Kapitel 132: karmaphalavibhāgaḥ (umāmaheśvarasaṃvādaḥ)
Śivas Belehrung Umās über Taten, die zum Himmel führen, und ihre Früchte
Umā befragt Maheśvara, durch welche Taten, Worte und Gedanken der Mensch gebunden oder befreit wird und in den Himmel gelangt. Śiva zählt zunächst die Tugenden in Tat, Rede und Geist auf; danach folgt die Frage nach Lebensdauer, Gestalt und Geschick.
umovāca; bhagavan sarvabhūteśa surāsuranamaskṛta; dharmādharme nṛṇāṃ deva brūhi me saṃśayaṃ vibho
Umā sprach: „Erhabener, Herr aller Wesen, von Göttern und Asuras verehrt! Sage mir, o Gott, was Recht und Unrecht der Menschen angeht, meinen Zweifel, o Allmächtiger.“
Wort für Wort
umā uvāca
Umā sprach (3.Sg.Perf.)
bhagavan sarvabhūteśa
Erhabener, Herr aller Wesen (Vok.)
surāsuranamaskṛta
von Göttern und Asuras Verehrter (Vok.)
dharmādharme nṛṇām deva
Recht und Unrecht der Menschen, o Gott (Lok./Gen.Pl./Vok.)
brūhi me saṃśayaṃ vibho
sage mir den Zweifel, Allmächtiger (Imp./Akk./Vok.)
Maheśvara sprach: „Göttin, Kennerin der Wahrheit von Recht und Nutzen, der Wahrheit Ergebene, in Selbstbeherrschung Erfreute! Die Frage, die allen Lebewesen nützt und den Verstand mehrt, sei gehört.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
devi dharmārthatattvajñe
Göttin, Kennerin der Wahrheit von Dharma und Artha (Vok.)
satyanitye dame rate
der Wahrheit stets Zugetane, in Selbstzucht Erfreute (Vok.)
sarvaprāṇihitaḥ praśnaḥ
allen Lebewesen heilsame Frage (Nom.)
śrūyatāṃ buddhivardhanaḥ
möge gehört werden, verstandesmehrend (Pass.Imp.3.Sg./Nom.)
satyadharmaratāḥ santaḥ sarvalipsāvivarjitāḥ; nādharmeṇa na dharmeṇa badhyante chinnasaṃśayāḥ
Die Guten, die an Wahrheit und Recht Freude haben, frei von jeglicher Gier, werden weder durch Unrecht noch durch Recht gebunden; ihre Zweifel sind zerschnitten.
Wort für Wort
satyadharmaratāḥ santaḥ
an Wahrheit und Recht erfreute Gute (Nom.Pl.)
sarvalipsāvivarjitāḥ
aller Begehrlichkeit ledig (Nom.Pl.)
nādharmeṇa na dharmeṇa
weder durch Unrecht noch durch Recht (Instr.)
badhyante
werden gebunden (Pass.3.Pl.)
chinnasaṃśayāḥ
deren Zweifel zerschnitten sind (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)
Wer sich vom Töten von Lebewesen fernhält, sittlich ist, von Mitleid erfüllt, gegenüber Verhasstem und Liebem gleich, gezähmt, wird von den Fesseln der Taten befreit.
Wort für Wort
prāṇātipātād viratāḥ
vom Töten von Lebewesen abgelassen (Abl./Nom.Pl.)
śīlavanto dayānvitāḥ
sittlich, von Mitgefühl erfüllt (Nom.Pl.)
tulyadveṣyapriyā dāntāḥ
Verhasstes und Liebes gleichachtend, gezähmt (Nom.Pl.)
mucyante karmabandhanaiḥ
werden befreit von den Fesseln der Taten (Pass.3.Pl./Instr.Pl.)
sarvabhūtadayāvanto viśvāsyāḥ sarvajantuṣu; tyaktahiṃsāsamācārās te narāḥ svargagāminaḥ
Die mit Mitleid für alle Wesen, denen alle Geschöpfe vertrauen können, die das Verhalten der Gewalt aufgegeben haben, jene Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
sarvabhūtadayāvantaḥ
mit Mitgefühl für alle Wesen (Nom.Pl.)
viśvāsyāḥ sarvajantuṣu
vertrauenswürdig unter allen Geschöpfen (Nom.Pl./Lok.Pl.)
tyaktahiṃsāsamācārāḥ
deren Gewaltverhalten aufgegeben ist (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)
parasve nirmamā nityaṃ paradāravivarjakāḥ; dharmalabdhārthabhoktāras te narāḥ svargagāminaḥ
Die stets ohne Besitzdenken am Fremdbesitz sind, die fremde Frauen meiden, die nur von rechtmäßig erworbenem Gut genießen, jene Menschen gehen in den Himmel.
svadāraniratā ye ca ṛtukālābhigāminaḥ; agrāmyasukhabhogāś ca te narāḥ svargagāminaḥ
Die ihren eigenen Frauen zugetan sind, ihnen zur Zeit der Fruchtbarkeit beiwohnen und ein Liebesvergnügen ohne Derbheit genießen, jene Menschen gehen in den Himmel.
paradāreṣu ye nityaṃ cāritrāvṛtalocanāḥ; yatendriyāḥ śīlaparās te narāḥ svargagāminaḥ
Die gegenüber fremden Frauen stets mit durch Sittsamkeit verhüllten Augen [leben], die Sinne bezähmt, dem rechten Wandel ergeben, jene Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
paradāreṣu ye nityam
gegenüber fremden Frauen die stets (Lok.Pl.)
cāritrāvṛtalocanāḥ
deren Augen durch Anstand verhüllt sind (Bahuvrīhi/Nom.Pl.)
yatendriyāḥ śīlaparāḥ
mit gezügelten Sinnen, dem guten Wandel hingegeben (Nom.Pl.)
Dies ist der von den Göttern geschaffene Weg, dem die Menschen stets folgen sollen; und der ohne Trübung geschaffene Weg soll stets von den Weisen befolgt werden.
Wort für Wort
eṣa devakṛto mārgaḥ
dies ist der von Göttern gemachte Weg (Nom.)
sevitavyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
dānadharmatapoyuktaḥ śīlaśaucadayātmakaḥ; vṛttyarthaṃ dharmahetor vā sevitavyaḥ sadā naraiḥ; svargavāsam abhīpsadbhir na sevyas tv ata uttaraḥ
Ein [Weg], der mit Gabe, Recht und Askese verbunden ist, dessen Wesen Sittlichkeit, Reinheit und Mitgefühl ist, soll stets von den Menschen befolgt werden, sei es um des Lebensunterhalts willen oder um des Rechts willen. Wer den Aufenthalt im Himmel wünscht, soll keinen anderen befolgen, der darauf folgt [?].
Wort für Wort
dānadharmatapoyuktaḥ
mit Gabe, Recht, Askese verbunden (Nom.)
śīlaśaucadayātmakaḥ
aus Sittlichkeit, Reinheit, Mitgefühl bestehend (Nom.)
vṛttyarthaṃ dharmahetor vā
um des Lebensunterhalts oder um des Rechts willen (Adv./Abl.)
sevitavyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
svargavāsam abhīpsadbhiḥ
von Himmelsaufenthalt Wünschenden (Instr.Pl.)
na sevyaḥ tv ata uttaraḥ
nicht zu befolgen [ist] ein darüber hinausgehender/späterer (Gerundiv/Nom.)
Der letzte Pāda „na sevyas tv ata uttaraḥ“ ist syntaktisch schwierig; Deutung unsicher.
maheśvara uvāca; ātmahetoḥ parārthe vā narmahāsyāśrayāt tathā; ye mṛṣā na vadantīha te narāḥ svargagāminaḥ
Maheśvara sprach: „Die, die um ihrer selbst oder um eines anderen willen oder aus Spaß und Scherz hier nicht lügen, jene Menschen gehen in den Himmel.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
ātmahetoḥ parārthe vā
um seiner selbst willen oder für andere (Abl./Lok.)
Dies, Göttin, ist das durch die Rede bewirkte Recht, das stets von den Menschen zu befolgen ist; die glückverheißende Wahrhaftigkeit ist stets [zu üben], Lüge ist von den Weisen zu meiden.
Wort für Wort
eṣa vāṇīkṛtaḥ devi dharmaḥ
dies ist das durch die Rede gemachte Recht, o Göttin (Nom./Vok.)
sevyaḥ sadā naraiḥ
zu befolgen stets von Menschen (Gerundiv/Instr.Pl.)
śubhaḥ satyaguṇaḥ nityam
die glückbringende Eigenschaft der Wahrheit, stets (Nom.)
varjanīyā mṛṣā budhaiḥ
zu meiden ist die Lüge von Weisen (Gerundiv/Nom.Sg.f./Instr.Pl.)
araṇye vijane nyastaṃ parasvaṃ vīkṣya ye narāḥ; manasāpi na hiṃsanti te narāḥ svargagāminaḥ
Menschen, die in der Wildnis, an einsamem Ort, fremdes Gut niedergelegt sehen und es nicht einmal im Geiste antasten [wörtl.: schädigen], diese Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
araṇye vijane nyastaṃ parasvaṃ
in der Wildnis, an einsamem Ort, niedergelegtes fremdes Gut (Lok.; Part.Pass. Akk.; Akk.)
vīkṣya ye narāḥ
erblickend, die Menschen, welche (Abs.; Nom.Pl.)
manasāpi na hiṃsanti
auch nur mit dem Geist nicht schädigen (Instr.; 3.Pl.Präs.)
tathaiva paradārān ye kāmavṛttān rahogatān; manasāpi na hiṃsanti te narāḥ svargagāminaḥ
Ebenso Menschen, die fremde Frauen, die aus Lust handeln und sich allein mit ihnen befinden, nicht einmal im Geiste bedrängen, diese Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
tathaiva paradārān ye
ebenso fremde Frauen, welche (Akk.Pl.; Nom.Pl.)
kāmavṛttān rahogatān
lustgeleitet, in die Einsamkeit gegangen (Akk.Pl.)
manasāpi na hiṃsanti
nicht einmal im Geiste bedrängen (Instr.; 3.Pl.Präs.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)
kāmavṛttān rahogatān bezieht sich auf paradārān (Frauen, die lüstern gesinnt/handelnd sind und sich in der Einsamkeit befinden); alternativ auf die Männer als Handelnde – hier bei der wörtlichen Lesart geblieben.
śatruṃ mitraṃ ca ye nityaṃ tulyena manasā narāḥ; bhajanti maitrāḥ saṃgamya te narāḥ svargagāminaḥ
Menschen, die Feind und Freund stets mit gleichem Sinn behandeln [wörtl.: pflegen] und, freundschaftlich gesinnt, mit ihnen zusammenkommen, diese Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
śatruṃ mitraṃ ca ye nityaṃ
Feind und Freund, welche stets (Akk.Sg.; Akk.Sg.)
tulyena manasā narāḥ
mit gleichem Sinn, Menschen (Instr.; Nom.Pl.)
bhajanti maitrāḥ saṃgamya
begegnen/halten sich an, freundlich gesinnt, zusammenkommend (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Abs.)
avairā ye tv anāyāsā maitracittaparāḥ sadā; sarvabhūtadayāvantas te narāḥ svargagāminaḥ
Die ohne Feindschaft und ohne Anstrengung [des Zorns/der Mühsal] sind und stets ganz auf freundschaftliche Gesinnung ausgerichtet, die gegen alle Wesen mitfühlend sind, diese Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
avairā ye tv anāyāsā
ohne Feindschaft, welche aber ohne Mühsal/Erregung (Nom.Pl.)
maitracittaparāḥ sadā
auf freundschaftlichen Sinn gerichtet, stets (Bahuvrīhi Nom.Pl.)
sarvabhūtadayāvantaḥ
gegen alle Wesen mitfühlend (Nom.Pl.)
te narāḥ svargagāminaḥ
diese Menschen gehen in den Himmel (Nom.Pl.)
anāyāsāḥ: ohne Mühe/Erregung, hier wohl „ohne Aufgeregtheit“ [?].
nyāyopetā guṇopetā devadvijaparāḥ sadā; samatāṃ samanuprāptās te narāḥ svargagāminaḥ
Die Rechtmäßigen, mit guten Eigenschaften Ausgestatteten, stets den Göttern und Brahmanen Ergebenen, die zur Gleichmut gelangt sind, diese Menschen gehen in den Himmel.
Wort für Wort
nyāyopetā guṇopetā
dem Recht gemäß, mit Tugenden versehen (Nom.Pl.)
devadvijaparāḥ sadā
Göttern und Zweimalgeborenen ergeben, stets (Nom.Pl.)
Diese wurden von mir, Göttin, nach den Früchten ihrer guten Taten beschrieben als solche, die den Weg zum Himmel gehen. Was willst du noch weiter hören?
Wort für Wort
śubhaiḥ karmaphalair devi
durch die guten Früchte der Taten, Göttin (Instr.Pl.; Vok.)
mayaite parikīrtitāḥ
von mir diese beschrieben (Instr.; Part.Pass. Nom.Pl.)
svargamārgopagā bhūyaḥ
auf den Himmelsweg Gelangende, weiter (Nom.Pl.; Adv.)
kim anyac chrotum icchasi
was anderes zu hören wünschst du (Inf.; 2.Sg.Präs.)
umovāca; mahān me saṃśayaḥ kaś cin martyān prati maheśvara; tasmāt taṃ naipuṇenādya mamākhyātuṃ tvam arhasi
Umā sprach: „Ein großer Zweifel [besteht] mir, Maheśvara, in Bezug auf die Sterblichen. Darum sollst du ihn mir heute genau [wörtl.: mit Sachkenntnis] darlegen.“
Wort für Wort
umovāca
Umā sprach (Perf.)
mahān me saṃśayaḥ kaś cin
ein großer Zweifel mir irgendein (Nom.Sg.; Gen./Dat.)
martyān prati maheśvara
bezüglich der Sterblichen, Maheśvara (Akk.Pl.; Vok.)
Durch welche Tat erlangt der Mensch ein langes Leben, Herr? Oder durch welche Askese, Herr der Götter, erlangt er ein großes Leben [wörtl.: eine große Lebensdauer]?
Wort für Wort
kenāyur labhate dīrghaṃ
durch was Lebensdauer erlangt er lang (Instr.; 3.Sg.Präs.)
karmaṇā puruṣaḥ prabho
durch Tat, der Mensch, Herr (Instr.; Nom.; Vok.)
tapasā vāpi deveśa
oder durch Askese, Herr der Götter (Instr.; Vok.)
kenāyur labhate mahat
durch was Lebensdauer erlangt er große (Instr.; Akk.Sg.n.)
Maheśvara sprach: „Wohlan, ich werde dir, Göttin, das Hervorgehen der Tatfrüchte darlegen, wodurch alle Menschen in der Welt der Sterblichen ihre [eigene] Frucht genießen.“
Wort für Wort
maheśvara uvāca
Maheśvara sprach (Perf.)
hanta te 'haṃ pravakṣyāmi
wohlan, dir werde ich darlegen (Interj.; Fut.)
devi karmaphalodayam
Göttin, das Aufgehen der Tatfrucht (Vok.; Akk.Sg.)
martyaloke narāḥ sarve
in der Welt der Sterblichen, alle Menschen (Lok.; Nom.Pl.)
yena svaṃ bhuñjate phalam
wodurch sie die eigene Frucht genießen (Instr.; 3.Pl.Med.)
So wurde der Weg der Langlebigen, der gut Handelnden und mit guten Taten Ausgestatteten, durch das Freisein von Gewalt gegen Lebewesen von Brahmā verkündet.
Wort für Wort
evaṃ dīrghāyuṣāṃ mārgaḥ
so der Weg der Langlebigen (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
suvṛttānāṃ sukarmaṇām
der gut Wandelnden, gut Handelnden (Gen.Pl.)
prāṇihiṃsāvimokṣeṇa
durch das Ablassen von der Verletzung von Lebewesen (Instr.)
brahmaṇā samudīritaḥ
von Brahmā verkündet (Instr.; Part.Pass. Nom.Sg.)
brahmaṇā: Instr. von brahman (n.) „durch das Heilige Wort/Veda“ oder brahmā (m.) „von Brahmā“; hier Brahmā gewählt [?].