Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 114: ahiṃsāprāśastya-bṛhaspati-yudhiṣṭhira-saṃvāda Bṛhaspatis Belehrung über Gewaltlosigkeit und die goldene Regel

Yudhiṣṭhira fragt, welche von sechs Übungen dem Menschen am meisten nützt; Bṛhaspati stellt die Gewaltlosigkeit als höchstes Heil heraus und begründet sie mit der Gleichheit des eigenen Selbst in allen Wesen.

yudhiṣṭhira uvāca; ahiṃsā vaidikaṃ karma dhyānam indriyasaṃyamaḥ; tapo 'tha guruśuśrūṣā kiṃ śreyaḥ puruṣaṃ prati

Yudhiṣṭhira sprach: „Gewaltlosigkeit, das vedische Werk, Meditation, Zügelung der Sinne, Askese und Dienst am Lehrer: was ist davon für den Menschen das Beste?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
ahiṃsā vaidikaṃ karma
Gewaltlosigkeit, vedisches Werk (Nom.)
dhyānam indriyasaṃyamaḥ
Meditation, Sinnenzügelung (Nom.)
tapo 'tha guruśuśrūṣā
Askese und Dienst am Lehrer (Nom.)
kiṃ śreyaḥ puruṣaṃ prati
was ist besser/das Beste für den Menschen (Nom. Sg. n./Akk. + prati)

bṛhaspatir uvāca; sarvāṇy etāni dharmasya pṛthag dvārāṇi sarvaśaḥ; śṛṇu saṃkīrtyamānāni ṣaḍ eva bharatarṣabha

Bṛhaspati sprach: „All dies sind [je] eigene Tore des Dharma in jeder Hinsicht. Höre sie, während sie aufgezählt werden, es sind genau sechs, Stier der Bharatas.“

Wort für Wort
bṛhaspatir uvāca
Bṛhaspati sprach (Perf. 3.Sg.)
sarvāṇy etāni dharmasya
alle diese des Dharma (Nom. Pl. n./Gen.)
pṛthag dvārāṇi sarvaśaḥ
einzelne Tore, in jeder Hinsicht (Nom. Pl. n./Adv.)
śṛṇu saṃkīrtyamānāni
höre, [wenn sie] verkündet werden (Imp. 2.Sg./Part.Pass.Präs. Nom. Pl. n.)
ṣaḍ eva bharatarṣabha
genau sechs, Stier der Bharatas (Nom. Num./Vok.)

hanta niḥśreyasaṃ jantor ahaṃ vakṣyāmy anuttamam; ahiṃsāpāśrayaṃ dharmaṃ yaḥ sādhayati vai naraḥ

„Wohlan, ich will das höchste, unübertreffliche Heil des Lebewesens verkünden: den auf Gewaltlosigkeit gegründeten Dharma, den ein Mensch wahrhaft verwirklicht.“

Wort für Wort
hanta niḥśreyasaṃ jantoḥ
wohlan, das höchste Heil des Lebewesens (Interj./Akk. Sg. n./Gen.)
ahaṃ vakṣyāmy anuttamam
ich werde sagen, das unübertreffliche (Nom./Fut. 1.Sg./Akk. Sg. n.)
ahiṃsāpāśrayaṃ dharmam
den auf Gewaltlosigkeit gestützten Dharma (Akk. Sg. m., Tatpuruṣa/Bahuvrīhi)
yaḥ sādhayati vai naraḥ
den wahrlich ein Mann ins Werk setzt (Rel. Nom./Präs. 3.Sg./Nom. Sg.)

trīn doṣān sarvabhūteṣu nidhāya puruṣaḥ sadā; kāmakrodhau ca saṃyamya tataḥ siddhim avāpnute

„Wer drei Fehler [in] allen Wesen [erkennt und] beiseitelegt [?], und Begierde und Zorn zügelt, der erlangt daraufhin Vollendung.“

Wort für Wort
trīn doṣān
drei Fehler (Akk. Pl. m.)
sarvabhūteṣu nidhāya
in/gegenüber allen Wesen niederlegend [?] (Lok. Pl./Abs.)
puruṣaḥ sadā
der Mensch stets (Nom. Sg./Adv.)
kāmakrodhau ca saṃyamya
Begierde und Zorn und zügelnd (Akk. Du. m./Abs.)
tataḥ siddhim avāpnute
dann erlangt er Vollendung (Adv./Akk. Sg. f./Präs. 3.Sg. Med.)

Nidhāya sarvabhūteṣu ist unsicher: entweder „in allen Wesen (als vorhanden) sehend/festlegend“ oder „gegenüber allen Wesen ablegend“; die drei doṣa sind nicht benannt (vermutlich kāma, krodha, lobha).

ahiṃsakāni bhūtāni daṇḍena vinihanti yaḥ; ātmanaḥ sukham anvicchan na sa pretya sukhī bhavet

„Wer Wesen, die keine Gewalt üben, mit dem Stock erschlägt, im Streben nach eigenem Glück, der wird nach dem Tode nicht glücklich sein.“

Wort für Wort
ahiṃsakāni bhūtāni
gewaltlose Wesen (Akk. Pl. n.)
daṇḍena vinihanti yaḥ
mit dem Stock erschlägt, wer (Instr. Sg./Präs. 3.Sg./Rel. Nom.)
ātmanaḥ sukham anvicchan
des eigenen Glück suchend (Gen./Akk. Sg. n./Part.Präs. Nom.)
na sa pretya sukhī bhavet
nicht er wird nach dem Tode glücklich sein (Neg./Nom./Abs./Nom. Sg./Opt. 3.Sg.)

ātmopamaś ca bhūteṣu yo vai bhavati pūruṣaḥ; nyastadaṇḍo jitakrodhaḥ sa pretya sukham edhate

„Wer aber unter den Wesen sich selbst gleich ist, den Stock niedergelegt, den Zorn besiegt, der gedeiht nach dem Tode im Glück.“

Wort für Wort
ātmopamaś ca bhūteṣu
sich selbst gleich unter den Wesen (Nom. Sg. m./Lok. Pl.)
yo vai bhavati pūruṣaḥ
wer wahrlich als Mensch ist (Rel. Nom./Präs. 3.Sg./Nom. Sg.)
nyastadaṇḍo jitakrodhaḥ
den Stock niedergelegt, den Zorn besiegt (Bahuvrīhi Nom. Sg. m.)
sa pretya sukham edhate
der gedeiht nach dem Tode in Glück (Nom./Abs./Akk. Sg. n./Präs. 3.Sg. Med.)

sarvabhūtātmabhūtasya sarvabhūtāni paśyataḥ; devāpi mārge muhyanti apadasya padaiṣiṇaḥ

„Für den, der Selbst aller Wesen geworden ist und alle Wesen [so] sieht, [für den] Fußlosen, der die Spur sucht: selbst die Götter geraten auf dem Pfad ins Straucheln [d. h. sie können seine Spur nicht erfassen].“

Wort für Wort
sarvabhūtātmabhūtasya
des zum Selbst aller Wesen Gewordenen (Gen. Sg. m., Kompositum)
sarvabhūtāni paśyataḥ
alle Wesen sehend (Akk. Pl. n./Part.Präs. Gen. Sg.)
devāpi mārge muhyanti
auch [api] die Götter auf dem Pfad verwirren sich (Nom. Pl. m./Lok. Sg./Präs. 3.Pl.)
apadasya padaiṣiṇaḥ
des Fußlosen/Spurlosen, der die Spur sucht (Gen. Sg. m./Gen. Sg. m.) [?]

Wörtlich: „Auch die Götter verirren sich auf dem Weg [bei] dem Spurlosen, der die Spur sucht“; Sinn nicht ganz sicher, vermutlich: Der Weise, der sein Selbst in allen Wesen sieht, hinterlässt keine Spur; selbst die Götter finden seinen Weg nicht.

na tat parasya saṃdadyāt pratikūlaṃ yad ātmanaḥ; eṣa saṃkṣepato dharmaḥ kāmād anyaḥ pravartate

„Man soll einem anderen nicht das antun, was einem selbst zuwider ist. Dies ist der Dharma in Kürze; ein anderer [Dharma] entsteht aus Begierde.“

Wort für Wort
na tat parasya saṃdadyāt
nicht das einem anderen zufügen soll man (Neg./Akk. n./Gen./Opt. 3.Sg.)
pratikūlaṃ yad ātmanaḥ
Widriges, was [für] einen selbst [ist] (Akk. Sg. n./Rel./Gen. Sg.)
eṣa saṃkṣepato dharmaḥ
dies ist in Kürze der Dharma (Nom. Sg. m./Adv./Nom.)
kāmād anyaḥ pravartate
aus Begierde [entsteht] ein anderer (Abl. Sg./Nom. Sg. m./Präs. 3.Sg. Med.)

pratyākhyāne ca dāne ca sukhaduḥkhe priyāpriye; ātmaupamyena puruṣaḥ samādhim adhigacchati

„Im Abweisen und im Geben, in Glück und Leid, im Angenehmen und Unangenehmen gelangt der Mensch durch Vergleich mit sich selbst zu Gleichmut [samādhi].“

Wort für Wort
pratyākhyāne ca dāne ca
bei Abweisung und bei Gabe (Lok. Sg. n.)
sukhaduḥkhe priyāpriye
in Glück und Leid, Lieb und Unlieb (Lok. Du. n.)
ātmaupamyena puruṣaḥ
durch Gleichsetzung mit sich selbst der Mensch (Instr. Sg. n./Nom. Sg. m.)
samādhim adhigacchati
erlangt Sammlung/Gleichmut (Akk. Sg. m./Präs. 3.Sg.)

yathā paraḥ prakramate 'pareṣu; tathāparaḥ prakramate parasmin; eṣaiva te 'stūpamā jīvaloke; yathā dharmo naipuṇenopadiṣṭaḥ

„Wie der eine gegen andere vorgeht, so geht der andere gegen ihn vor. Dies sei dein Vergleich in der Welt der Lebenden, wie der Dharma kunstvoll gelehrt worden ist.“

Wort für Wort
yathā paraḥ prakramate 'pareṣu
wie der eine gegen andere vorgeht (Adv./Nom. Sg. m./Präs. 3.Sg. Med./Lok. Pl. m.)
tathāparaḥ prakramate parasmin
so geht der andere gegen jenen vor (Adv./Nom. Sg./Präs. 3.Sg./Lok. Sg.)
eṣaiva te 'stūpamā
dies sei dein Vergleich (Nom. Sg. f./Gen./Imp. 3.Sg. + upamā)
jīvaloke
in der Welt der Lebenden (Lok. Sg. m.)
yathā dharmo naipuṇena upadiṣṭaḥ
wie der Dharma kunstvoll gelehrt ist (Adv./Nom. Sg./Instr. Sg. n./Part.Perf.Pass. Nom.)

Zweiter Halbvers unsicher in der Konstruktion: yathā dharmo naipuṇenopadiṣṭaḥ kann als Nebensatz („wie der Dharma kunstvoll gelehrt ist“) gefasst werden.

vaiśaṃpāyana uvāca; ity uktvā taṃ suragurur dharmarājaṃ yudhiṣṭhiram; divam ācakrame dhīmān paśyatām eva nas tadā

Vaiśaṃpāyana sprach: „Nachdem der Lehrer der Götter so zu Yudhiṣṭhira, dem König des Dharma, gesprochen hatte, stieg der Weise zum Himmel auf, während wir ihm zusahen.“

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
ity uktvā taṃ suragurur
so gesprochen habend, zu ihm, der Götterlehrer (Abs./Akk. Sg./Nom. Sg. m.)
dharmarājaṃ yudhiṣṭhiram
zum Dharma-König Yudhiṣṭhira (Akk. Sg. m.)
divam ācakrame dhīmān
zum Himmel schritt er, der Weise (Akk. Sg./Perf./Impf. 3.Sg. Med./Nom. Sg. m.)
paśyatām eva nas tadā
während wir zusahen, damals (Part. Gen. Pl./Gen. Pl. Pron./Adv.)

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