Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 104: brahmasvaharaṇadoṣa-caṇḍālarājanyasaṃvāda Gespräch von Caṇḍāla und Kṣatriya über die Schuld des Raubs von Brahmanengut

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schicksal der Räuber von Brahmanengut erzählt Bhīṣma ein altes Gespräch: Ein wiedergeborener Caṇḍāla schildert, wie er durch den Genuss von Soma und Speise, die vom Staub geraubter Brahmanenkühe verdorben waren, sein Los erlangte, und erhält den Rat, sich im Kampf für einen Brahmanen zu opfern. Das Kapitel schließt mit der Mahnung, Brahmanengut zu schützen.

yudhiṣṭhira uvāca; brāhmaṇasvāni ye mandā haranti bharatarṣabha; nṛśaṃsakāriṇo mūḍhāḥ kva te gacchanti mānavāḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Törichten, die das Eigentum von Brahmanen rauben, o Stier der Bharatas – diese grausam handelnden, verblendeten Menschen: Wohin gehen sie?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
brāhmaṇasvāni ye mandā haranti
Brahmanengüter, welche Törichten rauben (Akk.Pl. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
bharatarṣabha
o Stier der Bharatas (Vok.)
nṛśaṃsakāriṇo mūḍhāḥ
grausam Handelnde, Verblendete (Nom.Pl.)
kva te gacchanti mānavāḥ
wohin gehen diese Menschen (Nom.Pl., 3.Pl.Präs.)

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; caṇḍālasya ca saṃvādaṃ kṣatrabandhoś ca bhārata

Bhīṣma sprach: „Hierzu erzählt man diese uralte Geschichte: das Gespräch eines Caṇḍāla und eines Kṣatriya-Verwandten, o Bhārata.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam
auch hierbei führt man diese uralte Überlieferung an (3.Pl.Präs., Akk.Sg.)
caṇḍālasya ca saṃvādam
und das Gespräch des Caṇḍāla (Gen.Sg., Akk.Sg.)
kṣatrabandhoś ca bhārata
und des Kṣatriya-Verwandten, o Bhārata (Gen.Sg., Vok.)

kṣatrabandhu: eigentlich ‚Verwandter eines Kṣatriya‘, herabsetzend für einen unwürdigen Kṣatriya.

pātakānāṃ paraṃ hy etad brahmasvaharaṇaṃ balāt; sānvayās te vinaśyanti caṇḍālāḥ pretya ceha ca

„Dies ist das höchste unter den Freveln: Brahmanengut mit Gewalt zu rauben. Samt ihrer Sippe gehen diese ‚Caṇḍālas‘ zugrunde, im Jenseits und hier.“

Wort für Wort
pātakānāṃ paraṃ hy etat
denn dies ist das Höchste unter den Freveln (Gen.Pl., Nom.Sg.n.)
brahmasvaharaṇaṃ balāt
das Rauben von Brahmanengut mit Gewalt (Nom.Sg.n., Abl.Sg.)
sānvayās te vinaśyanti
samt ihrer Nachkommenschaft gehen sie zugrunde (Nom.Pl., 3.Pl.Präs.)
caṇḍālāḥ pretya ceha ca
die Caṇḍālas, im Jenseits und hier (Nom.Pl., Abs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; „Caṇḍālas“ hier bildlich für die Räuber.

rājanya uvāca; vṛddharūpo 'si caṇḍāla bālavac ca viceṣṭase; śvakharāṇāṃ rajaḥsevī kasmād udvijase gavām

Der Kṣatriya sprach: „Du hast die Gestalt eines Greises, Caṇḍāla, und doch benimmst du dich wie ein Kind. Du, der du den Staub von Hunden und Eseln erträgst [?] – warum weichst du vor [dem Staub] der Kühe zurück?“

Wort für Wort
rājanya uvāca
der Kṣatriya sprach (3.Sg.Perf.)
vṛddharūpo 'si caṇḍāla
du hast Greisengestalt, Caṇḍāla (2.Sg.Präs., Vok.)
bālavac ca viceṣṭase
und gebärdest dich wie ein Kind (2.Sg.Präs.Med.)
śvakharāṇāṃ rajaḥsevī
den Staub von Hunden und Eseln erduldend (Gen.Pl., Nom.Sg.)
kasmād udvijase gavām
warum schreckst du zurück vor [dem Staub] der Kühe (2.Sg.Präs.Med., Gen.Pl.)

śvakharāṇāṃ rajaḥsevī: Deutung ‚Staub der Hunde und Esel ertragend‘ nicht ganz sicher; gavām ist zu rajas zu ergänzen.

sādhubhir garhitaṃ karma caṇḍālasya vidhīyate; kasmād gorajasā dhvastam apāṃ kuṇḍe niṣiñcasi

„Von den Guten getadelt ist das Tun, das dem Caṇḍāla zugewiesen ist. Warum gießt du [das], was vom Kuhstaub überstäubt ist, in eine Wassergrube?“

Wort für Wort
sādhubhir garhitaṃ karma
von den Guten getadelt, das Tun (Instr.Pl., Part.Pass., Nom.Sg.)
caṇḍālasya vidhīyate
wird dem Caṇḍāla zugewiesen (Gen.Sg., 3.Sg.Pass.)
kasmād gorajasā dhvastam
warum das vom Kuhstaub Überstäubte (Instr.Sg., Part.Pass.Akk.)
apāṃ kuṇḍe niṣiñcasi
gießt du in eine Grube voll Wasser (Gen.Pl./Lok.Sg., 2.Sg.Präs.)

Das Objekt von niṣiñcasi ist nicht genannt (Speise/Trank?).

caṇḍāla uvāca; brāhmaṇasya gavāṃ rājan hriyatīnāṃ rajaḥ purā; somam uddhvaṃsayām āsa taṃ somaṃ ye 'piban dvijāḥ

Der Caṇḍāla sprach: „Einst, o König, überstäubte der Staub der Kühe eines Brahmanen, die [gerade] geraubt wurden, den Soma – [und] jene Zweimalgeborenen, die diesen Soma tranken …“

Wort für Wort
caṇḍāla uvāca
der Caṇḍāla sprach (3.Sg.Perf.)
brāhmaṇasya gavāṃ rājan
eines Brahmanen Kühe, o König (Gen.Sg., Gen.Pl., Vok.)
hriyatīnāṃ rajaḥ purā
die geraubt wurden (Part.Pass.Gen.Pl.f.), der Staub, einst
somam uddhvaṃsayām āsa
verdarb den Soma (Akk.Sg., Perf.periphr.)
taṃ somaṃ ye 'piban dvijāḥ
diesen Soma, welche Zweimalgeborenen tranken (Akk.Sg., Impf., Nom.Pl.)

Der Satz wird in den folgenden Versen fortgeführt.

bhṛtyānām api rājñāṃ tu rajasā dhvaṃsitaṃ makhe; tatpānāc ca dvijāḥ sarve kṣipraṃ narakam āviśan

„Auch der Diener der Könige Staub [?] hatte [den Soma] beim Opfer verdorben; durch dessen Trinken gingen alle Zweimalgeborenen rasch in die Hölle ein.“

Wort für Wort
bhṛtyānām api rājñāṃ tu
auch der Diener, der Könige (Gen.Pl., Gen.Pl.)
rajasā dhvaṃsitaṃ makhe
durch den Staub verdorben beim Opfer (Instr.Sg., Part.Pass., Lok.Sg.)
tatpānāc ca dvijāḥ sarve
und wegen des Trinkens davon, alle Zweimalgeborenen (Abl.Sg., Nom.Pl.)
kṣipraṃ narakam āviśan
gingen rasch in die Hölle ein (Adv., Akk.Sg., 3.Pl.Impf.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; der Bezug von bhṛtyānām api rājñām ist unklar.

dīkṣitaś ca sa rājāpi kṣipraṃ narakam āviśat; saha tair yājakaiḥ sarvair brahmasvam upajīvya tat

„Auch jener König, der Geweihte, ging rasch in die Hölle ein, zusammen mit all jenen Opferpriestern, da sie von jenem Brahmanengut gelebt hatten.“

Wort für Wort
dīkṣitaś ca sa rājāpi
und auch jener König, der Geweihte (Nom.Sg.)
kṣipraṃ narakam āviśat
ging rasch in die Hölle ein (Adv., Akk.Sg., 3.Sg.Impf.)
saha tair yājakaiḥ sarvaiḥ
zusammen mit all jenen Opferpriestern (Instr.Pl.)
brahmasvam upajīvya tat
nachdem sie von diesem Brahmanengut gelebt hatten (Akk.Sg.n., Abs.)

ye 'pi tatrāpiban kṣīraṃ ghṛtaṃ dadhi ca mānavāḥ; brāhmaṇāḥ saharājanyāḥ sarve narakam āviśan

„Auch die Menschen, die dort Milch, Ghee und Dickmilch tranken – Brahmanen samt den Kṣatriyas –, gingen alle in die Hölle ein.“

Wort für Wort
ye 'pi tatrāpiban kṣīram
auch die, die dort Milch tranken (Nom.Pl., 3.Pl.Impf., Akk.Sg.)
ghṛtaṃ dadhi ca mānavāḥ
Ghee und Dickmilch, die Menschen (Akk.Sg., Nom.Pl.)
brāhmaṇāḥ saharājanyāḥ
Brahmanen samt Kṣatriyas (Nom.Pl.)
sarve narakam āviśan
alle gingen in die Hölle ein (Nom.Pl., Akk.Sg., 3.Pl.Impf.)

jaghnus tāḥ payasā putrāṃs tathā pautrān vidhunvatīḥ; paśūn avekṣamāṇāś ca sādhuvṛttena daṃpatī

„Sie schlugen jene [Kühe] wegen der Milch, [Kühe,] die ihre Söhne und Enkel [die Kälber] aufscheuchten [?]; und ein Ehepaar, das auf die Tiere achtete, mit gutem Wandel [?] …“

Wort für Wort
jaghnus tāḥ payasā
sie schlugen jene [Kühe] mit/wegen der Milch (3.Pl.Perf., Akk.Pl.f., Instr.Sg.)
putrāṃs tathā pautrān
Söhne und Enkel (Akk.Pl.)
vidhunvatīḥ
die aufschüttelnd/aufscheuchend (Part.Präs.Akk.Pl.f.)
paśūn avekṣamāṇāś ca
und auf die Tiere schauend (Akk.Pl., Part.Präs.Nom.Pl.)
sādhuvṛttena daṃpatī
mit gutem Wandel, das Ehepaar (Instr.Sg., Nom.Du.)

Stelle unklar bzw. vermutlich verderbt; Subjekt von jaghnus und Bezug von daṃpatī sind nicht sicher zu bestimmen.

ahaṃ tatrāvasaṃ rājan brahmacārī jitendriyaḥ; tāsāṃ me rajasā dhvastaṃ bhaikṣam āsīn narādhipa

„Ich wohnte dort, o König, als Brahmacārin, der Sinne bezwungen. Durch ihren Staub wurde meine Bettelspeise verdorben, o Herrscher der Menschen.“

Wort für Wort
ahaṃ tatrāvasaṃ rājan
ich wohnte dort, o König (1.Sg.Impf., Vok.)
brahmacārī jitendriyaḥ
als Brahmacārin, mit bezwungenen Sinnen (Nom.Sg.)
tāsāṃ me rajasā dhvastam
durch deren Staub, mir, verdorben (Gen.Pl.f., Dat./Gen.Sg., Instr.Sg., Part.Pass.)
bhaikṣam āsīn narādhipa
war die Bettelspeise, o Herrscher der Menschen (Nom.Sg.n., 3.Sg.Impf., Vok.)

caṇḍālo 'haṃ tato rājan bhuktvā tad abhavaṃ mṛtaḥ; brahmasvahārī ca nṛpaḥ so 'pratiṣṭhāṃ gatiṃ yayau

„Daher bin ich, o König, ein Caṇḍāla: Nachdem ich jene [Speise] gegessen hatte, starb ich. Und der König, der Brahmanengut geraubt hatte, ging in ein Ziel ohne festen Halt.“

Wort für Wort
caṇḍālo 'haṃ tato rājan
ein Caṇḍāla [bin] ich daher, o König (Nom.Sg., Vok.)
bhuktvā tad abhavaṃ mṛtaḥ
nachdem ich jenes gegessen hatte, starb ich (Abs., 1.Sg.Impf., Part.Pass.)
brahmasvahārī ca nṛpaḥ
und der König, der Räuber von Brahmanengut (Nom.Sg.)
so 'pratiṣṭhāṃ gatiṃ yayau
jener ging in ein haltloses Ziel (Akk.Sg.f., 3.Sg.Perf.)

tasmād dharen na viprasvaṃ kadā cid api kiṃ cana

„Darum soll man Brahmanengut niemals rauben, auch nicht das Geringste.“

Wort für Wort
tasmād dharen na viprasvam
darum soll man nicht rauben Brahmanengut (3.Sg.Opt., Akk.Sg.)
kadā cid api kiṃ cana
jemals, auch nur irgendetwas (Adv.)

na paśyen nānumodec ca na hartuṃ kiṃ cid ācaret

„Man soll [es] nicht [begehrlich] ansehen und nicht billigen, und nichts zum Rauben unternehmen.“

Wort für Wort
na paśyen
man soll nicht [darauf] sehen (3.Sg.Opt.)
nānumodec ca
und nicht billigen (3.Sg.Opt.)
na hartuṃ kiṃ cid ācaret
und nichts unternehmen, um zu rauben (Inf., 3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; paśyet ist vermutlich elliptisch (‚zusehen‘).

brahmasvarajasā dhvastaṃ bhuktvā māṃ paśya yādṛśam

„Sieh mich an, wie ich beschaffen bin, der ich [Speise] gegessen habe, die vom Staub von Brahmanengut verdorben war.“

Wort für Wort
brahmasvarajasā dhvastam
durch den Staub von Brahmanengut verdorben (Instr.Sg., Part.Pass.)
bhuktvā
nachdem ich gegessen hatte (Abs.)
māṃ paśya yādṛśam
sieh mich, wie beschaffen (Akk.Sg., Imp.)

tasmāt somo 'py avikreyaḥ puruṣeṇa vipaścitā

„Darum darf auch Soma von einem weisen Mann nicht verkauft werden.“

Wort für Wort
tasmāt somo 'py
darum auch der Soma (Nom.Sg.)
avikreyaḥ
nicht zu verkaufen (Gerundiv Nom.Sg.)
puruṣeṇa vipaścitā
von einem weisen Mann (Instr.Sg.)

etad dhi dhanam utkṛṣṭaṃ dvijānām aviśeṣataḥ

„Denn dies ist das höchste Gut der Zweimalgeborenen, ohne Unterschied.“

Wort für Wort
etad dhi dhanam utkṛṣṭam
denn dies ist ein hervorragendes Gut (Nom.Sg.n.)
dvijānām aviśeṣataḥ
der Zweimalgeborenen, ohne Unterschied (Gen.Pl., Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

vikrayaṃ hīha somasya garhayanti manīṣiṇaḥ

„Denn den Verkauf des Soma tadeln hier die Weisen.“

Wort für Wort
vikrayaṃ hīha somasya
denn den Verkauf hier des Soma (Akk.Sg., Gen.Sg.)
garhayanti manīṣiṇaḥ
tadeln die Weisen (3.Pl.Präs., Nom.Pl.)

ye cainaṃ krīṇate rājan ye ca vikrīṇate janāḥ; te tu vaivasvataṃ prāpya rauravaṃ yānti sarvaśaḥ

„Die, o König, ihn kaufen, und die Leute, die ihn verkaufen, gelangen zu Vaivasvata und gehen dann allesamt nach Raurava.“

Wort für Wort
ye cainaṃ krīṇate rājan
und die ihn kaufen, o König (Nom.Pl., 3.Pl.Präs.Med., Vok.)
ye ca vikrīṇate janāḥ
und die ihn verkaufen, die Leute (3.Pl.Präs.Med., Nom.Pl.)
te tu vaivasvataṃ prāpya
diese, nachdem sie zu Vaivasvata gelangt sind (Abs.)
rauravaṃ yānti sarvaśaḥ
gehen nach Raurava, allesamt (Akk.Sg., 3.Pl.Präs., Adv.)

somaṃ tu rajasā dhvastaṃ vikrīyād buddhipūrvakam; śrotriyo vārdhuṣī bhūtvā cirarātrāya naśyati; narakaṃ triṃśataṃ prāpya śvaviṣṭhām upajīvati

„Wer aber Soma, der vom Staub verdorben ist, mit Vorsatz verkauft – ein Śrotriya, der zum Wucherer geworden ist –, geht für lange Zeit zugrunde; nachdem er die ‚dreißigfache‘ Hölle [?] erreicht hat, lebt er von Hundekot.“

Wort für Wort
somaṃ tu rajasā dhvastam
Soma aber, vom Staub verdorben (Akk.Sg., Instr.Sg., Part.Pass.)
vikrīyād buddhipūrvakam
verkauft er (3.Sg.Opt.), mit Vorsatz (Adv.)
śrotriyo vārdhuṣī bhūtvā
ein Śrotriya, zum Wucherer geworden (Nom.Sg., Abs.)
cirarātrāya naśyati
geht für lange Nächte zugrunde (Dat.Sg., 3.Sg.Präs.)
narakaṃ triṃśataṃ prāpya
die dreißigfache Hölle erreicht habend (Akk.Sg., Abs.)
śvaviṣṭhām upajīvati
lebt von Hundekot (Akk.Sg.f., 3.Sg.Präs.)

narakaṃ triṃśatam: unsicher, etwa ‚die dreißigste/dreißigfache Hölle‘.

brahmasvahārī narakān yātanāś cānubhūya tu; maleṣu ca kṛmir bhūtvā śvaviṣṭhām upajīvati

„Der Räuber von Brahmanengut aber, nachdem er Höllen und Qualen erfahren hat, wird im Kot zum Wurm und lebt von Hundekot.“

Wort für Wort
brahmasvahārī narakān
der Räuber von Brahmanengut, Höllen (Nom.Sg., Akk.Pl.)
yātanāś cānubhūya tu
und Qualen erlebt habend (Akk.Pl., Abs.)
maleṣu ca kṛmir bhūtvā
und in Unrat zum Wurm geworden (Lok.Pl., Nom.Sg., Abs.)
śvaviṣṭhām upajīvati
lebt von Hundekot (Akk.Sg.f., 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

śvacaryām atimānaṃ ca sakhidāreṣu viplavam; tulayādhārayad dharmo hy atimāno 'tiricyate

„Hundeverhalten, Hochmut und Treulosigkeit gegen die Frauen von Freunden: Als man den Dharma auf der Waage dagegen hielt, überwog der Hochmut [?].“

Wort für Wort
śvacaryām atimānaṃ ca
Hundeverhalten und Hochmut (Akk.Sg.)
sakhidāreṣu viplavam
und Vergehen an den Frauen von Freunden (Lok.Pl., Akk.Sg.)
tulayā adhārayad dharmaḥ
auf der Waage hielt man den Dharma (Instr.Sg., 3.Sg.Impf., Nom.Sg.)
hy atimāno 'tiricyate
denn der Hochmut überwiegt (Nom.Sg., 3.Sg.Pass.)

Zeile 2 syntaktisch unsicher (tulayādhārayad).

śvānaṃ vai pāpinaṃ paśya vivarṇaṃ hariṇaṃ kṛśam; atimānena bhūtānām imāṃ gatim upāgatam

„Sieh den sündigen Hund, verfärbt, fahlgelb, abgemagert, der wegen des Hochmuts gegenüber den Wesen in diesen Zustand gelangt ist.“

Wort für Wort
śvānaṃ vai pāpinaṃ paśya
sieh den sündigen Hund (Akk.Sg., Imp.)
vivarṇaṃ hariṇaṃ kṛśam
verfärbt, fahlgelb, mager (Akk.Sg.)
atimānena bhūtānām
durch Hochmut gegenüber den Wesen (Instr.Sg., Gen.Pl.)
imāṃ gatim upāgatam
der zu diesem Zustand gelangt ist (Akk.Sg.f., Part.Pass.)

ahaṃ vai vipule jātaḥ kule dhanasamanvite; anyasmiñ janmani vibho jñānavijñānapāragaḥ

„Ich wurde in einer weiten, mit Reichtum ausgestatteten Familie geboren; in einer anderen Geburt, o Herr, war ich einer, der Wissen und Erkenntnis zur Vollendung gebracht hatte.“

Wort für Wort
ahaṃ vai vipule jātaḥ
ich wurde geboren in einer großen (Lok.Sg., Part.Pass.)
kule dhanasamanvite
in einer Familie, die mit Reichtum ausgestattet war (Lok.Sg.)
anyasmiñ janmani vibho
in einer anderen Geburt, o Herr (Lok.Sg., Vok.)
jñānavijñānapāragaḥ
der zum Ende von Wissen und Erkenntnis gelangt war (Nom.Sg.)

abhavaṃ tatra jānāno hy etān doṣān madāt tadā; saṃrabdha eva bhūtānāṃ pṛṣṭhamāṃsāny abhakṣayam

„Dort war ich, obwohl ich diese Fehler kannte, damals aus Rausch voller Zorn, [und] ich aß gleichsam das Rückenfleisch der Wesen [= verleumdete sie].“

Wort für Wort
abhavaṃ tatra jānāno
ich war dort wissend (1.Sg.Impf., Part.Präs.)
hy etān doṣān madāt tadā
diese Fehler, aus Rausch, damals (Akk.Pl., Abl.Sg.)
saṃrabdha eva bhūtānām
erregt, den Wesen gegenüber (Nom.Sg., Gen.Pl.)
pṛṣṭhamāṃsāny abhakṣayam
aß ich das Rückenfleisch (Akk.Pl., 1.Sg.Impf.)

pṛṣṭhamāṃsa ‚Rückenfleisch essen‘ ist Redewendung für Verleumdung; [= …] ist Ergänzung.

so 'haṃ vai viditaḥ sarvair dūrago malino vane; sādhūnāṃ paribhāvepsur viprāṇāṃ garvito dhanaiḥ

„So war ich, von allen [als solcher] gekannt, weit weggehend, schmutzig im Wald, willens, die Guten zu demütigen, stolz auf [meine] Reichtümer gegenüber den Brahmanen.“

Wort für Wort
so 'haṃ vai viditaḥ sarvaiḥ
ich, bekannt bei allen (Nom.Sg., Part.Pass., Instr.Pl.)
dūrago malino vane
weit gehend [?], schmutzig, im Wald (Nom.Sg., Lok.Sg.)
sādhūnāṃ paribhāvepsuḥ
die Guten zu demütigen wünschend (Gen.Pl., Nom.Sg.)
viprāṇāṃ garvito dhanaiḥ
den Brahmanen gegenüber stolz auf Reichtümer (Gen.Pl., Instr.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; dūrago malino vane unsicher.

so 'haṃ tena ca vṛttena bhojanena ca tena vai; imām avasthāṃ saṃprāptaḥ paśya kālasya paryayam

„Durch jenes Verhalten und durch jene Speise bin ich in diesen Zustand gelangt: Sieh die Wendung der Zeit.“

Wort für Wort
so 'haṃ tena ca vṛttena
ich, durch jenes Verhalten (Instr.Sg.)
bhojanena ca tena vai
und durch jene Speise (Instr.Sg.)
imām avasthāṃ saṃprāptaḥ
diesen Zustand erlangt habend (Akk.Sg.f., Part.Pass.)
paśya kālasya paryayam
sieh die Wendung der Zeit (Imp., Gen.Sg., Akk.Sg.)

ādīptam iva cailāntaṃ bhramarair iva cārditam; dhāvamānaṃ susaṃrabdhaṃ paśya māṃ rajasānvitam

„Wie mit brennendem Gewandsaum, wie von Bienen geplagt, rennend, sehr erregt – sieh mich, von Staub bedeckt.“

Wort für Wort
ādīptam iva cailāntam
gleichsam brennend am Gewandsaum (Akk.Sg.)
bhramarair iva cārditam
und wie von Bienen geplagt (Instr.Pl., Part.Pass.)
dhāvamānaṃ susaṃrabdham
rennend, sehr erregt (Part.Präs., Part.Pass.)
paśya māṃ rajasānvitam
sieh mich, mit Staub behaftet (Imp., Akk.Sg., Instr.Sg.)

svādhyāyais tu mahat pāpaṃ taranti gṛhamedhinaḥ; dānaiḥ pṛthagvidhaiś cāpi yathā prāhur manīṣiṇaḥ

„Durch Vedastudium überwinden Hausväter große Sünde, und auch durch verschiedenartige Gaben, wie die Weisen gesagt haben.“

Wort für Wort
svādhyāyais tu mahat pāpam
durch Vedastudien große Sünde (Instr.Pl., Akk.Sg.)
taranti gṛhamedhinaḥ
überwinden Hausväter (3.Pl.Präs., Nom.Pl.)
dānaiḥ pṛthagvidhaiś cāpi
und auch durch Gaben verschiedener Art (Instr.Pl.)
yathā prāhur manīṣiṇaḥ
wie die Weisen sagten (3.Pl.Perf., Nom.Pl.)

tathā pāpakṛtaṃ vipram āśramasthaṃ mahīpate; sarvasaṅgavinirmuktaṃ chandāṃsy uttārayanty uta

„So bringen auch den sündig handelnden Brahmanen, der in der Einsiedelei lebt, o Herr der Erde, von aller Bindung völlig befreit, die Veden [Metren] hinüber, wie es heißt.“

Wort für Wort
tathā pāpakṛtaṃ vipram
ebenso den Sünde begangen habenden Brahmanen (Akk.Sg.)
āśramasthaṃ mahīpate
der in der Einsiedelei weilt, o Herr der Erde (Akk.Sg., Vok.)
sarvasaṅgavinirmuktam
von aller Bindung befreit (Akk.Sg.)
chandāṃsy uttārayanty uta
die Metren [Veden] führen hinüber, wie man sagt (Nom.Pl., 3.Pl.Kaus.Präs.)

ahaṃ tu pāpayonyāṃ vai prasūtaḥ kṣatriyarṣabha; niścayaṃ nādhigacchāmi kathaṃ mucyeyam ity uta

„Ich aber bin in einem sündigen Mutterschoß geboren, Stier unter den Kṣatriyas; ich finde keine Gewissheit, wie ich erlöst werden könnte.“

Wort für Wort
ahaṃ tu pāpayonyāṃ vai prasūtaḥ
ich aber, in sündigem Mutterschoß geboren (Lok.Sg., Part.Pass.)
kṣatriyarṣabha
Stier unter den Kṣatriyas (Vok.)
niścayaṃ nādhigacchāmi
Gewissheit finde ich nicht (Akk.Sg., 1.Sg.Präs.)
kathaṃ mucyeyam ity uta
wie ich erlöst werden könnte, so (1.Sg.Pass.Opt.)

jātismaratvaṃ tu mama kena cit pūrvakarmaṇā; śubhena yena mokṣaṃ vai prāptum icchāmy ahaṃ nṛpa

„Erinnerung an frühere Geburten habe ich durch irgendein früheres Werk; durch [ein] gutes, durch das ich, o König, die Erlösung erlangen möchte.“

Wort für Wort
jātismaratvaṃ tu mama
das Erinnern früherer Geburten, mir (Nom.Sg.n., Gen.Sg.)
kena cit pūrvakarmaṇā
durch irgendein früheres Werk (Instr.Sg.)
śubhena yena mokṣaṃ vai
durch ein gutes [Werk], durch das die Erlösung (Instr.Sg., Akk.Sg.)
prāptum icchāmy ahaṃ nṛpa
zu erlangen wünsche ich, o König (Inf., 1.Sg.Präs., Vok.)

Zeile b syntaktisch knapp: śubhena yena etwa ‚durch ein gutes [Werk], mit dem‘.

tvam imaṃ me prapannāya saṃśayaṃ brūhi pṛcchate; caṇḍālatvāt katham ahaṃ mucyeyam iti sattama

„Sag du mir, der ich zu dir Zuflucht genommen habe und diese Zweifelsfrage stelle: Wie könnte ich aus dem Caṇḍāla-Dasein erlöst werden, du Bester?“

Wort für Wort
tvam imaṃ me prapannāya
du diesen, mir, der Zuflucht Genommen hat (Dat.Sg.)
saṃśayaṃ brūhi pṛcchate
Zweifel sage, dem Fragenden (Akk.Sg., Imp., Dat.Sg.)
caṇḍālatvāt katham ahaṃ
aus dem Caṇḍāla-Sein, wie ich (Abl.Sg.)
mucyeyam iti sattama
erlöst werden könnte, so [frage ich], Bester (1.Sg.Pass.Opt., Vok.)

rājanya uvāca; caṇḍāla pratijānīhi yena mokṣam avāpsyasi; brāhmaṇārthe tyajan prāṇān gatim iṣṭām avāpsyasi

Der Kṣatriya sprach: „Caṇḍāla, gelobe [es], wodurch du Erlösung erlangen wirst: Wenn du für einen Brahmanen das Leben aufgibst, wirst du das ersehnte Ziel erreichen.“

Wort für Wort
rājanya uvāca
der Kṣatriya sprach (3.Sg.Perf.)
caṇḍāla pratijānīhi
Caṇḍāla, gelobe (Vok., Imp.)
yena mokṣam avāpsyasi
wodurch du Erlösung erlangen wirst (Instr.Sg.n., Akk.Sg., 2.Sg.Fut.)
brāhmaṇārthe tyajan prāṇān
für einen Brahmanen die Lebenshauche aufgebend (Lok.Sg., Part.Präs.)
gatim iṣṭām avāpsyasi
wirst das gewünschte Ziel erreichen (Akk.Sg.f., 2.Sg.Fut.)

pratijānīhi ohne Objekt; ergänzt ‚es‘.

dattvā śarīraṃ kravyādbhyo raṇāgnau dvijahetukam; hutvā prāṇān pramokṣas te nānyathā mokṣam arhasi

„Wenn du deinen Körper den Aasfressern hingegeben und im Feuer der Schlacht um eines Brahmanen willen dein Leben geopfert hast, wirst du erlöst; anders verdienst du keine Erlösung.“

Wort für Wort
dattvā śarīraṃ kravyādbhyaḥ
den Körper den Fleischfressern gegeben habend (Abs., Akk.Sg., Dat.Pl.)
raṇāgnau dvijahetukam
im Feuer der Schlacht, um eines Brahmanen willen (Lok.Sg., Adv.)
hutvā prāṇān pramokṣas te
die Lebenshauche geopfert habend, [ist] Erlösung dein (Abs., Akk.Pl., Nom.Sg., Gen.Sg.)
nānyathā mokṣam arhasi
nicht anders verdienst du Erlösung (Adv., Akk.Sg., 2.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; ity uktaḥ sa tadā rājan brahmasvārthe paraṃtapa; hutvā raṇamukhe prāṇān gatim iṣṭām avāpa ha

Bhīṣma sprach: „So angesprochen, o König, gab jener damals, Bezwinger der Feinde, um des Brahmanenguts willen an der Spitze der Schlacht sein Leben hin und erreichte das ersehnte Ziel.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
ity uktaḥ sa tadā rājan
so angesprochen, jener damals, o König (Part.Pass., Vok.)
brahmasvārthe paraṃtapa
um des Brahmanenguts willen, Bezwinger der Feinde (Lok.Sg., Vok.)
hutvā raṇamukhe prāṇān
an der Schlachtfront die Lebenshauche geopfert habend (Abs., Lok.Sg., Akk.Pl.)
gatim iṣṭām avāpa ha
erreichte das ersehnte Ziel (Akk.Sg.f., 3.Sg.Perf.)

tasmād rakṣyaṃ tvayā putra brahmasvaṃ bharatarṣabha; yadīcchasi mahābāho śāśvatīṃ gatim uttamām

„Darum, mein Sohn, ist von dir Brahmanengut zu schützen, o Stier der Bharatas, wenn du, Starkarmiger, das ewige, höchste Ziel wünschst.“

Wort für Wort
tasmād rakṣyaṃ tvayā putra
darum ist zu schützen von dir, mein Sohn (Gerundiv Nom.Sg.n., Instr.Sg., Vok.)
brahmasvaṃ bharatarṣabha
Brahmanengut, o Stier der Bharatas (Nom.Sg.n., Vok.)
yadīcchasi mahābāho
wenn du wünschst, Starkarmiger (2.Sg.Präs., Vok.)
śāśvatīṃ gatim uttamām
das ewige, höchste Ziel (Akk.Sg.f.)

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