Kapitel 126: kṛṣṇavratacaryāyāṃ vahnyadbhutam
Kṛṣṇas Gelübde, das Feuer aus seinem Mund und das Verlangen nach wunderbaren Berichten der Ṛṣis
Bhīṣma leitet auf Yudhiṣṭhiras Bitte hin eine Erzählung ein: Kṛṣṇa hält ein zwölfjähriges Gelübde, aus seinem Mund geht ein Feuer hervor, das einen Berg verbrennt und ihn wieder heilt; die staunenden Ṛṣis werden nach Wundern befragt und Nārada erzählt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Großvater, hochweiser, in allen Lehrbüchern bewanderter [Bhīṣma]! Du bist durch viele Überlieferungen reich geworden und in unserem Geschlecht berühmt.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
pitāmaha mahāprājña
Großvater, Hochweiser (Vok.)
sarvaśāstraviśārada
in allen Lehrbüchern Bewanderter (Vok.)
āgamair bahubhiḥ sphīto
durch viele Überlieferungen bereichert (Instr.Pl./Nom.Sg.)
bhavān naḥ prathitaḥ kule
du, bei uns berühmt im Geschlecht (Nom./Gen.Pl./Part.Pass./Lok.)
tvatto dharmārthasaṃyuktam āyatyāṃ ca sukhodayam; āścaryabhūtaṃ lokasya śrotum icchāmy ariṃdama
„Von dir möchte ich etwas hören, das mit Dharma und Nutzen verbunden ist, in Zukunft Glück hervorbringt und der Welt ein Wunder ist, Bezwinger der Feinde.“
Wort für Wort
tvatto
von dir (Abl.)
dharmārthasaṃyuktam
mit Dharma und Nutzen verbunden (Akk.Sg.n.)
āyatyāṃ ca sukhodayam
und in der Zukunft Glück als Folge habend (Lok./Akk.Sg.n.)
āścaryabhūtaṃ lokasya
ein Wunder für die Welt (Akk.Sg.n./Gen.Sg.)
śrotum icchāmy ariṃdama
hören will ich, Feindebezwinger (Inf./1.Sg.Präs./Vok.)
ayaṃ ca kālaḥ saṃprāpto durlabhajñātibāndhavaḥ; śāstā ca na hi naḥ kaś cit tvām ṛte bharatarṣabha
„Und diese Zeit ist gekommen, in der Verwandte und Sippe schwer zu finden sind; und einen Lehrer haben wir wahrlich niemanden außer dir, Stier der Bharatas.“
Wort für Wort
ayaṃ ca kālaḥ saṃprāptaḥ
und diese Zeit ist eingetreten (Nom.Sg./Part.Pass.)
durlabhajñātibāndhavaḥ
[eine Zeit], in der Sippe und Verwandte schwer zu erlangen sind (Bahuvrīhi, Nom.)
śāstā ca na hi naḥ
und ein Lehrer ist ja nicht für uns (Nom.Sg./Gen.Pl.)
Vaiśaṃpāyana sprach: Als er diese seine Rede gehört hatte, wurde Bhīṣma, der Sohn der Bhāgīrathī, aus Zuneigung von Eifer ergriffen und sprach diese Worte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
tasya tad vacanaṃ śrutvā
nachdem er seine Rede gehört (Gen./Akk./Abs.)
snehād āgatasaṃbhramaḥ
aus Zuneigung von Erregung erfüllt (Abl./Bahuvrīhi)
yaś ca govṛṣabhāṅkasya prabhāvas taṃ ca me śṛṇu; rudrāṇyāḥ saṃśayo yaś ca daṃpatyos taṃ ca me śṛṇu
„Und auch die Macht dessen, der das Rinderstier-Zeichen trägt [Śiva], höre von mir; und den Zweifel der Rudrāṇī, der das Ehepaar betraf, höre ebenfalls von mir.“
Wort für Wort
yaś ca govṛṣabhāṅkasya
und die des Rinderstier-Gezeichneten (Gen.Sg.)
prabhāvas taṃ ca me śṛṇu
die Macht, diese höre von mir (Nom./Akk./Imp.)
rudrāṇyāḥ saṃśayo
der Zweifel der Rudrāṇī (Gen.Sg.f./Nom.)
yaś ca daṃpatyos
und der [Zweifel] des Ehepaares (Rel./Gen.Du.)
taṃ ca me śṛṇu
auch diesen höre von mir (Akk./Imp.2.Sg.)
Rudrāṇī = Umā/Pārvatī; der Bezug von daṃpatyoḥ (Zweifel zwischen bzw. betreffend das Paar) ist knapp formuliert.
so 'gnir dadāha taṃ śailaṃ sadrumaṃ salatākṣupam; sapakṣimṛgasaṃghātaṃ saśvāpadasarīsṛpam
Dieses Feuer verbrannte jenen Berg samt Bäumen, Schlingpflanzen und Sträuchern, samt den Scharen von Vögeln und Wild, samt Raubtieren und Kriechtieren.
Wort für Wort
so 'gnir dadāha taṃ śailaṃ
dieses Feuer verbrannte diesen Berg (Nom./Perf.3.Sg./Akk.)
mṛgaiś ca vividhākārair hāhābhūtam acetanam; śikharaṃ tasya śailasya mathitaṃ dīptadarśanam
Von Tieren mannigfacher Gestalt war er von Wehgeschrei „hāhā“ erfüllt und besinnungslos; der Gipfel jenes Berges war aufgewühlt und flammend anzusehen.
vāsudeva uvāca; etat tad vaiṣṇavaṃ tejo mama vaktrād viniḥsṛtam; kṛṣṇavartmā yugāntābho yenāyaṃ mathito giriḥ
Vāsudeva sprach: „Dies ist jene viṣṇuitische Glut, aus meinem Mund hervorgegangen, das Schwarzpfad[-Feuer], dem Weltende-Brand gleich, durch das dieser Berg erschüttert [und verwüstet] wurde.“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Nom.Sg.; Perf.3.Sg.)
etat tad vaiṣṇavaṃ tejaḥ
dies ist jene viṣṇuitische Glut (Nom.Sg.n.)
mama vaktrād viniḥsṛtam
aus meinem Mund hervorgegangen (Gen.Sg.; Abl.Sg.; PPP)
kṛṣṇavartmā yugāntābhaḥ
das Schwarzpfad[-Feuer], dem Weltende[-Brand] gleichend (Nom.Sg.m.; Bahuvrīhi)
yenāyaṃ mathito giriḥ
durch das dieser Berg erschüttert wurde (Instr.Sg.n.; Nom.Sg.; PPP)
kṛṣṇavartman (‚Schwarzpfad‘) ist Beiname des Feuers; mathita hier als ‚durchwühlt, verwüstet‘ gedeutet.
vratacaryāparītasya tapasvivratasevayā; mama vahniḥ samudbhūto na vai vyathitum arhatha
„Aus mir, der ich von der Übung des Gelübdes erfüllt bin, durch den Dienst an den Gelübden der Asketen, ist das Feuer hervorgegangen; ihr braucht wahrlich nicht zu erschrecken.“
Wort für Wort
vratacaryāparītasya
[von mir,] der von Gelübdeübung erfüllt ist (Gen.Sg.m.; PPP)
tapasvivratasevayā
durch den Dienst an den Gelübden der Asketen (Instr.Sg.f.)
mama vahniḥ samudbhūtaḥ
aus mir ist das Feuer entstanden (Gen.Sg.; Nom.Sg.; PPP)
na vai vyathitum arhatha
ihr sollt wahrlich nicht erschrecken (Inf.; Präs.2.Pl.)
„Ich war hierher zu diesem lieblichen Berg gekommen, um ein Gelübde zu vollziehen, und um durch Askese einen Sohn zu erschaffen, mir gleich an Heldenkraft.“
Wort für Wort
vrataṃ cartum ihāyātaḥ
um ein Gelübde zu üben, hierher gekommen (Akk.Sg.; Inf.; PPP)
tv ahaṃ girim imaṃ śubham
ich [aber] zu diesem lieblichen Berg (Nom.Sg.; Akk.Sg.m.)
putraṃ cātmasamaṃ vīrye
und einen Sohn, mir selbst gleich an Heldenkraft (Akk.Sg.; Lok.Sg.n.)
tapasā sraṣṭum āgataḥ
um durch Askese zu erschaffen, gekommen (Instr.Sg.; Inf.; PPP)
tena cātmānuśiṣṭo me putratve munisattamāḥ; tejaso 'rdhena putras te bhaviteti vṛṣadhvajaḥ
„Und von ihm wurde mein [Feuer-]Selbst in Bezug auf die Sohnschaft unterwiesen, ihr Besten der Weisen: ‚Mit der Hälfte [seines] Glanzes wird dir ein Sohn sein‘, so [sprach] der Stierbannerträger.“
Wort für Wort
tena cātmānuśiṣṭo me
und von ihm wurde das Selbst unterwiesen, mein (Instr.Sg.; Nom.Sg.; PPP; Gen.Sg.)
putratve munisattamāḥ
in Bezug auf die Sohnschaft, ihr besten Weisen (Lok.Sg.n.; Vok.Pl.)
tejaso 'rdhena
mit der Hälfte des Glanzes (Gen.Sg.; Instr.Sg.)
putras te bhaviteti
ein Sohn wird dir sein, so [sprach] (Nom.Sg.; Gen./Dat.Sg.; Fut.3.Sg.; iti)
vṛṣadhvajaḥ
der Stierbannerträger [Śiva] (Nom.Sg.m.)
Sprecherbezug unklar: tena kann auf Brahmā oder auf Vṛṣadhvaja (Śiva) gehen; hier als Anweisung durch Brahmā mit Zitat des Vṛṣadhvaja gedeutet [?].
etad asya rahasyaṃ vaḥ padmanābhasya dhīmataḥ; mayā premṇā samākhyātaṃ na bhīḥ kāryā tapodhanāḥ
„Dies ist sein Geheimnis, das des weisen Padmanābha [Lotosnabligen]; von mir wurde es euch aus Liebe erzählt; ihr Askesereichen, ihr sollt keine Furcht haben.“
Wort für Wort
etad asya rahasyaṃ vaḥ
dies [ist] sein Geheimnis, euch (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.; Dat.Pl.)
padmanābhasya dhīmataḥ
des Padmanābha, des Weisen (Gen.Sg.m.)
mayā premṇā samākhyātam
von mir aus Liebe erzählt (Instr.Sg.; Instr.Sg.; PPP)
na bhīḥ kāryā tapodhanāḥ
Furcht ist nicht zu hegen, ihr Askesereichen (Nom.Sg.f.; Gerundiv; Vok.Pl.)
„Auch wenn ich etwas Ungesehenes oder Göttliches, wunderbar Anzuschauendes im Himmel oder auf der Erde erblicke, ihr Makellosblickenden [, so gilt doch:]“
Wort für Wort
yady apy aham adṛṣṭaṃ vā
wenn auch ich Ungesehenes oder (Konj.; Nom.Sg.; Akk.Sg.n.)
tad ahaṃ sajjanamukhān niḥsṛtaṃ tatsamāgame; kathayiṣyāmy aharahar buddhidīpakaraṃ nṛṇām
„Daher werde ich das, was aus dem Mund der Guten hervorgegangen ist, in ihrer Versammlung Tag für Tag erzählen – das den Verstand der Menschen erhellt.“
Wort für Wort
tad ahaṃ sajjanamukhān
daher ich, aus dem Mund der Guten (Adv.; Nom.Sg.; Abl.Pl.)
niḥsṛtaṃ tatsamāgame
Hervorgegangenes, bei deren Zusammenkunft (PPP Akk.Sg.n.; Lok.Sg.)
kathayiṣyāmy aharahar
werde ich erzählen, Tag für Tag (Fut.1.Sg.; Adv.)
buddhidīpakaraṃ nṛṇām
den Verstand erhellend, der Menschen (Akk.Sg.n.; Gen.Pl.)
Zusammenhang von tatsamāgame unsicher; wörtlich ‚bei deren Zusammenkunft‘ gefasst [?].
yad āścaryam acintyaṃ ca girau himavati prabho; anubhūtaṃ munigaṇais tīrthayātrāparāyaṇaiḥ
„Was für ein Wunder, ein undenkbares, im Himālaya-Gebirge, o Herr, von den Scharen der Weisen, die ganz der Pilgerfahrt hingegeben sind, erlebt wurde –“
Wort für Wort
yad āścaryam acintyaṃ ca
welches Wunder, und undenkbar (Nom.Sg.n.; Adj.)
girau himavati prabho
im Himavat-Berg, o Herr (Lok.Sg.; Lok.Sg.; Vok.)
anubhūtaṃ munigaṇaiḥ
erlebt von den Scharen der Weisen (PPP n.; Instr.Pl.)
tīrthayātrāparāyaṇaiḥ
die ganz der Pilgerfahrt zugewandt sind (Instr.Pl.m.)