Kapitel 113: annadānaphalakīrtanam
Wie böse Taten getilgt werden: Reue, Bekenntnis und vor allem die Gabe von Speise
Bṛhaspati belehrt Yudhiṣṭhira, wie Sünder zu einem guten Ziel gelangen: durch Reue und Bekenntnis und vor allem durch rechtmäßig erworbene Speisegaben an Brahmanen, für alle vier Stände.
Yudhiṣṭhira sprach: „Den Weg des Adharma hast du mir dargelegt, Brahmane, Makelloser. Den Weg des Dharma aber möchte ich hören, Bester der Redenden: Wie gelangen Menschen, die böse Taten begangen haben, zu einem glückseligen Ziel?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
adharmasya gatir brahman kathitā me tvayā anagha
der Weg des Adharma, Brahmane, wurde mir von dir erzählt, Makelloser (Gen./Nom.Sg.f., Part.Pass./Instr./Vok.)
dharmasya tu gatiṃ śrotum icchāmi
den Weg des Dharma aber will ich hören (Gen./Akk./Inf./1.Sg.Präs.)
vadatāṃ vara
Bester der Redenden (Gen.Pl./Vok.Sg.)
kṛtvā karmāṇi pāpāni
nachdem [sie] böse Taten getan haben (Abs./Akk.Pl.n.)
kathaṃ yānti śubhāṃ gatim
wie gelangen sie zu glückseligem Ziel (3.Pl.Präs./Akk.Sg.f.)
mohād adharmaṃ yaḥ kṛtvā punaḥ samanutapyate; manaḥsamādhisaṃyukto na sa seveta duṣkṛtam
„Wer aus Verblendung Adharma begangen hat und danach bereut und dabei mit gesammeltem Geist verbunden ist, der soll die Missetat nicht [wieder] pflegen.“
Wort für Wort
mohād adharmaṃ yaḥ kṛtvā
wer aus Verblendung Adharma getan hat (Abl.Sg./Akk.Sg./Rel.Nom./Abs.)
punaḥ samanutapyate
danach bereut er (Adv./3.Sg.Präs.Pass.-Med.)
manaḥsamādhisaṃyuktaḥ
mit Geistessammlung verbunden (Kompositum, Nom.Sg.m.)
na sa seveta duṣkṛtam
der soll die Missetat nicht pflegen (Neg./Nom.Sg.m./3.Sg.Opt.Med./Akk.Sg.n.)
„Je mehr sein Geist die üble Tat tadelt, desto mehr wird der Körper von diesem Adharma frei. Und wenn er, König, [es] den Brahmanen, die vom Dharma sprechen, kundtut, dann wird er rasch vom Adharma-Getanen befreit, durch das Bekenntnis [oder: den Tadel] [?].“
Wort für Wort
yathā yathā manas tasya duṣkṛtaṃ karma garhate
je mehr sein Geist die üble Tat tadelt (Adv./Nom.Sg.n./Gen./Akk./3.Sg.Präs.Med.)
tathā tathā śarīraṃ tu tena adharmeṇa mucyate
desto mehr wird der Körper von diesem Adharma befreit (Nom.Sg.n./Abl.-Instr./3.Sg.Präs.Pass.)
yadi vyāharate rājan
wenn er ausspricht, König (3.Sg.Präs.Med./Vok.Sg.)
viprāṇāṃ dharmavādinām
vor den Brahmanen, die vom Dharma sprechen (Gen.Pl./Gen.Pl.m.)
tato 'dharmakṛtāt kṣipram
dann vom Adharma-Getanen rasch (Adv./Abl.Sg.n./Adv.)
apavādāt pramucyate
durch Bekenntnis wird er befreit (Abl.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage; apavāda hier als Selbstanklage/Bekenntnis gedeutet.
„Je mehr ein Mensch das Adharma recht ausspricht, desto mehr wird er mit gesammeltem Geist befreit, wie eine Schlange von der früher getragenen, alt gewordenen Haut.“
Wort für Wort
yathā yathā naraḥ samyag adharmam anubhāṣate
je mehr ein Mensch recht das Adharma ausspricht (Adv./Nom.Sg.m./Adv./Akk.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
samāhitena manasā
mit gesammeltem Geist (Instr.Sg.n.)
vimucyati tathā tathā
wird er befreit, desto mehr (3.Sg.Präs.Pass./Adv.)
bhujaṃga iva nirmokāt
wie eine Schlange von der Haut (Nom.Sg.m./Part./Abl.Sg.m.)
pūrvabhuktāj jarānvitāt
von der früher genutzten, vom Alter befallenen [Haut] (Abl.Sg.m., Komp./Abl.Sg.m.)
prāṇā hy annaṃ manuṣyāṇāṃ tasmāj jantuś ca jāyate; anne pratiṣṭhitā lokās tasmād annaṃ prakāśate
„Denn Speise ist der Lebensatem der Menschen; daher wird auch das Lebewesen geboren. In der Speise gründen die Welten; darum tritt die Speise hervor [gilt als vorrangig] [?].“
Wort für Wort
prāṇā hy annaṃ manuṣyāṇām
Lebensatem ist ja Speise für Menschen (Nom.Pl.m./Ptk./Nom.Sg.n./Gen.Pl.)
tasmāj jantuś ca jāyate
daher wird auch das Lebewesen geboren (Abl./Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.Pass.)
anne pratiṣṭhitā lokāḥ
in der Speise gegründet sind die Welten (Lok.Sg./Part.Pass./Nom.Pl.m.)
tasmād annaṃ prakāśate
darum tritt die Speise hervor (Abl./Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
nyāyalabdhaṃ pradātavyaṃ dvijebhyo hy annam uttamam; svādhyāyasamupetebhyaḥ prahṛṣṭenāntarātmanā
„Rechtmäßig erworbene, vorzügliche Speise soll den Zweimalgeborenen gegeben werden, die im Veda-Studium bewandert sind, mit freudig gestimmtem Inneren.“
Wort für Wort
nyāyalabdhaṃ pradātavyam
rechtmäßig Erworbenes ist zu geben (Nom.Sg.n./Gerundiv)
dvijebhyo hy annam uttamam
den Zweimalgeborenen die beste Speise (Dat.Pl./Ptk./Nom.Sg.n./Nom.Sg.n.)
svādhyāyasamupetebhyaḥ
denen, die mit Veda-Studium versehen sind (Dat.Pl.m., Komp.)
„Durch Golddarbringung schwinden Sünden, auch sehr viele. Wer ertragreiches Land gegeben hat, wird auch von Todsünden befreit. Durch Rezitationen der Veden wird der Zweimalgeborene von Todsünden befreit; durch hunderttausend [Wiederholungen] der Gāyatrī, durch Sättigung von tausend Kühen [?]; und wenn er, nachdem er die Bedeutung des Veda reinen Brahmanen der Wahrheit gemäß hat kennen lassen, [...]: durch Entsagung von allem und dergleichen wird der Zweimalgeborene von Todsünden befreit. Gastfreundschaft gegen alle ist für diese das Höchste; daher gilt die Speise als das Höchste.“
Wort für Wort
suvarṇadānāt pāpāni naśyanti subahūny api
durch Golddarbringung schwinden auch sehr viele Sünden (Abl.Sg./Nom.Pl.n./3.Pl.Präs./Nom.Pl.n./Ptk.)
dattvā vṛttikarīṃ bhūmiṃ pātakena api mucyate
wer ertragbringendes Land gegeben hat, wird auch von Todsünde befreit (Abs./Akk.Sg.f./Akk.Sg.f./Instr./3.Sg.Präs.Pass.)
pārāyaṇaiś ca vedānāṃ mucyate pātakair dvijaḥ
durch Vollrezitationen der Veden wird der Zweimalgeborene von Todsünden befreit (Instr.Pl./Gen.Pl./Instr.Pl./Nom.Sg.)
gāyatryāś caiva lakṣeṇa gosahasrasya tarpaṇāt
durch hunderttausend [Wiederholungen] der Gāyatrī, durch Sättigung von tausend Kühen (Gen.Sg.f./Instr.Sg.n./Gen.Sg./Abl.Sg.n.)
vedārthaṃ jñāpayitvā tu śuddhān viprān yathārthataḥ
nachdem er reinen Brahmanen die Veda-Bedeutung gemäß der Wahrheit hat kennen lassen (Akk.Sg./Abs.Kaus./Akk.Pl.m./Adv.)
sarvatyāgādibhiś ca api mucyate pātakair dvijaḥ
auch durch Entsagung von allem und dergleichen wird der Zweimalgeborene von Todsünden befreit (Instr.Pl./3.Sg.Präs.Pass.)
sarvātithyaṃ paraṃ hy eṣāṃ tasmād annaṃ paraṃ smṛtam
Gastfreundschaft gegen alle ist von diesen das Höchste, daher gilt Speise als das Höchste (Nom.Sg.n./Gen.Pl./Abl./Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage; Syntax und Bezug einiger Glieder unsicher.
„[…] und den vedakundigen Zweimalgeborenen, gesammelt und wohlgesammelten Geistes [gibt], der tilgt damit, Pāṇḍava, als Dharma-Seelischer [Mensch mit dem Dharma als Wesen] die üble Tat.“
Wort für Wort
dvijebhyo vedavṛddhebhyaḥ
den Zweimalgeborenen, veda-gereift (Dat.Pl.m.)
prayataḥ susamāhitaḥ
rein, wohlgesammelt (Nom.Sg.m.)
tena apohati dharmātmā
dadurch beseitigt der Dharma-Gesinnte (Instr./3.Sg.Präs./Nom.Sg.m.)
ṣaḍbhāgapariśuddhaṃ ca kṛṣer bhāgam upārjitam; vaiśyo dadad dvijātibhyaḥ pāpebhyaḥ parimucyate
„Ein Vaiśya, der den um den sechsten Teil [an Abgabe] gereinigten, aus dem Ackerbau erworbenen Anteil den Zweimalgeborenen gibt, wird von Sünden völlig befreit.“
Wort für Wort
ṣaḍbhāgapariśuddhaṃ ca
und um den sechsten Teil bereinigt (Akk.Sg.m., Komp.)
kṛṣer bhāgam upārjitam
den aus dem Ackerbau erworbenen Anteil (Abl.Sg.f./Akk.Sg.m./Part.Pass.)
vaiśyo dadad dvijātibhyaḥ
der Vaiśya, gebend den Zweimalgeborenen (Nom.Sg.m./Part.Präs./Dat.Pl.m.)
pāpebhyaḥ parimucyate
wird von Sünden befreit (Abl.Pl.n./3.Sg.Präs.Pass.)
ṣaḍbhāgapariśuddha: nach Abzug des Sechstels [Königsabgabe] (Deutung).
aurasena balenānnam arjayitvāvihiṃsakaḥ; yaḥ prayacchati viprebhyo na sa durgāṇi sevate
„Wer, nachdem er Speise mit eigener [Leibes-]Kraft, ohne Gewalt zu üben, erworben hat, sie Brahmanen gibt, der gerät nicht in Notlagen [schwer gangbare Orte].“
Wort für Wort
aurasena balena annam
mit eigener Kraft Speise (Instr.Sg.n./Instr.Sg.n./Akk.Sg.n.)
arjayitvā avihiṃsakaḥ
erworben habend, nicht gewalttätig (Abs.Kaus./Nom.Sg.m.)
yaḥ prayacchati viprebhyaḥ
wer den Brahmanen gibt (Rel.Nom./3.Sg.Präs./Dat.Pl.)
na sa durgāṇi sevate
der betritt nicht die Notlagen (Neg./Nom./Akk.Pl.n./3.Sg.Präs.Med.)
aurasa: „aus der Brust, eigen“ (Deutung). durga: Notlagen oder schwer zugängliche Orte, zugleich Höllen-Anspielung.
„Speise von Śūdras soll von Brahmanen, die dem Dharma ergeben sind, keinesfalls gegessen werden; nur in Not darf von den eigenen Dienern [Speise] gegessen werden, [die] eigenhändig bereitet [ist].“
Wort für Wort
śūdrānnaṃ na eva bhoktavyam
Speise eines Śūdra ist keinesfalls zu essen (Nom.Sg.n./Neg./Ptk./Gerundiv)
viprair dharmaparāyaṇaiḥ
von Brahmanen, dem Dharma ergeben (Instr.Pl.m.)
āpadi eva svadāsānām
nur in Not, von den eigenen Dienern (Lok.Sg.f./Ptk./Gen.Pl.m.)
bhoktavyaṃ svayam udyatam
ist zu essen, selbst Bereitetes (Gerundiv/Adv./Part.Pass.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage; svadāsānām und udyatam knapp, Sinn nach Kontext ergänzt.
dānakṛdbhiḥ kṛtaḥ panthā yena yānti manīṣiṇaḥ; te sma prāṇasya dātāras tebhyo dharmaḥ sanātanaḥ
„Der Weg, den die Gebenden gebahnt haben und auf dem die Weisen gehen, [ist der Weg der Speisegeber]: sie sind Geber des Lebensatems, und ihnen [gehört] das ewige Dharma.“
Wort für Wort
dānakṛdbhiḥ kṛtaḥ panthā
der von den Gebenden gemachte Weg (Instr.Pl.m./Part.Pass./Nom.Sg.m.)
yena yānti manīṣiṇaḥ
auf dem die Weisen gehen (Rel.Instr./3.Pl.Präs./Nom.Pl.m.)
te sma prāṇasya dātāraḥ
sie sind Geber des Lebensatems (Nom.Pl./Ptk./Gen.Sg./Nom.Pl.m.)
tebhyo dharmaḥ sanātanaḥ
ihnen [gehört] das ewige Dharma (Dat./Abl.Pl./Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
„Ein Hausherr soll sich stets bemühen, Speise erst zu essen, nachdem [er] einen Brahmanen [bewirtet hat]; durch Speisegabe möge der Mensch den Tag fruchtbar machen.“
Wort für Wort
yated brāhmaṇapūrvaṃ hi
er möge sich bemühen, mit dem Brahmanen zuerst (3.Sg.Opt.Med./Adv./Ptk.)
bhoktum annaṃ gṛhī sadā
Speise zu essen, der Hausherr, stets (Inf./Akk.Sg.n./Nom.Sg.m./Adv.)
avandhyaṃ divasaṃ kuryāt
den Tag fruchtbar machen möge er (Akk.Sg.m./Akk.Sg.m./3.Sg.Opt.)
annadānena mānavaḥ
durch Speisegabe der Mensch (Instr.Sg.n./Nom.Sg.m.)
brāhmaṇapūrvam: Bezug ergänzt („nachdem ein Brahmane zuerst [gegessen hat]“ wäre die alternative Lesart).
„Wer zehnhundert Kenner des Veda gespeist hat, König, [ferner] solche, die Recht und Pflicht verstehen und die Kenner der Überlieferungen [Itihāsa] sind, [...]“
Wort für Wort
bhojayitvā daśaśataṃ naraḥ
tausend gespeist habend, der Mensch (Abs.Kaus./Akk.Sg.n./Nom.Sg.m.)
vedavidāṃ nṛpa
der Veda-Kenner, König (Gen.Pl.m./Vok.Sg.)
nyāyaviddharmaviduṣām
der Kenner von Logik und Dharma (Gen.Pl.m., Komp.)
itihāsavidāṃ tathā
ebenso der Kenner der Itihāsa (Gen.Pl.m./Adv.)
Satz läuft in Unit 32 weiter. daśaśata = 1000 (oder „zehn Hunderte“).
na yāti narakaṃ ghoraṃ saṃsārāṃś ca na sevate; sarvakāmasamāyuktaḥ pretya cāpy aśnute phalam
„[…] der geht nicht in die schreckliche Hölle und begibt sich nicht in die Kreisläufe [des Wiedergeborenwerdens]; im Besitz aller Wünsche erlangt er auch nach dem Tod die Frucht.“
Wort für Wort
na yāti narakaṃ ghoram
er geht nicht in die schreckliche Hölle (Neg./3.Sg.Präs./Akk.Sg./Akk.Sg.m.)
saṃsārāṃś ca na sevate
und begibt sich nicht in Wiedergeburtskreisläufe (Akk.Pl.m./Ptk./Neg./3.Sg.Präs.Med.)
sarvakāmasamāyuktaḥ
mit allen Wünschen verbunden (Nom.Sg.m., Komp.)
pretya ca api aśnute phalam
und auch nach dem Tode erlangt er die Frucht (Abs./Ptk./3.Sg.Präs.Med./Akk.Sg.n.)