Kapitel 146: maheśvaranāmaniruktiḥ
Deutung der Namen und Gestalten Maheśvaras (Śivas)
Vāsudeva erklärt Yudhiṣṭhira die vielen Namen Śivas (Rudra, Mahādeva, Śiva, Sthāṇu, Paśupati u. a.) durch volksetymologische Deutungen und rühmt seine Verehrung.
dve tanū tasya devasya vedajñā brāhmaṇā viduḥ; ghorām anyāṃ śivām anyāṃ te tanū bahudhā punaḥ
Zwei Leiber hat dieser Gott, so wissen die vedakundigen Brāhmaṇen: einen schrecklichen und einen freundlichen; und diese beiden Leiber sind wiederum vielfach [gegliedert].
Wort für Wort
dve tanū tasya devasya
zwei Leiber hat dieser Gott (Nom. Du. f.; Gen. Sg.)
vedajñā brāhmaṇā viduḥ
vedakundige Brāhmaṇen wissen (Nom. Pl.; 3.Pl.Perf. als Präs.)
ghorām anyāṃ śivām anyām
die eine schrecklich, die andere freundlich (Akk. Sg. f.)
te tanū bahudhā punaḥ
diese beiden Leiber vielfach wiederum (Nom. Du. f.; Adv.)
ugrā ghorā tanūr yāsya so 'gnir vidyut sa bhāskaraḥ; śivā saumyā ca yā tasya dharmas tv āpo 'tha candramāḥ
Der Leib von ihm, der wild und schrecklich ist, der ist Agni, der Blitz, die Sonne; der freundliche, milde aber, der ihm gehört, ist das Recht (Dharma), das Wasser und der Mond.
Wort für Wort
ugrā ghorā tanūr yā asya
der wilde, schreckliche Leib, der ihm [gehört] (Nom. Sg. f.; Rel.; Gen.)
so 'gnir vidyut sa bhāskaraḥ
der ist Agni, der Blitz, der ist die Sonne (Nom. Sg.)
śivā saumyā ca yā tasya
und der freundliche, milde, der ihm [gehört] (Nom. Sg. f.)
dharmas tv āpo 'tha candramāḥ
das Recht, das Wasser und dann der Mond (Nom. Sg.; Nom. Pl. f.)
Seine allerschrecklichste Gestalt, durch sie zieht er die Welt zusammen [d. h. lässt sie vergehen]; wegen [seiner] Herrschaft und Größe gilt er als „Maheśvara“, der Große Herr.
Wort für Wort
yā asya ghoratamā mūrtiḥ
seine allerschrecklichste Gestalt (Nom. Sg. f.; Superl.)
jagat saṃharate tayā
die Welt zieht er zusammen durch sie (Akk. Sg.; 3.Sg.Med.; Instr.)
īśvaratvān mahattvāc ca
wegen der Herrschaft und wegen der Größe (Abl. Sg.)
maheśvara iti smṛtaḥ
„Maheśvara“, so gilt er / wird überliefert (Nom.; Part.Perf.Pass.)
dahaty ūrdhvaṃ sthito yac ca prāṇotpattiḥ sthitiś ca yat; sthiraliṅgaś ca yan nityaṃ tasmāt sthāṇur iti smṛtaḥ
Weil er oben stehend brennt, weil bei ihm der Ursprung und der Bestand des Lebenshauchs [liegen] und weil sein Zeichen (Liṅga) beständig fest ist, darum gilt er als Sthāṇu, der Feststehende.
Wort für Wort
dahati ūrdhvaṃ sthitaḥ yat
weil er brennt, oben stehend (3.Sg.Präs.; Part.Perf.)
prāṇotpattiḥ sthitiś ca yat
weil Entstehung und Bestand des Lebenshauchs [bei ihm liegen] (Nom. Sg. f.)
sthiraliṅgaḥ ca yat nityam
und weil [er] festes Zeichen [hat], beständig (Nom. Sg.; Bahuvrīhi)
tasmāt sthāṇur iti smṛtaḥ
darum als „Sthāṇu“ gilt er (Abl.-Adv.; Nom.)
Zu dahati ūrdhvaṃ sthitaḥ vgl. das Spiel mit sthāṇu (Pfahl, Feststehender); Wortspiel nicht restlos auflösbar.
dhūmraṃ rūpaṃ ca yat tasya dhūrjaṭīty ata ucyate; viśve devāś ca yat tasmin viśvarūpas tataḥ smṛtaḥ
Und weil seine Gestalt rauchfarben ist, deshalb heißt er „Dhūrjaṭi“ [Rauchgelockter]; und weil alle Götter in ihm [sind], darum gilt er als der Allgestaltige.
Wort für Wort
dhūmraṃ rūpaṃ ca yat tasya
und weil seine Gestalt rauchfarben [ist] (Nom. Sg. n.; Gen.)
dhūrjaṭīti ata ucyate
„Dhūrjaṭi“, daher wird er genannt (3.Sg.Pass.)
viśve devāś ca yat tasmin
und weil alle Götter in ihm [sind] (Nom. Pl.; Lok. Sg.)
Tausendäugig oder zehntausendäugig oder auch ganz aus Augen bestehend [ist er]; der Ursprung des Auges [und] sein Glanz [sind] er; kein Ende haben seine Augen.
Wort für Wort
sahasrākṣo 'yutākṣo vā
tausendäugig oder zehntausendäugig (Nom. Sg.)
sarvatokṣimayo 'pi vā
oder auch überall aus Augen bestehend (Nom. Sg.)
cakṣuṣaḥ prabhavas tejaḥ
des Auges Ursprung, Glanz (Gen. Sg.; Nom. Sg.)
na asti anto 'tha asya cakṣuṣām
und nicht gibt es ein Ende seiner Augen (Nom. Sg.; Gen. Pl.)
Die zweite Vershälfte ist knapp; wiedergegeben wörtlich.
sarvathā yat paśūn pāti taiś ca yad ramate punaḥ; teṣām adhipatir yac ca tasmāt paśupatiḥ smṛtaḥ
Weil er in jeder Weise die Tiere (Paśu) schützt und sich wiederum mit ihnen erfreut und weil er ihr Herr ist, darum gilt er als Paśupati, Herr der Tiere.
Wort für Wort
sarvathā yat paśūn pāti
weil er in jeder Weise die Tiere schützt (Adv.; Akk. Pl.; 3.Sg.Präs.)
taiś ca yat ramate punaḥ
und weil er sich mit ihnen wiederum erfreut (Instr. Pl.; 3.Sg.Med.)
Und die Welten, die den Hochgesinnten verehren [und ihm] lieb sind ...
Wort für Wort
arcayanti ca ye lokāḥ
und die Welten/Menschen, die verehren (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)
priyās tasya mahātmanaḥ
lieb, dem Hochgesinnten (Nom. Pl.; Gen. Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Halbvers einer Zusatzpassage; Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.] Syntax knapp: priyāḥ tasya ist wohl „ihm lieb“.
Und erfreut [ist] Śaṃkara; Glück [und] Besitz, das Höchste in der Welt [gibt er].
Wort für Wort
prahṛṣṭaś ca eva śaṃkaraḥ
und erfreut ist Śaṃkara (Nom.; Part.Perf.Pass.)
sukhaṃ vittaṃ paraṃ loke
Glück, Besitz, das Höchste in der Welt (Akk. Sg. n.; Lok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). [Anm.: Zusatzvers, Text verkürzt; „gibt er“ ergänzt nach dem Zusammenhang.]
viṣamasthaḥ śarīreṣu sa mṛtyuḥ prāṇinām iha; sa ca vāyuḥ śarīreṣu prāṇo 'pānaḥ śarīriṇām
In den Körpern, [wo er] an ungleichen [d. h. widrigen] Orten [wirkt], ist er hier der Tod der Lebewesen; er ist auch der Wind in den Körpern, der Ein- und der Ausatem der Körperbewohner.
Wort für Wort
viṣamasthaḥ śarīreṣu
an widriger Stelle stehend [?], in den Körpern (Nom. Sg.; Lok. Pl.)
sa mṛtyuḥ prāṇinām iha
er [ist] der Tod der Lebewesen hier (Nom.; Gen. Pl.)
sa ca vāyuḥ śarīreṣu
und er [ist] der Wind in den Körpern (Nom.)
prāṇo 'pānaḥ śarīriṇām
Einatem [und] Ausatem der Körperbewohner (Nom.; Gen. Pl.)
viṣamasthaḥ ist unsicher: „an widriger Stelle stehend“ [?].
tasya ghorāṇi rūpāṇi dīptāni ca bahūni ca; loke yāny asya pūjyante viprās tāni vidur budhāḥ
Seine schrecklichen und flammenden Gestalten [sind] zahlreich; die Gestalten von ihm, die in der Welt verehrt werden, kennen die Brāhmaṇen, die Weisen.
Wort für Wort
tasya ghorāṇi rūpāṇi
seine schrecklichen Gestalten (Nom. Pl. n.)
dīptāni ca bahūni ca
und flammend und viele (Nom. Pl. n.)
loke yāny asya pūjyante
die in der Welt von ihm verehrt werden (Lok.; Rel. Nom. Pl.; 3.Pl.Pass.)
viprās tāni vidur budhāḥ
die Brāhmaṇen kennen sie, die Weisen (Nom. Pl.; 3.Pl.Perf.)
Und im Veda kennen die Brāhmaṇen sein vorzügliches Śatarudrīya, und auch [das] Preislied auf den Hochgesinnten, das unmittelbar auf Vyāsa [zurückgeht/folgt].
Wort für Wort
vede ca asya vidur viprāḥ
und im Veda kennen sie von ihm die Brāhmaṇen (Lok.; 3.Pl.Perf.; Nom. Pl.)
śatarudrīyam uttamam
das vorzügliche Śatarudrīya (Akk. Sg. n.)
vyāsād anantaraṃ yat ca api
und auch das, unmittelbar von Vyāsa [her] (Abl.; Adv.)
upasthānaṃ mahātmanaḥ
Preisung/Anrufung des Hochgesinnten (Akk. Sg. n.; Gen.)
vyāsād anantaram ist unsicher [?]: „unmittelbar nach/von Vyāsa“.
Er ist der Geber aller Welten, und das große All wird [er] genannt; als den Erstgeborenen [d. h. Ältesten] bezeichnen ihn die Brāhmaṇen und andere Seher.
Wort für Wort
pradātā sarvalokānām
Geber aller Welten (Nom. Agent.; Gen. Pl.)
viśvaṃ ca api ucyate mahat
und auch das große All wird er genannt (Nom./Akk.; 3.Sg.Pass.)
jyeṣṭhabhūtaṃ vadanty enam
als den Ältesten bezeichnen ihn (Akk. Sg.; 3.Pl.Präs.)
prathamo hy eṣa devānāṃ mukhād agnir ajāyata; grahair bahuvidhaiḥ prāṇān saṃruddhān utsṛjaty api
Er ist der Erste unter den Göttern; aus [seinem] Mund wurde Agni geboren; auch entlässt er die durch mannigfache Ergreifer (Grahas) festgehaltenen Lebenshauche.
Wort für Wort
prathamo hi eṣa devānām
denn dieser [ist] der Erste der Götter (Nom.; Gen. Pl.)
mukhād agnir ajāyata
aus dem Mund wurde Agni geboren (Abl.; Impf. 3.Sg.Med.)
grahair bahuvidhaiḥ
durch vielerlei Ergreifer (Instr. Pl.)
prāṇān saṃruddhān utsṛjati api
die festgehaltenen Lebenshauche entlässt er auch (Akk. Pl.; Part.Pass.; 3.Sg.Präs.)
grahaiḥ saṃruddhān prāṇān: „Lebenshauche, von Dämonen der Ergreifung festgehalten“; Sinn nicht ganz sicher [?].
Er allein ist stets höher [gestellt] in Bezug auf Gutes und Schlechtes der drei Welten; und wegen [seiner] Herrschaft heißt er wiederum der Herr über die Wünsche.
Wort für Wort
sa eva abhyadhiko nityam
eben er [ist] stets überlegen (Nom.; Adv.)
trailokyasya śubhāśubhe
der drei Welten, in Gutem und Schlechtem (Gen.; Lok. Du. n.)
aiśvaryāc ca eva kāmānām
und eben wegen [seiner] Herrschaft, über die Wünsche (Abl.; Gen. Pl.)
maheśvaraś ca lokānāṃ mahatām īśvaraś ca saḥ; bahubhir vividhai rūpair viśvaṃ vyāptam idaṃ jagat; tasya devasya yad vaktraṃ samudre vaḍavāmukham
Und er ist Maheśvara, der Herr der großen Welten; mit vielen mannigfachen Gestalten ist dieses ganze Weltall durchdrungen; und das Antlitz dieses Gottes, das im Ozean [ist], ist das Stutenmaul.
Wort für Wort
maheśvaraś ca lokānām
und Maheśvara der Welten (Nom.; Gen. Pl.)
mahatām īśvaraś ca saḥ
und er, der Herr der Großen (Gen. Pl.; Nom.)
bahubhir vividhai rūpaiḥ
durch viele, mannigfache Gestalten (Instr. Pl. n.)
viśvaṃ vyāptam idaṃ jagat
dieses ganze Weltall [ist] durchdrungen (Nom. Sg. n.; Part.Perf.Pass.)
tasya devasya yad vaktram
das Antlitz dieses Gottes, das (Gen. Sg.; Nom. Sg. n.)
samudre vaḍavāmukham
im Ozean, das Stutenmaul (Lok.; Nom. Sg. n.)
[Anm.: Die letzte Vershälfte fügt sich syntaktisch locker an; „ist“ ergänzt.]