Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Anuśāsanaparva

Kapitel 118: kīṭavyāsasaṃvāda Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Los der Gefallenen; Vyāsa und der Wurm

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schicksal der Gefallenen erzählt Bhīṣma das Gespräch Vyāsas mit einem Wurm, der sich an sein früheres Leben als reicher, geiziger Śūdra erinnert.

yudhiṣṭhira uvāca; akāmāś ca sakāmāś ca hatā ye 'smin mahāhave; kāṃ yoniṃ pratipannās te tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Die ungewollt und die gewollt in dieser großen Schlacht Gefallenen – in welchen Mutterschoß [welche Daseinsform] sind sie eingegangen? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
akāmāś ca sakāmāś ca
die Willenlosen und die Wollenden (Nom.Pl.)
hatā ye 'smin mahāhave
die in dieser großen Schlacht Erschlagenen (Nom.Pl./Lok.)
kāṃ yoniṃ pratipannās te
in welchen Mutterschoß sind sie gelangt (Akk.Sg./Part.Perf.Pass.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp./Vok.)

duḥkhaṃ prāṇaparityāgaḥ puruṣāṇāṃ mahāmṛdhe; jānāmi tattvaṃ dharmajña prāṇatyāgaṃ suduṣkaram

„Leid ist für Männer das Aufgeben des Lebens in der großen Schlacht; ich kenne die Wahrheit, Kenner des Dharma: Das Aufgeben des Lebenshauchs ist überaus schwer.“

Wort für Wort
duḥkhaṃ prāṇaparityāgaḥ
Leid ist das Aufgeben des Lebenshauchs (Nom.Sg.)
puruṣāṇāṃ mahāmṛdhe
für Männer in der großen Schlacht (Gen.Pl./Lok.)
jānāmi tattvaṃ
ich kenne die Wahrheit (1.Sg.Präs./Akk.)
dharmajña
Kenner des Dharma (Vok.)
prāṇatyāgaṃ suduṣkaram
das Aufgeben des Lebens, überaus schwer (Akk.Sg.)

samṛddhe vāsamṛddhe vā śubhe vā yadi vāśubhe; kāraṇaṃ tatra me brūhi sarvajño hy asi me mataḥ

„Ob in Wohlstand oder in Nichtwohlstand, in Gutem oder auch in Schlechtem [gestorben] – den Grund dafür sage mir; denn du giltst mir als allwissend.“

Wort für Wort
samṛddhe vāsamṛddhe vā
im Wohlstand oder im Nichtwohlstand (Lok.)
śubhe vā yadi vāśubhe
im Guten oder aber im Schlechten (Lok.)
kāraṇaṃ tatra me brūhi
den Grund hierfür sage mir (Akk./Imp.)
sarvajño hy asi
denn allwissend bist du (Nom./2.Sg.Präs.)
me mataḥ
von mir angesehen [als] (Part.Perf.Pass.)

bhīṣma uvāca; samṛddhe vāsamṛddhe vā śubhe vā yadi vāśubhe; saṃsāre 'smin samājātāḥ prāṇinaḥ pṛthivīpate

Bhīṣma sprach: „Ob in Wohlstand oder in Nichtwohlstand, in Gutem oder auch in Schlechtem – in diesem Kreislauf [Saṃsāra] sind die Lebewesen geboren, Herr der Erde.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
samṛddhe vāsamṛddhe vā
im Wohlstand oder im Nichtwohlstand (Lok.)
śubhe vā yadi vāśubhe
im Guten oder aber im Schlechten (Lok.)
saṃsāre 'smin
in diesem Kreislauf (Lok.Sg.)
samājātāḥ prāṇinaḥ
geboren, die Lebewesen (Part.Perf.Pass./Nom.Pl.)
pṛthivīpate
Herr der Erde (Vok.)

niratā yena bhāvena tatra me śṛṇu kāraṇam; samyak cāyam anupraśnas tvayoktaś ca yudhiṣṭhira

In welcher Gesinnung sie [dabei] verankert sind – den Grund davon höre von mir. Richtig ist diese Nachfrage, die du gestellt hast, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
niratā yena bhāvena
hingegeben, durch welche Gesinnung (Nom.Pl.f./Instr.)
tatra me śṛṇu kāraṇam
darüber höre von mir den Grund (Imp./Akk.)
samyak cāyam anupraśnas
und richtig ist diese Nachfrage (Nom.Sg.)
tvayoktaś ca
und von dir gesprochen (Instr./Part.Perf.Pass.)
yudhiṣṭhira
Yudhiṣṭhira (Vok.)

niratā ist Nom.Pl.f. (Bezug auf prāṇinaḥ unklar im Genus); als 'verankert/hingegeben' gefasst.

atra te vartayiṣyāmi purāvṛttam idaṃ nṛpa; dvaipāyanasya saṃvādaṃ kīṭasya ca yudhiṣṭhira

Hierzu will ich dir diese frühere Begebenheit erzählen, König: das Gespräch des Dvaipāyana mit einem Wurm, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
atra te vartayiṣyāmi
hierzu werde ich dir berichten (1.Sg.Fut.Kaus.)
purāvṛttam idaṃ nṛpa
diese frühere Begebenheit, König (Akk./Vok.)
dvaipāyanasya saṃvādaṃ
das Gespräch des Dvaipāyana (Gen./Akk.)
kīṭasya ca yudhiṣṭhira
und eines Wurms, Yudhiṣṭhira (Gen./Vok.)

brahmabhūtaś caran vipraḥ kṛṣṇadvaipāyanaḥ purā; dadarśa kīṭaṃ dhāvantaṃ śīghraṃ śakaṭavartmani

Kṛṣṇa Dvaipāyana, der Brahmane, wandelte einst, mit Brahman eins geworden, umher und sah einen Wurm, der schnell auf der Wagenspur rannte.

Wort für Wort
brahmabhūtaś caran vipraḥ
mit Brahman eins geworden umherwandelnd, der Brahmane (Nom.Sg.)
kṛṣṇadvaipāyanaḥ purā
Kṛṣṇa Dvaipāyana, einst (Nom.)
dadarśa kīṭaṃ
sah einen Wurm (3.Sg.Perf./Akk.)
dhāvantaṃ śīghraṃ
der rannte, schnell (Part.Präs./Akk.)
śakaṭavartmani
auf der Wagenspur (Lok.)

gatijñaḥ sarvabhūtānāṃ rutajñaś ca śarīriṇām; sarvajñaḥ sarvato dṛṣṭvā kīṭaṃ vacanam abravīt

Er, der den Weg [die Bestimmung] aller Wesen kannte und die Laute der Verkörperten verstand, der Allwissende, blickte ringsum, sah den Wurm und sprach [zu ihm] das Wort.

Wort für Wort
gatijñaḥ sarvabhūtānāṃ
Kenner des Ganges/Schicksals aller Wesen (Nom./Gen.Pl.)
rutajñaś ca śarīriṇām
und Kenner der Laute der Verkörperten (Nom./Gen.Pl.)
sarvajñaḥ sarvato dṛṣṭvā
allwissend, ringsum blickend/erblickt habend (Nom./Abs.)
kīṭaṃ vacanam abravīt
zum Wurm sprach er das Wort (Akk./3.Sg.Impf.)

kīṭa saṃtrastarūpo 'si tvaritaś caiva lakṣyase; kva dhāvasi tad ācakṣva kutas te bhayam āgatam

„Wurm, du wirkst erschrocken und wirst eilig gesehen; wohin läufst du? Sag das: Woher ist dir Furcht gekommen?“

Wort für Wort
kīṭa saṃtrastarūpo 'si
Wurm, erschrocken aussehend bist du (Vok./2.Sg.)
tvaritaś caiva lakṣyase
und eilig wirst du wahrgenommen (Pass.Präs.)
kva dhāvasi
wohin rennst du (2.Sg.Präs.)
tad ācakṣva
das sage (Imp.Med.)
kutas te bhayam āgatam
woher ist dir Furcht gekommen (Nom.Sg.n./Part.Perf.)

kīṭa uvāca; śakaṭasyāsya mahato ghoṣaṃ śrutvā bhayaṃ mama; āgataṃ vai mahābuddhe svana eṣa hi dāruṇaḥ; śrūyate na sa māṃ hanyād iti tasmād apākrame

Der Wurm sprach: „Als ich das Dröhnen dieses großen Wagens hörte, kam mir Furcht, du Hochweiser; denn dieses Geräusch ist schrecklich. Es wird gehört [mit dem Gedanken]: ‚Möge er mich nicht töten‘ – deshalb weiche ich zurück.“

Wort für Wort
kīṭa uvāca
der Wurm sprach (Perf.)
śakaṭasyāsya mahato ghoṣaṃ śrutvā
das Dröhnen dieses großen Wagens gehört habend (Gen./Akk./Abs.)
bhayaṃ mama āgataṃ vai
Furcht ist mir gekommen (Nom./Part.Perf.)
mahābuddhe
du Hochweiser (Vok.)
svana eṣa hi dāruṇaḥ śrūyate
denn dieses Geräusch ist schrecklich und wird gehört (Pass.Präs.)
na sa māṃ hanyād iti tasmād apākrame
„er möge mich nicht töten“ – deshalb weiche ich aus (Opt./1.Sg.Präs.Med.)

śvasatāṃ ca śṛṇomy evaṃ goputrāṇāṃ pracodyatām; vahatāṃ sumahābhāraṃ saṃnikarṣe svanaṃ prabho; nṛṇāṃ ca saṃvāhayatāṃ śrūyate vividhaḥ svanaḥ

Auch höre ich das Schnauben der angetriebenen Rinder, das Geräusch derer, die eine sehr große Last ziehen, in der Nähe, Herr; und von den Menschen, die [sie] antreiben, hört man vielfältigen Lärm.

Wort für Wort
śvasatāṃ ca śṛṇomy evaṃ
und ich höre so das Schnaufen der Keuchenden (Gen.Pl./1.Sg.Präs.)
goputrāṇāṃ pracodyatām
der Rinder, die angetrieben werden (Gen.Pl./Part.Kaus.Pass.)
vahatāṃ sumahābhāraṃ
derer, die eine sehr große Last ziehen (Gen.Pl./Akk.)
saṃnikarṣe svanaṃ prabho
in der Nähe das Geräusch, Herr (Lok./Akk./Vok.)
nṛṇāṃ ca saṃvāhayatāṃ
und der Männer, die [sie] lenken (Gen.Pl./Part.Kaus.)
śrūyate vividhaḥ svanaḥ
es wird vielfältiges Getöse gehört (Pass.Präs.)

goputrāṇām wörtlich 'Kuhsöhne', d. h. Rinder/Ochsen.

soḍhum asmadvidhenaiṣa na śakyaḥ kīṭayoninā; tasmād apakramāmy eṣa bhayād asmāt sudāruṇāt

Dies ist von einem meinesgleichen, einem Wurmgeborenen, nicht zu ertragen; darum weiche ich vor dieser überaus schrecklichen Furcht zurück.

Wort für Wort
soḍhum asmadvidhena
zu ertragen von einem, der wie wir ist (Inf./Instr.)
eṣa na śakyaḥ
dies ist nicht möglich (Nom./Gerundiv)
kīṭayoninā
von einem Wurmgeborenen (Instr.)
tasmād apakramāmy eṣa
darum weiche ich zurück (1.Sg.Präs.)
bhayād asmāt sudāruṇāt
vor dieser überaus schrecklichen Furcht (Abl.)

duḥkhaṃ hi mṛtyur bhūtānāṃ jīvitaṃ ca sudurlabham; ato bhītaḥ palāyāmi gaccheyaṃ nāsukhaṃ sukhāt

Denn Leid ist der Tod für die Wesen, und das Leben ist sehr schwer zu erlangen; darum fliehe ich aus Furcht: Möge ich nicht vom Glück ins Unglück gehen.“

Wort für Wort
duḥkhaṃ hi mṛtyur bhūtānāṃ
denn Leid ist der Tod für die Wesen (Nom./Gen.Pl.)
jīvitaṃ ca sudurlabham
und das Leben ist sehr schwer zu erlangen (Nom.Sg.n.)
ato bhītaḥ palāyāmi
darum fliehe ich furchtsam (Part./1.Sg.Präs.)
gaccheyaṃ nāsukhaṃ sukhāt
möge ich nicht vom Glück in Unglück gehen (Opt.1.Sg./Akk./Abl.)

bhīṣma uvāca; ity uktaḥ sa tu taṃ prāha kutaḥ kīṭa sukhaṃ tava; maraṇaṃ te sukhaṃ manye tiryagyonau hi vartase

Bhīṣma sprach: „So angesprochen, sagte jener zu ihm: ‚Woher, Wurm, hast du Glück? Den Tod halte ich für dein Glück, denn du lebst in einem tierischen Mutterschoß.‘

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ity uktaḥ sa tu taṃ prāha
so angesprochen sagte er zu ihm (Part.Perf.Pass./3.Sg.Perf.)
kutaḥ kīṭa sukhaṃ tava
woher, Wurm, Glück für dich (Vok./Nom./Gen.)
maraṇaṃ te sukhaṃ manye
den Tod halte ich für dein Glück (Nom./1.Sg.Präs.)
tiryagyonau hi vartase
denn im tierischen Mutterschoß lebst du (Lok./2.Sg.Präs.)

śabdaṃ sparśaṃ rasaṃ gandhaṃ bhogāṃś coccāvacān bahūn; nābhijānāsi kīṭa tvaṃ śreyo maraṇam eva te

Laut, Berührung, Geschmack, Geruch und viele hohe und niedrige Genüsse kennst du nicht, Wurm; besser ist für dich allein der Tod.“

Wort für Wort
śabdaṃ sparśaṃ rasaṃ gandhaṃ
Laut, Berührung, Geschmack, Geruch (Akk.Sg.)
bhogāṃś coccāvacān bahūn
und viele hohe und niedrige Genüsse (Akk.Pl.)
nābhijānāsi kīṭa tvaṃ
du kennst nicht, Wurm (2.Sg.Präs./Vok.)
śreyo maraṇam eva te
besser ist für dich eben der Tod (Nom.Sg.n./Dat./Gen.)

kīṭa uvāca; sarvatra nirato jīva itīhāpi sukhaṃ mama; cetayāmi mahāprājña tasmād icchāmi jīvitum

Der Wurm sprach: „Überall ist das Lebewesen [an sein Dasein] hingegeben; so ist auch hier Glück mein. Ich nehme es wahr, du großer Weiser; darum will ich leben.“

Wort für Wort
kīṭa uvāca
der Wurm sprach (Perf.)
sarvatra nirato jīva
überall hingegeben ist das Lebewesen (Nom.Sg.)
itīhāpi sukhaṃ mama
so auch hier ist Glück mein (Nom./Gen.)
cetayāmi mahāprājña
ich nehme wahr, du Hochweiser (1.Sg.Präs./Vok.)
tasmād icchāmi jīvitum
darum will ich leben (1.Sg.Präs./Inf.)

jīva hier als Nom. 'das Lebewesen/die Seele' gefasst; alternativ Imperativ 'lebe'? – Text ohne Zusatzannahme als Nominativ gelesen.

ihāpi viṣayaḥ sarvo yathādehaṃ pravartitaḥ; mānuṣās tiryagāś caiva pṛthagbhogā viśeṣataḥ

Auch hier ist der ganze Sinnesbereich dem jeweiligen Körper gemäß eingerichtet; Menschen und Tiere haben besonders getrennte Genüsse.

Wort für Wort
ihāpi viṣayaḥ sarvo
auch hier ist der ganze Bereich der Sinnesobjekte (Nom.Sg.)
yathādehaṃ pravartitaḥ
dem jeweiligen Körper gemäß in Gang gesetzt (Adv./Part.Kaus.Pass.)
mānuṣās tiryagāś caiva
Menschen und Tiere (Nom.Pl.)
pṛthagbhogā viśeṣataḥ
mit gesonderten Genüssen, im Besonderen (Bahuvrīhi/Adv.)

aham āsaṃ manuṣyo vai śūdro bahudhanaḥ purā; abrahmaṇyo nṛśaṃsaś ca kadaryo vṛddhijīvanaḥ

Ich war einst ein Mensch, ein Śūdra, sehr reich; den Brahmanen nicht gewogen, grausam, geizig, vom Zinsnehmen lebend.

Wort für Wort
aham āsaṃ manuṣyo vai
ich war ein Mensch (1.Sg.Impf./Nom.)
śūdro bahudhanaḥ purā
ein Śūdra, sehr reich, einst (Nom./Adv.)
abrahmaṇyo nṛśaṃsaś ca
den Brahmanen nicht gewogen und grausam (Nom.)
kadaryo vṛddhijīvanaḥ
geizig, von Zinsen lebend (Nom.)

vāktīkṣṇo nikṛtiprajño moṣṭā viśvasya sarvaśaḥ; mithaḥkṛto 'panidhanaḥ parasvaharaṇe rataḥ

Scharf in der Rede, betrugskundig, Dieb an allem in jeder Hinsicht; Zwietracht stiftend [?], Anvertrautes unterschlagend [?], am Wegnehmen fremden Besitzes sich erfreuend.

Wort für Wort
vāktīkṣṇo nikṛtiprajñaḥ
scharf in der Rede, kundig des Betrugs (Nom.)
moṣṭā viśvasya sarvaśaḥ
Dieb an allem, in jeder Hinsicht (Nom./Gen./Adv.)
mithaḥkṛto 'panidhanaḥ
Zwietracht stiftend [?], Anvertrautes unterschlagend [?] (Nom.)
parasvaharaṇe rataḥ
am Wegnehmen fremden Besitzes sich freuend (Lok./Nom.)

mithaḥkṛto 'panidhanaḥ ist unsicher; Deutung als 'Streit erzeugend / Depositum verbergend' erwogen, Text möglicherweise verderbt.

bhṛtyātithijanaś cāpi gṛhe paryuṣito mayā; mātsaryāt svādukāmena nṛśaṃsena bubhūṣatā

Auch Diener und Gäste ließ ich im Haus über Nacht [unversorgt] warten [?] – aus Missgunst, nach Leckerem gierig, grausam, auf eigenes Gedeihen bedacht.

Wort für Wort
bhṛtyātithijanaś cāpi
und auch die Leute – Diener und Gäste (Nom.Sg.)
gṛhe paryuṣito mayā
im Haus über Nacht gelassen von mir (Lok./Part.Pass./Instr.)
mātsaryāt svādukāmena
aus Missgunst, von Leckerem begierig (Abl./Instr.)
nṛśaṃsena bubhūṣatā
von einem Grausamen, der nach Gedeihen strebte (Instr./Part.Desid.)

paryuṣita eigentlich 'über Nacht stehen gelassen, abgestanden'; Sinn hier vermutlich 'unbewirtet warten gelassen'.

devārthaṃ pitṛyajñārtham annaṃ śraddhākṛtaṃ mayā; na dattam arthakāmena deyam annaṃ punāti ha

Die für die Götter und für das Ahnenopfer [bestimmte], im Glauben bereitete Speise wurde von mir aus Gewinnsucht nicht gegeben; [dabei] reinigt Speise, die man geben soll, fürwahr.

Wort für Wort
devārthaṃ pitṛyajñārtham
für die Götter, für das Ahnenopfer bestimmt (Akk.n.)
annaṃ śraddhākṛtaṃ mayā
die Speise, im Glauben bereitet, von mir (Nom./Instr.)
na dattam arthakāmena
nicht gegeben von einem Gewinnsüchtigen (Part./Instr.)
deyam annaṃ punāti ha
zu gebende Speise reinigt fürwahr (Gerundiv/3.Sg.Präs.)

śraddhākṛtam kann auch 'als Śrāddha-Gabe hergerichtet' bedeuten.

guptaṃ śaraṇam āśritya bhayeṣu śaraṇāgatāḥ; akasmān no bhayāt tyaktā na ca trātābhayaiṣiṇaḥ

In sicherem Versteck Zuflucht genommen habend, wurden von mir in Gefahren die Schutzsuchenden unversehens aus Furcht im Stich gelassen, und die nach Furchtlosigkeit Trachtenden wurden nicht gerettet.

Wort für Wort
guptaṃ śaraṇam āśritya
in ein geschütztes Versteck geflüchtet (Akk./Abs.)
bhayeṣu śaraṇāgatāḥ
in Gefahren die Schutzsuchenden (Lok.Pl./Nom.Pl.)
akasmān no bhayāt tyaktā
unversehens von mir aus Furcht verlassen (Abl./Instr.[no]/Abl./Part.Pass.)
na ca trātābhayaiṣiṇaḥ
und nicht gerettet, nach Furchtlosigkeit Strebende (Part.Pass./Nom.Pl.)

no = nas, hier als Instr. 'von mir' gefasst.

tyaktvākasmān niśāyāṃ ca na dattam abhayaṃ mayā

[Sie] unversehens und in der Nacht verlassend, gab ich keine Furchtlosigkeit [Schutz].

Wort für Wort
tyaktvākasmān
verlassen habend, unversehens (Abs./Adv.)
niśāyāṃ ca
und in der Nacht (Lok.)
na dattam abhayaṃ mayā
nicht gegeben wurde Schutz von mir (Part.Pass./Nom./Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (Sternstelle).

dhanaṃ dhānyaṃ priyān dārān yānaṃ vāsas tathādbhutam; śriyaṃ dṛṣṭvā manuṣyāṇām asūyāmi nirarthakam

Reichtum, Getreide, liebe Frauen, Fahrzeug, Kleidung, ebenso Wunderbares – sah ich das Wohlergehen von Menschen, so war ich grundlos missgünstig.

Wort für Wort
dhanaṃ dhānyaṃ
Reichtum, Getreide (Akk.)
priyān dārān
liebe Ehefrauen (Akk.Pl.)
yānaṃ vāsas tathādbhutam
Fahrzeug, Gewand, ebenso Wunderbares (Akk.)
śriyaṃ dṛṣṭvā manuṣyāṇām
das Wohlergehen der Menschen gesehen habend (Akk./Abs./Gen.Pl.)
asūyāmi nirarthakam
ich war missgünstig, grundlos (1.Sg.Präs./Adv.)

asūyāmi Präsens im Sinne der Erzählung vergangener Handlung (historisches Präsens).

īrṣyuḥ parasukhaṃ dṛṣṭvā ātatāyy abubhūṣakaḥ; trivargahantā cānyeṣām ātmakāmānuvartakaḥ

Neidisch, wenn ich das Glück anderer sah, ein Gewalttäter, nicht auf [fremdes] Gedeihen bedacht, Zerstörer der Lebensziele der anderen [Dharma, Artha, Kāma], nur meinen eigenen Wünschen folgend.

Wort für Wort
īrṣyuḥ parasukhaṃ dṛṣṭvā
neidisch, fremdes Glück gesehen habend (Nom./Akk./Abs.)
ātatāyy
ein Gewalttäter (Nom.)
abubhūṣakaḥ
nicht Gedeihen wünschend (Nom.)
trivargahantā cānyeṣām
und Zerstörer des Dreiklangs [der Lebensziele] anderer (Nom./Gen.Pl.)
ātmakāmānuvartakaḥ
den eigenen Wünschen folgend (Nom.)

nṛśaṃsaguṇabhūyiṣṭhaṃ purā karma kṛtaṃ mayā

Reich an Eigenschaften der Grausamkeit war die Tat, die ich einst vollbracht habe.

Wort für Wort
nṛśaṃsaguṇabhūyiṣṭhaṃ
überreich an grausamen Eigenschaften (Akk.n.)
purā karma
einst die Tat (Adv./Akk.)
kṛtaṃ mayā
getan von mir (Part.Pass./Instr.)

tenaiṣā kṛmitā prāptā bhayasya jananī sadā

Deshalb ist mir diese Wurmgeburt zuteilgeworden, [die] stets Mutter der Furcht [ist].

Wort für Wort
tenaiṣā kṛmitā prāptā
deshalb ist diese Wurmexistenz erlangt (Instr./Nom.f./Part.Pass.)
bhayasya jananī sadā
Mutter der Furcht, stets (Gen./Nom.f./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternstelle); kṛmitā = Zustand des Wurmseins.

smṛtvā tad anutapye 'haṃ tyaktvā priyam ivātmajam

Wenn ich mich daran erinnere, bereue ich es, [wie einer], der ein geliebtes Kind verlassen hat.

Wort für Wort
smṛtvā tad
daran erinnert habend (Abs./Akk.)
anutapye 'haṃ
ich bereue (1.Sg.Präs.Med.)
tyaktvā priyam ivātmajam
als hätte ich ein liebes Kind verlassen (Abs./Akk.)

Der Vergleich ('wie ein verlassenes liebes Kind') ist syntaktisch knapp; sinngemäß wiedergegeben.

śubhānām api jānāmi kṛtānāṃ karmaṇāṃ phalam; mātā ca pūjitā vṛddhā brāhmaṇaś cārcito mayā

Auch von den guten Taten, die ich getan habe, kenne ich die Frucht: Die Mutter, die alte, wurde von mir geehrt, und ein Brahmane wurde von mir verehrt.

Wort für Wort
śubhānām api jānāmi
auch von den guten kenne ich (Gen.Pl./1.Sg.Präs.)
kṛtānāṃ karmaṇāṃ phalam
die Frucht der getanen Taten (Gen.Pl./Akk.)
mātā ca pūjitā vṛddhā
und die Mutter wurde geehrt, die alte (Nom.f./Part.Pass.)
brāhmaṇaś cārcito mayā
und ein Brahmane wurde von mir verehrt (Nom./Part.Pass./Instr.)

sakṛj jātiguṇopetaḥ saṃgatyā gṛham āgataḥ; atithiḥ pūjito brahmaṃs tena māṃ nājahāt smṛtiḥ

Einst kam ein mit den Vorzügen [hoher] Geburt ausgestatteter [Brahmane] durch Zufall in mein Haus; der Gast wurde geehrt, Brahmane. Darum hat mich die Erinnerung nicht verlassen.

Wort für Wort
sakṛj jātiguṇopetaḥ
einmal, mit den Vorzügen der Geburt ausgestattet (Adv./Nom.)
saṃgatyā gṛham āgataḥ
durch Zufall ins Haus gekommen (Instr./Akk./Part.Perf.)
atithiḥ pūjito brahman
der Gast wurde geehrt, Brahmane (Nom./Part.Pass./Vok.)
tena māṃ nājahāt smṛtiḥ
deshalb verließ mich die Erinnerung nicht (3.Sg.Impf./Nom.)

karmaṇā tena caivāhaṃ sukhāśām iha lakṣaye; tac chrotum aham icchāmi tvattaḥ śreyas tapodhana

Und durch diese Tat erblicke ich hier eine Hoffnung auf Glück. Das Bessere will ich von dir hören, du an Askese Reicher.“

Wort für Wort
karmaṇā tena caivāhaṃ
und durch diese Tat ich (Instr./Nom.)
sukhāśām iha lakṣaye
die Hoffnung auf Glück hier nehme ich wahr (Akk./1.Sg.Präs.)
tac chrotum aham icchāmi
das zu hören wünsche ich (Inf./1.Sg.Präs.)
tvattaḥ śreyas
von dir das Bessere (Abl./Akk.)
tapodhana
du, dessen Reichtum die Askese ist (Vok.)

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