Kapitel 94: vṛṣādarbhisaptarṣisaṃvāda
Die sieben Ṛṣis und König Vṛṣādarbhi: die Gefahr der Gabenannahme vom König
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira zur Frage nach dem Unterschied zwischen Gebern und Annehmenden die alte Geschichte der hungernden Ṛṣis, die die Gaben des Königs Vṛṣādarbhi ablehnen und deren Hunger-Askese durch seine Rachegöttin (Kṛtyā) bedroht wird.
Bhīṣma sprach: „Wenn ein Zweimalgeborener von einem Guten annimmt, ebenso [wenn er] von einem Schlechten [annimmt]: Bei einem Tugendhaften [Geber] wird der Makel gering sein, bei einem Tugendlosen aber versinkt er.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sādhor yaḥ pratigṛhṇīyāt
wer von einem Guten annähme (Abl.Sg.; Opt.)
tathaivāsādhuto dvijaḥ
ebenso von einem Nicht-Guten, der Zweimalgeborene (Abl. auf -taḥ; Nom.Sg.)
guṇavaty alpadoṣaḥ syāt
bei einem Tugendhaften wird [er] geringen Makel haben (Lok.Sg.; Bahuvrīhi; Opt.)
nirguṇe tu nimajjati
bei einem Tugendlosen aber versinkt er (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.)
Subjekt des Schlusssatzes ist der Empfänger; ‚guṇavati/nirguṇe‘ als Lok. auf den Geber bezogen.
Kāśyapa, Atri, Bharadvāja, Viśvāmitra und Gautama, Jamadagni und Vasiṣṭha und auch die tugendhafte Arundhatī.
Wort für Wort
kāśyapo 'trir bharadvājaḥ
Kāśyapa, Atri, Bharadvāja (Nom.Sg.)
viśvāmitro 'tha gautamaḥ
Viśvāmitra und Gautama (Nom.Sg.)
jamadagnir vasiṣṭhaś ca
Jamadagni und Vasiṣṭha (Nom.Sg.)
sādhvī caivāpy arundhatī
und auch die tugendhafte Arundhatī (Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage: Variante der Namensliste mit veränderter Reihenfolge.
In dieser nahrungsarmen Sterblichenwelt gerieten die Asketen, sich selbst [am Leben] erhalten wollend, um der Nahrung willen in eine elende Lebensweise.
Wort für Wort
nirādye martyaloke 'smin
in dieser nahrungslosen Sterblichenwelt (Lok.Sg.)
ātmānaṃ te parīpsavaḥ
sie, sich selbst [retten] wollend (Akk.Sg.; Nom.Pl.)
kṛcchrām āpedire vṛttim
gerieten in eine elende Lebensweise (Akk.Sg.f.; Perf.3.Pl.)
annahetos tapasvinaḥ
um der Nahrung willen, die Asketen (Abl. als Postposition; Nom.Pl.)
Familienernährende Stiere, je hundert, gute Zugtiere gebe ich überall; auch Lastenträger und Fette, ebenso viele; die besten Kühe, die einmal gekalbt haben, und gutwillige Kühe.
Wort für Wort
kulaṃbharān anaḍuhaḥ śataṃśatān
familienernährende Stiere, je hundert (Akk.Pl.)
dhuryāñ śubhān
gute Zugtiere (Akk.Pl.m.)
sarvaśo 'haṃ dadāni
überall gebe ich (1.Sg.Konj.)
pṛthvīvāhān pīvarāṃś ca
Lastträger und Fette (Akk.Pl.)
tāvad
ebenso viele (Adv.)
agryā gṛṣṭyo dhenavaḥ suvratāś ca
beste, einmal gekalbte Kühe und gutwillige (Nom.Pl.f.)
pṛthvīvāhān unsicher (‚breite/große Lasten tragend‘); Konstruktion der letzten Zeile (Nom. statt Akk.) ist auffällig.
Erlesene Dörfer, Reis und Gerste und Säfte und anderes, seltenes Juwel: was soll ich [noch] geben? Hegt nicht solche Gesinnung [gegenüber dem] Nicht-Essbaren; zur Stärkung, was gebe ich euch [sonst]?
Wort für Wort
varān grāmān
erlesene Dörfer (Akk.Pl.)
vrīhiyavaṃ rasāṃś ca
Reis und Gerste und Säfte (Akk.Sg.n.; Akk.Pl.)
ratnaṃ cānyad durlabhaṃ
und anderes seltenes Juwel (Akk.Sg.n.)
kiṃ dadāni
was soll ich geben (1.Sg.Konj.)
mā smābhakṣye bhāvam evaṃ kurudhvam
hegt nicht so eine Gesinnung gegenüber Nicht-Essbarem (Lok.Sg.; Imp.Med. mit mā)
puṣṭyarthaṃ vai kiṃ prayacchāmy ahaṃ vaḥ
zur Stärkung, was gebe ich euch (Akk.; 1.Sg.Präs.)
Bezug auf das gekochte Menschenfleisch; Sinn der zweiten Halbzeile leicht unsicher.
daśasūnāsamaś cakrī daśacakrisamo dhvajī; daśadhvajisamā veśyā daśaveśyāsamo nṛpaḥ; daśasūnāsahasrāṇi yo vāhayati sainikaḥ; tena tulyo bhaved rājā ghoras tasya pratigrahaḥ
„Der Ölmüller gleicht zehn Schlachthäusern, der Schankwirt zehn Ölmüllern, die Hure zehn Schankwirten, der König zehn Huren. Ein Krieger, der zehntausend Schlachthäuser betreiben lässt: ihm möge der König gleichen; furchtbar ist dessen Annahme.“
Wort für Wort
daśasūnāsamaś cakrī
der Ölmüller, zehn Schlachthäusern gleich (Nom.Sg.)
daśacakrisamo dhvajī
der Schankwirt, zehn Ölmüllern gleich (Nom.Sg.)
daśadhvajisamā veśyā
die Hure, zehn Schankwirten gleich (Nom.Sg.f.)
daśaveśyāsamo nṛpaḥ
der König, zehn Huren gleich (Nom.Sg.)
daśasūnāsahasrāṇi yo vāhayati sainikaḥ
der Krieger, der zehntausend Schlachthäuser betreiben lässt (Akk.Pl.n.; Kaus.Präs.)
tena tulyo bhaved rājā
ihm gleiche der König (Instr.; Opt.)
ghoras tasya pratigrahaḥ
furchtbar ist dessen Annahme (Nom.Sg.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (star). cakrī = Ölpresser (mit Rad), dhvajī = Schnapsbrenner/Schankwirt (mit Flagge als Zeichen).
gurūṇīti viditvātha na grāhyāṇy atrir abravīt; na sma he mūḍhavijñānā na sma he mandabuddhayaḥ; haimānīmāni jānīmaḥ pratibuddhāḥ sma jāgṛmaḥ
Atri aber erkannte, dass sie schwer waren, und sagte: „Sie sind nicht anzunehmen. Nicht doch, ihr mit törichter Einsicht, nicht doch, ihr Schwachsinnigen! Wir erkennen, dass diese golden sind; wir sind erwacht, wir wachen.“
Wort für Wort
gurūṇi iti viditvā atha
„schwer [sind sie]“ – so erkannt habend, dann (Nom.Pl.n./Abs.)
na grāhyāṇi atriḥ abravīt
nicht anzunehmen [sind sie], sprach Atri (Gerundiv Nom.Pl.n./3.Sg.Impf.)
na sma he mūḍhavijñānāḥ
nicht doch, o ihr mit törichter Einsicht (Vok.Pl.)
na sma he mandabuddhayaḥ
nicht doch, o ihr Schwachsinnigen (Vok.Pl.)
haimāni imāni jānīmaḥ
wir erkennen diese als golden (Akk.Pl.n./1.Pl.Präs.)
pratibuddhāḥ sma jāgṛmaḥ
erwacht sind wir, wir wachen (Part.Pf.Pass./1.Pl.Präs.)
na sma he ...: Sinn der Wendung unsicher; hier als nachdrückliche Zurückweisung wiedergegeben [?].
Kaśyapa sprach: „Was es auf der Erde an Reis und Gerste, Gold, Vieh und Frauen gibt, all das reicht nicht für einen einzigen; darum soll der Wissende zur Ruhe kommen.“
Wort für Wort
kaśyapaḥ uvāca
Kaśyapa sprach
yat pṛthivyāṃ vrīhiyavaṃ
was auf der Erde an Reis und Gerste [ist] (Lok.Sg./Dvandva n.)
hiraṇyaṃ paśavaḥ striyaḥ
Gold, Vieh, Frauen (Nom.Sg./Pl./Pl.)
sarvaṃ tat na alam ekasya
all das genügt nicht für einen (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)
tasmāt vidvān śamaṃ vrajet
darum soll der Wissende zur Ruhe gehen (Abl./Nom.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Opt.)
Bharadvāja sprach: „Wie dem entstandenen Ruru-Hirsch, wenn er heranwächst, das Geweih wächst, so [wächst] das Begehren des Menschen; für dieses gibt es kein Maß.“
Wort für Wort
bharadvājaḥ uvāca
Bharadvāja sprach
utpannasya ruroḥ śṛṅgam
dem entstandenen Ruru-Hirsch das Horn/Geweih (Gen.Sg./Nom.Sg.)
vardhamānasya vardhate
wächst, während er wächst (Part.Präs.Gen.Sg./3.Sg.Präs.)
prārthanā puruṣasya iva
wie das Begehren des Menschen (Nom.Sg.Fem./Gen.Sg.)
tasya mātrā na vidyate
für dieses gibt es kein Maß (Gen.Sg./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
Viśvāmitra sprach: „Wenn dem, der eine Begierde hegt, die Begierde in Erfüllung geht, dann durchbohrt ihn sogleich eine andere Begierde, der Durst, wie ein Pfeil.“
Wort für Wort
viśvāmitraḥ uvāca
Viśvāmitra sprach
kāmaṃ kāmayamānasya
dem, der eine Begierde begehrt (Akk.Sg./Part.Präs.Gen.Sg.)
yadā kāmaḥ samṛdhyate
wenn die Begierde in Erfüllung geht (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
atha enam aparaḥ kāmaḥ
dann ihn eine andere Begierde (Akk.Sg./Nom.Sg.)
tṛṣṇā vidhyati bāṇavat
der Durst durchbohrt wie ein Pfeil (Nom.Sg.Fem./3.Sg.Präs.)
jamadagnir uvāca; pratigrahe saṃyamo vai tapo dhārayate dhruvam; tad dhanaṃ brāhmaṇasyeha lubhyamānasya visravet
Jamadagni sprach: „Zurückhaltung beim Annehmen von Gaben trägt gewiss die Askese; jener Reichtum eines gierig werdenden Brāhmaṇa würde hier zerrinnen.“
Wort für Wort
jamadagniḥ uvāca
Jamadagni sprach
pratigrahe saṃyamaḥ vai
Zurückhaltung beim Annehmen ja (Lok.Sg./Nom.Sg.)
tapaḥ dhārayate dhruvam
trägt/erhält die Askese gewiss (Akk.Sg./3.Sg.Kaus./Adv.)
tat dhanaṃ brāhmaṇasya iha
jener Reichtum eines Brāhmaṇa hier (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)
lubhyamānasya visravet
eines gierig Werdenden würde zerrinnen (Part.Präs.Pass.Gen.Sg./3.Sg.Opt.)
Bezug von tad dhanam auf die Askese (tapas) ist Deutung.
arundhaty uvāca; dharmārthaṃ saṃcayo yo vai dravyāṇāṃ pakṣasaṃmataḥ; tapaḥsaṃcaya eveha viśiṣṭo dravyasaṃcayāt
Arundhatī sprach: „Die Ansammlung von Gütern zu dharma-gemäßem Zweck, die von einer Seite [her] gebilligt ist – die Ansammlung von Askese ist hier vorzüglicher als die Ansammlung von Gütern.“
Wort für Wort
arundhatī uvāca
Arundhatī sprach
dharmārthaṃ saṃcayaḥ yaḥ vai
Ansammlung für den Dharma, die ja (Adv./Nom.Sg./Rel.)
dravyāṇāṃ pakṣasaṃmataḥ
von Gütern, von einer Partei gebilligt (Gen.Pl./Nom.Sg.m.) [?]
tapaḥsaṃcayaḥ eva iha
die Ansammlung von Askese eben hier (Nom.Sg.)
viśiṣṭaḥ dravyasaṃcayāt
vorzüglicher als die Güteransammlung (Nom.Sg./Abl.Sg.)
Gaṇḍā sprach: „Weil diese meine Herren, obwohl stärker, sich wie Schwache vor der schrecklichen Gefahr von hier fürchten, deshalb fürchte ich mich umso mehr.“
Wort für Wort
gaṇḍā uvāca
Gaṇḍā sprach
ugrāt itaḥ bhayāt yasmāt
aus der schrecklichen Furcht/Gefahr von hier, weil (Abl.Sg.)
bibhyati ime mama īśvarāḥ
fürchten sich diese meine Herren (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
balīyāṃsaḥ durbalavat
stärker, wie Schwache (Komp.Nom.Pl./Adv.)
bibhemi aham ataḥ param
fürchte ich mich, ich, darum umso mehr (1.Sg.Präs./Adv.)
paśusakha uvāca; yathā caranti vidvāṃsas tathā dharmaparāyaṇāḥ; tad eva viduṣā kāryam ātmano hitam icchatā
Paśusakha sprach: „Wie die Wissenden wandeln, so auch die dem Dharma Ergebenen; eben das muss vom Wissenden getan werden, der sein eigenes Wohl wünscht.“
Wort für Wort
paśusakhaḥ uvāca
Paśusakha sprach
yathā caranti vidvāṃsaḥ
wie die Wissenden handeln/wandeln (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
tathā dharmaparāyaṇāḥ
so [auch] die dem Dharma Ergebenen (Nom.Pl.)
tat eva viduṣā kāryam
eben das ist vom Wissenden zu tun (Instr.Sg./Gerundiv)
ātmanaḥ hitam icchatā
der das eigene Wohl wünscht (Gen.Sg./Akk.Sg./Part.Instr.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
yad vai dharme paraṃ nāsti brāhmaṇās tad dhanaṃ viduḥ; vinayārthaṃ suvidvāṃsam upāseyaṃ yathātatham
„Das, worüber hinaus es im Dharma nichts Höheres gibt, das kennen die Brāhmaṇas als Reichtum; zur Schulung ist ein sehr Gelehrter aufzusuchen, wie es sich gehört.“
Wort für Wort
yat vai dharme param na asti
was im Dharma nichts Höheres gibt (Lok.Sg./Nom.Sg.n.)
brāhmaṇāḥ tat dhanaṃ viduḥ
die Brāhmaṇas kennen das als Reichtum (Nom.Pl./3.Pl.Perf.)
vinayārtham
zum Zweck der Schulung/Bescheidenheit (Adv.)
suvidvāṃsam upāseyam
einen sehr Gelehrten ist aufzusuchen (Akk.Sg./Gerundiv oder 1.Sg.Opt.) [?]
Die Ṛṣis sprachen: „Wer Sehnsucht nach Besitz hat, wessen Durst übermäßig ist, der soll sich mit Bescheidenheit eifrig an die halten, deren Ziele erfüllt sind.“
Wort für Wort
ṛṣayaḥ ūcuḥ
die Ṛṣis sprachen
yasya syāt vibhavotkaṇṭhā
wer Sehnsucht nach Besitz hat (Gen.Sg./3.Sg.Opt./Nom.Sg.)
tṛṣṇā yasya adhikā bhavet
wessen Durst übermäßig sein sollte (Nom.Sg./Gen.Sg./3.Sg.Opt.)
vinayāt sa
aus Bescheidenheit, der (Abl.Sg./Nom.Sg.)
samṛddhārthān samupāsīta yatnataḥ
soll die Erfolgreichen aufsuchen, eifrig (Akk.Pl./3.Sg.Opt.Med./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Sinn unsicher [?].