Kapitel 21: aṣṭāvakraparīkṣā
Aṣṭāvakras Prüfung durch die verwandelte Frau: Nacht, Bad und Versuchung
Fortsetzung der Aṣṭāvakra-Erzählung im Hause des Vadānya: Die Frau pflegt den Weisen, bietet sich ihm in der Nacht an und wird von ihm mit Verweis auf die Abhängigkeit der Frauen abgewiesen; Aṣṭāvakra beginnt, ihr Wesen zu ergründen.
athopaviṣṭaś ca yadā tasmin bhadrāsane tadā; snāpayām āsa śanakais tam ṛṣiṃ sukhahastavat; divyaṃ ca vidhivac cakre sopacāraṃ munes tadā
Als er dann auf jenem Prunksessel Platz genommen hatte, badete sie den Ṛṣi langsam, mit Händen wohltuend [sanft]; und sie vollzog das göttliche [Bad] regelgerecht, samt allem Zubehör, für den Weisen.
Wort für Wort
athopaviṣṭaś ca yadā tasmin bhadrāsane tadā
und als er dann auf jenem Prunksessel saß (Nom. Part.Perf.; Lok.)
snāpayām āsa śanakais
ließ baden / badete, langsam (Perf.Kaus.; Adv.)
tam ṛṣiṃ sukhahastavat
jenen Ṛṣi mit wohltuender Hand (Akk.; Adv.)
divyaṃ ca vidhivac cakre
und das Göttliche [Bad] vollzog sie regelgerecht (Akk.n.; Adv.; 3.Sg.Perf.Med.)
sopacāraṃ munes tadā
mit allem Zubehör für den Weisen damals (Adj.; Gen./Dat.)
„sukhahastavat“: wörtlich „wie eine wohltuende Hand habend“, hier sinngemäß „mit wohltuender Hand“.
„Die Dämmerungsverehrung“, sagte er, „die alle Sünden wegnimmt – Verehrung!“ [?]
Wort für Wort
saṃdhyopāsanam
die Verehrung der Dämmerung (Akk.n.)
ity āho
so sagte er (3.Sg.Perf., āha)
sarvapāpaharaṃ
alle Sünden wegnehmend (Akk.n. Kompositum)
name
Verehrung! [?] (Interj./Lok.?, unsicher)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verderbte oder elliptische Zusatzzeile; „āho“ für „āha“ und „name“ für „namaḥ“/„name“ unklar, Wiedergabe unsicher.
tasya buddhir iyaṃ kiṃ nu mohas tattvam idaṃ bhavet; athopāsya sahasrāṃśuṃ kiṃ karomīty uvāca tām
Ihm [kam] dieser Gedanke: „Was nur? Ist es Verblendung oder Wirklichkeit?“ Dann, nachdem er die Tausendstrahlige verehrt hatte, sagte er zu ihr: „Was soll ich tun?“
Wort für Wort
tasya buddhir iyaṃ
ihm [kam] dieser Gedanke (Gen.; Nom.f.)
kiṃ nu mohas tattvam idaṃ bhavet
was nur: Verblendung, Wirklichkeit, dies mag sein (Nom.; Nom.; Opt.)
athopāsya sahasrāṃśuṃ
dann, nachdem er die Tausendstrahlige [Sonne] verehrt hatte (Abs.; Akk.)
kiṃ karomīty uvāca tām
„was tue ich?“ sagte er zu ihr (1.Sg.Präs.; Perf.; Akk.)
Und sie brachte dem Ṛṣi Speise, die dem Nektarsaft glich; wegen der Süße der Speise machte er nicht viel [daraus] [?]. Der Rest des Tages verging, und darauf kam wieder die Dämmerung.
Wort für Wort
sā cāmṛtarasaprakhyam
und sie, dem Nektarsaft gleich (Nom.; Akk.n. Adj.)
ṛṣer annam upāharat
dem Ṛṣi Speise brachte sie (Dat./Gen.; Akk.; 3.Sg.Impf.)
tasya svādutayānnasya
wegen der Süße der Speise (Gen.; Instr.)
na prabhūtaṃ cakāra saḥ
nicht viel machte er [?] (Akk.n.; 3.Sg.Perf.)
vyagamac cāpy ahaḥśeṣaṃ
und es verging der Rest des Tages (3.Sg.Impf.; Akk.)
tataḥ saṃdhyāgamat punaḥ
darauf kam die Dämmerung wieder (Nom.; 3.Sg.Impf.)
„na prabhūtaṃ cakāra“ ist mehrdeutig (etwa: er aß nicht viel / machte keinen großen Aufwand); Wiedergabe unsicher.
bhīṣma uvāca; sā tadā tena vipreṇa tathā dhṛtyā nivartitā; svatantrāsmīty uvācainaṃ na dharmacchalam asti te
Bhīṣma sprach: Da sagte sie, von dem Brahmanen durch Standhaftigkeit so zurückgewiesen, zu ihm: „Ich bin unabhängig; für dich gibt es keinen Vorwand des Dharma.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sā tadā tena vipreṇa
sie damals von jenem Brahmanen (Nom.; Instr.)
tathā dhṛtyā nivartitā
so durch Standhaftigkeit zurückgewiesen (Instr.; Nom.f. Part.Kaus.Pass.)
svatantrāsmīty uvācainaṃ
„unabhängig bin ich“, sagte sie zu ihm (Nom.; 1.Sg.; Perf.; Akk.)
na dharmacchalam asti te
nicht gibt es einen Dharma-Vorwand für dich (Nom.; 3.Sg.; Gen./Dat.)
„dharmacchala“: Scheingrund/Vorwand im Namen des Dharma.
aṣṭāvakra uvāca; nāsti svatantratā strīṇām asvatantrā hi yoṣitaḥ; prajāpatimataṃ hy etan na strī svātantryam arhati
Aṣṭāvakra sprach: „Es gibt keine Unabhängigkeit bei Frauen; Frauen sind ja unselbständig. Dies ist die Lehre des Prajāpati; eine Frau verdient keine Selbständigkeit.“
Wort für Wort
aṣṭāvakra uvāca
Aṣṭāvakra sprach (Perf.)
nāsti svatantratā strīṇām
nicht gibt es Unabhängigkeit bei Frauen (3.Sg.; Nom.f.; Gen.Pl.)
asvatantrā hi yoṣitaḥ
unselbständig ja die Frauen (Nom.Pl.f.)
prajāpatimataṃ hy etan
die Lehre des Prajāpati fürwahr ist dies (Nom.n.)
na strī svātantryam arhati
nicht verdient eine Frau Selbständigkeit (Nom.; Akk.; 3.Sg.)
stry uvāca; bādhate maithunaṃ vipra mama bhaktiṃ ca paśya vai; adharmaṃ prāpsyase vipra yan māṃ tvaṃ nābhinandasi
Die Frau sprach: „Die Liebeslust quält mich, Brahmane, und sieh meine Hingabe! Du wirst Adharma erlangen, Brahmane, weil du mich nicht willkommen heißt.“
Wort für Wort
stry uvāca
die Frau sprach (Nom.; Perf.)
bādhate maithunaṃ vipra
es bedrängt die Vereinigung(slust), Brahmane (3.Sg.Präs.Med.; Nom.n.; Vok.)
mama bhaktiṃ ca paśya vai
und meine Hingabe sieh doch (Gen.; Akk.; Imp.)
adharmaṃ prāpsyase vipra
Adharma wirst du erlangen, Brahmane (Akk.; 2.Sg.Fut.)
yan māṃ tvaṃ nābhinandasi
weil du mich nicht willkommen heißt (Konj.; Akk.; 2.Sg.Präs.)
Aṣṭāvakra sprach: „Die Arten von Fehlern reißen den geborenen Menschen fort, wie es ihnen beliebt. Ich aber vermag [mich] stets durch Standhaftigkeit [zu halten], Edle; geh zu deinem eigenen Lager.“
Wort für Wort
aṣṭāvakra uvāca
Aṣṭāvakra sprach (Perf.)
haranti doṣajātāni
reißen fort die Arten von Fehlern (3.Pl.Präs.; Nom.n.Pl.)
naraṃ jātaṃ yathecchakam
den geborenen Menschen nach Belieben (Akk.; Adv.)
prabhavāmi sadā dhṛtyā
ich vermag stets durch Standhaftigkeit (1.Sg.Präs.; Instr.)
bhadre svaṃ śayanaṃ vraja
Edle, zu deinem eigenen Lager geh (Vok.; Akk.; Imp.)
na doṣo bhavitā caiva satyenaitad bravīmy aham; svatantrāṃ māṃ vijānīhi yo 'dharmaḥ so 'stu vai mayi
„Und es wird kein Fehler entstehen; bei der Wahrheit sage ich dies. Wisse mich als Unabhängige; welches Adharma [auch entsteht], das soll auf mir liegen.“
Wort für Wort
na doṣo bhavitā caiva
und nicht wird ein Fehler entstehen (Nom.; 3.Sg.Fut.)
satyenaitad bravīmy aham
bei der Wahrheit sage ich dies (Instr.; Akk.; 1.Sg.Präs.)
svatantrāṃ māṃ vijānīhi
als Unabhängige mich erkenne (Akk.f.; Akk.; Imp.)
yo 'dharmaḥ so 'stu vai mayi
welches Adharma, das sei fürwahr auf mir (Nom.; 3.Sg.Imp.; Lok.)
pitā rakṣati kaumāre bhartā rakṣati yauvane; putrāś ca sthavirībhāve na strī svātantryam arhati
„Der Vater beschützt [sie] in der Kindheit, der Gatte beschützt in der Jugend, und die Söhne im Greisenalter; eine Frau verdient keine Unabhängigkeit.“
Wort für Wort
pitā rakṣati kaumāre
der Vater schützt in der Kindheit (Nom.; 3.Sg.; Lok.)
bhartā rakṣati yauvane
der Gatte schützt in der Jugend (Nom.; Lok.)
putrāś ca sthavirībhāve
und die Söhne im Greisenalter (Nom.Pl.; Lok.)
na strī svātantryam arhati
nicht verdient eine Frau Unabhängigkeit (Nom.; Akk.; 3.Sg.)
na vṛddhām akṣamāṃ manye na cecchā tvayi me 'naghe
„Ich halte [dich] nicht für alt, nicht für unvermögend; und ich habe kein Verlangen nach dir, Makellose.“ [?]
Wort für Wort
na vṛddhām akṣamāṃ manye
nicht für alt, nicht für unvermögend halte ich [dich] (Akk.f.; Akk.f.; 1.Sg.Präs.)
na cecchā tvayi me
und nicht Verlangen nach dir mir (Nom.f.; Lok.; Gen.)
'naghe
Makellose (Vok.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, Sprecher und Bezug unklar (vermutlich Aṣṭāvakra; „tvayi“ und Vokativ „anaghe“ ließen auch Deutung als Rede der Frau zu); Wiedergabe unsicher.
stry uvāca; kaumāraṃ brahmacaryaṃ me kanyaivāsmi na saṃśayaḥ; kuru mā vimatiṃ vipra śraddhāṃ vijahi mā mama
Die Frau sprach: „Meine Keuschheit stammt aus der Kindheit; ich bin ganz gewiss noch Jungfrau, daran ist kein Zweifel. Sei nicht abgeneigt, Brahmane, und verwirf nicht mein Vertrauen.“
Wort für Wort
stry uvāca
die Frau sprach (Perf.)
kaumāraṃ brahmacaryaṃ me
aus der Kindheit stammende Keuschheit mein (Nom.n.; Gen.)
kanyaivāsmi na saṃśayaḥ
Jungfrau nur bin ich, kein Zweifel (Nom.; 1.Sg.; Nom.)
kuru mā vimatiṃ vipra
mache nicht Abneigung, Brahmane (Imp.; Akk.; Vok.)
yathā paraṃ śaktidhṛter na vyutthāsye kathaṃ cana; na rocaye hi vyutthānaṃ dhṛtyaivaṃ sādhayāmy aham
„So werde ich, gemäß dem Höchstmaß meiner Kraft und Standhaftigkeit, auf keine Weise abweichen; ich mag das Abweichen nicht, so vollbringe ich es [das Standhalten] durch Standhaftigkeit.“
Wort für Wort
yathā paraṃ śaktidhṛteḥ
so höchst[möglich] gemäß Kraft und Standhaftigkeit (Adv.; Abl./Gen.)
na vyutthāsye kathaṃ cana
nicht werde ich abweichen auf irgendeine Weise (1.Sg.Fut.Med.)
na rocaye hi vyutthānaṃ
ich mag ja das Abweichen nicht (1.Sg.Kaus.; Akk.n.)
dhṛtyaivaṃ sādhayāmy aham
durch Standhaftigkeit so vollbringe ich es (Instr.; 1.Sg.Präs.)
Die Wendung „yathā paraṃ śaktidhṛteḥ“ ist knapp und nur sinngemäß aufgelöst.