Kapitel 137: arjunapavanasaṃvādaḥ
Das Gespräch zwischen dem Wind und Arjuna Kārtavīrya über den Vorrang der Brahmanen
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Grund der Brahmanenverehrung; Bhīṣma antwortet mit der alten Geschichte vom übermütigen König Kārtavīrya Arjuna, den eine Stimme aus der Luft und dann der Windgott zur Demut gegenüber den Brahmanen mahnen.
Yudhiṣṭhira sprach: „Welches Gedeihen siehst du in der Verehrung der Brahmanen, o Herr der Menschen, oder welchen Aufstieg des Handelns [Tuns] hältst du dafür, dass du sie ehrst, o Hochgesinnter?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kāṃ tu brāhmaṇapūjāyāṃ vyuṣṭiṃ dṛṣṭvā
welches Gedeihen (Akk.Sg.f.) in der Brahmanenverehrung (Lok.) erblickt habend (Abs.)
janādhipa
o Herr der Menschen (Vok.)
kaṃ vā karmodayaṃ matvā
oder welchen Aufstieg des Handelns (Akk.) gemeint habend (Abs.)
tān arcasi mahāmate
sie (Akk.Pl.) ehrst du (2.Sg.Präs.), o Hochgesinnter (Vok.)
mama bāhusahasraṃ tu paśyantāṃ sainikā raṇe; vikrameṇa mahīṃ kṛtsnāṃ jayeyaṃ vipulavrata; tāṃ ca dharmeṇa saṃprāpya pālayeyam atandritaḥ
„Meine tausend Arme sollen die Krieger im Kampf sehen. Durch Tapferkeit möchte ich die ganze Erde erobern, o du von weitem Gelübde, und sie auf rechte Weise gewonnen, möchte ich sie unermüdlich schützen.“
Wort für Wort
mama bāhusahasraṃ tu
meine (Gen.) Tausendschaft von Armen (Akk.) aber
paśyantāṃ sainikā raṇe
sollen sehen (3.Pl.Imp.) die Krieger (Nom.) im Kampf (Lok.)
vikrameṇa mahīṃ kṛtsnāṃ jayeyam
durch Tapferkeit (Instr.) die ganze (Akk.) Erde (Akk.) möchte ich erobern (Opt.)
vipulavrata
o du von weitem Gelübde (Vok.)
tāṃ ca dharmeṇa saṃprāpya
und sie (Akk.) rechtmäßig (Instr.) erlangt habend (Abs.)
„Einen vierten Wunsch erbitte ich von dir, bester der Zweimalgeborenen; ihn zu gewähren geziemt dir, Untadeliger, um mir Gnade zu erweisen: Die Guten sollen mich zurechtweisen, wenn ich falsch handle und daran festhalte [?].“
Wort für Wort
caturthaṃ tu varaṃ yāce
einen vierten (Akk.) aber Wunsch (Akk.) erbitte ich (1.Sg.Präs.)
tvām ahaṃ dvijasattama
von dir (Akk.) ich (Nom.), bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
taṃ mamānugrahakṛte
ihn (Akk.) um meiner Begnadung willen (Lok.)
dātum arhasy anindita
zu geben (Inf.) geziemt es dir (2.Sg.), Untadeliger (Vok.)
anuśāsantu māṃ santaḥ
zurechtweisen sollen (3.Pl.Imp.) mich (Akk.) die Guten (Nom.)
mithyāvṛttaṃ tadāśrayam
der falsch Handelnde (Akk.), daran Festhaltende (Akk.) [?]
tadāśrayam ist unsicher; gemeint ist wohl: wenn ich dem Unrecht verfalle.
tataḥ sa ratham āsthāya jvalanārkasamadyutiḥ; abravīd vīryasaṃmohāt ko nv asti sadṛśo mayā; vīryadhairyayaśaḥśaucair vikrameṇaujasāpi vā
Dann bestieg er den Wagen, an Glanz Feuer und Sonne gleich, und sagte aus Verblendung durch seine Heldenkraft: „Wer ist mir gleich, an Heldenkraft, Standhaftigkeit, Ruhm, Reinheit, Tapferkeit oder auch an Stärke?“
Wort für Wort
tataḥ sa ratham āsthāya
dann er (Nom.) den Wagen (Akk.) bestiegen habend (Abs.)
jvalanārkasamadyutiḥ
an Glanz Feuer und Sonne gleich (Nom.)
abravīd vīryasaṃmohāt
sprach (Impf.) aus Verblendung durch Heldenkraft (Abl.)
ko nv asti sadṛśo mayā
wer (Nom.) ist wohl (3.Sg.Präs.) gleich (Nom.) mir (Instr.)
vīryadhairyayaśaḥśaucair
an Heldenkraft, Standhaftigkeit, Ruhm, Reinheit (Instr.)
vikrameṇaujasāpi vā
an Tapferkeit (Instr.) oder auch an Stärke (Instr.)
Am Ende seiner Rede sprach im Luftraum eine körperlose Stimme: „Du Tor, du erkennst nicht, dass der Brahmane besser ist als der Kṣatriya; nur mit dem Brahmanen vereint schützt hier der Kṣatriya die Geschöpfe.“
Wort für Wort
tadvākyānte cāntarikṣe
am Ende seiner Rede (Lok.) und im Luftraum (Lok.)
vāg uvācāśarīriṇī
eine Stimme (Nom.) sprach (Perf.), körperlos (Nom.f.)
na tvaṃ mūḍha vijānīṣe
nicht du (Nom.), Tor (Vok.), erkennst (2.Sg.Präs.)
brāhmaṇaṃ kṣatriyād varam
den Brahmanen (Akk.) als besser (Akk.) als den Kṣatriya (Abl.)
sahito brāhmaṇeneha
verbunden (Nom.) mit dem Brahmanen (Instr.) hier
kṣatriyo rakṣati prajāḥ
der Kṣatriya (Nom.) schützt (3.Sg.Präs.) die Geschöpfe (Akk.)
Arjuna sprach: „Ich kann Wesen erschaffen, wenn ich zufrieden bin, und ebenso Vernichtung bewirken, wenn ich zornig bin; in Tat, Geist und Wort ist kein Brahmane besser als ich.“
Wort für Wort
arjuna uvāca
Arjuna sprach (Perf.)
kuryāṃ bhūtāni tuṣṭo 'haṃ
ich kann schaffen (Opt.) Wesen (Akk.), zufrieden (Nom.) ich (Nom.)
kruddho nāśaṃ tathā naye
zornig (Nom.) Vernichtung (Akk.) ebenso möge ich bringen (Opt.)
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Geist, Wort (Instr.)
na matto 'sti varo dvijaḥ
nicht (ist) als ich (Abl.) besser (Nom.) ein Zweimalgeborener (Nom.)
„Die Brahmanen sind auf die Kṣatriya-Macht angewiesen, nicht die Kṣatriya-Macht auf die Brahmanen. Die Angewiesenen, [nämlich] die Kṣatriyas, verzehren die Brahmanen auf Erden unter dem Vorwand des Brahmanentums.“
Wort für Wort
brāhmaṇāḥ saṃśritāḥ kṣatraṃ
Brahmanen (Nom.) angewiesen (Nom.) auf die Kṣatriya-Macht (Akk.)
na kṣatraṃ brāhmaṇāśritam
nicht die Kṣatriya-Macht (Nom.) auf Brahmanen angewiesen (Nom.)
śritān brahmopadhā viprāḥ
die Angewiesenen (Akk.), unter dem Vorwand des Brahmanentums (Nom.f.), die Brahmanen (Nom.) [?]
khādanti kṣatriyān bhuvi
verzehren (3.Pl.Präs.) die Kṣatriyas (Akk.) auf Erden (Lok.)
Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; Wortstellung und Bezug von śritān sind unklar.
adya brahmottaraṃ lokaṃ kariṣye kṣatriyottaram; na hi me saṃyuge kaś cit soḍhum utsahate balam
„Heute werde ich die Welt, die den Brahmanen obenan hat, zu einer machen, die den Kṣatriya obenan hat; denn keiner vermag meine Kraft im Kampf zu ertragen.“
Wort für Wort
adya brahmottaraṃ lokaṃ
heute (Adv.) die den Brahmanen obenan habende (Akk.) Welt (Akk.)
kariṣye kṣatriyottaram
werde ich machen (1.Sg.Fut.Med.) zu einer den Kṣatriya obenan habenden (Akk.)
na hi me saṃyuge kaś cit
denn nicht (vermag) meine (Gen.) im Kampf (Lok.) irgendeiner (Nom.)
„Oder aber die Zweimalgeborenen werden dich besänftigen, Beschützer der Erde, oder sie, die Gewaltigen, werden dich, dessen Eifer gebrochen ist, aus dem Reich vertreiben.“
Wort für Wort
atha vā tvāṃ mahīpāla
oder (Partikel) dich (Akk.), Beschützer der Erde (Vok.)
śamayiṣyanti vai dvijāḥ
werden besänftigen (3.Pl.Fut.Kaus.) fürwahr die Zweimalgeborenen (Nom.)
nirasiṣyanti vā rāṣṭrād
oder werden vertreiben (3.Pl.Fut.) aus dem Reich (Abl.)
dhatotsāhaṃ mahābalāḥ
dich, dessen Eifer erschlagen (Akk.), die Machtgewaltigen (Nom.)