Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 1: gautamīlubdhakasaṃvāda Gautamī, der Jäger, die Schlange, Mṛtyu und Kāla: Das eigene Tun als Ursache des Todes

Bhīṣma belehrt den verzweifelten Yudhiṣṭhira mit der alten Erzählung von der Brahmanin Gautamī, deren Sohn an einem Schlangenbiss starb: Weder Schlange noch Mṛtyu noch Kāla, sondern das eigene Karma ist Ursache. Der Chunk beginnt mit den Zusatzversen und Yudhiṣṭhiras Klage sowie dem Anfang des Streitgesprächs.

nārāyaṇaṃ namaskṛtya naraṃ caiva narottamam; devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet

Nachdem man Nārāyaṇa, ebenso Nara, den Besten der Männer, und die Göttin Sarasvatī verehrt hat, soll man danach „Jaya“ [den Siegesgesang] anstimmen.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
Nārāyaṇa, nachdem man sich verneigt hat (Akk.; Abs.)
naraṃ caiva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk.; Kompositum nara-uttama)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und die Göttin Sarasvatī (Akk.)
tato jayam udīrayet
dann soll man „Jaya“ anstimmen (Akk.; 3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yaḥ śvetatvam upāgataḥ kṛtayuge tretāyuge raktatāṃ; yugme yaḥ kapilaḥ kalau sa bhagavān kṛṣṇatvam abhyāgataḥ; yaṃ vedāntavido vadanti munayo yo yogibhir gīyate; sa brahmā yadi vā haro yadi hariḥ pāyāj jagad durgateḥ; kṛṣṇadvaipāyanaṃ vyāsaṃ viddhi nārāyaṇaṃ svayam; ko 'nyo hi puṇḍarīkākṣān mahābhāratakṛd bhavet

Der, der im Kṛtayuga zur Weißheit gelangte, im Tretāyuga zur Röte, im [Dvāpara,] dem paarigen [Zeitalter], der gelbbraune, im Kali aber jener Erhabene zur Schwärze [Kṛṣṇa-Sein] gelangte; den die Weisen, die Kenner des Vedānta, [so] nennen, der von den Yogins besungen wird: er, sei es Brahmā, sei es Hara [Śiva], sei es Hari [Viṣṇu], möge die Welt vor Not bewahren. Wisse: Kṛṣṇa Dvaipāyana Vyāsa ist Nārāyaṇa selbst; wer sonst als der Lotosäugige könnte der Schöpfer des Mahābhārata sein?

Wort für Wort
yaḥ śvetatvam upāgataḥ kṛtayuge
der zur Weißheit gelangte im Kṛtayuga (Nom.; Part.Perf.Pass.; Lok.)
tretāyuge raktatāṃ
im Tretāyuga zur Röte (Lok.; Akk.)
yugme yaḥ kapilaḥ
im paarigen [Zeitalter] der Gelbbraune (Lok.; Nom.)
kalau sa bhagavān kṛṣṇatvam abhyāgataḥ
im Kali jener Erhabene zur Schwärze gelangt (Lok.; Nom.; Akk.; Part.)
yaṃ vedāntavido vadanti munayaḥ
den die Vedānta-Kenner, die Weisen, nennen (Akk.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
yo yogibhir gīyate
der von den Yogins besungen wird (Instr.Pl.; 3.Sg.Pass.)
sa brahmā yadi vā haro yadi hariḥ
er, sei es Brahmā oder Hara oder Hari (Nom.)
pāyāj jagad durgateḥ
möge die Welt vor Not schützen (3.Sg.Opt.; Akk.; Abl.)
kṛṣṇadvaipāyanaṃ vyāsaṃ viddhi nārāyaṇaṃ svayam
Kṛṣṇa Dvaipāyana Vyāsa wisse als Nārāyaṇa selbst (Akk.; Imp.)
ko 'nyo hi puṇḍarīkākṣān
wer sonst denn als der Lotosäugige (Nom.; Abl.)
mahābhāratakṛd bhavet
könnte Verfasser des Mahābhārata sein (Nom.; 3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophen der Handschriften (Widmungs- und Segensverse); yugme yaḥ kapilaḥ: Zuordnung zum Dvāpara nach dem Zusammenhang der vier Zeitalterfarben.

lakṣmīmaṭhanivāso 'haṃ gopālākhyo dvijottamaḥ; śrīkṛṣṇaṃ tu namaskṛtya likhyāmi muktikāmyayā

Ich, der ich im Kloster der Lakṣmī wohne, mit Namen Gopāla, ein Bester der Zweimalgeborenen, schreibe, nachdem ich Śrī Kṛṣṇa verehrt habe, [dies] aus dem Wunsch nach Erlösung.

Wort für Wort
lakṣmīmaṭhanivāso 'haṃ
ich, im Lakṣmī-Kloster wohnend (Nom.; Kompositum)
gopālākhyo dvijottamaḥ
Gopāla genannt, ein Bester der Zweimalgeborenen (Nom.)
śrīkṛṣṇaṃ tu namaskṛtya
Śrī Kṛṣṇa aber, nachdem ich mich verneigt habe (Akk.; Abs.)
likhyāmi muktikāmyayā
ich schreibe aus Verlangen nach Erlösung (1.Sg.Präs.; Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Kolophon-artiger Schreibervers eines späteren Kopisten.

śibirād dhāstinapuraṃ prāpya bhārata saṃjayaḥ; praviveśa mahāprājño dhṛtarāṣṭraniveśanam; śokenāpahataḥ sūto vihvalan bhṛśaduḥkhitaḥ; cintayan vaiśasaṃ ghoraṃ sūtaputrasya pāṇḍavaiḥ

Nachdem er aus dem Lager nach Hāstinapura gelangt war, betrat Saṃjaya, Bhārata, der hochweise, den Palast des Dhṛtarāṣṭra; der Wagenlenker, vom Kummer übermannt, verstört, tief betrübt, sann über das grauenvolle Gemetzel am Sohn des Wagenlenkers [Karṇa] durch die Pāṇḍavas nach.

Wort für Wort
śibirād dhāstinapuraṃ prāpya
aus dem Lager, nach Hāstinapura gelangt (Abl.; Akk.; Abs.)
bhārata saṃjayaḥ
Bhārata, Saṃjaya (Vok.; Nom.)
praviveśa mahāprājño
betrat der hochweise (Perf.3.Sg.; Nom.)
dhṛtarāṣṭraniveśanam
das Haus des Dhṛtarāṣṭra (Akk.)
śokenāpahataḥ sūto
vom Kummer überwältigt, der Wagenlenker (Instr.; Part.; Nom.)
vihvalan bhṛśaduḥkhitaḥ
verstört, sehr bekümmert (Nom.)
cintayan vaiśasaṃ ghoraṃ
nachsinnend über das grauenvolle Gemetzel (Part.Präs.; Akk.)
sūtaputrasya pāṇḍavaiḥ
des Sohnes des Wagenlenkers, durch die Pāṇḍavas (Gen.; Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). vihvalan: Sandhi-/Sonderform für vihvalaḥ.

vaiśaṃpāyanaḥ; śaratalpe mahātmānaṃ śayānam aparājitam; yudhiṣṭhira upāgamya praṇipatyedam abravīt

Vaiśaṃpāyana [sprach]: Zu dem hochherzigen, unbesiegten [Bhīṣma], der auf dem Pfeillager lag, trat Yudhiṣṭhira, verneigte sich und sprach dies.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ
Vaiśaṃpāyana [sprach] (Nom.)
śaratalpe mahātmānaṃ
auf dem Pfeillager den Hochherzigen (Lok.; Akk.)
śayānam aparājitam
der dalag, den Unbesiegten (Part.Präs.Med.; Akk.)
yudhiṣṭhira upāgamya
Yudhiṣṭhira, herangetreten (Nom.; Abs.)
praṇipatyedam abravīt
sich niederwerfend sprach er dies (Abs.; Impf.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yudhiṣṭhira uvāca; śamo bahuvidhākāraḥ sūkṣma uktaḥ pitāmaha; na ca me hṛdaye śāntir asti kṛtvedam īdṛśam

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Beruhigung, Großvater, hat vielerlei Gestalt und ist [von dir] als fein [schwer fassbar] dargelegt worden. Doch in meinem Herzen ist keine Ruhe, nachdem ich dies Derartige getan habe.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.; Perf.3.Sg.)
śamo bahuvidhākāraḥ
die Beruhigung, vielgestaltig (Nom.)
sūkṣma uktaḥ pitāmaha
fein, gesagt, Großvater (Nom.; Part.Pass.; Vok.)
na ca me hṛdaye śāntir asti
und nicht ist in meinem Herzen Frieden (Lok.; Nom.; 3.Sg.Präs.)
kṛtvedam īdṛśam
nachdem ich dies Derartige getan (Abs.; Akk.)

asminn arthe bahuvidhā śāntir uktā tvayānagha; svakṛte kā nu śāntiḥ syāc chamād bahuvidhād api

„In dieser Sache ist von dir, Makelloser, vielfältige Ruhe dargelegt worden. Doch welche Ruhe könnte es bei einer selbst begangenen Tat geben, selbst durch vielfältige Beruhigung?“

Wort für Wort
asminn arthe bahuvidhā
in dieser Sache vielfältige (Lok.; Nom.f.)
śāntir uktā tvayānagha
Ruhe ist gesagt von dir, Makelloser (Nom.; Part.Pass.; Instr.; Vok.)
svakṛte kā nu śāntiḥ syāt
bei selbst Getanem, welche Ruhe könnte sein (Lok.; 3.Sg.Opt.)
śamād bahuvidhād api
selbst durch vielfältige Beruhigung (Abl.)

Wörtlich: „bei Selbstgetanem“; die Deutung von śamād … api als Abl. der Gegenüberstellung (‚trotz‘) ist die einfachste Lesart.

śarācitaśarīraṃ hi tīvravraṇam udīkṣya ca; śamaṃ nopalabhe vīra duṣkṛtāny eva cintayan

„Denn wenn ich deinen von Pfeilen bedeckten Leib und die schwere Wunde ansehe, finde ich keine Ruhe, Held, während ich nur an die [meine] Untaten denke.“

Wort für Wort
śarācitaśarīraṃ hi
[dich] mit von Pfeilen bedecktem Leib (Akk.; Kompositum)
tīvravraṇam udīkṣya ca
und die schwere Wunde ansehend (Akk.; Abs.)
śamaṃ nopalabhe vīra
Ruhe erlange ich nicht, Held (Akk.; 1.Sg.Präs.; Vok.)
duṣkṛtāny eva cintayan
nur Untaten bedenkend (Akk.Pl.; Part.Präs.)

rudhireṇāvasiktāṅgaṃ prasravantaṃ yathācalam; tvāṃ dṛṣṭvā puruṣavyāghra sīde varṣāsv ivāmbujam

„Deine mit Blut übergossenen Glieder, die wie ein [Quellen] strömender Berg sind, sehe ich, Tiger unter den Männern, und ich sinke dahin wie eine Lotosblume in der Regenzeit.“

Wort für Wort
rudhireṇāvasiktāṅgaṃ
dessen Glieder mit Blut übergossen sind (Instr.; Akk.)
prasravantaṃ yathācalam
strömend wie ein Berg (Part.Präs.; Akk.)
tvāṃ dṛṣṭvā puruṣavyāghra
dich gesehen habend, Tiger unter den Männern (Akk.; Abs.; Vok.)
sīde varṣāsv ivāmbujam
ich sinke/welke, wie in der Regenzeit die Lotosblume (1.Sg.Präs.; Lok.Pl.; Nom.)

ivāmbujam: Vergleichsbild nach dem Kontext; die Verbindung „Lotos in der Regenzeit“ ist als Bild des Dahinsinkens gedeutet [?].

ataḥ kaṣṭataraṃ kiṃ nu matkṛte yat pitāmahaḥ; imām avasthāṃ gamitaḥ pratyamitrai raṇājire; tathaivānye nṛpatayaḥ sahaputrāḥ sabāndhavāḥ

„Was könnte schlimmer sein als dies, dass um meinetwillen der Großvater von den Feinden auf dem Schlachtfeld in diesen Zustand gebracht wurde, und ebenso andere Könige samt ihren Söhnen und Verwandten?“

Wort für Wort
ataḥ kaṣṭataraṃ kiṃ nu
was ist schlimmer als dies? (Abl.; Komp.; Interr.)
matkṛte yat pitāmahaḥ
um meinetwillen, dass der Großvater (Lok.; Nom.)
imām avasthāṃ gamitaḥ
in diesen Zustand gebracht (Akk.; Part.Kaus.)
pratyamitrai raṇājire
von den Gegnern auf dem Kampfplatz (Instr.Pl.; Lok.)
tathaivānye nṛpatayaḥ
ebenso andere Könige (Nom.Pl.)
sahaputrāḥ sabāndhavāḥ
samt Söhnen, samt Verwandten (Nom.Pl.)

matkṛte nidhanaṃ prāptāḥ kiṃ nu kaṣṭataraṃ tataḥ

„Um meinetwillen haben sie den Tod gefunden; was wäre dann noch schlimmer?“

Wort für Wort
matkṛte
um meinetwillen (Lok.)
nidhanaṃ prāptāḥ
den Tod erlangt habend (Akk.; Part.Pass.)
kiṃ nu kaṣṭataraṃ tataḥ
was ist dann noch schlimmer? (Interr.; Komp.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

vayaṃ hi dhārtarāṣṭrāś ca kālamanyuvaśānugāḥ; kṛtvedaṃ ninditaṃ karma prāpsyāmaḥ kāṃ gatiṃ nṛpa

„Denn wir und die Dhārtarāṣṭras, der Macht der Zeit und des Zorns folgend, welches Ziel werden wir erlangen, König, nachdem wir diese getadelte Tat vollbracht haben?“

Wort für Wort
vayaṃ hi dhārtarāṣṭrāś ca
denn wir und die Dhārtarāṣṭras (Nom.Pl.)
kālamanyuvaśānugāḥ
der Gewalt von Zeit und Zorn folgend (Nom.Pl.; Kompositum)
kṛtvedaṃ ninditaṃ karma
nachdem wir diese getadelte Tat getan (Abs.; Akk.)
prāpsyāmaḥ kāṃ gatiṃ nṛpa
werden wir welchen Weg/welches Ziel erlangen, König (1.Pl.Fut.; Akk.; Vok.)

idaṃ tu dhārtarāṣṭrasya śreyo manye janādhipa; imām avasthāṃ saṃprāptaṃ yad asau tvāṃ na paśyati

„Dies aber halte ich für das Heil des Dhārtarāṣṭra, Herr der Menschen: dass jener dich, der du in diesen Zustand geraten bist, nicht sieht.“

Wort für Wort
idaṃ tu dhārtarāṣṭrasya
dies aber für den Dhārtarāṣṭra (Nom./Akk.; Gen.)
śreyo manye janādhipa
als Heil halte ich, Herr der Menschen (Akk.; 1.Sg.Präs.; Vok.)
imām avasthāṃ saṃprāptaṃ
der in diesen Zustand gelangt ist (Akk.; Part.Pass.)
yad asau tvāṃ na paśyati
dass jener dich nicht sieht (Konj.; Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ahaṃ tava hy antakaraḥ suhṛdvadhakaras tathā; na śāntim adhigacchāmi paśyaṃs tvāṃ duḥkhitaṃ kṣitau

„Denn ich bin dein Vernichter und ebenso der Mörder der Freunde; ich finde keinen Frieden, wenn ich dich, leidend, auf der Erde [liegen] sehe.“

Wort für Wort
ahaṃ tava hy antakaraḥ
denn ich bin dein Vernichter (Nom.; Gen.)
suhṛdvadhakaras tathā
und ebenso Mörder der Freunde (Nom.)
na śāntim adhigacchāmi
ich finde keinen Frieden (Akk.; 1.Sg.Präs.)
paśyaṃs tvāṃ duḥkhitaṃ kṣitau
dich leidend auf der Erde sehend (Part.Präs.; Akk.; Lok.)

duryodhano hi samare sahasainyaḥ sahānujaḥ; nihataḥ kṣatradharme 'smin durātmā kulapāṃsanaḥ; na sa paśyati duṣṭātmā tvām adya patitaṃ kṣitau; ataḥ śreyo mṛtaṃ manye neha jīvitam ātmanaḥ; ahaṃ hi samare vīra gamitaḥ śatrubhiḥ kṣayam; abhaviṣyaṃ yadi purā saha bhrātṛbhir acyuta; na tvām evaṃ suduḥkhārtam adrākṣaṃ sāyakārditam; nūnaṃ hi pāpakarmāṇo dhātrā sṛṣṭāḥ sma he nṛpa; anyasminn api loke hi yathā mucyema kilbiṣāt; tathā praśādhi māṃ rājan mama ced icchasi priyam

„Duryodhana ist im Kampf samt seinem Heer und samt seinen jüngeren Brüdern in diesem Kṣatriya-Dharma erschlagen worden, der Böswillige, der Schandfleck seiner Sippe; er, der Boshafte, sieht dich heute nicht, auf der Erde gefallen. Daher halte ich den Tod für besser, nicht das eigene Leben hier. Wäre ich doch früher, Held, im Kampf von den Feinden in den Untergang gebracht worden, zusammen mit meinen Brüdern, Acyuta, so hätte ich dich nicht so von Leid gequält, von Pfeilen getroffen, gesehen. Wahrlich, wir sind vom Schöpfer als Täter von Bösem geschaffen worden, o König. Wie wir auch in der anderen Welt von der Schuld frei werden mögen, so unterweise mich, König, wenn du mir Liebes tun willst.“

Wort für Wort
duryodhano hi samare sahasainyaḥ sahānujaḥ
denn Duryodhana im Kampf samt Heer, samt jüngerem Bruder (Nom.; Lok.)
nihataḥ kṣatradharme 'smin
erschlagen in diesem Kṣatriya-Dharma (Part.Pass.; Lok.)
durātmā kulapāṃsanaḥ
der Böswillige, Schandfleck der Sippe (Nom.)
na sa paśyati duṣṭātmā tvām adya patitaṃ kṣitau
nicht sieht er, der Boshafte, dich heute auf der Erde gefallen (3.Sg.Präs.; Akk.; Part.; Lok.)
ataḥ śreyo mṛtaṃ manye
daher halte ich das Sterben für besser (Akk./Part.; 1.Sg.Präs.)
neha jīvitam ātmanaḥ
nicht hier das eigene Leben (Nom.; Gen.)
ahaṃ hi samare vīra gamitaḥ śatrubhiḥ kṣayam
ich, im Kampf, Held, von den Feinden zu Untergang gebracht (Part.Kaus.; Instr.; Akk.)
abhaviṣyaṃ yadi purā saha bhrātṛbhir acyuta
wenn ich früher zusammen mit den Brüdern [so] gewesen wäre, Acyuta (Kondit.; Instr.; Vok.)
na tvām evaṃ suduḥkhārtam adrākṣaṃ sāyakārditam
so hätte ich dich nicht so tief leidend, von Pfeilen geplagt, gesehen (Aor.1.Sg.; Akk.)
nūnaṃ hi pāpakarmāṇo dhātrā sṛṣṭāḥ sma he nṛpa
fürwahr sind wir als Täter böser Werke vom Schöpfer geschaffen, o König (Nom.Pl.; Instr.; Part.)
anyasminn api loke hi yathā mucyema kilbiṣāt
auch in der anderen Welt, wie wir von der Schuld frei werden mögen (Lok.; Opt.Pass.; Abl.)
tathā praśādhi māṃ rājan mama ced icchasi priyam
so unterweise mich, König, wenn du mir Liebes wünschst (Imp.; Akk.; Vok.; 2.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Die Passage abhaviṣyaṃ yadi … na … adrākṣam ist als irrealer Bedingungssatz gelesen, mit gamitaḥ als Ergänzung „in den Untergang gebracht“.

bhīṣma uvāca; paratantraṃ kathaṃ hetum ātmānam anupaśyasi; karmaṇy asmin mahābhāga sūkṣmaṃ hy etad atīndriyam

Bhīṣma sprach: „Als von anderem abhängig: warum siehst du dich selbst als Ursache an? In diesem Tun, Hochherziger, ist dies fein und jenseits der Sinne [erfassbar].“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.; Perf.)
paratantraṃ kathaṃ hetum
abhängig von anderem, warum als Ursache (Akk.; Adv.; Akk.)
ātmānam anupaśyasi
dich selbst siehst du an (Akk.; 2.Sg.Präs.)
karmaṇy asmin mahābhāga
in diesem Handeln, Hochherziger (Lok.; Vok.)
sūkṣmaṃ hy etad atīndriyam
fein ist dies und übersinnlich (Nom.n.)

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; saṃvādaṃ mṛtyugautamyoḥ kālalubdhakapannagaiḥ

„Auch hierzu führt man diese alte Erzählung an: das Gespräch zwischen Mṛtyu und Gautamī, mit Kāla, dem Jäger und der Schlange.“

Wort für Wort
atrāpy udāharanti
auch hierbei führt man an (3.Pl.Präs.)
imam itihāsaṃ purātanam
diese alte Erzählung (Akk.)
saṃvādaṃ mṛtyugautamyoḥ
das Gespräch von Mṛtyu und Gautamī (Akk.; Gen.Du.)
kālalubdhakapannagaiḥ
mit Kāla, Jäger und Schlange (Instr.Pl.; Kompositum)

gautamī nāma kaunteya sthavirā śamasaṃyutā; sarpeṇa daṣṭaṃ svaṃ putram apaśyad gatacetanam

„Gautamī mit Namen, Sohn der Kuntī, eine Greisin, der Ruhe zugewandt, sah ihren eigenen Sohn, von einer Schlange gebissen, bewusstlos daliegen.“

Wort für Wort
gautamī nāma kaunteya
Gautamī mit Namen, Sohn der Kuntī (Nom.; Vok.)
sthavirā śamasaṃyutā
eine Greisin, der Ruhe zugetan (Nom.f.)
sarpeṇa daṣṭaṃ svaṃ putram
von einer Schlange gebissen, ihren Sohn (Instr.; Part.Pass.; Akk.)
apaśyad gatacetanam
sah sie, bewusstlos (Impf.3.Sg.; Akk.)

atha taṃ snāyupāśena baddhvā sarpam amarṣitaḥ; lubdhako 'rjunako nāma gautamyāḥ samupānayat

„Da brachte der Jäger namens Arjunaka, empört, die mit einer Sehnenschlinge gebundene Schlange zu Gautamī.“

Wort für Wort
atha taṃ snāyupāśena baddhvā sarpam
da jene Schlange mit einer Sehnenschlinge gebunden (Abs.; Instr.; Akk.)
amarṣitaḥ lubdhako 'rjunako nāma
empört, der Jäger namens Arjunaka (Nom.)
gautamyāḥ samupānayat
brachte er zu Gautamī (Gen./Dat.; Impf.3.Sg.)

tāṃ cābravīd ayaṃ te sa putrahā pannagādhamaḥ; brūhi kṣipraṃ mahābhāge vadhyatāṃ kena hetunā

Und er sagte zu ihr: „Dies ist dein Kindermörder, der niedrigste der Schlangen. Sag rasch, Hochherzige: aus welchem Grund soll er getötet werden?“

Wort für Wort
tāṃ cābravīd
und er sagte zu ihr (Akk.; Impf.3.Sg.)
ayaṃ te sa putrahā pannagādhamaḥ
dies ist der Mörder deines Sohnes, der niedrigste der Schlangen (Nom.; Gen.)
brūhi kṣipraṃ mahābhāge
sag rasch, Hochherzige (Imp.; Adv.; Vok.)
vadhyatāṃ kena hetunā
soll er getötet werden aus welchem Grund (Imp.Pass.; Instr.)

agnau prakṣipyatām eṣa cchidyatāṃ khaṇḍaśo 'pi vā; na hy ayaṃ bālahā pāpaś ciraṃ jīvitum arhati

„Ins Feuer werfe man ihn, oder er werde in Stücke zerschnitten; denn dieser böse Kindermörder verdient es nicht, lange zu leben.“

Wort für Wort
agnau prakṣipyatām eṣa
ins Feuer werfe man diesen (Lok.; Imp.Pass.)
cchidyatāṃ khaṇḍaśo 'pi vā
oder er werde in Stücke zerschnitten (Imp.Pass.; Adv.)
na hy ayaṃ bālahā pāpaḥ
denn dieser Kindermörder, böse, nicht (Nom.)
ciraṃ jīvitum arhati
verdient lange zu leben (Adv.; Inf.; 3.Sg.Präs.)

gautamy uvāca; visṛjainam abuddhis tvaṃ na vadhyo 'rjunaka tvayā; ko hy ātmānaṃ guruṃ kuryāt prāptavye sati cintayan

Gautamī sprach: „Lass ihn frei, du Unverständiger; von dir, Arjunaka, darf er nicht getötet werden. Denn wer würde sich selbst zum Schweren [Belasteten] machen, wenn er bedenkt, dass das Zu-Erlangende [ohnehin] eintritt?“

Wort für Wort
gautamy uvāca
Gautamī sprach (Nom.; Perf.)
visṛjainam abuddhis tvaṃ
lass ihn frei, du Unverständiger (Imp.; Akk.; Nom.)
na vadhyo 'rjunaka tvayā
nicht darf er getötet werden, Arjunaka, von dir (Gerundiv; Vok.; Instr.)
ko hy ātmānaṃ guruṃ kuryāt
wer würde sich selbst schwer machen (Nom.; Akk.; 3.Sg.Opt.)
prāptavye sati cintayan
wenn das Zu-Erlangende feststeht, nachdenkend (Lok. absol.; Part.)

prāptavye sati: Deutung „wenn das Bestimmte ohnehin eintreten muss“ [?].

plavante dharmalaghavo loke 'mbhasi yathā plavāḥ; majjanti pāpaguravaḥ śastraṃ skannam ivodake

„Die, deren Dharma leicht [ihre Last gering] ist, schwimmen in der Welt obenauf wie Flöße im Wasser; die durch Sünde Schweren sinken wie eine ins Wasser gefallene Waffe.“

Wort für Wort
plavante dharmalaghavo
es schwimmen die, deren Dharma leicht ist (3.Pl.Med.; Nom.Pl.)
loke 'mbhasi yathā plavāḥ
in der Welt, wie im Wasser Flöße (Lok.; Nom.Pl.)
majjanti pāpaguravaḥ
es sinken die durch Sünde Schweren (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
śastraṃ skannam ivodake
wie eine ins Wasser gefallene Waffe (Nom.; Part.Pass.; Lok.)

yadi vāsmiṃs tu nihate pannage 'rjunaka tvayā; jīved ayaṃ bālako me tan na me 'rjunaka priyam

„Und wenn, Arjunaka, durch dich diese Schlange getötet würde und dieser mein Knabe lebendig würde, [auch] das wäre mir nicht lieb, Arjunaka.“

Wort für Wort
yadi vāsmiṃs tu nihate
oder wenn, wenn dieser getötet ist (Lok. absol.)
pannage 'rjunaka tvayā
die Schlange, Arjunaka, von dir (Lok.; Vok.; Instr.)
jīved ayaṃ bālako me
es lebte dieser mein Knabe (3.Sg.Opt.; Nom.; Gen.)
tan na me 'rjunaka priyam
das wäre mir nicht lieb, Arjunaka (Nom.n.; Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sinn der Zusatzstrophe schwer greifbar; Wiedergabe wörtlich [?].

na cāmṛtyur bhavitā vai hate 'smin; ko vātyayaḥ syād ahate 'smiñ janasya

„Denn es wird keine Todlosigkeit geben, wenn dieser getötet ist; welcher Verlust würde den Leuten entstehen, wenn dieser nicht getötet wird?“

Wort für Wort
na cāmṛtyur bhavitā vai
und es wird keine Todlosigkeit sein (Nom.; Fut.3.Sg.)
hate 'smin
wenn dieser getötet ist (Lok. absol.)
ko vātyayaḥ syād
oder welcher Verlust wäre (Nom.; 3.Sg.Opt.)
ahate 'smiñ janasya
wenn dieser nicht getötet ist, für den Menschen (Lok. absol.; Gen.)

Bezug von amṛtyuḥ unklar; wörtlich wiedergegeben, wohl: Der Tod des Täters bringt den Sohn nicht zurück [?].

hatvā cainaṃ nāmṛtaḥ syād ayaṃ me; jīvaty asmin ko 'tyayaḥ syād ayaṃ te

„Und wenn ich ihn getötet habe, wird dieser mein [Sohn] nicht unsterblich; lebt aber jener, welcher Schaden wäre dies für dich?“

Wort für Wort
hatvā cainaṃ nāmṛtaḥ syād
und nachdem man ihn getötet, würde er nicht unsterblich sein (Abs.; Akk.; 3.Sg.Opt.)
ayaṃ me
dieser mein [Sohn] (Nom.; Gen.)
jīvaty asmin
wenn dieser lebt (Lok. absol.)
ko 'tyayaḥ syād ayaṃ te
welcher Schaden wäre dies für dich (Nom.; Opt.; Gen.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bezug der Pronomina unsicher [?].

nāsyāmṛtatvaṃ bhavitā vai hate 'smiñ; jīvaty asmin ko vyasuḥ syād anante

„Unsterblichkeit wird nicht sein, wenn dieser getötet ist; lebt dieser, welcher Verlust des Lebens wäre es, Unendlicher [?]?“

Wort für Wort
nāsyāmṛtatvaṃ bhavitā vai
dessen Unsterblichkeit wird nicht sein (Gen.; Nom.; Fut.)
hate 'smiñ
wenn dieser getötet ist (Lok. absol.)
jīvaty asmin
wenn dieser lebt (Lok. absol.)
ko vyasuḥ syād anante
welcher Lebensverlust wäre [es] im/beim Unendlichen (Nom.; Opt.; Lok./Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). anante: Vok. oder Lok. unklar [?].

asyotsarge prāṇayuktasya jantor; mṛtyor lokaṃ ko nu gacched anantam

„Wenn dieses lebende Wesen freigelassen wird, wer sollte dann in die endlose Welt des Todes gehen?“

Wort für Wort
asyotsarge
bei der Freilassung dieses (Gen.; Lok.)
prāṇayuktasya jantor
des mit Lebenshauch begabten Wesens (Gen.)
mṛtyor lokaṃ
in die Welt des Todes (Gen.; Akk.)
ko nu gacched anantam
wer sollte gehen, endlos (Nom.; 3.Sg.Opt.; Akk.)

lubdhaka uvāca; jānāmy evaṃ neha guṇāguṇajñāḥ; sarve niyuktā guravo vai bhavanti; svasthasyaite tūpadeśā bhavanti; tasmāt kṣudraṃ sarpam enaṃ haniṣye

Der Jäger sprach: „Ich weiß es wohl so; hier gibt es keine, die Vorzug und Fehler [sicher] kennen [?]. Alle Bestellten werden [zu] Lehrern; diese Lehren aber gelten für den, der in sich ruht/gesund ist. Darum werde ich diese niedrige Schlange töten.“

Wort für Wort
lubdhaka uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
jānāmy evaṃ neha guṇāguṇajñāḥ
ich weiß es so; hier nicht Kenner von Vorzug und Fehler (1.Sg.Präs.; Nom.Pl.)
sarve niyuktā guravo vai bhavanti
alle Bestellten werden gewiss Lehrer (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
svasthasyaite tūpadeśā bhavanti
diese Belehrungen aber gelten für den in sich Ruhenden (Gen.; Nom.Pl.)
tasmāt kṣudraṃ sarpam enaṃ haniṣye
darum werde ich diese niedrige Schlange töten (Abl.; Akk.; 1.Sg.Fut.)

Zweiter Pāda syntaktisch dunkel [?].

samīpsantaḥ kālayogaṃ tyajanti; sadyaḥ śucaṃ tv arthavidas tyajanti; śreyaḥ kṣayaḥ śocatāṃ nityaśo hi; tasmāt tyājyaṃ jahi śokaṃ hate 'smin

„Die, die den [rechten] Zusammenhang mit der Zeit erstreben, lassen [ihn/Trauer] fahren; die Sachkundigen geben die Trauer sogleich auf. Denn für die beständig Trauernden ist das Heil Schwund. Darum gib die aufzugebende Trauer auf, wenn dieser getötet ist.“

Wort für Wort
samīpsantaḥ kālayogaṃ
die die Verbindung mit der Zeit zu erlangen suchen (Part.Des.; Akk.)
tyajanti
sie lassen fahren (3.Pl.Präs.)
sadyaḥ śucaṃ tv arthavidas tyajanti
die Sachkundigen aber lassen sofort Trauer fahren (Adv.; Akk.; Nom.Pl.)
śreyaḥ kṣayaḥ śocatāṃ nityaśo hi
denn für die beständig Trauernden ist Heil Schwund (Nom.; Gen.Pl.; Adv.)
tasmāt tyājyaṃ jahi śokaṃ hate 'smin
darum gib die aufzugebende Trauer auf, wenn dieser getötet ist (Gerundiv; Imp.; Akk.; Lok.)

samīpsantaḥ kālayogaṃ: unsicher [?].

gautamy uvāca; na caivārtir vidyate 'smadvidhānāṃ; dharmārāmaḥ satataṃ sajjano hi; nityāyasto bālajano na cāsti; dharmo hy eṣa prabhavāmy asya nāham

Gautamī sprach: „Bei Menschen wie uns gibt es keinen Schmerz; der stets am Dharma Freude findende gute Mensch ist ja [so]. Auch gibt es keinen ständig sich abmühenden Kindlichen [?]; denn dies ist Dharma, ich habe darüber keine Macht, nicht ich.“

Wort für Wort
gautamy uvāca
Gautamī sprach (Nom.; Perf.)
na caivārtir vidyate 'smadvidhānāṃ
und keinen Schmerz gibt es bei uns Gleichen (Nom.; 3.Sg.Pass.; Gen.Pl.)
dharmārāmaḥ satataṃ sajjano hi
der Gute, stets am Dharma sich freuend (Nom.; Adv.)
nityāyasto bālajano na cāsti
ständig Angestrengter, Kindervolk gibt es nicht (Nom.; 3.Sg.Präs.)
dharmo hy eṣa prabhavāmy asya nāham
denn dies ist Dharma; ich vermag es nicht (Nom.; 1.Sg.Präs.; Gen.)

Dritter und vierter Pāda unsicher [?].

na brāhmaṇānāṃ kopo 'sti kutaḥ kopāc ca yātanā; mārdavāt kṣamyatāṃ sādho mucyatām eṣa pannagaḥ

„Bei Brahmanen gibt es keinen Zorn; woher käme aus Zorn Peinigung? Aus Milde möge verziehen werden, Guter; diese Schlange werde freigelassen.“

Wort für Wort
na brāhmaṇānāṃ kopo 'sti
bei Brahmanen gibt es keinen Zorn (Gen.Pl.; Nom.)
kutaḥ kopāc ca yātanā
woher aus Zorn Peinigung (Interr.; Abl.; Nom.)
mārdavāt kṣamyatāṃ sādho
aus Milde werde verziehen, Guter (Abl.; Imp.Pass.; Vok.)
mucyatām eṣa pannagaḥ
freigelassen werde diese Schlange (Imp.Pass.; Nom.)

lubdhaka uvāca; hatvā lābhaḥ śreya evāvyayaṃ syāt; sadyo lābho balavadbhiḥ praśastaḥ; kālāl lābho yas tu sadyo bhaveta; hate śreyaḥ kutsite tvīdṛśe syāt

Der Jäger sprach: „Nach dem Töten wäre Gewinn und unvergängliches Heil; sofortiger Gewinn wird von den Mächtigen gepriesen. Der Gewinn aber, der [erst] aus der Zeit [später] sofort eintritt [?]: bei einem so Verachtenswerten wäre im Töten Heil.“

Wort für Wort
lubdhaka uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
hatvā lābhaḥ śreya evāvyayaṃ syāt
nach dem Töten wäre Gewinn, unvergängliches Heil (Abs.; Nom.; 3.Sg.Opt.)
sadyo lābho balavadbhiḥ praśastaḥ
sofortiger Gewinn wird von den Mächtigen gepriesen (Instr.Pl.; Part.Pass.)
kālāl lābho yas tu sadyo bhaveta
der Gewinn aber, der aus der Zeit sofort eintritt [?] (Abl.; Rel.; 3.Sg.Opt.)
hate śreyaḥ kutsite tvīdṛśe syāt
beim Töten wäre Heil, bei so Verachtenswertem (Lok.; Nom.; Opt.)

Dritter Pāda unsicher [?].

gautamy uvāca; kārthaprāptir gṛhya śatruṃ nihatya; kā vā śāntiḥ prāpya śatruṃ namuktvā; kasmāt saumya bhujage na kṣameyaṃ; mokṣaṃ vā kiṃ kāraṇaṃ nāsya kuryām

Gautamī sprach: „Was für ein Gewinn wäre es, den Feind ergriffen und getötet zu haben? Oder welche Ruhe gäbe es, wenn man den Feind erlangt und nicht losgelassen hat? Warum, Guter, sollte ich der Schlange nicht verzeihen? Oder welchen Grund gäbe es, ihr nicht die Freilassung zu gewähren?“

Wort für Wort
gautamy uvāca
Gautamī sprach (Nom.; Perf.)
kārthaprāptir gṛhya śatruṃ nihatya
welcher Gewinn, den Feind gepackt, getötet (Interr.; Nom.; Abs.; Akk.)
kā vā śāntiḥ prāpya śatruṃ namuktvā
oder welche Ruhe, den Feind erlangt, nicht freigelassen (Nom.; Abs.; Abs.)
kasmāt saumya bhujage na kṣameyaṃ
warum, Guter, sollte ich der Schlange nicht verzeihen (Abl.; Vok.; Lok.; Opt.)
mokṣaṃ vā kiṃ kāraṇaṃ nāsya kuryām
oder welchen Grund gäbe es, ihr nicht Freilassung zu gewähren (Akk.; Opt.)

lubdhaka uvāca; asmād ekasmād bahavo rakṣitavyā; naiko bahubhyo gautami rakṣitavyaḥ; kṛtāgasaṃ dharmavidas tyajanti; sarīsṛpaṃ pāpam imaṃ jahi tvam

Der Jäger sprach: „Wegen dieses einen sind viele zu schützen; nicht ist einer wegen vieler zu schützen, Gautamī. Den, der sich vergangen hat, verlassen die Kenner des Dharma; töte du dieses kriechende Übel.“

Wort für Wort
lubdhaka uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
asmād ekasmād bahavo rakṣitavyā
wegen dieses einen sind viele zu schützen (Abl.; Nom.Pl.; Gerundiv)
naiko bahubhyo gautami rakṣitavyaḥ
nicht ein einziger wegen vieler, Gautamī (Nom.; Abl.; Vok.)
kṛtāgasaṃ dharmavidas tyajanti
den Schuldigen verlassen die Dharmakundigen (Akk.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
sarīsṛpaṃ pāpam imaṃ jahi tvam
dieses kriechende Übel töte du (Akk.; Imp.)

gautamy uvāca; nāsmin hate pannage putrako me; saṃprāpsyate lubdhaka jīvitaṃ vai; guṇaṃ cānyaṃ nāsya vadhe prapaśye; tasmāt sarpaṃ lubdhaka muñca jīvam

Gautamī sprach: „Wenn diese Schlange getötet wird, wird mein Sohn, Jäger, das Leben nicht [zurück]erlangen; und einen anderen Nutzen sehe ich in ihrer Tötung nicht. Darum, Jäger, lass die Schlange frei, [sie soll] leben.“

Wort für Wort
gautamy uvāca
Gautamī sprach (Nom.; Perf.)
nāsmin hate pannage putrako me
nicht, wenn diese Schlange getötet ist, mein Söhnchen (Lok. absol.; Nom.)
saṃprāpsyate lubdhaka jīvitaṃ vai
wird erlangen, Jäger, das Leben (Fut.Med.; Vok.; Akk.)
guṇaṃ cānyaṃ nāsya vadhe prapaśye
und einen anderen Vorteil sehe ich nicht in ihrer Tötung (Akk.; Lok.; 1.Sg.Präs.)
tasmāt sarpaṃ lubdhaka muñca jīvam
darum, Jäger, lass die Schlange frei, lebend (Imp.; Akk.)

lubdhaka uvāca; vṛtraṃ hatvā devarāṭ śreṣṭhabhāg vai; yajñaṃ hatvā bhāgam avāpa caiva; śūlī devo devavṛttaṃ kuru tvaṃ; kṣipraṃ sarpaṃ jahi mā bhūd viśaṅkā

Der Jäger sprach: „Nachdem er Vṛtra getötet hatte, erhielt der Götterkönig den besten Anteil; und nachdem der Śūlin [Rudra] das Opfer zerstört hatte, erhielt er [ebenfalls] einen Anteil. Handle du nach dem Verhalten der Götter: töte rasch die Schlange, es sei kein Zweifel.“

Wort für Wort
lubdhaka uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
vṛtraṃ hatvā devarāṭ śreṣṭhabhāg vai
Vṛtra getötet, der Götterkönig, den besten Anteil habend (Abs.; Nom.)
yajñaṃ hatvā bhāgam avāpa caiva
und das Opfer zerstört, erhielt er einen Anteil (Abs.; Akk.; Perf.)
śūlī devo devavṛttaṃ kuru tvaṃ
der Speerträger-Gott; tu du das Verhalten der Götter (Nom.; Akk.; Imp.)
kṣipraṃ sarpaṃ jahi mā bhūd viśaṅkā
töte rasch die Schlange; kein Zweifel sei (Imp.; Aor.-Inj.; Nom.)

bhīṣma uvāca; asakṛt procyamānāpi gautamī bhujagaṃ prati; lubdhakena mahābhāgā pāpe naivākaron matim

Bhīṣma sprach: „Obwohl vom Jäger wiederholt gedrängt, fasste die hochherzige Gautamī gegenüber der Schlange niemals den Entschluss zum Bösen.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.; Perf.)
asakṛt procyamānāpi
wiederholt angesprochen, obwohl (Adv.; Part.Pass.)
gautamī bhujagaṃ prati
Gautamī gegenüber der Schlange (Nom.; Akk.; Präp.)
lubdhakena mahābhāgā
vom Jäger, die Hochherzige (Instr.; Nom.)
pāpe naivākaron matim
zum Bösen fasste sie nie den Entschluss (Lok.; Impf.3.Sg.; Akk.)

akaron: Form für akarot [?].

īṣad ucchvasamānas tu kṛcchrāt saṃstabhya pannagaḥ; utsasarja giraṃ mandāṃ mānuṣīṃ pāśapīḍitaḥ

Die Schlange aber, leicht keuchend, sich mühsam zusammennehmend, von der Fessel gepeinigt, ließ eine schwache menschliche Stimme erklingen.

Wort für Wort
īṣad ucchvasamānas tu
leicht keuchend (Adv.; Part.Präs.)
kṛcchrāt saṃstabhya pannagaḥ
mühsam sich stützend, die Schlange (Adv.; Abs.; Nom.)
utsasarja giraṃ mandāṃ
ließ sie ertönen eine schwache Stimme (Perf.3.Sg.; Akk.)
mānuṣīṃ pāśapīḍitaḥ
menschliche, von der Fessel gepeinigt (Akk.f.; Nom.)

ko nv arjunaka doṣo 'tra vidyate mama bāliśa; asvatantraṃ hi māṃ mṛtyur vivaśaṃ yad acūcudat

„Welche Schuld liegt hier bei mir, du Törichter, Arjunaka? Denn mich, den Unfreien und Ohnmächtigen, hat Mṛtyu angetrieben.“

Wort für Wort
ko nv arjunaka doṣo 'tra
welche Schuld hier, Arjunaka (Interr.; Vok.; Nom.)
vidyate mama bāliśa
besteht bei mir, du Törichter (3.Sg.Pass.; Gen.; Vok.)
asvatantraṃ hi māṃ mṛtyur
denn mich Unfreien, Mṛtyu (Akk.; Nom.)
vivaśaṃ yad acūcudat
den Ohnmächtigen, weil er angetrieben hat (Akk.; Konj.; Aor.Kaus.)

tasyāyaṃ vacanād daṣṭo na kopena na kāmyayā; tasya tat kilbiṣaṃ lubdha vidyate yadi kilbiṣam

„Auf dessen Wort hin habe ich gebissen, nicht aus Zorn, nicht aus Begehren. Dessen ist jene Schuld, Jäger, wenn es überhaupt eine Schuld gibt.“

Wort für Wort
tasyāyaṃ vacanād daṣṭo
auf sein Wort hin gebissen (Gen.; Abl.; Part.Pass.)
na kopena na kāmyayā
nicht aus Zorn, nicht aus Begehren (Instr.)
tasya tat kilbiṣaṃ lubdha
dessen ist jene Schuld, Jäger (Gen.; Nom.; Vok.)
vidyate yadi kilbiṣam
besteht, wenn eine Schuld (3.Sg.Pass.; Konj.)

daṣṭo (‚gebissen‘) in der ersten Person gelesen: „ich bin es, der gebissen hat“ [?].

lubdhaka uvāca; yady anyavaśagenedaṃ kṛtaṃ te pannagāśubham; kāraṇaṃ vai tvam apy atra tasmāt tvam api kilbiṣī

Der Jäger sprach: „Wenn dies Üble, Schlange, von dir unter fremder Herrschaft getan wurde, so bist auch du hierbei eine Ursache; darum bist auch du schuldig.“

Wort für Wort
lubdhaka uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
yady anyavaśagenedaṃ kṛtaṃ te pannagāśubham
wenn dies unter fremder Macht von dir getan, Schlange, das Üble (Instr.; Part.; Vok.)
kāraṇaṃ vai tvam apy atra
Ursache bist auch du hierin (Nom.)
tasmāt tvam api kilbiṣī
darum bist auch du schuldig (Nom.)

mṛtpātrasya kriyāyāṃ hi daṇḍacakrādayo yathā; kāraṇatve prakalpyante tathā tvam api pannaga

„Wie bei der Herstellung eines Tongefäßes Stock, Töpferscheibe und anderes als Ursache angesetzt werden, so auch du, Schlange.“

Wort für Wort
mṛtpātrasya kriyāyāṃ hi
bei der Herstellung eines Tongefäßes (Gen.; Lok.)
daṇḍacakrādayo yathā
wie Stock, Scheibe und anderes (Nom.Pl.)
kāraṇatve prakalpyante
werden als Ursache angesetzt (Lok.; 3.Pl.Pass.)
tathā tvam api pannaga
so auch du, Schlange (Vok.)

kilbiṣī cāpi me vadhyaḥ kilbiṣī cāsi pannaga; ātmānaṃ kāraṇaṃ hy atra tvam ākhyāsi bhujaṃgama

„Schuldig bist du, und du sollst von mir getötet werden; schuldig bist du, Schlange; denn du nennst dich selbst hier als Ursache, Schlange.“

Wort für Wort
kilbiṣī cāpi me vadhyaḥ
und schuldig, von mir zu töten (Nom.; Gen.; Gerundiv)
kilbiṣī cāsi pannaga
und schuldig bist du, Schlange (Nom.; 2.Sg.; Vok.)
ātmānaṃ kāraṇaṃ hy atra
denn dich selbst als Ursache hier (Akk.; Akk.)
tvam ākhyāsi bhujaṃgama
du nennst, Schlange (2.Sg.Präs.; Vok.)

sarpa uvāca; sarva ete hy asvavaśā daṇḍacakrādayo yathā; tathāham api tasmān me naiṣa hetur matas tava

Die Schlange sprach: „Alle diese sind ohne eigene Macht, wie Stock, Töpferscheibe und anderes; so auch ich. Darum gilt mir dies nicht als Ursache, [so] wie du meinst [?].“

Wort für Wort
sarpa uvāca
die Schlange sprach (Nom.; Perf.)
sarva ete hy asvavaśā
alle diese sind ohne Eigenmacht (Nom.Pl.)
daṇḍacakrādayo yathā
wie Stock, Scheibe und anderes (Nom.Pl.)
tathāham api tasmān
so auch ich, deshalb (Nom.; Abl.)
me naiṣa hetur matas tava
mir nicht dies als Ursache, gehalten von dir (Gen.; Nom.; Part.; Gen.)

Letzter Pāda unsicher [?].

atha vā matam etat te te 'py anyonyaprayojakāḥ; kāryakāraṇasaṃdeho bhavaty anyonyacodanāt

Oder aber ist dies deine Ansicht: Auch jene [Ursachen] sind einander Antreiber; der Zweifel über Wirkung und Ursache entsteht durch das gegenseitige Antreiben.

Wort für Wort
atha vā matam etat te
oder aber: dies ist deine Ansicht (Nom./Akk. n., Gen./Dat. Sg.)
te 'py anyonyaprayojakāḥ
auch jene sind einander Antreiber (Nom. Pl. m.)
kāryakāraṇasaṃdehaḥ bhavati
Zweifel über Wirkung und Ursache entsteht (Nom. Sg.; 3.Sg.Präs.)
anyonyacodanāt
durch gegenseitiges Antreiben (Abl. Sg.)

evaṃ sati na doṣo me nāsmi vadhyo na kilbiṣī; kilbiṣaṃ samavāye syān manyase yadi kilbiṣam

Wenn es sich so verhält, trifft mich keine Schuld; ich bin nicht zu töten, ich bin nicht schuldig. Schuld könnte im Zusammenwirken liegen, wenn du [es] als Schuld ansiehst.

Wort für Wort
evaṃ sati
wenn es so ist (Lok. abs.)
na doṣaḥ me
keine Schuld [trifft] mich (Nom. Sg.; Gen./Dat. Sg.)
na asmi vadhyaḥ na kilbiṣī
ich bin nicht zu töten, nicht schuldig (1.Sg.Präs.; Gerundiv Nom.; Nom.)
kilbiṣaṃ samavāye syāt
Schuld könnte im Zusammenwirken sein (Nom. n.; Lok.; 3.Sg.Opt.)
manyase yadi kilbiṣam
wenn du [es] als Schuld ansiehst (2.Sg.Präs.Med.)

kilbiṣaṃ manyase hi tvaṃ vadhyam evaṃ prabhāṣase

Du siehst [es] ja als Schuld an; so sagst du, [dass ich] zu töten [sei].

Wort für Wort
kilbiṣaṃ manyase hi tvam
Schuld siehst du ja an (Akk.; 2.Sg.Präs.; Nom.)
vadhyam
[als] zu töten (Gerundiv Akk. Sg. m.)
evaṃ prabhāṣase
so sprichst du (2.Sg.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Satzbau ist knapp, vadhyam ist auf „mich“ zu beziehen.

lubdhaka uvāca; kāraṇaṃ yadi na syād vai na kartā syās tvam apy uta; vināśe kāraṇaṃ tvaṃ ca tasmād vadhyo 'si me mataḥ

Der Jäger sprach: „Wenn es keine Ursache gäbe, wärest auch du nicht der Täter; und du bist [selbst] Ursache beim Untergang; darum gelte du mir als zu töten.“

Wort für Wort
lubdhakaḥ uvāca
der Jäger sprach (Nom.; Perf.)
kāraṇaṃ yadi na syāt vai
wenn es keine Ursache gäbe (Nom.; 3.Sg.Opt.)
na kartā syāḥ tvam api uta
so wärest auch du nicht Täter (Nom.; 2.Sg.Opt.)
vināśe kāraṇaṃ tvaṃ ca
und du bist Ursache beim Untergang (Lok. Sg.)
tasmāt vadhyaḥ asi me mataḥ
darum bist du für mich als zu töten erachtet (Gerundiv; 2.Sg.Präs.; Part. Nom.)

asaty api kṛte kārye neha pannaga lipyate; tasmān nātraiva hetuḥ syād vadhyaḥ kiṃ bahu bhāṣase

„Auch wenn das Werk nicht getan ist, haftet hier [nichts] an, Schlange [?]; darum dürfte nicht gerade darin ein Grund liegen. Zu töten [bist du]; was redest du so viel?“

Wort für Wort
asati api kṛte kārye
auch wenn das Werk nicht getan ist (Lok. abs.)
na iha pannaga lipyate
hier haftet [nichts] an, Schlange (3.Sg.Pass.; Vok.)
tasmāt na atra eva hetuḥ syāt
darum dürfte nicht gerade hierin ein Grund sein (3.Sg.Opt.)
vadhyaḥ
zu töten (Gerundiv Nom. Sg. m.)
kiṃ bahu bhāṣase
was redest du viel (2.Sg.Präs.Med.)

[Anm.: Der erste Halbvers ist knapp und mehrdeutig; das Subjekt von lipyate (Schuld) ist ergänzt.]

sarpa uvāca; kāryābhāve kriyā na syāt saty asaty api kāraṇe; tasmāt tvam asmin hetau me vācyo hetur viśeṣataḥ

Die Schlange sprach: „Ohne Wirkung gäbe es kein Tun, ob eine Ursache da ist oder nicht; darum musst du mir in dieser Sache die Ursache im Besonderen nennen.“

Wort für Wort
sarpaḥ uvāca
die Schlange sprach (Nom.; Perf.)
kāryābhāve kriyā na syāt
beim Fehlen der Wirkung gäbe es kein Tun (Lok.; Nom.; 3.Sg.Opt.)
sati asati api kāraṇe
ob die Ursache besteht oder nicht (Lok. abs.)
tasmāt tvam asmin hetau
darum du in diesem Grund (Abl.; Nom.; Lok.)
me vācyaḥ hetuḥ viśeṣataḥ
mir ist der Grund zu nennen, im Besonderen (Dat.; Gerundiv Nom.; Adv.)

yady ahaṃ kāraṇatvena mato lubdhaka tattvataḥ; anyaḥ prayoge syād atra kilbiṣī jantunāśane

„Wenn ich, Jäger, in Wahrheit als Ursache gelte, so wäre hier beim Antreiben ein anderer der Schuldige an der Tötung des Wesens.“

Wort für Wort
yadi aham kāraṇatvena mataḥ
wenn ich als Ursächlichkeit gelte (Nom.; Instr.; Part. Nom.)
lubdhaka tattvataḥ
Jäger, in Wahrheit (Vok.; Adv.)
anyaḥ prayoge syāt atra
ein anderer wäre beim Antreiben hier (Nom.; Lok.; 3.Sg.Opt.)
kilbiṣī jantunāśane
schuldig bei der Vernichtung des Wesens (Nom.; Lok. Sg.)

Gemeint ist wohl: der, der mich angetrieben hat, wäre der Schuldige.

lubdhaka uvāca; vadhyas tvaṃ mama durbuddhe bālaghātī nṛśaṃsakṛt; bhāṣase kiṃ bahu punar vadhyaḥ san pannagādhama

Der Jäger sprach: „Zu töten bist du von mir, Bösgesinnter, Kindesmörder, Täter von Grausamem; was redest du wieder so viel, da du doch zu töten bist, Niedrigster der Schlangen?“

Wort für Wort
lubdhakaḥ uvāca
der Jäger sprach
vadhyaḥ tvaṃ mama durbuddhe
zu töten bist du für mich, Bösgesinnter (Gerundiv; Gen.; Vok.)
bālaghātī nṛśaṃsakṛt
Kindesmörder, Täter von Grausamem (Nom.; Nom.)
bhāṣase kiṃ bahu punaḥ
was redest du wieder viel (2.Sg.Präs.Med.)
vadhyaḥ san pannagādhama
da du zu töten bist, Niedrigster der Schlangen (Part.; Vok.)

sarpa uvāca; yathā havīṃṣi juhvānā makhe vai lubdhakartvijaḥ; na phalaṃ prāpnuvanty atra paraloke tathā hy aham

Die Schlange sprach: „So wie, Jäger, die Priester, die im Opfer Opfergaben darbringen, hier im Jenseits keine Frucht erlangen, so [ergeht es] auch mir.“

Wort für Wort
sarpaḥ uvāca
die Schlange sprach
yathā havīṃṣi juhvānāḥ
wie Opfergaben Darbringende (Akk. Pl.; Part. Nom. Pl.)
makhe vai
im Opfer fürwahr (Lok.)
lubdhaka ṛtvijaḥ
Jäger! die Priester (Vok.; Nom. Pl.)
na phalaṃ prāpnuvanti atra paraloke
keine Frucht erlangen sie hier im Jenseits (3.Pl.Präs.; Lok.)
tathā hi aham
so ebenso ich (Nom.)

Lesung lubdhakartvijaḥ als lubdhaka + ṛtvijaḥ aufgefasst; die Priester handeln für den Opferherrn, dem die Frucht zufällt.

bhīṣma uvāca; tathā bruvati tasmiṃs tu pannage mṛtyucodite; ājagāma tato mṛtyuḥ pannagaṃ cābravīd idam

Bhīṣma sprach: „Als jene Schlange so sprach, vom Tod angetrieben, kam da der Tod herbei und sprach zur Schlange dies.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
tathā bruvati tasmin tu pannage
als jene Schlange so sprach (Lok. abs.)
mṛtyucodite
vom Tod angetrieben (Lok., Part.)
ājagāma tataḥ mṛtyuḥ
da kam der Tod herbei (3.Sg.Perf.; Nom.)
pannagaṃ ca abravīt idam
und sprach zur Schlange dies (Akk.; 3.Sg.Impf.)

kālenāhaṃ praṇuditaḥ pannaga tvām acūcudam; vināśahetur nāsya tvam ahaṃ vā prāṇinaḥ śiśoḥ

„Von der Zeit angetrieben habe ich dich angetrieben, Schlange; weder du noch ich sind Ursache des Untergangs dieses Lebewesens, des Kindes.“

Wort für Wort
kālena aham praṇuditaḥ
von der Zeit bin ich angestoßen (Instr.; Nom.; Part. Nom.)
pannaga tvām acūcudam
Schlange, dich habe ich angetrieben (Vok.; Akk.; 1.Sg.Aor./Kaus.)
vināśahetuḥ na asya
Ursache des Untergangs ist nicht dieses (Nom.; Gen.)
tvam aham vā
du oder ich (Nom.)
prāṇinaḥ śiśoḥ
des Lebewesens, des Kindes (Gen. Sg.)

yathā vāyur jaladharān vikarṣati tatas tataḥ; tadvaj jaladavat sarpa kālasyāhaṃ vaśānugaḥ

„Wie der Wind die Wolken hierhin und dorthin zerrt, so, Schlange, bin ich wie die Wolken der Gewalt der Zeit folgend.“

Wort für Wort
yathā vāyuḥ jaladharān
wie der Wind die Wolken (Nom.; Akk. Pl.)
vikarṣati tataḥ tataḥ
zerrt hierhin und dorthin (3.Sg.Präs.; Adv.)
tadvat jaladavat sarpa
so, wie die Wolken, Schlange (Adv.; Vok.)
kālasya aham vaśānugaḥ
der Zeit bin ich unterworfen [wörtl. der Gewalt folgend] (Gen.; Nom.)

tadvidhas tadvaśe cāhaṃ kālasya vaśagaś ciram

Von solcher Art bin ich, in der Gewalt der Zeit, lange der Gewalt der Zeit unterworfen.

Wort für Wort
tadvidhaḥ tadvaśe ca aham
von solcher Art, in deren Gewalt, und ich (Nom.; Lok.)
kālasya vaśagaḥ ciram
der Zeit unterworfen, lange (Gen.; Nom.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; wohl korrupt oder verkürzt.

sāttvikā rājasāś caiva tāmasā ye ca ke cana; bhāvāḥ kālātmakāḥ sarve pravartante hi jantuṣu

„Die sattvischen und rajasischen und tamasischen [Zustände] und welche es sonst noch gibt: alle Daseinszustände sind zeitgeartet und entfalten sich in den Wesen.“

Wort für Wort
sāttvikāḥ rājasāḥ ca eva tāmasāḥ
sattvische, rajasische und tamasische (Nom. Pl.)
ye ca ke cana
und welche auch immer (Nom. Pl.)
bhāvāḥ kālātmakāḥ sarve
Zustände, zeitgeartet, alle (Nom. Pl.; Bahuvrīhi)
pravartante hi jantuṣu
sie entfalten sich ja in den Wesen (3.Pl.Präs.Med.; Lok. Pl.)

jaṅgamāḥ sthāvarāś caiva divi vā yadi vā bhuvi; sarve kālātmakāḥ sarpa kālātmakam idaṃ jagat

„Bewegliche und Unbewegliche, im Himmel oder auf Erden: alle sind zeitgeartet, Schlange; zeitgeartet ist diese Welt.“

Wort für Wort
jaṅgamāḥ sthāvarāḥ ca eva
Bewegliche und Unbewegliche (Nom. Pl.)
divi vā yadi vā bhuvi
im Himmel oder auf Erden (Lok.)
sarve kālātmakāḥ sarpa
alle zeitgeartet, Schlange (Nom. Pl.; Vok.)
kālātmakam idaṃ jagat
zeitgeartet diese Welt (Nom. Sg. n.)

pravṛttayaś ca yā loke tathaiva ca nivṛttayaḥ; tāsāṃ vikṛtayo yāś ca sarvaṃ kālātmakaṃ smṛtam

„Die Tätigkeiten in der Welt und ebenso die Abkehr davon, und deren Wandlungen: Alles gilt als zeitgeartet.“

Wort für Wort
pravṛttayaḥ ca yāḥ loke
und die Tätigkeiten, die in der Welt [sind] (Nom. Pl.; Lok.)
tathā eva ca nivṛttayaḥ
und ebenso die Abkehr (Nom. Pl.)
tāsām vikṛtayaḥ yāḥ ca
deren Wandlungen, die es gibt (Gen. Pl.; Nom. Pl.)
sarvaṃ kālātmakaṃ smṛtam
alles gilt als zeitgeartet (Part. Nom. Sg. n.)

ādityaś candramā viṣṇur āpo vāyuḥ śatakratuḥ; agniḥ khaṃ pṛthivī mitra oṣadhyo vasavas tathā

„Āditya [die Sonne], der Mond, Viṣṇu, das Wasser, der Wind, Śatakratu [Indra], das Feuer, der Äther, die Erde, Mitra, die Kräuter und ebenso die Vasus,“

Wort für Wort
ādityaḥ candramāḥ viṣṇuḥ
Sonne, Mond, Viṣṇu (Nom.)
āpaḥ vāyuḥ śatakratuḥ
Wasser, Wind, der Hundertopferer [Indra] (Nom.)
agniḥ kham pṛthivī
Feuer, Äther, Erde (Nom.)
mitraḥ oṣadhyaḥ vasavaḥ tathā
Mitra, Kräuter, Vasus ebenso (Nom. Pl.)

saritaḥ sāgarāś caiva bhāvābhāvau ca pannaga; sarve kālena sṛjyante hriyante ca tathā punaḥ

„Flüsse und Meere und Sein und Nichtsein, Schlange: Alle werden durch die Zeit erschaffen und wiederum hinweggerafft.“

Wort für Wort
saritaḥ sāgarāḥ ca eva
Flüsse und Meere (Nom. Pl.)
bhāvābhāvau ca pannaga
Sein und Nichtsein, Schlange (Nom. Du.; Vok.)
sarve kālena sṛjyante
alle werden durch die Zeit erschaffen (Instr.; 3.Pl.Pass.)
hriyante ca tathā punaḥ
und ebenso wieder hinweggerafft (3.Pl.Pass.)

evaṃ jñātvā kathaṃ māṃ tvaṃ sadoṣaṃ sarpa manyase; atha caivaṃgate doṣo mayi tvam api doṣavān

„Wie hältst du mich, Schlange, wenn du das so weißt, für schuldbehaftet? Oder wenn es sich so verhält: Schuld ist an mir, so bist auch du schuldbehaftet.“

Wort für Wort
evaṃ jñātvā
so erkennend (Abs.)
katham mām tvam sadoṣam
wie [hältst] du mich für schuldbehaftet (Akk.; Nom.; Akk.)
sarpa manyase
Schlange, du meinst (Vok.; 2.Sg.Präs.Med.)
atha ca evaṃgate doṣaḥ mayi
oder wenn es sich so verhält, [ist] Schuld an mir (Lok. abs.; Lok.)
tvam api doṣavān
auch du bist schuldbehaftet (Nom.)

sarpa uvāca; nirdoṣaṃ doṣavantaṃ vā na tvā mṛtyo bravīmy aham; tvayāhaṃ codita iti bravīmy etāvad eva tu

Die Schlange sprach: „Weder schuldlos noch schuldig nenne ich dich, Tod; „Von dir angetrieben“ – nur dies sage ich.“

Wort für Wort
sarpaḥ uvāca
die Schlange sprach
nirdoṣaṃ doṣavantaṃ vā
schuldlos oder schuldig (Akk.)
na tvā mṛtyo bravīmi aham
nicht nenne ich dich, Tod (Akk.; Vok.; 1.Sg.Präs.)
tvayā aham coditaḥ iti
von dir bin ich angetrieben, so (Instr.; Part.)
bravīmi etāvat eva tu
sage ich, nur so viel (1.Sg.Präs.)

yadi kāle tu doṣo 'sti yadi tatrāpi neṣyate; doṣo naiva parīkṣyo me na hy atrādhikṛtā vayam

„Wenn bei der Zeit Schuld liegt, und wenn sie auch dort nicht gelten gelassen wird [?], so ist die Schuld nicht von mir zu prüfen; wir sind dafür nicht zuständig.“

Wort für Wort
yadi kāle tu doṣaḥ asti
wenn bei der Zeit Schuld ist (Lok.; Nom.; 3.Sg.Präs.)
yadi tatra api na iṣyate
wenn es auch dort nicht gewollt/anerkannt wird (3.Sg.Pass.)
doṣaḥ na eva parīkṣyaḥ me
die Schuld ist nicht zu prüfen von mir (Gerundiv Nom.; Gen./Instr.)
na hi atra adhikṛtāḥ vayam
denn wir sind hierfür nicht bevollmächtigt (Part. Nom. Pl.)

[Anm.: yadi tatrāpi neṣyate ist knapp; Subjekt (Schuld) ergänzt.] Verschachtelte Anführungszeichen im Vers 65 sind als einfache Zitierung wiedergegeben.

nirmokṣas tv asya doṣasya mayā kāryo yathā tathā; mṛtyo vidoṣaḥ syām eva yathā tan me prayojanam

„Die Befreiung von dieser Schuld aber muss ich bewirken, wie auch immer; Tod, ich soll schuldlos sein – das ist mein Anliegen.“

Wort für Wort
nirmokṣaḥ tu asya doṣasya
die Befreiung aber von dieser Schuld (Nom.; Gen.)
mayā kāryaḥ yathā tathā
von mir ist zu bewirken, wie auch immer (Instr.; Gerundiv)
mṛtyo vidoṣaḥ syām eva
Tod, schuldlos soll ich sein (Vok.; 1.Sg.Opt.)
yathā tat me prayojanam
wie das mein Zweck ist (Nom. Sg. n.)

bhīṣma uvāca; sarpo 'thārjunakaṃ prāha śrutaṃ te mṛtyubhāṣitam; nānāgasaṃ māṃ pāśena saṃtāpayitum arhasi

Bhīṣma sprach: „Da sagte die Schlange zu Arjunaka: „Du hast die Rede des Todes gehört; du solltest mich Unschuldigen nicht mit der Schlinge quälen.““

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
sarpaḥ atha arjunakaṃ prāha
da sagte die Schlange zu Arjunaka (Nom.; Akk.; 3.Sg.Perf.)
śrutaṃ te mṛtyubhāṣitam
gehört ist von dir die Rede des Todes (Part.; Instr./Gen.)
na anāgasam mām pāśena
nicht mich Unschuldigen mit der Schlinge (Akk.; Instr.)
saṃtāpayitum arhasi
du solltest quälen (Inf.; 2.Sg.Präs.)

lubdhaka uvāca; mṛtyoḥ śrutaṃ me vacanaṃ tava caiva bhujaṃgama; naiva tāvad vidoṣatvaṃ bhavati tvayi pannaga

Der Jäger sprach: „Die Rede des Todes habe ich gehört und auch deine, Schlange; dennoch tritt bei dir noch keine Schuldlosigkeit ein, Schlange.“

Wort für Wort
lubdhakaḥ uvāca
der Jäger sprach
mṛtyoḥ śrutaṃ me vacanam
des Todes Rede ist von mir gehört (Gen.; Part.; Nom.)
tava ca eva bhujaṃgama
und ebenso deine, Schlange (Gen.; Vok.)
na eva tāvat vidoṣatvam
noch keineswegs Schuldlosigkeit (Nom.)
bhavati tvayi pannaga
tritt ein bei dir, Schlange (3.Sg.Präs.; Lok.; Vok.)

mṛtyus tvaṃ caiva hetur hi jantor asya vināśane; ubhayaṃ kāraṇaṃ manye na kāraṇam akāraṇam

„Der Tod und du seid beide Ursache beim Untergang dieses Wesens; beide halte ich für ursächlich; eine Nicht-Ursache ist keine Ursache [?].“

Wort für Wort
mṛtyuḥ tvam ca eva hetuḥ hi
der Tod und du seid ja Ursache (Nom.)
jantoḥ asya vināśane
beim Untergang dieses Wesens (Gen.; Lok.)
ubhayaṃ kāraṇaṃ manye
beide halte ich für ursächlich (Akk. n.; 1.Sg.Präs.Med.)
na kāraṇam akāraṇam
Nicht-Ursache [ist] keine Ursache (Nom.)

[Anm.: na kāraṇam akāraṇam ist knapp formuliert; Sinn wohl: nur Ursächliches zählt als Grund.]

dhiṅ mṛtyuṃ ca durātmānaṃ krūraṃ duḥkhakaraṃ satām; tvāṃ caivāhaṃ vadhiṣyāmi pāpaṃ pāpasya kāraṇam

„Pfui über den Tod, den Bösgesinnten, Grausamen, den Leidbringer der Guten; und dich werde ich töten, den Bösen, die Ursache des Bösen.“

Wort für Wort
dhik mṛtyuṃ ca durātmānam
pfui über den Tod, den Bösgesinnten (Akk.)
krūraṃ duḥkhakaraṃ satām
den Grausamen, Leidbringer der Guten (Akk.; Gen. Pl.)
tvām ca eva aham vadhiṣyāmi
und dich werde ich töten (Akk.; 1.Sg.Fut.)
pāpaṃ pāpasya kāraṇam
den Bösen, Ursache des Bösen (Akk.; Gen.)

mṛtyur uvāca; vivaśau kālavaśagāv āvāṃ tad diṣṭakāriṇau; nāvāṃ doṣeṇa gantavyau yadi samyak prapaśyasi

Der Tod sprach: „Wir beide sind machtlos, der Gewalt der Zeit unterworfen und tun das Verfügte; wir sollten nicht der Schuld zugerechnet werden, wenn du recht siehst.“

Wort für Wort
mṛtyuḥ uvāca
der Tod sprach
vivaśau kālavaśagau āvām
machtlos, der Zeit unterworfen, wir beide (Nom. Du.)
tad diṣṭakāriṇau
daher das Bestimmte Tuende (Nom. Du.)
na āvām doṣeṇa gantavyau
wir beiden sind nicht durch Schuld zu erfassen (Instr.; Gerundiv Nom. Du.)
yadi samyak prapaśyasi
wenn du richtig siehst (2.Sg.Präs.)

lubdhaka uvāca; yuvām ubhau kālavaśau yadi vai mṛtyupannagau; harṣakrodhau kathaṃ syātām etad icchāmi veditum

Der Jäger sprach: „Wenn ihr beide, Tod und Schlange, der Gewalt der Zeit unterworfen seid, wie können Freude und Zorn bei euch sein? Das möchte ich wissen.“

Wort für Wort
lubdhakaḥ uvāca
der Jäger sprach
yuvām ubhau kālavaśau yadi vai
wenn ihr beide der Zeit unterworfen seid (Nom. Du.)
mṛtyupannagau
Tod und Schlange (Nom. Du.)
harṣakrodhau katham syātām
wie könnten Freude und Zorn sein (Nom. Du.; 3.Du.Opt.)
etat icchāmi veditum
dies möchte ich wissen (1.Sg.Präs.; Inf.)

mṛtyur uvāca; yāḥ kāś cid iha ceṣṭāḥ syuḥ sarvāḥ kālapracoditāḥ; pūrvam evaitad uktaṃ hi mayā lubdhaka kālataḥ

Der Tod sprach: „Was immer es hier an Regungen geben mag – alle sind von der Zeit angetrieben; das habe ich vorher schon gesagt, Jäger, im Hinblick auf die Zeit.“

Wort für Wort
mṛtyuḥ uvāca
der Tod sprach
yāḥ kāḥ cit iha ceṣṭāḥ syuḥ
was für Regungen es hier auch geben mag (Nom. Pl. f.; 3.Pl.Opt.)
sarvāḥ kālapracoditāḥ
alle von der Zeit angetrieben (Part. Nom. Pl.)
pūrvam eva etat uktaṃ hi mayā
dies ist zuvor schon von mir gesagt (Part.; Instr.)
lubdhaka kālataḥ
Jäger, von der Zeit her (Vok.; Abl.-Adv.)

tasmād ubhau kālavaśāv āvāṃ tad diṣṭakāriṇau; nāvāṃ doṣeṇa gantavyau tvayā lubdhaka karhi cit

„Darum sind wir beide der Gewalt der Zeit unterworfen und tun das Verfügte; wir sollten von dir, Jäger, niemals der Schuld zugerechnet werden.“

Wort für Wort
tasmāt ubhau kālavaśau āvām
darum wir beide der Zeit unterworfen (Nom. Du.)
tad diṣṭakāriṇau
das Bestimmte Tuende (Nom. Du.)
na āvām doṣeṇa gantavyau
wir sind nicht durch Schuld zu erfassen (Gerundiv Nom. Du.)
tvayā lubdhaka karhi cit
von dir, Jäger, jemals (Instr.; Vok.; Adv.)

bhīṣma uvāca; athopagamya kālas tu tasmin dharmārthasaṃśaye; abravīt pannagaṃ mṛtyuṃ lubdham arjunakaṃ ca tam

Bhīṣma sprach: „Da trat die Zeit hinzu in diesem Zweifel über Dharma und Nutzen und sprach zur Schlange, zum Tod und zu jenem Jäger Arjunaka.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
atha upagamya kālaḥ tu
da trat die Zeit heran (Abs.; Nom.)
tasmin dharmārthasaṃśaye
in diesem Zweifel über Dharma und Nutzen (Lok.)
abravīt pannagaṃ mṛtyum
sprach zur Schlange, zum Tod (3.Sg.Impf.; Akk.)
lubdham arjunakam ca tam
und zu jenem Jäger Arjunaka (Akk.)

kāla uvāca; naivāhaṃ nāpy ayaṃ mṛtyur nāyaṃ lubdhaka pannagaḥ; kilbiṣī jantumaraṇe na vayaṃ hi prayojakāḥ

Die Zeit sprach: „Weder ich noch dieser Tod, noch dieser Jäger, noch die Schlange: Schuldig am Tod eines Wesens sind wir nicht; wir sind nicht die Antreiber.“

Wort für Wort
kālaḥ uvāca
die Zeit sprach
na eva aham na api ayam mṛtyuḥ
weder ich noch dieser Tod (Nom.)
na ayam lubdhaka pannagaḥ
noch dieser Jäger, noch die Schlange (Nom.)
kilbiṣī jantumaraṇe
schuldig am Tod des Wesens (Nom.; Lok.)
na vayam hi prayojakāḥ
wir sind ja nicht die Antreiber (Nom. Pl.)

akarod yad ayaṃ karma tan no 'rjunaka codakam; praṇāśahetur nānyo 'sya vadhyate 'yaṃ svakarmaṇā

„Was dieser für eine Tat getan hat, das ist unser Antreiber, Arjunaka; es gibt keinen anderen Grund für seinen Untergang; er wird durch sein eigenes Tun getötet.“

Wort für Wort
akarot yat ayam karma
was für eine Tat dieser getan hat (3.Sg.Impf.; Akk.)
tat naḥ arjunaka codakam
das ist unser Antreiber, Arjunaka (Gen./Dat. Pl.; Vok.)
praṇāśahetuḥ na anyaḥ asya
Grund des Untergangs ist kein anderer für ihn (Nom.; Gen.)
vadhyate ayam svakarmaṇā
er wird getötet durch eigenes Tun (3.Sg.Pass.; Instr.)

yad anena kṛtaṃ karma tenāyaṃ nidhanaṃ gataḥ; vināśahetuḥ karmāsya sarve karmavaśā vayam

„Durch die Tat, die von ihm getan wurde, ist er zu Tode gekommen; sein Tun ist die Ursache seines Untergangs; wir alle sind dem Tun unterworfen.“

Wort für Wort
yat anena kṛtaṃ karma
die Tat, die von ihm getan wurde (Instr.; Part.)
tena ayam nidhanaṃ gataḥ
dadurch ist dieser zu Tode gelangt (Instr.; Part. Nom.)
vināśahetuḥ karma asya
Ursache seines Untergangs ist seine Tat (Nom.; Gen.)
sarve karmavaśāḥ vayam
wir alle sind der Tat unterworfen (Nom. Pl.)

karmadāyādavāṃl lokaḥ karmasaṃbandhalakṣaṇaḥ; karmāṇi codayantīha yathānyonyaṃ tathā vayam

„Die Welt besitzt das Erbe der Taten und hat die Verbindung mit der Tat zum Kennzeichen; Taten treiben hier einander an, ebenso wir.“

Wort für Wort
karmadāyādavān lokaḥ
die Welt, Taten-Erbe besitzend (Nom. Sg.)
karmasaṃbandhalakṣaṇaḥ
Verbindung mit der Tat als Kennzeichen habend (Bahuvrīhi Nom.)
karmāṇi codayanti iha
Taten treiben hier an (Nom. Pl.; 3.Pl.Präs.Kaus.)
yathā anyonyam tathā vayam
wie einander, so wir (Adv.; Nom.)

yathā mṛtpiṇḍataḥ kartā kurute yad yad icchati; evam ātmakṛtaṃ karma mānavaḥ pratipadyate

„Wie ein Töpfer aus einem Tonklumpen macht, was immer er will, so erlangt der Mensch das von ihm selbst getane Werk.“

Wort für Wort
yathā mṛtpiṇḍataḥ kartā
wie aus einem Tonklumpen der Macher (Abl.; Nom.)
kurute yat yat icchati
macht, was immer er will (3.Sg.Präs.Med.; 3.Sg.Präs.)
evam ātmakṛtaṃ karma
so das selbstgetane Werk (Part. Akk.)
mānavaḥ pratipadyate
der Mensch erlangt (Nom.; 3.Sg.Präs.Med.)

yathā chāyātapau nityaṃ susaṃbaddhau nirantaram; tathā karma ca kartā ca saṃbaddhāv ātmakarmabhiḥ

„Wie Schatten und Sonnenschein stets und ununterbrochen eng verbunden sind, so sind Tat und Täter durch die eigenen Taten verbunden.“

Wort für Wort
yathā chāyātapau nityam
wie Schatten und Sonnenschein stets (Nom. Du.)
susaṃbaddhau nirantaram
eng verbunden, ununterbrochen (Part. Nom. Du.; Adv.)
tathā karma ca kartā ca
so Tat und Täter (Nom.)
saṃbaddhau ātmakarmabhiḥ
verbunden durch eigene Taten (Part. Nom. Du.; Instr. Pl.)

evaṃ nāhaṃ na vai mṛtyur na sarpo na tathā bhavān; na ceyaṃ brāhmaṇī vṛddhā śiśur evātra kāraṇam

„So sind weder ich noch der Tod, noch die Schlange, noch du, noch diese alte Brahmanin die Ursache; das Kind allein ist hier die Ursache.“

Wort für Wort
evam na aham na vai mṛtyuḥ
so weder ich noch der Tod (Nom.)
na sarpaḥ na tathā bhavān
noch die Schlange, noch du, [Herr] (Nom.)
na ca iyaṃ brāhmaṇī vṛddhā
noch diese alte Brahmanin (Nom. f.)
śiśuḥ eva atra kāraṇam
das Kind allein ist hier die Ursache (Nom.)

tasmiṃs tathā bruvāṇe tu brāhmaṇī gautamī nṛpa; svakarmapratyayāṃl lokān matvārjunakam abravīt

Als jener so sprach, o König, hielt die Brahmanin Gautamī die Welten für auf eigenem Tun beruhend und sprach zu Arjunaka.

Wort für Wort
tasmin tathā bruvāṇe tu
als jener so sprach (Lok. abs.)
brāhmaṇī gautamī nṛpa
die Brahmanin Gautamī, König (Nom.; Vok.)
svakarmapratyayān lokān
die Welten als auf eigenem Tun beruhend (Akk. Pl.)
matvā arjunakam abravīt
dies erwägend sprach sie zu Arjunaka (Abs.; 3.Sg.Impf.)

naiva kālo na bhujago na mṛtyur iha kāraṇam; svakarmabhir ayaṃ bālaḥ kālena nidhanaṃ gataḥ

„Weder die Zeit noch die Schlange noch der Tod ist hier die Ursache; durch eigene Taten ist dieses Kind durch die Zeit zu Tode gekommen.“

Wort für Wort
na eva kālaḥ na bhujagaḥ
weder die Zeit noch die Schlange (Nom.)
na mṛtyuḥ iha kāraṇam
noch der Tod ist hier Ursache (Nom.)
svakarmabhiḥ ayam bālaḥ
durch eigene Taten dieses Kind (Instr. Pl.; Nom.)
kālena nidhanaṃ gataḥ
durch die Zeit zu Tode gelangt (Instr.; Part.)

mayā ca tat kṛtaṃ karma yenāyaṃ me mṛtaḥ sutaḥ; yātu kālas tathā mṛtyur muñcārjunaka pannagam

„Und von mir wurde jene Tat getan, durch die mir dieser Sohn gestorben ist; die Zeit soll gehen, ebenso der Tod; lass die Schlange frei, Arjunaka.“

Wort für Wort
mayā ca tat kṛtaṃ karma
und von mir wurde jene Tat getan (Instr.; Part.)
yena ayam me mṛtaḥ sutaḥ
durch die mir dieser Sohn gestorben ist (Instr.; Part.)
yātu kālaḥ tathā mṛtyuḥ
gehen soll die Zeit, ebenso der Tod (3.Sg.Imp.)
muñca arjunaka pannagam
lass frei, Arjunaka, die Schlange (2.Sg.Imp.; Vok.; Akk.)

bhīṣma uvāca; tato yathāgataṃ jagmur mṛtyuḥ kālo 'tha pannagaḥ; abhūd viroṣo 'rjunako viśokā caiva gautamī

Bhīṣma sprach: „Da gingen der Tod, die Zeit und die Schlange, wie sie gekommen waren; Arjunaka wurde zornlos und Gautamī frei von Kummer.“

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach
tataḥ yathāgatam jagmuḥ
da gingen sie, wie sie gekommen waren (3.Pl.Perf.)
mṛtyuḥ kālaḥ atha pannagaḥ
der Tod, die Zeit und die Schlange (Nom.)
abhūt viroṣaḥ arjunakaḥ
wurde zornlos, Arjunaka (3.Sg.Aor.; Nom.)
viśokā ca eva gautamī
und frei von Kummer Gautamī (Nom. f.)

etac chrutvā śamaṃ gaccha mā bhūś cintāparo nṛpa; svakarmapratyayāṃl lokāṃs trīn viddhi manujarṣabha

„Wenn du dies gehört hast, komm zur Ruhe und sei nicht sorgenvoll, o König; wisse, dass die drei Welten auf eigenem Tun beruhen, Stier unter den Menschen.“

Wort für Wort
etat śrutvā śamaṃ gaccha
dies gehört habend, komm zur Ruhe (Abs.; 2.Sg.Imp.)
mā bhūḥ cintāparaḥ nṛpa
sei nicht sorgenvoll, König (Prohib.; Nom.; Vok.)
svakarmapratyayān lokān trīn
die drei Welten als auf eigenem Tun beruhend (Akk. Pl.)
viddhi manujarṣabha
wisse, Stier unter den Menschen (2.Sg.Imp.; Vok.)

na tu tvayā kṛtaṃ pārtha nāpi duryodhanena vai; kālena tat kṛtaṃ viddhi vihatā yena pārthivāḥ

„Nicht von dir wurde es getan, Pārtha, und auch nicht von Duryodhana; durch die Zeit wurde es getan – wisse, dass durch sie die Fürsten vernichtet wurden.“

Wort für Wort
na tu tvayā kṛtam pārtha
nicht von dir getan, Pārtha (Instr.; Part.; Vok.)
na api duryodhanena vai
auch nicht von Duryodhana (Instr.)
kālena tat kṛtam viddhi
durch die Zeit wurde das getan, wisse (Instr.; 2.Sg.Imp.)
vihatāḥ yena pārthivāḥ
durch die die Fürsten vernichtet wurden (Part. Nom. Pl.; Instr.)

vaiśaṃpāyana uvāca; ity etad vacanaṃ śrutvā babhūva vigatajvaraḥ; yudhiṣṭhiro mahātejāḥ papracchedaṃ ca dharmavit

Vaiśaṃpāyana sprach: „Als er diese Rede gehört hatte, wurde der hochstrahlende, dharmakundige Yudhiṣṭhira frei von Kummer und fragte weiter dies.“

Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach
iti etat vacanaṃ śrutvā
diese Rede gehört habend (Abs.)
babhūva vigatajvaraḥ
wurde frei von Fieber/Kummer (3.Sg.Perf.; Bahuvrīhi)
yudhiṣṭhiraḥ mahātejāḥ
Yudhiṣṭhira, der hochstrahlende (Nom.)
papraccha idaṃ ca dharmavit
und fragte dies, der Dharmakundige (3.Sg.Perf.; Akk.; Nom.)

Der Halbvers papracchedaṃ ca wird als papraccha idaṃ ca gedeutet.

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