Kapitel 9: pratiśrutāpradānadoṣaḥ
Vom Nichtgeben des Versprochenen an Brāhmaṇas: Schakal und Affe, Glut des Brāhmaṇa
Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schicksal derer, die den Brāhmaṇas Versprochenes nicht geben. Er erzählt vom Gespräch eines Schakals und eines Affen und preist die Macht der Hoffnung und des Zorns der Brāhmaṇas.
yudhiṣṭhira uvāca; brāhmaṇānāṃ tu ye loke pratiśrutya pitāmaha; na prayacchanti mohāt te ke bhavanti mahāmate
Yudhiṣṭhira sprach: „Diejenigen in der Welt, o Großvater, die Brāhmaṇas etwas versprochen haben und es aus Verblendung nicht geben – was für [Wesen] werden sie, o Hochgesinnter?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
brāhmaṇānāṃ tu ye loke
die aber, die in der Welt den Brāhmaṇas (Gen./Dat.-Sinn; Lok.)
pratiśrutya pitāmaha
nachdem sie versprochen haben (Abs.), o Großvater (Vok.)
na prayacchanti mohāt
nicht geben sie aus Verblendung (3.Pl.Präs.; Abl.)
te ke bhavanti mahāmate
was für [Wesen] werden sie (3.Pl.Präs.), o Hochgesinnter (Vok.)
„In den Gabenpflichten, o Bhīṣma, ist mein Entschluss stets [fest].“
Wort für Wort
dānadharmeṣu
in den Gabenpflichten (Lok.Pl.; Tatpuruṣa)
bho bhīṣma
o Bhīṣma (Vok.)
sadaiva niścayo hi me
stets ja ist mein Entschluss (Nom.Sg.; Gen./Dat. me)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Satz ist knapp; wohl gemeint: Yudhiṣṭhiras Wille, sich über die Gabenpflichten zu unterrichten, steht fest.
etan me tattvato brūhi dharmaṃ dharmabhṛtāṃ vara; pratiśrutya durātmāno na prayacchanti ye narāḥ
„Sage mir dies der Wahrheit gemäß, o Bester unter den Rechtstragenden: das Recht [betreffend] jene Menschen, die, böswillig, nach einem Versprechen nicht geben.“
Wort für Wort
etan me tattvato brūhi
dies mir der Wahrheit gemäß sprich (Imp.2.Sg.)
dharmaṃ dharmabhṛtāṃ vara
das Recht (Akk.), o Bester der Rechtstragenden (Vok.; Gen.Pl.)
pratiśrutya durātmānaḥ
nachdem sie versprochen haben (Abs.), die Böswilligen (Nom.Pl.)
na prayacchanti ye narāḥ
nicht geben, [nämlich] die Menschen (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
bhīṣma uvāca; yo na dadyāt pratiśrutya svalpaṃ vā yadi vā bahu; āśās tasya hatāḥ sarvāḥ klībasyeva prajāphalam
Bhīṣma sprach: „Wer nach einem Versprechen nicht gibt, sei es wenig oder viel, dessen Hoffnungen sind alle zerstört, wie [die Hoffnung auf] Nachkommenschaft bei einem Impotenten.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yo na dadyāt pratiśrutya
wer nicht gibt (Opt.3.Sg.), nachdem er versprochen hat (Abs.)
svalpaṃ vā yadi vā bahu
wenig oder auch viel (Akk.)
āśās tasya hatāḥ sarvāḥ
die Hoffnungen dessen sind zerstört, alle (Nom.Pl.f.; Part.Pass.)
klībasyeva prajāphalam
wie beim Impotenten die Frucht der Nachkommenschaft (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
yāṃ rātriṃ jāyate pāpo yāṃ ca rātriṃ vinaśyati; etasminn antare yad yat sukṛtaṃ tasya bhārata; yac ca tasya hutaṃ kiṃ cit sarvaṃ tasyopahanyate
„In der Nacht, in der der Sünder geboren wird, und in der Nacht, in der er zugrunde geht – in diesem Zwischenraum: was immer er an guten Werken [vollbracht hat], o Bhārata, und was immer von ihm geopfert wurde, all das wird ihm zunichte gemacht.“
Wort für Wort
yāṃ rātriṃ jāyate pāpaḥ
in welcher Nacht der Sünder geboren wird (Akk. der Zeit; 3.Sg.Pass./Med.)
yāṃ ca rātriṃ vinaśyati
und in welcher Nacht er zugrunde geht (3.Sg.Präs.)
etasminn antare yad yat sukṛtaṃ
in diesem Zwischenraum, was immer an Gutgetanem (Lok.; Nom.Sg.n.)
„[Sei es] Gegebenes, o Stier unter den Bharatas, oder auch geübte Askese.“
Wort für Wort
dattaṃ vā
oder Gegebenes (Part.Pass.n.)
bharatarṣabha
o Stier unter den Bharatas (Vok.)
tapas taptam
Askese, geübte (Nom./Akk.n.; Part.Pass.)
atho vāpi
oder auch (Partikeln)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Halbvers-Fragment einer Zusatzpassage, syntaktisch an 009.004 angeschlossen.
tau sakhāyau purā hy āstāṃ mānuṣatve paraṃtapa; anyāṃ yoniṃ samāpannau sārgālīṃ vānarīṃ tathā
„Diese beiden waren einst Freunde in der Menschenzeit, o Bezwinger der Feinde; sie waren in einen anderen Mutterschoß eingegangen, [nämlich als] Schakalin und Äffin.“
Wort für Wort
tau sakhāyau purā hy āstām
diese beiden Freunde waren einst (Nom.Du.; Impf.3.Du.)
mānuṣatve paraṃtapa
im Menschsein (Lok.), o Bezwinger der Feinde (Vok.)
anyāṃ yoniṃ samāpannau
in einen anderen Mutterschoß gelangt (Akk.; Part.Nom.Du.)
etan mayā te kathitaṃ sṛgālo 'haṃ yathābhavam; vānara uvāca; tvaṃ tu vānaratāṃ prāptaḥ karmaṇā kena tad vada; pārakyāṇi purā lobhāt phalāny apahṛtāni ca; bhīṣma uvāca; tenāhaṃ karmadoṣeṇa vānaratvam upāgataḥ; evaṃ tau kathayitvā tu karmadoṣān parasparam; sṛgālo vānaraś cāpi pratiyātau yathāgatam
„Dies habe ich dir erzählt, wie es mit mir kam: ich bin ein Schakal.“ Der Affe sprach: „Du aber, durch welche Tat bist du in die Affenschaft gelangt? Das sage.“ [Bhīṣma sprach:] „Früher wurden aus Gier fremde Früchte [von mir] geraubt. Wegen dieses Tatfehlers bin ich zur Affenschaft gelangt.“ So sprachen die beiden, einander von ihren Tatfehlern erzählend; Schakal und Affe gingen wieder zurück, so wie sie gekommen waren.
Wort für Wort
etan mayā te kathitaṃ
dies von mir dir erzählt (Instr.; Dat./Gen.; Part.Pass.)
sṛgālo 'haṃ yathābhavam
ein Schakal bin ich, wie es kam (Nom.; Adv.)
vānara uvāca tvaṃ tu vānaratāṃ prāptaḥ
der Affe sprach: du aber die Affenschaft erlangt habend
karmaṇā kena tad vada
durch welche Tat (Instr.), das sprich (Imp.)
pārakyāṇi purā lobhāt phalāny apahṛtāni ca
fremde Früchte früher aus Gier geraubt (Nom.Pl.n.; Part.Pass.)
Bhīṣma sprach: durch diesen Tatfehler bin ich zur Affenschaft gelangt
evaṃ tau kathayitvā tu karmadoṣān parasparam
so nachdem die beiden einander die Tatfehler erzählt hatten (Abs.)
sṛgālo vānaraś cāpi pratiyātau yathāgatam
Schakal und Affe gingen zurück, wie sie gekommen waren (Aor./Perf.Du.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Die Sprecherangaben der Zusatzpassage sind offenbar verwirrt (Bhīṣma uvāca vor der Antwort des Sprechers der Tat; die Rollenverteilung der Frage/Antwort ist unklar). Wiedergabe wörtlich mit [Bhīṣma sprach:] wie im Text.
sa cāpy āha brāhmaṇānāṃ phalāhāraḥ plavaṃgamaḥ; tasmān na brāhmaṇasvaṃ tu hartavyaṃ viduṣā sadā; sīmāvivāde moktavyaṃ dātavyaṃ ca pratiśrutam
Und dieser sagte: „Ich, der Affe, war ein Früchteesser [auf Kosten] der Brāhmaṇas. Darum darf Brāhmaṇa-Eigentum vom Wissenden niemals geraubt werden; bei einem Grenzstreit ist [der Anspruch] aufzugeben, und das Versprochene ist zu geben.“
Wort für Wort
sa cāpy āha
und auch dieser sagte (Perf.3.Sg.)
brāhmaṇānāṃ phalāhāraḥ plavaṃgamaḥ
der Früchte-Esser der Brāhmaṇas, der Affe (Gen.Pl.; Nom.)
tasmān na brāhmaṇasvaṃ tu hartavyaṃ
darum ist Brāhmaṇa-Eigentum nicht zu rauben (Abl.-Adv.; Gerundiv)
viduṣā sadā
vom Wissenden stets (Instr.Sg.)
sīmāvivāde moktavyaṃ
beim Grenzstreit ist aufzugeben (Lok.; Gerundiv)
dātavyaṃ ca pratiśrutam
und zu geben ist das Versprochene (Gerundiv; Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bedeutung von sīmāvivāde moktavyam unsicher (sinngemäß: im Grenzstreit ist nachzugeben).
na hartavyaṃ vipradhanaṃ kṣantavyaṃ teṣu nityaśaḥ; bālāś ca nāvamantavyā daridrāḥ kṛpaṇā api
„Das Vermögen eines Brāhmaṇa darf nicht geraubt werden; ihnen gegenüber ist stets Nachsicht zu üben; Kinder sind nicht zu missachten, auch nicht Arme und Bedauernswerte.“
Wort für Wort
na hartavyaṃ vipradhanaṃ
nicht zu rauben ist das Vermögen eines Vipra (Gerundiv; Nom.n.)
kṣantavyaṃ teṣu nityaśaḥ
nachzusehen ist ihnen gegenüber stets (Gerundiv; Lok.Pl.)
bālāś ca nāvamantavyā
und Kinder sind nicht zu missachten (Nom.Pl.; Gerundiv)
daridrāḥ kṛpaṇā api
Arme, Bedauernswerte auch (Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
„Wen er, zornentbrannt, mit der früher entstandenen Hoffnung ansieht, den verbrennt er, o König, wie das unerschöpflich verzehrende [Feuer] das Gestrüpp.“
Wort für Wort
yaṃ nirīkṣeta saṃkruddhaḥ
wen er ansehen mag, erzürnt (Opt.3.Sg.; Part.Nom.)
āśayā pūrvajātayā
mit der früher entstandenen Hoffnung (Instr.Sg.f.)
pradaheta hi taṃ rājan
verbrennen wird er ihn, o König (Opt.3.Sg.; Vok.)
kakṣam akṣayyabhug yathā
wie das Gestrüpp der unerschöpflich Verzehrende [Agni] (Akk.; Nom.)