāhur“ ist metrisch und syntaktisch verderbt; Wiedergabe unsicher.
Hat man so die Opfergabe recht dargebracht, soll man einem Zweimalgeborenen Almosen geben; findet sich kein Brahmane, soll man einen Erstling [der Speise] ins Feuer emporwerfen und niederlegen.
Wort für Wort
evaṃ kṛtvā baliṃ samyag
so die Opfergabe recht getan habend (Gerundium; Akk.)
dadyād bhikṣāṃ dvijātaye
soll man Almosen geben einem Zweimalgeborenen (3.Sg.Opt.; Akk.; Dat.)
alābhe brāhmaṇasya
bei Nichtfinden eines Brahmanen (Lok.; Gen.)
agnāv agram utkṣipya nikṣipet
ins Feuer einen Erstling emporgeworfen habend soll man niederlegen (Lok.; Akk.; Gerundium; 3.Sg.Opt.)
Nachdem er die Ahnen aber befriedigt hat, soll er die Opfergabe der Vorschrift gemäß darbringen; danach soll er das Vaiśvadeva vollziehen, hernach das Brahmanen-Sprechen [Segensspruch der Brahmanen].
Wort für Wort
pitṝn saṃtarpayitvā tu
die Ahnen aber befriedigt habend (Akk.Pl.; Gerundium)
baliṃ kuryād vidhānataḥ
die Opfergabe soll er darbringen nach Vorschrift (Akk.; 3.Sg.Opt.; Abl.-Adv.)
vaiśvadevaṃ tataḥ kuryāt
das Vaiśvadeva danach soll er vollziehen (Akk.)
paścād brāhmaṇavācanam
hernach das Brahmanen-Sprechen (Adv.; Akk.)
„brāhmaṇavācanam“: die Rezitation bzw. Segensworte durch die Brahmanen.
te yad vadeyus tat kuryād iti dharmo vidhīyate; gṛhasthaḥ puruṣaḥ kṛṣṇa śiṣṭāśī ca sadā bhavet
„Was sie sagen, das soll er tun“, so wird das Dharma vorgeschrieben. Der Hausherr, o Kṛṣṇa, soll stets einer sein, der [erst] die Reste der Ehrwürdigen isst.
Wort für Wort
te yad vadeyus
was diese sagen mögen (Nom.Pl.; 3.Pl.Opt.)
tat kuryād iti dharmo vidhīyate
das soll er tun, so wird das Dharma vorgeschrieben (3.Sg.Opt.; Nom.; 3.Sg.Pass.)
gṛhasthaḥ puruṣaḥ kṛṣṇa
der Hausherr, der Mann, o Kṛṣṇa (Nom.; Vok.)
śiṣṭāśī ca sadā bhavet
und stets ein Esser der Reste sein (Nom.; 3.Sg.Opt.)
„śiṣṭāśī“: der, der nach den Übrigen isst bzw. die Reste isst.
rājartvijaṃ snātakaṃ ca guruṃ śvaśuram eva ca; arcayen madhuparkeṇa parisaṃvatsaroṣitān
Den königlichen Priester, den Snātaka, den Lehrer und ebenso den Schwiegervater soll man mit der Madhuparka-Gabe ehren, wenn sie ein volles Jahr [bei einem] geweilt haben.
Wort für Wort
rājartvijaṃ snātakaṃ ca
den königlichen Priester [?] und den Snātaka (Akk.)
guruṃ śvaśuram eva ca
und den Lehrer, ebenso den Schwiegervater (Akk.)
arcayen madhuparkeṇa
soll man ehren mit Madhuparka (3.Sg.Opt.Kaus.; Instr.)
parisaṃvatsaroṣitān
die ein volles Jahr verweilt haben (Akk.Pl.; Part.Pass.)
„rājartvijam“: Deutung als „König und Opferpriester“ ist möglich.
śvabhyaś ca śvapacebhyaś ca vayobhyaś cāvaped bhuvi; vaiśvadevaṃ hi nāmaitat sāyaṃprātar vidhīyate
Für Hunde, für Hundekocher [Ausgestoßene] und für Vögel soll man [Speise] auf den Boden streuen; dies nämlich heißt das Vaiśvadeva und wird morgens und abends vorgeschrieben.
Wort für Wort
śvabhyaś ca śvapacebhyaś ca
für Hunde und für Hundekocher (Dat.Pl.)
vayobhyaś cāvaped bhuvi
und für Vögel soll man streuen auf den Boden (Dat.Pl.; 3.Sg.Opt.; Lok.)
vaiśvadevaṃ hi nāmaitat
Vaiśvadeva nämlich heißt dies (Nom.)
sāyaṃprātar vidhīyate
abends und morgens wird es vorgeschrieben (Adv.; 3.Sg.Pass.)