Kapitel 118: kīṭavyāsasaṃvāda
Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Los der Gefallenen; Vyāsa und der Wurm
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Schicksal der Gefallenen erzählt Bhīṣma das Gespräch Vyāsas mit einem Wurm, der sich an sein früheres Leben als reicher, geiziger Śūdra erinnert.
yudhiṣṭhira uvāca; akāmāś ca sakāmāś ca hatā ye 'smin mahāhave; kāṃ yoniṃ pratipannās te tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die ungewollt und die gewollt in dieser großen Schlacht Gefallenen – in welchen Mutterschoß [welche Daseinsform] sind sie eingegangen? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
akāmāś ca sakāmāś ca
die Willenlosen und die Wollenden (Nom.Pl.)
hatā ye 'smin mahāhave
die in dieser großen Schlacht Erschlagenen (Nom.Pl./Lok.)
kāṃ yoniṃ pratipannās te
in welchen Mutterschoß sind sie gelangt (Akk.Sg./Part.Perf.Pass.)
„Leid ist für Männer das Aufgeben des Lebens in der großen Schlacht; ich kenne die Wahrheit, Kenner des Dharma: Das Aufgeben des Lebenshauchs ist überaus schwer.“
Bhīṣma sprach: „Ob in Wohlstand oder in Nichtwohlstand, in Gutem oder auch in Schlechtem – in diesem Kreislauf [Saṃsāra] sind die Lebewesen geboren, Herr der Erde.
Er, der den Weg [die Bestimmung] aller Wesen kannte und die Laute der Verkörperten verstand, der Allwissende, blickte ringsum, sah den Wurm und sprach [zu ihm] das Wort.
Wort für Wort
gatijñaḥ sarvabhūtānāṃ
Kenner des Ganges/Schicksals aller Wesen (Nom./Gen.Pl.)
rutajñaś ca śarīriṇām
und Kenner der Laute der Verkörperten (Nom./Gen.Pl.)
kīṭa uvāca; śakaṭasyāsya mahato ghoṣaṃ śrutvā bhayaṃ mama; āgataṃ vai mahābuddhe svana eṣa hi dāruṇaḥ; śrūyate na sa māṃ hanyād iti tasmād apākrame
Der Wurm sprach: „Als ich das Dröhnen dieses großen Wagens hörte, kam mir Furcht, du Hochweiser; denn dieses Geräusch ist schrecklich. Es wird gehört [mit dem Gedanken]: ‚Möge er mich nicht töten‘ – deshalb weiche ich zurück.“
Wort für Wort
kīṭa uvāca
der Wurm sprach (Perf.)
śakaṭasyāsya mahato ghoṣaṃ śrutvā
das Dröhnen dieses großen Wagens gehört habend (Gen./Akk./Abs.)
bhayaṃ mama āgataṃ vai
Furcht ist mir gekommen (Nom./Part.Perf.)
mahābuddhe
du Hochweiser (Vok.)
svana eṣa hi dāruṇaḥ śrūyate
denn dieses Geräusch ist schrecklich und wird gehört (Pass.Präs.)
na sa māṃ hanyād iti tasmād apākrame
„er möge mich nicht töten“ – deshalb weiche ich aus (Opt./1.Sg.Präs.Med.)
śvasatāṃ ca śṛṇomy evaṃ goputrāṇāṃ pracodyatām; vahatāṃ sumahābhāraṃ saṃnikarṣe svanaṃ prabho; nṛṇāṃ ca saṃvāhayatāṃ śrūyate vividhaḥ svanaḥ
Auch höre ich das Schnauben der angetriebenen Rinder, das Geräusch derer, die eine sehr große Last ziehen, in der Nähe, Herr; und von den Menschen, die [sie] antreiben, hört man vielfältigen Lärm.
Wort für Wort
śvasatāṃ ca śṛṇomy evaṃ
und ich höre so das Schnaufen der Keuchenden (Gen.Pl./1.Sg.Präs.)
goputrāṇāṃ pracodyatām
der Rinder, die angetrieben werden (Gen.Pl./Part.Kaus.Pass.)
vahatāṃ sumahābhāraṃ
derer, die eine sehr große Last ziehen (Gen.Pl./Akk.)
saṃnikarṣe svanaṃ prabho
in der Nähe das Geräusch, Herr (Lok./Akk./Vok.)
nṛṇāṃ ca saṃvāhayatāṃ
und der Männer, die [sie] lenken (Gen.Pl./Part.Kaus.)
śrūyate vividhaḥ svanaḥ
es wird vielfältiges Getöse gehört (Pass.Präs.)
goputrāṇām wörtlich 'Kuhsöhne', d. h. Rinder/Ochsen.
duḥkhaṃ hi mṛtyur bhūtānāṃ jīvitaṃ ca sudurlabham; ato bhītaḥ palāyāmi gaccheyaṃ nāsukhaṃ sukhāt
Denn Leid ist der Tod für die Wesen, und das Leben ist sehr schwer zu erlangen; darum fliehe ich aus Furcht: Möge ich nicht vom Glück ins Unglück gehen.“
Wort für Wort
duḥkhaṃ hi mṛtyur bhūtānāṃ
denn Leid ist der Tod für die Wesen (Nom./Gen.Pl.)
jīvitaṃ ca sudurlabham
und das Leben ist sehr schwer zu erlangen (Nom.Sg.n.)
ato bhītaḥ palāyāmi
darum fliehe ich furchtsam (Part./1.Sg.Präs.)
gaccheyaṃ nāsukhaṃ sukhāt
möge ich nicht vom Glück in Unglück gehen (Opt.1.Sg./Akk./Abl.)
bhīṣma uvāca; ity uktaḥ sa tu taṃ prāha kutaḥ kīṭa sukhaṃ tava; maraṇaṃ te sukhaṃ manye tiryagyonau hi vartase
Bhīṣma sprach: „So angesprochen, sagte jener zu ihm: ‚Woher, Wurm, hast du Glück? Den Tod halte ich für dein Glück, denn du lebst in einem tierischen Mutterschoß.‘
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
ity uktaḥ sa tu taṃ prāha
so angesprochen sagte er zu ihm (Part.Perf.Pass./3.Sg.Perf.)
kutaḥ kīṭa sukhaṃ tava
woher, Wurm, Glück für dich (Vok./Nom./Gen.)
maraṇaṃ te sukhaṃ manye
den Tod halte ich für dein Glück (Nom./1.Sg.Präs.)
tiryagyonau hi vartase
denn im tierischen Mutterschoß lebst du (Lok./2.Sg.Präs.)
Der Wurm sprach: „Überall ist das Lebewesen [an sein Dasein] hingegeben; so ist auch hier Glück mein. Ich nehme es wahr, du großer Weiser; darum will ich leben.“
Wort für Wort
kīṭa uvāca
der Wurm sprach (Perf.)
sarvatra nirato jīva
überall hingegeben ist das Lebewesen (Nom.Sg.)
itīhāpi sukhaṃ mama
so auch hier ist Glück mein (Nom./Gen.)
cetayāmi mahāprājña
ich nehme wahr, du Hochweiser (1.Sg.Präs./Vok.)
tasmād icchāmi jīvitum
darum will ich leben (1.Sg.Präs./Inf.)
jīva hier als Nom. 'das Lebewesen/die Seele' gefasst; alternativ Imperativ 'lebe'? – Text ohne Zusatzannahme als Nominativ gelesen.
Scharf in der Rede, betrugskundig, Dieb an allem in jeder Hinsicht; Zwietracht stiftend [?], Anvertrautes unterschlagend [?], am Wegnehmen fremden Besitzes sich erfreuend.
Auch Diener und Gäste ließ ich im Haus über Nacht [unversorgt] warten [?] – aus Missgunst, nach Leckerem gierig, grausam, auf eigenes Gedeihen bedacht.
Wort für Wort
bhṛtyātithijanaś cāpi
und auch die Leute – Diener und Gäste (Nom.Sg.)
gṛhe paryuṣito mayā
im Haus über Nacht gelassen von mir (Lok./Part.Pass./Instr.)
mātsaryāt svādukāmena
aus Missgunst, von Leckerem begierig (Abl./Instr.)
nṛśaṃsena bubhūṣatā
von einem Grausamen, der nach Gedeihen strebte (Instr./Part.Desid.)
paryuṣita eigentlich 'über Nacht stehen gelassen, abgestanden'; Sinn hier vermutlich 'unbewirtet warten gelassen'.
devārthaṃ pitṛyajñārtham annaṃ śraddhākṛtaṃ mayā; na dattam arthakāmena deyam annaṃ punāti ha
Die für die Götter und für das Ahnenopfer [bestimmte], im Glauben bereitete Speise wurde von mir aus Gewinnsucht nicht gegeben; [dabei] reinigt Speise, die man geben soll, fürwahr.
Wort für Wort
devārthaṃ pitṛyajñārtham
für die Götter, für das Ahnenopfer bestimmt (Akk.n.)
annaṃ śraddhākṛtaṃ mayā
die Speise, im Glauben bereitet, von mir (Nom./Instr.)
na dattam arthakāmena
nicht gegeben von einem Gewinnsüchtigen (Part./Instr.)
deyam annaṃ punāti ha
zu gebende Speise reinigt fürwahr (Gerundiv/3.Sg.Präs.)
śraddhākṛtam kann auch 'als Śrāddha-Gabe hergerichtet' bedeuten.
guptaṃ śaraṇam āśritya bhayeṣu śaraṇāgatāḥ; akasmān no bhayāt tyaktā na ca trātābhayaiṣiṇaḥ
In sicherem Versteck Zuflucht genommen habend, wurden von mir in Gefahren die Schutzsuchenden unversehens aus Furcht im Stich gelassen, und die nach Furchtlosigkeit Trachtenden wurden nicht gerettet.
Wort für Wort
guptaṃ śaraṇam āśritya
in ein geschütztes Versteck geflüchtet (Akk./Abs.)
bhayeṣu śaraṇāgatāḥ
in Gefahren die Schutzsuchenden (Lok.Pl./Nom.Pl.)
akasmān no bhayāt tyaktā
unversehens von mir aus Furcht verlassen (Abl./Instr.[no]/Abl./Part.Pass.)
na ca trātābhayaiṣiṇaḥ
und nicht gerettet, nach Furchtlosigkeit Strebende (Part.Pass./Nom.Pl.)
Neidisch, wenn ich das Glück anderer sah, ein Gewalttäter, nicht auf [fremdes] Gedeihen bedacht, Zerstörer der Lebensziele der anderen [Dharma, Artha, Kāma], nur meinen eigenen Wünschen folgend.
śubhānām api jānāmi kṛtānāṃ karmaṇāṃ phalam; mātā ca pūjitā vṛddhā brāhmaṇaś cārcito mayā
Auch von den guten Taten, die ich getan habe, kenne ich die Frucht: Die Mutter, die alte, wurde von mir geehrt, und ein Brahmane wurde von mir verehrt.
Wort für Wort
śubhānām api jānāmi
auch von den guten kenne ich (Gen.Pl./1.Sg.Präs.)
kṛtānāṃ karmaṇāṃ phalam
die Frucht der getanen Taten (Gen.Pl./Akk.)
mātā ca pūjitā vṛddhā
und die Mutter wurde geehrt, die alte (Nom.f./Part.Pass.)
brāhmaṇaś cārcito mayā
und ein Brahmane wurde von mir verehrt (Nom./Part.Pass./Instr.)
Einst kam ein mit den Vorzügen [hoher] Geburt ausgestatteter [Brahmane] durch Zufall in mein Haus; der Gast wurde geehrt, Brahmane. Darum hat mich die Erinnerung nicht verlassen.
Wort für Wort
sakṛj jātiguṇopetaḥ
einmal, mit den Vorzügen der Geburt ausgestattet (Adv./Nom.)
saṃgatyā gṛham āgataḥ
durch Zufall ins Haus gekommen (Instr./Akk./Part.Perf.)
atithiḥ pūjito brahman
der Gast wurde geehrt, Brahmane (Nom./Part.Pass./Vok.)
tena māṃ nājahāt smṛtiḥ
deshalb verließ mich die Erinnerung nicht (3.Sg.Impf./Nom.)