Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 132: karmaphalavibhāgaḥ (umāmaheśvarasaṃvādaḥ) Śivas Belehrung Umās über Taten, die zum Himmel führen, und ihre Früchte

Umā befragt Maheśvara, durch welche Taten, Worte und Gedanken der Mensch gebunden oder befreit wird und in den Himmel gelangt. Śiva zählt zunächst die Tugenden in Tat, Rede und Geist auf; danach folgt die Frage nach Lebensdauer, Gestalt und Geschick.

umovāca; bhagavan sarvabhūteśa surāsuranamaskṛta; dharmādharme nṛṇāṃ deva brūhi me saṃśayaṃ vibho

Umā sprach: „Erhabener, Herr aller Wesen, von Göttern und Asuras verehrt! Sage mir, o Gott, was Recht und Unrecht der Menschen angeht, meinen Zweifel, o Allmächtiger.“

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
bhagavan sarvabhūteśa
Erhabener, Herr aller Wesen (Vok.)
surāsuranamaskṛta
von Göttern und Asuras Verehrter (Vok.)
dharmādharme nṛṇām deva
Recht und Unrecht der Menschen, o Gott (Lok./Gen.Pl./Vok.)
brūhi me saṃśayaṃ vibho
sage mir den Zweifel, Allmächtiger (Imp./Akk./Vok.)

karmaṇā manasā vācā trividhaṃ hi naraḥ sadā; badhyate bandhanaiḥ pāśair mucyate 'py atha vā punaḥ

Durch Tat, Geist und Wort, dreifach, wird der Mensch stets durch Fesseln und Stricke gebunden, oder aber wieder befreit.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Geist, Wort (Instr.)
trividhaṃ hi naraḥ sadā
dreifach fürwahr der Mensch stets (Adv./Nom.)
badhyate bandhanaiḥ pāśaiḥ
wird gebunden durch Fesseln, Stricke (Pass.3.Sg./Instr.Pl.)
mucyate 'py atha vā punaḥ
wird auch befreit, oder wieder (Pass.3.Sg.)

kena śīlena vā deva karmaṇā kīdṛśena vā; samācārair guṇair vākyaiḥ svargaṃ yāntīha mānavāḥ

Durch welches Wesen, o Gott, oder durch welche Tat, durch welche Lebensführung, Eigenschaften und Worte gehen die Menschen hier [zum] Himmel?

Wort für Wort
kena śīlena vā deva
durch welche Wesensart, o Gott (Instr.Sg./Vok.)
karmaṇā kīdṛśena vā
oder durch welche Art von Tat (Instr.Sg.)
samācārair guṇair vākyaiḥ
durch Verhaltensweisen, Eigenschaften, Worte (Instr.Pl.)
svargaṃ yānti
zum Himmel gehen (Akk./3.Pl.Präs.)
iha mānavāḥ
hier die Menschen (Nom.Pl.)

maheśvara uvāca; devi dharmārthatattvajñe satyanitye dame rate; sarvaprāṇihitaḥ praśnaḥ śrūyatāṃ buddhivardhanaḥ

Maheśvara sprach: „Göttin, Kennerin der Wahrheit von Recht und Nutzen, der Wahrheit Ergebene, in Selbstbeherrschung Erfreute! Die Frage, die allen Lebewesen nützt und den Verstand mehrt, sei gehört.“

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
devi dharmārthatattvajñe
Göttin, Kennerin der Wahrheit von Dharma und Artha (Vok.)
satyanitye dame rate
der Wahrheit stets Zugetane, in Selbstzucht Erfreute (Vok.)
sarvaprāṇihitaḥ praśnaḥ
allen Lebewesen heilsame Frage (Nom.)
śrūyatāṃ buddhivardhanaḥ
möge gehört werden, verstandesmehrend (Pass.Imp.3.Sg./Nom.)

satyadharmaratāḥ santaḥ sarvalipsāvivarjitāḥ; nādharmeṇa na dharmeṇa badhyante chinnasaṃśayāḥ

Die Guten, die an Wahrheit und Recht Freude haben, frei von jeglicher Gier, werden weder durch Unrecht noch durch Recht gebunden; ihre Zweifel sind zerschnitten.

Wort für Wort
satyadharmaratāḥ santaḥ
an Wahrheit und Recht erfreute Gute (Nom.Pl.)
sarvalipsāvivarjitāḥ
aller Begehrlichkeit ledig (Nom.Pl.)
nādharmeṇa na dharmeṇa
weder durch Unrecht noch durch Recht (Instr.)
badhyante
werden gebunden (Pass.3.Pl.)
chinnasaṃśayāḥ
deren Zweifel zerschnitten sind (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)

pralayotpattitattvajñāḥ sarvajñāḥ samadarśinaḥ; vītarāgā vimucyante puruṣāḥ sarvabandhanaiḥ

Menschen, die Wahrheit über Auflösung und Entstehung kennen, allwissend, gleichblickend, von Leidenschaft frei, werden von allen Fesseln befreit.

Wort für Wort
pralayotpattitattvajñāḥ
Kenner der Wahrheit von Auflösung und Entstehung (Nom.Pl.)
sarvajñāḥ samadarśinaḥ
allwissend, gleich sehend (Nom.Pl.)
vītarāgāḥ
leidenschaftslos (Nom.Pl.)
vimucyante puruṣāḥ
werden befreit, die Menschen (Pass.3.Pl./Nom.Pl.)
sarvabandhanaiḥ
von allen Fesseln (Instr.Pl.)

karmaṇā manasā vācā ye na hiṃsanti kiṃ cana; ye na sajjanti kasmiṃś cid badhyante te na karmabhiḥ

Die, die durch Tat, Geist und Wort nichts verletzen und an nichts haften, werden durch Taten nicht gebunden.

Wort für Wort
karmaṇā manasā vācā
durch Tat, Geist, Wort (Instr.)
ye na hiṃsanti kiṃ cana
die nichts verletzen (3.Pl.Präs.)
ye na sajjanti kasmiṃś cid
die an nichts haften (3.Pl.Präs./Lok.)
badhyante te na karmabhiḥ
gebunden werden sie nicht durch Taten (Pass.3.Pl./Instr.Pl.)

prāṇātipātād viratāḥ śīlavanto dayānvitāḥ; tulyadveṣyapriyā dāntā mucyante karmabandhanaiḥ

Wer sich vom Töten von Lebewesen fernhält, sittlich ist, von Mitleid erfüllt, gegenüber Verhasstem und Liebem gleich, gezähmt, wird von den Fesseln der Taten befreit.

Wort für Wort
prāṇātipātād viratāḥ
vom Töten von Lebewesen abgelassen (Abl./Nom.Pl.)
śīlavanto dayānvitāḥ
sittlich, von Mitgefühl erfüllt (Nom.Pl.)
tulyadveṣyapriyā dāntāḥ
Verhasstes und Liebes gleichachtend, gezähmt (Nom.Pl.)
mucyante karmabandhanaiḥ
werden befreit von den Fesseln der Taten (Pass.3.Pl./Instr.Pl.)

sarvabhūtadayāvanto viśvāsyāḥ sarvajantuṣu; tyaktahiṃsāsamācārās te narāḥ svargagāminaḥ

Die mit Mitleid für alle Wesen, denen alle Geschöpfe vertrauen können, die das Verhalten der Gewalt aufgegeben haben, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
sarvabhūtadayāvantaḥ
mit Mitgefühl für alle Wesen (Nom.Pl.)
viśvāsyāḥ sarvajantuṣu
vertrauenswürdig unter allen Geschöpfen (Nom.Pl./Lok.Pl.)
tyaktahiṃsāsamācārāḥ
deren Gewaltverhalten aufgegeben ist (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

parasve nirmamā nityaṃ paradāravivarjakāḥ; dharmalabdhārthabhoktāras te narāḥ svargagāminaḥ

Die stets ohne Besitzdenken am Fremdbesitz sind, die fremde Frauen meiden, die nur von rechtmäßig erworbenem Gut genießen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
parasve nirmamāḥ nityam
am Fremdgut ohne Mein-Sagen, stets (Lok./Nom.Pl.)
paradāravivarjakāḥ
fremde Frauen Meidende (Nom.Pl.)
dharmalabdhārthabhoktāraḥ
Genießer rechtmäßig erworbenen Gutes (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

mātṛvat svasṛvac caiva nityaṃ duhitṛvac ca ye; paradāreṣu vartante te narāḥ svargagāminaḥ

Die sich gegenüber fremden Frauen stets wie gegenüber Mutter, Schwester und Tochter verhalten, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
mātṛvat svasṛvac ca
wie eine Mutter und wie eine Schwester (Adv.)
nityaṃ duhitṛvac ca
stets und wie eine Tochter (Adv.)
ye paradāreṣu vartante
die sich gegenüber fremden Frauen verhalten (3.Pl.Präs./Lok.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

stainyān nivṛttāḥ satataṃ saṃtuṣṭāḥ svadhanena ca; svabhāgyāny upajīvanti te narāḥ svargagāminaḥ

Die stets vom Stehlen abstehen und mit dem eigenen Besitz zufrieden sind, von ihrem eigenen Los leben, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
stainyān nivṛttāḥ satatam
vom Diebstahl abgewandt, beständig (Abl./Nom.Pl.)
saṃtuṣṭāḥ svadhanena ca
zufrieden mit dem eigenen Vermögen (Nom.Pl./Instr.)
svabhāgyāny upajīvanti
leben von ihrem eigenen Geschick/Anteil (Akk.Pl./3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

svabhāgyāni: wörtlich „eigene Glücksanteile“.

svadāraniratā ye ca ṛtukālābhigāminaḥ; agrāmyasukhabhogāś ca te narāḥ svargagāminaḥ

Die ihren eigenen Frauen zugetan sind, ihnen zur Zeit der Fruchtbarkeit beiwohnen und ein Liebesvergnügen ohne Derbheit genießen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
svadāraniratāḥ ye ca
den eigenen Frauen zugetan, die (Nom.Pl.)
ṛtukālābhigāminaḥ
zur fruchtbaren Zeit Beiwohnende (Nom.Pl.)
agrāmyasukhabhogāḥ ca
Genießer nicht-gemeiner Lust (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

paradāreṣu ye nityaṃ cāritrāvṛtalocanāḥ; yatendriyāḥ śīlaparās te narāḥ svargagāminaḥ

Die gegenüber fremden Frauen stets mit durch Sittsamkeit verhüllten Augen [leben], die Sinne bezähmt, dem rechten Wandel ergeben, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
paradāreṣu ye nityam
gegenüber fremden Frauen die stets (Lok.Pl.)
cāritrāvṛtalocanāḥ
deren Augen durch Anstand verhüllt sind (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)
yatendriyāḥ śīlaparāḥ
mit gezügelten Sinnen, dem guten Wandel hingegeben (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

eṣa devakṛto mārgaḥ sevitavyaḥ sadā naraiḥ; akaṣāyakṛtaś caiva mārgaḥ sevyaḥ sadā budhaiḥ

Dies ist der von den Göttern geschaffene Weg, dem die Menschen stets folgen sollen; und der ohne Trübung geschaffene Weg soll stets von den Weisen befolgt werden.

Wort für Wort
eṣa devakṛto mārgaḥ
dies ist der von Göttern gemachte Weg (Nom.)
sevitavyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
akaṣāyakṛtaḥ ca eva mārgaḥ
und der frei von Trübung gemachte Weg (Nom.)
sevyaḥ sadā budhaiḥ
zu befolgen stets von Weisen (Gerundiv/Instr.Pl.)

akaṣāyakṛta ist unsicher gedeutet.

dānadharmatapoyuktaḥ śīlaśaucadayātmakaḥ; vṛttyarthaṃ dharmahetor vā sevitavyaḥ sadā naraiḥ; svargavāsam abhīpsadbhir na sevyas tv ata uttaraḥ

Ein [Weg], der mit Gabe, Recht und Askese verbunden ist, dessen Wesen Sittlichkeit, Reinheit und Mitgefühl ist, soll stets von den Menschen befolgt werden, sei es um des Lebensunterhalts willen oder um des Rechts willen. Wer den Aufenthalt im Himmel wünscht, soll keinen anderen befolgen, der darauf folgt [?].

Wort für Wort
dānadharmatapoyuktaḥ
mit Gabe, Recht, Askese verbunden (Nom.)
śīlaśaucadayātmakaḥ
aus Sittlichkeit, Reinheit, Mitgefühl bestehend (Nom.)
vṛttyarthaṃ dharmahetor vā
um des Lebensunterhalts oder um des Rechts willen (Adv./Abl.)
sevitavyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
svargavāsam abhīpsadbhiḥ
von Himmelsaufenthalt Wünschenden (Instr.Pl.)
na sevyaḥ tv ata uttaraḥ
nicht zu befolgen [ist] ein darüber hinausgehender/späterer (Gerundiv/Nom.)

Der letzte Pāda „na sevyas tv ata uttaraḥ“ ist syntaktisch schwierig; Deutung unsicher.

umovāca; vācātha badhyate yena mucyate 'py atha vā punaḥ; tāni karmāṇi me deva vada bhūtapate 'nagha

Umā sprach: „Wodurch, o Gott, wird man durch das Wort gebunden oder auch wieder befreit? Diese Handlungen sage mir, Herr der Geschöpfe, Makelloser.“

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
vācā atha badhyate yena
durch das Wort, sodann wodurch man gebunden wird (Instr./Pass.3.Sg./Instr.)
mucyate 'py atha vā punaḥ
oder auch wieder befreit wird (Pass.3.Sg.)
tāni karmāṇi me deva
diese Handlungen mir, o Gott (Akk.Pl./Dat.-Gen./Vok.)
vada bhūtapate 'nagha
sprich, Herr der Wesen, Makelloser (Imp./Vok.)

maheśvara uvāca; ātmahetoḥ parārthe vā narmahāsyāśrayāt tathā; ye mṛṣā na vadantīha te narāḥ svargagāminaḥ

Maheśvara sprach: „Die, die um ihrer selbst oder um eines anderen willen oder aus Spaß und Scherz hier nicht lügen, jene Menschen gehen in den Himmel.“

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
ātmahetoḥ parārthe vā
um seiner selbst willen oder für andere (Abl./Lok.)
narmahāsyāśrayāt tathā
ebenso aus Spott und Scherz (Abl.)
ye mṛṣā na vadanti iha
die nicht Falsches sagen hier (3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

vṛttyarthaṃ dharmahetor vā kāmakārāt tathaiva ca; anṛtaṃ ye na bhāṣante te narāḥ svargagāminaḥ

Die um des Lebensunterhalts oder um des Rechts willen, ebenso aus Willkür, keine Unwahrheit sprechen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
vṛttyarthaṃ dharmahetor vā
um des Lebensunterhalts oder des Rechts willen (Adv./Abl.)
kāmakārāt tathaiva ca
und ebenso aus Willkür (Abl.)
anṛtaṃ ye na bhāṣante
Unwahrheit, die nicht sprechen (Akk./3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

ślakṣṇāṃ vāṇīṃ nirābādhāṃ madhurāṃ pāpavarjitām; svāgatenābhibhāṣante te narāḥ svargagāminaḥ

Die eine sanfte, ungehinderte, süße, vom Bösen freie Rede mit freundlicher Begrüßung sprechen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
ślakṣṇāṃ vāṇīṃ nirābādhām
sanfte, ungehinderte Rede (Akk.Sg.f.)
madhurāṃ pāpavarjitām
süße, vom Bösen freie [Rede] (Akk.Sg.f.)
svāgatena abhibhāṣante
sprechen mit Willkommen (Instr./3.Pl.Med.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

kaṭukāṃ ye na bhāṣante paruṣāṃ niṣṭhurāṃ giram; apaiśunyaratāḥ santas te narāḥ svargagāminaḥ

Die keine scharfe, raue, harte Rede führen und der Nicht-Verleumdung zugetan sind, gute Menschen, jene gehen in den Himmel.

Wort für Wort
kaṭukāṃ ye na bhāṣante
die keine scharfe [Rede] führen (Akk.Sg.f./3.Pl.)
paruṣāṃ niṣṭhurāṃ giram
raue, harte Rede (Akk.Sg.f.)
apaiśunyaratāḥ santaḥ
an Nicht-Verleumdung erfreute Gute (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

piśunāṃ ye na bhāṣante mitrabhedakarīṃ giram; ṛtāṃ maitrīṃ prabhāṣante te narāḥ svargagāminaḥ

Die keine verleumderische, Freunde entzweiende Rede führen, sondern wahrhaftige Freundschaft sprechen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
piśunāṃ ye na bhāṣante
verleumderische [Rede], die nicht sprechen (Akk.Sg.f./3.Pl.)
mitrabhedakarīṃ giram
Freunde entzweiende Rede (Akk.Sg.f.)
ṛtāṃ maitrīṃ prabhāṣante
wahre Freundschaft sprechen (Akk.Sg.f./3.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

varjayanti sadā sūcyaṃ paradrohaṃ ca mānavāḥ; sarvabhūtasamā dāntās te narāḥ svargagāminaḥ

Die Menschen meiden stets Anspielung [auf Fehler] und Schädigung anderer; allen Wesen gleich, gezähmt, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
varjayanti sadā sūcyam
meiden stets Andeutung/Anzeigen (3.Pl./Akk.)
paradrohaṃ ca mānavāḥ
und Verrat an anderen, die Menschen (Akk./Nom.Pl.)
sarvabhūtasamāḥ dāntāḥ
allen Wesen gleich, gezähmt (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

sūcya: „Anzeigen/Andeutung“ (auch: Ansticheln); Sinn unsicher.

śaṭhapralāpād viratā viruddhaparivarjakāḥ; saumyapralāpino nityaṃ te narāḥ svargagāminaḥ

Die vom Geschwätz der Arglist abgelassen haben, Streit meiden und stets freundlich sprechen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
śaṭhapralāpād viratāḥ
vom tückischen Geschwätz abgelassen (Abl./Nom.Pl.)
viruddhaparivarjakāḥ
Streit Meidende (Nom.Pl.)
saumyapralāpinaḥ nityam
sanft Redende, stets (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

viruddha kann auch „Feindliches/Widersprüchliches“ meinen.

na kopād vyāharante ye vācaṃ hṛdayadāraṇīm; sāntvaṃ vadanti kruddhāpi te narāḥ svargagāminaḥ

Die im Zorn kein herzzerreißendes Wort ausstoßen und selbst zornig Tröstliches sprechen, jene Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
na kopād vyāharante ye
die nicht aus Zorn ausstoßen (3.Pl.Med.)
vācaṃ hṛdayadāraṇīm
ein herzzerreißendes Wort (Akk.Sg.f.)
sāntvaṃ vadanti kruddhāḥ api
Beschwichtigendes sagen, auch zornig (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
jene Menschen, Himmelsgänger (Nom.Pl.)

kruddhāpi: kruddhāḥ api (Pl.); im Text kruddhā api.

eṣa vāṇīkṛto devi dharmaḥ sevyaḥ sadā naraiḥ; śubhaḥ satyaguṇo nityaṃ varjanīyā mṛṣā budhaiḥ

Dies, Göttin, ist das durch die Rede bewirkte Recht, das stets von den Menschen zu befolgen ist; die glückverheißende Wahrhaftigkeit ist stets [zu üben], Lüge ist von den Weisen zu meiden.

Wort für Wort
eṣa vāṇīkṛtaḥ devi dharmaḥ
dies ist das durch die Rede gemachte Recht, o Göttin (Nom./Vok.)
sevyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
śubhaḥ satyaguṇaḥ nityam
die glückbringende Eigenschaft der Wahrheit, stets (Nom.)
varjanīyā mṛṣā budhaiḥ
zu meiden ist die Lüge von Weisen (Gerundiv/Nom.Sg.f./Instr.Pl.)

umovāca; manasā badhyate yena karmaṇā puruṣaḥ sadā; tan me brūhi mahābhāga devadeva pinākadhṛk

Umā sprach: „Durch welche Tat des Geistes wird der Mensch stets gebunden? Das sage mir, Hochbeglückter, Gott der Götter, Träger des Pināka.“

Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (Perf.)
manasā badhyate yena karmaṇā
durch den Geist, durch welche Tat man gebunden wird (Instr./Pass.3.Sg.)
puruṣaḥ sadā
der Mensch stets (Nom.)
tan me brūhi mahābhāga
das sage mir, Hochbeglückter (Imp./Vok.)
devadeva pinākadhṛk
Gott der Götter, Pināka-Träger (Vok.)

maheśvara uvāca; mānaseneha dharmeṇa saṃyuktāḥ puruṣāḥ sadā; svargaṃ gacchanti kalyāṇi tan me kīrtayataḥ śṛṇu

Maheśvara sprach: „Menschen, die stets mit dem Recht des Geistes verbunden sind, gehen in den Himmel, du Segensreiche; höre, wie ich es dir verkünde.“

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
mānasena iha dharmeṇa
durch das geistige Recht hier (Instr.)
saṃyuktāḥ puruṣāḥ sadā
verbunden, die Menschen stets (Nom.Pl.)
svargaṃ gacchanti kalyāṇi
gehen zum Himmel, Segensreiche (3.Pl./Akk./Vok.)
tan me kīrtayataḥ śṛṇu
das höre von mir Verkündendem (Imp./Gen.Part.)

duṣpraṇītena manasā duṣpraṇītatarākṛtiḥ; badhyate mānavo yena śṛṇu cānyac chubhānane

Mit schlecht gelenktem Geist, in noch schlimmerem Wesen: wodurch der Mensch gebunden wird, das höre, und noch anderes, Schönantlitzige.

Wort für Wort
duṣpraṇītena manasā
durch schlecht gelenkten Geist (Instr.)
duṣpraṇītatarākṛtiḥ
noch schlimmer gestaltet im Wesen (Nom.)
badhyate mānavaḥ yena
gebunden wird der Mensch, wodurch (Pass.3.Sg./Instr.)
śṛṇu ca anyat
höre und anderes (Imp./Akk.)
śubhānane
Schönantlitzige (Vok.)

duṣpraṇītatarākṛtiḥ: Deutung unsicher.

araṇye vijane nyastaṃ parasvaṃ vīkṣya ye narāḥ; manasāpi na hiṃsanti te narāḥ svargagāminaḥ

Menschen, die in der Wildnis, an einsamem Ort, fremdes Gut niedergelegt sehen und es nicht einmal im Geiste antasten [wörtl.: schädigen], diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
araṇye vijane nyastaṃ parasvaṃ
in der Wildnis, an einsamem Ort, niedergelegtes fremdes Gut (Lok.; Part.Pass. Akk.; Akk.)
vīkṣya ye narāḥ
erblickend, die Menschen, welche (Abs.; Nom.Pl.)
manasāpi na hiṃsanti
auch nur mit dem Geist nicht schädigen (Instr.; 3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen sind Himmelsgänger (Nom.Pl.)

grāme gṛhe vā yad dravyaṃ pārakyaṃ vijane sthitam; nābhinandanti vai nityaṃ te narāḥ svargagāminaḥ

Welches fremde Gut auch immer im Dorf, im Haus oder an einsamem Ort liegt: Menschen, die es niemals begehren, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
grāme gṛhe vā yad dravyaṃ
im Dorf oder im Haus, welches Gut (Lok.; Lok.; Nom./Akk.Sg.n.)
pārakyaṃ vijane sthitam
fremdes, an einsamem Ort befindlich (Nom.Sg.n.; Lok.; Part.Pass.)
nābhinandanti vai nityaṃ
begehren gewiss nie / freuen sich nicht darüber (3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

tathaiva paradārān ye kāmavṛttān rahogatān; manasāpi na hiṃsanti te narāḥ svargagāminaḥ

Ebenso Menschen, die fremde Frauen, die aus Lust handeln und sich allein mit ihnen befinden, nicht einmal im Geiste bedrängen, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
tathaiva paradārān ye
ebenso fremde Frauen, welche (Akk.Pl.; Nom.Pl.)
kāmavṛttān rahogatān
lustgeleitet, in die Einsamkeit gegangen (Akk.Pl.)
manasāpi na hiṃsanti
nicht einmal im Geiste bedrängen (Instr.; 3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

kāmavṛttān rahogatān bezieht sich auf paradārān (Frauen, die lüstern gesinnt/handelnd sind und sich in der Einsamkeit befinden); alternativ auf die Männer als Handelnde – hier bei der wörtlichen Lesart geblieben.

śatruṃ mitraṃ ca ye nityaṃ tulyena manasā narāḥ; bhajanti maitrāḥ saṃgamya te narāḥ svargagāminaḥ

Menschen, die Feind und Freund stets mit gleichem Sinn behandeln [wörtl.: pflegen] und, freundschaftlich gesinnt, mit ihnen zusammenkommen, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
śatruṃ mitraṃ ca ye nityaṃ
Feind und Freund, welche stets (Akk.Sg.; Akk.Sg.)
tulyena manasā narāḥ
mit gleichem Sinn, Menschen (Instr.; Nom.Pl.)
bhajanti maitrāḥ saṃgamya
begegnen/halten sich an, freundlich gesinnt, zusammenkommend (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Abs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

śrutavanto dayāvantaḥ śucayaḥ satyasaṃgarāḥ; svair arthaiḥ parisaṃtuṣṭās te narāḥ svargagāminaḥ

Die Gelehrten, Mitfühlenden, Reinen, die ihrem Wort Treuen, die mit dem eigenen Besitz Zufriedenen, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
śrutavanto dayāvantaḥ
gelehrt, mitfühlend (Nom.Pl.)
śucayaḥ satyasaṃgarāḥ
rein, ihrem Versprechen an die Wahrheit treu (Nom.Pl.)
svair arthaiḥ parisaṃtuṣṭāḥ
mit eigenen Gütern völlig zufrieden (Instr.Pl.; Part.Pass. Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

avairā ye tv anāyāsā maitracittaparāḥ sadā; sarvabhūtadayāvantas te narāḥ svargagāminaḥ

Die ohne Feindschaft und ohne Anstrengung [des Zorns/der Mühsal] sind und stets ganz auf freundschaftliche Gesinnung ausgerichtet, die gegen alle Wesen mitfühlend sind, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
avairā ye tv anāyāsā
ohne Feindschaft, welche aber ohne Mühsal/Erregung (Nom.Pl.)
maitracittaparāḥ sadā
auf freundschaftlichen Sinn gerichtet, stets (Bahuvrīhi Nom.Pl.)
sarvabhūtadayāvantaḥ
gegen alle Wesen mitfühlend (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

anāyāsāḥ: ohne Mühe/Erregung, hier wohl „ohne Aufgeregtheit“ [?].

śraddhāvanto dayāvantaś cokṣāś cokṣajanapriyāḥ; dharmādharmavido nityaṃ te narāḥ svargagāminaḥ

Die Gläubigen, Mitfühlenden, Reinen, die Reine lieben, die stets Recht und Unrecht kennen, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
śraddhāvanto dayāvantaḥ
voll Vertrauen, mitfühlend (Nom.Pl.)
cokṣāś cokṣajanapriyāḥ
rein, den Reinen zugetan (Nom.Pl.)
dharmādharmavido nityaṃ
Recht und Unrecht kennend, stets (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

śubhānām aśubhānāṃ ca karmaṇāṃ phalasaṃcaye; vipākajñāś ca ye devi te narāḥ svargagāminaḥ

Und die, Göttin, die die Anhäufung der Früchte guter und schlechter Taten und ihre Reifung kennen, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
śubhānām aśubhānāṃ ca karmaṇāṃ
guter und schlechter Taten (Gen.Pl.)
phalasaṃcaye
in der Anhäufung der Früchte (Lok.Sg.)
vipākajñāś ca ye devi
und der Reifung Kundige, welche, Göttin (Nom.Pl.; Vok.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

nyāyopetā guṇopetā devadvijaparāḥ sadā; samatāṃ samanuprāptās te narāḥ svargagāminaḥ

Die Rechtmäßigen, mit guten Eigenschaften Ausgestatteten, stets den Göttern und Brahmanen Ergebenen, die zur Gleichmut gelangt sind, diese Menschen gehen in den Himmel.

Wort für Wort
nyāyopetā guṇopetā
dem Recht gemäß, mit Tugenden versehen (Nom.Pl.)
devadvijaparāḥ sadā
Göttern und Zweimalgeborenen ergeben, stets (Nom.Pl.)
samatāṃ samanuprāptāḥ
Gleichmut erlangt habend (Akk.Sg.; Part.Pass. Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)

śubhaiḥ karmaphalair devi mayaite parikīrtitāḥ; svargamārgopagā bhūyaḥ kim anyac chrotum icchasi

Diese wurden von mir, Göttin, nach den Früchten ihrer guten Taten beschrieben als solche, die den Weg zum Himmel gehen. Was willst du noch weiter hören?

Wort für Wort
śubhaiḥ karmaphalair devi
durch die guten Früchte der Taten, Göttin (Instr.Pl.; Vok.)
mayaite parikīrtitāḥ
von mir diese beschrieben (Instr.; Part.Pass. Nom.Pl.)
svargamārgopagā bhūyaḥ
auf den Himmelsweg Gelangende, weiter (Nom.Pl.; Adv.)
kim anyac chrotum icchasi
was anderes zu hören wünschst du (Inf.; 2.Sg.Präs.)

umovāca; mahān me saṃśayaḥ kaś cin martyān prati maheśvara; tasmāt taṃ naipuṇenādya mamākhyātuṃ tvam arhasi

Umā sprach: „Ein großer Zweifel [besteht] mir, Maheśvara, in Bezug auf die Sterblichen. Darum sollst du ihn mir heute genau [wörtl.: mit Sachkenntnis] darlegen.“

Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (Perf.)
mahān me saṃśayaḥ kaś cin
ein großer Zweifel mir irgendein (Nom.Sg.; Gen./Dat.)
martyān prati maheśvara
bezüglich der Sterblichen, Maheśvara (Akk.Pl.; Vok.)
tasmāt taṃ naipuṇenādya
darum diesen mit Geschick heute (Instr.; Adv.)
mamākhyātuṃ tvam arhasi
mir darzulegen, du sollst (Inf.; 2.Sg.Präs.)

kenāyur labhate dīrghaṃ karmaṇā puruṣaḥ prabho; tapasā vāpi deveśa kenāyur labhate mahat

Durch welche Tat erlangt der Mensch ein langes Leben, Herr? Oder durch welche Askese, Herr der Götter, erlangt er ein großes Leben [wörtl.: eine große Lebensdauer]?

Wort für Wort
kenāyur labhate dīrghaṃ
durch was Lebensdauer erlangt er lang (Instr.; 3.Sg.Präs.)
karmaṇā puruṣaḥ prabho
durch Tat, der Mensch, Herr (Instr.; Nom.; Vok.)
tapasā vāpi deveśa
oder durch Askese, Herr der Götter (Instr.; Vok.)
kenāyur labhate mahat
durch was Lebensdauer erlangt er große (Instr.; Akk.Sg.n.)

kṣīṇāyuḥ kena bhavati karmaṇā bhuvi mānavaḥ; vipākaṃ karmaṇāṃ deva vaktum arhasy anindita

Durch welche Tat wird der Mensch auf Erden kurzlebig? Die Reifung der Taten, Gott, sollst du darlegen, Untadeliger.

Wort für Wort
kṣīṇāyuḥ kena bhavati
mit erschöpftem Leben, durch was wird (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
karmaṇā bhuvi mānavaḥ
durch Tat, auf Erden, der Mensch (Instr.; Lok.; Nom.)
vipākaṃ karmaṇāṃ deva
die Reifung der Taten, Gott (Akk.; Gen.Pl.; Vok.)
vaktum arhasy anindita
zu sagen sollst du, Untadeliger (Inf.; 2.Sg.; Vok.)

apare ca mahābhogā mandabhogās tathāpare; akulīnās tathā cānye kulīnāś ca tathāpare

Die einen haben großen Genuss, andere geringen Genuss; andere sind von niedriger Herkunft, wieder andere von edler Herkunft.

Wort für Wort
apare ca mahābhogāḥ
und die einen von großem Genuss (Nom.Pl.)
mandabhogās tathāpare
von geringem Genuss, ebenso andere (Nom.Pl.)
akulīnās tathā cānye
von unedler Herkunft, und ebenso andere (Nom.Pl.)
kulīnāś ca tathāpare
und von edler Herkunft, ebenso andere (Nom.Pl.)

durdarśāḥ ke cid ābhānti narāḥ kāṣṭhamayā iva; priyadarśās tathā cānye darśanād eva mānavāḥ

Manche Menschen sehen unschön aus, als wären sie aus Holz; andere Menschen sind schon beim bloßen Anblick angenehm anzusehen.

Wort für Wort
durdarśāḥ ke cid ābhānti
schwer anzusehen, manche erscheinen (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
narāḥ kāṣṭhamayā iva
Menschen, aus Holz gemacht gleichsam (Nom.Pl.)
priyadarśās tathā cānye
lieblich anzusehen, und ebenso andere (Nom.Pl.)
darśanād eva mānavāḥ
schon durch den Anblick, Menschen (Abl.; Nom.Pl.)

duṣprajñāḥ ke cid ābhānti ke cid ābhānti paṇḍitāḥ; mahāprajñās tathaivānye jñānavijñānadarśinaḥ

Manche erscheinen als Unverständige, manche als Gelehrte; andere wiederum als sehr Weise, die Wissen und Erkenntnis schauen.

Wort für Wort
duṣprajñāḥ ke cid ābhānti
schlecht Verständige, manche erscheinen (Nom.Pl.)
ke cid ābhānti paṇḍitāḥ
manche erscheinen als Gelehrte (Nom.Pl.)
mahāprajñās tathaivānye
sehr Weise, ebenso andere (Nom.Pl.)
jñānavijñānadarśinaḥ
Wissen und Erkenntnis schauend (Nom.Pl.)

alpābādhās tathā ke cin mahābādhās tathāpare; dṛśyante puruṣā deva tan me śaṃsitum arhasi

Manche haben geringe Leiden, andere große Leiden; so werden die Menschen gesehen, Gott. Das sollst du mir erklären.

Wort für Wort
alpābādhās tathā ke cin
mit geringer Not, ebenso manche (Nom.Pl.)
mahābādhās tathāpare
mit großer Not, ebenso andere (Nom.Pl.)
dṛśyante puruṣā deva
werden gesehen die Menschen, Gott (3.Pl.Pass.; Nom.Pl.; Vok.)
tan me śaṃsitum arhasi
das mir zu erklären sollst du (Inf.; 2.Sg.)

maheśvara uvāca; hanta te 'haṃ pravakṣyāmi devi karmaphalodayam; martyaloke narāḥ sarve yena svaṃ bhuñjate phalam

Maheśvara sprach: „Wohlan, ich werde dir, Göttin, das Hervorgehen der Tatfrüchte darlegen, wodurch alle Menschen in der Welt der Sterblichen ihre [eigene] Frucht genießen.“

Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
hanta te 'haṃ pravakṣyāmi
wohlan, dir werde ich darlegen (Interj.; Fut.)
devi karmaphalodayam
Göttin, das Aufgehen der Tatfrucht (Vok.; Akk.Sg.)
martyaloke narāḥ sarve
in der Welt der Sterblichen, alle Menschen (Lok.; Nom.Pl.)
yena svaṃ bhuñjate phalam
wodurch sie die eigene Frucht genießen (Instr.; 3.Pl.Med.)

prāṇātipātī yo raudro daṇḍahastodyatas tathā; nityam udyatadaṇḍaś ca hanti bhūtagaṇān naraḥ

Der Mensch, der ein Wesen tötet, grausam ist, den Stock in der Hand erhoben hält und stets den Stock erhoben hat, erschlägt Scharen von Wesen.

Wort für Wort
prāṇātipātī yo raudro
Lebewesen tötend, der, grausam (Nom.Sg.)
daṇḍahastodyatas tathā
mit dem Stock in der Hand erhoben, ebenso (Nom.Sg.)
nityam udyatadaṇḍaś ca
und stets mit erhobenem Stock (Adv.; Nom.Sg.)
hanti bhūtagaṇān naraḥ
erschlägt Scharen von Wesen, der Mensch (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.; Nom.)

nirdayaḥ sarvabhūtānāṃ nityam udvegakārakaḥ; api kīṭapipīlānām aśaraṇyaḥ sunirghṛṇaḥ

Mitleidlos gegen alle Wesen, stets Schrecken verursachend, selbst gegenüber Käfern und Ameisen ohne Schonung, äußerst gnadenlos.

Wort für Wort
nirdayaḥ sarvabhūtānāṃ
mitleidlos gegenüber allen Wesen (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
nityam udvegakārakaḥ
stets Schrecken bereitend (Adv.; Nom.Sg.)
api kīṭapipīlānām
selbst gegenüber Käfern und Ameisen (Gen.Pl.)
aśaraṇyaḥ sunirghṛṇaḥ
keinen Schutz bietend, sehr erbarmungslos (Nom.Sg.)

aśaraṇyaḥ: „ohne Zuflucht bietend“, d. h. keinen Schutz gewährend.

evaṃbhūto naro devi nirayaṃ pratipadyate; viparītas tu dharmātmā rūpavān abhijāyate

Ein so beschaffener Mensch, Göttin, gelangt in die Hölle; der Gegenteilige aber, der von rechter Gesinnung ist, wird schön geboren.

Wort für Wort
evaṃbhūto naro devi
so beschaffen, der Mensch, Göttin (Nom.Sg.; Vok.)
nirayaṃ pratipadyate
gelangt in die Hölle (Akk.; 3.Sg.Präs.)
viparītas tu dharmātmā
der Gegenteilige aber, mit dem Recht als Wesen (Nom.Sg.)
rūpavān abhijāyate
schön wird er geboren (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)

nirayaṃ yāti hiṃsātmā yāti svargam ahiṃsakaḥ; yātanāṃ niraye raudrāṃ sa kṛcchrāṃ labhate naraḥ

Wer im Wesen gewalttätig ist, geht in die Hölle; wer nicht Gewalt übt, geht in den Himmel. Der Mensch erhält in der Hölle grausame, harte Qual.

Wort für Wort
nirayaṃ yāti hiṃsātmā
in die Hölle geht der Gewalttätige (Akk.; 3.Sg.; Nom.)
yāti svargam ahiṃsakaḥ
geht in den Himmel, der Gewaltlose (Akk.; Nom.)
yātanāṃ niraye raudrāṃ
Qual in der Hölle, grausame (Akk.; Lok.; Akk.Sg.f.)
sa kṛcchrāṃ labhate naraḥ
er, harte, erlangt der Mensch (Akk.Sg.f.; 3.Sg.)

atha cen nirayāt tasmāt samuttarati karhi cit; mānuṣyaṃ labhate cāpi hīnāyus tatra jāyate

Wenn er aber irgendwann aus jener Hölle wieder heraufkommt und die Menschenwelt [wörtl.: das Menschsein] erlangt, wird er dort kurzlebig geboren.

Wort für Wort
atha cen nirayāt tasmāt
wenn nun aus der Hölle, aus jener (Abl.)
samuttarati karhi cit
heraufkommt irgendwann (3.Sg.Präs.; Adv.)
mānuṣyaṃ labhate cāpi
Menschsein erlangt er auch (Akk.; 3.Sg.)
hīnāyus tatra jāyate
kurzlebig dort wird er geboren (Nom.Sg.; 3.Sg.Med.)

pāpena karmaṇā devi baddho hiṃsāratir naraḥ; apriyaḥ sarvabhūtānāṃ hīnāyur upajāyate

Durch böse Tat gebunden, Göttin, wird der Mensch, der an Gewalt Freude hat und allen Wesen unlieb ist, kurzlebig geboren.

Wort für Wort
pāpena karmaṇā devi
durch böse Tat, Göttin (Instr.; Vok.)
baddho hiṃsāratir naraḥ
gebunden, an Gewalt sich erfreuend, der Mensch (Part.Pass.; Nom.Sg.)
apriyaḥ sarvabhūtānāṃ
unlieb allen Wesen (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
hīnāyur upajāyate
kurzlebig wird er geboren (Nom.Sg.; 3.Sg.Med.)

yas tu śuklābhijātīyaḥ prāṇighātavivarjakaḥ; nikṣiptadaṇḍo nirdaṇḍo na hinasti kadā cana

Wer aber von heller Geburt [Anlage] ist und sich des Tötens von Lebewesen enthält, den Stock niedergelegt hat, gewaltlos ist und niemals verletzt,

Wort für Wort
yas tu śuklābhijātīyaḥ
wer aber von heller Geburt (Nom.Sg.)
prāṇighātavivarjakaḥ
das Töten von Lebewesen meidend (Nom.Sg.)
nikṣiptadaṇḍo nirdaṇḍo
den Stock niedergelegt habend, ohne Stock (Nom.Sg.)
na hinasti kadā cana
nicht verletzt er je (3.Sg.Präs.; Adv.)

śuklābhijātīyaḥ: „von weißer/lauterer Herkunft“; der Satz läuft in Vers 55 und 56 weiter.

na ghātayati no hanti ghnantaṃ naivānumodate; sarvabhūteṣu sasneho yathātmani tathāpare

nicht töten lässt, nicht tötet und dem Tötenden nicht zustimmt, gegen alle Wesen liebevoll ist, wie gegen sich selbst so gegen andere,

Wort für Wort
na ghātayati no hanti
lässt nicht töten, tötet nicht (3.Sg.Kaus.; 3.Sg.)
ghnantaṃ naivānumodate
dem Tötenden stimmt keineswegs zu (Part.Präs. Akk.; 3.Sg.)
sarvabhūteṣu sasneho
gegen alle Wesen liebevoll (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
yathātmani tathāpare
wie gegen sich selbst, so gegen andere (Lok.; Lok.Pl.)

īdṛśaḥ puruṣotkarṣo devi devatvam aśnute; upapannān sukhān bhogān upāśnāti mudā yutaḥ

ein solcher Mensch, herausragend unter den Männern, Göttin, erlangt Gottheit; er genießt die ihm zufallenden Freuden und Genüsse, von Freude erfüllt.

Wort für Wort
īdṛśaḥ puruṣotkarṣo devi
ein solcher, Vorzug der Männer, Göttin (Nom.Sg.; Vok.)
devatvam aśnute
erlangt Gottheit (Akk.; 3.Sg.Med.)
upapannān sukhān bhogān
zufallende, angenehme Genüsse (Akk.Pl.)
upāśnāti mudā yutaḥ
genießt, mit Freude verbunden (3.Sg.; Instr.; Nom.Sg.)

puruṣotkarṣaḥ: „Auszeichnung/Vorzug unter Menschen“, hier als Prädikat des Menschen gefasst [?].

atha cen mānuṣe loke kadā cid upapadyate; tatra dīrghāyur utpannaḥ sa naraḥ sukham edhate

Wenn er dann irgendwann in der Menschenwelt geboren wird, so gedeiht dieser Mensch dort, langlebig entstanden, in Glück.

Wort für Wort
atha cen mānuṣe loke
wenn nun in der Menschenwelt (Lok.)
kadā cid upapadyate
irgendwann geboren wird (Adv.; 3.Sg.Med.)
tatra dīrghāyur utpannaḥ
dort langlebig entstanden (Nom.Sg.)
sa naraḥ sukham edhate
dieser Mensch gedeiht in Glück (Nom.; Adv.; 3.Sg.Med.)

evaṃ dīrghāyuṣāṃ mārgaḥ suvṛttānāṃ sukarmaṇām; prāṇihiṃsāvimokṣeṇa brahmaṇā samudīritaḥ

So wurde der Weg der Langlebigen, der gut Handelnden und mit guten Taten Ausgestatteten, durch das Freisein von Gewalt gegen Lebewesen von Brahmā verkündet.

Wort für Wort
evaṃ dīrghāyuṣāṃ mārgaḥ
so der Weg der Langlebigen (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
suvṛttānāṃ sukarmaṇām
der gut Wandelnden, gut Handelnden (Gen.Pl.)
prāṇihiṃsāvimokṣeṇa
durch das Ablassen von der Verletzung von Lebewesen (Instr.)
brahmaṇā samudīritaḥ
von Brahmā verkündet (Instr.; Part.Pass. Nom.Sg.)

brahmaṇā: Instr. von brahman (n.) „durch das Heilige Wort/Veda“ oder brahmā (m.) „von Brahmā“; hier Brahmā gewählt [?].

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