Kapitel 104: brahmasvaharaṇadoṣa-caṇḍālarājanyasaṃvāda
Gespräch von Caṇḍāla und Kṣatriya über die Schuld des Raubs von Brahmanengut
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schicksal der Räuber von Brahmanengut erzählt Bhīṣma ein altes Gespräch: Ein wiedergeborener Caṇḍāla schildert, wie er durch den Genuss von Soma und Speise, die vom Staub geraubter Brahmanenkühe verdorben waren, sein Los erlangte, und erhält den Rat, sich im Kampf für einen Brahmanen zu opfern. Das Kapitel schließt mit der Mahnung, Brahmanengut zu schützen.
yudhiṣṭhira uvāca; brāhmaṇasvāni ye mandā haranti bharatarṣabha; nṛśaṃsakāriṇo mūḍhāḥ kva te gacchanti mānavāḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Törichten, die das Eigentum von Brahmanen rauben, o Stier der Bharatas – diese grausam handelnden, verblendeten Menschen: Wohin gehen sie?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
brāhmaṇasvāni ye mandā haranti
Brahmanengüter, welche Törichten rauben (Akk.Pl. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
Der Kṣatriya sprach: „Du hast die Gestalt eines Greises, Caṇḍāla, und doch benimmst du dich wie ein Kind. Du, der du den Staub von Hunden und Eseln erträgst [?] – warum weichst du vor [dem Staub] der Kühe zurück?“
Wort für Wort
rājanya uvāca
der Kṣatriya sprach (3.Sg.Perf.)
vṛddharūpo 'si caṇḍāla
du hast Greisengestalt, Caṇḍāla (2.Sg.Präs., Vok.)
bālavac ca viceṣṭase
und gebärdest dich wie ein Kind (2.Sg.Präs.Med.)
śvakharāṇāṃ rajaḥsevī
den Staub von Hunden und Eseln erduldend (Gen.Pl., Nom.Sg.)
kasmād udvijase gavām
warum schreckst du zurück vor [dem Staub] der Kühe (2.Sg.Präs.Med., Gen.Pl.)
śvakharāṇāṃ rajaḥsevī: Deutung ‚Staub der Hunde und Esel ertragend‘ nicht ganz sicher; gavām ist zu rajas zu ergänzen.
Der Caṇḍāla sprach: „Einst, o König, überstäubte der Staub der Kühe eines Brahmanen, die [gerade] geraubt wurden, den Soma – [und] jene Zweimalgeborenen, die diesen Soma tranken …“
Wort für Wort
caṇḍāla uvāca
der Caṇḍāla sprach (3.Sg.Perf.)
brāhmaṇasya gavāṃ rājan
eines Brahmanen Kühe, o König (Gen.Sg., Gen.Pl., Vok.)
hriyatīnāṃ rajaḥ purā
die geraubt wurden (Part.Pass.Gen.Pl.f.), der Staub, einst
somam uddhvaṃsayām āsa
verdarb den Soma (Akk.Sg., Perf.periphr.)
taṃ somaṃ ye 'piban dvijāḥ
diesen Soma, welche Zweimalgeborenen tranken (Akk.Sg., Impf., Nom.Pl.)
Der Satz wird in den folgenden Versen fortgeführt.
bhṛtyānām api rājñāṃ tu rajasā dhvaṃsitaṃ makhe; tatpānāc ca dvijāḥ sarve kṣipraṃ narakam āviśan
„Auch der Diener der Könige Staub [?] hatte [den Soma] beim Opfer verdorben; durch dessen Trinken gingen alle Zweimalgeborenen rasch in die Hölle ein.“
Wort für Wort
bhṛtyānām api rājñāṃ tu
auch der Diener, der Könige (Gen.Pl., Gen.Pl.)
rajasā dhvaṃsitaṃ makhe
durch den Staub verdorben beim Opfer (Instr.Sg., Part.Pass., Lok.Sg.)
tatpānāc ca dvijāḥ sarve
und wegen des Trinkens davon, alle Zweimalgeborenen (Abl.Sg., Nom.Pl.)
kṣipraṃ narakam āviśan
gingen rasch in die Hölle ein (Adv., Akk.Sg., 3.Pl.Impf.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; der Bezug von bhṛtyānām api rājñām ist unklar.
„Sie schlugen jene [Kühe] wegen der Milch, [Kühe,] die ihre Söhne und Enkel [die Kälber] aufscheuchten [?]; und ein Ehepaar, das auf die Tiere achtete, mit gutem Wandel [?] …“
Wort für Wort
jaghnus tāḥ payasā
sie schlugen jene [Kühe] mit/wegen der Milch (3.Pl.Perf., Akk.Pl.f., Instr.Sg.)
putrāṃs tathā pautrān
Söhne und Enkel (Akk.Pl.)
vidhunvatīḥ
die aufschüttelnd/aufscheuchend (Part.Präs.Akk.Pl.f.)
paśūn avekṣamāṇāś ca
und auf die Tiere schauend (Akk.Pl., Part.Präs.Nom.Pl.)
sādhuvṛttena daṃpatī
mit gutem Wandel, das Ehepaar (Instr.Sg., Nom.Du.)
Stelle unklar bzw. vermutlich verderbt; Subjekt von jaghnus und Bezug von daṃpatī sind nicht sicher zu bestimmen.
caṇḍālo 'haṃ tato rājan bhuktvā tad abhavaṃ mṛtaḥ; brahmasvahārī ca nṛpaḥ so 'pratiṣṭhāṃ gatiṃ yayau
„Daher bin ich, o König, ein Caṇḍāla: Nachdem ich jene [Speise] gegessen hatte, starb ich. Und der König, der Brahmanengut geraubt hatte, ging in ein Ziel ohne festen Halt.“
Wort für Wort
caṇḍālo 'haṃ tato rājan
ein Caṇḍāla [bin] ich daher, o König (Nom.Sg., Vok.)
bhuktvā tad abhavaṃ mṛtaḥ
nachdem ich jenes gegessen hatte, starb ich (Abs., 1.Sg.Impf., Part.Pass.)
brahmasvahārī ca nṛpaḥ
und der König, der Räuber von Brahmanengut (Nom.Sg.)
so 'pratiṣṭhāṃ gatiṃ yayau
jener ging in ein haltloses Ziel (Akk.Sg.f., 3.Sg.Perf.)
„Wer aber Soma, der vom Staub verdorben ist, mit Vorsatz verkauft – ein Śrotriya, der zum Wucherer geworden ist –, geht für lange Zeit zugrunde; nachdem er die ‚dreißigfache‘ Hölle [?] erreicht hat, lebt er von Hundekot.“
Wort für Wort
somaṃ tu rajasā dhvastam
Soma aber, vom Staub verdorben (Akk.Sg., Instr.Sg., Part.Pass.)
vikrīyād buddhipūrvakam
verkauft er (3.Sg.Opt.), mit Vorsatz (Adv.)
śrotriyo vārdhuṣī bhūtvā
ein Śrotriya, zum Wucherer geworden (Nom.Sg., Abs.)
cirarātrāya naśyati
geht für lange Nächte zugrunde (Dat.Sg., 3.Sg.Präs.)
narakaṃ triṃśataṃ prāpya
die dreißigfache Hölle erreicht habend (Akk.Sg., Abs.)
śvaviṣṭhām upajīvati
lebt von Hundekot (Akk.Sg.f., 3.Sg.Präs.)
narakaṃ triṃśatam: unsicher, etwa ‚die dreißigste/dreißigfache Hölle‘.
ahaṃ vai vipule jātaḥ kule dhanasamanvite; anyasmiñ janmani vibho jñānavijñānapāragaḥ
„Ich wurde in einer weiten, mit Reichtum ausgestatteten Familie geboren; in einer anderen Geburt, o Herr, war ich einer, der Wissen und Erkenntnis zur Vollendung gebracht hatte.“
Wort für Wort
ahaṃ vai vipule jātaḥ
ich wurde geboren in einer großen (Lok.Sg., Part.Pass.)
kule dhanasamanvite
in einer Familie, die mit Reichtum ausgestattet war (Lok.Sg.)
anyasmiñ janmani vibho
in einer anderen Geburt, o Herr (Lok.Sg., Vok.)
jñānavijñānapāragaḥ
der zum Ende von Wissen und Erkenntnis gelangt war (Nom.Sg.)
so 'haṃ vai viditaḥ sarvair dūrago malino vane; sādhūnāṃ paribhāvepsur viprāṇāṃ garvito dhanaiḥ
„So war ich, von allen [als solcher] gekannt, weit weggehend, schmutzig im Wald, willens, die Guten zu demütigen, stolz auf [meine] Reichtümer gegenüber den Brahmanen.“
Wort für Wort
so 'haṃ vai viditaḥ sarvaiḥ
ich, bekannt bei allen (Nom.Sg., Part.Pass., Instr.Pl.)
dūrago malino vane
weit gehend [?], schmutzig, im Wald (Nom.Sg., Lok.Sg.)
sādhūnāṃ paribhāvepsuḥ
die Guten zu demütigen wünschend (Gen.Pl., Nom.Sg.)
viprāṇāṃ garvito dhanaiḥ
den Brahmanen gegenüber stolz auf Reichtümer (Gen.Pl., Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; dūrago malino vane unsicher.
„So bringen auch den sündig handelnden Brahmanen, der in der Einsiedelei lebt, o Herr der Erde, von aller Bindung völlig befreit, die Veden [Metren] hinüber, wie es heißt.“
Wort für Wort
tathā pāpakṛtaṃ vipram
ebenso den Sünde begangen habenden Brahmanen (Akk.Sg.)
āśramasthaṃ mahīpate
der in der Einsiedelei weilt, o Herr der Erde (Akk.Sg., Vok.)
sarvasaṅgavinirmuktam
von aller Bindung befreit (Akk.Sg.)
chandāṃsy uttārayanty uta
die Metren [Veden] führen hinüber, wie man sagt (Nom.Pl., 3.Pl.Kaus.Präs.)
Der Kṣatriya sprach: „Caṇḍāla, gelobe [es], wodurch du Erlösung erlangen wirst: Wenn du für einen Brahmanen das Leben aufgibst, wirst du das ersehnte Ziel erreichen.“
Wort für Wort
rājanya uvāca
der Kṣatriya sprach (3.Sg.Perf.)
caṇḍāla pratijānīhi
Caṇḍāla, gelobe (Vok., Imp.)
yena mokṣam avāpsyasi
wodurch du Erlösung erlangen wirst (Instr.Sg.n., Akk.Sg., 2.Sg.Fut.)
brāhmaṇārthe tyajan prāṇān
für einen Brahmanen die Lebenshauche aufgebend (Lok.Sg., Part.Präs.)
gatim iṣṭām avāpsyasi
wirst das gewünschte Ziel erreichen (Akk.Sg.f., 2.Sg.Fut.)
„Wenn du deinen Körper den Aasfressern hingegeben und im Feuer der Schlacht um eines Brahmanen willen dein Leben geopfert hast, wirst du erlöst; anders verdienst du keine Erlösung.“
Wort für Wort
dattvā śarīraṃ kravyādbhyaḥ
den Körper den Fleischfressern gegeben habend (Abs., Akk.Sg., Dat.Pl.)
raṇāgnau dvijahetukam
im Feuer der Schlacht, um eines Brahmanen willen (Lok.Sg., Adv.)
hutvā prāṇān pramokṣas te
die Lebenshauche geopfert habend, [ist] Erlösung dein (Abs., Akk.Pl., Nom.Sg., Gen.Sg.)
nānyathā mokṣam arhasi
nicht anders verdienst du Erlösung (Adv., Akk.Sg., 2.Sg.Präs.)
bhīṣma uvāca; ity uktaḥ sa tadā rājan brahmasvārthe paraṃtapa; hutvā raṇamukhe prāṇān gatim iṣṭām avāpa ha
Bhīṣma sprach: „So angesprochen, o König, gab jener damals, Bezwinger der Feinde, um des Brahmanenguts willen an der Spitze der Schlacht sein Leben hin und erreichte das ersehnte Ziel.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
ity uktaḥ sa tadā rājan
so angesprochen, jener damals, o König (Part.Pass., Vok.)
brahmasvārthe paraṃtapa
um des Brahmanenguts willen, Bezwinger der Feinde (Lok.Sg., Vok.)
hutvā raṇamukhe prāṇān
an der Schlachtfront die Lebenshauche geopfert habend (Abs., Lok.Sg., Akk.Pl.)
gatim iṣṭām avāpa ha
erreichte das ersehnte Ziel (Akk.Sg.f., 3.Sg.Perf.)