Kapitel 129: gṛhasthadharma-mokṣadharma-ṛṣidharmavarṇanam
Śiva belehrt Umā über die Pflichten des Hausvaters, des Entsagenden und der Seher
Gespräch zwischen Umā und Maheśvara (Śiva). Zunächst geht es um den Hausvaterdharma der Brahmanen (pravṛtti) und um den Dharma der Entsagung (nivṛtti); danach beginnt auf Umās Bitte die Darlegung des Dharma der Seher (ṛṣidharma), etwa der Schaumtrinker und der Vālakhilyas.
umovāca; uktās tvayā pṛthagdharmāś cāturvarṇyahitāḥ śubhāḥ; sarvavyāpī tu yo dharmo bhagavaṃs taṃ bravīhi me
Umā sprach: „Die einzelnen Pflichten, die den vier Ständen heilsam sind, hast du mir genannt, die glückverheißenden. Doch welche Pflicht alle durchdringt, Erhabener, die nenne mir.“
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
uktāḥ tvayā pṛthag dharmāḥ
genannt wurden von dir die einzelnen Pflichten (Part.Pass./Nom.Pl.)
cāturvarṇya-hitāḥ śubhāḥ
den vier Ständen heilsame, glückverheißende (Kompositum/Nom.Pl.)
Maheśvara sprach: „Die Brahmanen wurden vom Schöpfer, der auf Vorzüge bedacht war, aus der Essenz der Welt erschaffen, als Götter der Erde unter den Sterblichen, um alle Welten hinüberzuführen.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
brāhmaṇā lokasāreṇa sṛṣṭā
die Brahmanen wurden aus der Essenz der Welt erschaffen (Nom.Pl./Instr.Sg./Part.Pass.)
dhātrā guṇārthinā
vom Schöpfer, der Vorzüge erstrebte (Instr.Sg.)
lokān tārayitum kṛtsnān
alle Welten hinüberzuführen (Inf./Akk.Pl.)
martyeṣu kṣitidevatāḥ
unter den Sterblichen als Götter der Erde (Lok.Pl./Nom.Pl.)
teṣām imaṃ pravakṣyāmi dharmakarmaphalodayam; brāhmaṇeṣu hi yo dharmaḥ sa dharmaḥ paramo mataḥ
„Über sie will ich dir dies verkünden: das Aufgehen der Frucht von Pflicht und Werk. Denn die Pflicht, die bei den Brahmanen liegt, gilt als die höchste Pflicht.“
Wort für Wort
teṣām imam pravakṣyāmi
über sie werde ich dies verkünden (Gen.Pl./Fut.1.Sg.)
dharma-karma-phalodayam
das Aufgehen der Frucht von Pflicht und Werk (Akk.Sg.)
brāhmaṇeṣu hi yo dharmaḥ
denn die Pflicht, die bei den Brahmanen ist (Lok.Pl./Nom.Sg.)
sa dharmaḥ paramo mataḥ
diese gilt als die höchste Pflicht (Nom.Sg./Part.Pass.)
ime tu lokadharmārthaṃ trayaḥ sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā; pṛthivyāḥ sarjane nityaṃ sṛṣṭās tān api me śṛṇu
„Diese drei aber wurden vom Selbstentstandenen zum Wohl der Weltordnung und Ordnungsaufgabe erschaffen, stets zur Hervorbringung der Erde erschaffen. Höre auch von ihnen von mir.“
Wort für Wort
ime tu lokadharmārtham
diese aber, um der Weltpflicht willen (Nom.Pl./Adv.)
trayaḥ sṛṣṭāḥ svayaṃbhuvā
drei wurden vom Selbstentstandenen erschaffen (Nom.Pl./Part.Pass./Instr.Sg.)
pṛthivyāḥ sarjane nityam
bei der Hervorbringung der Erde stets (Gen.Sg./Lok.Sg./Adv.)
sṛṣṭāḥ tān api me śṛṇu
erschaffen; auch diese höre von mir (Part.Pass./Akk.Pl./Imp.2.Sg.)
Der Vers ist knapp; die „drei“ (ime trayaḥ) sind vermutlich die drei anderen Stände bzw. die drei in V. 5 genannten Pflichtquellen. [?]
„Die durch den Veda gelehrte Pflicht gilt als die höchste, eine andere ist die in Smṛti und Lehrbüchern enthaltene; die von den Gebildeten geübte wird als weitere genannt. Drei Pflichten sind ewig.“
Wort für Wort
vedoktaḥ paramo dharmaḥ
die vom Veda gesprochene ist die höchste Pflicht (Nom.Sg.)
smṛti-śāstra-gataḥ aparaḥ
die in Smṛti und Lehrbuch enthaltene ist die andere (Nom.Sg.)
śiṣṭācīrṇaḥ paraḥ proktaḥ
die von den Gebildeten geübte wird als weitere bezeichnet (Nom.Sg./Part.Pass.)
„Ein Brahmane, der in den drei Wissen bewandert, gelehrt ist und nicht vom Lehren und Studieren lebt, der drei Werke verrichtet und dreifach durchschritten hat, gilt als Zweimalgeborener freundlicher Art (maitra).“
Wort für Wort
traividyo brāhmaṇo vidvān
in den drei Wissen bewandert, Brahmane, gelehrt (Nom.Sg.)
na cādhyayanajīvanaḥ
und nicht vom Studium lebend (Nom.Sg.)
trikarmā triparikrāntaḥ
mit drei Werken, dreifach durchschritten [?] (Nom.Sg.)
maitra eṣa smṛto dvijaḥ
als maitra gilt dieser Zweimalgeborene (Nom.Sg./Part.Pass.)
Die Wendung triparikrānta und die Bezeichnung maitra sind unsicher. [?]
„Wer durch die fünf Opfer im Selbst geläutert ist, wahrhaftig im Wort, ohne Missgunst, freigebig, den Brahmanen Ehre erweisend, mit gut gereinigter Wohnstatt,“
Wort für Wort
pañcayajña-viśuddhātmā
durch die fünf Opfer geläutert im Selbst (Nom.Sg.)
satyavāg anasūyakaḥ
wahrhaftig im Wort, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
dātā brāhmaṇa-satkartā
Geber, Ehrer der Brahmanen (Nom.Sg.)
susaṃmṛṣṭa-niveśanaḥ
mit gut gefegtem Haus (Nom.Sg.)
Der Satz wird in V. 12 fortgeführt und in V. 13 vollendet.
amānī ca sadājihmaḥ snigdhavāṇīpradas tathā; atithyabhyāgataratiḥ śeṣānnakṛtabhojanaḥ
„ohne Dünkel, stets ohne Falsch, der freundliche Worte spendet, der an Gästen und Ankömmlingen Freude hat, und der von den Speiseresten sein Mahl hält,“
Wort für Wort
amānī ca sadā ajihmaḥ
ohne Dünkel und stets aufrichtig (Nom.Sg.)
snigdha-vāṇī-pradas tathā
und ebenso Spender freundlicher Rede (Nom.Sg.)
atithy-abhyāgata-ratiḥ
an Gast und Ankömmling erfreut (Nom.Sg.)
śeṣānna-kṛta-bhojanaḥ
dessen Mahl aus den Speiseresten besteht (Nom.Sg.)
„Wer am Morgen aufsteht, sich den Mund spült, den Gast zum Mahl einlädt und ihn nach ehrenvoller Bewirtung [ein Stück] begleitet, dessen Pflicht ist ewig.“
Wort für Wort
prātar utthāya cācamya
am Morgen aufgestanden und sich gespült habend (Abs.)
bhojanenopamantrya ca
und zum Essen eingeladen habend (Abs.)
satkṛtyānuvrajet yaś ca
und wer nach Ehrung begleiten mag (Abs./Opt.3.Sg.)
„Die Gastfreundschaft gegenüber allen der drei [oberen] Lebensziele bzw. Stände, nach Kräften bei Tag und Nacht: als Pflicht des Śūdra wird das Dienen der drei Stände bezeichnet.“
Wort für Wort
sarvātithyaṃ trivargasya
Gastlichkeit gegenüber allen des Dreierbundes (Nom.Sg./Gen.Sg.)
yathāśakti divāniśam
nach Kraft, Tag und Nacht (Adv.)
śūdradharmaḥ samākhyātaḥ
Pflicht des Śūdra wird genannt (Nom.Sg./Part.Pass.)
trivarṇa-paricāraṇam
das Dienen der drei Stände (Nom.Sg.n.)
trivargasya kann ‚der drei Stände‘ oder ‚der drei Lebensziele‘ bedeuten; die Verbindung mit dem Śūdradharma spricht für die Stände. [?]
pravṛttilakṣaṇo dharmo gṛhastheṣu vidhīyate; tam ahaṃ kīrtayiṣyāmi sarvabhūtahitaṃ śubham
„Die Pflicht, die das Tätigsein (pravṛtti) zum Merkmal hat, wird den Hausvätern zugewiesen. Sie will ich dir verkünden, glückverheißend, allen Wesen zuträglich.“
Wort für Wort
pravṛtti-lakṣaṇo dharmaḥ
die Pflicht mit dem Tätigsein als Merkmal (Nom.Sg.)
gṛhastheṣu vidhīyate
wird bei den Hausvätern angeordnet (Lok.Pl./Pass.3.Sg.)
„Man soll wiederholt schenken nach Kraft und ebenso wiederholt opfern; auch die Ausführung nährender Riten ist zu vollziehen von dem, der Gedeihen wünscht.“
Wort für Wort
dātavyam asakṛc chaktyā
zu geben ist wiederholt nach Vermögen (Gerundiv/Adv./Instr.)
yaṣṭavyam asakṛt tathā
zu opfern ebenso wiederholt (Gerundiv)
puṣṭikarma-vidhānaṃ ca
und die Ausführung der Gedeihriten (Nom.Sg.)
kartavyaṃ bhūtim icchatā
ist zu tun vom Gedeihen Wünschenden (Gerundiv/Instr.Sg.)
„Mit dem Dharma ist Besitz zu erwerben; das durch Dharma erworbene Vermögen ist dreifach [zu verwenden]. Von einem Menschen ist mit Eifer das zu tun, was die Pflicht als Höchstes hat.“
Wort für Wort
dharmeṇa arthaḥ samāhāryaḥ
durch Dharma ist Besitz zusammenzubringen (Instr./Nom.Sg./Gerundiv)
dharma-labdhaṃ tridhā dhanam
das durch Dharma erworbene Vermögen dreifach (Part.Pass./Adv./Nom.Sg.)
kartavyaṃ dharmaparamam
zu tun ist, was die Pflicht zum Höchsten hat (Gerundiv)
mānavena prayatnataḥ
vom Menschen mit Anstrengung (Instr.Sg./Abl. als Adv.)
Die Wendung dharmalabdhaṃ tridhā dhanam ist knapp; die Dreiteilung wird im folgenden Vers ausgeführt.
nivṛttilakṣaṇas tv anyo dharmo mokṣa iti smṛtaḥ; tasya vṛttiṃ pravakṣyāmi śṛṇu me devi tattvataḥ
„Eine andere Pflicht aber, die das Ablassen (nivṛtti) zum Merkmal hat, gilt als Erlösung (mokṣa). Ihre Lebensweise will ich verkünden; höre mich, Göttin, der Wahrheit gemäß.“
Wort für Wort
nivṛtti-lakṣaṇas tv anyo dharmaḥ
die andere Pflicht aber mit dem Ablassen als Merkmal (Nom.Sg.)
mokṣa iti smṛtaḥ
heißt Erlösung (Nom.Sg./Part.Pass.)
tasya vṛttiṃ pravakṣyāmi
ihre Lebensweise werde ich verkünden (Akk.Sg./Fut.1.Sg.)
śṛṇu me devi tattvataḥ
höre mich, Göttin, der Wahrheit nach (Imp./Vok./Adv.)
sarvabhūtadayā dharmo na caikagrāmavāsitā; āśāpāśavimokṣaś ca śasyate mokṣakāṅkṣiṇām
„Mitgefühl mit allen Wesen ist Pflicht, und nicht das Wohnen in nur einem Dorf; auch die Befreiung von den Fesseln der Hoffnung wird den nach Erlösung Strebenden gerühmt.“
Wort für Wort
sarvabhūta-dayā dharmaḥ
Mitgefühl mit allen Wesen ist Pflicht (Nom.Sg.)
na caikagrāma-vāsitā
und nicht das Wohnen in einem einzigen Dorf (Nom.Sg.)
āśā-pāśa-vimokṣaś ca
und die Lösung von den Schlingen der Hoffnung (Nom.Sg.)
śasyate mokṣa-kāṅkṣiṇām
wird gepriesen für die Erlösung Begehrenden (Pass.3.Sg./Gen.Pl.)
adhyātmagatacitto yas tanmanās tatparāyaṇaḥ; yukto yogaṃ prati sadā pratisaṃkhyānam eva ca
„Wer mit dem Geist auf das Selbst gerichtet ist, ganz darin versunken, darauf als letztes Ziel ausgerichtet, dem Yoga stets ergeben, und ebenso der Unterscheidung (pratisaṃkhyāna),“
Wort für Wort
adhyātma-gata-citto yaḥ
wer im Geist auf das Selbst gerichtet ist (Nom.Sg.)
tanmanās tatparāyaṇaḥ
darin versunken, darauf ausgerichtet (Nom.Sg.)
yukto yogaṃ prati sadā
gesammelt, dem Yoga zu, stets (Nom.Sg./Präp./Adv.)
vimuktaḥ sarvasaṅgeṣu snehabandheṣu ca dvijaḥ; ātmany evātmano bhāvaṃ samāsajyāṭati dvijaḥ
„der Zweimalgeborene, der von allen Anhaftungen und Banden der Zuneigung befreit ist, seinen Zustand allein im Selbst festgemacht hat, und [so] umherzieht,“
Wort für Wort
vimuktaḥ sarvasaṅgeṣu
befreit von allen Anhaftungen (Part.Pass./Lok.Pl.)
sneha-bandheṣu ca dvijaḥ
und von den Banden der Zuneigung, der Zweimalgeborene (Lok.Pl./Nom.Sg.)
ātmany evātmano bhāvam
im Selbst allein den Zustand des Selbst (Lok.Sg./Gen.Sg./Akk.Sg.)
samāsajyāṭati dvijaḥ
festgemacht habend, wandert der Zweimalgeborene (Abs./Präs.3.Sg.)
sthāṇubhūto nirāhāro mokṣadṛṣṭena karmaṇā; parivrajati yo yuktas tasya dharmaḥ sanātanaḥ
„der wie ein Pfahl geworden ist, ohne Nahrung, durch ein auf Erlösung gerichtetes Tun, wer gesammelt als Wanderasket umherzieht: dessen Pflicht ist ewig.“
Wort für Wort
sthāṇubhūto nirāhāraḥ
pfahlgleich geworden, ohne Nahrung (Nom.Sg.)
mokṣa-dṛṣṭena karmaṇā
durch ein auf Erlösung geschautes Tun (Instr.Sg.)
parivrajati yo yuktaḥ
wer gesammelt umherwandert (Präs.3.Sg./Nom.Sg.)
tasya dharmaḥ sanātanaḥ
dessen Pflicht ist ewig (Gen.Sg./Nom.Sg.)
nirāhāraḥ ist wohl im Sinne von ‚ohne Nahrungserwerb/asketisch fastend‘ zu verstehen. [?]
na caikatra cirāsakto na caikagrāmagocaraḥ; yukto hy aṭati nirmukto na caikapulineśayaḥ
„Nicht lange an einem Ort haftend, nicht auf ein einziges Dorf als Weidegrund beschränkt, zieht der Gesammelte, ganz gelöst, umher und schläft nicht stets am selben Flussufer.“
Wort für Wort
na caikatra cirāsaktaḥ
und nicht an einem Ort lange haftend (Nom.Sg.)
na caikagrāma-gocaraḥ
und nicht auf ein Dorf als Weide beschränkt (Nom.Sg.)
yukto hy aṭati nirmuktaḥ
denn der Gesammelte wandert, völlig gelöst (Präs.3.Sg./Part.Pass.)
na caika-pulineśayaḥ
und nicht an einem einzigen Sandufer schlafend (Nom.Sg.)
eṣa mokṣavidāṃ dharmo vedoktaḥ satpathaḥ satām; yo mārgam anuyātīmaṃ padaṃ tasya na vidyate
„Dies ist die Pflicht der Erlösungskundigen, im Veda gelehrt, der rechte Pfad der Guten. Wer diesem Weg folgt, bei dem ist kein [weiterer] Standort zu finden.“
Wort für Wort
eṣa mokṣavidāṃ dharmaḥ
dies ist die Pflicht der Erlösungskundigen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
vedoktaḥ satpathaḥ satām
vom Veda gelehrt, guter Pfad der Guten (Nom.Sg./Gen.Pl.)
yo mārgam anuyātīmam
wer diesem Weg folgt (Präs.3.Sg./Akk.Sg.)
padaṃ tasya na vidyate
ein Standort für ihn ist nicht zu finden (Nom.Sg./Gen./Pass.3.Sg.)
padaṃ tasya na vidyate: wörtlich ‚für ihn findet sich kein Standort/Fußspur‘, vermutlich ‚kein Ort der Wiedergeburt‘ bzw. ‚keine Spur‘. [?]
caturvidhā bhikṣavas te kuṭīcarakṛtodakaḥ; haṃsaḥ paramahaṃsaś ca yo yaḥ paścāt sa uttamaḥ
Vier Arten gibt es von diesen Bettelmönchen: den Hüttenbewohner, den Wasserbereiter [?], den Haṃsa und den Paramahaṃsa; wer jeweils der spätere ist, ist der Höhere.
Wort für Wort
caturvidhā bhikṣavas te
vierfach (Nom.Pl.) die Bettelmönche (Nom.Pl.), diese
kuṭīcara-kṛtodakaḥ
Hüttenbewohner und Wasserbereiter [?] (Kompositum, Nom.Sg.)
haṃsaḥ paramahaṃsaś ca
Haṃsa und Paramahaṃsa (Nom.Sg.)
yo yaḥ paścāt
wer jeweils später [kommt] (Nom.Sg. / Abl.-Adv.)
sa uttamaḥ
der ist der Höchste/Höhere (Nom.Sg.)
kuṭīcarakṛtodakaḥ ist als Kompositum im Singular überliefert; üblich ist die Reihe kuṭīcara, bahūdaka, haṃsa, paramahaṃsa. Deutung von kṛtodaka daher unsicher.
Über dies hinaus gibt es nichts Höheres, auch nichts Niedrigeres, nichts seitlich und nichts davor: [es ist] ohne Leid, ohne Glück, mild, ohne Alter, ohne Tod, unvergänglich.
Wort für Wort
ataḥ parataraṃ nāsti
darüber hinaus Höheres gibt es nicht (Kompar. Nom./Akk.Sg.n., 3.Sg.Präs.)
Umā sprach: „Den Dharma des Hausherrn und den Dharma der Erlösung, wie von guten Menschen geübt, hast du dargelegt: den großen, heilbringenden Weg für die Welt der Sterblichen.“
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
gārhasthyo mokṣadharmaś ca
der Hausherrn-[Dharma] und der Erlösungs-Dharma (Nom.Sg.m.)
sajjanācaritaḥ
von guten Menschen geübt (Part.Pass., Nom.Sg.m.)
tvayā bhāṣitaḥ
von dir gesprochen/dargelegt (Instr.Sg., Part.Pass.)
ṛṣidharmaṃ tu dharmajña śrotum icchāmy anuttamam; spṛhā bhavati me nityaṃ tapovananivāsiṣu
Den Dharma der Seher aber, du Kenner des Dharma, möchte ich, den unübertrefflichen, hören; ich habe stets Sehnsucht nach den Bewohnern der Askesewälder.
Wort für Wort
ṛṣidharmaṃ tu
den Dharma der Seher aber (Akk.Sg.)
dharmajña
Kenner des Dharma (Vok.Sg.)
śrotum icchāmy anuttamam
hören will ich, den unübertrefflichen (Inf., 1.Sg.Präs., Akk.Sg.m.)
spṛhā bhavati me nityam
Sehnsucht ist mir stets (Nom.Sg.f., 3.Sg.Präs., Dat./Gen.-Lok.Sg.)
Der aus Opferbutter und Rauch entstehende Duft hält den Askesewald gleichsam umfangen; wenn ich ihn sehe, möge mein Geist stets erfreut sein, Maheśvara.
Wort für Wort
ājyadhūmodbhavo gandho
der aus Opferbutter und Rauch entstehende Duft (Nom.Sg.m.)
ruṇaddhīva tapovanam
umschließt gleichsam den Askesewald (3.Sg.Präs., Akk.Sg.n.)
taṃ dṛṣṭvā
diesen sehend (Abs.)
me manaḥ prītaṃ
mein Geist erfreut (Gen./Dat.Sg., Nom.Sg.n.)
maheśvara sadā bhavet
Maheśvara, stets möge sein (Vok.Sg., 3.Sg.Opt.)
ruṇaddhi wörtlich „hemmt, hält zurück, umschließt“; gemeint ist wohl, dass der Duft den Wald erfüllt.
etaṃ me saṃśayaṃ deva munidharmakṛtaṃ vibho; sarvadharmārthatattvajña devadeva vadasva me; nikhilena mayā pṛṣṭaṃ mahādeva yathātatham
Diesen meinen Zweifel über den Dharma der Munis, Gott, Herr, du Kenner des Wesens allen Dharma und Nutzens, Gott der Götter, erkläre mir; ich habe vollständig gefragt, Mahādeva – [erkläre] der Wahrheit gemäß.
Wort für Wort
etaṃ me saṃśayaṃ deva
diesen meinen Zweifel, Gott (Akk.Sg.m., Gen.Sg., Vok.Sg.)
munidharmakṛtaṃ vibho
der durch den Dharma der Munis [entstanden] ist, Herr (Akk.Sg.m., Vok.Sg.)
sarvadharmārthatattvajña
Kenner des Wesens von allem Dharma und Zweck (Vok.Sg.)
devadeva vadasva me
Gott der Götter, sprich zu mir (Vok.Sg., Imp.Med.2.Sg.)
nikhilena mayā pṛṣṭaṃ
vollständig von mir gefragt (Instr.Sg., Part.Pass.n.)
Maheśvara sprach: „Wohlan, ich werde dir den unübertrefflichen Dharma der Munis verkünden, durch dessen Ausübung die Munis mittels ihrer eigenen Askese Vollendung erlangen, du Glückverheißende.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (3.Sg.Perf.)
hanta te 'haṃ pravakṣyāmi
wohlan, dir werde ich verkünden (Interj., Dat.Sg., 1.Sg.Fut.)
munidharmam anuttamam
den Dharma der Munis, den unübertrefflichen (Akk.Sg.m.)
yaṃ kṛtvā munayo yānti
den ausgeübt habend, die Munis gelangen (Abs., Nom.Pl., 3.Pl.Präs.)
siddhiṃ svatapasā śubhe
zur Vollendung durch eigene Askese, du Glückliche (Akk.Sg.f., Instr.Sg.n., Vok.Sg.f.)
phenapānām ṛṣīṇāṃ yo dharmo dharmavidāṃ sadā; taṃ me śṛṇu mahābhāge dharmajñe dharmam āditaḥ
Den Dharma der schaumtrinkenden Seher, der stets [der Dharma] der Dharma-Kundigen ist: den höre von mir von Anfang an, du Hochgesegnete, Dharma-kundige.
Wort für Wort
phenapānām ṛṣīṇāṃ
der schaumtrinkenden Seher (Gen.Pl.)
yo dharmo dharmavidāṃ sadā
welcher Dharma der Dharma-Kenner stets (Nom.Sg.m., Gen.Pl.)
Sie sammeln darin beständig als Ährenlese die heilbringende brahmische Schaummenge: das von Brahmā getrunkene, süße Unsterbliche, das sich im Himmel ausgebreitet hat.
Wort für Wort
uñchanti satataṃ tasmin
sie lesen auf, beständig, in diesem (3.Pl.Präs., Adv., Lok.Sg.)
brāhmaṃ phenotkaraṃ śubham
die brahmische, heilbringende Schaummenge (Akk.Sg.m.)
amṛtaṃ brahmaṇā pītaṃ
das Unsterbliche, von Brahmā getrunken (Akk.Sg.n., Instr.Sg., Part.Pass.)
madhuraṃ prasṛtaṃ divi
süß, ausgeströmt im Himmel (Akk.Sg.n., Part.Pass., Lok.Sg.)
Mit abgestreiften Tierhäuten, mit Lumpen und Baumrinde als Kleidung, frei von den Gegensatzpaaren, den guten Pfad erreicht: so sind die Vālakhilyas, reich an Askese.
Wort für Wort
mṛganirmokavasanāś
die abgestreifte Tierhaut als Gewand tragend (Nom.Pl.)
cīravalkalavāsasaḥ
mit Lumpen- und Rindengewändern (Nom.Pl.)
nirdvaṃdvāḥ
frei von Gegensatzpaaren (Nom.Pl.)
satpathaṃ prāptā
den guten Pfad erreicht (Akk.Sg.m., Part.Pass. Nom.Pl.)
te suraiḥ samatāṃ yānti surakāryārthasiddhaye; dyotayanto diśaḥ sarvās tapasā dagdhakilbiṣāḥ
Sie gelangen zur Gleichheit mit den Göttern, damit die Anliegen der Götter gelingen; sie erhellen alle Himmelsrichtungen, ihre Sünden sind durch Askese verbrannt.
Wort für Wort
te suraiḥ samatāṃ yānti
sie gelangen zu Gleichheit mit den Göttern (Nom.Pl., Instr.Pl., Akk.Sg.f., 3.Pl.Präs.)
surakāryārthasiddhaye
zur Vollbringung der Angelegenheiten der Götter (Dat.Sg.)
dyotayanto diśaḥ sarvāḥ
erleuchtend alle Himmelsrichtungen (Part.Präs.Kaus. Nom.Pl., Akk.Pl.)
tapasā dagdhakilbiṣāḥ
durch Askese mit verbrannter Schuld (Instr.Sg., Nom.Pl.)
ye tv anye śuddhamanaso dayādharmaparāyaṇāḥ; santaś cakracarāḥ puṇyāḥ somalokacarāś ca ye
Die anderen aber, die reinen Geistes sind, dem Dharma des Mitleids ganz ergeben, die Guten, die Cakracaras, die Reinen, und die, die in der Mondwelt wandeln,
pitṛlokasamīpasthās ta uñchanti yathāvidhi; saṃprakṣālāśmakuṭṭāś ca dantolūkhalinas tathā
und in der Nähe der Väterwelt weilen, die lesen Ähren nach Vorschrift; ebenso die Sich-Abspülenden, die Steinklopfer und die, die ihre Zähne als Mörser benutzen,
Wort für Wort
pitṛlokasamīpasthās
in der Nähe der Väterwelt weilend (Nom.Pl.)
ta uñchanti yathāvidhi
diese lesen Ähren auf, vorschriftsgemäß (Nom.Pl., 3.Pl.Präs., Adv.)
saṃprakṣālāśmakuṭṭāś ca
und die Sich-Abspülenden und die Steinklopfer (Nom.Pl.)
dantolūkhalinas tathā
ebenso die Zahnmörser-Benutzer (Nom.Pl.)
saṃprakṣāla, aśmakuṭṭa und dantolūkhalin sind Namen von Waldeinsiedler-Klassen.
eṣa cakracarair devi devalokacarair dvijaiḥ; ṛṣidharmaḥ sadā cīrṇo yo 'nyas tam api me śṛṇu
Dies ist, Göttin, der von den Cakracaras, den in der Götterwelt wandelnden Zweimalgeborenen, stets geübte Seher-Dharma; auch den anderen, den es gibt, höre von mir.
Wort für Wort
eṣa cakracarair devi
dies [ist] von den Cakracaras, Göttin (Nom.Sg.m., Instr.Pl., Vok.Sg.f.)
devalokacarair dvijaiḥ
von den in der Götterwelt wandelnden Zweimalgeborenen (Instr.Pl.)
ṛṣidharmaḥ sadā cīrṇo
der Seher-Dharma, stets geübt (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
yo 'nyas tam api me śṛṇu
auch den anderen, der [ist], den höre von mir (Nom.Sg.m., Akk.Sg.m., Imp.2.Sg.)
nityaṃ yajñakriyā dharmaḥ pitṛdevārcane ratiḥ; sarvātithyaṃ ca kartavyam annenoñchārjitena vai
Stets [gilt] die Opferhandlung als Dharma, ebenso die Freude an der Verehrung der Väter und Götter; Gastfreundschaft gegenüber allen ist zu üben, und zwar mit durch Ährenlese erworbener Speise.
Wort für Wort
nityaṃ yajñakriyā dharmaḥ
stets die Opferhandlung [ist] Dharma (Adv., Nom.Sg.f., Nom.Sg.m.)
pitṛdevārcane ratiḥ
Freude an der Verehrung der Väter und Götter (Lok.Sg., Nom.Sg.f.)
sarvātithyaṃ ca kartavyam
und Gastfreundschaft gegenüber allen ist zu üben (Nom.Sg.n., Gerundiv)
annenoñchārjitena vai
mit durch Ährenlese erworbener Speise wahrlich (Instr.Sg.n.)
das Essen von Früchten und Wurzeln, Luft, Wasser, der Verzehr von Wasserpflanzen: dies sind die Regeln der Seher, durch die sie den unbesiegten Zustand gewinnen.
Wort für Wort
phalamūlāśanaṃ
das Essen von Früchten und Wurzeln (Nom.Sg.n.)
vāyur āpaḥ
Luft, Wasser (Nom.Sg.m., Nom.Pl.f.)
śaivalabhakṣaṇam
der Verzehr von Wasserpflanzen (Nom.Sg.n.)
ṛṣīṇāṃ niyamā hy ete
die Regeln der Seher, denn diese (Gen.Pl., Nom.Pl.m.)
yair jayanty ajitāṃ gatim
durch die sie besiegen/gewinnen den unbesiegten Zustand (Instr.Pl., 3.Pl.Präs., Akk.Sg.f.)
Wenn kein Rauch mehr ist, der Mörser beiseitegelegt, keine Kohle mehr [glüht], die Leute gegessen haben, das Umhergehen mit Gefäßen vorüber ist, zu einer Zeit, in der kein Bettler mehr [kommt],
Wort für Wort
vidhūme nyastamusale
wenn ohne Rauch, der Mörser weggelegt (Lok.abs.)
vyaṅgāre bhuktavaj jane
ohne Kohle, die Leute gegessen habend (Lok.abs.)
atītapātrasaṃcāre
das Herumgehen mit Gefäßen vorüber (Lok.abs.)
kāle vigatabhaikṣake
zur Zeit, da kein Bettler mehr ist (Lok.Sg.m.)
Reihe von Lokativi absoluti; Fortsetzung in Vers 54.
atithiṃ kāṅkṣamāṇo vai śeṣānnakṛtabhojanaḥ; satyadharmaratiḥ kṣānto munidharmeṇa yujyate
einen Gast erwartend, von den Speiseresten sich nährend, an Wahrheit und Dharma Freude findend, geduldig: so ist [der Mensch] dem Dharma der Munis verbunden.
Wort für Wort
atithiṃ kāṅkṣamāṇo vai
einen Gast erwartend, wahrlich (Akk.Sg.m., Part.Präs.Med. Nom.Sg.m.)
śeṣānnakṛtabhojanaḥ
der von Speiseresten sein Mahl macht (Nom.Sg.m.)
satyadharmaratiḥ kṣānto
an Wahrheit und Dharma sich freuend, geduldig (Nom.Sg.m.)
munidharmeṇa yujyate
ist dem Dharma der Munis verbunden (Instr.Sg., 3.Sg.Pass.)
na stambhī na ca mānī yo na pramatto na vismitaḥ; mitrāmitrasamo maitro yaḥ sa dharmavid uttamaḥ
Wer nicht starr und nicht eingebildet ist, nicht nachlässig, nicht überheblich, wer Freunden und Feinden gegenüber gleich und freundlich ist: der ist der beste Kenner des Dharma.
Wort für Wort
na stambhī na ca mānī yo
wer nicht starr und nicht eingebildet ist (Nom.Sg.m.)
na pramatto na vismitaḥ
nicht nachlässig, nicht überheblich (Nom.Sg.m.)
mitrāmitrasamo maitro
Freund und Feind gleich, freundlich (Nom.Sg.m.)
yaḥ sa dharmavid uttamaḥ
wer, der ist ein Dharma-Kenner, der beste (Nom.Sg.m.)