Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 122: brāhmaṇapātratā Maitreya über die Würdigkeit des gelehrten Brahmanen als Empfänger von Gaben

Maitreya antwortet Vyāsa und preist Askese, Gelehrsamkeit und Herkunft als Kennzeichen des Brahmanen, dem zu geben Frucht bringt.

bhīṣma uvāca; evam uktaḥ pratyuvāca maitreyaḥ karmapūjakaḥ; atyantaṃ śrīmati kule jātaḥ prājño bahuśrutaḥ

Bhīṣma sprach: So angesprochen, antwortete Maitreya, der das Handeln [Karma] Verehrende, der in einer überaus glückreichen Familie geboren, weise und vielgelehrt war.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam uktaḥ
so angesprochen (Part. Pass., Nom.)
pratyuvāca maitreyaḥ
antwortete Maitreya (3.Sg.Perf./Nom.)
karmapūjakaḥ
das Handeln Verehrender (Nom.)
atyantaṃ śrīmati kule jātaḥ
in überaus glückreicher Familie geboren (Lok./Part. Pass.)
prājño bahuśrutaḥ
weise, vielgelehrt (Nom.)

asaṃśayaṃ mahāprājña yathaivāttha tathaiva tat; anujñātas tu bhavatā kiṃ cid brūyām ahaṃ vibho

„Ohne Zweifel, du sehr Weiser, ist es so, wie du sagst. Mit deiner Erlaubnis aber möchte ich etwas sagen, Herr.“

Wort für Wort
asaṃśayaṃ mahāprājña
ohne Zweifel, du sehr Weiser (Adv./Vok.)
yathaiva āttha tathaiva tat
genau wie du sprichst, genau so ist es (2.Sg.Perf.)
anujñātaḥ tu bhavatā
erlaubt aber von dir (Part. Pass./Instr.)
kiṃ cid brūyām aham vibho
etwas möchte ich sagen, Herr (1.Sg.Opt./Vok.)

vyāsa uvāca; yad yad icchasi maitreya yāvad yāvad yathā tathā; brūhi tāvan mahāprājña śuśrūṣe vacanaṃ tava

Vyāsa sprach: „Was immer du willst, Maitreya, so viel und wie auch immer – sprich, du sehr Weiser; ich höre auf dein Wort.“

Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.)
yad yad icchasi maitreya
was immer du willst, Maitreya (2.Sg.Präs./Vok.)
yāvad yāvad yathā tathā
so viel wie und wie auch immer (Adv.)
brūhi tāvan mahāprājña
sprich so [weit], du sehr Weiser (Imp./Vok.)
śuśrūṣe vacanaṃ tava
ich höre auf dein Wort (1.Sg.Präs. Des./Akk.)

maitreya uvāca; nirdoṣaṃ nirmalaṃ caiva vacanaṃ dānasaṃhitam; vidyātapobhyāṃ hi bhavān bhāvitātmā na saṃśayaḥ

Maitreya sprach: „Fehlerlos und makellos ist deine Rede, mit dem Geben verbunden; denn durch Wissen und Askese bist du, Herr, einer mit geläutertem Selbst – daran ist kein Zweifel.“

Wort für Wort
maitreya uvāca
Maitreya sprach (Perf.)
nirdoṣaṃ nirmalaṃ ca eva
fehlerlos und makellos (Nom./Akk. n.)
vacanaṃ dānasaṃhitam
Rede, mit Gabe verbunden (Nom. n.)
vidyātapobhyāṃ hi bhavān
denn durch Wissen und Askese du (Instr. Du./Nom.)
bhāvitātmā na saṃśayaḥ
mit geläutertem Selbst, kein Zweifel (Nom.)

bhavato bhāvitātmatvād dāyo 'yaṃ sumahān mama; bhūyo buddhyānupaśyāmi susamṛddhatapā iva

„Wegen deines geläuterten Selbst ist diese Gabe von mir sehr groß; mit dem Verstand erkenne ich noch mehr [darin]: gleichsam [bin ich] einer mit reich vermehrter Askese.“

Wort für Wort
bhavato bhāvitātmatvāt
wegen deines geläuterten Selbst-Seins (Gen./Abl.)
dāyo 'yaṃ sumahān mama
diese sehr große Gabe von mir (Nom./Gen.)
bhūyo buddhyā anupaśyāmi
noch mehr erkenne ich mit dem Verstand (Adv./Instr./1.Sg.Präs.)
susamṛddhatapā iva
gleichsam einer mit reich vermehrter Askese (Nom.)

Der Sinn von dāya (Gabe/Erbe) und die Konstruktion der zweiten Vershälfte sind unsicher.

api me darśanād eva bhavato 'bhyudayo mahān; manye bhavatprasādo 'yaṃ tad dhi karma svabhāvataḥ

„Schon durch deinen bloßen Anblick [entsteht] mir großes Gedeihen; ich halte dies für deine Gnade, denn jenes Wirken [geschieht] aus [seiner] Eigennatur.“

Wort für Wort
api me darśanād eva
schon durch den bloßen Anblick für mich (Abl./Gen.)
bhavato 'bhyudayo mahān
deines großes Gedeihen (Gen./Nom.)
manye bhavatprasādo 'yam
ich halte für deine Gnade dies (1.Sg.Präs./Nom.)
tad dhi karma svabhāvataḥ
denn jenes Wirken aus Eigennatur (Nom./Abl.)

Die zweite Vershälfte ist knapp und im Bezug unsicher.

tapaḥ śrutaṃ ca yoniś cāpy etad brāhmaṇyakāraṇam; tribhir guṇaiḥ samuditas tato bhavati vai dvijaḥ

„Askese, Gelehrsamkeit und Herkunft – dies ist der Grund des Brahmanentums; mit den drei Eigenschaften ausgestattet wird man wahrhaftig ein Zweimalgeborener.“

Wort für Wort
tapaḥ śrutaṃ ca yoniḥ ca api
Askese, Gelehrsamkeit und auch Herkunft (Nom.)
etad brāhmaṇyakāraṇam
dies ist der Grund des Brahmanentums (Nom.)
tribhir guṇaiḥ samuditaḥ
mit drei Eigenschaften versehen (Instr. Pl./Part. Pass.)
tato bhavati vai dvijaḥ
daher wird man wahrlich ein Zweimalgeborener (3.Sg.Präs./Nom.)

tasmiṃs tṛpte ca tṛpyante pitaro daivatāni ca; na hi śrutavatāṃ kiṃ cid adhikaṃ brāhmaṇād ṛte

„Ist er gesättigt, so werden die Ahnen und die Götter gesättigt; unter den Gelehrten gibt es nämlich nichts Höheres als den Brahmanen.“

Wort für Wort
tasmin tṛpte ca
und wenn dieser gesättigt ist (Lok. abs.)
tṛpyante pitaro daivatāni ca
werden gesättigt die Ahnen und die Götter (3.Pl.Pass.)
na hi śrutavatām kiṃ cid adhikam
denn unter den Gelehrten nichts Höheres (Gen. Pl.)
brāhmaṇād ṛte
außer dem Brahmanen (Abl.)

andhaṃ syāt tama evedaṃ na prajñāyeta kiṃ cana; cāturvarṇyaṃ na varteta dharmādharmāv ṛtānṛte

„Blind wäre dies [alles], nur Finsternis; nichts würde erkannt. Die Vierständeordnung bestünde nicht, [auch nicht] Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit.“

Wort für Wort
andhaṃ syāt tamaḥ eva idam
blind wäre dies, nur Finsternis (3.Sg.Opt.)
na prajñāyeta kiṃ cana
nichts würde erkannt (3.Sg.Opt. Pass.)
cāturvarṇyaṃ na varteta
die Vierständeordnung bestünde nicht (3.Sg.Opt.)
dharmādharmau ṛtānṛte
Recht und Unrecht, Wahrheit und Unwahrheit (Nom. Du.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

asaṃskārāt kṣatravaiśyau naśyete brāhmaṇād ṛte; śūdro naśyaty aśuśrūṣur āśramāṇāṃ yathārhataḥ

„Ohne Weihe gingen Kṣatriya und Vaiśya zugrunde, wären sie ohne den Brahmanen; der Śūdra geht zugrunde, wenn er nicht dient – [ebenso] die Lebensstufen, wie es ihnen gebührt.“

Wort für Wort
asaṃskārāt
aus Mangel an Weihe (Abl.)
kṣatravaiśyau naśyete
Kṣatriya und Vaiśya gehen zugrunde (Nom. Du./3.Du.Präs.)
brāhmaṇād ṛte
ohne den Brahmanen (Abl.)
śūdro naśyati aśuśrūṣuḥ
der Śūdra geht zugrunde, nicht dienend (Nom.)
āśramāṇāṃ yathārhataḥ
der Lebensstufen, nach Gebühr (Gen. Pl./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Konstruktion der letzten Vershälfte unsicher; Zusatzpassage.

yathā hi sukṛte kṣetre phalaṃ vindati mānavaḥ; evaṃ dattvā śrutavati phalaṃ dātā samaśnute

„Wie ein Mensch auf einem gut bestellten Feld Frucht gewinnt, so erlangt der Geber Frucht, wenn er einem Gelehrten gibt.“

Wort für Wort
yathā hi sukṛte kṣetre
wie auf einem gut bestellten Feld (Lok.)
phalaṃ vindati mānavaḥ
Frucht findet der Mensch (3.Sg.Präs./Nom.)
evaṃ dattvā śrutavati
so nachdem er einem Gelehrten gegeben hat (Abs./Lok.)
phalaṃ dātā samaśnute
Frucht erlangt der Geber (Nom./3.Sg.Präs.)

brāhmaṇaś cen na vidyeta śrutavṛttopasaṃhitaḥ; pratigrahītā dānasya moghaṃ syād dhanināṃ dhanam

„Gäbe es keinen Brahmanen, der mit Gelehrsamkeit und [gutem] Wandel ausgestattet ist als Empfänger der Gabe, so wäre der Reichtum der Reichen vergeblich.“

Wort für Wort
brāhmaṇaḥ cet na vidyeta
wenn ein Brahmane nicht vorhanden wäre (3.Sg.Opt. Pass.)
śrutavṛttopasaṃhitaḥ
mit Gelehrsamkeit und Wandel versehen (Nom.)
pratigrahītā dānasya
Empfänger der Gabe (Nom./Gen.)
moghaṃ syād dhanināṃ dhanam
vergeblich wäre der Reichtum der Reichen (Opt./Gen. Pl.)

adan hy avidvān hanty annam adyamānaṃ ca hanti tam; taṃ ca hanyati yasyānnaṃ sa hatvā hanyate 'budhaḥ

„Der Unwissende, der isst, vernichtet die Speise, und die gegessene [Speise] vernichtet ihn; und jener wird erschlagen, dessen Speise es ist – der Törichte, der [so] erschlagen hat, wird erschlagen.“

Wort für Wort
adan hi avidvān
denn wer als Unwissender isst (Part. Präs./Nom.)
hanti annam
vernichtet die Speise (3.Sg.Präs./Akk.)
adyamānaṃ ca hanti tam
und die Gegessene vernichtet ihn (Part. Pass./Akk.)
taṃ ca hanyati yasya annam
und jener wird erschlagen, dessen Speise es ist (3.Sg.Pass./Gen.)
sa hatvā hanyate 'budhaḥ
er, nachdem er erschlagen hat, wird erschlagen, der Törichte (Abs./Pass./Nom.)

Bezug der Pronomina (wer wird zuletzt erschlagen) ist mehrdeutig; wörtliche Wiedergabe.

prabhur hy annam adan vidvān punar janayatīśvaraḥ; sa cānnāj jāyate tasmāt sūkṣma eva vyatikramaḥ

„Ein mächtiger Wissender, der Speise isst, bringt wiederum [Leben] hervor, der Herr; und er wird aus der Speise geboren. Daher ist die Übertretung nur gering.“

Wort für Wort
prabhur hi annam adan vidvān
denn der Mächtige, der als Wissender Speise isst (Nom./Part. Präs.)
punar janayati īśvaraḥ
bringt wiederum hervor, der Herr (3.Sg.Kaus.Präs.)
sa ca annāj jāyate
und er wird aus Speise geboren (Abl./3.Sg.Pass.)
tasmāt sūkṣma eva vyatikramaḥ
daher ist die Übertretung nur gering (Nom.)

Ergänzung des Objekts von janayati ([Leben]) unsicher.

prabhur hy anupabhogī syād adattvānnam asaṃśayaḥ; yas tārayati vai vidvān pitṝn devān samādṛtān

„Ein Herr wäre ohne Genuss – ohne Zweifel –, wenn er keine Speise gäbe; [er ist es,] der als Wissender die Ahnen und die Götter, hochgeehrt, hinüberführt.“

Wort für Wort
prabhur hi anupabhogī syāt
denn ein Herr wäre ohne Genuss (Nom./Opt.)
adattvā annam asaṃśayam
ohne Speise gegeben zu haben, ohne Zweifel (Abs./Akk.)
yas tārayati vai vidvān
der wahrlich als Wissender hinüberführt (3.Sg.Kaus.Präs./Nom.)
pitṝn devān samādṛtān
Ahnen, Götter, hochgeehrte (Akk. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Bezug unsicher.

yad eva dadataḥ puṇyaṃ tad eva pratigṛhṇataḥ; na hy ekacakraṃ varteta ity evam ṛṣayo viduḥ

„Was für den Gebenden Verdienst ist, eben das [gilt] für den Annehmenden; denn ein Einrad [-Wagen] rollt nicht – so wissen es die Seher.“

Wort für Wort
yad eva dadataḥ puṇyam
was Verdienst des Gebenden ist (Gen.)
tad eva pratigṛhṇataḥ
das ebenso des Annehmenden (Gen.)
na hi ekacakraṃ varteta
denn ein Einrad-Wagen rollt nicht (3.Sg.Opt.)
ity evam ṛṣayo viduḥ
so wissen es die Seher (3.Pl.Perf.)

yatra vai brāhmaṇāḥ santi śrutavṛttopasaṃhitāḥ; tatra dānaphalaṃ puṇyam iha cāmutra cāśnute

„Wo Brahmanen sind, die mit Gelehrsamkeit und [gutem] Wandel ausgestattet sind, da erlangt man die verdienstvolle Frucht der Gabe, hier und im Jenseits.“

Wort für Wort
yatra vai brāhmaṇāḥ santi
wo wahrlich Brahmanen sind (Nom. Pl./3.Pl.Präs.)
śrutavṛttopasaṃhitāḥ
mit Gelehrsamkeit und Wandel versehen (Nom. Pl.)
tatra dānaphalaṃ puṇyam
da die verdienstvolle Frucht der Gabe (Nom./Akk.)
iha ca amutra ca aśnute
hier und drüben erlangt man (3.Sg.Präs.)

ye yoniśuddhāḥ satataṃ tapasy abhiratā bhṛśam; dānādhyayanasaṃpannās te vai pūjyatamāḥ sadā

„Die von reiner Herkunft sind, stets heftig der Askese zugetan, mit Geben und Studium begabt – sie sind allezeit die Verehrungswürdigsten.“

Wort für Wort
ye yoniśuddhāḥ satatam
die von reiner Herkunft, beständig (Nom. Pl.)
tapasi abhiratā bhṛśam
der Askese heftig zugetan (Lok./Nom. Pl.)
dānādhyayanasaṃpannāḥ
mit Geben und Studium begabt (Nom. Pl.)
te vai pūjyatamāḥ sadā
sie sind wahrlich die Verehrungswürdigsten allezeit (Superl.)

tair hi sadbhiḥ kṛtaḥ panthāś cetayāno na muhyate; te hi svargasya netāro yajñavāhāḥ sanātanāḥ

„Von diesen Guten ist der Pfad gebahnt; wer [ihn] bewusst denkt, wird nicht verwirrt. Sie sind ja die Führer zum Himmel, die Opferträger, die Ewigen.“

Wort für Wort
taiḥ hi sadbhiḥ kṛtaḥ panthāḥ
von diesen Guten wurde der Pfad gemacht (Instr. Pl./Part. Pass.)
cetayāno na muhyate
wer bewusst denkt, wird nicht verwirrt (Part./3.Sg.Pass.)
te hi svargasya netāraḥ
denn sie sind Führer zum Himmel (Nom. Pl./Gen.)
yajñavāhāḥ sanātanāḥ
Opferträger, ewige (Nom. Pl.)

Dieses Kapitel in der Leseansicht