Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 25: brahmahatyā-lakṣaṇa Handlungen, die dem Brahmanenmord gleichkommen, auch ohne Töten

Bhīṣma gibt Vyāsas Antwort wieder: Aufgezählt werden Vergehen an Brahmanen und Schutzlosen, die wie Brahmanenmord gelten. Der Kapitelanfang und -schluss fällt teils syntaktisch über mehrere Einheiten (8–10, 12–14).

yudhiṣṭhira uvāca; idaṃ me tattvato rājan vaktum arhasi bhārata; ahiṃsayitvā keneha brahmahatyā vidhīyate

Yudhiṣṭhira sprach: „Dies solltest du mir der Wahrheit gemäß sagen, o König, Bhārata: Wodurch wird hier [in der Welt], ohne zu töten, der Brahmanenmord begangen?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
idaṃ me tattvato rājan
dies mir der Wahrheit gemäß, o König (Akk./Dat.-Gen./Abl.-Adv./Vok.)
vaktum arhasi bhārata
sagen sollst du (Inf.; 2.Sg.Präs.), o Bhārata (Vok.)
ahiṃsayitvā keneha
ohne zu töten (Abs.), wodurch hier (Instr.)
brahmahatyā vidhīyate
Brahmanenmord wird begangen/vollzogen (Nom.; 3.Sg.Pass.Präs.)

bhīṣma uvāca; vyāsam āmantrya rājendra purā yat pṛṣṭavān aham; tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi tad ihaikamanāḥ śṛṇu

Bhīṣma sprach: „Was ich einst, nachdem ich Vyāsa angesprochen hatte, [ihn] gefragt habe, o König der Könige, das werde ich dir vortragen; hör hier mit gesammeltem Sinn zu.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
vyāsam āmantrya rājendra
Vyāsa angesprochen habend (Akk.; Abs.), o Fürst der Könige (Vok.)
purā yat pṛṣṭavān aham
einst, was ich gefragt habe (Part.Perf.Akt., m.Nom.Sg. + aham)
tat te 'haṃ saṃpravakṣyāmi
das dir ich werde vortragen (Akk./Dat.; 1.Sg.Fut.)
tad ihaikamanāḥ śṛṇu
das hier mit einem Sinn [gesammelt] höre (Akk.; Nom.Bahuv.; Imp.2.Sg.)

caturthas tvaṃ vasiṣṭhasya tattvam ākhyāhi me mune; ahiṃsayitvā keneha brahmahatyā vidhīyate

„Du bist der Vierte [in der Ahnenreihe] nach Vasiṣṭha; sag mir die Wahrheit, o Weiser: Wodurch wird hier, ohne zu töten, der Brahmanenmord begangen?“

Wort für Wort
caturthas tvaṃ vasiṣṭhasya
der Vierte du von Vasiṣṭha [an] (Nom.; Gen.)
tattvam ākhyāhi me mune
die Wahrheit sage mir, o Weiser (Akk.; Imp.2.Sg.; Dat./Gen.; Vok.)
ahiṃsayitvā keneha
ohne zu töten (Abs.), wodurch hier (Instr.)
brahmahatyā vidhīyate
Brahmanenmord wird begangen (Nom.; 3.Sg.Pass.Präs.)

Vasiṣṭha – Śakti – Parāśara – Vyāsa: Vyāsa ist der Vierte.

iti pṛṣṭo mahārāja parāśaraśarīrajaḥ; abravīn nipuṇo dharme niḥsaṃśayam anuttamam

So gefragt, o Großkönig, sprach der aus Parāśaras Leib Geborene, im Dharma kundig, [dieses] zweifelsfreie, unübertreffliche [Wort].

Wort für Wort
iti pṛṣṭo mahārāja
so gefragt (Part.Pass., m.Nom.Sg.), o Großkönig (Vok.)
parāśaraśarīrajaḥ
der aus Parāśaras Leib Geborene (Nom.Sg.; Tatpuruṣa)
abravīn nipuṇo dharme
sprach (3.Sg.Impf.), kundig (Nom.) im Dharma (Lok.)
niḥsaṃśayam anuttamam
zweifelsfrei, unübertrefflich (Akk.Sg.n., Adv./Obj.)

brāhmaṇaṃ svayam āhūya bhikṣārthe kṛśavṛttinam; brūyān nāstīti yaḥ paścāt taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer einen Brahmanen, der von kärglichem Lebensunterhalt lebt, selbst zum Betteln herbeiruft und ihm hernach sagt: „Es gibt [nichts]“, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
brāhmaṇaṃ svayam āhūya
einen Brahmanen selbst herbeigerufen habend (Akk.; Abs.)
bhikṣārthe kṛśavṛttinam
zum Betteln, [ihn] von kärglichem Auskommen (Lok./Dat.-Final; Akk.Bahuv.)
brūyān nāstīti yaḥ paścāt
sagen würde: „es gibt nicht“ (3.Sg.Opt.), wer danach (Nom.Rel.; Adv.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.; Akk.)

madhyasthasyeha viprasya yo 'nūcānasya bhārata; vṛttiṃ harati durbuddhis taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer hier, o Bhārata, in seiner Torheit einem in der Mitte stehenden, [im Veda] bewanderten Brahmanen den Lebensunterhalt wegnimmt, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
madhyasthasyeha viprasya
des unbeteiligt/in der Mitte stehenden hier, des Brahmanen (Gen.Sg.)
yo 'nūcānasya bhārata
wer, des Vedakundigen (Gen.; Part.Perf.Med. von anu-vac), o Bhārata (Vok.)
vṛttiṃ harati durbuddhiḥ
den Lebensunterhalt nimmt weg (Akk.; 3.Sg.Präs.), der Törichte (Nom.Bahuv.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

madhyastha: wohl ‚unparteiisch, für sich lebend, ohne Anhang‘ [?]; anūcāna: vedakundig, gelehrt.

gokulasya tṛṣārtasya jalārthe vasudhādhipa; utpādayati yo vighnaṃ taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer, o Herr der Erde, einer Kuhherde, die von Durst gequält ist, wegen des Wassers ein Hindernis schafft, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
gokulasya tṛṣārtasya
der Kuhherde, vom Durst geplagten (Gen.Sg.)
jalārthe vasudhādhipa
um des Wassers willen (Lok./Final), o Herr der Erde (Vok.)
utpādayati yo vighnam
schafft, wer, ein Hindernis (3.Sg.Präs.Kaus.; Nom.Rel.; Akk.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

yaḥ pravṛttāṃ śrutiṃ samyak śāstraṃ vā munibhiḥ kṛtam

Wer die im Umlauf befindliche Offenbarung (śruti) oder ein von Weisen verfasstes Lehrwerk recht [...]

Wort für Wort
yaḥ pravṛttāṃ śrutiṃ samyak
wer die im Gang befindliche Śruti (Nom.Rel.; Akk.Sg.f.; Adv.)
śāstraṃ vā munibhiḥ kṛtam
oder ein Lehrwerk, von Weisen verfasst (Akk.; Part.Pass., Instr.Pl.)

Der Satz läuft über die Einheiten 8, 9 und 10 (dūṣayati in 10); samyak bezieht sich vermutlich auf pravṛttām (‚recht im Gang befindlich‘) [?].

jātito brāhmaṇānāṃ hi mahāparibhavāt tathā; tadvṛtticchedanaṃ caiva taddāraparibhāvanāt

[Ferner:] aus Geburtsgründen, wegen großer Missachtung der Brahmanen, ebenso durch das Abschneiden von deren Lebensunterhalt und durch das Beschimpfen von deren Frauen [...]

Wort für Wort
jātito brāhmaṇānāṃ hi
von Geburt her, der Brahmanen ja (Abl.-Adv.; Gen.Pl.)
mahāparibhavāt tathā
wegen großer Geringschätzung, ebenso (Abl.; Adv.)
tadvṛtticchedanaṃ caiva
und das Abschneiden von deren Lebensunterhalt (Nom./Akk.n.; Tatpuruṣa)
taddāraparibhāvanāt
durch das Herabwürdigen von deren Frauen (Abl.; Tatpuruṣa)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Bezug zu 8/10 ist syntaktisch lose, die Übersetzung der Ablative als Begründung/Mittel ist unsicher [?].

dūṣayaty anabhijñāya taṃ vidyād brahmaghātinam

[...] verunglimpft, ohne [sie] zu kennen, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
dūṣayaty anabhijñāya
verunglimpft (3.Sg.Präs.Kaus.), ohne zu kennen/ohne Kenntnis (Abs. mit a-)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

Vollständiger Satz 8+10: ‚Wer die Śruti oder ein Śāstra der Weisen verunglimpft, ohne es zu verstehen …‘

ātmajāṃ rūpasaṃpannāṃ mahatīṃ sadṛśe vare; na prayacchati yaḥ kanyāṃ taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer seine eigene schöne, erwachsene Tochter, [obwohl] ein ebenbürtiger Bräutigam [da ist], nicht [zur Ehe] gibt, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
ātmajāṃ rūpasaṃpannām
die eigene Tochter, mit Schönheit begabte (Akk.Sg.f.)
mahatīṃ sadṛśe vare
erwachsene, einem ebenbürtigen Bräutigam [gegenüber] (Akk.Sg.f.; Lok.)
na prayacchati yaḥ kanyām
nicht gibt, wer, die Jungfrau (3.Sg.Präs.; Nom.Rel.; Akk.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

adharmanirato mūḍho mithyā yo vai dvijātiṣu

Wer, dem Adharma ergeben und verblendet, gegenüber den Zweimalgeborenen fälschlich [...]

Wort für Wort
adharmanirato mūḍho
dem Adharma ergeben, verblendet (Nom.Sg.m.)
mithyā yo vai dvijātiṣu
fälschlich, wer fürwahr, unter/gegenüber den Zweimalgeborenen (Adv.; Nom.Rel.; Lok.Pl.)

Der Satz läuft über 12, 13 und 14 (dadyāt in 14).

brāhmaṇena ca tat kuryāt taṃ vidyād brahmaghātakam; sādhvācāreṣu vipreṣu sāsūyo nikṛtiḥ śaṭhaḥ

[...] und durch einen Brahmanen [Falsches] tun ließe, den soll man als Brahmanenmörder kennen; [ebenso wer] gegenüber Brahmanen von gutem Wandel neidisch, betrügerisch, schurkisch ist [...]

Wort für Wort
brāhmaṇena ca tat kuryāt
und durch einen Brahmanen dies täte/tun ließe (Instr.; Opt.)
taṃ vidyād brahmaghātakam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; Opt.)
sādhvācāreṣu vipreṣu
gegenüber Brahmanen von gutem Wandel (Lok.Pl.)
sāsūyo nikṛtiḥ śaṭhaḥ
neidisch, tückisch, betrügerisch (Nom.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Syntax und Bezug von tat sind unklar, Wiedergabe unsicher [?].

dadyān marmātigaṃ śokaṃ taṃ vidyād brahmaghātinam

[...] einen Kummer zufügen würde, der bis ins Mark trifft, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
dadyān marmātigaṃ śokam
zufügen würde (3.Sg.Opt.), einen die empfindliche Stelle durchdringenden Kummer (Akk.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

cakṣuṣā viprahīnasya paṅgulasya jaḍasya vā; hareta yo vai sarvasvaṃ taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer einem, der der Augen beraubt ist, einem Lahmen oder einem Stumpfen, sein ganzes Besitztum wegnimmt, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
cakṣuṣā viprahīnasya
des der Augen(kraft) beraubten (Instr.; Gen.Sg.)
paṅgulasya jaḍasya vā
des Lahmen oder des Stumpfen/Geistesträgen (Gen.Sg.)
hareta yo vai sarvasvam
wegnähme, wer fürwahr, das ganze Besitztum (3.Sg.Opt.Med.; Nom.Rel.; Akk.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

āśrame vā vane vā yo grāme vā yadi vā pure; agniṃ samutsṛjen mohāt taṃ vidyād brahmaghātinam

Wer in einer Einsiedelei oder im Wald, im Dorf oder auch in der Stadt aus Verblendung Feuer legt, den soll man als Brahmanenmörder kennen.

Wort für Wort
āśrame vā vane vā
in einer Einsiedelei oder im Wald (Lok.)
yo grāme vā yadi vā pure
wer im Dorf oder auch in der Stadt (Nom.Rel.; Lok.)
agniṃ samutsṛjen mohāt
Feuer loslassen/legen würde (Akk.; 3.Sg.Opt.), aus Verblendung (Abl.)
taṃ vidyād brahmaghātinam
den soll man kennen als Brahmanenmörder (Akk.; 3.Sg.Opt.)

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