Kapitel 59: dānapātraparīkṣā
Wem man geben soll: Würdige Brahmanen, die nicht bitten, und der Wert der Gabe
Yudhiṣṭhira fragt, ob die Gabe an einen Nichtbittenden oder an einen Bittenden vorzüglicher sei; Bhīṣma rät, bescheidene, nicht bittende Brahmanen aufzusuchen und zu ehren, und deutet das Geben als Opfer.
yudhiṣṭhira uvāca; yau tu syātāṃ caraṇenopapannau; yau vidyayā sadṛśau janmanā ca; tābhyāṃ dānaṃ katarasmai viśiṣṭam; ayācamānāya ca yācate ca
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn zwei [Brahmanen] an Wandel vollkommen wären, an Wissen und an Geburt gleich – welchem von beiden ist die Gabe vorzüglicher: dem, der nicht bittet, oder dem, der bittet?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
yau tu syātāṃ caraṇena upapannau
die beiden aber, die durch Wandel ausgestattet wären (Opt. Du.; Instr.; Part. Nom. Du.)
yau vidyayā sadṛśau janmanā ca
die durch Wissen gleich sind und durch Geburt (Nom. Du.; Instr.)
tābhyāṃ dānaṃ katarasmai viśiṣṭam
von diesen beiden, welchem ist die Gabe vorzüglicher (Abl. Du.; Nom. Sg.; Dat. Sg.)
ayācamānāya ca yācate ca
dem Nichtbittenden und dem Bittenden (Dat. Sg. Part.)
bhīṣma uvāca; śreyo vai yācataḥ pārtha dattam āhur ayācate; arhattamo vai dhṛtimān kṛpaṇād adhṛtātmanaḥ
Bhīṣma sprach: „Besser, Sohn der Pṛthā, ist, so sagt man, das dem Nichtbittenden Gegebene als das dem Bittenden [Gegebene]. Der Standhafte ist weit würdiger als der Elende, dessen Selbst nicht gefestigt ist.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
śreyo vai yācataḥ pārtha
besser als dem Bittenden, Pārtha (Nom. Sg. n. Komp.; Abl./Gen. Part.; Vok.)
dattam āhur ayācate
das Gegebene, sagt man, dem Nichtbittenden (Part. Nom. Sg.; 3.Pl.Perf.; Dat.)
arhattamo vai dhṛtimān
der Würdigste ist der Standhafte (Superl. Nom.; Nom. Sg.)
kṛpaṇād adhṛtātmanaḥ
gegenüber dem Elenden mit ungefestigtem Selbst (Abl. Sg.; Abl. Sg., Bahuvrīhi)
Der Kṣatriya hat seine Festigkeit im Schützen, der Brahmane in der Genügsamkeit des Nichtbittens. Der standhafte, gelehrte, zufriedene Brahmane erfreut die Götter.
Wort für Wort
kṣatriyo rakṣaṇadhṛtiḥ
der Kṣatriya, dessen Festigkeit im Schützen liegt (Nom. Sg.; Bahuvrīhi)
brāhmaṇo 'narthanādhṛtiḥ
der Brahmane, dessen Festigkeit im Nichtbitten liegt (Nom. Sg.; Bahuvrīhi)
brāhmaṇo dhṛtimān vidvān
der Brahmane, standhaft, gelehrt (Nom. Sg.)
devān prīṇāti tuṣṭimān
erfreut die Götter, zufrieden (3.Sg.Präs.; Akk. Pl.; Nom. Sg.)
Mitgefühl ist das höchste Dharma bei dem, was dem Bittenden gegeben wird. Die nicht bittenden, in Not geratenen [Brahmanen] lade mit allen Mitteln ein.
Wort für Wort
ānṛśaṃsyaṃ paro dharmaḥ
Nicht-Grausamkeit [Mitgefühl] ist das höchste Dharma (Nom. Sg.)
yācate yat pradīyate
bei dem, was dem Bittenden gegeben wird (Dat. Part.; Rel.; 3.Sg.Pass.)
yad agnihotre suhute sāyaṃprātar bhavet phalam; vidyāvedavratavati tad dānaphalam ucyate
Die Frucht, die es beim gut dargebrachten Agnihotra am Abend und am Morgen gibt, die nennt man die Frucht der Gabe an einen, der Wissen, Veda und Gelübde besitzt.
Wort für Wort
yad agnihotre suhute
was beim gut geopferten Agnihotra (Rel.; Lok. Sg.; Part. Lok.)
sāyaṃprātar bhavet phalam
abends und morgens es gibt als Frucht (Adv.; Opt. 3.Sg.; Nom. Sg.)
vidyāvedavratavati
bei dem, der Wissen, Veda und Gelübde hat (Lok. Sg., Possessiv)
tad dānaphalam ucyate
das wird Gabenfrucht genannt (Nom. Sg.; 3.Sg.Pass.)
[Lade ein] Brahmanen, die durch Wissen, Veda und Gelübde [gleichsam] gebadet [vollendet] sind, die ohne fremde Stütze leben, deren Studium und Askese verborgen sind, von strengen Gelübden,
Wort für Wort
vidyāvedavratasnātān
die durch Wissen, Veda und Gelübde Gebadeten [Vollendeten] (Akk. Pl.)
avyapāśrayajīvinaḥ
ohne fremde Zuflucht Lebende (Akk. Pl.)
gūḍhasvādhyāyatapasaḥ
deren Studium und Askese verborgen sind (Akk. Pl., Bahuvrīhi)
brāhmaṇān saṃśitavratān
Brahmanen von scharfen [strengen] Gelübden (Akk. Pl.; Bahuvrīhi)
Akkusativ-Reihe hängt von nimantrayethāḥ in Vers 14 ab.
mit gebauten, schönen Häusern samt Dienern und Hausrat, und mit anderen Wünschen [Wunscherfüllungen] lade sie ein, Sohn der Kuntī, die besten Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
kṛtair āvasathair hṛdyaiḥ
mit errichteten, schönen Wohnstätten (Instr. Pl.)
sapreṣyaiḥ saparicchadaiḥ
samt Dienern, samt Hausrat (Instr. Pl.)
nimantrayethāḥ kaunteya
du sollst einladen, Sohn der Kuntī (Opt. Med. 2.Sg.; Vok.)
kāmaiś cānyair dvijottamān
und mit anderen Wünschen [Gaben], die besten Zweimalgeborenen (Instr. Pl.; Akk. Pl.)
api te pratigṛhṇīyuḥ śraddhāpūtaṃ yudhiṣṭhira; kāryam ity eva manvānā dharmajñāḥ sūkṣmadarśinaḥ
Vielleicht nehmen sie das durch Glauben Geläuterte an, Yudhiṣṭhira, in dem Gedanken, es sei eine Pflicht – [sie,] die das Dharma kennen und Feines sehen.
Wort für Wort
api te pratigṛhṇīyuḥ
vielleicht mögen sie annehmen (Opt. 3.Pl.)
śraddhāpūtaṃ yudhiṣṭhira
das durch Glauben Geläuterte, Yudhiṣṭhira (Akk. Sg.; Vok.)
ahiṃsā sarvabhūtebhyaḥ saṃvibhāgaś ca sarvaśaḥ; damas tyāgo dhṛtiḥ satyaṃ bhavatv avabhṛthāya te
Nicht-Verletzen gegenüber allen Wesen und überall das Teilen, Selbstbezähmung, Verzicht, Standhaftigkeit und Wahrheit seien dir das Schlussbad [des Opfers].
Wort für Wort
ahiṃsā sarvabhūtebhyaḥ
Gewaltlosigkeit gegenüber allen Wesen (Nom. Sg.; Dat./Abl. Pl.)
Dies ist dein ausgebreitetes Opfer, durch Glauben geläutert und mit Opfergabe [dakṣiṇā]; es ist vorzüglicher als alle Opfer, mein Lieber – möge es stets fortdauern.
Wort für Wort
eṣa te vitato yajñaḥ
dies dein ausgebreitetes Opfer (Nom. Sg.; Gen.; Part. Nom.)
śraddhāpūtaḥ sadakṣiṇaḥ
glaubensgeläutert, mit Opfergabe (Nom. Sg.)
viśiṣṭaḥ sarvayajñebhyaḥ
vorzüglicher als alle Opfer (Nom. Sg.; Abl. Pl.)
nityaṃ tāta pravartatām
stets, Lieber, möge es fortgehen (Adv.; Vok.; Imp. Med.)