Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 12: bhaṅgāśvanopākhyāna Die Erzählung von Bhaṅgāśvana, den Indra zur Frau werden ließ, und wessen Lust größer ist

Yudhiṣṭhira fragt, wer beim Liebesakt stärker empfindet; Bhīṣma antwortet mit der Geschichte des Königs Bhaṅgāśvana, der durch Indras Zorn in eine Frau verwandelt wird und am Ende Weiblichkeit wählt, weil die Frau größere Lust erfährt.

yudhiṣṭhira uvāca; strīpuṃsayoḥ saṃprayoge sparśaḥ kasyādhiko bhavet; etan me saṃśayaṃ rājan yathāvad vaktum arhasi

Yudhiṣṭhira sprach: „Beim Beisammensein von Frau und Mann – wessen Empfinden [der Berührung/Lust] ist das stärkere? Diesen meinen Zweifel, o König, vermagst du der Wahrheit gemäß zu beheben.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
strīpuṃsayoḥ saṃprayoge
von Frau und Mann beim Zusammenkommen (Gen.Du./Lok.Sg.)
sparśaḥ kasya adhiko bhavet
die Empfindung, wessen wäre die größere (Nom.Sg./Gen./Opt.)
etan me saṃśayaṃ rājan
diesen meinen Zweifel, o König (Akk.Sg./Gen.-Dat./Vok.)
yathāvad vaktum arhasi
der Wahrheit gemäß zu sagen vermagst du (Inf./2.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; bhaṅgāśvanena śakrasya yathā vairam abhūt purā

Bhīṣma sprach: „Hierzu führt man auch diese uralte Erzählung an, wie einst die Feindschaft zwischen Bhaṅgāśvana und Śakra entstand.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
atra api udāharanti imam
hierzu auch führt man an diese (3.Pl.Präs./Akk.Sg.)
itihāsaṃ purātanam
Erzählung, uralte (Akk.Sg.)
bhaṅgāśvanena śakrasya
zwischen Bhaṅgāśvana und Śakra (Instr./Gen.)
yathā vairam abhūt purā
wie Feindschaft entstand einst (Nom./Aor./Adv.)

purā bhaṅgāśvano nāma rājarṣir atidhārmikaḥ; aputraḥ sa naravyāghra putrārthaṃ yajñam āharat

Einst war ein Königsseher namens Bhaṅgāśvana, überaus dharmatreu; er war ohne Sohn, Tiger unter den Männern, [und] veranstaltete ein Opfer um eines Sohnes willen.

Wort für Wort
purā bhaṅgāśvano nāma
einst Bhaṅgāśvana namens (Adv./Nom.Sg.)
rājarṣir atidhārmikaḥ
Königsseher, überaus dharmatreu (Nom.Sg.)
aputraḥ sa naravyāghra
ohne Sohn, er, o Tiger unter den Männern (Nom./Vok.)
putrārthaṃ yajñam āharat
um eines Sohnes willen ein Opfer brachte dar (Adv./Akk./Impf.3.Sg.)

agniṣṭuṃ nāma rājarṣir indradviṣṭaṃ mahābalaḥ; prāyaścitteṣu martyānāṃ putrakāmasya ceṣyate

[Es war] der Agniṣṭut genannte [Ritus], Indra verhasst, gewaltig; er wird unter den Sühneriten der Sterblichen für den, der einen Sohn wünscht, vorgeschrieben.

Wort für Wort
agniṣṭuṃ nāma
Agniṣṭut namens (Akk.Sg./Adv.)
rājarṣir [?]
Königsseher (Nom.Sg.; im Kontext verderbt)
indradviṣṭaṃ mahābalaḥ
Indra verhasst, gewaltig (Akk.Sg.n. Kompositum/Nom.Sg.)
prāyaścitteṣu martyānām
unter den Sühneriten der Sterblichen (Lok.Pl./Gen.Pl.)
putrakāmasya ca iṣyate
und für den Sohneswünschenden wird vorgeschrieben (Gen.Sg./Pass.3.Sg.Präs.)

Der Text ist grammatisch hart: agniṣṭuṃ (Akk.) und rājarṣir (Nom.) passen nicht zusammen; Sinn: der Agniṣṭut-Ritus, den Indra hasst und der bei Sohneswunsch als Sühne gilt.

indro jñātvā tu taṃ yajñaṃ mahābhāgaḥ sureśvaraḥ; antaraṃ tasya rājarṣer anvicchan niyatātmanaḥ

Indra aber, der Herr der Götter, der Hochberühmte, erfuhr von jenem Opfer und suchte eine Schwäche an jenem Königsseher, dem Selbstbeherrschten.

Wort für Wort
indro jñātvā tu
Indra aber, erkannt habend (Nom./Abs.)
taṃ yajñam
jenes Opfer (Akk.Sg.)
mahābhāgaḥ sureśvaraḥ
der Hochberühmte, Herr der Götter (Nom.Sg.)
antaraṃ tasya rājarṣeḥ
eine Blöße jenes Königsehers (Akk.Sg./Gen.Sg.)
anvicchan niyatātmanaḥ
suchend, des Selbstbeherrschten (Part.Präs./Gen.Sg.)

na caivāsyāntaraṃ rājan sa dadarśa mahātmanaḥ

Doch fand er, o König, an jenem Hochgesinnten keine Schwäche.

Wort für Wort
na ca eva asya antaram
und nicht fürwahr an ihm eine Blöße (Adv./Gen./Akk.)
rājan
o König (Vok.Sg.)
sa dadarśa
er sah (Perf.3.Sg.)
mahātmanaḥ
des Hochgesinnten (Gen.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*).

kasya cit tv atha kālasya mṛgayām aṭato nṛpa; idam antaram ity eva śakro nṛpam amohayat

Nach einiger Zeit aber, als der König auf der Jagd umherstreifte, [dachte] Śakra: „Dies ist die Gelegenheit“, und verwirrte den König.

Wort für Wort
kasya cit tu atha kālasya
nach einiger Zeit aber dann (Gen./Adv.)
mṛgayām aṭataḥ nṛpa
als er auf der Jagd umherzog, o König (Akk./Gen.Abs. Part.Präs./Vok.)
idam antaram iti eva
„dies ist die Gelegenheit“ so (Nom./Zitat)
śakro nṛpam amohayat
Śakra den König verwirrte (Nom./Akk./Impf.Kaus.)

ekāśvena ca rājarṣir bhrānta indreṇa mohitaḥ; na diśo 'vindata nṛpaḥ kṣutpipāsārditas tadā

Der Königsseher, mit nur einem Pferd, irrte umher, von Indra verwirrt; der König fand die Himmelsrichtungen nicht, von Hunger und Durst gepeinigt.

Wort für Wort
ekāśvena ca rājarṣiḥ
und mit nur einem Pferd der Königsseher (Instr./Nom.)
bhrānta indreṇa mohitaḥ
umhergeirrt, von Indra verwirrt (Part.Pass./Instr./Part.Pass.)
na diśo 'vindata
nicht die Richtungen fand er (Akk.Pl./Impf.Med.)
nṛpaḥ kṣutpipāsārditaḥ tadā
der König, von Hunger und Durst gequält, damals (Nom./Part.Pass./Adv.)

itaś cetaś ca vai dhāvañ śramatṛṣṇārdito nṛpaḥ; saro 'paśyat suruciraṃ pūrṇaṃ paramavāriṇā; so 'vagāhya saras tāta pāyayām āsa vājinam

Hierhin und dorthin laufend, von Erschöpfung und Durst gequält, sah der König einen sehr schönen See, voll mit bestem Wasser; er ging hinein, o Lieber, und ließ das Pferd trinken.

Wort für Wort
itaś cetaś ca vai dhāvan
hierhin und dorthin eilend (Adv./Part.Präs.)
śramatṛṣṇārdito nṛpaḥ
von Mühe und Durst gepeinigt, der König (Nom.Sg.)
saro 'paśyat suruciraṃ
einen See sah er, sehr schönen (Akk.Sg./Impf.)
pūrṇaṃ paramavāriṇā
voll von bestem Wasser (Akk.Sg./Instr.Sg.)
so 'vagāhya saras tāta
er, hineingestiegen in den See, o Lieber (Abs./Akk./Vok.)
pāyayām āsa vājinam
ließ trinken das Ross (Perf.Kaus./Akk.Sg.)

atha pītodakaṃ so 'śvaṃ vṛkṣe baddhvā nṛpottamaḥ; avagāhya tataḥ snāto rājā strītvam avāpa ha

Nachdem das Pferd getrunken hatte, band der beste der Könige es an einen Baum; dann stieg er hinab und badete, und der König erlangte da Weiblichkeit.

Wort für Wort
atha pītodakaṃ so 'śvam
dann das Wasser getrunken habende Ross, er (Akk.Sg./Nom.)
vṛkṣe baddhvā nṛpottamaḥ
an einen Baum gebunden, der beste König (Lok./Abs./Nom.)
avagāhya tataḥ snātaḥ
hinabgestiegen, dann gebadet (Abs./Adv./Part.Pass.)
rājā strītvam avāpa ha
der König Weiblichkeit erlangte fürwahr (Nom./Akk./Perf.)

ātmānaṃ strīkṛtaṃ dṛṣṭvā vrīḍito nṛpasattamaḥ; cintānugatasarvātmā vyākulendriyacetanaḥ

Als er sich zur Frau gemacht sah, schämte sich der beste der Könige; ganz von Sorge ergriffen, mit verstörten Sinnen und verwirrtem Geist.

Wort für Wort
ātmānaṃ strīkṛtaṃ dṛṣṭvā
sich zur Frau gemacht gesehen habend (Akk.Sg./Abs.)
vrīḍito nṛpasattamaḥ
beschämt, der beste der Könige (Part.Pass./Nom.Sg.)
cintānugatasarvātmā
ganz von Sorge ergriffen (Nom.Sg. Kompositum)
vyākulendriyacetanaḥ
mit verwirrten Sinnen und Bewusstsein (Nom.Sg. Kompositum)

ārohiṣye kathaṃ tv aśvaṃ kathaṃ yāsyāmi vai puram; agniṣṭuṃ nāma iṣṭaṃ me putrāṇāṃ śatam aurasam

„Wie werde ich das Pferd besteigen, wie in die Stadt gelangen? Agniṣṭut genannt ist mir [ein Opfer] dargebracht worden, [und] hundert leibliche Söhne,

Wort für Wort
ārohiṣye katham aśvam
werde besteigen, wie, das Pferd (Fut.1.Sg./Adv./Akk.)
katham yāsyāmi vai puram
wie werde ich gehen fürwahr zur Stadt (Fut.1.Sg./Akk.)
agniṣṭuṃ nāma iṣṭaṃ me
Agniṣṭut namens, dargebracht von mir (Akk./Part.Pass./Gen.-Instr.)
putrāṇāṃ śatam aurasam
hundert leibliche der Söhne (Gen.Pl./Nom.Sg./Adj.)

Vers 11cd ist syntaktisch verwirrt: iṣṭaṃ me könnte auf das Opfer Agniṣṭut gehen; Satz setzt sich in 12 fort.

jātaṃ mahābalānāṃ vai tān pravakṣyāmi kiṃ tv aham; dāreṣu cāsmadīyeṣu paurajānapadeṣu ca

überaus mächtige, sind [mir] geboren worden – was werde ich ihnen sagen, und meinen Frauen und den Stadt- und Landbewohnern?

Wort für Wort
jātaṃ mahābalānāṃ vai
geboren [sind] der Gewaltigen fürwahr (Part.Pass./Gen.Pl.)
tān pravakṣyāmi kiṃ tv aham
zu ihnen was werde ich sagen ich (Akk.Pl./Fut.1.Sg.)
dāreṣu ca asmadīyeṣu
und über unsere Frauen (Lok.Pl.)
paurajānapadeṣu ca
und über Stadt- und Landbewohner (Lok.Pl.)

jātaṃ mahābalānām: Konstruktion hart (Gen.Pl.); wohl „geboren als hundert gewaltige [Söhne]“.

mṛdutvaṃ ca tanutvaṃ ca viklavatvaṃ tathaiva ca

Zartheit, Schmalheit des Körpers und Verzagtheit ebenso –

Wort für Wort
mṛdutvaṃ ca
und Zartheit (Akk./Nom.Sg.n.)
tanutvaṃ ca
und Schlankheit (Nom.Sg.n.)
viklavatvaṃ tathā eva ca
Verzagtheit ebenso auch (Nom.Sg.n./Adv.)

hāvabhāvādilāvaṇyastrīguṇād vā kutūhalam

oder aus der Frauenart von Liebreiz, Gebärde und Anmut: Neugier.

Wort für Wort
hāvabhāvādilāvaṇya
Liebeswerben, Gebärde, Anmut usw. (Kompositum)
strīguṇād vā
aus der Frauenart oder (Abl.Sg.)
kutūhalam
Neugier (Nom.Sg.n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*), Wortlaut unsicher: hāvabhāva-ādi-lāvaṇya-strīguṇāt.

strīguṇā ṛṣibhiḥ proktā dharmatattvārthadarśibhiḥ; vyāyāmaḥ karkaśatvaṃ ca vīryaṃ ca puruṣe guṇāḥ

Frauenart nennen die Seher, die den Sinn des Dharma-Wesens sehen; Tatkraft, Härte und Mannhaftigkeit sind beim Mann die Eigenschaften.

Wort für Wort
strīguṇā ṛṣibhiḥ proktā
Frauen-Eigenschaften von den Sehern genannt (Nom.Pl./Instr.Pl./Part.Pass.)
dharmatattvārthadarśibhiḥ
von denen, die Sinn und Wesen des Dharma sehen (Instr.Pl.)
vyāyāmaḥ karkaśatvaṃ ca
Tatkraft und Härte (Nom.Sg.)
vīryaṃ ca puruṣe guṇāḥ
und Mannhaftigkeit beim Mann (sind) Eigenschaften (Nom./Lok./Nom.Pl.)

pauruṣaṃ vipranaṣṭaṃ me strītvaṃ kenāpi me 'bhavat; strībhāvāt katham aśvaṃ tu punar āroḍhum utsahe

„Meine Männlichkeit ist gänzlich verloren; durch irgendetwas wurde mir Weiblichkeit [zuteil]. Wie kann ich in weiblichem Zustand wieder das Pferd zu besteigen wagen?“

Wort für Wort
pauruṣaṃ vipranaṣṭaṃ me
Männlichkeit ganz verloren, mir (Nom./Part.Pass./Gen.-Dat.)
strītvaṃ kena api me 'bhavat
Weiblichkeit durch irgendetwas mir wurde (Nom./Instr./Impf.)
strībhāvāt katham aśvaṃ tu
aus weiblichem Zustand wie das Pferd aber (Abl./Adv./Akk.)
punar āroḍhum utsahe
wieder zu besteigen wage ich (Inf./1.Sg.Präs.Med.)

mahatā tv atha khedena āruhyāśvaṃ narādhipaḥ; punar āyāt puraṃ tāta strībhūto nṛpasattama

Mit großer Mühsal aber bestieg der Herrscher der Menschen das Pferd; er kam wieder zur Stadt, o Lieber, zur Frau geworden, bester der Könige.

Wort für Wort
mahatā tu atha khedena
mit großer aber dann Mühsal (Instr.)
āruhya aśvaṃ narādhipaḥ
nach dem Besteigen des Pferdes der Menschenherrscher (Abs./Akk./Nom.)
punar āyāt puraṃ tāta
wieder kam er zur Stadt, o Lieber (Adv./Aor./Akk./Vok.)
strībhūto nṛpasattama
zur Frau geworden, bester König (Nom./Vok.)

putrā dārāś ca bhṛtyāś ca paurajānapadāś ca te; kiṃ nv idaṃ tv iti vijñāya vismayaṃ paramaṃ gatāḥ

Seine Söhne, Frauen, Diener und die Stadt- und Landbewohner erkannten: „Was ist das nur?“ und gerieten in höchstes Staunen.

Wort für Wort
putrā dārāś ca bhṛtyāś ca
Söhne, Frauen und Diener (Nom.Pl.)
und Stadt- und Landbewohner deine
und Stadt- und Landbewohner deine/seine (Nom.Pl.)
kiṃ nu idaṃ tu iti vijñāya
„was denn ist das“ so erkannt habend (Abs.)
vismayaṃ paramaṃ gatāḥ
in höchstes Staunen gelangt (Akk./Part.Pass.Nom.Pl.)

athovāca sa rājarṣiḥ strībhūto vadatāṃ varaḥ; mṛgayām asmi niryāto balaiḥ parivṛto dṛḍham; udbhrāntaḥ prāviśaṃ ghorām aṭavīṃ daivamohitaḥ

Da sprach jener Königsseher, zur Frau geworden, der Beste unter den Redenden: „Ich zog mit dem Heer, dicht umgeben, zur Jagd aus; verirrt drang ich in einen schrecklichen Wald, von Schicksalsmacht verwirrt.“

Wort für Wort
atha uvāca sa rājarṣiḥ
da sprach jener Königsseher (Perf./Nom.)
strībhūto vadatāṃ varaḥ
zur Frau geworden, der beste der Sprechenden (Nom.Sg./Gen.Pl.)
mṛgayām asmi niryātaḥ
zur Jagd bin ich ausgezogen (Akk./Präs./Part.Pass.)
balaiḥ parivṛto dṛḍham
von Truppen dicht umgeben (Instr.Pl./Part.Pass./Adv.)
udbhrāntaḥ prāviśaṃ ghorām aṭavīm
verirrt trat ich in schrecklichen Wald (Part./Impf.1.Sg./Akk.)
daivamohitaḥ
vom Schicksal verwirrt (Nom.Sg.)

aṭavyāṃ ca sughorāyāṃ tṛṣṇārto naṣṭacetanaḥ; saraḥ suruciraprakhyam apaśyaṃ pakṣibhir vṛtam

„In dem sehr schrecklichen Wald, von Durst gequält, mit geschwundenem Bewusstsein, sah ich einen See von sehr schönem Aussehen, von Vögeln umgeben.“

Wort für Wort
aṭavyāṃ ca sughorāyām
und im sehr schrecklichen Wald (Lok.Sg.f.)
tṛṣṇārto naṣṭacetanaḥ
durstgequält, mit verlorenem Bewusstsein (Nom.Sg.)
saraḥ suruciraprakhyam
See von sehr schönem Aussehen (Akk.Sg.n.)
apaśyaṃ pakṣibhir vṛtam
sah ich, von Vögeln umgeben (Impf.1.Sg./Instr.Pl./Part.Pass.)

tatrāvagāḍhaḥ strībhūto vyaktaṃ daivān na saṃśayaḥ; atṛpta iva putrāṇāṃ dārāṇāṃ ca dhanasya ca

„Dort, als ich hineinstieg, wurde ich zur Frau, offenbar durch Schicksalsfügung, ohne Zweifel; gleichsam unersättigt an Söhnen, Frauen und Reichtum.“

Wort für Wort
tatra avagāḍhaḥ strībhūtaḥ
dort hineingestiegen, zur Frau geworden (Adv./Part.Pass./Nom.)
vyaktaṃ daivān
offenkundig durch Schicksal (Adv./Abl.Sg.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel (Nom.Sg.)
atṛpta iva putrāṇāṃ
gleichsam unersättigt an Söhnen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
dārāṇāṃ ca dhanasya ca
und an Frauen und an Reichtum (Gen.Pl./Gen.Sg.)

nāmagotrāṇi cābhāṣya dārāṇāṃ mantriṇāṃ tathā

Nachdem er [sie] nach Namen und Geschlechtern angesprochen hatte, [ebenso] die Frauen und Minister ...

Wort für Wort
nāmagotrāṇi ca ābhāṣya
und Namen und Geschlechter nennend (Akk.Pl./Abs.)
dārāṇāṃ mantriṇāṃ tathā
der Frauen und Minister ebenso (Gen.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*), Zusammenhang unklar; ābhāṣya als „ansprechend/nennend“ gedeutet.

uvāca putrāṃś ca tataḥ strībhūtaḥ pārthivottamaḥ; saṃprītyā bhujyatāṃ rājyaṃ vanaṃ yāsyāmi putrakāḥ; abhiṣicya sa putrāṇāṃ śataṃ rājā vanaṃ gataḥ

Dann sprach der zur Frau gewordene, beste der Könige zu den Söhnen: „Genießt in Eintracht das Reich; ich werde in den Wald gehen, Söhnchen.“ Nachdem der König die hundert Söhne geweiht hatte, ging er in den Wald.

Wort für Wort
uvāca putrāṃś ca tataḥ
sprach zu den Söhnen und dann (Perf./Akk.Pl./Adv.)
strībhūtaḥ pārthivottamaḥ
zur Frau geworden, bester Fürst (Nom.Sg.)
saṃprītyā bhujyatāṃ rājyam
in Zuneigung soll genossen werden das Reich (Instr./Imp.Pass.)
vanaṃ yāsyāmi putrakāḥ
in den Wald werde ich gehen, Söhnchen (Fut.1.Sg./Vok.Pl.)
abhiṣicya sa putrāṇāṃ śataṃ
geweiht habend, er die hundert Söhne (Abs./Nom./Akk.-Gen.)
rājā vanaṃ gataḥ
der König in den Wald gegangen (Nom./Part.Pass.)

evam uktvā putraśataṃ vanam eva jagāma ha

Nachdem er so zu den hundert Söhnen gesprochen hatte, ging er fürwahr in den Wald.

Wort für Wort
evam uktvā
so gesprochen habend (Abs.)
putraśatam
hundert Söhne (Akk.Sg.n.)
vanam eva jagāma ha
in den Wald fürwahr ging er (Akk./Perf.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*).

sa putrāṇāṃ śataṃ rājā abhiṣicya vanaṃ gataḥ

Er, der König, ging in den Wald, nachdem er die hundert Söhne geweiht hatte.

Wort für Wort
sa putrāṇāṃ śataṃ rājā
er, die hundert der Söhne, König (Nom./Akk./Nom.)
abhiṣicya vanaṃ gataḥ
geweiht habend, in den Wald gegangen (Abs./Akk./Part.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*), Dublette zu 24cd.

tām āśrame striyaṃ tāta tāpaso 'bhyavapadyata; tāpasenāsya putrāṇām āśrame 'py abhavac chatam

Zu dieser Frau in der Einsiedelei, o Lieber, gesellte sich ein Asket; von dem Asketen wurden ihr in der Einsiedelei ebenfalls hundert Söhne [geboren].

Wort für Wort
tām āśrame striyaṃ tāta
zu ihr, in der Einsiedelei, der Frau, o Lieber (Akk./Lok./Akk./Vok.)
tāpaso 'bhyavapadyata
der Asket kam zu (Nom./Impf.Med.)
tāpasena asya putrāṇām
vom Asketen ihrer Söhne (Instr./Gen.-Dat./Gen.Pl.)
āśrame 'py abhavac chatam
in der Einsiedelei auch wurden hundert (Lok./Impf./Nom.Sg.n.)

atha sā tān sutān gṛhya pūrvaputrān abhāṣata; puruṣatve sutā yūyaṃ strītve ceme śataṃ sutāḥ

Da nahm sie diese Söhne mit und sprach zu den früheren Söhnen: „Als Mann [gezeugt] seid ihr die Söhne, und in der Weiblichkeit [geboren] sind diese hundert die Söhne.“ [Anm.: knapp formuliert]

Wort für Wort
atha sā tān sutān gṛhya
da sie jene Söhne genommen habend (Nom.f./Akk.Pl./Abs.)
pūrvaputrān abhāṣata
zu den früheren Söhnen sprach (Akk.Pl./Impf.Med.)
puruṣatve sutā yūyam
im Mannsein Söhne ihr (Lok.Sg./Nom.Pl./Nom.Pl.)
strītve ca ime śataṃ sutāḥ
und in der Weiblichkeit diese hundert Söhne (Lok./Nom.Pl./Nom.Sg.n./Nom.Pl.)

Vers 22cd ist verkürzt; Sinn: als Mann hatte ich euch als Söhne, in Weiblichkeit diese hundert.

ekatra bhujyatāṃ rājyaṃ bhrātṛbhāvena putrakāḥ; sahitā bhrātaras te 'tha rājyaṃ bubhujire tadā

[Sie sprach:] „Genießt die Herrschaft gemeinsam, in brüderlicher Gesinnung, [meine] Söhne.“ Da genossen jene Brüder vereint die Herrschaft.

Wort für Wort
ekatra bhujyatāṃ rājyam
gemeinsam werde genossen die Herrschaft (Imp. Pass. 3.Sg./Nom.)
bhrātṛbhāvena putrakāḥ
in brüderlicher Gesinnung, Söhnchen (Instr./Vok. Pl.)
sahitā bhrātaras te
vereint, jene Brüder (Nom. Pl.)
'tha rājyaṃ bubhujire tadā
da genossen sie die Herrschaft damals (Perf. Med. 3.Pl./Akk.)

tān dṛṣṭvā bhrātṛbhāvena bhuñjānān rājyam uttamam; cintayām āsa devendro manyunābhipariplutaḥ; upakāro 'sya rājarṣeḥ kṛto nāpakṛtaṃ mayā

Als der Götterfürst sie in Brüderlichkeit die vortreffliche Herrschaft genießen sah, dachte er nach, von Zorn überwältigt: „Dem Königsseher wurde von mir Gutes getan, nicht Schlechtes.“

Wort für Wort
tān dṛṣṭvā bhrātṛbhāvena
sie erblickend, in Brüderlichkeit (Ger./Akk. Pl./Instr.)
bhuñjānān rājyam uttamam
die genießenden, die beste Herrschaft (Part. Med. Akk. Pl./Akk.)
cintayām āsa devendro
dachte nach, der Götterfürst (periphr. Perf. 3.Sg./Nom.)
manyunābhipariplutaḥ
vom Zorn überflutet (Instr./Part. Pass. Nom.)
upakāro 'sya rājarṣeḥ
Wohltat diesem Königsseher [gegenüber] (Nom./Gen.)
kṛto nāpakṛtaṃ mayā
getan, nicht Übeltat, von mir (Part. Pass./Nom. n./Instr.)

Der letzte Satz ist ironisch bzw. als Selbstrechtfertigung gemeint; die Lesart ist wörtlich wiedergegeben.

tato brāhmaṇarūpeṇa devarājaḥ śatakratuḥ; bhedayām āsa tān gatvā nagaraṃ vai nṛpātmajān

Darauf ging Indra, der Götterkönig, der Hundertopferer, in Brahmanengestalt in die Stadt und entzweite jene Königssöhne.

Wort für Wort
tato brāhmaṇarūpeṇa
darauf in Brahmanengestalt (Adv./Instr.)
devarājaḥ śatakratuḥ
der Götterkönig, der Hundertopferer (Nom. Sg.)
bhedayām āsa tān gatvā
entzweite sie, nachdem er gegangen war (periphr. Perf. Kaus./Akk. Pl./Ger.)
nagaraṃ vai nṛpātmajān
zur Stadt, fürwahr, die Königssöhne (Akk./Akk. Pl.)

bhrātṝṇāṃ nāsti saubhrātraṃ ye 'py ekasya pituḥ sutāḥ; rājyahetor vivaditāḥ kaśyapasya surāsurāḥ

„Unter Brüdern gibt es keine Brüderlichkeit, selbst wenn sie Söhne ein und desselben Vaters sind: Um der Herrschaft willen haben sich die Götter und Asuras, [die Söhne] des Kaśyapa, gestritten.

Wort für Wort
bhrātṝṇāṃ nāsti saubhrātram
unter Brüdern gibt es keine Brüderlichkeit (Gen. Pl./Nom.)
ye 'py ekasya pituḥ sutāḥ
auch die, die Söhne eines Vaters sind (Nom. Pl./Gen./Nom. Pl.)
rājyahetor vivaditāḥ
um der Herrschaft willen haben gestritten (Abl./Part. Pass. Nom. Pl.)
kaśyapasya surāsurāḥ
des Kaśyapa [Söhne], Götter und Asuras (Gen./Nom. Pl.)

yūyaṃ bhaṅgāśvanāpatyās tāpasasyetare sutāḥ; kaśyapasya surāś caiva asurāś ca sutās tathā; yuṣmākaṃ paitṛkaṃ rājyaṃ bhujyate tāpasātmajaiḥ

Ihr seid die Nachkommen des Bhaṅgāśvana, jene anderen sind die Söhne des Asketen; ebenso sind die Götter und die Asuras Söhne des Kaśyapa. Euer väterliches Reich wird von den Söhnen des Asketen genossen.“

Wort für Wort
yūyaṃ bhaṅgāśvanāpatyās
ihr [seid] Nachkommen des Bhaṅgāśvana (Nom. Pl.)
tāpasasyetare sutāḥ
des Asketen [dagegen] die anderen Söhne (Gen./Nom. Pl.)
kaśyapasya surāś caiva
des Kaśyapa [sind] die Götter und (Gen./Nom. Pl.)
asurāś ca sutās tathā
die Asuras, ebenso Söhne (Nom. Pl.)
yuṣmākaṃ paitṛkaṃ rājyaṃ
euer väterliches Reich (Gen. Pl./Nom.)
bhujyate tāpasātmajaiḥ
wird genossen von den Söhnen des Asketen (Präs. Pass. 3.Sg./Instr. Pl.)

Wörtlich: „ihr [seid] Bhaṅgāśvanas Nachkommen“; das Prädikat fehlt im Sanskrit.

indreṇa bheditās te tu yuddhe 'nyonyam apātayan; tac chrutvā tāpasī cāpi saṃtaptā praruroda ha

Von Indra aufgehetzt, schlugen sie einander im Kampf nieder. Als die Asketin dies hörte, weinte sie, von Kummer gequält.

Wort für Wort
indreṇa bheditās te tu
von Indra entzweit, jene aber (Instr./Part. Pass. Nom. Pl.)
yuddhe 'nyonyam apātayan
im Kampf einander fällten sie (Lok./Adv./Impf. Kaus. 3.Pl.)
tac chrutvā tāpasī cāpi
dies gehört habend, auch die Asketin (Ger./Nom. f.)
saṃtaptā praruroda ha
gequält, brach in Weinen aus (Part. Pass. f./Perf. 3.Sg.)

brāhmaṇacchadmanābhyetya tām indro 'thānvapṛcchata; kena duḥkhena saṃtaptā rodiṣi tvaṃ varānane

Indra trat in der Verkleidung eines Brahmanen zu ihr heran und fragte sie: „Von welchem Leid gequält weinst du, du Schönantlitzige?“

Wort für Wort
brāhmaṇacchadmanābhyetya
in Brahmanenverkleidung herangetreten (Instr./Ger.)
tām indro 'thānvapṛcchata
sie, Indra, dann fragte (Akk./Nom./Impf. 3.Sg.)
kena duḥkhena saṃtaptā
von welchem Leid gequält (Instr./Part. Pass. f.)
rodiṣi tvaṃ varānane
weinst du, du Schönantlitzige (Präs. 2.Sg./Nom./Vok. f.)

brāhmaṇaṃ tu tato dṛṣṭvā sā strī karuṇam abravīt; putrāṇāṃ dve śate brahman kālena vinipātite

Als jene Frau nun den Brahmanen erblickte, sprach sie jammervoll: „Zweihundert Söhne, Brahmane, sind von der Zeit hinweggerafft worden.

Wort für Wort
brāhmaṇaṃ tu tato dṛṣṭvā
den Brahmanen aber, dann erblickt habend (Akk./Ger.)
sā strī karuṇam abravīt
jene Frau sprach jammervoll (Nom. f./Adv./Impf. 3.Sg.)
putrāṇāṃ dve śate brahman
von den Söhnen zweihundert, Brahmane (Gen. Pl./Nom. Du. n./Vok.)
kālena vinipātite
von der Zeit gefällt (Instr./Part. Kaus. Nom. Du. n.)

ahaṃ rājābhavaṃ vipra tatra putraśataṃ mayā; samutpannaṃ surūpāṇāṃ vikrāntānāṃ dvijottama

Ich war König, Weiser; dort wurden mir hundert Söhne geboren, schöne und tapfere, du Bester der Zweimalgeborenen.

Wort für Wort
ahaṃ rājābhavaṃ vipra
ich war König, Brahmane (Nom./Impf. 1.Sg./Vok.)
tatra putraśataṃ mayā
dort hundert Söhne von mir (Adv./Nom. n./Instr.)
samutpannaṃ surūpāṇāṃ
geboren, von schöngestaltigen (Part. Pass./Gen. Pl.)
vikrāntānāṃ dvijottama
von tapferen, du Bester der Zweimalgeborenen (Gen. Pl./Vok.)

kadā cin mṛgayāṃ yāta udbhrānto gahane vane; avagāḍhaś ca sarasi strībhūto brāhmaṇottama; putrān rājye pratiṣṭhāpya vanam asmi tato gataḥ

Einst ging ich auf die Jagd, verirrte mich im dichten Wald, tauchte in einen See und wurde zur Frau, du bester Brahmane. Ich setzte die Söhne in die Herrschaft ein und ging danach in den Wald.

Wort für Wort
kadā cin mṛgayāṃ yāta
einmal auf die Jagd gegangen (Adv./Akk./Part. Pass. Nom.)
udbhrānto gahane vane
verirrt im dichten Wald (Part. Nom./Lok.)
avagāḍhaś ca sarasi
und eingetaucht in einen See (Part. Nom./Lok.)
strībhūto brāhmaṇottama
zur Frau geworden, bester Brahmane (Part. Nom./Vok.)
putrān rājye pratiṣṭhāpya
die Söhne in der Herrschaft eingesetzt habend (Akk. Pl./Lok./Ger.)
vanam asmi tato gataḥ
in den Wald bin ich dann gegangen (Akk./Präs. 1.Sg./Adv./Part. Nom.)

striyāś ca me putraśataṃ tāpasena mahātmanā; āśrame janitaṃ brahman nītās te nagaraṃ mayā

Und hundert Söhne wurden mir als Frau vom hochgesinnten Asketen in der Einsiedelei geboren, Brahmane; ich brachte sie in die Stadt.

Wort für Wort
striyāś ca me putraśataṃ
und der Frau [die ich war], mir, hundert Söhne (Gen. f./Gen./Nom. n.)
tāpasena mahātmanā
vom Asketen, dem Hochgesinnten (Instr.)
āśrame janitaṃ brahman
in der Einsiedelei erzeugt, Brahmane (Lok./Part. Pass./Vok.)
nītās te nagaraṃ mayā
geführt wurden sie in die Stadt von mir (Part. Pass. Nom. Pl./Akk./Instr.)

teṣāṃ ca vairam utpannaṃ kālayogena vai dvija; etac chocāmi viprendra daivenābhipariplutā

Zwischen ihnen entstand Feindschaft durch Fügung der Zeit, Brahmane. Darüber klage ich, du Bester der Brahmanen, vom Schicksal überwältigt.“

Wort für Wort
teṣāṃ ca vairam utpannaṃ
und unter ihnen Feindschaft entstanden (Gen. Pl./Nom./Part. Pass.)
kālayogena vai dvija
durch Fügung der Zeit, fürwahr, Zweimalgeborener (Instr./Vok.)
etac chocāmi viprendra
dies beklage ich, Fürst der Brahmanen (Akk./Präs. 1.Sg./Vok.)
daivenābhipariplutā
vom Schicksal überwältigt (Instr./Part. Pass. f.)

indras tāṃ duḥkhitāṃ dṛṣṭvā abravīt paruṣaṃ vacaḥ; purā suduḥsahaṃ bhadre mama duḥkhaṃ tvayā kṛtam

Als Indra sie so bekümmert sah, sprach er ein hartes Wort: „Einst hast du mir, Gute, sehr schwer zu ertragendes Leid zugefügt.

Wort für Wort
indras tāṃ duḥkhitāṃ dṛṣṭvā
Indra, sie, die Bekümmerte, erblickt habend (Nom./Akk. f./Ger.)
abravīt paruṣaṃ vacaḥ
sprach ein hartes Wort (Impf. 3.Sg./Akk. n.)
purā suduḥsahaṃ bhadre
einst überaus schwer erträglich, Gute (Adv./Akk. n./Vok. f.)
mama duḥkhaṃ tvayā kṛtam
mir Leid von dir getan (Gen./Nom. n./Instr./Part. Pass.)

indradviṣṭena yajatā mām anādṛtya durmate; indro 'ham asmi durbuddhe vairaṃ te yātitaṃ mayā

Du hast, Böswillige, ein Opfer dargebracht, das dem Indra verhasst war, und mich missachtet. Ich bin Indra, Törichte; die Feindschaft gegen dich habe ich vergolten.“

Wort für Wort
indradviṣṭena yajatā
von einem, der ein Indra verhasstes [Opfer] darbrachte (Instr./Part. Präs. Instr.)
mām anādṛtya durmate
mich missachtet habend, Böswillige (Akk./Ger./Vok. f.)
indro 'ham asmi durbuddhe
Indra bin ich, Törichte (Nom./Nom./Präs. 1.Sg./Vok. f.)
vairaṃ te yātitaṃ mayā
die Feindschaft gegen dich vergolten von mir (Nom./Gen./Part. Kaus./Instr.)

Wörtlich: „durch [den] Indra-Gehassten, der opferte“; gemeint ist der Opferer (Bhaṅgāśvana) eines dem Indra missliebigen Opfers; Text verkürzt, Lesart unsicher [?].

indraṃ tu dṛṣṭvā rājarṣiḥ pādayoḥ śirasā gataḥ; prasīda tridaśaśreṣṭha putrakāmena sa kratuḥ; iṣṭas tridaśaśārdūla tatra me kṣantum arhasi

Als der Königsseher aber Indra erkannte, warf er sich mit dem Haupt zu dessen Füßen nieder: „Sei gnädig, Bester der Dreißig [Götter]! Das Opfer wurde in dem Wunsch nach Söhnen dargebracht, du Tiger unter den Dreißig; dafür musst du mir verzeihen.“

Wort für Wort
indraṃ tu dṛṣṭvā rājarṣiḥ
Indra aber erblickt habend, der Königsseher (Akk./Ger./Nom.)
pādayoḥ śirasā gataḥ
zu den Füßen mit dem Haupt gegangen (Lok./Gen. Du./Instr./Part. Nom.)
prasīda tridaśaśreṣṭha
sei gnädig, Bester der Dreißig (Imp. 2.Sg./Vok.)
putrakāmena sa kratuḥ
in Sohneswunsch [war] dieses Opfer (Instr./Nom.)
iṣṭas tridaśaśārdūla
dargebracht, Tiger der Dreißig (Part. Pass./Vok.)
tatra me kṣantum arhasi
dafür mir verzeihen darfst du (Adv./Dat./Inf./Präs. 2.Sg.)

Die Anrede an Indra wechselt zwischen 2. und 3. Person; die Rede gehört dem zur Frau gewordenen Königsseher.

indraḥ surapatiś caiva vajrahasto mahābalaḥ; airāvatagajārūḍhaḥ sahasrākṣa namo 'stu te

„Indra, Herr der Götter, keulen- [vajra-]händiger, Mächtiger, auf dem Elefanten Airāvata reitend, Tausendäugiger: Verehrung sei dir!“

Wort für Wort
indraḥ surapatiś caiva
Indra und der Herr der Götter (Nom.)
vajrahasto mahābalaḥ
den Donnerkeil in der Hand, der Starke (Nom.)
airāvatagajārūḍhaḥ
auf den Elefanten Airāvata gestiegen (Nom.)
sahasrākṣa namo 'stu te
Tausendäugiger, Verehrung sei dir (Vok./Nom./Imp./Dat.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften). „Keulen-“ steht für vajra: Donnerkeil.

praṇipātena tasyendraḥ parituṣṭo varaṃ dadau; putrā vai katame rājañ jīvantu tava śaṃsa me; strībhūtasya hi ye jātāḥ puruṣasyātha ye 'bhavan

Durch die Niederwerfung [des Königs] wurde Indra zufrieden und gewährte eine Gunst: „König, welche Söhne sollen leben? Sag es mir: die, die dir als Frau geboren wurden, oder die, die du als Mann hattest?“

Wort für Wort
praṇipātena tasyendraḥ
durch die Niederwerfung dessen, Indra (Instr./Gen./Nom.)
parituṣṭo varaṃ dadau
zufrieden, gewährte eine Gunst (Part. Nom./Akk./Perf. 3.Sg.)
putrā vai katame rājañ
welche Söhne fürwahr, König (Nom. Pl./Vok.)
jīvantu tava śaṃsa me
sollen leben, dir [gehörig]; sag mir (Imp. 3.Pl./Gen./Imp. 2.Sg./Dat.)
strībhūtasya hi ye jātāḥ
die dem zur Frau Gewordenen geboren wurden (Gen./Nom. Pl./Part.)
puruṣasyātha ye 'bhavan
oder die dem Mann [entstammten] (Gen./Nom. Pl./Impf. 3.Pl.)

tāpasī tu tataḥ śakram uvāca prayatāñjaliḥ; strībhūtasya hi ye jātās te me jīvantu vāsava

Die Asketin aber sprach darauf zu Śakra, die Hände ehrerbietig gefaltet: „Die mir als Frau Gewordener geboren wurden, sollen leben, Vāsava.“

Wort für Wort
tāpasī tu tataḥ śakram
die Asketin aber dann zu Śakra (Nom. f./Akk.)
uvāca prayatāñjaliḥ
sprach, die Hände gefaltet (Perf. 3.Sg./Nom. f.)
strībhūtasya hi ye jātās
die dem zur Frau Gewordenen geboren wurden (Gen./Nom. Pl.)
te me jīvantu vāsava
die sollen mir leben, Vāsava (Nom. Pl./Dat./Imp. 3.Pl./Vok.)

indras tu vismito hṛṣṭaḥ striyaṃ papraccha tāṃ punaḥ; puruṣotpāditā ye te kathaṃ dveṣyāḥ sutās tava

Indra aber, erstaunt und erfreut, fragte die Frau nochmals: „Warum sind dir die vom Mann gezeugten Söhne verhasst?

Wort für Wort
indras tu vismito hṛṣṭaḥ
Indra aber erstaunt, erfreut (Nom./Part. Nom./Part. Nom.)
striyaṃ papraccha tāṃ punaḥ
die Frau fragte sie nochmals (Akk. f./Perf. 3.Sg./Akk. f./Adv.)
puruṣotpāditā ye te
die vom Mann gezeugten, die dir [gehören] (Part. Pass. Nom. Pl./Gen.)
kathaṃ dveṣyāḥ sutās tava
wieso verhasst, Söhne, dir (Adv./Nom. Pl./Gen.)

strībhūtasya hi ye jātāḥ snehas tebhyo 'dhikaḥ katham; kāraṇaṃ śrotum icchāmi tan me vaktum ihārhasi

Wie kommt es, dass die Zuneigung zu denen, die dir als Frau geboren wurden, größer ist? Den Grund möchte ich hören; den musst du mir hier nennen.“

Wort für Wort
strībhūtasya hi ye jātāḥ
die dem zur Frau Gewordenen geboren wurden (Gen./Nom. Pl.)
snehas tebhyo 'dhikaḥ katham
Zuneigung zu ihnen größer, wie (Nom./Abl./Nom./Adv.)
kāraṇaṃ śrotum icchāmi
den Grund zu hören wünsche ich (Akk./Inf./Präs. 1.Sg.)
tan me vaktum ihārhasi
das mir zu sagen hier darfst du (Akk./Dat./Inf./Adv./Präs. 2.Sg.)

stry uvāca; striyās tv abhyadhikaḥ sneho na tathā puruṣasya vai; tasmāt te śakra jīvantu ye jātāḥ strīkṛtasya vai

Die Frau sprach: „Die Zuneigung einer Frau ist größer, nicht so [groß] die eines Mannes. Darum, Śakra, sollen die leben, die mir geboren wurden, als ich zur Frau gemacht war.“

Wort für Wort
stry uvāca
die Frau sprach (Nom. f./Perf. 3.Sg.)
striyās tv abhyadhikaḥ sneho
die Zuneigung einer Frau aber [ist] größer (Gen. f./Nom.)
na tathā puruṣasya vai
nicht so die eines Mannes, fürwahr (Gen.)
tasmāt te śakra jīvantu
darum sollen sie, Śakra, leben (Abl./Nom. Pl./Vok./Imp. 3.Pl.)
ye jātāḥ strīkṛtasya vai
die geboren wurden dem zur Frau Gemachten (Nom. Pl./Part./Gen.)

bhīṣma uvāca; evam ukte tatas tv indraḥ prīto vākyam uvāca ha; sarva eveha jīvantu putrās te satyavādini

Bhīṣma sprach: Als sie so gesprochen hatte, sagte Indra erfreut: „Alle deine Söhne sollen hier leben, du Wahrhaftigredende.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./Perf. 3.Sg.)
evam ukte tatas tv indraḥ
als so gesprochen war, da aber Indra (Part. Lok. abs./Adv./Nom.)
prīto vākyam uvāca ha
erfreut sprach das Wort (Part. Nom./Akk./Perf. 3.Sg.)
sarva eveha jīvantu
alle sollen hier leben (Nom. Pl./Adv./Imp. 3.Pl.)
putrās te satyavādini
deine Söhne, Wahrhaftigredende (Nom. Pl./Gen./Vok. f.)

varaṃ ca vṛṇu rājendra yaṃ tvam icchasi suvrata; puruṣatvam atha strītvaṃ matto yad abhikāṅkṣasi

Und wähle eine Gunst, König der Könige, welche du willst, du Gelübdetreuer: Mannsein oder Frausein, was du von mir begehrst.“

Wort für Wort
varaṃ ca vṛṇu rājendra
und wähle eine Gunst, Fürst der Könige (Akk./Imp. 2.Sg./Vok.)
yaṃ tvam icchasi suvrata
welche du wünschst, Gelübdetreuer (Akk./Nom./Präs. 2.Sg./Vok.)
puruṣatvam atha strītvam
Mannsein oder Frausein (Akk.)
matto yad abhikāṅkṣasi
von mir was du begehrst (Abl./Akk./Präs. 2.Sg.)

stry uvāca; strītvam eva vṛṇe śakra prasanne tvayi vāsava

Die Frau sprach: „Das Frausein wähle ich, Śakra, wenn du gnädig bist, Vāsava.“

Wort für Wort
stry uvāca
die Frau sprach (Nom. f./Perf. 3.Sg.)
strītvam eva vṛṇe śakra
das Frausein gerade wähle ich, Śakra (Akk./Präs. Med. 1.Sg./Vok.)
prasanne tvayi vāsava
da du gnädig bist, Vāsava (Lok. abs./Vok.)

evam uktas tu devendras tāṃ striyaṃ pratyuvāca ha; puruṣatvaṃ kathaṃ tyaktvā strītvaṃ rocayase vibho

So angesprochen, sagte der Götterfürst zu jener Frau: „Warum ziehst du das Frausein vor und lässt das Mannsein zurück, Mächtiger?“

Wort für Wort
evam uktas tu devendras
so angesprochen aber, der Götterfürst (Part. Nom./Nom.)
tāṃ striyaṃ pratyuvāca ha
zu jener Frau erwiderte (Akk. f./Perf. 3.Sg.)
puruṣatvaṃ kathaṃ tyaktvā
das Mannsein wie [kannst du] verlassen habend (Akk./Adv./Ger.)
strītvaṃ rocayase vibho
das Frausein gefällt dir / ziehst du vor, Mächtiger (Akk./Präs. Kaus. 2.Sg./Vok.)

evam uktaḥ pratyuvāca strībhūto rājasattamaḥ; striyāḥ puruṣasaṃyoge prītir abhyadhikā sadā; etasmāt kāraṇāc chakra strītvam eva vṛṇomy aham

So angesprochen, erwiderte der zur Frau Gewordene, der beste der Könige: „Der Frau ist die Freude bei der Vereinigung mit dem Mann stets größer. Aus diesem Grund, Śakra, wähle ich gerade das Frausein.

Wort für Wort
evam uktaḥ pratyuvāca
so angesprochen erwiderte (Part. Nom./Perf. 3.Sg.)
strībhūto rājasattamaḥ
der zur Frau Gewordene, bester der Könige (Nom.)
striyāḥ puruṣasaṃyoge
der Frau bei der Vereinigung mit dem Mann (Gen./Lok.)
prītir abhyadhikā sadā
Freude größer immer (Nom. f./Adv.)
etasmāt kāraṇāc chakra
aus diesem Grund, Śakra (Abl./Vok.)
strītvam eva vṛṇomy aham
das Frausein gerade wähle ich (Akk./Präs. 1.Sg./Nom.)

rame caivādhikaṃ strītve satyaṃ vai devasattama; strībhāvena hi tuṣṭo 'smi gamyatāṃ tridaśādhipa

Ich habe im Frausein größeres Vergnügen, das ist wahr, bester der Götter; im Zustand der Frau bin ich zufrieden. Geh, Herr der Dreißig [Götter].“

Wort für Wort
rame caivādhikaṃ strītve
und ich vergnüge mich mehr im Frausein (Präs. Med. 1.Sg./Adv./Lok.)
satyaṃ vai devasattama
wahr, fürwahr, bester der Götter (Adv./Vok.)
strībhāvena hi tuṣṭo 'smi
mit dem Frauenzustand bin ich zufrieden (Instr./Part. Nom./Präs. 1.Sg.)
gamyatāṃ tridaśādhipa
es werde gegangen / geh (Imp. Pass. 3.Sg./Vok.)

evam astv iti coktvā tām āpṛcchya tridivaṃ gataḥ; evaṃ striyā mahārāja adhikā prītir ucyate

„So sei es“, sprach [Indra], nahm von ihr Abschied und ging in den Himmel. So, großer König, heißt es, ist die Freude der Frau größer.

Wort für Wort
evam astv iti coktvā
„so sei es“ gesagt habend (Imp./Part. iti/Ger.)
tām āpṛcchya tridivaṃ gataḥ
sie verabschiedet habend, in den Himmel gegangen (Akk./Ger./Akk./Part. Nom.)
evaṃ striyā mahārāja
so bei der Frau, großer König (Adv./Gen./Lok./Vok.)
adhikā prītir ucyate
größer Freude wird gesagt (Nom. f./Nom./Präs. Pass. 3.Sg.)

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