Kapitel 45: kanyāśulka-dāyavicāra
Brautpreis, Tochter als Erbin und die Verwerflichkeit des Kinderverkaufs
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Rechtsstatus eines Mädchens, für das Brautpreis gezahlt wurde und dessen Bräutigam fehlt. Bhīṣma erörtert Tochter und Tochtersohn im Erbrecht und verurteilt den Verkauf von Kindern (Brautpreis) mit Yamas Strophen.
yudhiṣṭhira uvāca; kanyāyāḥ prāptaśulkāyāḥ patiś cen nāsti kaś cana; tatra kā pratipattiḥ syāt tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn für ein Mädchen der Brautpreis empfangen wurde und es überhaupt keinen Gatten gibt – welche Regelung soll dann dafür gelten? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kanyāyāḥ prāptaśulkāyāḥ
eines Mädchens, für das der Brautpreis empfangen wurde (Gen.Sg.f.)
patiḥ cet na asti kaḥ cana
wenn ein Gatte überhaupt nicht vorhanden ist (Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
tatra kā pratipattiḥ syāt
welche Regelung soll dann gelten (Nom.Sg.f. / 3.Sg.Opt.)
Wenn sie aber den Brautpreis zurückbrächte [und so] von dem, der den Brautpreis gab, gekauft [ist], so möge man ihm zuliebe Nachkommenschaft erstreben, auf welchem rechtmäßigen Weg auch immer es möglich ist.
Wort für Wort
atha cet sā āharet śulkam
wenn sie aber den Brautpreis [zurück]bringt (Opt.; Akk.Sg.)
krītā śulkapradasya sā
sie ist gekauft von dem Brautpreiszahler (Part.Pass.; Gen.Sg.)
tasya arthe
um seinetwillen (Lok.Sg.)
apatyam īheta
Nachkommenschaft möge man erstreben (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.Med.)
yena nyāyena śaknuyāt
auf welche rechtmäßige Weise man es vermag (Instr.Sg.; 3.Sg.Opt.)
bhāryāpatyor hi saṃbandhaḥ strīpuṃsos tulya eva saḥ; ratiḥ sādhāraṇo dharma iti cāha sa pārthivaḥ
„Die Beziehung zwischen Gattin und Gatten, zwischen Frau und Mann, ist ganz dieselbe; die Freude [des Beisammenseins] ist gemeinsame Pflicht“, so sprach jener König.
Wort für Wort
bhāryāpatyoḥ hi saṃbandhaḥ
die Beziehung zwischen Gattin und Gatte (Gen.Du.; Nom.Sg.)
strīpuṃsoḥ tulyaḥ eva saḥ
zwischen Frau und Mann ist sie ganz gleich (Gen.Du.; Nom.Sg.)
Yudhiṣṭhira sprach: „Nach welchem Maßstab aber wird von den Männern das Vermögen [an sich] genommen? Denn wie ein Sohn darf seine Tochter für den Vater sein.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
atha kena pramāṇena
nun, nach welchem Maßstab (Instr.Sg.)
puṃsām ādīyate dhanam
wird von den Männern das Vermögen genommen (Gen.Pl.; 3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)
putravat hi pituḥ tasya
denn wie ein Sohn für seinen Vater (Adv.; Gen.Sg.)
kanyā bhavitum arhati
kann die Tochter sein (Nom.Sg.f.; Inf.; 3.Sg.Präs.)
Bhīṣma sprach: „Wie das Selbst, so der Sohn; einem Sohn ist die Tochter gleich. Wenn sie als das [eigene] Selbst dasteht, wie könnte ein anderer das Vermögen nehmen?“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yathā eva ātmā tathā putraḥ
wie das Selbst, so der Sohn (Nom.Sg.)
putreṇa duhitā samā
mit dem Sohn ist die Tochter gleich (Instr.Sg.; Nom.Sg.f.)
tasyām ātmani tiṣṭhantyām
während sie als Selbst besteht (Lok.abs.f.Sg.)
katham anyaḥ dhanaṃ haret
wie könnte ein anderer das Vermögen nehmen (3.Sg.Opt.)
dauhitrakeṇa dharmeṇa nātra paśyāmi kāraṇam; vikrītāsu ca ye putrā bhavanti pitur eva te
Im Tochtersohn-Dharma sehe ich hierbei keinen [entgegenstehenden] Grund; und die Söhne, die von verkauften [Frauen] geboren werden, gehören allein dem Vater.
Wort für Wort
dauhitrakeṇa dharmeṇa
in Bezug auf den Tochtersohn-Dharma (Instr.Sg.)
na atra paśyāmi kāraṇam
sehe ich hierin keinen Grund (1.Sg.Präs.; Akk.Sg.n.)
vikrītāsu ca ye putrāḥ
und die Söhne, die von Verkauften (Part.Pass.Lok.Pl.f.; Nom.Pl.)
bhavanti pituḥ eva te
werden, die gehören allein dem Vater (3.Pl.Präs.; Gen.Sg.)
pitur eva te: „dem Vater“ ist mehrdeutig (leiblicher Vater bzw. Vater der Frau).
asūyavas tv adharmiṣṭhāḥ parasvādāyinaḥ śaṭhāḥ; āsurād adhisaṃbhūtā dharmād viṣamavṛttayaḥ
[Sie sind] aber neidisch, höchst unrechtschaffen, fremdes Gut an sich nehmend, betrügerisch, aus dem Asura-[Brauch] hervorgegangen, im Wandel vom Dharma abweichend.
Wort für Wort
asūyavaḥ tu adharmiṣṭhāḥ
neidisch aber, höchst unrechtschaffen (Nom.Pl.)
parasvādāyinaḥ śaṭhāḥ
fremdes Gut nehmend, betrügerisch (Nom.Pl.)
āsurāt adhisaṃbhūtāḥ
aus dem Asurischen hervorgegangen (Abl.Sg.; Part.Pass.Nom.Pl.)
dharmāt viṣamavṛttayaḥ
vom Dharma abweichend im Verhalten (Abl.Sg.; Nom.Pl.)
Hierzu singen die Kenner der Vorzeit Strophen, von Yama gesungen; die Dharma-Kundigen haben sie in den Dharma-Lehrbüchern, den Dämmen des Dharma, niedergelegt.
Wort für Wort
atra gāthāḥ yamodgītāḥ
hierzu Strophen, von Yama gesungen (Nom.Pl.f.)
kīrtayanti purāvidaḥ
verkünden die Kenner der Vorzeit (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
dharmajñāḥ dharmaśāstreṣu
die Dharmakundigen, in den Dharmalehrbüchern (Nom.Pl.; Lok.Pl.)
nibaddhāḥ dharmasetuṣu
niedergelegt, in den Dämmen des Dharma (Part.Pass.Nom.Pl.f.; Lok.Pl.)
anyo 'py atha na vikreyo manuṣyaḥ kiṃ punaḥ prajāḥ; adharmamūlair hi dhanair na tair artho 'sti kaś cana
Nicht einmal ein anderer Mensch darf verkauft werden, geschweige denn die eigenen Nachkommen; mit Reichtümern, deren Wurzel das Unrecht ist, hat man ganz und gar keinen Nutzen.
Wort für Wort
anyaḥ api atha na vikreyaḥ manuṣyaḥ
auch ein anderer Mensch darf nicht verkauft werden (Nom.Sg.; Gerundiv)
kiṃ punaḥ prajāḥ
wie viel weniger Nachkommen (Nom.Pl.)
adharmamūlaiḥ hi dhanaiḥ
denn mit Reichtümern, die im Unrecht wurzeln (Instr.Pl.)
na taiḥ arthaḥ asti kaḥ cana
haben mit ihnen keinerlei Nutzen (Instr.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)