Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 40: vipularucirakṣaṇopākhyānam Die Erschaffung der Frauen und Vipulas Schutz der Lehrerfrau Ruci vor Indra

Bhīṣma beginnt auf Yudhiṣṭhiras Frage nach der Natur der Frauen die Geschichte von Vipula und Ruci, die im Folgenden Indras Verführungsversuch und Vipulas Schutz durch Yoga schildert.

bhīṣma uvāca; evam etan mahābāho nātra mithyāsti kiṃ cana; yathā bravīṣi kauravya nārīṃ prati janādhipa

Bhīṣma sprach: „So ist es, Starkarmiger; darin ist nichts irgendwie falsch, was du, Kauravya, über die Frau sagst, Herr der Menschen.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam etan mahābāho
so ist dies, Starkarmiger (Vok.)
nātra mithyāsti kiṃ cana
nicht ist hierin irgendetwas falsch
yathā bravīṣi kauravya
wie du sagst, Kauravya (2.Sg.Präs./Vok.)
nārīṃ prati janādhipa
in Bezug auf die Frau, Herr der Menschen (Akk./Vok.)

atra te vartayiṣyāmi itihāsaṃ purātanam; yathā rakṣā kṛtā pūrvaṃ vipulena mahātmanā

Hierzu will ich dir eine alte Geschichte erzählen: wie einst der hochgesinnte Vipula [eine Frau] beschützte.

Wort für Wort
atra te vartayiṣyāmi
hierzu werde ich dir erzählen (1.Sg.Fut. Kaus.)
itihāsaṃ purātanam
eine alte Geschichte (Akk.)
yathā rakṣā kṛtā pūrvam
wie Schutz einst geleistet wurde (Ptz.Pass.)
vipulena mahātmanā
von Vipula, dem Hochgesinnten (Instr.)

pramadāś ca yathā sṛṣṭā brahmaṇā bharatarṣabha; yadarthaṃ tac ca te tāta pravakṣye vasudhādhipa

Und wie die Frauen von Brahmā erschaffen wurden, Stier der Bharata, und zu welchem Zweck, das will ich dir sagen, mein Sohn, Herr der Erde.

Wort für Wort
pramadāś ca yathā sṛṣṭā
und wie die Frauen erschaffen wurden (Nom.Pl./Ptz.Pass.)
brahmaṇā bharatarṣabha
von Brahmā, Stier der Bharata (Instr./Vok.)
yadartham tac ca
und wozu, das (Akk.)
te tāta pravakṣye
dir, mein Lieber, werde ich sagen (1.Sg.Fut.)
vasudhādhipa
Herr der Erde (Vok.)

na hi strībhya paraṃ putra pāpīyaḥ kiṃ cid asti vai; agnir hi pramadā dīpto māyāś ca mayajā vibho; kṣuradhārā viṣaṃ sarpo mṛtyur ity ekataḥ striyaḥ

Denn nichts ist wahrlich schlimmer als die Frauen, mein Sohn. Feuer ist die lodernde Frau, und die Täuschungen sind vom [Asura] Maya geboren, Herr; Messerschneide, Gift, Schlange, Tod: dies alles zusammen sind die Frauen.

Wort für Wort
na hi strībhyaḥ param
denn nicht jenseits/mehr als die Frauen (Abl.)
putra pāpīyaḥ kiṃ cid asti vai
Sohn, Schlimmeres ist irgendetwas (Komp.)
agnir hi pramadā dīptaḥ
Feuer ist wahrlich die Frau, lodernd
māyāś ca mayajāḥ vibho
und Täuschungen, von Maya geboren, Herr (Nom.Pl./Vok.)
kṣuradhārā viṣaṃ sarpaḥ mṛtyuḥ
Messerschneide, Gift, Schlange, Tod (Nom.)
ity ekataḥ striyaḥ
so [ist dies alles] in einem: die Frauen (Nom.Pl.)

Lesung strībhya (= strībhyaḥ) und mayajā (= mayajāḥ) mit Sandhi/Endungsabfall gedeutet.

imāḥ prajā mahābāho dhārmikā iti naḥ śrutam; svayaṃ gacchanti devatvaṃ tato devān iyād bhayam

„Diese Geschöpfe, Starkarmiger, sind rechtschaffen“, so haben wir gehört; sie gehen von selbst zur Göttlichkeit ein; daher käme den Göttern Furcht.

Wort für Wort
imāḥ prajā mahābāho
diese Geschöpfe, Starkarmiger (Nom.Pl./Vok.)
dhārmikā iti naḥ śrutam
rechtschaffen, so ist von uns gehört (Ptz.Pass.)
svayaṃ gacchanti devatvam
von selbst gehen sie zur Göttlichkeit (3.Pl.Präs.)
tato devān iyād bhayam
daher käme zu den Göttern Furcht (3.Sg.Opt.)

Bezug von imāḥ prajāḥ und Sinn der Stelle unsicher.

athābhyagacchan devās te pitāmaham ariṃdama; nivedya mānasaṃ cāpi tūṣṇīm āsann avāṅmukhāḥ

Da traten jene Götter zum Großvater [Brahmā], Bezwinger der Feinde; sie trugen ihm ihr Anliegen vor und saßen dann schweigend mit gesenktem Gesicht da.

Wort für Wort
athābhyagacchan devās te
da gingen jene Götter heran (3.Pl.Impf.)
pitāmaham ariṃdama
zum Großvater, Feindebezwinger (Akk./Vok.)
nivedya mānasaṃ cāpi
und nachdem sie das Innere/Anliegen vorgetragen hatten (Abs.)
tūṣṇīm āsann
schweigend saßen sie (3.Pl.Impf.)
avāṅmukhāḥ
mit gesenktem Gesicht (Nom.Pl.)

teṣām antargataṃ jñātvā devānāṃ sa pitāmahaḥ; mānavānāṃ pramohārthaṃ kṛtyā nāryo 'sṛjat prabhuḥ

Als der Großvater das in ihnen Verborgene, das der Götter, erkannt hatte, erschuf der Herr zur Verblendung der Menschen die Frauen als Kṛtyā [Zauberwesen].

Wort für Wort
teṣām antargataṃ jñātvā
deren Innerliches erkennend (Abs.)
devānāṃ sa pitāmahaḥ
der Götter, jener Großvater (Gen.Pl.)
mānavānāṃ pramohārthaṃ
zur Verblendung der Menschen
kṛtyā nāryo 'sṛjat prabhuḥ
als Kṛtyās die Frauen erschuf der Herr (Impf.)

pūrvasarge tu kaunteya sādhvyo nārya ihābhavan; asādhvyas tu samutpannā kṛtyā sargāt prajāpateḥ

In der früheren Schöpfung aber, Sohn der Kuntī, waren die Frauen hier tugendhaft; die aus der Schöpfung des Prajāpati als Kṛtyā entstandenen aber waren untugendhaft.

Wort für Wort
pūrvasarge tu kaunteya
in der früheren Schöpfung aber, Kaunteya (Lok./Vok.)
sādhvyo nārya ihābhavan
tugendhaft waren die Frauen hier (3.Pl.Impf.)
asādhvyas tu samutpannā
untugendhaft aber entstanden (Ptz.Pass.)
kṛtyā sargāt prajāpateḥ
als Kṛtyā, aus der Schöpfung des Prajāpati (Abl./Gen.)

tābhyaḥ kāmān yathākāmaṃ prādād dhi sa pitāmahaḥ; tāḥ kāmalubdhāḥ pramadāḥ prāmathnanta narāṃs tadā

Diesen gab jener Großvater nach Wunsch die Begierden; diese lustgierigen Frauen quälten damals die Männer.

Wort für Wort
tābhyaḥ kāmān yathākāmam
ihnen die Begierden nach Wunsch (Dat./Akk.Pl.)
prādād dhi sa pitāmahaḥ
gab denn jener Großvater (3.Sg.Aor./Impf.)
tāḥ kāmalubdhāḥ pramadāḥ
diese lustgierigen Frauen (Nom.Pl.)
prāmathnanta narāṃs tadā
quälten die Männer damals (3.Pl.Impf.)

krodhaṃ kāmasya deveśaḥ sahāyaṃ cāsṛjat prabhuḥ; asajjanta prajāḥ sarvāḥ kāmakrodhavaśaṃ gatāḥ

Der Herr, Gott der Götter, erschuf auch den Zorn als Gefährten der Begierde; alle Geschöpfe hingen [daran], in die Gewalt von Begierde und Zorn geraten.

Wort für Wort
krodhaṃ kāmasya deveśaḥ
den Zorn, der Begierde, der Götterherr (Akk./Gen.)
sahāyaṃ cāsṛjat prabhuḥ
als Gefährten erschuf der Herr (Impf.)
asajjanta prajāḥ sarvāḥ
hingen [daran] alle Geschöpfe (3.Pl.Impf.Pass./Med.)
kāmakrodhavaśaṃ gatāḥ
in die Gewalt von Begierde und Zorn geraten (Ptz.)

dvijānāṃ ca gurūṇāṃ ca mahāgurunṛpādinām; kṣaṇastrīsaṅgakāmotthā yātanāho nirantarā; araktamanasāṃ nityaṃ brahmacaryamalātmanām; tapodamārcanādhyānayuktānāṃ śuddhir uttamā

[Sie] der Zweimalgeborenen und der Lehrer und der großen Lehrer, Könige und anderer; aus dem Verlangen nach dem Beisammensein mit Frauen für einen Augenblick [entsteht] ununterbrochene Qual [?]; für die, deren Sinn immer ungebunden ist, die durch Enthaltsamkeit [?] sich reinigen [?], die Askese, Selbstzügelung, Verehrung und Meditation verbunden sind, ist die Reinheit die höchste.

Wort für Wort
dvijānāṃ ca gurūṇāṃ ca
der Zweimalgeborenen und der Lehrer (Gen.Pl.)
mahāgurunṛpādinām
der großen Lehrer, Könige und anderer (Gen.Pl.)
kṣaṇastrīsaṅgakāmotthā
aus Verlangen nach flüchtigem Umgang mit Frauen entstanden (Nom.Sg.f.)
yātanāho nirantarā
Qual, ununterbrochen [?] (Nom.)
araktamanasāṃ nityam
derer mit ungebundenem Sinn, immer (Gen.Pl.)
brahmacaryamalātmanām
derer, deren Wesen [von] Enthaltsamkeit ... [?] (Gen.Pl.)
tapodamārcanādhyānayuktānām
derer, die Askese, Selbstzügelung, Verehrung, Meditation üben (Gen.Pl.)
śuddhir uttamā
Reinheit [ist] die höchste (Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text ist stark verderbt (yātanāho, brahmacaryamalātmanām), die Übersetzung ist tentativ.

na ca strīṇāṃ kriyā kā cid iti dharmo vyavasthitaḥ; nirindriyā amantrāś ca striyo 'nṛtam iti śrutiḥ

Und für Frauen gibt es keinen [Ritus-]Akt: so ist die Norm festgelegt; ohne Kraft [?] und ohne Mantras sind die Frauen, [sie sind] Unwahrheit: so lautet die Überlieferung.

Wort für Wort
na ca strīṇāṃ kriyā kā cit
und nicht gibt es für Frauen irgendeinen Ritus (Gen.Pl.)
iti dharmo vyavasthitaḥ
so ist die Norm festgesetzt (Ptz.Pass.)
nirindriyā amantrāś ca
ohne Kraft [?] und ohne Mantras (Nom.Pl.)
striyo 'nṛtam iti śrutiḥ
Frauen [sind] Unwahrheit, so die Überlieferung (Nom.)

nirindriyā = ohne Sinneskraft/Vermögen; Deutung unsicher.

śayyāsanam alaṃkāram annapānam anāryatām; durvāgbhāvaṃ ratiṃ caiva dadau strībhyaḥ prajāpatiḥ

Bett und Sitz, Schmuck, Speise und Trank, Unedles, üble Rede und Lust gab Prajāpati den Frauen.

Wort für Wort
śayyāsanam alaṃkāram
Lager und Sitz, Schmuck (Akk.)
annapānam anāryatām
Speise und Trank, Unedelkeit (Akk.)
durvāgbhāvaṃ ratiṃ caiva
üble Rede-Gesinnung und Lust (Akk.)
dadau strībhyaḥ prajāpatiḥ
gab den Frauen Prajāpati (Perf./Dat.)

na tāsāṃ rakṣaṇaṃ kartuṃ śakyaṃ puṃsā kathaṃ cana; api viśvakṛtā tāta kutas tu puruṣair iha

Sie zu beschützen ist einem Mann auf keine Weise möglich; nicht einmal dem Weltenschöpfer, mein Lieber; wie erst den Männern hier?

Wort für Wort
na tāsāṃ rakṣaṇaṃ kartum
nicht ist es, sie zu beschützen, zu tun (Inf.)
śakyaṃ puṃsā kathaṃ cana
möglich für einen Mann, auf keine Weise (Instr.)
api viśvakṛtā tāta
nicht einmal vom Weltenschöpfer, Lieber (Instr.)
kutas tu puruṣair iha
wie erst von Männern hier (Instr.Pl.)

vācā vā vadhabandhair vā kleśair vā vividhais tathā; na śakyā rakṣituṃ nāryas tā hi nityam asaṃyatāḥ

Weder durch Worte noch durch Schläge und Fesseln noch durch mannigfache Qualen können die Frauen bewacht werden; denn sie sind stets ungezügelt.

Wort für Wort
vācā vā vadhabandhair vā
durch Wort oder durch Schläge und Fesseln (Instr.)
kleśair vā vividhais tathā
oder durch vielfältige Qualen (Instr.Pl.)
na śakyā rakṣituṃ nāryaḥ
nicht können bewacht werden die Frauen (Inf.)
tā hi nityam asaṃyatāḥ
denn sie sind stets ungezügelt (Nom.Pl.)

idaṃ tu puruṣavyāghra purastāc chrutavān aham; yathā rakṣā kṛtā pūrvaṃ vipulena gurustriyaḥ

Dies aber, Tiger unter den Männern, habe ich früher gehört: wie einst Vipula die Frau seines Lehrers beschützte.

Wort für Wort
idaṃ tu puruṣavyāghra
dies aber, Männertiger (Vok.)
purastāc chrutavān aham
früher gehört habend bin ich (Ptz.Perf.)
yathā rakṣā kṛtā pūrvam
wie Schutz einst geleistet wurde
vipulena gurustriyaḥ
von Vipula, der Lehrerfrau (Instr./Gen.)

gurustriyaḥ: Lesung als Objekt zu rakṣā formal ungewöhnlich (Nom.Pl./Gen.Sg.).

tan nibodha mahārāja kathayāmi samāsataḥ

Das vernimm, großer König; ich erzähle es in Kürze.

Wort für Wort
tan nibodha mahārāja
das vernimm, Großkönig (Imp./Vok.)
kathayāmi samāsataḥ
ich erzähle in Kürze (1.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ṛṣir āsīn mahābhāgo devaśarmeti viśrutaḥ; tasya bhāryā rucir nāma rūpeṇāsadṛśī bhuvi

Es war ein hochbegnadeter Seher, bekannt als Devaśarman; seine Gattin hieß Ruci, an Gestalt auf Erden ohnegleichen.

Wort für Wort
ṛṣir āsīn mahābhāgaḥ
ein Seher war, hochbegnadet (Impf.)
devaśarmeti viśrutaḥ
Devaśarman genannt, berühmt
tasya bhāryā rucir nāma
seine Gattin, Ruci mit Namen
rūpeṇāsadṛśī bhuvi
an Gestalt ohnegleichen auf Erden (Instr./Lok.)

tasya rūpeṇa saṃmattā devagandharvadānavāḥ; viśeṣatas tu rājendra vṛtrahā pākaśāsanaḥ

Von ihrer Schönheit waren Götter, Gandharven und Dānavas berauscht, besonders aber, König der Könige, der Vṛtra-Töter, Pākaśāsana.

Wort für Wort
tasya rūpeṇa saṃmattāḥ
von ihrer Schönheit berauscht (Ptz.Pass.)
devagandharvadānavāḥ
Götter, Gandharven, Dānavas (Nom.Pl.)
viśeṣatas tu rājendra
besonders aber, Königsfürst (Vok.)
vṛtrahā pākaśāsanaḥ
der Vṛtra-Töter, Pākaśāsana [Indra]

tasya (m.) im Text für die Gattin; als „ihrer“ wiedergegeben.

nārīṇāṃ caritajñaś ca devaśarmā mahāmuniḥ; yathāśakti yathotsāhaṃ bhāryāṃ tām abhyarakṣata

Und Devaśarman, der große Weise, kannte das Verhalten der Frauen; nach Kraft und Eifer bewachte er jene Gattin.

Wort für Wort
nārīṇāṃ caritajñaś ca
und der Kenner des Verhaltens der Frauen (Gen.Pl.)
devaśarmā mahāmuniḥ
Devaśarman, der große Weise
yathāśakti yathotsāham
nach Kraft, nach Eifer
bhāryāṃ tām abhyarakṣata
jene Gattin bewachte er (3.Sg.Impf.Med.)

puraṃdaraṃ ca jānīte parastrīkāmacāriṇam; tasmād yatnena bhāryāyā rakṣaṇaṃ sa cakāra ha

Und er wusste von Puraṃdara, dass er fremden Frauen nachstellt; darum sorgte er mit Bedacht für den Schutz seiner Gattin.

Wort für Wort
puraṃdaraṃ ca jānīte
und Puraṃdara kennt er (3.Sg.Präs.)
parastrīkāmacāriṇam
der nach fremden Frauen begehrend umherstreift (Akk.)
tasmād yatnena bhāryāyāḥ
darum mit Mühe der Gattin (Abl./Instr./Gen.)
rakṣaṇaṃ sa cakāra ha
Schutz tat er (Perf.)

sa kadā cid ṛṣis tāta yajñaṃ kartumanās tadā; bhāryāsaṃrakṣaṇaṃ kāryaṃ kathaṃ syād ity acintayat

Als dieser Seher einmal, mein Lieber, ein Opfer darbringen wollte, überlegte er: „Wie kann der Schutz der Gattin bewerkstelligt werden?“

Wort für Wort
sa kadā cid ṛṣis tāta
er einmal, der Seher, Lieber
yajñaṃ kartumanās tadā
ein Opfer zu tun gesonnen, damals
bhāryāsaṃrakṣaṇaṃ kāryam
Schutz der Gattin ist zu leisten (Gerundiv)
kathaṃ syād ity acintayat
wie es sein könnte, so dachte er (Opt./Impf.)

rakṣāvidhānaṃ manasā sa vicintya mahātapāḥ; āhūya dayitaṃ śiṣyaṃ vipulaṃ prāha bhārgavam

Nachdem der große Asket im Geiste die Schutzvorkehrung erwogen hatte, rief er seinen geliebten Schüler Vipula, den Bhārgava, und sprach.

Wort für Wort
rakṣāvidhānaṃ manasā
Schutzvorkehrung im Geiste (Akk./Instr.)
sa vicintya mahātapāḥ
er, erwägend, der große Asket (Abs.)
āhūya dayitaṃ śiṣyam
rufend den geliebten Schüler (Abs.)
vipulaṃ prāha bhārgavam
Vipula, den Bhārgava, sprach er an

yajñakāro gamiṣyāmi ruciṃ cemāṃ sureśvaraḥ; putra prārthayate nityaṃ tāṃ rakṣasva yathābalam

„Ich werde als Opfernder gehen; und diese Ruci begehrt der Herr der Götter [Indra] beständig. Sohn, beschütze sie nach Kräften.“

Wort für Wort
yajñakāro gamiṣyāmi
als Opferer werde ich gehen (1.Sg.Fut.)
ruciṃ cemāṃ sureśvaraḥ
und diese Ruci [begehrt] der Götterherr
putra prārthayate nityam
Sohn, er begehrt beständig (3.Sg.Präs.Med.)
tāṃ rakṣasva yathābalam
sie beschütze nach Kräften (Imp.Med.)

yajñakāraḥ als „als Opferer/Opfernder“ gedeutet; prārthayate ohne ausdrückliches Objekt ruciṃ.

apramattena te bhāvyaṃ sadā prati puraṃdaram; sa hi rūpāṇi kurute vividhāni bhṛgūdvaha

„Du musst stets wachsam sein gegenüber Puraṃdara; denn er nimmt vielerlei Gestalten an, Spross des Bhṛgu.“

Wort für Wort
apramattena te bhāvyam
von dir ist Wachsamkeit zu üben (Gerundiv)
sadā prati puraṃdaram
stets gegenüber Puraṃdara
sa hi rūpāṇi kurute
denn er nimmt Gestalten an (3.Sg.Präs.Med.)
vividhāni bhṛgūdvaha
vielerlei, Nachkomme des Bhṛgu (Vok.)

ity ukto vipulas tena tapasvī niyatendriyaḥ; sadaivogratapā rājann agnyarkasadṛśadyutiḥ

So von ihm angesprochen, [sagte] Vipula, der Asket mit gezügelten Sinnen, stets von grimmiger Askese, König, an Glanz Feuer und Sonne gleich,

Wort für Wort
ity ukto vipulas tena
so angesprochen Vipula von ihm
tapasvī niyatendriyaḥ
der Asket, mit gezügelten Sinnen
sadaivogratapā rājan
stets von grimmiger Askese, König
agnyarkasadṛśadyutiḥ
dessen Glanz Feuer und Sonne gleicht (Bahuvrīhi)

dharmajñaḥ satyavādī ca tatheti pratyabhāṣata; punaś cedaṃ mahārāja papraccha prathitaṃ gurum

der Kenner des Dharma, wahrhaftig, antwortete: „So sei es.“ Und, großer König, er fragte den berühmten Lehrer noch dies:

Wort für Wort
dharmajñaḥ satyavādī ca
Dharma-Kenner und wahrredend
tatheti pratyabhāṣata
„so [sei es]“, antwortete er (3.Sg.Impf.Med.)
punaś cedaṃ mahārāja
und wieder dies, Großkönig
papraccha prathitaṃ gurum
fragte den berühmten Lehrer (Perf.)

kāni rūpāṇi śakrasya bhavanty āgacchato mune; vapus tejaś ca kīdṛg vai tan me vyākhyātum arhasi

„Welche Gestalten nimmt Śakra an, wenn er kommt, Weiser? Und wie sind Leib und Glanz? Das musst du mir erklären.“

Wort für Wort
kāni rūpāṇi śakrasya
welche Gestalten [hat] Śakra (Gen.)
bhavanty āgacchato mune
sind, wenn er kommt, Weiser (Ptz.Gen.)
vapus tejaś ca kīdṛg vai
Leib und Glanz, wie beschaffen
tan me vyākhyātum arhasi
das mir zu erklären vermagst/sollst du (Inf.)

tataḥ sa bhagavāṃs tasmai vipulāya mahātmane; ācacakṣe yathātattvaṃ māyāṃ śakrasya bhārata

Da erklärte der Ehrwürdige dem hochgesinnten Vipula der Wahrheit gemäß die Zauberkraft Śakras, Bhārata.

Wort für Wort
tataḥ sa bhagavāṃs tasmai
da jener Ehrwürdige ihm
vipulāya mahātmane
dem Vipula, dem Hochgesinnten (Dat.)
ācacakṣe yathātattvam
erklärte der Wahrheit gemäß (Perf.Med.)
māyāṃ śakrasya bhārata
die Māyā Śakras, Bhārata

bahumāyaḥ sa viprarṣe balahā pākaśāsanaḥ; tāṃs tān vikurute bhāvān bahūn atha muhur muhuḥ

„Vielfältig an Zauber ist er, Brahmanenseher, der Balahan, Pākaśāsana; immer wieder nimmt er diese und jene Zustände an, viele.“

Wort für Wort
bahumāyaḥ sa viprarṣe
reich an Zauber ist er, Brahmanenseher
balahā pākaśāsanaḥ
der Bala-Töter, Pākaśāsana
tāṃs tān vikurute bhāvān
jene und jene Zustände nimmt er an (3.Sg.Präs.Med.)
bahūn atha muhur muhuḥ
viele, und wieder und wieder

kirīṭī vajrabhṛd dhanvī mukuṭī baddhakuṇḍalaḥ; bhavaty atha muhūrtena caṇḍālasamadarśanaḥ

„Mit Diadem, Donnerkeil-Träger, Bogenträger, gekrönt, mit angelegten Ohrringen; und im Nu wird er, [einem] Caṇḍāla gleich anzusehen.“

Wort für Wort
kirīṭī vajrabhṛd dhanvī
mit Diadem, Donnerkeilträger, Bogenträger (Nom.)
mukuṭī baddhakuṇḍalaḥ
gekrönt, mit angelegten Ohrringen
bhavaty atha muhūrtena
wird dann im Augenblick (3.Sg.Präs./Instr.)
caṇḍālasamadarśanaḥ
einem Caṇḍāla gleich anzusehen

śikhī jaṭī cīravāsāḥ punar bhavati putraka; bṛhaccharīraś ca punaḥ pīvaro 'tha punaḥ kṛśaḥ

„Mit Haarschopf, mit Flechten, in Rindenkleidung wird er wieder, mein Söhnchen; bald großleibig, bald wieder fett, bald wieder mager.“

Wort für Wort
śikhī jaṭī cīravāsāḥ
mit Schopf, mit Flechten, mit Rindengewand
punar bhavati putraka
wieder wird er, Söhnchen
bṛhaccharīraś ca punaḥ
und großleibig wieder
pīvaro 'tha punaḥ kṛśaḥ
fett, dann wieder mager

gauraṃ śyāmaṃ ca kṛṣṇaṃ ca varṇaṃ vikurute punaḥ; virūpo rūpavāṃś caiva yuvā vṛddhas tathaiva ca

Hell, dunkel und schwarz: die Hautfarbe wandelt er wiederum; hässlich und schön, jung und ebenso alt.

Wort für Wort
gauraṃ śyāmaṃ ca kṛṣṇaṃ ca varṇaṃ
hell, dunkel und schwarz, die Farbe (Akk.Sg.)
vikurute punaḥ
er verwandelt wiederum (3.Sg.Med.Präs./Adv.)
virūpo rūpavāṃś caiva
hässlich und schön (Nom.Sg.)
yuvā vṛddhas tathaiva ca
jung und ebenso alt (Nom.Sg.)

prājño jaḍaś ca mūkaś ca hrasvo dīrghas tathaiva ca; brāhmaṇaḥ kṣatriyaś caiva vaiśyaḥ śūdras tathaiva ca; pratilomānulomaś ca bhavaty atha śatakratuḥ

Weise, stumpf und stumm, klein und ebenso groß; Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya und ebenso Śūdra; auch als [Mischling] gegen- oder gleichläufiger Ordnung wird Śatakratu.

Wort für Wort
prājño jaḍaś ca mūkaś ca
weise, stumpfsinnig und stumm (Nom.Sg.)
hrasvo dīrghas tathaiva ca
klein und ebenso groß (Nom.Sg.)
brāhmaṇaḥ kṣatriyaś caiva vaiśyaḥ śūdras tathaiva ca
Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya und ebenso Śūdra (Nom.Sg.)
pratilomānulomaś ca
auch der gegenläufig und der gleichläufig [Gezeugte] (Nom.Sg.)
bhavaty atha śatakratuḥ
wird nun Śatakratu (3.Sg.Präs./Nom.)

pratiloma/anuloma: Bezeichnung für Mischkasten-Nachkommen aus Verbindungen gegen bzw. mit der Rangordnung; wörtlich ‚gegen/mit dem Haar‘.

śukavāyasarūpī ca haṃsakokilarūpavān; siṃhavyāghragajānāṃ ca rūpaṃ dhārayate punaḥ

Er wird zu einem Papagei und einer Krähe in der Gestalt, hat Gestalt von Gans und Kuckuck; und die Gestalt von Löwen, Tigern und Elefanten nimmt er wiederum an.

Wort für Wort
śukavāyasarūpī ca
und von der Gestalt eines Papageis und einer Krähe (Nom.Sg.)
haṃsakokilarūpavān
mit der Gestalt von Gans und Kuckuck (Nom.Sg.)
siṃhavyāghragajānāṃ ca rūpaṃ
und die Gestalt von Löwen, Tigern, Elefanten (Gen.Pl./Akk.Sg.)
dhārayate punaḥ
nimmt an wiederum (3.Sg.Med.Präs.)

daivaṃ daityam atho rājñāṃ vapur dhārayate 'pi ca; sukṛśo vāyubhagnāṅgaḥ śakunir vikṛtas tathā

Auch göttliche, dämonische Gestalt und die Gestalt von Königen nimmt er an; ganz abgemagert, mit vom Wind gebrochenen Gliedern, als Vogel, ebenso missgestaltet.

Wort für Wort
daivaṃ daityam atho rājñāṃ vapur
göttlich, dämonisch, ferner der Könige Gestalt (Akk.Sg./Gen.Pl.)
dhārayate 'pi ca
nimmt auch an (3.Sg.Med.Präs.)
sukṛśo vāyubhagnāṅgaḥ
sehr abgemagert, mit vom Wind zerbrochenen Gliedern (Nom.Sg.)
śakunir vikṛtas tathā
ein Vogel, ebenso missgestaltet (Nom.Sg.)

Der zweite Halbvers ist knapp und teilweise unsicher gedeutet; śakuni ‚Vogel‘ ist mit einem Namen (Śakuni) nicht zu verwechseln.

catuṣpād bahurūpaś ca punar bhavati bāliśaḥ; makṣikāmaśakādīnāṃ vapur dhārayate 'pi ca

Vierfüßig und vielgestaltig wird er wiederum, [auch] töricht; und die Gestalt von Fliegen, Mücken und dergleichen nimmt er an.

Wort für Wort
catuṣpād bahurūpaś ca
vierfüßig und vielgestaltig (Nom.Sg.)
punar bhavati bāliśaḥ
wird wiederum töricht (3.Sg.Präs./Nom.)
makṣikāmaśakādīnāṃ
von Fliegen, Mücken und anderen (Gen.Pl.)
vapur dhārayate 'pi ca
die Gestalt nimmt er auch an (Akk.Sg./3.Sg.Med.)

na śakyam asya grahaṇaṃ kartuṃ vipula kena cit; api viśvakṛtā tāta yena sṛṣṭam idaṃ jagat

Nicht ist sein Erfassen durch irgendjemanden möglich, Vipula, mein Lieber; nicht einmal durch den Allschöpfer, von dem diese Welt erschaffen wurde.

Wort für Wort
na śakyam asya grahaṇaṃ
nicht möglich ist sein Erfassen (Nom.Sg.n./Gen.)
kartuṃ vipula kena cit
zu tun, Vipula, durch irgendwen (Inf./Vok./Instr.)
api viśvakṛtā tāta
nicht einmal durch den Allschöpfer, Lieber (Instr./Vok.)
yena sṛṣṭam idaṃ jagat
von dem erschaffen wurde diese Welt (Instr./Part.Pass./Nom.)

punar antarhitaḥ śakro dṛśyate jñānacakṣuṣā; vāyubhūtaś ca sa punar devarājo bhavaty uta

Wieder unsichtbar geworden, wird Śakra nur mit dem Auge der Erkenntnis gesehen; und zum Wind geworden, wird er, der Götterkönig, wiederum [erscheinen].

Wort für Wort
punar antarhitaḥ śakro
wieder verschwunden, Śakra (Part.Pass./Nom.)
dṛśyate jñānacakṣuṣā
wird gesehen mit dem Auge der Erkenntnis (3.Sg.Pass./Instr.)
vāyubhūtaś ca sa punar
und zum Wind geworden, er wiederum (Nom.Sg.)
devarājo bhavaty uta
der Götterkönig wird (3.Sg.Präs.)

evaṃ rūpāṇi satataṃ kurute pākaśāsanaḥ; tasmād vipula yatnena rakṣemāṃ tanumadhyamām

So nimmt Pākaśāsana beständig [neue] Gestalten an; darum, Vipula, hüte mit Eifer diese Schlankleibige.

Wort für Wort
evaṃ rūpāṇi satataṃ
so Gestalten beständig (Adv./Akk.Pl./Adv.)
kurute pākaśāsanaḥ
macht/nimmt an Pākaśāsana (3.Sg.Med.Präs./Nom.)
tasmād vipula yatnena
darum, Vipula, mit Anstrengung (Abl./Vok./Instr.)
rakṣemāṃ tanumadhyamām
hüte diese Schlankleibige (Imp.2.Sg./Akk.Sg.f.)

tanumadhyamā: wörtlich ‚die mit dünner Mitte‘, d. h. mit schmaler Taille.

sā tvayā satataṃ rakṣyā ity uktvā prayayau muniḥ

„Sie ist von dir beständig zu behüten“, so sprach der Weise und ging fort.

Wort für Wort
sā tvayā satataṃ rakṣyā
sie ist von dir beständig zu behüten (Nom.f./Instr./Adv./Gerundiv)
ity uktvā
so gesagt habend (Abs.)
prayayau muniḥ
ging fort der Weise (3.Sg.Perf./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternpassage).

yathā ruciṃ nāvalihed devendro bhṛgusattama; kratāv upahitaṃ nyastaṃ haviḥ śveva durātmavān

Wie es ihm beliebt [oder: Rucī], soll der Götterherr sie nicht belecken, Bester der Bhṛgu, wie ein Hund, der Übelgesinnte, das im Opfer bereitgestellte, niedergelegte Opferschmalz.

Wort für Wort
yathā ruciṃ nāvalihed
wie nach Belieben / Rucī soll nicht belecken (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Opt.)
devendro bhṛgusattama
der Götterherr, Bester der Bhṛgu (Nom./Vok.)
kratāv upahitaṃ nyastaṃ
im Opfer bereitgestellt, niedergelegt (Lok./Part.Pass. Akk.)
haviḥ śveva durātmavān
Opferguss wie ein Hund, der Übelgesinnte (Akk./Nom.)

yathā ruciṃ ist doppeldeutig: ‚nach Belieben‘ und ‚Rucī‘ (die Frau); śveva = śvā iva.

evam ākhyāya sa munir yajñakāro 'gamat tadā; devaśarmā mahābhāgas tato bharatasattama

So sprach der Weise, der Opferausführende, und ging damals fort, Devaśarman, der Hochbeglückte, dann, Bester der Bharata.

Wort für Wort
evam ākhyāya sa munir
so gesagt habend, jener Weise (Abs./Nom.)
yajñakāro 'gamat tadā
der Opferausführende ging damals (Nom./3.Sg.Aor.)
devaśarmā mahābhāgas
Devaśarman, der Hochbeglückte (Nom.Sg.)
tato bharatasattama
dann, Bester der Bharata (Adv./Vok.)

vipulas tu vacaḥ śrutvā guroś cintāparo 'bhavat; rakṣāṃ ca paramāṃ cakre devarājān mahābalāt

Vipula aber, nachdem er das Wort des Gurus gehört hatte, wurde sorgenvoll; und er traf höchsten Schutz vor dem gewaltigen Götterkönig.

Wort für Wort
vipulas tu vacaḥ śrutvā
Vipula aber, das Wort gehört habend (Nom./Akk./Abs.)
guroś cintāparo 'bhavat
des Gurus; wurde sorgenvoll (Gen./3.Sg.Impf.)
rakṣāṃ ca paramāṃ cakre
und höchsten Schutz traf er (Akk.Sg./3.Sg.Perf.Med.)
devarājān mahābalāt
vor dem Götterkönig, dem sehr Starken (Abl.Sg.)

kiṃ nu śakyaṃ mayā kartuṃ gurudārābhirakṣaṇe; māyāvī hi surendro 'sau durdharṣaś cāpi vīryavān

„Was aber kann ich tun beim Schutz der Frau meines Gurus? Denn ein Zauberer ist jener Götterherr, schwer zu bezwingen und zudem kraftvoll.“

Wort für Wort
kiṃ nu śakyaṃ mayā kartuṃ
was ist mir möglich zu tun (Nom.n./Instr./Inf.)
gurudārābhirakṣaṇe
beim Schutz der Frau des Gurus (Lok.Sg.)
māyāvī hi surendro 'sau
denn ein Zauberer ist jener Götterfürst (Nom.)
durdharṣaś cāpi vīryavān
und schwer zu bezwingen, kraftvoll (Nom.Sg.)

nāpidhāyāśramaṃ śakyo rakṣituṃ pākaśāsanaḥ; uṭajaṃ vā tathā hy asya nānāvidhasarūpatā

„Nicht ist Pākaśāsana zu hüten, indem man die Einsiedelei verschließt, oder die Hütte; denn seine Verwandlung in vielerlei Gestalten [ist so].“

Wort für Wort
nāpidhāyāśramaṃ
nicht verschließend die Einsiedelei (Abs./Akk.)
śakyo rakṣituṃ pākaśāsanaḥ
möglich ist es zu schützen Pākaśāsana (Nom./Inf./Nom.)
uṭajaṃ vā tathā hy asya
oder die Hütte; denn dessen (Akk./Gen.)
nānāvidhasarūpatā
Gestaltannahme vielerlei Art (Nom.Sg.f.)

Der Text ist knapp; die Ergänzung ‚so‘ ist nicht im Sanskrit. Die Lesart des zweiten Halbverses ist [?] unsicher.

vāyurūpeṇa vā śakro gurupatnīṃ pradharṣayet; tasmād imāṃ saṃpraviśya ruciṃ sthāsye 'ham adya vai

„Oder als Wind könnte Śakra die Frau des Gurus bedrängen; darum werde ich, in diese eingetreten, heute in Rucī verweilen.“

Wort für Wort
vāyurūpeṇa vā śakro
oder in Windgestalt Śakra (Instr./Nom.)
gurupatnīṃ pradharṣayet
die Frau des Gurus überwältigen könnte (Akk./3.Sg.Opt.Kaus.)
tasmād imāṃ saṃpraviśya
darum in diese eingetreten (Abl./Akk./Abs.)
ruciṃ sthāsye 'ham adya vai
in Rucī werde ich bleiben heute gewiss (Akk./1.Sg.Fut./Adv.)

atha vā pauruṣeṇeyam aśakyā rakṣituṃ mayā; bahurūpo hi bhagavāñ chrūyate harivāhanaḥ

„Oder: Durch Mannestat ist sie von mir nicht zu schützen; denn vielgestaltig, so hört man, ist der Erhabene, der Falben-Gespannte.“

Wort für Wort
atha vā pauruṣeṇeyam
oder durch Mannesstärke diese (Instr./Nom.f.)
aśakyā rakṣituṃ mayā
nicht möglich zu schützen von mir (Nom.f./Inf./Instr.)
bahurūpo hi bhagavāñ
denn vielgestaltig der Erhabene (Nom.Sg.)
chrūyate harivāhanaḥ
man hört, der Falben-Gespannte (3.Sg.Pass./Nom.)

harivāhana ‚der Falbenwagen-Lenker‘: Epitheton Indras.

so 'haṃ yogabalād enāṃ rakṣiṣye pākaśāsanāt; gātrāṇi gātrair asyāhaṃ saṃpravekṣye 'bhirakṣitum

„So werde ich sie kraft des Yoga vor Pākaśāsana schützen; ihre Glieder werde ich mit meinen Gliedern betreten, um sie zu behüten.“

Wort für Wort
so 'haṃ yogabalād enāṃ
so ich, durch Yogakraft diese (Nom./Abl./Akk.)
rakṣiṣye pākaśāsanāt
werde schützen vor Pākaśāsana (1.Sg.Fut./Abl.)
gātrāṇi gātrair asyāhaṃ
Glieder mit Gliedern ihrer, ich (Akk.Pl./Instr.Pl./Gen.)
saṃpravekṣye 'bhirakṣitum
werde betreten, um zu schützen (1.Sg.Fut./Inf.)

yady ucchiṣṭām imāṃ patnīṃ ruciṃ paśyeta me guruḥ; śapsyaty asaṃśayaṃ kopād divyajñāno mahātapāḥ

„Wenn mein Guru diese seine Frau Rucī als Befleckte sähe, würde er, der göttliches Wissen hat, der große Asket, zweifellos im Zorn verfluchen.“

Wort für Wort
yady ucchiṣṭām imāṃ patnīṃ
wenn als befleckt diese Gattin (Akk.Sg.f.)
ruciṃ paśyeta me guruḥ
Rucī sähe mein Guru (Akk./3.Sg.Opt.Med./Nom.)
śapsyaty asaṃśayaṃ kopād
würde verfluchen zweifellos aus Zorn (3.Sg.Fut./Adv./Abl.)
divyajñāno mahātapāḥ
der göttlich Wissende, der große Asket (Nom.Sg.)

ucchiṣṭā: wörtlich ‚Rest, Übriggelassene‘, d. h. von anderem berührt/entweiht.

na ceyaṃ rakṣituṃ śakyā yathānyā pramadā nṛbhiḥ; māyāvī hi surendro 'sāv aho prāpto 'smi saṃśayam

„Und diese ist nicht wie eine andere Frau von Männern zu schützen; denn ein Zauberer ist jener Götterfürst; ach, in einen Zweifel [Zwiespalt] bin ich geraten.“

Wort für Wort
na ceyaṃ rakṣituṃ śakyā
und diese ist nicht möglich zu schützen (Nom.f./Inf.)
yathānyā pramadā nṛbhiḥ
wie eine andere Frau von Männern (Nom./Instr.Pl.)
māyāvī hi surendro 'sāv
denn ein Zauberer jener Götterfürst (Nom.)
aho prāpto 'smi saṃśayam
ach, gelangt bin ich in Zweifel (Interj./Part.Pass. + 1.Sg./Akk.)

avaśyakaraṇīyaṃ hi guror iha hi śāsanam; yadi tv etad ahaṃ kuryām āścaryaṃ syāt kṛtaṃ mayā

„Der Befehl des Gurus ist hier unbedingt auszuführen; wenn ich aber dies täte, wäre es ein Wunderliches, von mir Getanes.“

Wort für Wort
avaśyakaraṇīyaṃ hi
unbedingt auszuführen (Gerundiv Nom.n.)
guror iha hi śāsanam
des Gurus hier der Befehl (Gen./Nom.)
yadi tv etad ahaṃ kuryām
wenn aber dies ich täte (1.Sg.Opt.)
āścaryaṃ syāt kṛtaṃ mayā
ein Wunder wäre getan von mir (Nom./3.Sg.Opt./Part./Instr.)

Der Sinn von āścaryaṃ hier [?] etwas unklar: ‚ungewöhnlich‘ bzw. ‚wunderlich, gewagt‘.

yogenānupraviśyeha gurupatnyāḥ kalevaram; nirmuktasya rajorūpān nāparādho bhaven mama

„Durch Yoga hier in den Körper der Gurufrau eingetreten: für mich, der ich von der Gestalt der Leidenschaft frei bin, entstünde keine Schuld.“

Wort für Wort
yogenānupraviśyeha
durch Yoga hineingetreten hier (Instr./Abs./Adv.)
gurupatnyāḥ kalevaram
der Frau des Gurus Körper (Gen./Akk.)
nirmuktasya rajorūpān
für den Befreiten von der Leidenschaftsgestalt (Gen./Abl.)
nāparādho bhaven mama
keine Schuld entstünde mir (Nom./3.Sg.Opt./Gen.)

rajorūpa: rajas ‚Leidenschaft, Trübung‘ (auch ‚Staub‘), Deutung [?].

mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ; anyathāliṅgyate kāntā duhitāliṅgyate 'nyathā; garbhasaṃstho yathā putro jāyamāno na lipyate; evaṃ jñānī na laukyaiś ca karmabhir naiva duṣyate

„Der Geist allein ist bei den Menschen die Ursache von Bindung und Befreiung; anders wird die Geliebte umarmt, anders wird die Tochter umarmt; wie der im Mutterleib befindliche Sohn bei der Geburt nicht befleckt wird, so wird der Wissende weder durch weltliche Taten befleckt noch schuldig.“

Wort für Wort
mana eva manuṣyāṇāṃ
der Geist allein der Menschen (Nom./Gen.Pl.)
kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ
Ursache von Bindung und Befreiung (Nom./Gen.Du.)
anyathāliṅgyate kāntā
anders wird umarmt die Geliebte (3.Sg.Pass./Nom.)
duhitāliṅgyate 'nyathā
die Tochter wird umarmt anders (Nom./3.Sg.Pass.)
garbhasaṃstho yathā putro jāyamāno na lipyate
wie der im Schoß befindliche Sohn bei der Geburt nicht befleckt wird (Nom./Part.Präs.Med./3.Sg.Pass.)
evaṃ jñānī na laukyaiś ca karmabhir naiva duṣyate
so der Wissende wird durch weltliche Taten gewiss nicht verdorben (Nom./Instr.Pl./3.Sg.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe (Sternpassage); die Passage ist ein eingeschobener Lehrsatz.

yathā hi śūnyāṃ pathikaḥ sabhām adhyāvaset pathi; tathādyāvāsayiṣyāmi gurupatnyāḥ kalevaram

„Wie ein Wanderer auf dem Weg eine leere Halle bezieht, so werde ich jetzt den Körper der Gurufrau beziehen.“

Wort für Wort
yathā hi śūnyāṃ pathikaḥ
wie ein Wanderer eine leere (Akk.f./Nom.)
sabhām adhyāvaset pathi
Halle bezieht auf dem Weg (Akk./3.Sg.Opt./Lok.)
tathādyāvāsayiṣyāmi
so werde ich jetzt bewohnen (1.Sg.Fut. Kaus.)
gurupatnyāḥ kalevaram
der Gurufrau Körper (Gen./Akk.)

asaktaḥ padmapatrastho jalabindur yathā calaḥ; evam eva śarīre 'syā nivatsyāmi samāhitaḥ

„Unhaftend, wie ein zitternder Wassertropfen auf dem Lotusblatt, so werde ich in ihrem Körper verweilen, gesammelt.“

Wort für Wort
asaktaḥ padmapatrastho
unanhaftend, auf dem Lotusblatt befindlich (Nom.Sg.)
jalabindur yathā calaḥ
der Wassertropfen, wie zitternd (Nom./Adv./Nom.)
evam eva śarīre 'syā
ebenso in ihrem Körper (Adv./Lok./Gen.f.)
nivatsyāmi samāhitaḥ
werde wohnen gesammelt (1.Sg.Fut./Part.Pass.)

ity evaṃ dharmam ālokya vedavedāṃś ca sarvaśaḥ; tapaś ca vipulaṃ dṛṣṭvā guror ātmana eva ca

So erwog er den Dharma und die Veden samt [ihren Hilfswissenschaften] in jeder Hinsicht, und sah die große Askese seines Gurus und auch seine eigene.

Wort für Wort
ity evaṃ dharmam ālokya
so nach Erwägung des Dharma (Abs./Akk.)
vedavedāṃś ca sarvaśaḥ
und die Veden und Veda-[Wissensgebiete] gänzlich (Akk.Pl.)
tapaś ca vipulaṃ dṛṣṭvā
und die große Askese gesehen habend (Akk./Abs.)
guror ātmana eva ca
des Gurus und eben des eigenen (Gen.)

vedavedāṃś ist vermutlich verderbt oder Kurzform für vedavedāṅgān [?].

iti niścitya manasā rakṣāṃ prati sa bhārgavaḥ; ātiṣṭhat paramaṃ yatnaṃ yathā tac chṛṇu pārthiva

So im Geist entschlossen, wandte jener Bhārgava höchste Anstrengung zum Schutz an; wie, das höre, König.

Wort für Wort
iti niścitya manasā
so entschlossen im Geist (Abs./Instr.)
rakṣāṃ prati sa bhārgavaḥ
hinsichtlich des Schutzes, jener Bhārgava (Akk. + Postp./Nom.)
ātiṣṭhat paramaṃ yatnaṃ
wandte an höchste Anstrengung (3.Sg.Impf./Akk.)
yathā tac chṛṇu pārthiva
wie, das höre, König (Adv./Imp./Vok.)

gurupatnīm upāsīno vipulaḥ sa mahātapāḥ; upāsīnām anindyāṅgīṃ kathābhiḥ samalobhayat

Bei der Frau des Gurus sitzend, [saß] Vipula, der große Asket; die neben ihm sitzende Untadelig-Gliedrige fesselte er mit Erzählungen.

Wort für Wort
gurupatnīm upāsīno
bei der Gurufrau sitzend (Akk./Part.Präs.Med.)
vipulaḥ sa mahātapāḥ
Vipula, jener große Asket (Nom.)
upāsīnām anindyāṅgīṃ
die Dasitzende, Untadelig-Gliedrige (Akk.Sg.f.)
kathābhiḥ samalobhayat
mit Erzählungen fesselte/lockte (Instr.Pl./3.Sg.Impf.Kaus.)

samalobhayat: ‚fesseln, bei Laune halten‘ (wörtlich ‚verlocken‘); hier vermutlich harmlos gemeint, um ihre Aufmerksamkeit zu binden.

vipulo 'tha ruciṃ tasmin yogāt tāṃ praviveśa ha; rakṣituṃ gurupatnīṃ sa bahurūpāc chatakratoḥ

Vipula aber ging da durch Yoga in Rucī hinein, um die Frau des Gurus vor dem Vielgestaltigen, Śatakratu, zu schützen.

Wort für Wort
vipulo 'tha ruciṃ tasmin
Vipula da Rucī in diesem [Augenblick] (Nom./Akk./Lok.)
yogāt tāṃ praviveśa ha
durch Yoga in sie trat er ein (Abl./Akk./3.Sg.Perf.)
rakṣituṃ gurupatnīṃ sa
um zu schützen die Gurufrau er (Inf./Akk./Nom.)
bahurūpāc chatakratoḥ
vor dem Vielgestaltigen, Śatakratu (Abl.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternpassage).

netrābhyāṃ netrayor asyā raśmīn saṃyojya raśmibhiḥ; viveśa vipulaḥ kāyam ākāśaṃ pavano yathā

Mit den Augen ihre Augenstrahlen mit [seinen] Strahlen verbindend, drang Vipula in ihren Körper ein wie der Wind in den Himmelsraum.

Wort für Wort
netrābhyāṃ netrayor asyā
mit den Augen in ihren beiden Augen (Instr.Du./Lok.Du./Gen.f.)
raśmīn saṃyojya raśmibhiḥ
Strahlen verbindend mit Strahlen (Akk.Pl./Abs./Instr.Pl.)
viveśa vipulaḥ kāyam
trat ein Vipula in den Körper (3.Sg.Perf./Nom./Akk.)
ākāśaṃ pavano yathā
in den Raum wie der Wind (Akk./Nom./Adv.)

lakṣaṇaṃ lakṣaṇenaiva vadanaṃ vadanena ca; aviceṣṭann atiṣṭhad vai chāyevāntargato muniḥ

Merkmal mit Merkmal, Gesicht mit Gesicht, verharrte er regungslos, der Weise, wie ein Schatten in sie hineingegangen.

Wort für Wort
lakṣaṇaṃ lakṣaṇenaiva
Körpermerkmal mit Merkmal (Akk./Instr.)
vadanaṃ vadanena ca
Gesicht mit Gesicht (Akk./Instr.)
aviceṣṭann atiṣṭhad vai
regungslos stand er (Part.Präs./3.Sg.Impf.)
chāyevāntargato muniḥ
wie ein Schatten hineingegangen der Weise (Nom./Part.Pass./Nom.)

tato viṣṭabhya vipulo gurupatnyāḥ kalevaram; uvāsa rakṣaṇe yukto na ca sā tam abudhyata

Dann, nachdem er den Körper der Gurufrau [in sich] festgesetzt hatte, weilte Vipula, dem Schutz hingegeben; und sie bemerkte ihn nicht.

Wort für Wort
tato viṣṭabhya vipulo
dann festhaltend/festigend Vipula (Adv./Abs./Nom.)
gurupatnyāḥ kalevaram
der Gurufrau Körper (Gen./Akk.)
uvāsa rakṣaṇe yukto
weilte, im Schutz eingesetzt (3.Sg.Perf./Lok./Part.Pass.)
na ca sā tam abudhyata
und nicht sie bemerkte ihn (3.Sg.Impf.Med.)

viṣṭabhya: ‚stützen, festhalten, lähmen‘; Objekt und Sinn [?] leicht unsicher (Körper festhalten/ruhigstellen).

yaṃ kālaṃ nāgato rājan gurus tasya mahātmanaḥ; kratuṃ samāpya svagṛhaṃ taṃ kālaṃ so 'bhyarakṣata

Solange der Guru dieses Hochgesinnten, König, nicht heimkam, nachdem er das Opfer vollendet hatte, [so lange] behütete er sie.

Wort für Wort
yaṃ kālaṃ nāgato rājan
während welcher Zeit nicht gekommen war, König (Akk./Part./Vok.)
gurus tasya mahātmanaḥ
der Guru dieses Hochgesinnten (Nom./Gen.)
kratuṃ samāpya svagṛhaṃ
das Opfer vollendet habend, [ins] eigene Haus (Akk./Abs./Akk.)
taṃ kālaṃ so 'bhyarakṣata
während dieser Zeit schützte er (Akk./3.Sg.Impf.Med.)

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