Kapitel 39: strīrakṣāpraśnaḥ
Yudhiṣṭhiras Frage, ob und wie Frauen zu behüten sind
Yudhiṣṭhira trägt seinen Zweifel über die Wechselhaftigkeit der Frauen und die Möglichkeit ihres Schutzes vor; die Antwort Bhīṣmas folgt im weiteren Kapitel.
yudhiṣṭhira uvāca; ime vai mānavā loke strīṣu sajjanty abhīkṣṇaśaḥ; mohena param āviṣṭā daivādiṣṭena pārthiva; striyaś ca puruṣeṣv eva pratyakṣaṃ lokasākṣikam
Yudhiṣṭhira sprach: „Diese Menschen hier in der Welt hängen unablässig an den Frauen, von Verblendung aufs Höchste ergriffen, wie vom Schicksal bestimmt, o Fürst; und die Frauen [hängen] ebenso an den Männern, offen vor aller Augen, die Welt [ist] Zeugin.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
ime vai mānavā loke
diese Menschen fürwahr in der Welt (Nom.Pl./Lok.Sg.)
strīṣu sajjanty abhīkṣṇaśaḥ
hängen an Frauen unablässig (Lok.Pl./3.Pl.Präs./Adv.)
mohena param āviṣṭāḥ
von Verblendung aufs Höchste erfüllt (Instr./Adv./Part.Pf.Pass.Nom.Pl.)
daivādiṣṭena pārthiva
vom Schicksal bestimmt, o Fürst (Instr./Vok.)
striyaś ca puruṣeṣv eva
und die Frauen an den Männern eben (Nom.Pl./Lok.Pl.)
pratyakṣaṃ lokasākṣikam
vor Augen, die Welt als Zeugin (Adv./Kompositum Nom.Sg.n.)
Hierüber wälzt sich in meinem Herzen ein heftiger Zweifel: Wie pflegen Männer Umgang mit ihnen, o Freude der Kurus? Oder [wie] finden Frauen Gefallen an ihnen oder wenden sich wieder von ihnen ab?
etā hi mayamāyābhir vañcayantīha mānavān; na cāsāṃ mucyate kaś cit puruṣo hastam āgataḥ; gāvo navatṛṇānīva gṛhṇanty eva navān navān
Denn diese täuschen hier die Menschen mit Blendwerk nach Art der Zauberkünste des Maya; und keinem Mann, der ihnen in die Hand geraten ist, wird er freigelassen; wie Kühe frisches Gras, so ergreifen sie stets immer neue und neue [Männer].
Wort für Wort
etā hi mayamāyābhir
diese nämlich mit den Zauberkünsten des Maya (Nom.Pl.f./Partikel/Instr.Pl.)
vañcayantīha mānavān
täuschen hier die Menschen (3.Pl.Präs.Kaus./iha/Akk.Pl.)
na cāsāṃ mucyate kaś cit
und nicht von diesen wird freigelassen irgendein (Neg./Gen.Pl./3.Sg.Pass.Präs./Nom.)
puruṣo hastam āgataḥ
Mann, der in die Hand gekommen ist (Nom.Sg./Akk.Sg./Part.Pf.Pass.)
gāvo navatṛṇānīva
Kühe wie frische Gräser (Nom.Pl./Akk.Pl.n./iva)
gṛhṇanty eva navān navān
ergreifen eben stets neue (3.Pl.Präs./Akk.Pl. Distributiv-Wiederholung)
mayamāyābhiḥ: Maya, der Asura-Baumeister, als Urbild der Zauberkunst gedeutet; Beziehung des Kompositums nicht ganz sicher.
Hätte man tausend Zungen und lebte man hundert Herbste, ohne ein anderes Werk zu tun, so würde man sterben, ohne die Fehler der Frauen [vollständig] aufgezählt zu haben.
Wort für Wort
yadi jihvāsahasraṃ syāt
wenn tausend Zungen wären (Konj./Nom.Sg.n./3.Sg.Opt.)
jīvec ca śaradāṃ śatam
und man lebte hundert Herbste (3.Sg.Opt./Gen.Pl./Akk.Sg.)
ananyakarmā strīdoṣān
ohne anderes Tun, die Fehler der Frauen (Nom.Sg. Kompositum/Akk.Pl.)
anuktvā nidhanaṃ vrajet
ohne ausgesprochen zu haben, zum Tod ginge (Abs. neg./Akk.Sg./3.Sg.Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
uśanā veda yac chāstraṃ yac ca veda bṛhaspatiḥ; strībuddhyā na viśiṣyete tāḥ sma rakṣyāḥ kathaṃ naraiḥ
Welche Lehre Uśanas kennt und welche Bṛhaspati kennt, die beiden übertreffen die Klugheit der Frauen nicht; wie sollen diese dann von Männern behütet werden?
Wort für Wort
uśanā veda yac chāstraṃ
welche Lehre Uśanas kennt (Nom.Sg./3.Sg.Perf./Akk.Sg.n.)
yac ca veda bṛhaspatiḥ
und welche Bṛhaspati kennt (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)
strībuddhyā na viśiṣyete
durch [gegenüber] der Frauenklugheit nicht übertreffen [sich] (Instr./Neg./3.Du.Pass.Präs.)
tāḥ sma rakṣyāḥ kathaṃ naraiḥ
diese wie zu schützen von Männern (Nom.Pl.f./Partikel/Gerundiv/Adv./Instr.Pl.)
strībuddhyā na viśiṣyete: Konstruktion mit Instrumental (‚die beiden Lehren stehen nicht über der Frauenklugheit‘) gewählt; ‚sind nicht verschieden von‘ wäre die Alternative.
Auf dem Boden der Fehler, an unreinem Ort – fürwahr, ach, an ihnen hängen die Männer.
Wort für Wort
doṣāspade 'śucau deśe
auf dem Sitz der Fehler, an unreinem Ort (Lok.Sg./Lok.Sg./Lok.Sg.)
hi āsāṃ raktās tv aho narāḥ
denn an diesen hängend, ach, die Männer (Partikel/Gen.Pl.f./Part.Pf.Pass.Nom.Pl./Interj./Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Text und Bezug von āsāṃ raktāḥ (‚an ihnen gebunden‘) knapp; Zusatzpassage.
strīṇāṃ buddhyupaniṣkarṣād arthaśāstrāṇi śatruhan; bṛhaspatiprabhṛtibhir manye sadbhiḥ kṛtāni vai
Aus der Herausziehung [des Wesens] der Klugheit der Frauen sind, o Feindetöter, die Lehrbücher der Nutzenlehre, wie ich meine, von guten Männern, Bṛhaspati und anderen, verfasst worden.
Wort für Wort
strīṇāṃ buddhyupaniṣkarṣād
aus dem Herausziehen der Klugheit der Frauen (Gen.Pl./Abl.Sg.)
arthaśāstrāṇi śatruhan
die Lehrbücher der Nutzenlehre, o Feindetöter (Nom.Pl.n./Vok.)
bṛhaspatiprabhṛtibhir manye
von Bṛhaspati und anderen, meine ich (Instr.Pl./1.Sg.Präs.Med.)
sadbhiḥ kṛtāni vai
von Guten verfasst fürwahr (Instr.Pl./Part.Pf.Pass.Nom.Pl.n./Partikel)
buddhyupaniṣkarṣāt: ‚Herausziehen/Abschöpfen‘ der Frauenklugheit; genaue Deutung unsicher.
saṃpūjyamānāḥ puruṣair vikurvanti mano nṛṣu; apāstāś ca tathā rājan vikurvanti manaḥ striyaḥ
Werden sie von Männern geehrt, so verändern sie den Sinn gegenüber den Männern; und ebenso, wenn sie zurückgestoßen werden, o König, verändern die Frauen den Sinn.
Wort für Wort
saṃpūjyamānāḥ puruṣair
geehrt von Männern (Part.Präs.Pass.Nom.Pl.f./Instr.Pl.)
vikurvanti mano nṛṣu
verändern den Sinn gegenüber Männern (3.Pl.Präs./Akk.Sg./Lok.Pl.)
apāstāś ca tathā rājan
und zurückgestoßen ebenso, o König (Part.Pf.Pass.Nom.Pl.f./Adv./Vok.)
vikurvanti manaḥ striyaḥ
verändern den Sinn die Frauen (3.Pl.Präs./Akk.Sg./Nom.Pl.)