Kapitel 92: śrāddhotpatti
Der Ursprung des Śrāddha und die Regeln der Ahnenspende
Bhīṣma erzählt, wie Agni den überforderten Ahnen und Göttern beim Verdauen der Nivāpa-Speise hilft, und schließt Regeln für das Śrāddha an; das Kapitel endet mit der Ankündigung der Lehre von der Gabe.
Die Seher, die dem Dharma beständig ergeben waren, brachten die Nivāpa-Spenden dar und vollzogen auch die Labung mit dem Wasser heiliger Furten, ihren Gelübden treu.
Wort für Wort
ṛṣayo dharmanityāḥ tu
die Seher, dem Dharma beständig [ergeben] (Nom. Pl.; Kompositum)
kṛtvā nivapanāni uta
nachdem sie Spenden dargebracht hatten (Abs.; Akk. Pl.)
tarpaṇaṃ ca api akurvanta
und vollzogen auch die Labung (Akk. Sg.; 3.Pl.Impf.)
Agni sprach: „Lieber, wir werden gemeinsam essen, wenn das Nivāpa bereitsteht; auch ihr werdet die Speise zusammen mit mir verdauen, daran ist kein Zweifel.“
Wort für Wort
agniḥ uvāca
Agni sprach
sahitāḥ tāta bhokṣyāmaḥ
vereint, Lieber, werden wir essen (Nom. Pl.; Vok.; 1.Pl.Fut.)
nivāpe samupasthite
wenn das Nivāpa bereitsteht (Lok. abs.)
jarayiṣyatha ca api annam
und ihr werdet auch die Speise verdauen (2.Pl.Fut.; Akk.)
nivapte cāgnipūrve vai nivāpe puruṣarṣabha; na brahmarākṣasās taṃ vai nivāpaṃ dharṣayanty uta; rakṣāṃsi cāpavartante sthite deve vibhāvasau
Wird das Nivāpa mit Agni an erster Stelle dargebracht, Stier unter den Männern, dann wagen die Brahmarākṣasas dieses Nivāpa nicht anzutasten; auch die Rākṣasas weichen zurück, wenn der Gott Vibhāvasu dasteht.
Wort für Wort
nivapte ca agnipūrve vai nivāpe
wenn das Nivāpa, dem Agni voran, dargebracht wird (Lok. abs.; Part. Pass.)
puruṣarṣabha
Stier unter den Männern (Vok.)
na brahmarākṣasāḥ tam nivāpaṃ dharṣayanti
die Brahmarākṣasas antasten dieses Nivāpa nicht (Nom. Pl.; Akk.; 3.Pl.Präs. Kaus.)
rakṣāṃsi ca apavartante
und die Rakṣas weichen zurück (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs. Med.)
sthite deve vibhāvasau
wenn der Gott Vibhāvasu dasteht (Lok. abs.)
Die Konstruktion von nivapte agnipūrve nivāpe ist locker (Lok. abs.); Sinn nach dem Zusammenhang.
rajasvalā ca yā nārī vyaṅgitā karṇayoś ca yā; nivāpe nopatiṣṭheta saṃgrāhyā nānyavaṃśajāḥ
Eine Frau, die ihre Blutung hat, und eine, die an den Ohren entstellt ist, soll beim Nivāpa nicht herantreten; zuzulassen sind [nur] solche, die nicht aus fremdem Geschlecht stammen [?].
Wort für Wort
rajasvalā ca yā nārī
und die Frau, die ihre Blutung hat (Nom. Sg.)
vyaṅgitā karṇayoḥ ca yā
und die, die an den Ohren entstellt ist (Nom. Sg.; Lok./Gen. Du.)
nivāpe na upatiṣṭheta
soll beim Nivāpa nicht herantreten (Lok.; 3.Sg.Opt. Med.)
saṃgrāhyāḥ na anyavaṃśajāḥ
zuzulassen [sind] nicht aus anderem Geschlecht Geborene (Gerundiv Pl.; Nom. Pl.) [?]
Zweite Vershälfte knapp; die Wiedergabe von saṃgrāhyā nānyavaṃśajāḥ ist unsicher.
pūrvaṃ svavaṃśajānāṃ tu kṛtvādbhis tarpaṇaṃ punaḥ; suhṛtsaṃbandhivargāṇāṃ tato dadyāj jalāñjalim
Nachdem er zuerst für die Angehörigen des eigenen Geschlechts mit Wasser die Labung vollzogen hat, gebe er danach wiederum den Kreisen der Freunde und Verwandten eine Handvoll Wasser.
Wort für Wort
pūrvaṃ sva-vaṃśajānām tu
zuerst für die aus dem eigenen Geschlecht Geborenen (Gen. Pl.)
kṛtvā adbhiḥ tarpaṇaṃ punaḥ
nachdem er mit Wasser die Labung vollzogen hat, wiederum (Abs.; Instr. Pl.)
suhṛt-saṃbandhi-vargāṇām
der Gruppen von Freunden und Verwandten (Gen. Pl.)
tataḥ dadyāt jalāñjalim
danach gebe er eine Wasser-Handvoll (3.Sg.Opt.; Akk. Sg.)
Wenn einer, mit einem Gespann scheckiger Rinder angespannt, das Wasser durchquert, begehren die Ahnen [etwas] von ihm, ebenso wenn er ein Boot besteigt; die Kundigen geben daher stets gesammelt im Boot Wasser.
Wort für Wort
kalmāṣagoyugena atha yuktena
dann mit einem Gespann scheckiger Rinder, angespannt (Instr.; Part. Pass.)
tarataḥ jalam
von dem, der das Wasser durchquert (Gen. Sg.; Akk.)
pitaraḥ abhilaṣante vai
die Ahnen begehren [es] (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs.) [?]
nāvaṃ ca api adhirohataḥ
und auch von dem, der ein Boot besteigt (Akk.; Gen. Sg. Part.)
sadā nāvi jalaṃ tajjñāḥ
stets im Boot Wasser die Kundigen (Lok.; Akk.; Nom. Pl.)
prayacchanti samāhitāḥ
geben, gesammelt (3.Pl.Präs.; Part. Pass.)
Der Vers ist knapp und die Wiedergabe unsicher (Objekt von abhilaṣante nicht ausgedrückt).
In der Monatshälfte des dunklen Halbmonats soll man die Nivāpa-Spenden darbringen; Gedeihen, Lebenskraft, Stärke und Glanz [erlangt], wer den Ahnen folgt.
Wort für Wort
māsārdhe kṛṣṇapakṣasya
in der Monatshälfte, [nämlich] des dunklen Halbmonats (Lok.; Gen.)
kuryāt nivapanāni vai
man vollziehe die Spenden (3.Sg.Opt.; Akk. Pl.)
puṣṭiḥ āyuḥ tathā vīryam
Gedeihen, Lebensdauer und Kraft (Nom. Sg.)
śrīḥ ca eva pitṛvartinaḥ
und Glanz gerade dem, der den Ahnen folgt (Nom.; Gen./Dat. Sg.)
māsārdhe kṛṣṇapakṣasya: wörtlich ‚in der Monatshälfte des dunklen Halbmonats‘; gemeint ist wohl die dunkle Monatshälfte.
pitāmahaḥ pulastyaś ca vasiṣṭhaḥ pulahas tathā; aṅgirāś ca kratuś caiva kaśyapaś ca mahān ṛṣiḥ; ete kurukulaśreṣṭha mahāyogeśvarāḥ smṛtāḥ
Der Großvater, Pulastya, Vasiṣṭha, Pulaha, Aṅgiras, Kratu und Kaśyapa, der große Seher: diese, Bester des Kuru-Geschlechts, gelten als die großen Herren des Yoga.
Wort für Wort
pitāmahaḥ pulastyaḥ ca vasiṣṭhaḥ pulahaḥ tathā
der Großvater, Pulastya, Vasiṣṭha und Pulaha (Nom. Sg.)
aṅgirāḥ ca kratuḥ ca eva
Aṅgiras und Kratu (Nom. Sg.)
kaśyapaḥ ca mahān ṛṣiḥ
und Kaśyapa, der große Seher (Nom. Sg.)
ete kurukulaśreṣṭha
diese, Bester des Kuru-Geschlechts (Nom. Pl.; Vok.)
mahāyogeśvarāḥ smṛtāḥ
als große Herren des Yoga gelten sie (Nom. Pl.; Part. Pass.)
ete ca pitaro rājann eṣa śrāddhavidhiḥ paraḥ; pretās tu piṇḍasaṃbandhān mucyante tena karmaṇā
Und dies sind die Ahnen, König; dies ist die höchste Śrāddha-Regel. Die Verstorbenen werden durch diesen Ritus aus der Bindung an die Kloß-Spende gelöst.
Wort für Wort
ete ca pitaraḥ rājan
und dies sind die Ahnen, König (Nom. Pl.; Vok.)
eṣaḥ śrāddhavidhiḥ paraḥ
dies ist die höchste Śrāddha-Regel (Nom. Sg.)
pretāḥ tu piṇḍasaṃbandhāt
die Verstorbenen aber aus der Kloß-Verbindung (Nom. Pl.; Abl. Sg.)
mucyante tena karmaṇā
werden gelöst durch diesen Ritus (3.Pl.Präs. Pass.; Instr. Sg.)
piṇḍasaṃbandhāt: ‚aus der Verbindung mit dem Kloß‘, gemeint wohl die Loslösung vom Zustand des preta; Deutung unsicher.