Kapitel 40: vipularucirakṣaṇopākhyānam
Die Erschaffung der Frauen und Vipulas Schutz der Lehrerfrau Ruci vor Indra
Bhīṣma beginnt auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Natur der Frauen die Geschichte von Vipula und Ruci, die im Folgenden Indras Verführungsversuch und Vipulas Schutz durch Yoga schildert.
na hi strībhya paraṃ putra pāpīyaḥ kiṃ cid asti vai; agnir hi pramadā dīpto māyāś ca mayajā vibho; kṣuradhārā viṣaṃ sarpo mṛtyur ity ekataḥ striyaḥ
Denn nichts ist wahrlich schlimmer als die Frauen, mein Sohn. Feuer ist die lodernde Frau, und die Täuschungen sind vom [Asura] Maya geboren, Herr; Messerschneide, Gift, Schlange, Tod: dies alles zusammen sind die Frauen.
Wort für Wort
na hi strībhyaḥ param
denn nicht jenseits/mehr als die Frauen (Abl.)
putra pāpīyaḥ kiṃ cid asti vai
Sohn, Schlimmeres ist irgendetwas (Komp.)
agnir hi pramadā dīptaḥ
Feuer ist wahrlich die Frau, lodernd
māyāś ca mayajāḥ vibho
und Täuschungen, von Maya geboren, Herr (Nom.Pl./Vok.)
kṣuradhārā viṣaṃ sarpaḥ mṛtyuḥ
Messerschneide, Gift, Schlange, Tod (Nom.)
ity ekataḥ striyaḥ
so [ist dies alles] in einem: die Frauen (Nom.Pl.)
Lesung strībhya (= strībhyaḥ) und mayajā (= mayajāḥ) mit Sandhi/Endungsabfall gedeutet.
athābhyagacchan devās te pitāmaham ariṃdama; nivedya mānasaṃ cāpi tūṣṇīm āsann avāṅmukhāḥ
Da traten jene Götter zum Großvater [Brahmā], Bezwinger der Feinde; sie trugen ihm ihr Anliegen vor und saßen dann schweigend mit gesenktem Gesicht da.
Wort für Wort
athābhyagacchan devās te
da gingen jene Götter heran (3.Pl.Impf.)
pitāmaham ariṃdama
zum Großvater, Feindebezwinger (Akk./Vok.)
nivedya mānasaṃ cāpi
und nachdem sie das Innere/Anliegen vorgetragen hatten (Abs.)
Als der Großvater das in ihnen Verborgene, das der Götter, erkannt hatte, erschuf der Herr zur Verblendung der Menschen die Frauen als Kṛtyā [Zauberwesen].
pūrvasarge tu kaunteya sādhvyo nārya ihābhavan; asādhvyas tu samutpannā kṛtyā sargāt prajāpateḥ
In der früheren Schöpfung aber, Sohn der Kuntī, waren die Frauen hier tugendhaft; die aus der Schöpfung des Prajāpati als Kṛtyā entstandenen aber waren untugendhaft.
Wort für Wort
pūrvasarge tu kaunteya
in der früheren Schöpfung aber, Kaunteya (Lok./Vok.)
sādhvyo nārya ihābhavan
tugendhaft waren die Frauen hier (3.Pl.Impf.)
asādhvyas tu samutpannā
untugendhaft aber entstanden (Ptz.Pass.)
kṛtyā sargāt prajāpateḥ
als Kṛtyā, aus der Schöpfung des Prajāpati (Abl./Gen.)
Der Herr, Gott der Götter, erschuf auch den Zorn als Gefährten der Begierde; alle Geschöpfe hingen [daran], in die Gewalt von Begierde und Zorn geraten.
Wort für Wort
krodhaṃ kāmasya deveśaḥ
den Zorn, der Begierde, der Götterherr (Akk./Gen.)
sahāyaṃ cāsṛjat prabhuḥ
als Gefährten erschuf der Herr (Impf.)
asajjanta prajāḥ sarvāḥ
hingen [daran] alle Geschöpfe (3.Pl.Impf.Pass./Med.)
kāmakrodhavaśaṃ gatāḥ
in die Gewalt von Begierde und Zorn geraten (Ptz.)
dvijānāṃ ca gurūṇāṃ ca mahāgurunṛpādinām; kṣaṇastrīsaṅgakāmotthā yātanāho nirantarā; araktamanasāṃ nityaṃ brahmacaryamalātmanām; tapodamārcanādhyānayuktānāṃ śuddhir uttamā
[Sie] der Zweimalgeborenen und der Lehrer und der großen Lehrer, Könige und anderer; aus dem Verlangen nach dem Beisammensein mit Frauen für einen Augenblick [entsteht] ununterbrochene Qual [?]; für die, deren Sinn immer ungebunden ist, die durch Enthaltsamkeit [?] sich reinigen [?], die Askese, Selbstzügelung, Verehrung und Meditation verbunden sind, ist die Reinheit die höchste.
Wort für Wort
dvijānāṃ ca gurūṇāṃ ca
der Zweimalgeborenen und der Lehrer (Gen.Pl.)
mahāgurunṛpādinām
der großen Lehrer, Könige und anderer (Gen.Pl.)
kṣaṇastrīsaṅgakāmotthā
aus Verlangen nach flüchtigem Umgang mit Frauen entstanden (Nom.Sg.f.)
yātanāho nirantarā
Qual, ununterbrochen [?] (Nom.)
araktamanasāṃ nityam
derer mit ungebundenem Sinn, immer (Gen.Pl.)
brahmacaryamalātmanām
derer, deren Wesen [von] Enthaltsamkeit ... [?] (Gen.Pl.)
tapodamārcanādhyānayuktānām
derer, die Askese, Selbstzügelung, Verehrung, Meditation üben (Gen.Pl.)
śuddhir uttamā
Reinheit [ist] die höchste (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text ist stark verderbt (yātanāho, brahmacaryamalātmanām), die Übersetzung ist tentativ.
na ca strīṇāṃ kriyā kā cid iti dharmo vyavasthitaḥ; nirindriyā amantrāś ca striyo 'nṛtam iti śrutiḥ
Und für Frauen gibt es keinen [Ritus-]Akt: so ist die Norm festgelegt; ohne Kraft [?] und ohne Mantras sind die Frauen, [sie sind] Unwahrheit: so lautet die Überlieferung.
Wort für Wort
na ca strīṇāṃ kriyā kā cit
und nicht gibt es für Frauen irgendeinen Ritus (Gen.Pl.)
iti dharmo vyavasthitaḥ
so ist die Norm festgesetzt (Ptz.Pass.)
nirindriyā amantrāś ca
ohne Kraft [?] und ohne Mantras (Nom.Pl.)
striyo 'nṛtam iti śrutiḥ
Frauen [sind] Unwahrheit, so die Überlieferung (Nom.)
nirindriyā = ohne Sinneskraft/Vermögen; Deutung unsicher.
prājño jaḍaś ca mūkaś ca hrasvo dīrghas tathaiva ca; brāhmaṇaḥ kṣatriyaś caiva vaiśyaḥ śūdras tathaiva ca; pratilomānulomaś ca bhavaty atha śatakratuḥ
Weise, stumpf und stumm, klein und ebenso groß; Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya und ebenso Śūdra; auch als [Mischling] gegen- oder gleichläufiger Ordnung wird Śatakratu.
Wort für Wort
prājño jaḍaś ca mūkaś ca
weise, stumpfsinnig und stumm (Nom.Sg.)
hrasvo dīrghas tathaiva ca
klein und ebenso groß (Nom.Sg.)
brāhmaṇaḥ kṣatriyaś caiva vaiśyaḥ śūdras tathaiva ca
Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya und ebenso Śūdra (Nom.Sg.)
pratilomānulomaś ca
auch der gegenläufig und der gleichläufig [Gezeugte] (Nom.Sg.)
bhavaty atha śatakratuḥ
wird nun Śatakratu (3.Sg.Präs./Nom.)
pratiloma/anuloma: Bezeichnung für Mischkasten-Nachkommen aus Verbindungen gegen bzw. mit der Rangordnung; wörtlich ‚gegen/mit dem Haar‘.
śukavāyasarūpī ca haṃsakokilarūpavān; siṃhavyāghragajānāṃ ca rūpaṃ dhārayate punaḥ
Er wird zu einem Papagei und einer Krähe in der Gestalt, hat Gestalt von Gans und Kuckuck; und die Gestalt von Löwen, Tigern und Elefanten nimmt er wiederum an.
Wort für Wort
śukavāyasarūpī ca
und von der Gestalt eines Papageis und einer Krähe (Nom.Sg.)
haṃsakokilarūpavān
mit der Gestalt von Gans und Kuckuck (Nom.Sg.)
siṃhavyāghragajānāṃ ca rūpaṃ
und die Gestalt von Löwen, Tigern, Elefanten (Gen.Pl./Akk.Sg.)
Auch göttliche, dämonische Gestalt und die Gestalt von Königen nimmt er an; ganz abgemagert, mit vom Wind gebrochenen Gliedern, als Vogel, ebenso missgestaltet.
Wort für Wort
daivaṃ daityam atho rājñāṃ vapur
göttlich, dämonisch, ferner der Könige Gestalt (Akk.Sg./Gen.Pl.)
dhārayate 'pi ca
nimmt auch an (3.Sg.Med.Präs.)
sukṛśo vāyubhagnāṅgaḥ
sehr abgemagert, mit vom Wind zerbrochenen Gliedern (Nom.Sg.)
śakunir vikṛtas tathā
ein Vogel, ebenso missgestaltet (Nom.Sg.)
Der zweite Halbvers ist knapp und teilweise unsicher gedeutet; śakuni ‚Vogel‘ ist mit einem Namen (Śakuni) nicht zu verwechseln.
punar antarhitaḥ śakro dṛśyate jñānacakṣuṣā; vāyubhūtaś ca sa punar devarājo bhavaty uta
Wieder unsichtbar geworden, wird Śakra nur mit dem Auge der Erkenntnis gesehen; und zum Wind geworden, wird er, der Götterkönig, wiederum [erscheinen].
Wort für Wort
punar antarhitaḥ śakro
wieder verschwunden, Śakra (Part.Pass./Nom.)
dṛśyate jñānacakṣuṣā
wird gesehen mit dem Auge der Erkenntnis (3.Sg.Pass./Instr.)
Wie es ihm beliebt [oder: Rucī], soll der Götterherr sie nicht belecken, Bester der Bhṛgu, wie ein Hund, der Übelgesinnte, das im Opfer bereitgestellte, niedergelegte Opferschmalz.
Wort für Wort
yathā ruciṃ nāvalihed
wie nach Belieben / Rucī soll nicht belecken (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Opt.)
devendro bhṛgusattama
der Götterherr, Bester der Bhṛgu (Nom./Vok.)
kratāv upahitaṃ nyastaṃ
im Opfer bereitgestellt, niedergelegt (Lok./Part.Pass. Akk.)
haviḥ śveva durātmavān
Opferguss wie ein Hund, der Übelgesinnte (Akk./Nom.)
yathā ruciṃ ist doppeldeutig: ‚nach Belieben‘ und ‚Rucī‘ (die Frau); śveva = śvā iva.
na ceyaṃ rakṣituṃ śakyā yathānyā pramadā nṛbhiḥ; māyāvī hi surendro 'sāv aho prāpto 'smi saṃśayam
„Und diese ist nicht wie eine andere Frau von Männern zu schützen; denn ein Zauberer ist jener Götterfürst; ach, in einen Zweifel [Zwiespalt] bin ich geraten.“
Wort für Wort
na ceyaṃ rakṣituṃ śakyā
und diese ist nicht möglich zu schützen (Nom.f./Inf.)
yathānyā pramadā nṛbhiḥ
wie eine andere Frau von Männern (Nom./Instr.Pl.)
māyāvī hi surendro 'sāv
denn ein Zauberer jener Götterfürst (Nom.)
aho prāpto 'smi saṃśayam
ach, gelangt bin ich in Zweifel (Interj./Part.Pass. + 1.Sg./Akk.)
mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ; anyathāliṅgyate kāntā duhitāliṅgyate 'nyathā; garbhasaṃstho yathā putro jāyamāno na lipyate; evaṃ jñānī na laukyaiś ca karmabhir naiva duṣyate
„Der Geist allein ist bei den Menschen die Ursache von Bindung und Befreiung; anders wird die Geliebte umarmt, anders wird die Tochter umarmt; wie der im Mutterleib befindliche Sohn bei der Geburt nicht befleckt wird, so wird der Wissende weder durch weltliche Taten befleckt noch schuldig.“
Wort für Wort
mana eva manuṣyāṇāṃ
der Geist allein der Menschen (Nom./Gen.Pl.)
kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ
Ursache von Bindung und Befreiung (Nom./Gen.Du.)
anyathāliṅgyate kāntā
anders wird umarmt die Geliebte (3.Sg.Pass./Nom.)
duhitāliṅgyate 'nyathā
die Tochter wird umarmt anders (Nom./3.Sg.Pass.)
garbhasaṃstho yathā putro jāyamāno na lipyate
wie der im Schoß befindliche Sohn bei der Geburt nicht befleckt wird (Nom./Part.Präs.Med./3.Sg.Pass.)
evaṃ jñānī na laukyaiś ca karmabhir naiva duṣyate
so der Wissende wird durch weltliche Taten gewiss nicht verdorben (Nom./Instr.Pl./3.Sg.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe (Sternpassage); die Passage ist ein eingeschobener Lehrsatz.