Kapitel 37: pātraparīkṣā
Wer ein würdiger Empfänger von Gaben ist und wie man ihn prüft
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem rechten Empfänger (pātra) nennt Bhīṣma Prüfkriterien: Tugenden und Wandel statt Neuheit, Alter der Bekanntschaft oder Herkunft; er warnt vor Scheingelehrten und Vernunftstreitern und schließt mit den Pflichten des Hausvaters.
Yudhiṣṭhira sprach: „Ob ein Empfänger neu [unbekannt] sein mag oder aber schon lange [bei uns] geweilt hat oder auch von weither gekommen ist – welcher gilt als [würdiger] Empfänger, Großvater?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
apūrvaṃ vā bhavet pātram
oder ein neuer [unbekannter] Empfänger sei es (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Opt.)
atha vāpi ciroṣitam
oder auch einer, der lange geweilt hat (PPP Nom.Sg.n.)
dūrād abhyāgataṃ vāpi
oder auch einer, der von fern gekommen ist (Abl.; PPP Nom.Sg.n.)
kiṃ pātraṃ syāt pitāmaha
was für ein Empfänger würde es sein, Großvater (3.Sg.Opt.; Vok.)
bhīṣma uvāca; kriyā bhavati keṣāṃ cid upāṃśuvratam uttamam; yo yo yāceta yat kiṃ cit sarvaṃ dadyāma ity uta
Bhīṣma sprach: „Bei manchen besteht die Übung, als höchstes stilles Gelübde: ‚Wer auch immer um etwas bittet, dem wollen wir alles geben‘, so [sagt man].“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
kriyā bhavati keṣāṃ cit
bei manchen gibt es eine Übung (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Gen.Pl.)
upāṃśuvratam uttamam
ein stilles Gelübde, das höchste (Nom.Sg.n.)
yo yo yāceta yat kiṃ cit
wer immer um irgendetwas bittet (3.Sg.Opt.Med.)
sarvaṃ dadyāma ity uta
alles wollen wir geben, so [heißt es] (1.Pl.Opt.)
Der Vers ist knapp und syntaktisch locker; upāṃśuvrata bezeichnet ein still, ohne Aufhebens geübtes Gelübde.
yudhiṣṭhira uvāca; apīḍayā ca bhṛtyānāṃ dharmasyāhiṃsayā tathā; pātraṃ vidyāma tattvena yasmai dattaṃ na saṃtapet
Yudhiṣṭhira sprach: „Ohne Bedrängung der Diener und ebenso ohne Verletzung des Dharma – so möchten wir den Empfänger der Wahrheit nach erkennen, dem Gegebenes nicht reuen lässt.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
apīḍayā ca bhṛtyānām
und ohne Bedrängung der Diener (Instr.Sg.f.; Gen.Pl.)
dharmasyāhiṃsayā tathā
ebenso durch Nichtverletzung des Dharma (Gen.Sg.; Instr.Sg.f.)
pātraṃ vidyāma tattvena
den Empfänger möchten wir erkennen der Wahrheit nach (1.Pl.Opt.; Instr.)
yasmai dattaṃ na saṃtapet
dem Gegebenes nicht reuen [noch quälen] möge (Dat.; PPP Nom.Sg.n.; 3.Sg.Opt.)
bhīṣma uvāca; ṛtvikpurohitācāryāḥ śiṣyāḥ saṃbandhibāndhavāḥ; sarve pūjyāś ca mānyāś ca śrutavṛttopasaṃhitāḥ
Bhīṣma sprach: „Opferpriester, Hauspriester, Lehrer, Schüler, Verschwägerte und Verwandte – alle sind zu ehren und zu achten, [sofern] sie mit Gelehrsamkeit und [rechtem] Wandel ausgestattet sind.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
ṛtvikpurohitācāryāḥ
Opferpriester, Hauspriester und Lehrer (Nom.Pl.m., Dvandva)
śiṣyāḥ saṃbandhibāndhavāḥ
Schüler, Verschwägerte, Verwandte (Nom.Pl.m.)
sarve pūjyāś ca mānyāś ca
alle zu verehren und zu achten (Nom.Pl.m.; Gerundiv)
śrutavṛttopasaṃhitāḥ
ausgestattet mit Gelehrsamkeit und Wandel (Nom.Pl.m., Kompositum)
yasminn etāni dṛśyante na cākāryāṇi bhārata; bhāvato viniviṣṭāni tat pātraṃ mānam arhati
In wem diese [Eigenschaften] zu sehen sind und keine Untaten, Bhārata, [sondern jene] aus [innerer] Gesinnung fest verankert sind – dieser Empfänger verdient Ehre.
Wort für Wort
yasminn etāni dṛśyante
in wem diese gesehen werden (Lok.; Nom.Pl.n.; 3.Pl.Pass.)
na cākāryāṇi bhārata
und nicht Nichtzutuendes [Untaten], Bhārata (Nom.Pl.n.; Vok.)
bhāvato viniviṣṭāni
aus Gesinnung fest verankert (Abl.; PPP Nom.Pl.n.)
tat pātraṃ mānam arhati
dieser Empfänger verdient Ehre (Nom.Sg.n.; Akk.Sg.m.; 3.Sg.Präs.)
vidyātapobhyāṃ hīnena na tu grāhyaḥ pratigrahaḥ; gṛhṇan pratigraham atho nayaty ātmānam eva ca; pratigrahasamartho 'pi nādatte yaḥ pratigraham; ye lokā dānaśīlānāṃ sa tān āpnoti puṣkalān
Von einem, der ohne Wissen und Askese ist, darf die Gabe nicht angenommen werden; wer die Gabe annimmt, bringt auch sich selbst [zu Fall] [?]. Wer, zur Annahme fähig, keine Gabe annimmt, der erlangt die Welten der Gabenfreudigen in Fülle.
Wort für Wort
vidyātapobhyāṃ hīnena
von einem, der ohne Wissen und Askese ist (Abl./Instr.Du.; Instr.Sg.m.)
na tu grāhyaḥ pratigrahaḥ
nicht aber ist anzunehmen die Gabe (Gerundiv Nom.Sg.m.)
gṛhṇan pratigraham atho
wer die Gabe annimmt, und dann (Part.Präs.; Akk.Sg.)
nayaty ātmānam eva ca
führt auch sich selbst [dahin] (3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
pratigrahasamartho 'pi nādatte yaḥ pratigraham
wer, obwohl zur Annahme fähig, keine Gabe annimmt (3.Sg.Präs.Med.)
ye lokā dānaśīlānāṃ sa tān āpnoti puṣkalān
die Welten der Gabenfreudigen erlangt er, und zwar in Fülle (Gen.Pl.; 3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0284). Der Halbvers „gṛhṇan pratigraham atho nayaty ātmānam eva ca“ ist elliptisch; ergänzt wird vermutlich „ins Verderben“.
Wie ein Hund losgelassen wird, um zu bellen und zu beißen, so [werden] solche zur Unterredung und zur Zerstörung aller Lehre [losgelassen]: Wenig Belehrte, Fehlschlüssler, Scheingelehrte – [schon] gesehen und [schon] berührt [sind sie zu meiden] [?].
Wort für Wort
yathā śvā bhaṣituṃ caiva
wie ein Hund, um zu bellen (Nom.Sg.m.; Inf.)
hantuṃ caivāvasṛjyate
und um zu töten [beißen], losgelassen wird (Inf.; 3.Sg.Pass.)
evaṃ saṃbhāṣaṇārthāya
so zum Zweck der Unterredung (Dat.)
sarvaśāstravadhāya ca
und zur Vernichtung aller Lehren (Dat.)
alpaśrutāḥ kutarkāś ca
wenig Belehrte und schlechte Schlussfolgerer (Nom.Pl.m.)
dṛṣṭāḥ spṛṣṭāḥ kupaṇḍitāḥ
gesehen, berührt, Scheingelehrte (PPP Nom.Pl.m.)
Die Wendung dṛṣṭāḥ spṛṣṭāḥ ist unklar; vielleicht „wenn man sie sieht [oder] berührt [d. h. mit ihnen zu tun hat]“.
Dies nennen die Denker über den Dharma den besten unter den Empfängern.
Wort für Wort
pātrāṇām uttamaṃ pātram
den besten Empfänger unter den Empfängern (Gen.Pl.n.; Akk.Sg.n.)
tad āhur
dies nennen sie (Akk.Sg.n.; 3.Pl.Perf.)
dharmacintakāḥ
die Dharma-Denker (Nom.Pl.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (*0285); der Bezug von tat ist ohne Kontext unklar.