Kapitel 128: umāmaheśvarasaṃvāde varṇadharmakathanam
Umā und Maheśvara: Śivas Gestalten, Reittier und Wohnort sowie der Dharma der vier Stände
Gespräch zwischen Umā und Śiva, das Nārada wiedergibt: Zunächst erklärt Śiva seine vier Gesichter, den Namen Śrīkaṇṭha, den Stier und seine Vorliebe für den Verbrennungsplatz; danach folgt die Unterweisung über den Dharma des Hausvaters und der vier Stände.
Maheśvara sprach: „Tilottamā mit Namen, eine vortreffliche Frau, wurde einst von Brahmā erschaffen, indem er von den Juwelen Sesamkorn um Sesamkorn [das Schönste] herauszog; [sie war] glückverheißend.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
tilottamā nāma purā
Tilottamā mit Namen, einst (Nom.; Adv.)
brahmaṇā yoṣid uttamā
von Brahmā, eine vortreffliche Frau (Instr.; Nom.)
tilaṃ tilaṃ samuddhṛtya
Sesamkorn um Sesamkorn herausziehend (Akk. distributiv; Abs.)
ratnānāṃ nirmitā śubhā
von den Juwelen erschaffen, glückverheißend (Gen.Pl.; Part.Pass. Nom.Sg.f.)
jaṭilo brahmacārī ca lokānāṃ hitakāmyayā; devakāryārthasiddhyarthaṃ pinākaṃ me kare sthitam
Mit verfilztem Haar und als Brahmacārin, aus Wunsch nach dem Wohl der Welten und um das Gelingen der Anliegen der Götter zu erreichen, ist der Pināka in meiner Hand [gehalten].
Wort für Wort
jaṭilo brahmacārī ca
verfilztes Haar tragend und Brahmacārin (Nom.; Nom.)
lokānāṃ hitakāmyayā
aus Wunsch nach dem Wohl der Welten (Gen.Pl.; Instr.)
devakāryārthasiddhyartham
zum Gelingen der Götteranliegen (Kompositum, Akk. Zweck)
pinākaṃ me kare sthitam
der Pināka in meiner Hand befindlich (Nom.; Gen.; Lok.; Part.Pass.)
Der Bogen Pināka als Attribut; Subjekt ist im Vers nur implizit (Ich bin jaṭila und brahmacārin).
indreṇa ca purā vajraṃ kṣiptaṃ śrīkāṅkṣiṇā mama; dagdhvā kaṇṭhaṃ tu tad yātaṃ tena śrīkaṇṭhatā mama
Und einst wurde von Indra, der nach Glanz [Herrschaft] trachtete, der Donnerkeil auf mich geschleudert; er verbrannte [mir] die Kehle und ging dahin; deshalb habe ich den Namen Śrīkaṇṭha [„der mit der glänzenden Kehle“].
Wort für Wort
indreṇa ca purā vajram
und von Indra einst der Donnerkeil (Instr.; Adv.; Nom.)
kṣiptaṃ śrīkāṅkṣiṇā mama
geschleudert, von dem nach Glanz Strebenden, auf mich (Part.Pass.; Instr.; Gen. „gegen mich“)
dagdhvā kaṇṭhaṃ tu tad yātam
nachdem er die Kehle verbrannt hatte, aber er ging dahin (Abs.; Akk.; Part.Pass.)
Von ihrem aus dem Mund des Kalbes ausgeworfenen Schaum kam [etwas] auf meinen Leib; da wurden die Kühe von mir verbrannt und nahmen vielerlei Farben an.
Wort für Wort
tasyā vatsamukhotsṛṣṭaḥ
der aus dem Kälbermund ausgeworfene, ihr [gehörige] (Gen.f.; Nom.m.)
pheno madgātram āgataḥ
Schaum an meinen Körper gelangt (Nom.; Akk.; Part.Pass.)
tato dagdhā mayā gāvaḥ
da verbrannt von mir die Kühe (Adv.; Part.Pass.; Instr.; Nom.Pl.)
nānāvarṇatvam āgatāḥ
zu Verschiedenfarbigkeit gelangt (Akk.; Part.Pass. Nom.Pl.)
umovāca; nivāsā bahurūpās te viśvarūpaguṇānvitāḥ; tāṃś ca saṃtyajya bhagavañ śmaśāne ramase katham
Umā sprach: „Du hast vielgestaltige Wohnstätten, die mit den Vorzügen aller Gestalten versehen sind; wie kommt es, o Erhabener, dass du diese verlässt und dich am Verbrennungsplatz ergötzt?“
Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (Perf.)
nivāsā bahurūpās te
Wohnstätten, vielgestaltig, dir [gehörig] (Nom.Pl.; Nom.Pl.; Gen.)
viśvarūpaguṇānvitāḥ
mit den Vorzügen aller Gestalten versehen (Nom.Pl. Kompositum)
tāṃś ca saṃtyajya bhagavan
und diese verlassend, o Erhabener (Akk.Pl.; Abs.; Vok.)
śmaśāne ramase katham
auf dem Verbrennungsplatz ergötzt du dich, wie (Lok.; 2.Sg.Präs.Med.; Adv.)
[Auf dem Verbrennungsplatz,] der voller Haare und Knochen, furchtbar, mit Schädeln und Töpfen gefüllt ist, von Geiern und Schakalen wimmelt und von Hunderten von Scheiterhaufenfeuern erfüllt ist.
Wort für Wort
keśāsthikalile bhīme
voll Haar und Knochen, furchtbar (Lok.; Lok.)
kapālaghaṭasaṃkule
gefüllt mit Schädeln und Krügen (Lok.)
gṛdhragomāyukalile
voller Geier und Schakale (Lok.)
citāgniśatasaṃkule
erfüllt von hundert Scheiterhaufenfeuern (Lok.)
Attribute zu śmaśāne (V. 13d); kalila = „Gemenge, dicht besetzt“.
[Der Verbrennungsplatz,] unrein, mit Fleischmassen, mit Fett und Blut als Schlamm, mit verstreuten Fleischhaufen, von den Rufen der Schakalinnen erfüllt.
Wort für Wort
aśucau māṃsakalile
unrein, voll Fleisch (Lok.; Lok.)
vasāśoṇitakardame
mit Fett und Blut als Morast (Lok.)
vinikīrṇāmiṣacaye
mit ausgestreuten Fleischhaufen (Lok.)
śivānādavinādite
vom Geheul der Schakalinnen widerhallend (Lok.; Part.Pass.)
maheśvara uvāca; medhyānveṣī mahīṃ kṛtsnāṃ vicarāmi niśāsv aham; na ca medhyataraṃ kiṃ cic chmaśānād iha vidyate
Maheśvara sprach: „Auf der Suche nach Reinem durchwandere ich in den Nächten die ganze Erde; und nichts Reineres als den Verbrennungsplatz gibt es hier.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
medhyānveṣī mahīṃ kṛtsnām
Reines suchend, die ganze Erde (Nom.m.; Akk.; Akk.)
vicarāmi niśāsv aham
durchwandere ich in den Nächten, ich (1.Sg.Präs.; Lok.Pl.; Nom.)
na ca medhyataraṃ kiṃ cit
und nichts Reineres (Neg.; Nom.n. Komp.; Indef.)
śmaśānād iha vidyate
als der Verbrennungsplatz existiert hier (Abl. Vergleich; Adv.; 3.Sg.Pass.)
tena me sarvavāsānāṃ śmaśāne ramate manaḥ; nyagrodhaśākhāsaṃchanne nirbhuktasragvibhūṣite
Deshalb ergötzt sich mein Sinn unter allen Wohnstätten am Verbrennungsplatz, der mit Zweigen des Nyagrodha bedeckt und mit abgelegten Kränzen geschmückt ist.
Wort für Wort
tena me sarvavāsānām
deshalb, mein, unter allen Wohnstätten (Instr.; Gen.; Gen.Pl.)
śmaśāne ramate manaḥ
am Verbrennungsplatz ergötzt sich der Sinn (Lok.; 3.Sg.Präs.Med.; Nom.)
dharmaḥ kiṃlakṣaṇaḥ proktaḥ kathaṃ vācarituṃ naraiḥ; śakyo dharmam avindadbhir dharmajña vada me prabho
Welches Kennzeichen hat der Dharma, wie wird er verkündet, und wie kann er von Menschen ausgeübt werden, die den Dharma nicht kennen? O Dharmakundiger, sage es mir, Herr.
Wort für Wort
dharmaḥ kiṃlakṣaṇaḥ proktaḥ
der Dharma, mit welchem Merkmal, verkündet (Nom.; Nom.; Part.Pass.)
kathaṃ vācarituṃ naraiḥ
wie auszuüben, von Männern (Adv.; Inf.; Instr.Pl.)
śakyo dharmam avindadbhiḥ
ist möglich, von den den Dharma nicht Findenden (Nom.; Akk.; Part.Präs.Instr.Pl.)
dharmajña vada me prabho
o Dharmakundiger, sage mir, o Herr (Vok.; Imp.; Dat.; Vok.)
vācarituṃ: Lesart des Textes, wohl zu ācarituṃ „ausüben“ (Sandhi ā/vā unklar).
nārada uvāca; tato munigaṇaḥ sarvas tāṃ devīṃ pratyapūjayat; vāgbhir ṛgbhūṣitārthābhiḥ stavaiś cārthavidāṃ vara
Nārada sprach: „Da ehrte die ganze Schar der Weisen die Göttin wiederum mit Worten, deren Sinn durch Ṛg-Verse geschmückt war, und mit Lobliedern, o Bester der Sinnkundigen.“
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (Perf.)
tato munigaṇaḥ sarvaḥ
da die ganze Schar der Weisen (Adv.; Nom.; Nom.)
tāṃ devīṃ pratyapūjayat
diese Göttin ehrte im Gegenzug (Akk.; 3.Sg.Impf.Kaus.)
vāgbhir ṛgbhūṣitārthābhiḥ
mit Worten, deren Sinn durch Ṛg-Verse geschmückt ist (Instr.Pl.f.)
stavaiś cārthavidāṃ vara
und mit Preisliedern, o Bester der Sinnkenner (Instr.Pl.; Gen.Pl.; Vok.)
Maheśvara sprach: „Gewaltlosigkeit, wahre Rede, Mitgefühl mit allen Wesen, Selbstbeherrschung [und] Geben nach Vermögen: [dies ist] der höchste Dharma des Hausvaters.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
ahiṃsā satyavacanam
Gewaltlosigkeit, Wahrheitsrede (Nom.f.; Nom.n.)
sarvabhūtānukampanam
Mitgefühl mit allen Wesen (Nom.n.)
śamo dānaṃ yathāśakti
Befriedung/Selbstbeherrschung, Geben, nach Kraft (Nom.; Nom.; Adv.)
gārhasthyo dharma uttamaḥ
der Hausvater-Dharma, der höchste (Nom.; Nom.; Nom.)
Kein Trachten nach fremden Ehefrauen, Schutz der [als Pfand] anvertrauten Frauen, Enthaltung vom Nehmen des Nichtgegebenen, Verzicht auf Honig und Fleisch.
Wort für Wort
paradāreṣv asaṃkalpaḥ
kein Absicht auf fremde Frauen (Lok.Pl.; Nom.)
nyāsastrīparirakṣaṇam
Schutz anvertrauter Frauen (Nom.n.)
adattādānaviramaḥ
Abstehen vom Nehmen des Nichtgegebenen (Nom.)
madhumāṃsasya varjanam
Meiden von Honig[/Rauschtrank] und Fleisch (Gen.; Nom.n.)
Dies ist der fünffache Dharma, vielästig und Glück hervorbringend; von Verkörperten, denen der Dharma das Höchste ist, ist er auszuüben als Anhäufung von Dharma.
Wort für Wort
eṣa pañcavidho dharmaḥ
dieser fünffache Dharma (Nom.; Nom.; Nom.)
bahuśākhaḥ sukhodayaḥ
vielverzweigt, Glück hervorbringend (Nom.; Nom.)
dehibhir dharmaparamaiḥ
von Verkörperten, denen der Dharma das Höchste ist (Instr.Pl.; Instr.Pl.)
umovāca; bhagavan saṃśayaṃ pṛṣṭas taṃ me vyākhyātum arhasi; cāturvarṇyasya yo dharmaḥ sve sve varṇe guṇāvahaḥ
Umā sprach: „Erhabener, nach dem Zweifel gefragt, geruhe mir ihn zu erklären: den Dharma der vier Stände, der in jedem einzelnen Stand Vorzüge bringt.“
Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (Perf.)
bhagavan saṃśayaṃ pṛṣṭaḥ
o Erhabener, nach dem Zweifel gefragt (Vok.; Akk.; Part.Pass.)
taṃ me vyākhyātum arhasi
diesen mir zu erklären, sollst du (Akk.; Dat.; Inf.; 2.Sg.)
cāturvarṇyasya yo dharmaḥ
der Dharma der vier Stände, welcher (Gen.; Rel.; Nom.)
sve sve varṇe guṇāvahaḥ
im jeweils eigenen Stand Vorzüge bringend (Lok.; Nom.)
Maheśvara sprach: „Zu Recht, o Hochbeglückte, wurde dein Zweifel geäußert. Die Erdgötter, o Hochbeglückte, sind in der Welt stets die Zweimalgeborenen.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
nyāyatas te mahābhāge
zu Recht, dein, o Hochbeglückte (Adv.; Gen.; Vok.f.)
saṃśayaḥ samudīritaḥ
Zweifel wurde geäußert (Nom.; Part.Pass.)
bhūmidevā mahābhāgāḥ
Erdgötter, hochbeglückt (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
sadā loke dvijātayaḥ
stets in der Welt die Zweimalgeborenen (Adv.; Lok.; Nom.Pl.)
mahābhāgāḥ (Pl.) als Attribut der dvijātayaḥ: „hochangesehen“.
tasya dharmakriyā devi vratacaryā ca nyāyataḥ; tathopanayanaṃ caiva dvijāyaivopapadyate
Für ihn, Göttin, gehören Dharma-Handlungen und Gelübde-Übungen der Regel gemäß dazu; ebenso die Einweihung (upanayana): sie kommt allein dem Zweimalgeborenen zu.
Wort für Wort
tasya dharmakriyā devi
für ihn Dharma-Handlung, Göttin (Gen.Sg./Nom.Sg.f./Vok.)
vratacaryā ca nyāyataḥ
und Gelübde-Übung, der Regel gemäß (Nom.Sg.f./Adv.)
tathopanayanaṃ caiva
ebenso und Einweihung (Nom.Sg.n.)
dvijāyaivopapadyate
allein dem Zweimalgeborenen kommt zu (Dat.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
[Dieses Dharma] dient der Verehrung von Lehrer und Göttern und besteht in der Übung des Vedastudiums; es ist von den Verkörperten, denen der Dharma das Höchste ist, zu üben, [denn] aus ihm entsteht Dharma.
Wort für Wort
gurudaivatapūjārtham
zur Verehrung von Lehrer und Göttern (Akk.Sg.n. adv.)
svādhyāyābhyasanātmakaḥ
im Vedastudium und dessen Übung bestehend (Nom.Sg.m.)
dehibhir dharmaparamaiḥ
von Verkörperten, denen Dharma höchstes Ziel ist (Instr.Pl.)
caritavyo dharmasaṃbhavaḥ
ist zu üben, aus dem Dharma entstehend (Gerundiv Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
Vers gehört syntaktisch eng zum Vorigen; Bezug von „dharmasaṃbhavaḥ“ (Ursprung des Dharma oder aus Dharma entstehend) leicht offen.
umovāca; bhagavan saṃśayo me 'tra taṃ me vyākhyātum arhasi; cāturvarṇyasya dharmaṃ hi naipuṇyena prakīrtaya
Umā sprach: „Erhabener, ich habe hierzu einen Zweifel; du solltest ihn mir erklären. Verkünde mir nämlich in vollendeter Weise den Dharma der vier Stände.“
Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
bhagavan saṃśayo me 'tra
Erhabener, Zweifel mir hierbei (Vok./Nom.Sg./Gen.)
taṃ me vyākhyātum arhasi
diesen mir zu erklären, du vermagst/sollst (Inf./2.Sg.Präs.)
cāturvarṇyasya dharmaṃ hi
der Vierständeordnung Dharma denn (Gen.Sg./Akk.Sg.)
Maheśvara sprach: „Geheimlehren zu hören ist Dharma, die Befolgung der Veda-Gelübde, das Streben nach Gelübde-Übung ist Dharma, [ebenso] den Lehrer durch seine Füße [d. h. ehrerbietig] zufriedenzustellen.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (3.Sg.Perf.)
rahasyaśravaṇaṃ dharmaḥ
das Hören der Geheimlehren [ist] Dharma (Nom.Sg.n./m.)
vedavrataniṣevaṇam
Befolgung der Veda-Gelübde (Nom.Sg.n.)
vratacaryāparo dharmaḥ
auf Gelübde-Übung Ausgerichtetes [ist] Dharma (Nom.Sg.m.)
Der Hausvater, der das heilige Feuer eingerichtet hat, studiert, opfert, die Sinne zügelt, vom Opferrest lebt, maßvoll isst, wahrhaftig redet und rein ist [soll so leben].
Wort für Wort
āhitāgnir adhīyānaḥ
mit eingerichtetem Feuer, studierend (Nom.Sg.m./Part.Präs.Med.)
juhvānaḥ saṃyatendriyaḥ
opfernd, mit gezügelten Sinnen (Part.Präs.Med./Nom.Sg.m.)
vighasāśī yatāhāraḥ
Reste Essender, mit gemäßigter Nahrung (Nom.Sg.m.)
yajñaś ca paramo dharmas tathāhiṃsā ca dehiṣu; apūrvabhojanaṃ dharmo vighasāśitvam eva ca
Das Opfer ist höchster Dharma, ebenso Gewaltlosigkeit gegen Verkörperte; Dharma ist das Essen nach den anderen [Speisen, die vorher nicht gegessen wurden, zuerst den Gästen/Angehörigen] und das Leben vom Opferrest.
Wort für Wort
yajñaś ca paramo dharmaḥ
das Opfer und höchster Dharma (Nom.Sg.m.)
tathāhiṃsā ca dehiṣu
ebenso Gewaltlosigkeit gegenüber Verkörperten (Nom.Sg.f./Lok.Pl.)
apūrvabhojanaṃ dharmaḥ
Essen nicht als Erster [ist] Dharma (Nom.Sg.n.)
vighasāśitvam eva ca
und das Von-Resten-Leben (Nom.Sg.n.)
„apūrvabhojana“: wörtlich „Essen ohne Vorheriges/nicht als Erster“, vgl. Vers 42; Wiedergabe unsicher.
Wenn die Hausgenossen gegessen haben, gilt das Essen danach als Dharma, für einen Brāhmaṇa, der Hausvater ist, und besonders für den Vedakundigen (Śrotriya).
Wort für Wort
bhukte parijane paścāt
wenn die Hausgenossen gegessen haben, danach (Lok.abs./Adv.)
bhojanaṃ dharma ucyate
das Essen [als] Dharma wird genannt (Nom.Sg.n./3.Sg.Präs.Pass.)
daṃpatyoḥ samaśīlatvaṃ dharmaś ca gṛhamedhinām; gṛhyāṇāṃ caiva devānāṃ nityaṃ puṣpabalikriyā
Und für die Hausherren ist Dharma die gleiche Gesinnung der Ehegatten sowie beständig die Verrichtung von Blumen- und Speiseopfern für die Götter des Hauses.
Wort für Wort
daṃpatyoḥ samaśīlatvam
der Ehegatten gleiche Wesensart (Gen.Du./Nom.Sg.n.)
dharmaś ca gṛhamedhinām
und Dharma für die Hausherren (Nom.Sg.m./Gen.Pl.)
gṛhyāṇāṃ caiva devānām
und der Hausgötter (Gen.Pl.)
nityaṃ puṣpabalikriyā
beständig Blumen- und Opfergaben-Darbringung (Adv./Nom.Sg.f.)
nityopalepanaṃ dharmas tathā nityopavāsitā; susaṃmṛṣṭopalipte ca sājyadhūmodgame gṛhe
Beständiges Bestreichen [mit Kuhdung] ist Dharma, ebenso beständiges Fasten; und [Dharma ist ein] Haus, gut gefegt und bestrichen, in dem Rauch [vom Opfer] mit geklärter Butter aufsteigt.
Wort für Wort
nityopalepanaṃ dharmaḥ
beständiges Bestreichen [ist] Dharma (Nom.Sg.n.)
tathā nityopavāsitā
ebenso beständiges Fasten (Nom.Sg.f.)
susaṃmṛṣṭopalipte ca
und in gut gefegtem und bestrichenem (Lok.Sg.n.)
sājyadhūmodgame gṛhe
in dem Rauch mit Opferbutter aufsteigt, im Haus (Lok.Sg.)
Syntax des Halbverses elliptisch; Ergänzung in [ ] unsicher.
kṣatriyasya smṛto dharmaḥ prajāpālanam āditaḥ; nirdiṣṭaphalabhoktā hi rājā dharmeṇa yujyate
Für den Kṣatriya gilt als Dharma von Anfang an der Schutz der Untertanen; denn ein König, der die Frucht [seiner Herrschaft] wie bestimmt genießt, verbindet sich mit dem Dharma.
Wort für Wort
kṣatriyasya smṛto dharmaḥ
für den Kṣatriya überliefert [als] Dharma (Gen.Sg./Part.Perf.Pass.)
prajāpālanam āditaḥ
Schutz der Untertanen von Anfang an (Nom.Sg.n./Adv.)
nirdiṣṭaphalabhoktā hi
der die bestimmte Frucht genießt, denn (Nom.Sg.m.)
rājā dharmeṇa yujyate
der König mit Dharma wird verbunden (Nom.Sg./Instr.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
prajāḥ pālayate yo hi dharmeṇa manujādhipaḥ; tasya dharmārjitā lokāḥ prajāpālanasaṃcitāḥ
Der Herr der Menschen, der die Untertanen gemäß dem Dharma schützt, dessen Welten sind durch Dharma erworben und durch den Schutz der Untertanen angehäuft.
Wort für Wort
prajāḥ pālayate yo hi
die Untertanen schützt welcher (Akk.Pl./3.Sg.Präs.Med./Nom.Sg.)
dharmeṇa manujādhipaḥ
gemäß Dharma, Herr der Menschen (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)
tasya dharmārjitā lokāḥ
dessen durch Dharma erworbene Welten (Gen./Nom.Pl.m.)
Das Feststehen in der rechten Strafgewalt ist Dharma, Dharma sind Veda-Opferhandlungen, das Beharren im Rechtsverfahren ist Dharma, und ebenso die Freude an wahrer Rede.
Wort für Wort
samyag daṇḍe sthitir dharmaḥ
richtiges Feststehen in der Strafgewalt [ist] Dharma (Adv./Lok.Sg./Nom.Sg.f.)
dharmo vedakratukriyāḥ
Dharma [sind] Veda-Opferhandlungen (Nom.Pl.f.)
vyavahārasthitir dharmaḥ
Bestehen im Rechtsverfahren [ist] Dharma (Nom.Sg.f.)
Ein König, der den Bedrängten die Hand reicht, wird im Jenseits wie hier geehrt. Wer für Kühe und Brāhmaṇas tapfer kämpft und im Kampf den Tod findet, erlangt im Himmelsreich die Welten, die durch das Rossopfer gewonnen werden.
Wort für Wort
ārtahastaprado rājā
ein König, der den Bedrängten die Hand reicht (Nom.Sg.m.)
pretya ceha mahīyate
im Jenseits und hier wird geehrt (Abs./Adv./3.Sg.Präs.Pass.)
gobrāhmaṇārthe vikrāntaḥ
für Kühe und Brāhmaṇas tapfer (Lok./Nom.Sg.m.)
saṃgrāme nidhanaṃ gataḥ
im Kampf den Tod gefunden habend (Lok./Akk./Part.Perf.Akt.)
Handel, das Verharren auf dem Weg der Guten, Gastfreundschaft, Friedfertigkeit, Selbstbeherrschung, freundlicher Empfang der Brāhmaṇas und Freigebigkeit: das ist der ewige Dharma des Vaiśya.
Wort für Wort
vāṇijyaṃ satpathasthānam
Handel, Verharren auf dem Weg der Guten (Nom.Sg.n.)
sarvātithyaṃ trivargasya yathāśakti yathārhataḥ; śūdradharmaḥ paro nityaṃ śuśrūṣā ca dvijātiṣu
Gastlichkeit gegenüber allen [Angehörigen] der drei Lebensziele, nach Vermögen und nach Würdigkeit; für den Śūdra aber ist höchster Dharma stets der Dienst an den Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
sarvātithyaṃ trivargasya
Gastlichkeit gegen alle, für die Dreiheit [der Lebensziele] (Nom.Sg.n./Gen.Sg.)
Der Śūdra, der von Gewalt abgelassen hat, guten Wandel führt, Götter und Zweimalgeborene verehrt und verständig ist, kommt zu den erwünschten Früchten des Dharma.
Wort für Wort
tyaktahiṃsaḥ śubhācāraḥ
Gewalt aufgegeben habend, von gutem Wandel (Nom.Sg.m.)
devatādvijapūjakaḥ
Götter und Zweimalgeborene verehrend (Nom.Sg.m.)
śūdro dharmaphalair iṣṭaiḥ
der Śūdra mit erwünschten Früchten des Dharma (Nom./Instr.Pl.n.)