Kapitel 62: annadānapraśaṃsā
Lob der Speisespende: ihre Frucht in dieser und der jenseitigen Welt
Yudhiṣṭhira fragt nach den wirksamsten Gaben; Bhīṣma gibt die Belehrung Nāradas wieder, dass die Gabe von Speise allen anderen überlegen ist. Das Kapitel schließt mit einer Schilderung der Himmelswelten der Speisespender.
Yudhiṣṭhira sprach: „Welche Gaben soll ein Erdenherrscher in dieser Welt, wenn er geben will, an die an Tugenden überlegenen Brahmanen geben, du Bester der Bharatas?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kāni dānāni loke 'smin
welche Gaben in dieser Welt (Nom.Pl.n./Lok.)
dātukāmo mahīpatiḥ
der Erdenherrscher, der geben will (Nom.Sg.)
guṇādhikebhyo viprebhyaḥ
an die an Tugenden überlegenen Brahmanen (Dat.Pl.)
dadyād bharatasattama
soll er geben (3.Sg.Opt.), du Bester der Bharatas (Vok.)
kena tuṣyanti te sadyas tuṣṭāḥ kiṃ pradiśanty uta; śaṃsa me tan mahābāho phalaṃ puṇyakṛtaṃ mahat
Womit werden sie sogleich zufrieden, und was gewähren sie, wenn sie zufrieden sind? Sage mir das, du Starkarmiger: die große Frucht für den, der Verdienstvolles tut.“
Wort für Wort
kena tuṣyanti te sadyaḥ
womit sind sie zufrieden, sie, sogleich (Instr./3.Pl.Präs./Adv.)
tuṣṭāḥ kiṃ pradiśanty uta
zufrieden, was gewähren sie wohl (Nom.Pl.Part./3.Pl.Präs.)
śaṃsa me tat
sage mir dies (Imp./Dat./Akk.)
mahābāho
Starkarmiger (Vok.)
phalaṃ puṇyakṛtaṃ mahat
die große Frucht der Verdienstvolles Tuenden (Akk.Sg.n./Gen.Pl.)
nārada uvāca; annam eva praśaṃsanti devāḥ sarṣigaṇāḥ purā; lokatantraṃ hi yajñāś ca sarvam anne pratiṣṭhitam
Nārada sprach: „Die Speise allein preisen seit alters die Götter samt den Scharen der Ṛṣis; denn der Lauf der Welt und die Opfer, alles ist in der Speise gegründet.
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Perf.)
annam eva praśaṃsanti
die Speise allein preisen sie (Akk./3.Pl.Präs.)
devāḥ sarṣigaṇāḥ purā
die Götter samt Ṛṣi-Scharen, einst (Nom.Pl./Adv.)
lokatantraṃ hi yajñāś ca
denn Weltordnung/Weltlauf und die Opfer (Nom.Sg.n./Nom.Pl.m.)
sarvam anne pratiṣṭhitam
alles in der Speise gegründet (Nom./Lok./Part.Pass.)
Aus der Speise stammen die Hausväter in dieser Welt und ebenso die Bettelmönche; aus Speise entsteht der Lebenshauch, offenkundig, daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
annād gṛhasthā loke 'smin
aus Speise [leben] die Hausväter in dieser Welt (Abl./Nom.Pl./Lok.)
bhikṣavas tata eva ca
und die Bettelmönche eben daher (Nom.Pl./Adv.)
annāt prabhavati prāṇaḥ
aus Speise entsteht der Lebenshauch (Abl./3.Sg.Präs./Nom.)
pratyakṣaṃ nātra saṃśayaḥ
offenkundig, hierin ist kein Zweifel (Adv./Nom.Sg.)
Wer ermüdet auf der Straße unterwegs ist, alt und würdig, und als Gast dasteht: einen solchen, der ins Haus gekommen ist, soll der Hausvater ehren, wenn er Gedeihen erstrebt.
Wort für Wort
śrāntam adhvani vartantam
den Ermüdeten, der auf dem Weg unterwegs ist (Akk./Lok./Part.)
vṛddham arham upasthitam
den Alten, Würdigen, der herangetreten ist (Akk.)
arcayed bhūtim anvicchan
soll ehren, Gedeihen erstrebend (3.Sg.Opt./Akk./Part.)
gṛhastho gṛham āgatam
der Hausvater den ins Haus Gekommenen (Nom./Akk./Part.Pass.)
yo dadyād aparikliṣṭam annam adhvani vartate; śrāntāyādṛṣṭapūrvāya sa mahad dharmam āpnuyāt
Wer dem ermüdeten, zuvor nie gesehenen [Menschen], der unterwegs ist, Speise gibt, ohne ihn zu quälen, der würde großes Verdienst erlangen.
Wort für Wort
yo dadyād aparikliṣṭam
wer geben sollte, ohne zu quälen [?] (Rel./3.Sg.Opt./Adv.)
annam adhvani vartate
Speise dem auf dem Weg Befindlichen (Akk./Dat.Part.)
śrāntāyādṛṣṭapūrvāya
dem Ermüdeten, zuvor nie Gesehenen (Dat.Sg.)
sa mahad dharmam āpnuyāt
der würde großes Verdienst erlangen (Nom./Akk./3.Sg.Opt.)
aparikliṣṭam kann adverbial (ohne Mühsal/Quälerei) oder als Attribut zu annam („nicht beeinträchtigte, einwandfreie Speise“) verstanden werden; adhvani vartate ist grammatisch Lok./Dat. des Partizips, gemeint ist wohl „dem Wanderer“.
pitṝn devān ṛṣīn viprān atithīṃś ca janādhipa; yo naraḥ prīṇayaty annais tasya puṇyaphalaṃ mahat
Die Ahnen, die Götter, die Ṛṣis, die Brahmanen und die Gäste, Herrscher der Menschen: der Mann, der sie mit Speisen erfreut, dessen Verdienstfrucht ist groß.
Wort für Wort
pitṝn devān ṛṣīn viprān
die Ahnen, Götter, Ṛṣis, Brahmanen (Akk.Pl.)
atithīṃś ca janādhipa
und die Gäste, Herrscher der Menschen (Akk.Pl./Vok.)
yo naraḥ prīṇayaty annaiḥ
welcher Mann erfreut mit Speisen (Rel./3.Sg.Präs./Instr.Pl.)
brāhmaṇeṣv akṣayaṃ dānam annaṃ śūdre mahāphalam; annadānaṃ ca śūdre ca brāhmaṇe ca viśiṣyate
An Brahmanen ist die Gabe unvergänglich, Speise an einen Śūdra hat große Frucht; die Speisegabe an einen Śūdra und an einen Brahmanen ist [beide] vorzüglich.
Wort für Wort
brāhmaṇeṣv akṣayaṃ dānam
an Brahmanen ist die Gabe unvergänglich (Lok.Pl./Nom.Sg.n.)
annaṃ śūdre mahāphalam
Speise an einen Śūdra hat große Frucht (Nom./Lok./Nom.)
annadānaṃ ca śūdre ca
und die Speisegabe an einen Śūdra und (Nom./Lok.)
brāhmaṇe ca viśiṣyate
an einen Brahmanen ist vorzüglich (Lok./3.Sg.Pass.)
na pṛcched gotracaraṇaṃ svādhyāyaṃ deśam eva vā; bhikṣito brāhmaṇeneha janma vānnaṃ prayācitaḥ
Man soll nicht nach Geschlecht und Schule, nicht nach Vedastudium oder Herkunftsland fragen, wenn man von einem Brahmanen hier um Speise gebeten, ja darum angegangen wird; auch nicht nach [seiner] Geburt.
Wort für Wort
na pṛcched gotracaraṇam
man soll nicht fragen nach Geschlecht und Vedaschule (3.Sg.Opt./Akk.)
svādhyāyaṃ deśam eva vā
nach Vedastudium oder gar nach Herkunftsland (Akk./Akk./Part.)
bhikṣito brāhmaṇeneha
gebeten von einem Brahmanen hier (Part.Pass./Instr./Adv.)
janma vānnaṃ prayācitaḥ
oder [nach] Geburt; um Speise angegangen (Akk./Akk./Part.Pass.) [?]
Die Konstruktion von bhikṣito brāhmaṇeneha janma vānnaṃ prayācitaḥ ist syntaktisch hart (janma steht offenbar als weiteres Objekt der Nichtfrage, mit dem Satz verschränkt); die Wiedergabe folgt dem wahrscheinlichsten Sinn.
einen aus Hoffnung herbeigekommenen Brahmanen [?], der um der Speise willen dasteht.
Wort für Wort
āśayābhyāgatam
aus Erwartung herbeigekommen [?] (Instr.Sg.f. + Part.Pass., Akk.)
vipraṃ
den Brahmanen (Akk.Sg.)
bhojanārtham upasthitam
um der Speise willen dastehend, herangetreten (Adv./Part.Pass.Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; āśayābhyāgatam ist unklar (āśayā „in der Hoffnung/Erwartung“ oder āśaya „Neigung“), der Halbvers hängt syntaktisch an der vorangehenden Zeile.
annaṃ prāṇā narāṇāṃ hi sarvam anne pratiṣṭhitam; annadaḥ paśumān putrī dhanavān bhogavān api
Speise ist der Lebenshauch der Menschen, alles ist in der Speise gegründet. Der Speisespender ist reich an Vieh und Söhnen, wohlhabend und im Genuss stehend.
Wort für Wort
annaṃ prāṇā narāṇāṃ hi
Speise ist der Lebenshauch der Menschen (Nom./Nom.Pl./Gen.Pl.)
sarvam anne pratiṣṭhitam
alles ist in der Speise gegründet (Nom./Lok./Part.)
annadaḥ paśumān putrī
der Speisegeber [ist] Viehbesitzer, Sohnesvater (Nom.)
brāhmaṇo hi mahad bhūtaṃ kṣetraṃ carati pādavat; upyate tatra yad bījaṃ tad dhi puṇyaphalaṃ mahat
Denn der Brahmane ist ein großes Wesen, ein Feld, das umherwandert, gleichsam auf Füßen; was dort als Same gesät wird, das ist ja die große Frucht des Verdienstes.
Wort für Wort
brāhmaṇaḥ hi mahat bhūtam
der Brahmane ist ja ein großes Wesen (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.n.)
kṣetraṃ carati pādavat
ein Feld, das wandert, mit Füßen versehen gleichsam (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Adv.)
upyate tatra yat bījam
gesät wird dort, was an Same (3.Sg.Pass.; Adv.; Nom.Sg.n.)
tat hi puṇyaphalaṃ mahat
das ist ja Verdienstfrucht, groß (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.)
Aus Speise, wisse, entsteht Nachkommenschaft, aus Speise, o Bhārata, Liebesfreude; Dharma und Nutzen wisse aus Speise, ebenso die Beseitigung von Krankheit aus Speise.
Wort für Wort
annāt hi prasavaṃ viddhi
aus Speise ja Zeugung wisse (Abl.Sg.; Akk.Sg.; Imp.2.Sg.)
ratim annāt hi bhārata
Liebeslust aus Speise ja, o Bhārata (Akk.Sg.; Abl.; Vok.)
dharmārthau annataḥ viddhi
Dharma und Nutzen aus Speise wisse (Akk.Du.; Adv.; Imp.)
roganāśaṃ tathā annataḥ
Krankheitsvernichtung ebenso aus Speise (Akk.Sg.m.; Adv.)
annaṃ hy amṛtam ity āha purākalpe prajāpatiḥ; annaṃ bhuvaṃ divaṃ khaṃ ca sarvam anne pratiṣṭhitam
Speise ist Unsterblichkeitstrank, sagte in der Urzeit der Herr der Geschöpfe, Prajāpati; Speise ist Erde, Himmel und Raum, alles ist in der Speise gegründet.
Wort für Wort
annaṃ hi amṛtam iti āha
Speise ist ja Unsterblichkeit, so sprach (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.n.; 3.Sg.Perf.)
purākalpe prajāpatiḥ
in der Urzeit Prajāpati (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
annaṃ bhuvaṃ divaṃ khaṃ ca
Speise ist Erde, Himmel und Luftraum (Nom.; Akk.Sg. als Prädikat)
sarvam anne pratiṣṭhitam
alles in der Speise gegründet (Nom.Sg.n.; Lok.Sg.; PPP)
Aus Speise ist ja dies alles, was es an Unbeweglichem und Beweglichem gibt; in den drei Welten soll darum von den Weisen Speise um des Dharma willen gegeben werden.
Wort für Wort
annataḥ sarvam etat hi
aus Speise alles dies ja (Abl.; Nom.Sg.n.)
yat kiṃcit sthāṇu jaṅgamam
was immer Feststehendes, Bewegliches (Nom.Sg.n.)
triṣu lokeṣu dharmārtham
in den drei Welten um des Dharma willen (Lok.Pl.; Adv.)
annaṃ deyam ataḥ budhaiḥ
Speise ist zu geben, deshalb, von Weisen (Nom.Sg.n.; Gerundiv; Instr.Pl.)
annadānāṃ hi ye lokās tāṃs tvaṃ śṛṇu narādhipa; bhavanāni prakāśante divi teṣāṃ mahātmanām; nānāsaṃsthānarūpāṇi nānāstambhānvitāni ca
Die Welten derer, die Speise geben, die höre, o Herrscher der Menschen: Am Himmel leuchten die Paläste dieser Hochgesinnten, von mannigfacher Gestalt und Form, mit mannigfachen Säulen versehen.
Wort für Wort
annadānām hi ye lokāḥ
der Speisengeber Welten, die (Gen.Pl.; Nom.Pl.m.)
tān tvaṃ śṛṇu narādhipa
diese höre du, o Herr der Menschen (Akk.Pl.; Imp.2.Sg.; Vok.)
bhavanāni prakāśante divi
Paläste leuchten am Himmel (Nom.Pl.n.; 3.Pl.Präs.Med.; Lok.)
Milch strömende Flüsse und ebenso Speiseberge, Paläste, weißen Wolken gleich, und von Gold glänzende Lager: Diese erlangen die Speisengeber; darum sei ein Speisengeber.