Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 149: daivapuruṣakāravicāra Schicksalsanteil und Anstrengung: Wovon hängt der Erwerb von Reichtum ab?

Yudhiṣṭhira fragt, warum Reichtum manchmal trotz Mühe ausbleibt und anderen ohne Mühe zufällt; Bhīṣma antwortet mit Verweis auf Geben, Dienst an den Alten, Gewaltlosigkeit und Askese. Einzelne Verse (bes. 149.004 und 149.013) sind sprachlich schwierig.

yudhiṣṭhira uvāca; nābhāgadheyaḥ prāpnoti dhanaṃ subalavān api; bhāgadheyānvitas tv arthān kṛśo bālaś ca vindati

Yudhiṣṭhira sprach: „Wer keinen Glücksanteil hat, erlangt keinen Reichtum, selbst wenn er sehr stark ist; wer aber mit einem Glücksanteil verbunden ist, gewinnt Güter, auch wenn er schwach oder ein Kind ist.

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
na abhāgadheyaḥ prāpnoti
nicht erlangt der ohne Glücksanteil (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
dhanaṃ subalavān api
Reichtum, auch wenn sehr stark (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
bhāgadheyānvitaḥ tu arthān
der mit Glücksanteil Verbundene aber, Güter (Nom.Sg.; Akk.Pl.)
kṛśaḥ bālaḥ ca vindati
der Schwache und der Kind [seiende] gewinnt (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

tat kathaṃ labhate kena tan me tvaṃ vaktum arhasi

Wie also erlangt man das, und durch wen? Das mögest du mir sagen.“

Wort für Wort
tat katham labhate
das, wie erlangt man (3.Sg.Präs. Med.)
kena
durch wen/was (Instr.Sg.)
tat me tvaṃ vaktum arhasi
das mir du zu sagen vermagst/sollst (2.Sg.Präs.; Inf.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (*0687).

nālābhakāle labhate prayatne 'pi kṛte sati; lābhakāle 'prayatnena labhate vipulaṃ dhanam; kṛtayatnāphalāś caiva dṛśyante śataśo narāḥ

„Zur Unzeit des Gewinns erlangt man nichts, auch wenn Anstrengung unternommen wurde; zur Zeit des Gewinns erlangt man ohne Anstrengung reichen Besitz; und zu Hunderten sieht man Menschen, deren Anstrengung ohne Frucht blieb.

Wort für Wort
na alābhakāle labhate
nicht in der Zeit des Nicht-Gewinns erlangt er (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
prayatne 'pi kṛte sati
auch wenn Anstrengung getan ist (Lok. absolut)
lābhakāle aprayatnena
in der Zeit des Gewinns, ohne Anstrengung (Lok.Sg.; Instr.Sg.)
labhate vipulaṃ dhanam
erlangt er reichen Besitz (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
kṛtayatnāphalāḥ ca eva
und solche, deren getane Anstrengung fruchtlos ist (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
dṛśyante śataśaḥ narāḥ
werden gesehen hundertfach Menschen (3.Pl.Pass.; Nom.Pl.)

sadā prayatnaṃ kṛtvaiva dṛśyate hy adhano naraḥ

Obwohl er stets Anstrengung unternommen hat, sieht man den Menschen doch besitzlos.

Wort für Wort
sadā prayatnaṃ kṛtvā eva
immer Anstrengung getan habend (Adv.; Akk.Sg.; Gerundium)
dṛśyate hi adhanaḥ naraḥ
wird gesehen doch besitzlos der Mensch (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0688).

ayatnenaidhamānāś ca dṛśyante bahavo janāḥ

Und ohne Anstrengung sieht man viele Leute gedeihen.

Wort für Wort
ayatnena edhamānāḥ ca
ohne Anstrengung, gedeihend (Instr.Sg.; Part.Präs. Med. Nom.Pl.)
dṛśyante bahavaḥ janāḥ
werden gesehen viele Leute (3.Pl.Pass.; Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*0689).

yadi yatno bhaven martyaḥ sa sarvaṃ phalam āpnuyāt; nālabhyaṃ copalabhyeta nṛṇāṃ bharatasattama

Wenn der Sterbliche Anstrengung hätte, würde er jede Frucht erlangen; und nichts Unerreichbares würde bei den Menschen vorgefunden werden, bester der Bharatas.

Wort für Wort
yadi yatnaḥ bhavet martyaḥ
wenn Anstrengung wäre [bei] dem Sterblichen (Nom.Sg.; Opt.; Nom.Sg.)
sa sarvaṃ phalam āpnuyāt
er jede Frucht erlangen würde (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na alabhyaṃ ca upalabhyeta
und nicht Unerlangbares würde vorgefunden (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Opt.Pass.)
nṛṇāṃ bharatasattama
bei Männern, bester der Bharatas (Gen.Pl.; Vok.Sg.)

yadā prayatnaṃ kṛtavān dṛśyate hy aphalo naraḥ; mārgan nayaśatair arthān amārgaṃś cāparaḥ sukhī

Wenn einer Anstrengung unternommen hat, sieht man den Menschen ohne Erfolg; [einer] sucht Güter mit Hunderten von Klugheitsmitteln, ein anderer dagegen ist auf dem Nicht-Weg [d. h. auf unrechtem Weg] glücklich.

Wort für Wort
yadā prayatnaṃ kṛtavān
wenn Anstrengung getan habend (Konj.; Akk.Sg.; Part.Perf.Akt. Nom.Sg.)
dṛśyate hi aphalaḥ naraḥ
wird gesehen doch erfolglos der Mensch (3.Sg.Pass.; Nom.Sg.)
mārgan nayaśatair arthān
sucht [?] mit hundert Klugheitsmitteln Güter (3.Sg.; Instr.Pl.; Akk.Pl.)
amārgaḥ ca aparaḥ sukhī
und der andere, auf dem Nicht-Weg, glücklich (Lok./Nom.Sg.; Nom.Sg.)

Textlich schwierig: „mārgan“ ist als 3.Sg. von mārg- (suchen) gedeutet, der Vers ist vermutlich verderbt.

akāryam asakṛt kṛtvā dṛśyante hy adhanā narāḥ; dhanayuktās tv adharmasthā dṛśyante cāpare janāḥ

Nachdem sie wiederholt Unziemliches getan haben, sieht man Menschen besitzlos; und andere Leute sieht man, obwohl sie im Adharma stehen, mit Reichtum ausgestattet.

Wort für Wort
akāryam asakṛt kṛtvā
Unziemliches wiederholt getan habend (Akk.Sg.; Adv.; Gerundium)
dṛśyante hi adhanāḥ narāḥ
werden gesehen doch besitzlos Menschen (3.Pl.Pass.; Nom.Pl.)
dhanayuktāḥ tu adharmasthāḥ
mit Reichtum verbunden aber, im Adharma stehend (Nom.Pl.)
dṛśyante ca apare janāḥ
werden gesehen und andere Leute (3.Pl.Pass.; Nom.Pl.)

adhītya nītiṃ yasmāc ca nītiyukto na dṛśyate; anabhijñaś ca sācivyaṃ gamitaḥ kena hetunā; vidyāyukto hy avidyaś ca dhanavān durgatas tathā

Weil einer, obwohl er Staatskunst studiert hat, nicht als der Staatskunst Gemäßer gesehen wird, und ein Unkundiger zum Ministeramt gelangt ist: aus welchem Grund [geschieht das]? Der Gelehrte ist [manchmal] ungelehrt [im Ergebnis], und der Reiche [ist] ebenso in Not.

Wort für Wort
adhītya nītiṃ yasmāt ca
Staatskunst studiert habend, und weil (Gerundium; Akk.Sg.; Abl./Konj.)
nītiyuktaḥ na dṛśyate
der mit Staatskunst Verbundene nicht wird gesehen (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
anabhijñaḥ ca sācivyaṃ gamitaḥ
und der Unkundige zum Ministeramt gebracht (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Part.Kaus.Pass.)
kena hetunā
aus welchem Grund (Instr.Sg.)
vidyāyuktaḥ hi avidyaḥ ca
der mit Wissen Verbundene doch [wie] ohne Wissen (Nom.Sg.) [?]
dhanavān durgataḥ tathā
der Reiche, ebenso in Not Geratene (Nom.Sg.; Nom.Sg.)

Der letzte Pāda ist knapp und in der Deutung unsicher.

yadi vidyām upāśritya naraḥ sukham avāpnuyāt; na vidvān vidyayā hīnaṃ vṛttyartham upasaṃśrayet

Wenn ein Mensch durch Wissen Glück erlangen würde, würde kein Gelehrter zum Lebensunterhalt bei einem, dem Wissen fehlt, Zuflucht suchen.

Wort für Wort
yadi vidyām upāśritya
wenn Wissen zur Grundlage genommen habend (Akk.Sg.; Gerundium)
naraḥ sukham avāpnuyāt
der Mensch Glück erlangen würde (Nom.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na vidvān vidyayā hīnam
nicht der Gelehrte [würde] einen an Wissen Mangelnden (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Akk.Sg.)
vṛttyartham upasaṃśrayet
des Lebensunterhalts wegen aufsuchen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)

yathā pipāsāṃ jayati puruṣaḥ prāpya vai jalam; dṛṣṭārtho vidyayāpy evam avidyāṃ prajahen naraḥ

Wie ein Mensch den Durst besiegt, wenn er Wasser erlangt hat, so soll der Mensch, der durch Wissen sein Ziel gesehen hat, die Unwissenheit aufgeben.

Wort für Wort
yathā pipāsāṃ jayati
wie den Durst besiegt (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
puruṣaḥ prāpya vai jalam
der Mensch, erlangt habend fürwahr Wasser (Nom.Sg.; Gerundium; Akk.Sg.)
dṛṣṭārthaḥ vidyayā api evam
der das Ziel gesehen hat, durch Wissen, so auch (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
avidyāṃ prajahet naraḥ
die Unwissenheit möge aufgeben der Mensch (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.; Nom.Sg.)

nāprāptakālo mriyate viddhaḥ śaraśatair api; tṛṇāgreṇāpi saṃspṛṣṭaḥ prāptakālo na jīvati

Wer seine Zeit nicht erreicht hat, stirbt nicht, selbst von Hunderten von Pfeilen durchbohrt; wer aber seine Zeit erreicht hat, lebt nicht mehr, selbst wenn er nur von einer Grashalmspitze berührt wird.

Wort für Wort
na aprāptakālaḥ mriyate
nicht der, dessen Zeit nicht gekommen ist, stirbt (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs. Med.)
viddhaḥ śaraśataiḥ api
durchbohrt von hundert Pfeilen auch (Part.Pass. Nom.Sg.; Instr.Pl.)
tṛṇāgreṇa api saṃspṛṣṭaḥ
von einer Grashalmspitze auch berührt (Instr.Sg.; Part.Pass. Nom.Sg.)
prāptakālaḥ na jīvati
der, dessen Zeit gekommen ist, lebt nicht (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; īhamānaḥ samārambhān yadi nāsādayed dhanam; ugraṃ tapaḥ samārohen na hy anuptaṃ prarohati

Bhīṣma sprach: „Wenn einer, der Unternehmungen betreibt, keinen Reichtum erlangt, soll er strenge Askese auf sich nehmen; denn was nicht gesät ist, sprießt nicht.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
īhamānaḥ samārambhān
sich bemühend, Unternehmungen [betreibend] (Part.Präs. Med. Nom.Sg.; Akk.Pl.)
yadi na āsādayet dhanam
wenn er nicht erlangt Reichtum (3.Sg.Opt.Kaus.; Akk.Sg.)
ugraṃ tapaḥ samārohet
strenge Askese möge er besteigen (Akk.Sg.; 3.Sg.Opt.)
na hi anuptaṃ prarohati
denn nicht Ungesätes sprießt (Part.Pass. Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.)

dānena bhogī bhavati medhāvī vṛddhasevayā; ahiṃsayā ca dīrghāyur iti prāhur manīṣiṇaḥ

Durch Geben wird man ein Genießender, durch Dienst an den Alten ein Kluger, durch Gewaltlosigkeit langlebig: so sagen die Weisen.

Wort für Wort
dānena bhogī bhavati
durch Geben genussreich wird er (Instr.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
medhāvī vṛddhasevayā
klug durch Dienst an den Alten (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
ahiṃsayā ca dīrghāyuḥ
und durch Gewaltlosigkeit langlebig (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
iti prāhuḥ manīṣiṇaḥ
so sagen die Weisen (Perf.3.Pl.; Nom.Pl.)

tasmād dadyān na yāceta pūjayed dhārmikān api; svābhāṣī priyakṛc chuddhaḥ sarvasattvāvihiṃsakaḥ

Darum soll man geben und nicht bitten, soll auch die Rechtschaffenen ehren; [man sei] freundlich im Reden, Liebes tuend, rein und keinem Wesen Leid zufügend.

Wort für Wort
tasmāt dadyāt na yāceta
darum möge man geben, nicht bitten (Abl.; 3.Sg.Opt.; 3.Sg.Opt. Med.)
pūjayet dhārmikān api
ehren möge man auch die Rechtschaffenen (3.Sg.Opt.; Akk.Pl.)
svābhāṣī priyakṛt
freundlich sprechend, Liebes tuend (Nom.Sg.)
śuddhaḥ sarvasattvāvihiṃsakaḥ
rein, allen Wesen nicht schadend (Nom.Sg.; Nom.Sg., Tatpuruṣa)

yadā pramāṇaprabhavaḥ svabhāvaś ca sukhāsukhe; maśakīṭapipīlānāṃ sthiro bhava yudhiṣṭhira

Da Maß [oder: das Maßgebende] als Ursprung und die Eigennatur [über] Glück und Unglück der Mücken, Würmer und Ameisen [bestimmen] [?], sei standhaft, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
yadā pramāṇaprabhavaḥ
da/wenn das Maß als Ursprung habend (Konj.; Nom.Sg., Bahuvrīhi) [?]
svabhāvaḥ ca sukhāsukhe
und die Eigennatur, Glück und Unglück (Nom.Sg.; Lok./Nom.Du.)
maśakīṭapipīlānāṃ
der Mücken, Würmer und Ameisen (Gen.Pl.)
sthiraḥ bhava yudhiṣṭhira
standhaft sei, Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.; Imp.2.Sg.; Vok.Sg.)

Textlich und syntaktisch unsicher; der Vers ist in dieser Form schwer zu deuten, die Wiedergabe ist ein Vorschlag mit den wenigsten Zusatzannahmen.

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