Kapitel 28: mataṅgopākhyāna: brāhmaṇyaprāptiprasnaḥ
Mataṅga und die Eselin: Wie man Brahmanentum erlangt und warum es dem Caṇḍāla verwehrt ist
Yudhiṣṭhira fragt, wie ein Kṣatriya, Vaiśya oder Śūdra Brahmanentum erlangen könne. Bhīṣma antwortet mit der alten Erzählung von Mataṅga, der wegen seiner vermeintlichen Herkunft aus einer Caṇḍāla-Verbindung Askese übt und von Indra abgewiesen wird.
yudhiṣṭhira uvāca; prajñāśrutābhyāṃ vṛttena śīlena ca yathā bhavān; guṇaiḥ samuditaḥ sarvair vayasā ca samanvitaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Da du durch Weisheit und Überlieferungswissen, durch Wandel und Charakter, durch alle Vorzüge ausgezeichnet und auch an Lebensjahren reich bist,
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
prajñāśrutābhyāṃ vṛttena śīlena ca
durch Weisheit und Gelehrsamkeit, durch Wandel und Charakter (Instr.)
yathā bhavān
wie du (Nom.)
guṇaiḥ samuditaḥ sarvaiḥ
mit allen Vorzügen ausgestattet (Instr.Pl./Part.Nom.Sg.)
Bhīṣma sprach: „Das Brahmanentum, mein Kind, ist schwer zu erlangen für die drei Stände, die mit den Kṣatriyas beginnen; denn es ist der höchste Stand unter allen Wesen, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
brāhmaṇyaṃ tāta duṣprāpam
Brahmanentum, Kind, ist schwer zu erlangen (Nom.Sg.n./Vok.)
varṇaiḥ kṣatrādibhis tribhiḥ
für die drei Stände, mit Kṣatra beginnend (Instr.Pl.)
Von irgendeinem Zweimalgeborenen, mein Kind, [gab es] einen Sohn, der mächtig war und von gleichem Stand [wie der Vater]; er hieß mit Namen Mataṅga und war mit allen Vorzügen ausgestattet.
Wort für Wort
dvijāteḥ kasya cit tāta
von einem Zweimalgeborenen, irgendeinem, Kind (Gen.Sg.)
sa yajñakāraḥ kaunteya pitrā sṛṣṭaḥ paraṃtapa; prāyād gardabhayuktena rathenehāśugāminā
Er, ein Opferausführer, Sohn der Kuntī, Bezwinger der Feinde, wurde vom Vater [dazu] ausgesandt und fuhr mit einem von Eseln gezogenen, schnell gehenden Wagen los.
Wort für Wort
sa yajñakāraḥ
er, Opferverrichter (Nom.Sg.)
kaunteya pitrā sṛṣṭaḥ
Sohn der Kuntī, vom Vater ausgesandt (Vok./Instr./Part.)
paraṃtapa
Feindebedränger (Vok.Sg.)
prāyād gardabhayuktena
er fuhr los, mit Eseln bespannt (Impf.3.Sg./Instr.)
taṃ tu tīvravraṇaṃ dṛṣṭvā gardabhī putragṛddhinī; uvāca mā śucaḥ putra caṇḍālas tvādhitiṣṭhati
Als die Eselin ihn mit schwerer Wunde sah, die ihren Sohn heiß liebte, sprach sie: „Sei nicht traurig, mein Sohn; ein Caṇḍāla hat sich [auf den Wagen] gestellt.
Wort für Wort
taṃ tu tīvravraṇaṃ dṛṣṭvā
ihn mit schwerer Wunde gesehen habend (Akk./Abs.)
gardabhī putragṛddhinī
die Eselin, nach ihrem Sohn verlangend (Nom.Sg.f.)
uvāca mā śucaḥ putra
sprach: Betrübe dich nicht, Sohn (Perf./Prohib.2.Sg./Vok.)
caṇḍālaḥ tvā adhitiṣṭhati
ein Caṇḍāla steht über/auf dir (Nom./Akk./3.Sg.Präs.)
ayaṃ tu pāpaprakṛtir bāle na kurute dayām; svayoniṃ mānayaty eṣa bhāvo bhāvaṃ nigacchati
Dieser aber ist von sündiger Natur; er hat kein Mitleid, mein Junges; er achtet auf seine eigene Herkunft: Die [innere] Art geht zur [entsprechenden] Art.
Wort für Wort
ayaṃ tu pāpaprakṛtiḥ
dieser aber, von sündiger Natur (Nom.Sg.)
bāle na kurute dayām
Kleines (Kind): nicht übt er Mitleid (Vok./3.Sg.Präs.Med./Akk.)
svayoniṃ mānayati eṣaḥ
die eigene Herkunft ehrt/achtet dieser (Akk./3.Sg.Präs.)
bhāvo bhāvaṃ nigacchati
Wesen kommt zu Wesen (Nom./Akk./3.Sg.Präs.)
Die Wendung „bhāvo bhāvaṃ nigacchati“ ist sprichwortartig; Wiedergabe wörtlich.
Von wem bin ich als Caṇḍāla gezeugt, durch wen ist mir das Brahmanentum verloren gegangen? Der Wahrheit gemäß, du sehr Kluge, sage mir dies alles ohne Rest.“
Wort für Wort
kena jāto 'smi caṇḍālaḥ
von wem gezeugt bin ich, ein Caṇḍāla (Instr./Part./Nom.)
gardabhy uvāca; brāhmaṇyāṃ vṛṣalena tvaṃ mattāyāṃ nāpitena ha; jātas tvam asi caṇḍālo brāhmaṇyaṃ tena te 'naśat
Die Eselin sprach: „Von einem Brahmanenweib, das von einem Vṛṣala, einem Barbier, betört war, bist du gezeugt worden; du bist ein Caṇḍāla; darum ist dir das Brahmanentum verloren gegangen.“
Wort für Wort
gardabhī uvāca
die Eselin sprach (Nom.f./Perf.)
brāhmaṇyāṃ vṛṣalena tvam
von einer Brahmanin, mit einem Vṛṣala, du (Lok.f./Instr./Nom.)
mattāyāṃ nāpitena ha
von Leidenschaft berauscht, mit einem Barbier fürwahr (Lok./Instr.)
jātas tvam asi caṇḍālaḥ
gezeugt bist du, ein Caṇḍāla (Part./2.Sg./Nom.)
brāhmaṇyaṃ tena te 'naśat
Brahmanentum dadurch dir schwand (Nom./Instr./Dat.-Gen./Impf.)
„Von mir wurdest du zur Vollendung des Opfers beauftragt, im Dienst für einen Lehrer; warum bist du umgekehrt? Hoffentlich steht es nicht schlecht um dich?“
Wort für Wort
mayā tvaṃ yajñasaṃsiddhau
von mir du bei der Vollendung des Opfers (Instr./Nom./Lok.)
niyukto gurukarmaṇi
beauftragt für die Arbeit für den Lehrer (Part./Lok.)
kasmāt pratinivṛtto 'si
warum bist du zurückgekehrt (Abl./Part./2.Sg.)
kaccin na kuśalaṃ tava
hoffentlich nicht Übel dein Wohl (Frage/Nom.n./Gen.)
mataṅga uvāca; ayonir agryayonir vā yaḥ syāt sa kuśalī bhavet; kuśalaṃ tu kutas tasya yasyeyaṃ jananī pitaḥ
Mataṅga sprach: „Wer ohne [reine] Herkunft oder von höchster Herkunft ist, mag es gut haben; wie aber Wohlergehen für den, Vater, dessen Mutter diese [Frau] hier ist?
Wort für Wort
mataṅga uvāca
Mataṅga sprach (Perf.)
ayonir agryayonir vā
ohne Herkunft oder von bester Herkunft (Nom.Sg.)
yaḥ syāt sa kuśalī bhavet
wer es sei, der möge wohlauf sein (Opt.3.Sg.)
kuśalaṃ tu kutas tasya
Wohl aber woher für ihn (Nom./Adv./Gen.)
yasya iyaṃ jananī pitaḥ
dessen diese Mutter ist, Vater (Gen./Nom.f./Vok.)
Die Stelle ist knapp formuliert; „ayoniḥ“ ist als „ohne [bestimmte/reine] Herkunft“ gefasst [?].
Dass ich von einer Brahmanin aus [einem Beischlaf mit] einem Vṛṣala geboren bin, teilt mir hier, Vater, die Eselin mit, die nicht menschlich ist; darum werde ich große Askese üben.“
Wort für Wort
brāhmaṇyāṃ vṛṣalāt jātam
von einer Brahmanin, von einem Vṛṣala geboren (Lok./Abl./Part.Akk.)
pitar vedayati iha mām
Vater, macht bekannt hier mir (Vok./3.Sg.Kaus./Akk.)
amānuṣī gardabhī iyam
nichtmenschlich, die Eselin diese (Nom.f.)
tasmāt tapsye tapaḥ mahat
deshalb werde ich üben Askese große (Fut.1.Sg./Akk.)
Dann brachte er die Götter in Bedrängnis, mit Askese begabt, Mataṅga, der einen sehr glücklichen Standort verlangte, [einen] höher als durch gutes Wirken [erreichbar].
Wort für Wort
tataḥ saṃtāpayām āsa vibudhān
dann bedrängte er die Götter (Periphr.Perf./Akk.Pl.)
tapasā anvitaḥ
mit Askese versehen (Instr./Part.)
mataṅgaḥ susukhaṃ prepsuḥ
Mataṅga, sehr Glückliches zu erlangen wünschend (Nom./Akk./Desid.Adj.)
sthānaṃ sucaritād api
eine Stätte, sogar über gutes Tun hinaus (Akk./Abl.)
„sthānaṃ sucaritād api“ ist knapp und die Wiedergabe unsicher [?].
Zu ihm, der so von Askese erfüllt war, sprach der Rossgespann-Führer [Indra]: „Mataṅga, warum übst du Askese, nachdem du die menschlichen Genüsse aufgegeben hast?
Wort für Wort
taṃ tathā tapasā yuktam
zu ihm, so mit Askese verbunden (Akk./Instr./Part.)
uvāca harivāhanaḥ
sprach der Fuchsgespann-Fahrende [Indra] (Perf./Nom.)
mataṅga tapyase kiṃ tvam
Mataṅga, übst du Askese warum du (Vok./2.Sg.Med./Nom.)
mataṅga uvāca; brāhmaṇyaṃ kāmayāno 'ham idam ārabdhavāṃs tapaḥ; gaccheyaṃ tad avāpyeha vara eṣa vṛto mayā
Mataṅga sprach: „Das Brahmanentum begehrend, habe ich diese Askese begonnen; ich möchte dorthin gelangen, es hier erlangt habend; diese Gabe ist von mir erwählt.“
Wort für Wort
mataṅga uvāca
Mataṅga sprach (Perf.)
brāhmaṇyaṃ kāmayānaḥ aham
Brahmanentum begehrend, ich (Akk./Part.Med./Nom.)
idam ārabdhavān tapaḥ
diese begonnen habe ich Askese (Part.Perf.Akt./Akk.)
gaccheyaṃ tad avāpya iha
ich möchte gelangen, das erreicht habend, hier (Opt.1.Sg./Abs.)
varaḥ eṣa vṛto mayā
die Gabe diese gewählt von mir (Nom./Part./Instr.)
devatāsuramartyeṣu yat pavitraṃ paraṃ smṛtam; caṇḍālayonau jātena na tat prāpyaṃ kathaṃ cana
Was unter Göttern, Asuras und Sterblichen als das höchste Reine überliefert ist, das kann von einem in einem Caṇḍāla-Schoß Geborenen auf keine Weise erlangt werden.“
Wort für Wort
devatāsuramartyeṣu
unter Göttern, Asuras und Sterblichen (Lok.Pl.)
yat pavitraṃ paraṃ smṛtam
was als Reinigendes, Höchstes überliefert ist (Nom.n./Part.)
caṇḍālayonau jātena
von einem im Caṇḍāla-Schoß Geborenen (Lok./Instr.Part.)
na tat prāpyaṃ kathaṃ cana
nicht dieses ist zu erlangen auf irgendeine Weise (Gerundiv/Adv.)