Kapitel 58: dānaśreṣṭhatvaṃ brāhmaṇapūjā ca
Die beste Gabe und die Verehrung der Brahmanen
Yudhiṣṭhira fragt nach der Gabe, die dem Geber ins Jenseits folgt; Bhīṣma nennt Furchtlosigkeit, Beistand in der Not und Gaben an würdige, bedürftige Brahmanen und betont die Ehrung der Brahmanen durch den Kṣatriya.
Yudhiṣṭhira sprach: „Diese Gaben, die man [als solche] außerhalb des Altars bezeichnet – welche Gabe hältst du für vorzüglicher als diese, Stier der Kurus?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yānīmāni bahir vedyāṃ dānāni
diese Gaben, die außerhalb des Altars (Nom.Pl.n. / Lok.)
paricakṣate
man bezeichnet/nennt (3.Pl.Med.Präs.)
tebhyo viśiṣṭaṃ kiṃ dānaṃ
welche Gabe [ist] vorzüglicher als diese (Abl.Pl. / Nom.Sg.n.)
mataṃ te kurupuṃgava
gilt dir [als], Stier der Kurus (Part.Pass. / Gen.-Dat. / Vok.)
dattaṃ manyeta yad dattvā tad dānaṃ śreṣṭham ucyate; dattaṃ dātāram anveti yad dānaṃ bharatarṣabha
Was man, nachdem man es gegeben hat, als [wirklich] gegeben erachtet, diese Gabe heißt die beste; und [die] Gabe, [die] dem Geber nachfolgt, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
dattaṃ manyeta yad dattvā
was man als gegeben ansehen mag, nachdem man gegeben hat (Part.Pass.; Opt.Med.3.Sg.; Abs.)
tad dānaṃ śreṣṭham ucyate
diese Gabe wird die beste genannt (Pass.3.Sg.)
dattaṃ dātāram anveti
das Gegebene folgt dem Geber nach (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yad dānaṃ bharatarṣabha
welche Gabe, Stier der Bharatas (Vok.)
„dattaṃ manyeta“ kann auch heißen: man hält das Gegebene für gut/vollständig gegeben, ohne Reue; Deutung unsicher.
yad yad iṣṭatamaṃ loke yac cāsya dayitaṃ gṛhe; tat tad guṇavate deyaṃ tad evākṣayam icchatā
Was auch immer in der Welt das Ersehnteste ist und was ihm im Haus das Liebste ist, das ist jeweils einem Tugendhaften zu geben, [von] dem, der eben dies unvergänglich wünscht.
Wort für Wort
yad yad iṣṭatamaṃ loke
was immer das Ersehnteste in der Welt (Superl.Nom.Sg.n. / Lok.)
yac cāsya dayitaṃ gṛhe
und was ihm lieb ist im Haus (Gen.Sg. / Lok.Sg.)
tat tad guṇavate deyaṃ
das jeweils ist einem Tugendhaften zu geben (Dat.Sg.; Gerundiv)
tad evākṣayam icchatā
eben dies unvergänglich wünschend (Part.Präs.Instr.Sg.)
kṛśāya hrīmate tāta vṛttikṣīṇāya sīdate; apahanyāt kṣudhaṃ yas tu na tena puruṣaḥ samaḥ
Dem Abgemagerten, Schamhaften, mein Lieber, dessen Lebensunterhalt geschwunden ist und der leidet: Wer dessen Hunger vertreibt, dem ist kein [anderer] Mann gleich.
Wort für Wort
kṛśāya hrīmate tāta
dem Abgemagerten, Schamhaften, Lieber (Dat.Sg.m. / Vok.)
vṛttikṣīṇāya sīdate
dem in Unterhalt Geschwundenen, Leidenden (Dat.Sg.m.; Part.Präs.)
apahanyāt kṣudhaṃ yas tu
wer aber den Hunger vertriebe (Opt.3.Sg.; Akk.Sg.f.)
āśiṣaṃ ye na deveṣu na martyeṣu ca kurvate; arhanto nityasattvasthā yathālabdhopajīvinaḥ
[Ebenso jene,] die weder von Göttern noch von Sterblichen Segen [zu erlangen] trachten, die würdig sind, stets in Reinheit gegründet, und von dem leben, was sich [ihnen] fügt.
Wort für Wort
āśiṣaṃ ye na deveṣu
die Segen/Wunsch nicht bei Göttern (Akk.Sg.f.; Lok.Pl.)
na martyeṣu ca kurvate
und nicht bei Sterblichen machen [= erflehen] (Lok.Pl.; 3.Pl.Med.)
arhanto nityasattvasthāḥ
würdig, stets in Reinheit/Wesenskraft stehend (Nom.Pl.m.)
yathālabdhopajīvinaḥ
von dem Erlangten lebend, wie es kommt (Nom.Pl.m.)
„āśiṣaṃ kurvate“ ist wörtlich „einen Wunsch/Segen machen“; hier als „erflehen“ gedeutet [?].
āśīviṣasamebhyaś ca tebhyo rakṣasva bhārata; tāny uktair upajijñāsya tathā dvijavarottamān
Und vor ihnen, die Giftschlangen gleichen, hüte dich, Bhārata; sie [und] ebenso die besten der Zweimalgeborenen erkunde anhand der genannten [Merkmale].
vidyāsnātā vratasnātā ye vyapāśrityajīvinaḥ; gūḍhasvādhyāyatapaso brāhmaṇāḥ saṃśitavratāḥ
[Brahmanen,] die durch Wissen und durch Gelübde ‚gebadet‘ sind, die unabhängig leben [?], deren Veda-Studium und Askese verborgen sind, Brahmanen strengen Gelübdes –
Wort für Wort
vidyāsnātā vratasnātā
durch Wissen gebadet, durch Gelübde gebadet (Nom.Pl.m.)
ye vyapāśrityajīvinaḥ
die, sich [von anderen] lösend/unabhängig lebend (Nom.Pl.m.) [?]
gūḍhasvādhyāyatapasaḥ
deren Veda-Rezitation und Askese verborgen sind (Bahuvrīhi Nom.Pl.m.)
brāhmaṇāḥ saṃśitavratāḥ
Brahmanen strengen Gelübdes (Nom.Pl.m.)
„vyapāśritya jīvinaḥ“ unsicher: etwa „nicht von anderen abhängig lebend“.
Wie das abends und morgens gut dargebrachte Agnihotra eines Zweimalgeborenen, so ist fürwahr, was den Brahmanen von einem [Menschen] mit geschultem Selbst gegeben wird.
Wort für Wort
yathāgnihotraṃ suhutaṃ
wie das gut geopferte Agnihotra (Nom.Sg.n.)
sāyaṃ prātar dvijātinā
abends [und] morgens durch einen Zweimalgeborenen (Adv.; Instr.Sg.)
tathā bhavati dattaṃ vai
so ist das Gegebene fürwahr (3.Sg.Präs.; Part.Pass.)
dvijebhyo 'tha kṛtātmanā
den Zweimalgeborenen, und zwar von einem, dessen Selbst geschult ist (Dat.Pl.; Instr.Sg.)
Dies ist dein ausgebreitetes Opfer, durch Glauben geläutert, mit Opferlohn, vorzüglicher als alle Opfer; es möge dem Gebenden zuteilwerden, mein Lieber.
Wort für Wort
eṣa te vitato yajñaḥ
dies ist dein ausgebreitetes Opfer (Nom.Sg.m.; Part.Pass.)
śraddhāpūtaḥ sadakṣiṇaḥ
durch Glauben geläutert, mit Opferlohn (Nom.Sg.m.)
viśiṣṭaḥ sarvayajñebhyaḥ
vorzüglicher als alle Opfer (Nom.Sg.m.; Abl.Pl.)
dadatas tāta vartatām
möge dem Gebenden bestehen, Lieber (Gen.Sg.Part.; Imp.Med.3.Sg.)
ye no na bahu manyante na pravartanti cāpare; putravat paripālyās te namas tebhyas tathābhayam
Die uns nicht sehr achten und sich [uns] nicht anderweitig zuwenden [?] – sie sind wie Söhne zu betreuen; Verneigung vor ihnen und ebenso Schutz [für sie].
Wort für Wort
ye no na bahu manyante
die uns nicht sehr achten (3.Pl.Präs.Med.)
na pravartanti cāpare
und andere, die sich nicht zuwenden (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.) [?]
putravat paripālyās te
wie Söhne zu betreuen sind sie (Adv.; Gerundiv Nom.Pl.m.)
namas tebhyas tathābhayam
Verneigung vor ihnen, ebenso Furchtlosigkeit (Nom.Sg.n.; Dat.Pl.)
„na pravartanti cāpare“ unsicher überliefert bzw. gedeutet.
ṛtvikpurohitācāryā mṛdubrahmadharā hi te; kṣatreṇāpi hi saṃsṛṣṭaṃ tejaḥ śāmyati vai dvije
Denn sie sind Opferpriester, Hauspriester und Lehrer, sanft im Tragen des Brahman; ja, selbst die mit Kṣatra vermischte Glut erlischt im Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
ṛtvikpurohitācāryāḥ
Opferpriester, Hauspriester, Lehrer (Nom.Pl.m.)
mṛdubrahmadharā hi te
denn sie sind sanft im Tragen des Brahman (Nom.Pl.m.)
kṣatreṇāpi hi saṃsṛṣṭaṃ
denn selbst mit Kṣatra vermischt (Instr.Sg.; Part.Pass.Nom.Sg.n.)
tejaḥ śāmyati vai dvije
erlischt die Glut fürwahr im Zweimalgeborenen (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Lok.Sg.)
Zu verehren sind von dir die Brahmanen, die so [leben], wie es [jeweils] um sie steht; nach Behagen und nach Eifer sollen sie bei dir wie Söhne [sich] ergötzen.
Wort für Wort
namaskāryās tvayā viprā
zu verehren von dir die Brahmanen (Gerundiv; Instr.; Nom.Pl.m.)
vartamānā yathātatham
lebend, wie es sich verhält (Part.Präs.Med.; Adv.) [?]
yathāsukhaṃ yathotsāhaṃ
nach Behagen, nach Eifer (Adv.)
lalantu tvayi putravat
sie sollen sich bei dir ergötzen wie Söhne (Imp.3.Pl.; Lok.; Adv.)
„yathātatham“ unsicher: etwa „in welcher Lage auch immer“.
ko hy anyaḥ suprasādānāṃ suhṛdām alpatoṣiṇām; vṛttim arhaty upakṣeptuṃ tvad anyaḥ kurusattama
Denn wer sonst als du, bester Kuru, verdiente es, den Lebensunterhalt der leicht zu Besänftigenden, der Freunde, die mit wenig zufrieden sind, [aufzubringen] [?] – [wer wäre] ein anderer als du?
Wort für Wort
ko hy anyaḥ suprasādānāṃ
denn wer sonst von den leicht zu Besänftigenden (Nom.Sg.m.; Gen.Pl.)
suhṛdām alpatoṣiṇām
der Freunde, mit wenig Zufriedenen (Gen.Pl.m.)
vṛttim arhaty upakṣeptum
den Unterhalt verdient zu [verschaffen] (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Inf.) [?]
tvad anyaḥ kurusattama
ein anderer als du, bester Kuru (Abl.; Nom.Sg.m.; Vok.)
Unsicherer Halbvers: „vṛttim upakṣeptum“ könnte „den Unterhalt verschaffen“ oder „schmälern“ bedeuten; hier als „verschaffen“ gedeutet.
Wie für Frauen in der Welt die ewige Pflicht in der Stütze am Gatten besteht – er ist [ihr] Gott, er die Zuflucht, keine andere –, so sind für uns die Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
yathā patyāśrayo dharmaḥ
wie die Pflicht, [die] am Gatten Halt [hat] (Nom.Sg.m.)
strīṇāṃ loke sanātanaḥ
für Frauen in der Welt ewig (Gen.Pl.f.; Lok.; Nom.Sg.m.)
sa devaḥ sā gatir nānyā
er [ist] Gott, sie [die] Zuflucht, keine andere (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.f.)
tathāsmākaṃ dvijātayaḥ
so für uns die Zweimalgeborenen (Gen.Pl.; Nom.Pl.m.)
atra te vartayiṣyāmi yathā dharmaḥ sanātanaḥ; rājanyo brāhmaṇaṃ rājan purā paricacāra ha; vaiśyo rājanyam ity eva śūdro vaiśyam iti śrutiḥ
Hierzu will ich dir darlegen, wie die ewige Pflicht [ist]: Einst diente, o König, der Rājanya dem Brahmanen, der Vaiśya dem Rājanya, der Śūdra dem Vaiśya – so [lautet] die Überlieferung.
Wort für Wort
atra te vartayiṣyāmi
hierzu will ich dir darlegen (Fut.1.Sg.Kaus.)
yathā dharmaḥ sanātanaḥ
wie die ewige Pflicht [ist] (Nom.Sg.m.)
rājanyo brāhmaṇaṃ rājan
der Rājanya [diente] dem Brahmanen, o König (Nom.Sg.m.; Akk.Sg.m.; Vok.)
purā paricacāra ha
einst diente er fürwahr (Perf.3.Sg.)
vaiśyo rājanyam ity eva
der Vaiśya dem Rājanya, so eben (Nom.; Akk.)
śūdro vaiśyam iti śrutiḥ
der Śūdra dem Vaiśya – so die Überlieferung (Nom.Sg.f.)
apareṣāṃ pareṣāṃ ca parebhyaś caiva ye pare; kṣatriyāṇāṃ pratapatāṃ tejasā ca balena ca; brāhmaṇeṣv eva śāmyanti tejāṃsi ca tapāṃsi ca
Bei anderen und bei fernen und bei denen, die ferner sind als die Fernen, [bei allen] Kṣatriyas, die durch Glanz und durch Kraft glühen [?] – nur in den Brahmanen erlöschen [ihre] Glutkräfte und Askesen.
Wort für Wort
apareṣāṃ pareṣāṃ ca
von anderen und von Fernen (Gen.Pl.m.)
parebhyaś caiva ye pare
und von den Ferneren als die Fernen, die fern sind (Abl.Pl.; Nom.Pl.m.) [?]
kṣatriyāṇāṃ pratapatām
der Kṣatriyas, die glühen (Gen.Pl.; Part.Präs.Gen.Pl.)
tejasā ca balena ca
durch Glanz und durch Kraft (Instr.Sg.)
brāhmaṇeṣv eva śāmyanti
nur in den Brahmanen erlöschen sie (Lok.Pl.; 3.Pl.Präs.)
tejāṃsi ca tapāṃsi ca
Glutkräfte und Askesen (Nom.Pl.n.)
Der erste Halbvers ist knapp und dunkel: etwa „wie fern und fremd sie auch seien“; Deutung unsicher.
na me pitā priyataro na tvaṃ tāta tathā priyaḥ; na me pituḥ pitā rājan na cātmā na ca jīvitam
Nicht ist mir der Vater [so] lieb, nicht du, mein Lieber, [so] lieb; nicht der Vater meines Vaters, König, nicht das Selbst, nicht das Leben [wie die Brahmanen].
Wort für Wort
na me pitā priyataro
nicht ist mir der Vater lieber (Nom.Sg.m.; Komp.)
na tvaṃ tāta tathā priyaḥ
nicht du, Lieber, so lieb (Nom.Sg.; Vok.)
na me pituḥ pitā rājan
nicht der Vater meines Vaters, König (Gen.Sg.; Nom.Sg.; Vok.)
na cātmā na ca jīvitam
und nicht das Selbst, nicht das Leben (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
Der Vergleichspunkt (die Brahmanen) folgt erst in Vers 37.